Part 5
Von russischen Edelleuten waren außer mir noch vier im Ostrogg. Einer von ihnen, ein niedriges, gemeines Geschöpf, war entsetzlich ausschweifend, ein geborener Spion und Hinterbringer. Ich hatte von ihm schon vor meinem Eintritt in den Ostrogg gehört und gab ihm daher denn auch bald zu verstehen, daß ich seine nähere Bekanntschaft nicht wünschte. Der zweite war jener Vatermörder, von dem ich schon gesprochen habe. Der dritte war Akim Akimytsch.
Ich weiß nicht, ob ich jemals einen so seltsamen Kauz gesehen habe, wie es dieser Akim Akimytsch war. Er ist mir unvergeßlich in der Erinnerung geblieben, deutlich sehe ich ihn noch vor mir. Er war groß von Wuchs, hager, schwachgeistig, unglaublich ungebildet, ein großer Raisonneur, und gewissenhaft wie ein Deutscher. Die Sträflinge lachten über ihn, viele aber fürchteten sich sogar davor, mit ihm etwas zu tun zu haben, wegen seines streitsüchtigen, anmaßenden und unleidlichen Charakters. Er stellte sich von vornherein wie ein alter Duzbruder zu ihnen, schimpfte und raufte sich womöglich mit allen und jedem. Dabei war er phänomenal ehrlich. Sobald er nur irgendwo eine Ungerechtigkeit bemerkte, mischte er sich ohne weiteres ein, gleichviel, ob ihn die Sache anging oder nicht. Naiv war er bis zur Unglaublichkeit; so warf er den anderen im Streite nicht selten vor, daß sie Diebe seien und suchte sie allen Ernstes zu überreden, nicht mehr zu stehlen.
Er hatte im Kaukasus als Fähnrich gedient. Wir traten uns schon am ersten Tage näher und er erzählte mir ungesäumt seine ganze Lebensgeschichte.
Seinen Dienst hatte er im Kaukasus begonnen, wo er als Junker in ein Linienregiment eingetreten war. Endlich war er befördert und als Oberkommandeur in irgend eine kleine Verschanzung oder Festung versetzt worden. Da hatte aber irgend ein kleiner, Rußland friedlich gesinnter Fürst aus der Nachbarschaft seine Festung in Brand gesteckt und einen nächtlichen Überfall versucht; der war ihm jedoch mißlungen. Akim Akimytsch dachte sich nun folgende List aus: er tat, als habe er keine Ahnung, wer der Feind gewesen war. Der Angriff wurde auf die aufständischen Bergvölker geschoben und bald vergessen. Nach einem Monat aber lud Akim Akimytsch den kleinen Fürsten recht freundschaftlich zu sich zu Gaste. Jener kam natürlich, ohne etwas zu ahnen. Akim Akimytsch ließ seine ganze Mannschaft feierlichst antreten, worauf er den Fürsten öffentlich überführte und ihm die Leviten las, indem er ihm bewies, daß es eine Schande sei, Festungen in Brand zu stecken. Darauf belehrte er ihn ausführlich, wie ein friedlich gesinnter Fürst sich in Zukunft zu verhalten habe und zum Schluß schoß er ihn nieder, wovon er dann selbst seinen Vorgesetzten mit allen Einzelheiten Meldung machte. Zur Belohnung für seine Heldentat wurde er dem Gericht überliefert, zum Tode verurteilt, doch wegen mildernder Umstände auf zwölf Jahre in die zweite Abteilung nach Sibirien zur Festungsarbeit verschickt.
Er sah vollkommen ein, daß er unrechtmäßig gehandelt hatte, er sagte mir, daß er dies auch schon vor der Erschießung des kleinen Fürsten gewußt habe; er habe es ganz genau gewußt, daß ein friedlicher Fürst nur nach dem Gesetz verurteilt werden dürfe; aber wie genau er auch alles wußte, seine Schuld konnte er doch nicht recht einsehen – er begriff sie einfach nicht.
„Aber ich bitt’ Sie! Er hatte mir doch meine _Festung_ in Brand gesteckt! Was, sollte ich ihm dafür noch Dank sagen?“ fragte er mich, – und das war auch seine ganze Antwort auf alle meine Einwendungen.
Ich sagte bereits, daß die Sträflinge sich über Akim Akimytsch lustig machten, doch nichtsdestoweniger achteten sie ihn wegen seiner Gewissenhaftigkeit und seiner Geschicklichkeit.
Es gab kein Handwerk, das Akim Akimytsch nicht verstanden hätte. Er war Tischler, Schuster, Maler, Vergolder, Schlosser – und alles das hatte er erst im Ostrogg gelernt. Er machte alles, ohne daß es ihm besonders gezeigt wurde: er sah nur einmal hin und schon konnte er es selbst machen. Er verfertigte verschiedene kleine Kästchen, Körbchen, Laternen, Kinderspielzeug, und hatte seine Abnehmer in der Stadt. Die natürliche Folge davon war, daß er beständig Geld hatte, für welches er sich alsbald neue Wäsche, ein weicheres Kopfkissen, eine gute zusammenlegbare Matratze erstand. Er schlief in derselben Kaserne mit mir und war mir während der ersten Tage in vieler Beziehung sehr nützlich.
Bevor die Sträflinge den Ostrogg verließen, um zur Arbeit zu gehen, stellten sie sich vor der Wache in zwei Reihen auf; vor und hinter ihnen nahm die militärische Eskorte, unser beständiges Begleitkommando, mit scharf geladenem Gewehr die übliche Stellung ein. Darauf erschienen ein Offizier, der Aufsichtführende und einige subalterne Militärbeamte, die die Arbeit zu beaufsichtigen hatten. Der Aufsichtführende zählte die Sträflinge und schickte sie in Abteilungen an verschiedene Orte zur Arbeit.
Zusammen mit anderen begab ich mich in unsere Werkstätte. Das war ein niedriges Steingebäude mitten auf einem großen Hof, auf dem verschiedenes Rohmaterial lag. Dort gab es eine Schmiede, eine Schlosserei, eine Tischlerei, eine Malerwerkstatt und noch anderes. In dieser Malerwerkstatt arbeitete Akim Akimytsch: er kochte Olivenöl, mischte Farben und strich kunstvoll Tische und Stühle an, so daß sie wie von Nußbaumholz aussahen.
Während ich auf meine Einschmiedung wartete, sprach ich mit Akim Akimytsch über die ersten Eindrücke, die ich im Ostrogg empfangen hatte.
„Ja, das ist schon so, sie mögen die Edelleute nicht,“ bemerkte er, „besonders die politischen nicht; die würden sie am liebsten auffressen. Das ist aber dumm von ihnen. Ihr seid doch ein ganz anderes Volk, das ihnen ganz unähnlich ist, sie aber sind früher alle nur Hörige gewesen oder Soldaten. Urteilen Sie nun selbst, ob sie euch da wohl lieben können. Hier ist es, sage ich Ihnen, schwer zu leben. Aber in den russischen Arrestantenkompagnien ist es noch schwerer ... das ist schon so. Wir haben ja auch welche von dort, die unseren Ostrogg nicht genug loben können, ganz als wären sie aus der Hölle in den Himmel gekommen ... Nicht die Arbeit ist das Schlimme. Man sagt, dort, in der ersten Abteilung, sei das Kommando sozusagen nicht ganz militärisch, wenigstens gehe man dort anders vor, als bei uns. Dort, sagt man, kann der Verbannte in seinem eigenen Häuschen leben. Ich bin nicht dort gewesen, aber es wird so erzählt. Sie werden, wie man hört, auch nicht geschoren und tragen keine Uniform, wenn es auch übrigens besser ist, daß sie bei uns halb abrasiert werden und gleichmäßig gekleidet sind – es ist doch immerhin etwas mehr Ordnung und fürs Auge ist es angenehmer. Den Leuten selbst aber gefällt es nicht. Aber Sie sehen doch, was das hier für ein Gesindel ist! Der eine ist Russe, der andere Tscherkesse, der dritte ist Sektierer, der vierte ein rechtgläubiger Landbauer, hat seine Familie, hat seine lieben Kinderchen in der Heimat zurückgelassen, der fünfte ist Jude, der sechste Zigeuner, der siebente weiß Gott wer, – und sie alle müssen jetzt hier an einem Ort zusammenleben, ob sie wollen oder nicht, aber sie müssen miteinander auskommen, müssen aus derselben Schüssel essen, auf derselben Pritsche schlafen. Und wo ist denn hier Freiheit: selbst einen überflüssigen Bissen kann man nur heimlich essen und jede Kopeke muß man im Stiefel verstecken, und was man sieht und hat, ist immer nur Ostrogg und abermals Ostrogg ... Da kann man ja ganz unwillkürlich dumm werden.“
Doch, was er da sagte, wußte ich bereits. Ich wollte ihn vielmehr über unseren Major etwas ausfragen. Akim Akimytsch war nicht zurückhaltend und ich weiß noch, daß der Eindruck, den ich von seinen Schilderungen empfing, nicht ganz angenehm war.
Noch ganze zwei Jahre war es mir bestimmt, unter dem Kommando dieses Majors zu leben.
Alles, was mir Akim Akimytsch von ihm erzählte, war, wie es sich später zeigte, vollkommen richtig und gerecht, nur mit dem einen Unterschied, daß der Eindruck der Wirklichkeit immer stärker ist, als der, den man aus einer gewöhnlichen Erzählung erhält.
Er war ein furchtbarer Mensch, und furchtbar gerade dadurch, daß er, als dieser Charakter, der er war, fast unumschränkte Macht über zweihundertundfünfzig Seelen besaß. An sich war er nur ein unordentlicher und böser Mensch, und weiter nichts. Auf die Sträflinge sah er wie auf seine natürlichen Feinde, und das war sein erster und größter Fehler. Er besaß in der Tat einige Fähigkeiten, nur war alles an ihm, selbst das Gute, irgendwie entstellt. Zuweilen stürzte er mitten in der Nacht in unseren Ostrogg und wenn er bemerkte, daß ein Sträfling auf der linken Seite oder auf dem Rücken schlief, so bestrafte er ihn am nächsten Morgen: „Du sollst auf der rechten Seite schlafen, wie ich es befohlen habe.“
Im Ostrogg wurde er gehaßt und gefürchtet wie die Pest. Er hatte ein rotes, böses, wildes Gesicht und beherrschen konnte er sich nie. Trotzdem war er, wie alle wußten, ganz und gar in den Händen seines Burschen Fedjka. Doch am meisten auf der ganzen Welt liebte er seinen Pudel Tresorka, und als der einmal erkrankt war, soll er vor Kummer beinahe den Verstand verloren haben. Man sagt, er habe über ihn geweint, als wäre der Hund sein leiblicher Sohn gewesen. Den Tierarzt hatte er alsbald zum Teufel gejagt und es hieß, viel habe nicht gefehlt, daß er ihn seiner Gewohnheit gemäß noch verprügelt hätte. Darauf hätte er von seinem Fedjka gehört, daß im Ostrogg ein Sträfling „selbstgelernter“ Tierarzt sei, ein Bauer, der aus praktischer Erfahrung Tiere mit gutem Erfolg zu heilen wisse. Den mußte Fedjka unverzüglich zur Stelle schaffen.
„Hilf mir! Ich werde dich vergolden, wenn du mir Tresorka rettest!“ schrie er dem Sträfling entgegen.
Das war ein sibirischer Bauer, schlau, klug und in der Tat sehr geschickt als Tierarzt, aber immerhin ein echter Bauer.
„Da blickte ich denn Tresorka an,“ hatte er später den anderen Sträflingen erzählt – übrigens erst nach langer Zeit, als der ganze Vorfall schon vergessen war – „sehe: der Köter liegt auf dem Divan, liegt auf einem weißen Kissen; ich sehe auch deutlich, daß er Fieber hat; ein Aderlaß und er wäre gesund – das wußte ich. Da aber denke ich so bei mir: aber wie, wenn ich ihn nicht kuriere, wenn ich ihn krepieren lasse? Nein, Euer Gnaden, sagte ich, ich bin zu spät gerufen worden, hätte man es gestern oder vorgestern getan, so würde ich den Hund geheilt haben; jetzt aber kann ich es nicht, es ist zu spät ...“
Und so krepierte denn Tresorka.
Auch erzählte man mir ausführlich von einem Anschlag auf das Leben unseres Majors.
Es hatte im Ostrogg mehrere Jahre lang ein Sträfling gelebt, der allen durch seine große Sanftmut auffiel. Desgleichen hatte man bemerkt, daß er fast nie sprach. Daher war er alsbald für etwas geistesschwach gehalten worden. Er verstand zu lesen und zu schreiben, und im ganzen letzten Jahre hatte er beständig die Bibel gelesen, Tag und Nacht. Wenn die anderen alle schon schliefen, erhob er sich um Mitternacht, zündete ein Kirchenwachslicht an, kroch auf den Ofen, schlug die Bibel auf und las bis zum Morgen.
Eines schönen Tages war er zum ältesten Unteroffizier gegangen und hatte ihm gemeldet, daß er nicht mehr zur Arbeit gehen wolle. Der Major wurde sofort benachrichtigt: er schäumte vor Wut und kam unverzüglich angefahren. Da stürzte sich der sanftmütige Sträfling mit einem schon in Bereitschaft gehaltenen Ziegelstein auf ihn, schleuderte den Stein – traf ihn jedoch nicht. Er wurde ergriffen, verurteilt und bestraft. Es ging alles sehr schnell vor sich. Nach drei Tagen starb er im Lazarett. Kurz vor dem Tode soll er noch gesagt haben, daß er keinem Menschen Böses gewollt, er habe nur leiden wollen. Er war übrigens kein Sektierer. Im Ostrogg gedachte man seiner stets mit Achtung.
Endlich wurde ich eingeschmiedet. Inzwischen waren in der Werkstätte mehrere Semmelverkäuferinnen erschienen, eine nach der anderen. Einige von ihnen waren noch ganz kleine Mädchen. Solange sie noch nicht erwachsen sind, gehen sie umher und verkaufen Semmeln, die zu Hause von den Müttern gebacken werden. Sind sie erwachsen, so gehen sie gleichfalls umher, doch dann ohne Semmeln. Das war schon lange so Sitte. Es waren aber auch andere, nicht gerade Mädchen, mit ihnen gekommen. Eine Semmel kostete eine halbe Kopeke, ein Kalatsch zwei Kopeken und von den Sträflingen kaufte sich fast jeder einen.
Bei der Gelegenheit fiel mir besonders ein Sträfling auf, ein Tischler mit schon leicht ergrautem Haar, doch noch recht frischem Gesicht, der lächelnd mit den Semmelverkäuferinnen schäkerte. Kurz bevor sie gekommen waren, hatte er sich noch schnell ein rotes, baumwollenes Halstuch umgeschlungen.
Das eine dicke, pockennarbige Weiblein setzte sich auf seine Hobelbank und zwischen ihnen entspann sich folgendes Gespräch:
„Warum seid Ihr denn gestern nicht dorthin gekommen?“ fragte der Sträfling mit selbstzufriedenem Lächeln.
„Noch was! Ich war doch da, Ihr aber heißt Mitjka,“ entgegnete das schlagfertige Weiblein.
„Man hatte uns nötig, sonst wäre ich bestimmt dagewesen ... Vorgestern waren alle Eure gekommen.“
„Wer denn das?“
„Marjaschka war gekommen, Chawroschka war gekommen, die Tschekunda war gekommen, die Vierkopekige war gekommen ...“
„Was hat denn das zu bedeuten?“ fragte ich Akim Akimytsch, „ist’s möglich? ...“
„Es kommt vor,“ sagte er still, die Augen niederschlagend, denn er war ein äußerst keuscher Mensch.
Das kam tatsächlich auch vor, aber immerhin sehr selten, denn es galt große Schwierigkeiten zu überwinden. Im allgemeinen gab es mehr Liebhaber für Branntwein, als für so etwas, trotz der ganzen und nur zu natürlichen Qual dieses Lebens. Es war schwer, mit einem Frauenzimmer zusammenzukommen. Man mußte die Zeit abpassen, den Ort bestimmen, sich verabreden, die Einsamkeit suchen, was schon schwierig, mußte die betreffende Eskorte sich geneigt machen, was noch viel schwieriger war, und überhaupt mußte man eine Unmenge Geld verschwenden – versteht sich, im Verhältnis gesprochen. Aber nichtsdestoweniger bin ich späterhin selbst Zeuge von Liebesszenen gewesen. Ich erinnere mich noch, wie wir einmal im Sommer zu dreien am Ufer des Irtysch in einem Schuppen waren und dort irgend einen Brennofen anheizten. Die Wachen waren gutmütige Burschen. Endlich erschienen auch die erwarteten „Souffleusen“, wie die Sträflinge sie nannten.
„Nanu, wo seid ihr denn solange kleben geblieben? Wohl wieder bei den Swerkoffs?“ begrüßte sie der Sträfling, zu dem sie kamen und der sie schon lange erwartet hatte.
„Ich sei kleben geblieben? Da sitzt ja selbst eine Elster länger auf dem Zaunpfahl, als wie ich bei ihnen gesessen habe,“ antwortete munter das Mädchen.
Sie war das schmutzigste Mädchen der Welt. Das war die sogenannte Tschekunda. Mit ihr zusammen war auch die Vierkopekige gekommen. Die war aber schon außerhalb jeder Beschreibungsmöglichkeit.
„Und auch Euch haben wir lange nicht gesehen,“ fuhr der Don Juan, sich zur Vierkopekigen wendend, verbindlich fort. „Ihr seid ja, wie mir scheinen will, bedeutend magerer geworden?“
„Kann schon sein. Früher war ich weiß Gott wie dick, jetzt aber, seht, – ganz als hätte ich eine Nadel verschluckt.“
„Und geht’s immer noch mit den Soldaten – hn?“
„Nu nein, das haben Euch nur gemeine Menschen von uns vorgeklatscht. Aber – warum auch nicht! Lieber ohne Rippen sein, als keinen Soldaten frei’n!“
„Ach was, gebt ihnen den Laufpaß und liebt uns ... Wir haben Geld ...“
Zur Vollendung des Bildes denke man sich den Don Juan mit zur Hälfte abrasiertem Kopf, in Ketten, in zweifarbig geteilten Sträflingskleidern und unter der Aufsicht der Eskorte. –
Ich verabschiedete mich von Akim Akimytsch, und als ich hörte, daß ich in den Ostrogg zurückkehren durfte, ging ich mit einem Soldaten wieder heim.
Die Sträflinge kamen auch schon in verschiedenen Trupps von der Arbeit. Früher als alle anderen kommen die auf „Zeit“ arbeitenden in den Ostrogg zurück. Das einzige Mittel, den Sträfling zu strammer Arbeit anzuhalten, ist, ihn „Aufgaben“ abarbeiten zu lassen. Mitunter sind diese „Aufgaben“ riesengroß, und doch wird die Arbeit zweimal so schnell verrichtet, als wenn der Sträfling bis zum Trommelzeichen arbeiten müßte. Hatte er die ihm aufgegebene Arbeit beendet, so kehrte der Sträfling ohne Verzug in den Ostrogg zurück und niemand hielt ihn mehr auf.
Gegessen wird im Ostrogg nicht zu gleicher Zeit, sondern wie man gerade kommt, die einen früher, die anderen später; auch würde die Küche nicht alle auf einmal fassen. Ich versuchte die Kohlsuppe zu essen, vermochte es aber doch nicht, da ich mich noch nicht an sie gewöhnt hatte, und so kochte ich mir Tee. Wir setzten uns an das eine Tischende, ich und ein Gefährte von mir, der gleichfalls dem Adelsstande angehört hatte.
Die Sträflinge kamen und gingen. Die Küche war noch ziemlich leer, da die meisten noch nicht von der Arbeit zurückgekehrt waren. Eine Gruppe von fünf Mann setzte sich etwas abgewendet von uns an den großen Tisch. Der Koch gab ihnen zwei Schüsseln voll Kohlsuppe und stellte dann noch eine ganze tönerne Bratpfanne mit gesottenem und später übergebratenem Fisch vor sie hin. Sie aßen zur Feier irgend einer Begebenheit eigene Kost. Zu uns blickten sie mißtrauisch hinüber. Da trat ein Pole herein und setzte sich neben uns hin.
Ihm folgte bald ein hochgewachsener Sträfling, der mit einem einzigen Blick alle Anwesenden überflog.
„Bin nicht zu Hause gewesen, weiß aber alles!“ rief er mit lauter Stimme. Er schien ungefähr fünfzig Jahre alt zu sein, war muskulös und hager. In seinem Gesicht lag etwas Listiges und gleichzeitig auch Lustiges. Am auffallendsten war an ihm seine dicke, herabhängende Unterlippe. Sie verlieh ihm etwas überaus Komisches.
„Na, so sagt doch, habt ihr gut geschlafen? Warum begrüßt ihr einen denn gar nicht? Gesegnete Mahlzeit unseren Kurskern!“ fügte er hinzu und setzte sich zu den fünf, die ihr Essen verzehrten. „Na, so empfangt doch den Gast!“
„Wir, Bruder, sind ja gar nicht aus Kursk!“
„Ah so, dann also aus Tambowsk?“
„Sind auch nicht aus Tambowsk. Bei uns, Freund, ist nichts zu holen; schieb mal ab zu reichen Leuten, dort kannst du anfragen.“
„In meiner Leibesmitte, Bruder, sitzen heute Iwan Taskun und Maria Ikotischna, sie ist nämlich erbärmlich leer ... Aber wo lebt er denn, der reiche Mann?“
„Geh mal zu Gasin, der ist reich, versuch bei ihm dein Glück.“
„Ach, Bruderherz, mit Gasin fängst du heute nichts mehr an, der lebt heute blau: vertrinkt sein ganzes Kapital.“
„Er hat seine zwanzig Rubel,“ bemerkte ein anderer. „Wie man sieht, ist es kein übles Geschäft, Schankwirt zu sein.“
„Na was, werdet ihr denn wirklich den Gast nicht einladen? Was machst du, Mensch, – gebt mir dann die Staatskost her.“
„So geh doch und bitt’ Tee; da sitzen ja Herren, die welchen trinken.“
„Was für Herren, hier gibt’s keine Herren; sind ganz, was wir jetzt sind,“ brummte mürrisch einer in der Ecke. Bis dahin hatte er noch kein Wort gesprochen.
„Trinken würde ich schon, aber ich schäme mich, zu bitten: wir haben auch so etwas wie ein Ehrgefühl!“ entgegnete der Sträfling mit der dicken Unterlippe und blickte uns gutmütig an.
„Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen gern welchen geben,“ sagte ich auffordernd zu ihm, – „ist es gefällig?“
„Gefällig? Wie soll’s denn nicht gefällig sein!“
Er trat an den Tisch.
„Sieh mal einer an, zu Hause kannte er nichts als Kohl, hier kennt er schon den Tee gar wohl – hier will er schon Herrenessen haben,“ brummte wieder der Mürrische in der Ecke.
„Trinkt denn hier sonst niemand Tee?“ fragte ich, mich speziell an ihn wendend. Er würdigte mich jedoch keiner Antwort.
„Ah, da werden grad auch Kalatschen gebracht! Wenn Ihr schon so gnädig seid, dann spendet mir auch gleich einen Kalatsch dazu!“
Ein junger Sträfling trat mit einem ganzen Bund[3] Kalatschen herein und bot sie zum Verkauf an. Die Aufkäuferin überließ ihm dafür den zehnten; auf diesen Kalatsch nun rechnete er.
„Kalatschi, Kalatschi–i–i!“ schrie er, in die Küche eintretend, „direkt aus Moskau, glühend heiß! Würde sie selbst essen, brauch aber Geld. Nun, Kinder, der letzte ist nachgeblieben: wer hat eine Mutter gehabt?“
Dieser Appell an die Mutterliebe erheiterte alle und man kaufte ihm mehrere ab.
„Aber wißt ihr, Brüder,“ fuhr der Lange fort, „der Gasin, der treibt es heute denn doch schon bis zur Sünde! Bei Gott! Wenn’s dem einmal einfällt, durchzugehen! Wenn heute nur unser Achtäugiger nicht hereinschneit.“
„Dann wird Gasin schon versteckt werden. Was – ist er steif besoffen?“
„Was von steif! Noch längst nicht! Wild ist er geworden, zudringlich, gefährlich.“
„Nun, dann wird er noch an manche Fäuste anrennen ...“
„Von wem sprechen sie?“ fragte ich den Polen, der neben mir saß.
„Von Gasin, einem Arrestanten. Er handelt hier mit Branntwein. Hat er genug verdient, so vertrinkt er sofort das ganze Geld an einem Tage. Er ist grausam und böse, – übrigens in nüchternem Zustande ist er ganz friedlich. Sobald er sich aber angetrunken hat, ist er total verrückt: wirft sich mit dem Messer auf die Menschen ... Dann wird er aber sofort gebändigt.“
„Wie wird denn das angestellt?“
„Etwa zehn Arrestanten stürzen sich zu gleicher Zeit auf ihn und schlagen ihn entsetzlich – so lange, bis er besinnungslos wird, sie schlagen ihn halbtot. Dann wird er auf seine Pritsche gehoben und mit dem Halbpelz zugedeckt.“
„Aber sie könnten ihn doch auf diese Weise völlig totschlagen!“
„Einen anderen gewiß, ihn aber nicht. Er ist unglaublich stark, der stärkste von allen in unserem Ostrogg, und ist herkulisch gebaut. Am nächsten Morgen ist er wieder vollständig gesund.“
„Sagen Sie doch, bitte,“ fuhr ich fort, den Polen auszufragen, „jene dort haben doch auch ihr eigenes Essen, und ich trinke nur Tee, – und doch sehen sie mich alle an, als wenn sie mich deswegen beneideten. Was hat das zu bedeuten?“
„Das ist nicht wegen des Tees,“ sagte der Pole. „Sie ärgern sich über Sie vielmehr deswegen, weil Sie Edelmann sind und nicht ihnen gleichen. Viele würden gern mit Ihnen anbinden: sie hätten gar zu große Lust, Sie zu beleidigen und zu erniedrigen. Sie werden hier noch viel Unangenehmes erleben. Es ist hier für uns alle entsetzlich schwer. Wir haben es in jeder Beziehung am schwersten von allen. Man muß viel Gleichmut haben, um sich daran zu gewöhnen. Sie werden noch oft Unannehmlichkeiten wegen Tee oder eigenem Essen haben, wenn auch von den anderen sehr viele und sogar sehr oft sich eigenes Essen leisten und einige sogar beständig ihren Tee trinken. Sie dürfen es, wir aber dürfen es nicht.“
Darauf erhob er sich und ging hinaus. Schon nach wenigen Minuten geschah, was er gesagt hatte.
III.
Die ersten Eindrücke, Fortsetzung
Kaum war M–tzkij, der Pole, mit dem ich gesprochen hatte, hinausgegangen, als der betrunkene Gasin in die Küche hereinstürzte.
Mitten am hellen Tage ein berauschter Sträfling, noch dazu am Wochentage, wenn alle zur Arbeit gehen mußten, ein betrunkener Sträfling in einem Ostrogg, dessen Vorgesetzter ein so strenger Major war, der überdies noch jeden Augenblick in eigener Person eintreffen konnte, von dem Unteroffizier, dem nächsten Vorgesetzten, der beständig im Ostrogg lebte, und den Invaliden ganz zu schweigen, – ein betrunkener Sträfling trotz aller Wachen und Aufseher, kurz, trotz aller strengen Maßregeln – der warf alle in mir sich bildenden Begriffe vom Sträflingsleben über den Haufen. Und ich mußte noch lange Zeit im Ostrogg leben, bevor ich die Erklärung fand für Tatsachen, die mir in den ersten Tagen meiner Kátorga so unbegreiflich erschienen waren.