Sämtliche Werke 18

Part 4

Chapter 43,633 wordsPublic domain

Ich entsinne mich noch, wie ich zum erstenmal ein Almosen erhielt. Es war bald nach meiner Ankunft im Ostrogg. Ich kehrte von der Morgenarbeit ganz allein mit einem Soldaten unserer Wache zurück und da begegneten mir unterwegs eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter, einem etwa zehnjährigen Mädchen, das wie ein Engel reizend war. Ich hatte beide schon einmal gesehen. Die Mutter war eine Soldatenwitwe. Ihr Mann, ein junger Soldat, war während seiner Untersuchungshaft im Lazarett gestorben, als auch ich dort in der Gefangenenabteilung lag. Die Frau und sein Töchterchen waren zum Abschied hingekommen, und beide hatten sie herzbrechend geweint. Als nun die Kleine mich erblickte, errötete sie und flüsterte der Mutter schnell etwas zu; die blieb sogleich stehen, suchte ihr Schnupftuch hervor, löste den Knoten und gab der Kleinen eine Viertelkopeke, die mir sogleich damit nachgelaufen kam: „Da, Unglücklicher, nimm um Christi willen dies Kopekchen!“ sagte sie, indem sie mir gerade vor die Füße lief und sich bemühte, mir die kleine Münze in die Hand zu drücken. Ich nahm ihr „Kopekchen“ und die Kleine kehrte vollauf befriedigt zu ihrer Mutter zurück. Ich habe lange die kleine Münze aufbewahrt.

II.

Die ersten Eindrücke

Der erste Monat und überhaupt die erste Zeit meines Aufenthaltes im Ostrogg stehen selbst jetzt noch wie lebendig vor mir. Alle meine späteren Gefängnisjahre sind mir viel verschwommener, ungenauer in der Erinnerung geblieben. Einiger von ihnen kann ich mich fast gar nicht mehr erinnern, sie haben sich gleichsam mit den anderen vermischt, als wären sie ineinander geflossen, und alles, was mir von ihnen in der Erinnerung geblieben, ist nur eine einzige große Empfindung: die der Schwere, Einförmigkeit, Bedrücktheit.

Aber alles, was ich in den ersten Tagen meiner Kátorga durchlebt habe, ist mir, als wäre es gestern gewesen. Und das ist ja auch ganz verständlich.

Ich erinnere mich deutlich, daß mich schon beim ersten Schritt in dieses Leben vor allem Eines stutzig machte: daß ich, wie es mir schien, nichts besonders Auffallendes, Ungewöhnliches, oder richtiger, Unerwartetes in ihm fand. Ich glaubte alles auch schon früher in der Phantasie so gesehen zu haben, als ich noch auf dem Wege nach Sibirien mein Schicksal im voraus zu erraten suchte. Doch das änderte sich bald: eine Unmenge der allerunerwartetsten Seltsamkeiten, der ungeheuerlichsten Tatsachen machte mich bald bei jedem Schritt von neuem stutzig. Die ganze Eigenart aber, dies ganze Ungeahnte eines solchen Lebens, ging mir erst viel, viel später in seiner vollständigen Neuheit auf, nachdem ich schon lange im Ostrogg gelebt hatte, und dann wunderte ich mich immer mehr darüber. Ich muß gestehen, diese Verwunderung hat mich während der ganzen langen Zeit meiner Verbannung nicht verlassen, ich konnte mich niemals von ihr befreien.

Mein erster Eindruck, nachdem ich den Ostrogg betreten hatte, war im allgemeinen der des Ekels; aber nichtsdestoweniger schien es mir – so seltsam es auch klingen mag –, daß das Leben im Ostrogg viel leichter sei, als ich es mir unterwegs vorgestellt hatte. Die Sträflinge gingen – allerdings in Ketten – frei im ganzen Ostrogg umher, schimpften sich untereinander, sangen Lieder, arbeiteten für sich, rauchten Pfeifen, tranken sogar Branntwein (wenn auch nur verhältnismäßig wenige) und in der Nacht wurde Karten gespielt. Die Arbeit selbst erschien mir durchaus nicht so schwer, durchaus nicht so „sibirisch“, und erst nach ziemlich langer Zeit erriet ich, daß das „Sibirische“ dieser Arbeit nicht so sehr in ihrer Schwere und ununterbrochenen Dauer bestand, als vielmehr darin, daß sie „Zwangs“-Arbeit, befohlene Arbeit, eisernes Muß unter dem Stock war. Ein Bauer arbeitet zu Hause auf dem Felde oder sonstwo unvergleichlich mehr, im Sommer zuweilen sogar noch in der Nacht; aber er arbeitet für sich, er arbeitet zu einem vernünftigen Zweck, und die schwere Arbeit ist ihm unvergleichlich leichter, als dem Zwangsarbeiter die viel geringere, doch erzwungene und für ihn völlig nutzlose Arbeit. Es kam mir einmal folgender Gedanke: wollte man einen Menschen mittels einer Strafe vollständig erdrücken, ihn völlig vernichten, ihm eine so grauenvolle Strafe auferlegen, daß selbst der ruchloseste Mörder vor ihr erbebte und sich im voraus abschrecken ließe, so würde es genügen, seiner Zwangsarbeit den Charakter einer vollkommenen Nutzlosigkeit und Sinnlosigkeit zu geben. Wenn die sonst übliche Zwangsarbeit für den Sträfling auch uninteressant und langweilig ist, so hat sie doch immerhin als Arbeit einen Sinn: der Sträfling muß Ziegel brennen, Erde graben, Maurerarbeit machen, bauen; eine solche Arbeit hat, wie gesagt, Sinn und Zweck. Der Zwangsarbeiter läßt sich zuweilen sogar von ihr fortreißen, er will sie gewandter, fixer, besser verrichten. Würde man ihn dagegen anstellen, zum Beispiel Wasser aus einem Kübel in einen anderen zu gießen, und dann wieder zurück in den ersten, oder Sand zu stoßen, einen Haufen Erde von einem Platz auf einen anderen, und von dort wieder zurückzukarren, – ich glaube, der Sträfling würde sich schon nach wenigen Tagen erwürgen oder tausend Verbrechen begehen, um, wenn nicht anders, lieber zu sterben, als in dieser Erniedrigung, Schande und Qual weiterzuleben. Versteht sich, eine solche Strafe würde zur Folter, zur grauenvollsten Rache werden und wäre sinnlos, denn sie würde kein einziges vernünftiges Ziel erreichen. Da aber ein Teil einer solchen Folter, einer solchen Sinnlosigkeit, Erniedrigung und Schmach unbedingt in jeder erzwungenen Arbeit enthalten ist, so ist auch die sibirische Zwangsarbeit gerade dadurch, daß sie erzwungen ist, unvergleichlich schwerer als jede freiwillige.

Ich kam übrigens im Winter in den Ostrogg, im Dezember, und sah und wußte daher noch nichts von der Sommerarbeit, die fünfmal schwerer ist. Im Winter jedoch gab es in unserer Festung nur wenig Arbeit. Die Sträflinge gingen an das Ufer des Irtysch, um dort alte Barken, die Staatseigentum waren, abzubrechen, arbeiteten in den Werkstätten, schaufelten in der Stadt vor allen Staatsgebäuden den Schnee fort, der von den Stürmen immer wieder aufgeweht wurde, brannten und stießen Alabaster und taten ähnliches mehr.

Der Wintertag war sehr kurz, die Arbeit schnell zu Ende, und so kehrten denn die Sträflinge schon früh in den Ostrogg zurück, wo sie so gut wie nichts zu tun hatten, wenn sie nicht zufällig für sich selbst etwas arbeiten wollten. Doch mit eigener Arbeit beschäftigte sich vielleicht nur ein Drittel aller Gefangenen; die übrigen schlugen die freie Zeit mit Müßiggang tot, schlenderten aus einer Kaserne in die andere, schimpften, stritten, spannen Intrigen, verbreiteten Klatschgeschichten und betranken sich, wenn sie nur irgendwie ein paar Kopeken ergattert hatten; in der Nacht verspielten sie noch ihr letztes Hemd, – und das alles nur aus Langeweile, aus Müßiggang und dem bevorzugten Nichtstun!

Mit der Zeit begriff ich, daß es außer dem Verlust der Freiheit, außer der Zwangsarbeit im Leben des Sträflings noch eine Qual gibt, die fast größer ist, als alle anderen: das ist das _erzwungene allgemeine Zusammenleben_. Allgemeines Zusammenleben gibt es natürlich auch an anderen Orten, in den Ostrogg aber kommen Menschen, mit denen sich nicht ein jeder gern einleben will, und ich bin überzeugt, daß jeder Sträfling diese Qual mehr oder weniger empfunden hat, wenn auch, versteht sich, größtenteils nur unbewußt.

Auch das Essen erschien mir recht reichlich bemessen. Viele versicherten, daß es in den Gefängnissen des europäischen Rußland schlechter sei. Darüber kann ich nicht urteilen: ich bin nicht in ihnen gewesen. Zudem konnten es sich viele leisten, besonderes Essen für sich zu bestellen. Rindfleisch kostete bei uns zwei Kopeken das Pfund, im Sommer drei Kopeken. Trotzdem aßen nur die wenigen, die beständig Geld besaßen, eigenes Essen; die große Mehrzahl begnügte sich mit der Staatskost. Übrigens meinten die Sträflinge, wenn sie ihre Kost lobten, damit nur das Brot und vornehmlich segneten sie den einen Vorzug desselben: daß es uns gemeinsam und nicht pfundweis jedem einzelnen zugeteilt wurde, denn das wäre für sie wahrhaft grauenvoll gewesen. Bei einer Verteilung nach dem Gewicht hätte sich mindestens ein Drittel nicht satt essen können, während es so für alle ausreichte.

Unser Brot war in der Tat ganz besonders schmackhaft und als solches in der ganzen Stadt berühmt. Man schrieb diesen Vorzug dem gelungenen Bau unserer Backöfen zu. Die Kohlsuppe war dagegen sehr mangelhaft. Sie wurde in einem großen Kessel gekocht, mit etwas Graupen versehen, und so war sie, besonders an den Werktagen, wässerig und mager. Mich entsetzte an ihr die große Menge Schaben, die alle ruhig mitgekocht wurden. Die übrigen Sträflinge schenkten ihnen aber überhaupt keine Beachtung.

Die ersten drei Tage wurde ich noch nicht mit den anderen zur Arbeit geschickt; so verfuhr man mit jedem Neuangekommenen: man ließ ihn nach der Reise sich etwas ausruhen. Doch schon am nächsten Tage war ich gezwungen, auf kurze Zeit den Ostrogg zu verlassen, da mir andere Fesseln angeschmiedet werden mußten. Meine Fesseln waren noch nicht die vorschriftsmäßigem sondern aus Ringen bestehende, „Hellklingende“, wie die Gefangenen sie nannten. Die hatte ich über den Kleidern getragen. Die vorschriftsmäßigen Ostroggfesseln, die auch bei der Arbeit nicht hinderlich waren, bestanden nicht aus Ringen, sondern aus vier etwa fingerdicken eisernen Stäben, die durch drei eiserne Ringe miteinander verbunden waren. Diese trug man unter den Beinkleidern. An den mittleren Ring war ein Riemen befestigt, der seinerseits an den Gürtelriemen, den man direkt über dem Hemde tragen mußte, angebracht wurde.

Ich entsinne mich noch deutlich meines ersten Morgens in der Kaserne.

Die Wache vor dem Tore des Ostrogg hatte schon die Trommel geschlagen. Nach ungefähr zehn Minuten kam der wachhabende Unteroffizier und schloß die Türen auf. Wir waren inzwischen schon aufgewacht. Beim glanzlosen Schein eines armseligen Talglichts erhoben sich, zitternd vor Kälte, die Arrestanten von ihren Pritschen. Fast alle waren in der Verschlafenheit schweigsam und mürrisch. Sie gähnten, streckten ihre Glieder und runzelten die gebrandmarkten Stirnen. Einige bekreuzten sich, andere fingen schon an, sich zu streiten. Die Luft war zum Ersticken. Sobald nur die Tür aufgemacht wurde, drang die frische Winterluft wie Dampfwolken herein und verbreitete sich in der Kaserne. An den Wassereimern drängten sich die Sträflinge: sie nahmen der Reihe nach die Schöpfkelle, schöpften Wasser aus den Eimern, nahmen das Wasser in den Mund und wuschen sich Gesicht und Hände mit dem aus dem Munde fließenden Wasser. Die Eimer werden schon am Abend von dem zum „Stubendienst“ bestimmten Sträfling bereitgestellt. In jeder Kaserne gab es einen, der von den anderen zum Stubendienst gewählt war. Er wurde der Reiniger genannt und ging nicht zur Arbeit. Seine Arbeit bestand darin, daß er die Kaserne an jedem Morgen aufräumte und überhaupt für ihre Reinlichkeit sorgte, daß er die Pritschen und den Fußboden scheuerte und abschabte, daß er den Nachtkübel hinaustrug und das Wasser besorgte, zwei Eimer voll – morgens zum Waschen und am Tage zum Trinken. Wegen der Schöpfkelle, wovon wir nur ein Exemplar besaßen, kam es bald zum Streit.

„Wohin kraufst du mit deiner verzierten Fratze!“ brummte mürrisch ein hochgewachsener, hagerer Sträfling von dunkler Gesichtsfarbe, dessen abrasierter Schädel ganz eigentümliche Wölbungen aufwies, einen anderen Sträfling an, der etwas untersetzt und wohlgenährt war und ein heiteres, frisches Gesicht hatte. – „Wart!“

„Was schreist du! Für ‚Wart‘ zahlt man Geld bei uns ... Pack dich lieber selber ... Seht doch, reckt sich hier aus wie ’n Monument! Das heißt, Brüder, deswegen ist er noch lange keins, es ist ja an ihm noch nichts Verstümmeltes zu sehen.“

Die letzte Bemerkung machte einen gewissen Eindruck: viele lachten. Das aber war alles, was der lustige Dicke haben wollte, da er in der Kaserne augenscheinlich so etwas wie ein freiwilliger Possenreißer war. Der hochgewachsene Sträfling blickte ihn mit tiefer Verachtung von oben herab an.

„Sau!“ sagte er gleichsam nur so vor sich hin, – „hat sich am Ostroggbrot so vollgefressen, daß man von ihm zum ersten Fleischtag nach den Fasten zwölf Ferkel erwarten kann.“

Der Dicke wurde wütend.

„Was bist du denn für ein Vogel?“ schrie er plötzlich, puterrot im Gesicht.

„Das ist’s ja, daß ich ’n Vogel bin!“

„Was für einer denn?“

„Solch einer.“

„Was für solch einer?“

„Das ist schon so ’n Wort: solch einer.“

„Aber so sag doch, was für einer?“

Beide sahen sich an, als wollten sie sich mit ihren Blicken ineinander einhaken. Der Dicke wartete gespannt auf die Antwort und ballte die Fäuste, wie wenn er sich sofort auf den anderen zu stürzen beabsichtigte. Ich war überzeugt, daß es zu einer Rauferei kommen würde. Neugierig beobachtete ich sie, denn alles, was ich hier sah, war mir noch so neu. Später erfuhr ich, daß alle derartigen Szenen ganz harmlos waren und nur zur allgemeinen Unterhaltung und zum Ergötzen der anderen vorgespielt und friedlich wieder beigelegt wurden – ganz wie in der Komödie. Bis zum Handgemenge kam es fast nie. Das war ziemlich charakteristisch und bezeichnend für die Sitten und Bräuche des Ostrogg.

Der hochgewachsene Sträfling stand ruhig und stolz da: er wußte, daß alle auf ihn sahen und warteten, ob er sich mit seiner Antwort blamieren würde oder nicht. Er mußte seine Stellung behaupten, mußte beweisen, daß er tatsächlich ein Vogel war, und mußte sagen, was für ein Vogel. Mit unbeschreiblicher Verachtung blickte er über die Schulter auf seinen Gegner, bemüht, zur größeren Beleidigung möglichst schräg, möglichst von oben herab zu sehen, indem er ihn wie einen Käfer unter der Lupe fixierte, und dann erst sagte er ebenso langsam wie deutlich:

„Ein Reiher!“

Das hieß, er selbst sei ein Reiher. Eine laute Lachsalve war die Antwort auf die Findigkeit des Sträflings.

„Ein Spitzbube bist du, aber kein Reiher!“ brüllte ihn der Dicke wutschnaubend an, da er fühlte, daß er in allen Punkten geschlagen war.

Doch kaum nahm der Streit eine gefährlichere Wendung, da wurden die Kampflustigen auch schon zur Ruhe gewiesen.

„Was schreit ihr da! Halt’s Maul!“ rief ihnen die ganze Kaserne zu.

„Haut euch doch lieber, als daß ihr da Zeter schreit!“ rief ihnen einer aus der Ecke zu.

„Halt du sie lieber fest, damit sie sich nicht hauen!“ war die Antwort der anderen. „Wir sind ein flinkes Volk, sind aber auch hitzig. Zu sieben werden wir uns nicht vor einem fürchten und einzeln auch nicht vor sieben ...“

„Sie sind beide gut! ... Der eine ist um ein Pfund Brot in den Ostrogg gekommen, und der andere, der O-beinige Weiberfreund, hat bei einem Weibe saure Milch gefressen und dafür sich die Knute erworben ...“

„Nu–nu–nun, jetzt könnt ihr aufhören!“ unterbrach sie unser Invalide, der zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der Kaserne lebte und in der Ecke auf einer besonderen Pritsche schlief.

„Wasser, Kinder! Unser Nevalid Petrowitsch ist erwacht! Wasser für Nevalid Petrowitsch, unseren leiblichen Bruder!“

„Bruder ... Was bin ich dir für ein Bruder? Haben noch keinen Rubel zusammen vertrunken, und schon Bruder!“ brummte der Invalide, indem er gemächlich die Arme in die Ärmel seines Uniformmantels schob und sich ankleidete.

Man bereitete sich zur Kontrolle vor; die Morgendämmerung nahm zu, es begann zu tagen. In der Küche drängte sich die ganze Schar, in Halbpelzen, auf dem Kopf die zweiteiligen Mützen, um das Brot, das von einem der Breiköche geschnitten wurde, in Empfang zu nehmen. Diese Breiköche wurden gleichfalls von der ganzen Abteilung gewählt, für jede Küche zwei. Von ihnen wurde auch das Küchenmesser aufbewahrt, das man zum Fleisch- und Brotschneiden nötig hatte, – das einzige Messer in der ganzen Küche.

In allen Ecken und an allen Tischen setzten sich die Sträflinge nieder, alle in Mützen, Halbpelzen, gegürtet und bereit zum Ausbruch zur Arbeit. Vor mehreren standen schon hölzerne Schüsseln mit Kwas[2], in die Brot hineingebröckelt und die dann ausgeschlürft wurde. Der Lärm und das Geschrei waren unerträglich; doch einige unterhielten sich ganz ruhig und vernünftig in den Ecken.

„Wohl bekomm’s, alter Antonytsch! – laß dich grüßen!“ sagte ein junger Sträfling zu einem mürrischen, zahnlosen Alten, und setzte sich neben ihn hin.

„Nu, schon gut, wenn du nicht spaßt,“ sagte jener, ohne auch nur den Blick zu erheben, und mühte sich, mit seinen zahnlosen Kiefern sein Brot zu zerkauen.

„Denk doch, Antonytsch, ich glaubte, daß du gestorben seiest, wahrhaftig!“

„Nein, stirb du zuerst, dann werd’ ich’s dir nachmachen ...“

Ich setzte mich neben sie hin. Rechts von mir unterhielten sich zwei ernste Männer, die augenscheinlich bestrebt waren, ihre Würde vor einander zu wahren.

„... Mir wird niemand etwas stehlen,“ sagte der eine, „ich, Bruder, ich muß mich selbst in acht nehmen, daß ich nicht anderen etwas stehle.“

„Nun, auch mich versuch nicht mit bloßer Hand zu nehmen: sieh dich vor, verbrennst dich.“

„Was kannst du denn hier verbrennen? Bist doch ebenso ein Zuchthäusler ... Sie nimmt dir alles ab und dankt dir nicht einmal dafür. So sind auch meine Kopeken dahingegangen. Vor kurzem kam sie noch von selbst. Aber wohin sollte ich mit ihr? Ich wollte schon den Henker Fedjka um Unterkunft bitten: er hatte doch noch in der Vorstadt ein Haus stehen, hatte es dem grindigen Salomon, dem Lausejuden, abgekauft, demselben, der sich dann später aufknüpfte ...“

„Ich weiß. Er verkaufte bei uns schon das dritte Jahr Branntwein und wurde Grischka, die dunkle Schenke, genannt. Ich weiß schon.“

„Da sieht man gleich, daß du nichts weißt! Das war doch eine andere dunkle Schenke!“

„Was für eine andere! Du willst immer allein alles wissen! Ich werde dir soviel Zeugen aufstellen ...“

„Wirst aufstellen! Wer bist du, und woher bin ich?“

„Wer! Dich habe ich schon geschlagen, prahle aber gar nicht damit. Du aber fragst noch wer!“

„Du und mich geschlagen! Wer mich schlagen wollte, ist noch nicht geboren und wer mich geschlagen hat, der liegt schon unter der Erde!“

„Daß dich die Pest! ...“

„Daß dich die sibirische Seuche fresse!“

„Daß dich ein Türkensäbel –!“

Und das Schimpfen hub an.

„Nununu! Was reißt ihr eure Mäuler!“ schrie man sie rundum an. „Habt ihr nicht verstanden, in Freiheit zu leben, so dankt Gott, daß man euch hier noch reines Brot gibt ...“

Bei jedem Wortwechsel sorgen die anderen dafür, daß es nicht zu Tätlichkeiten kommt. Schimpfen, mit der Zunge „prügeln“ – das wird erlaubt, das kann man nach Herzenslust, denn teilweise ist so etwas für alle eine kleine Zerstreuung. Bis zum Handgemenge aber ließen sie es nur selten kommen, und nur in einem Ausnahmefall konnten sich zwei Feinde raufen. Von jeder Rauferei muß dem Major Meldung gemacht werden; dann beginnen die Untersuchungen, der Major kommt selbst angefahren – mit einem Wort, das hat für alle sein Unangenehmes, und darum beugt man vor. Und auch die Feinde selbst schimpfen sich mehr der Zerstreuung halber, zur Ausbildung ihrer Redekunst. Nicht selten täuschen sie sich gegenseitig, geraten in furchtbare Hitze, ereifern sich entsetzlich ... man glaubt: jetzt werden sie sofort aufeinander losstürzen – fällt ihnen aber gar nicht ein: sie bringen es bis zu einem gewissen Höhepunkt und gehen dann plötzlich ganz ruhig auseinander. Das setzte mich anfangs nicht wenig in Erstaunen. Ich habe hier absichtlich die alleralltäglichsten Gespräche als Beispiele angeführt. Früher hätte ich es mir nie vorstellen können, daß man sich nur zum Vergnügen schimpfen, darin eine besondere Unterhaltung, eine angenehme Übung, kurz – etwas Angenehmes sehen könnte. Übrigens darf man hierbei auch nicht die Ruhmsucht vergessen. Der schimpfende Dialektiker genoß große Achtung und Bewunderung. Es fehlte nur noch, daß man ihm Beifall klatschte, wie einem guten Schauspieler.

Schon am ersten Abend fiel es mir auf, daß man scheel auf mich blickte. Ich hatte bereits mehrere finstere Blicke aufgefangen. Und andererseits hielten sich einige beständig in meiner Nähe auf, in der Vermutung, ich könne Geld mitgebracht haben. Nach kurzer Zeit suchten sie mir denn auch schon gewisse Dienste zu erweisen: sie zeigten mir, wie man die ungewohnten Fesseln am bequemsten trage, verschafften mir – selbstverständlich für mein Geld – einen kleinen verschließbaren Kasten, damit ich die mir ausgelieferten Kleidungsstücke und meine eigene Wäsche, die ich mitgebracht hatte, sicher unterbringen konnte. Doch schon am nächsten Tage hatten sie mir dieselbe gestohlen und vertrunken. Einer von ihnen wurde später mein ergebener Anhänger, doch hinderte ihn das durchaus nicht, mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu bestehlen. Er tat es ohne das geringste Bedenken, fast sogar unbewußt oder als wäre es geradezu seine Pflicht gewesen, und man konnte ihm unmöglich böse sein.

Unter anderem belehrten sie mich, daß ich meinen eigenen Tee haben müsse, daß es auch nicht schlecht wäre, wenn ich mir gleich eine ganze Teekanne verschaffte, stellten mir aber sogleich eine andere bis dahin als Ersatz zur Verfügung und empfahlen mir besonders den einen Koch, indem sie noch besonders hervorhoben, daß er mir für etwa dreißig Kopeken monatlich alles, was ich nur wollte, zubereiten würde, wenn ich nicht die Festungskost zu genießen und mir eigenes Essen zu kaufen wünschte ... Natürlich liehen sie sofort von mir Geld und ein jeder von ihnen kam allein schon am ersten Tage mindestens dreimal zu mir, um mich anzuborgen.

Auf die ehemaligen Edelleute sieht man in der Kátorga ganz allgemein nur scheel und nichts weniger als wohlwollend. Die Sträflinge erkennen sie, ungeachtet dessen, daß sie aller Rechte beraubt und den übrigen Gefangenen vollständig gleichgestellt sind, niemals als ihre Kameraden und Genossen an. Das geschieht aber von ihnen nicht aus bewußtem Vorurteil, sondern vollkommen aufrichtig, unbewußt. Der Grund hierfür mag wohl in einem bestimmten Gefühl liegen. Sie erkannten uns vollkommen aufrichtig als Edelleute an, verspotteten uns aber ganz gern mit unserem tiefen Fall.

„Nein, wart mal, jetzt hat sich die Sache verändert! Einstmals fuhr Peter stolz durch Moskau, heute dreht Peter kleinlaut das Schiffstau,“ und noch eine Menge ähnlicher Liebenswürdigkeiten gingen an unsere Adresse.

Mit Hochgenuß beobachteten sie unsere Qualen, wie sehr wir uns auch bemühten, sie zu verbergen. Die liebreichsten Bemerkungen bekamen wir in der ersten Zeit bei der Arbeit zu hören: sie wurden uns verabfolgt, weil wir nicht so stark waren wie sie und ihnen infolgedessen nicht genügend helfen konnten. Nichts ist schwerer, als das Zutrauen des Volkes – besonders noch eines solchen Volkes – und seine Liebe zu erringen.

Im Ostrogg gab es mehrere Edelleute. Zunächst fünf Polen. Von diesen werde ich späterhin noch ausführlicher sprechen. Polen wurden von den Sträflingen äußerst wenig geliebt, sie waren ihnen noch viel verhaßter, als die Sträflinge aus dem russischen Adelstande. Die Polen – ich spreche hier nur von den politischen Verbrechern – waren zu ihnen ganz besonders, geradezu raffiniert, beleidigend höflich, hielten sich möglichst fern von ihnen und konnten es auf keine Weise verbergen, daß die Sträflinge sie anekelten, was jene natürlich vorzüglich begriffen und wofür sie mit derselben Münze heimzahlten.

Ich mußte fast ganze zwei Jahre im Ostrogg leben, um mir die Sympathie einiger weniger Sträflinge zu erwerben. Doch zu guterletzt gewann mich ein großer Teil derselben lieb und hielt mich für einen „guten“ Menschen.