Part 3
„Wir sind verlorenes Volk,“ sagten sie, „wer nicht konnt’ in Freiheit leben, mag jetzt harte Straßen gehen.“ – „Wer Vater und Mutter nicht hat gehorcht, der gehorche jetzt dem Trommelfell.“ – „Hast du nicht freiwillig arbeiten gewollt, so klopfe jetzt Steine entzwei.“ Solche und ähnliche Sätze wurden sehr oft gesagt, sowohl als Sittenlehre wie auch als gewöhnliche Redensart, niemals aber wirklich ernst gemeint. Es waren eigentlich nur leere Worte, denn es ist kaum anzunehmen, daß auch nur einer von ihnen sich seine Gesetzwidrigkeit bewußt eingestand. Es hätte nur jemand von den Nichtsträflingen gewagt haben sollen, einem von ihnen sein Verbrechen vorzuhalten, ihn einmal deswegen zu schelten (wenn es auch nicht russisch ist, einem Verbrecher Vorwürfe zu machen) – das Schimpfen würde dann kein Ende genommen haben! Und welche Künstler waren sie alle im Schimpfen! Sie schimpften sich geradezu raffiniert, meisterhaft! Das Schimpfen war bei ihnen zu einer ganzen Wissenschaft geworden; sie bemühten sich, nicht so sehr mit dem kränkenden Wort zu treffen, als mit dem kränkenden Sinn, der Zusammenstellung des Ganzen, der „Idee“! – Das aber ist noch verfeinerter und folglich um so verletzender. Und die ununterbrochenen Streitigkeiten dienten natürlich nur dazu, um diese Kunst unter ihnen noch mehr zu entwickeln. Alle diese Sträflinge arbeiteten unter dem Stock, so ist es denn selbstverständlich, daß sie faul waren, liederlich und verderbt; selbst wenn sie es früher nicht gewesen waren, so wurden sie es hier im Ostrogg. Alle waren sie hier nicht durch eigenen Willen versammelt, alle waren sie einander Fremde.
„Der Teufel hat wenigstens drei Paar Bastschuhe durchgelaufen, bevor er uns in einen Haufen zusammengebracht!“ sagten sie von sich selbst, und so waren denn Klatsch, Intrigen, Verleumdungen, Neid, Hader und jede Niedertracht in diesem Höllenleben an der Tagesordnung. Kein altes Weib hätte so weibisch sein können, wie es einige von diesen Seelenmördern waren. Ich wiederhole, es gab unter ihnen auch starke Charaktere, die abgehärtet und furchtlos waren, die ihr ganzes Leben lang gewohnt gewesen, zu herrschen und zu fordern. Diese wurden auch von den anderen Mitgefangenen unwillkürlich geachtet, sie aber gaben sich doch Mühe, obwohl sie auf ihren Ruhm bisweilen sogar sehr eifersüchtig waren, im großen ganzen den anderen nicht zur Last zu werden. Auf nichtigen Streit ließen sie sich überhaupt nicht ein, wahrten stets eine auffallende Würde in ihrem ganzen Gehaben, waren vernünftig und fast immer der Obrigkeit gehorsam, – doch nicht etwa aus dem Prinzip zu gehorchen, sondern wie nach einem stillschweigenden Übereinkommen, weil es für beide Teile so das Beste war. Übrigens ging man mit ihnen auch vorsichtig um.
Ich entsinne mich noch, wie einmal einer von ihnen, ein furchtloser, entschlossener Charakter, der unserer Obrigkeit schon von früher wegen seiner tierischen Neigungen bekannt war, wegen irgend eines Vergehens zur Bestrafung gerufen wurde. Es war ein Sommertag und wir hatten gerade keine Arbeit. Der Major, der nächste und unmittelbare Vorgesetzte des Ostrogg, erschien selbst, um persönlich der Bestrafung beizuwohnen. Dieser Major war für die Sträflinge ein geradezu fatales Wesen, er brachte es soweit, daß sie vor ihm zitterten. Er war bis zur Sinnlosigkeit streng, ein „Menschenfresser“, wie die Gefangenen sagten. Am meisten fürchteten sie seinen alles durchdringenden Luchsblick, vor dem sich nichts verbergen ließ. Er sah gleichsam, ohne irgend wohin zu sehen. Betrat er den Ostrogg an dem einen Ende, so wußte er schon, was am anderen Ende desselben geschah. Die Sträflinge nannten ihn den „Achtäugigen“. Sein System war aber unrichtig. Durch seine rasenden, wilden Handlungen erbitterte er nur sowieso schon erbitterte Menschen, und wäre nicht der Kommandant, ein edler und vernünftig denkender Mensch, über ihm gewesen, der seine wilden Ausfälle mitunter mäßigte, so hätte der Major noch großes Unheil angerichtet. Offen gestanden, ich begreife es nicht, wie er noch so glücklich seine Zeit abgedient hat: und dennoch trat er lebend und gesund aus dem Dienst.
Der Sträfling erbleichte, als er gerufen wurde. Sonst pflegte er sich immer schweigend und entschlossen unter die Ruten zu legen, schweigend die Strafe hinzunehmen, nach Vollzug derselben aufzustehen, als wäre nichts geschehen, und kaltblütig und philosophisch das zugestoßene Mißgeschick hinzunehmen. Trotzdem ging man immer sehr vorsichtig mit ihm um. Diesmal aber fühlte er sich vollkommen unschuldig. Er erbleichte, und es gelang ihm, unbemerkt von der Wache, ein scharfes, englisches Messer in den Ärmel zu stecken. Messer und alle scharfen Instrumente waren im Ostrogg aufs strengste verboten; die Durchsuchungen wurden sehr oft, ganz plötzlich und gründlich vorgenommen, die Strafen waren grausam hart, da aber eine von Dieben versteckte Sache schwer zu finden ist, besonders wenn sie mit solchen Untersuchungen rechnen müssen und sicher verstecken wollen, und da andererseits Messer und ähnliche Werkzeuge immer gebraucht wurden, so waren sie trotz aller Maßregeln nicht auszurotten. Und wenn sie auch fortgenommen wurden, so schaffte man sich doch unverzüglich neue an.
Die ganze Kaserne stürzte zum Zaun, um dort mit klopfendem Herzen durch die Spalten zu lauern. Alle wußten, daß Petroff sich diesmal nicht freiwillig unter die Ruten hinlegen würde und daß die letzte Stunde des Majors gekommen war. Aber kurz vor dem entscheidenden Augenblick stieg unser Major in seinen Wagen und fuhr davon, nachdem er die Ausführung der Exekution einem anderen Offizier übertragen hatte.
„Den hat Gott selbst gerettet,“ sagten die Sträflinge. Petroff aber nahm mit der größten Ruhe seine Strafe hin. Sein Zorn war mit der Abfahrt des Majors vollständig vergangen. Der Arrestant ist gewöhnlich bis zu einem gewissen Grade gern gehorsam und geduldig, doch gibt es eine Grenze für seinen guten Willen, die man nicht überschreiten darf. Da ich soeben einen solchen Fall angeführt habe, will ich hier noch bemerken, daß es kaum etwas Interessanteres gibt, als diese sonderbaren Ausbrüche der Ungeduld und Widersetzlichkeit in den Arrestanten. Oft erträgt ein Mensch mehrere Jahre lang die grausamsten Strafen, er ergibt sich allem widerspruchslos, plötzlich aber reißt seine Geduld bei der nichtigsten Geringfügigkeit, ja man könnte sagen, um nichts und wieder nichts. Von einem gewissen Standpunkte aus müßte man ihn dann sogar wahnsinnig nennen, – und man tut es ja auch ...
Ich sagte schon, daß ich während all dieser Jahre kein einziges Mal auch nur das geringste Anzeichen einer Reue bei diesen Menschen bemerkt habe, auch nicht die geringsten Gewissensbisse wegen des verübten Verbrechens, oder auch nur ein unbehagliches Denken an dasselbe, und daß die Mehrzahl der Sträflinge sich innerlich für vollkommen schuldlos hält. Das ist Tatsache. Natürlich sind auch Ruhmsucht, schlechtes Beispiel, die übliche flotte Burschengroßtuerei und falsche Scham vielfach mit die Ursache davon. Und andererseits – wer könnte sagen, daß er die Tiefe dieser verkommenen Seelen erforscht und das vor aller Welt Verborgene in ihnen gesehen habe? Aber immerhin hätte man doch im Laufe so vieler Jahre wenigstens irgend einen Zug wahrnehmen müssen, nach dem man auf Schwermut oder Leiden hätte schließen können, – wenn davon auch nur eine Spur vorhanden gewesen wäre. Doch es war nichts davon zu sehen, entschieden nichts. Ja ich glaube, das Verbrechen läßt sich nicht nach gegebenen, bereits fertigen Gesichtspunkten erfassen und seine Philosophie dürfte etwas schwieriger sein, als allgemein angenommen wird. Daß das System der Gefängnisstrafe und die Zwangsarbeit keinen einzigen Verbrecher bessert, ist wohl selbstverständlich, sie „bestrafen“ ihn nur und sichern die Gesellschaft vor weiteren Anschlägen des Bösewichts auf ihre Freiheit und ruhige Sicherheit. Im Verbrecher jedoch erweckt der Ostrogg und selbst die angestrengte Arbeit nur Haß, Leidenschaft für verbotene Genüsse und unglaublichen Leichtsinn. Ich bin überzeugt, daß auch das berühmte Zellensystem nur ein falsches, trügerisches, äußeres Ziel erreicht. Es saugt aus dem Menschen alle Lebenskraft, entnervt seinen Geist, schwächt und ängstigt ihn und präsentiert dann endlich die sittlich vertrocknete Mumie, den Halbwahnsinnigen, als Musterbild der Besserung und Reue. Natürlich haßt der Verbrecher die Gesellschaft, gegen die er sich ja auch empört hat, und hält fast ausnahmslos sich für den Unschuldigen und jene für die Schuldigen. Hinzu kommt, daß ihm von dieser Gesellschaft für sein Vergehen Strafe auferlegt worden ist, diese aber befreit sein Gewissen von jedem Schuldbewußtsein, selbst wenn eines vorhanden gewesen wäre, und so fühlt er sich denn wie einer, der alle seine Schulden bezahlt und sich folglich nichts mehr vorzuwerfen hat. So kann man denn, wenn man von solchen Gesichtspunkten ausgeht, schließlich noch den Verbrecher selbst sehr wohl rechtfertigen. Doch ganz abgesehen von allen Gesichtspunkten wird doch ein jeder zugeben, daß es Verbrechen gibt, die immer und überall, nach jedem Gesetz und schon seit dem Anfang der Welt als fraglose Verbrechen angesehen worden sind, und die man noch weiter als solche betrachten wird, solange der Mensch ein Mensch bleibt. Nur habe ich im Ostrogg von den schrecklichsten, grauenvollsten, wahrhaft ungeheuerlichsten Morden mit dem unbezwingbarsten, mit kindlich heiterem Lachen erzählen gehört.
So kann ich bisweilen die Erinnerung an einen Vatermörder nicht los werden. Er war Edelmann und hatte als halbwegs verlorener Sohn bei seinem alten sechzigjährigen Vater gelebt, ein ausschweifendes Leben geführt und viel Schulden gemacht. Der alte Vater redete ihm ins Gewissen, und als das Reden nicht half, entzog er ihm das Geld zur Ausschweifung. Der Alte besaß aber ein Haus und ein kleines Gut, und außerdem vermutete man, daß er Geld hatte, – und der Sohn ermordete den Vater um dieses Geldes willen. Das Verbrechen war erst nach einem Monat entdeckt worden. Der Mörder hatte selbst der Polizei angezeigt, daß sein Vater spurlos verschwunden sei, und den ganzen Monat verbrachte er in Saus und Braus. Der Polizei war aber sein Treiben bald verdächtig erschienen, und eines Tages, während seiner Abwesenheit, hatte man den Leichnam des Ermordeten auf dem Hof in dem mit Brettern zugedeckten Abzugsgraben gefunden. Der Leichnam war vollständig angekleidet und augenscheinlich sehr sorgsam dort hingebettet worden: das graue Haupt war vollständig abgetrennt, doch hatte der Mörder es wieder an den Rumpf gedrückt und außerdem noch ein Kissen unter dasselbe geschoben. Er hatte seine Schuld nicht eingestanden, war aber trotzdem seines Adels und Ranges beraubt und auf zwanzig Jahre zur Zwangsarbeit verurteilt worden. Während der ganzen Zeit, die ich mit ihm zusammen im Ostrogg verbrachte, befand er sich in der besten, heitersten Gemütsstimmung. Es war ein überaus leichtsinniger, unvernünftiger, verdrehter Mensch, wenn auch längst kein Dummer. Ich habe niemals irgend welche besondere Brutalität an ihm bemerken können. Die übrigen Sträflinge verachteten ihn, doch taten sie es nicht etwa seines Verbrechens wegen – davon war überhaupt nicht die Rede –, sondern wegen seiner Einfalt, weil er sich nicht zu „benehmen“ verstand. Unterhielt man sich mit ihm über dies und das, so kam er nicht selten auch auf seinen Vater zu sprechen. Einmal, als wir von der Gesundheit sprachen, die in seiner Familie erblich sei, fügte er noch beiläufig hinzu:
„Mein Vater zum Beispiel hat bis zu seinem Tode kein einziges Mal über Krankheit geklagt.“
Eine dermaßen tierische Gefühllosigkeit scheint natürlich kaum glaublich: das war geradezu ein Phänomen. Wer weiß, ob ihr nicht irgend eine unglückliche Veranlagung, eine körperliche oder sittliche Mißgestaltung, die von der Wissenschaft noch nicht erforscht ist, zugrunde liegt, und wir folglich kein gewöhnliches Verbrechen vor uns haben. Zuerst glaubte ich es gar nicht, daß er ihn ermordet habe. Es waren da aber auch Leute aus derselben Stadt, die alle Einzelheiten des Falles kannten und mir den ganzen Prozeß erzählten. Die Tatsachen waren dermaßen klar, daß sie jeden Zweifel an seiner Schuld ausschlossen. Und einmal hatten die anderen Sträflinge gehört, wie er nachts im Traum geschrieen hatte:
„Halt ihn, halt ihn! Hau’ ihm den Kopf ab, den Kopf, den Kopf!“
Fast alle Sträflinge sprachen im Traum und phantasierten viel. Von Messern und Äxten träumte ihnen offenbar nicht selten und Schimpfworte und Banditenjargon hörte man in jeder Nacht.
„Wir sind unter der Knute,“ sagten sie zuweilen, „die liegt auch auf unserem Inneren, darum schreien wir auch in der Nacht.“
Die staatliche Zwangsarbeit war für sie keine Beschäftigung, sondern eine Pflicht: der Sträfling arbeitete seine Zeit ab oder drückte sich um die Arbeit in den festgesetzten Stunden, so gut es ging, herum und kehrte dann in den Ostrogg zurück. Die Zwangsarbeit rief in ihnen nur Haß hervor. Doch ohne eine besondere, eigene Beschäftigung, der er sich mit seiner ganzen Seele und seiner ganzen Vernunft hingeben kann, würde es kein Mensch im Ostrogg aushalten. Und das ist ja auch nur zu begreiflich, denn wie hätte sich sonst dieses ganze, immerhin entwickelte Volk, das stürmisch gelebt hatte, das Leben liebte und leben wollte, das hier gewaltsam in einen Haufen zusammengetrieben, das gewaltsam von der Gesellschaft und dem normalen Leben abgetrennt worden war, – wie hätte sich dieses Volk hier normal und regelrecht nach eigenem Willen und Verlangen anders einleben können? Schon allein durch den Müßiggang würden sich in ihm bald verbrecherische Eigenschaften entwickelt haben, von denen früher vielleicht mancher nichts geahnt hatte. Ohne Beschäftigung und ohne gesetzmäßiges, normales Eigentum kann der Mensch nicht leben: er verdirbt und wird zum Tiere. Und darum hatte ein jeder im Ostrogg – wohl aus dem Gefühl der Selbsterhaltung und dem natürlichen Bedürfnis heraus – seine eigene, besondere Beschäftigung, sein eigenes Handwerk.
Der lange Sommertag war von der Zwangsarbeit ganz und gar ausgefüllt; in der kurzen Nacht konnte man sich kaum ausschlafen. Im Winter aber mußten die Arrestanten vorschriftsmäßig schon früh, sobald es nur zu dunkeln begann, im Ostrogg eingeschlossen werden. Was sollte man nun an diesen langen, langweiligen Winterabenden beginnen? Und so verwandelte sich denn jede Kaserne, trotz des Verbots, in eine große Werkstube. Das heißt, Arbeit an sich war ja nicht verboten; verboten war aber aufs strengste, irgendwelche Instrumente bei sich zu haben oder überhaupt in der Kaserne zu besitzen; ohne diese war jedoch auch jede Arbeit unmöglich. Daher wurde nur heimlich gearbeitet, doch die Wache schien es in der Beziehung nicht immer sehr genau mit der Vorschrift zu nehmen.
Viele Sträflinge hatten früher nichts gelernt und waren in den Ostrogg gekommen, ohne auch nur irgend etwas Rechtes zu verstehen. Da gab es nun Schuhmacher und Schneider, Tischler und Schlosser, Bildschnitzer und Vergolder. Auch gab es einen Juden unter ihnen, Issai Bummstein, der Juwelier und Wucherer zugleich war. Alle mühten sie sich und verdienten sich ihre paar Kopeken. Die Aufträge kamen aus der Stadt. Geld ist gemünzte Freiheit und daher für einen Menschen, der jeder Freiheit beraubt ist, zehnmal wertvoller, als einem Freien. Wenn es nur in seiner Tasche klingt, so ist er schon halbwegs getröstet, selbst wenn er es nicht einmal ausgeben kann. Nur ist es Tatsache, daß man Geld immer und überall ausgeben kann, umsomehr, als die verbotene Frucht doppelt so süß ist. Im Ostrogg aber konnte man sogar Branntwein dafür erstehen. Pfeifen waren strengstens verboten und doch wurden sie von allen geraucht. Geld und Tabak bewahrten vor Skorbut und anderen Krankheiten, und die Arbeit bewahrte vor Verbrechen. Ohne Arbeit hätten die Sträflinge sich gegenseitig aufgefressen, wie die Spinnen im Glase.
Nichtsdestoweniger war Geld und eigene Arbeit verboten und nicht selten wurden mitten in der Nacht ganz plötzlich Durchsuchungen vorgenommen; alles Verbotene wurde konfisziert, und selbst das Geld, wie sorgfältig es auch versteckt werden mochte, fiel den Durchsuchenden bisweilen doch in die Finger. Das war auch teilweise der Grund, warum es nicht gespart, sondern baldmöglichst vertrunken wurde, und aus demselben Grunde kam denn auch der Branntwein in den Ostrogg. Nach jeder Durchsuchung wurde der Schuldige, abgesehen davon, daß er sein ganzes Kapital verlor, auch noch schmerzhaft bestraft. Aber nach jeder Durchsuchung wurde das Notwendigste sofort ersetzt und alsbald gab es neue Sachen und alles war wieder beim Alten. Das wußten auch die Vorgesetzten, doch nahmen sie es ebenso gleichmütig hin, wie die Sträflinge ihre Strafe, über die sie nicht einmal murrten, obgleich doch ein solches Leben demjenigen der Ansiedler auf dem Vesuv nicht unähnlich war.
Wer kein Handwerk verstand, wählte sich einen anderen Erwerbszweig, häufig einen sehr originellen. Einige beschäftigten sich zum Beispiel nur mit Auf- und Verkauf, also mit Zwischenhandel, doch womit sie handelten waren meistens Sachen, bei deren Anblick einer, der außerhalb des Ostrogg lebt, nie und nimmer auf die Idee käme, – nicht etwa, daß man so etwas kaufen oder gar verkaufen konnte, sondern daß so etwas überhaupt ein Gegenstand war. Aber man war eben sehr arm und dabei sehr gewerbtätig. Selbst die letzten Lumpen hatten noch ihren Wert und konnten, wie man sieht, doch noch zu etwas verwandt werden. Infolge der Armut hatte auch das Geld einen ganz anderen Wert im Ostrogg, als draußen in der freien Welt. Eine große und komplizierte Arbeit wurde mit Kopeken bezahlt. Einige etablierten sich als Kreditbanken und trieben ihren Wucher mit gutem Erfolg. Hatte ein Sträfling alles durchgebracht, oder hatte er nach einer Durchsuchung „bankrott gemacht“, so trug er seine letzten Sachen zum Wucherer, und erhielt von diesem zu ungeheuren Prozenten nur wenige Kupferstücke. Konnte er seine Sachen nicht vor dem Termin einlösen, so wurden sie unverzüglich und unbarmherzig verkauft. Ja, der Wucher blühte dermaßen, daß selbst dem Staate gehörende Gegenstände, wie z. B. Wäsche, Stiefel usw., verpfändet wurden, Sachen, die ein jeder Sträfling in jedem Augenblick brauchte. Doch geschah es bisweilen, daß diese Versatzgeschäfte eine andere Wendung nahmen, die indes nicht ganz unerwartet kam. Der Sträfling, der seine letzten Sachen verpfändet und dafür Geld empfangen hatte, ging darauf unverweilt, und ohne ein Wort zu reden, zum ältesten Unteroffizier, dem nächsten Vorgesetzten des Ostrogg, und meldete ihm, daß er seine staatlichen Kleidungsstücke versetzt habe, die dann von diesem unverzüglich dem Wucherer wieder abgenommen wurden, sogar ohne daß vorher die höheren Vorgesetzten von dem Vorfall benachrichtigt worden wären. Interessant war, daß es dabei nicht einmal zu einem Streit kam: der Wucherer gab schweigend und verdrossen das Betreffende zurück, und es hatte sogar den Anschein, als habe er selbst einen solchen Ausgang erwartet. Vielleicht gestand er sich unwillkürlich, daß er an Stelle des Verpfänders wohl ebenso gehandelt haben würde. Und wenn er dann später auch einmal darüber schimpfte, so tat er es eigentlich ohne jeden Groll, er schimpfte sich einfach aus, um sich das Herz zu erleichtern.
Gestohlen wurde entsetzlich viel. Fast jeder besaß seinen eigenen verschließbaren Kasten, in dem er die ihm zugeteilten Kleidungsstücke aufbewahrte; das war erlaubt. Diese Kasten retteten nichts. Ich glaube, man wird sich leicht denken können, wie geschickt diese Diebe waren. Mir selbst stahl ein Sträfling, der mir aufrichtig zugetan war (ich sage es, ohne mir dabei etwas einzubilden), meine Bibel, das einzige Buch, das man im Ostrogg besitzen durfte. Er gestand es mir noch am selben Tage ganz naiv, doch tat er es nicht etwa aus Reue, sondern nur aus Mitleid mit mir, da ich sie lange vergeblich suchte.
Unter anderem gab es auch Weinhändler, die Branntwein verkauften und damit gute Geschäfte machten. Auf diesen Erwerbszweig werde ich noch besonders zu sprechen kommen, zumal er in seiner Art nicht uninteressant ist. Auch gab es viele wegen Schmuggels Verurteilte, und so braucht es einen denn auch nicht zu wundern, daß trotz aller Durchsuchungen, Schildwachen und Aufseher dennoch Branntwein in den Ostrogg gelangte. Der Schmuggel ist seinem Charakter nach eine ganz besondere Gesetzübertretung. Zum Beispiel, kann man sich vorstellen, daß das Geld, das Verdienst bei den meisten Schmugglern eine ganz nebensächliche Rolle spielt, oder für sie wenigstens erst in zweiter Linie in Betracht kommt? Und doch verhält es sich in den meisten Fällen tatsächlich so. Der Schmuggler schmuggelt aus Leidenschaft, weil der Hang dazu ihm angeboren ist. In gewisser Beziehung ist er förmlich ein Dichter. Er riskiert alles, er begibt sich in die größte Gefahr, er erfindet, er versucht sich aus der Schlinge zu ziehen, er stellt noch anderen Fallen – mitunter tut er es sogar wie auf höhere Eingebung. Die Leidenschaft des Schmugglers ist nicht geringer als die des Kartenspielers.
Ich kannte im Ostrogg einen Sträfling von ungeheurem Körperbau, der aber so sanft, so still und bescheiden war, daß man sich erstaunt fragte, für welches Vergehen ein solcher Mensch wohl zur Zwangsarbeit verurteilt sein mochte. Er war dermaßen friedlich und gutmütig, daß er sich während seiner ganzen Strafzeit im Ostrogg mit keinem einzigen gezankt hat. Er stammte von der westlichen Grenze, war wegen Schmuggels verurteilt worden und konnte, versteht sich, auch im Ostrogg nicht von seiner Leidenschaft lassen, und so schmuggelte er Branntwein. Wie oft war er dafür schon bestraft worden und wie fürchtete er die Ruten! Und dabei brachte ihm dieser Schmuggel nur sehr wenig ein, sogar lächerlich wenig. Der Branntwein machte nur den „Entrepreneur“ reich. Aber der Sonderling liebte die Kunst um der Kunst willen. Er war weinerlich wie ein Weib und wie oft schwor er sich nach einer neuen Strafe, nie wieder etwas durchzuschmuggeln und männlich bezwang er sich zuweilen einen ganzen Monat, bis – bis er es doch nicht aushielt ... Dank solcher Käuze war der Ostrogg stets mit Branntwein versorgt.
Endlich gab es auch noch eine Einnahme, die die Sträflinge zwar nicht reich machte, dafür aber beständig und wohltuend war: die Almosen. Die höheren Klassen unserer Gesellschaft können sich keine Vorstellung davon machen, wie die Kaufleute, Bürger und unser ganzes Volk für die „Unglücklichen“ sorgt! Es werden fast ununterbrochen milde Gaben gegeben, die meistens in Brot, Semmeln, Kalatschen bestehen, selten in Geld. Ohne diese Gaben hätten es die Gefangenen, besonders diejenigen, welche in Untersuchungshaft sind, und daher viel strenger gehalten werden, als die Verurteilten, an vielen Orten gar zu schwer. Das Geschenkte wird von den Sträflingen gewissenhaft zu gleichen Teilen verteilt. Reicht es nicht für alle, so werden die einzelnen Kalatschen in gleichgroße Stücke geschnitten, zuweilen sogar in ganze sechs, aber jeder Gefangene erhält unbedingt seinen peinlich genau abgemessenen Anteil.