Sämtliche Werke 18

Part 2

Chapter 23,426 wordsPublic domain

Als ich eintrat, saß Alexander Petrowitsch mit der Kleinen am Tisch und unterrichtete sie im Lesen. Wie er mich erblickte, erschrak er dermaßen, als hätte ich ihn auf einem Verbrechen ertappt. Er schien vollständig den Kopf zu verlieren, sprang vom Stuhl auf und starrte mich an. Endlich nahmen wir Platz. Er verfolgte unablässig jeden meiner Blicke, ganz als argwöhnte er in jedem von ihnen irgend einen ganz besonderen geheimnisvollen Sinn. Da erriet ich, daß er bis zur Krankhaftigkeit mißtrauisch war. Er blickte mich haßerfüllt an, fast als wollte er sagen: „Wirst du mich denn nicht endlich einmal in Ruh lassen?“ Ich sprach über unser Städtchen und die laufenden Neuigkeiten: er schwieg und lächelte gehässig. Es zeigte sich, daß ihm keine einzige der von allen schon vielfach besprochenen Neuigkeiten bekannt war, ja daß er sich nicht einmal für sie interessierte und wahrscheinlich überhaupt nichts von ihnen wissen wollte. Ich sprach darauf vom Land und seinen Bedürfnissen: er hörte mir schweigend zu, doch blickte er mich dabei dermaßen sonderbar an, daß ich mich schließlich meines Gespräches schämte. Bei der Gelegenheit habe ich ihm vielleicht auch noch mit meinen Büchern und Zeitschriften tief weh getan: ich hatte sie gerade von der Post abgeholt und bot sie ihm, so wie sie waren, noch unaufgeschnitten, als Lektüre an. Er warf einen gierigen Blick auf das Paket, änderte aber sofort seine Absicht und lehnte das Angebot mit der Ausrede ab, er habe keine Zeit zum Lesen. Endlich verabschiedete ich mich. Als ich ihn verließ, fühlte ich, wie eine unerträgliche Last von meinem Herzen fiel. Ich schämte mich und es erschien mir sehr taktlos, sich einem Menschen aufzudrängen, dessen einziger Wunsch es war, soweit als möglich von aller Welt abgeschieden zu sein. Aber es war schon geschehen und nicht mehr rückgängig zu machen. Ich erinnere mich noch, daß ich bei ihm so gut wie überhaupt keine Bücher bemerkt hatte. So konnte es wohl kaum wahr sein, daß er viel las, wie man in der Stadt allgemein glaubte. Indessen hatte ich zweimal spät in der Nacht beim Vorüberfahren an seiner Wohnung noch Licht bei ihm gesehen. Was mochte er denn eigentlich tun, wenn er bis zum Sonnenaufgang nicht schlief? Schrieb er etwa? Und wenn er schrieb, – was mochte dann das wohl sein?

Die Umstände entfernten mich auf ganze drei Monate aus der Stadt. Als ich zurückkehrte, war es bereits Winter geworden, und da erfuhr ich, daß Alexander Petrowitsch im Herbst gestorben sei, gestorben wie er gelebt hatte: einsam, ohne auch nur einmal den Arzt zu sich rufen zu lassen. In der Stadt hatte man ihn schon so gut wie ganz vergessen, seine Wohnung stand leer. Da begab ich mich unverzüglich zu der Hauswirtin des Verstorbenen, in der Absicht, sie etwas auszuforschen. Ich wollte wissen, womit sich ihr Mieter vorwiegend beschäftigt und ob er nicht etwas geschrieben. Für ein Zwanzigkopekenstück brachte sie mir einen ganzen Korb voll Papiere, die der Verstorbene hinterlassen. Die Alte gestand, daß sie zwei Hefte schon verbrannt habe. Sie war ein mürrisches, schweigsames Weib, aus dem schwer etwas Gescheites herauszubekommen war. Über ihren Mieter konnte sie mir nichts Neues sagen. Nach ihren Worten hatte er fast nie etwas gearbeitet und monatelang weder ein Buch aufgeschlagen, noch die Feder in die Hand genommen; dafür sei er ganze Nächte hindurch in seinem Zimmer auf- und abgegangen, stets als dächte er über irgend etwas nach, zuweilen aber habe er sogar mit sich selbst gesprochen. Sie fügte noch hinzu, daß er ihre Großtochter, die kleine Katjä, lieb gewonnen habe und sehr gut zu ihr gewesen sei, besonders seitdem er einmal erfahren hatte, daß sie Katjä hieß, und am Katarinentag sei er regelmäßig zur Totenmesse gegangen. Besuch habe er nicht ausstehen können und sein Zimmer habe er nur verlassen, wenn er seine Privatstunden zu geben hatte. Ja er habe sogar sie, seine Hauswirtin, scheel angesehen, wenn sie einmal in der Woche gekommen sei, um sein Zimmer doch ein wenig gründlicher aufzuräumen, und gesprochen habe er mit ihr in den ganzen drei Jahren kaum ein Wort. Ich fragte auch die kleine Katjä, ob sie noch an ihren Lehrer dachte. Sie sah mich schweigend an, wandte sich dann von mir ab, zur Wand hin, und brach in Tränen aus. So hatte denn dieser Mensch doch wenigstens in _einem_ Wesen Liebe zu sich zu erwecken vermocht.

Ich nahm seine Papiere an mich und durchsuchte und ordnete sie einen ganzen Tag lang. Ungefähr drei Vierteile des Packens waren nichtssagende Papierfetzen, meistens Schreibübungen seiner Schüler. Unter ihnen aber fand ich ein Heft, ein ziemlich umfangreiches, das in kleiner Schrift sehr eng vollgeschrieben war, doch fehlte leider der Schluß – vielleicht war er aber auch schon zu Lebzeiten des Verfassers von diesem selber fortgeworfen oder vergessen worden.

Es war das die Schilderung des zehnjährigen Sträflingslebens, zu dem Alexander Petrowitsch verurteilt gewesen war. Das Ganze ziemlich zusammenhanglos. Stellenweise war die Schilderung von anderen Geschichten und Gesprächen unterbrochen, von irgend welchen seltsam grausigen Erinnerungen, alles recht unausgeglichen niedergeschrieben, fast als hätte ihn irgend etwas dazu gezwungen. Ich habe diese Bruchstücke mehrmals durchgelesen und mich überzeugt, daß sie jedenfalls in unnormalem Zustande geschrieben worden sind. Doch trotzdem schienen mir seine Aufzeichnungen – die „Aufzeichnungen aus dem Totenhause“, wie er sie selbst an einer Stelle nennt – nicht ganz uninteressant. Die für uns völlig neue, bis jetzt noch nie beschriebene Welt, die er schildert, die Seltsamkeit mancher Vorkommnisse, einige besondere Bemerkungen über das dort eingeschlossene untergegangene Volk, – alles das fesselte mich und ich las manches mit Interesse. Natürlich kann ich mich ja auch täuschen. So wähle ich denn vorläufig einige Kapitel zur Probe aus; mag dann der Leser selbst urteilen.

Erster Teil

I.

Das Totenhaus

Unser Gefängnis lag ganz am Rande der Festung, dicht am Festungswall. Zuweilen sah man so durch die Zaunspalten in Gottes weite Welt hinein: wirst du dort nicht irgend etwas sehen? – Doch was du sahst, war nur ein Stückchen Himmel und der mit Steppengras bewachsene hohe Erdwall, auf dem nur die Schildwachen tagaus, tagein und jede Nacht auf- und abgehen; und gleich darauf denkst du, daß Jahre vergehen werden, du aber immer so an den Zaun treten wirst, um wieder durch die Spalten zu lauern und immer denselben Wall, dieselben Schildwachen und dasselbe kleine Stückchen Himmel sehen wirst, nicht diesen Himmel, der über dem Gefängnis ist, sondern jenen, den anderen, fernen, freien Himmel.

Man denke sich einen großen Hof von zweihundert Schritt Länge und hundertundfünfzig Breite, der rings von einem hohen Pfahl- oder Palissadenzaun in einem unregelmäßigen Sechseck umgeben ist. Diese hohen Pfähle sind tief in die Erde eingerammt, fest aneinander gefügt, außerdem durch verbindende Querplanken noch doppelt in ihrer senkrechten Stellung gefestigt, und das obere Ende jedes Pfahles ist zugespitzt, – das ist die äußere Einfriedung eines „Ostrogg“. An einer der sechs Seiten befindet sich ein großes Tor, das stets verschlossen ist und Tag und Nacht von Schildwachen bewacht wird. Dieses Tor wurde nur früh morgens aufgemacht, wenn die Gefangenen zur Arbeit abmarschierten. Hinter diesem Tor lag die helle freie Welt, dort lebten Menschen wie alle. Aber diesseits der Umzäunung lag eine andere Welt, von der sich die übrigen Menschen nur Vorstellungen wie von einem unmöglichen Märchen machten. Hier war eine besondere Welt, die keiner einzigen anderen glich, hier gab es besondere Gesetze, besondere Tracht, besondere Sitten und Bräuche, es war ein lebendes Totenhaus, ein Leben, wie es in der Welt nirgends eines gibt, und auch die Menschen waren hier besondere. Diesen besonderen Winkel will ich nun zu beschreiben versuchen.

Wer den Ostrogg betritt, sieht innerhalb des Palissadenzauns mehrere Gebäude. Zu beiden Seiten des breiten inneren Hofes liegen zwei langgestreckte einstöckige Blockhäuser. Das sind die Kasernen. In ihnen leben die Zwangsarbeiter, die in Abteilungen untergebracht sind. Weiterhin liegt ein drittes ebensolches Blockhaus: das ist die Küche, die gleichfalls in zwei Abteilungen geteilt ist. Und ganz im Hintergrund befindet sich noch ein viertes Gebäude, in dem sich die Keller, Vorratsräume und Schuppen befinden. Die Mitte des Hofes ist frei und bildet einen gleichmäßigen, ziemlich großen Platz. Hier treten die Sträflinge zweimal täglich an, hier findet die Zählung und der Namensappell morgens, mittags und abends statt, zuweilen aber auch sonst noch ein paar Mal am Tage – je nach dem Argwohn der Wachhabenden und ihrer Übung im Zählen. Zwischen diesen Gebäuden und dem Palissadenzaun bleibt noch ein ziemlich freier Raum. Hier hinter den Blockhäusern pflegten einige von den Sträflingen, die verschlosseneren, düstereren und menschenscheueren von ihnen, sich in den arbeitsfreien Stunden aufzuhalten und ihren eigenen Gedanken nachzuhängen. Wenn ich ihnen dann begegnete, versuchte ich immer, ihre düsteren, gebrandmarkten Gesichter zu durchschauen und zu erraten, woran sie dachten. Unter ihnen gab es einen, dessen Lieblingsbeschäftigung in diesen Mußestunden das Zählen der Zaunpfähle war. Es waren im ganzen tausendfünfhundert Pfähle, er aber kannte jeden einzelnen von ihnen auswendig. Jeder Pfahl bedeutete für ihn einen Tag; an jedem Tage zählte er um einen Pfahl weiter, so daß er an den übrigen noch nicht gezählten Pfählen anschaulich sehen konnte, wieviel Tage ihm noch bis zur Freilassung blieben. Und er freute sich wie ein Kind, wenn er mit einer der Seiten des Sechseckes fertig war. Er hatte noch lange Jahre zu warten, aber im Ostrogg hatte man Zeit genug, sich an das Warten zu gewöhnen. Einmal erlebte ich, wie ein Sträfling, der zwanzig Jahre lang in der Kátorga[1] verbracht hatte, nun endlich wieder in die Freiheit zurücksollte. Einige erinnerten sich noch seiner, wie er zum erstenmal in den Ostrogg gekommen war, ein junger, sorgloser Bursche, der weder an sein Verbrechen, noch an seine Strafe dachte. Er verließ den Ostrogg als silberhaariger Greis mit einem düsteren, traurigen Gesicht. Schweigend ging er in alle unsere sechs Kasernen, um von den anderen Abschied zu nehmen. In jeder der sechs Kasernen betete er zuerst vor den Heiligenbildern, dann verneigte er sich tief vor den anderen und nahm Abschied von ihnen, mit der Bitte, seiner nicht im Bösen gedenken zu wollen. Auch entsinne ich mich noch, wie einmal ein Sträfling, der früher ein reicher sibirischer Landbauer gewesen war, in der Abendstunde noch zum Tor gerufen wurde. Ein halbes Jahr vorher hatte er die Nachricht erhalten, daß sein Weib sich wieder verheiratet habe, und da war er darüber tief traurig geworden. An diesem Abend aber war sie selbst zum Ostrogg gekommen, sie ließ ihn herausrufen und gab ihm ein Almosen. Sie sprachen vielleicht nur zwei Minuten lang, beide weinten sie, und dann nahmen sie auf ewig Abschied von einander. Ich sah sein Gesicht, als er in die Kaserne zurückkehrte. Ja, an diesem Ort konnte man es lernen, Geduld zu haben.

Sobald es dunkelte, wurden wir alle in die Kasernen geführt, wo man uns für die ganze Nacht einschloß. Es fiel mir zuerst sehr schwer, vom Hof in unsere Kaserne zurückkehren zu müssen. Das war ein langer, niedriger, drückend heißer Raum, der nur matt von Talglichten erhellt wurde, erfüllt von schwerem, erstickendem Geruch. Heute begreife ich nicht mehr, wie ich zehn Jahre lang dort habe aushalten können.

Auf der langen Pritsche, auf der wir alle in zwei Reihen schliefen, durfte ich nur drei Bretter einnehmen; das war alles, was an Platz mir gehörte. Auf dieser Pritsche schliefen in unserer Stube an dreißig Menschen. Im Winter wurden wir früh eingeschlossen, und dann dauerte es mehr als vier Stunden, bis alle eingeschlafen waren. Bis dahin aber – Geschrei, Spektakel, Gelächter, Geschimpf, das Gerassel der Ketten, Qualm und Lampenruß, geschorene Köpfe, gebrandmarkte Gesichter, zerlumpte Kleider, alles Entehrte, Verfemte ... Ja, zäh ist der Mensch! Er ist ein Wesen, das sich an alles gewöhnt – und dies ist, glaube ich, die treffendste Bezeichnung für ihn.

Im ganzen waren in unserem Ostrogg an zweihundertundfünfzig Sträflinge untergebracht, das war die fast stehende Zahl der Arrestanten. Die einen kamen, die anderen gingen, die dritten starben. Und was für Menschenarten gab es dort nicht! Ich glaube, jedes Gouvernement, jeder Landstrich Rußlands hatte seine Vertreter im Ostrogg. Auch Söhne fremder Rassen waren dort, einige sogar aus den kaukasischen Bergvölkern. Alle waren nach der Art ihres Verbrechens „sortiert“, und folglich auch nach der Zahl der Jahre, zu denen man sie verurteilt hatte. Es ist anzunehmen, daß es wohl kein Verbrechen gab, das hier nicht seinen Repräsentanten besaß. Den Hauptbestandteil der ganzen Ostroggbevölkerung machten die zur schweren Zwangsarbeit Verschickten aus (die „Schwerverschickten“, wie sie sich selbst naiv benannten). Das waren Verbrecher, die man aller Rechte beraubt hatte, verworfene Glieder der Gesellschaft mit gebrandmarkten Gesichtern, die sie ewig als Ausgestoßene kennzeichnen sollten. Sie waren auf acht bis zwölf Jahre zur Zwangsarbeit verurteilt und nach Ablauf dieser Frist wurden sie als Ansiedler in öde Gegenden verschickt. Auch gab es Verbrecher aus dem Soldatenstande, die aber nicht aller Rechte beraubt waren, wie die in den übrigen russischen Militärstrafkolonien. Sie wurden nur auf kurze Zeit verschickt und kehrten nach Ablauf ihrer Strafzeit wieder dorthin zurück, woher sie gekommen waren, in die sibirischen Linienbataillone. Viele von ihnen kamen aber bald von neuem in den Ostrogg, infolge neuer schwerer Vergehen, dann jedoch nicht mehr auf kurze Zeit, sondern auf zwanzig Jahre. Die Sträflinge dieser Abteilung nannte man die „Lebenslänglichen“. Doch selbst diese „Lebenslänglichen“ waren noch nicht aller Rechte beraubt. Und dann gab es noch eine Abteilung der gefährlichen Verbrecher, die größtenteils aus ehemaligen Soldaten bestand und recht zahlreich war. Die hieß die „besondere Abteilung“. In diese Abteilung wurden aus ganz Rußland Verbrecher geschickt. Sie hielten sich selbst für „Ewige“ und kannten nicht einmal die Dauer ihrer Zwangsarbeit. Nach der Vorschrift mußte die Zahl ihrer Arbeitsstunden verdoppelt und verdreifacht werden. Sie wurden solange im Ostrogg gehalten, bis die schwersten Zwangsarbeiten aufgenommen wurden. „Ihr habt nur Stundenarbeit, wir aber sind ewig in der Kátorga“ – sagten sie zuweilen zu den anderen Mitgefangenen. Später habe ich gehört, daß diese Abteilung aufgehoben sei. Außerdem wurde in unserer Festung zu meiner Zeit auch der Standesunterschied aufgehoben und eine allgemeine militärische Arrestantenkompagnie eingeführt. Selbstverständlich erfuhr bei der Gelegenheit auch die Oberleitung Veränderungen. So beschreibe ich denn hier noch die alten Zeiten, die schon längst vergangen und vergessen sind ...

Ja, alles, was ich hier erzähle, ist schon lange her, oft scheint es mir jetzt, daß ich es nur im Traum gesehen. Ich erinnere mich noch, wie ich zum erstenmal den Ostrogg betrat. Es dunkelte bereits, die Sträflinge kehrten schon von der Arbeit zurück und ordneten sich in Reih und Glied zur letzten Nachzählung.

Ein Unteroffizier mit einem starken Schnurrbart machte mir endlich das Tor auf, und ich betrat den Ostrogg, in dem ich soviel Jahre verbringen, soviele Empfindungen ertragen sollte, von denen ich, wenn ich sie nicht selbst durchlebt hätte, mir niemals eine auch nur annähernd richtige Vorstellung machen könnte. Zum Beispiel hätte ich mir nie denken können, wie furchtbar und qualvoll es sein würde, in den ganzen zehn Jahren meiner Sträflingszeit keinen einzigen Augenblick allein sein zu können. Bei der Arbeit stets unter Aufsicht und Bewachung, im Ostrogg stets mit zweihundertundfünfzig Schicksalsgenossen, und niemals, niemals allein! Übrigens war das nicht das einzige, woran ich mich zu gewöhnen hatte!

Hier gab es verschiedene Verbrecher, zufällige Mörder und solche, die sich das Morden zum Handwerk gemacht hatten, gewöhnliche Räuber und die Führer ganzer Räuberbanden. Darunter gab es auch einfache Spitzbuben, Taschendiebe und Landstreicher – Gewerbetreibende aller Art, Geldwechsler und Falschmünzer, wie überhaupt viele Liebhaber unverdienten Gutes. Auch gab es noch andere, bei denen es schwer war, sich vorzustellen, für welche Vergehen sie wohl verurteilt sein könnten. Und doch hatte ein jeder seine Geschichte, die dunkel und schwer war wie der Dunst am nächsten Morgen, nach einem abendlichen Saufgelage. Überhaupt wurde wenig von der Vergangenheit gesprochen, sie liebten es nicht, davon zu erzählen und waren sichtlich bemüht, auch nicht daran zu denken. Ich kannte unter ihnen Mörder, die immer heiter und überhaupt nie nachdenklich waren, und man hätte wetten können, daß ihr Gewissen ihnen noch keinen einzigen Vorwurf gemacht hatte. Es gab aber auch finstere Gesichter, Verbrecher, die fast nur schwiegen. Im allgemeinen kann man sagen, daß nur äußerst selten jemand seine Lebensgeschichte erzählte, und es war auch nicht Mode, Interesse dafür zu bekunden, – das war eben nicht Sitte, das war nicht „angenommen“. Es sei denn, daß jemand einmal so aus Langeweile zu erzählen anfing und der andere ihm kaltblütig und finster zuhörte. Niemand vermochte hier den anderen in Erstaunen zu setzen. „Wir sind geschultes Volk,“ hörte man sie nicht selten mit einer ganz eigentümlichen Selbstzufriedenheit sagen.

Ich weiß noch, wie einmal ein Räuber, der sich angetrunken – das konnte man mitunter im Ostrogg –, zu erzählen begann, wie er einen fünfjährigen Knaben ermordet hatte: zuerst habe er ihn mit einem Spielzeug angelockt, dann in einen leerstehenden Schuppen geführt und dort ermordet. Da schrie die ganze Kaserne, die bis dahin gelacht und heitere Unterhaltung geführt hatte, wie aus einem Munde auf; aber nicht etwa aus Unwillen schrieen sie, sondern so, – weil es „überflüssig“ war, „davon zu sprechen,“ weil „davon“ zu reden „nicht angenommen“ war. Ich muß hier bemerken, daß dieses Volk tatsächlich geschult war, und zwar nicht nur im übertragenen, sondern auch im buchstäblichen Sinne des Wortes, denn mindestens die Hälfte von ihnen konnte lesen und schreiben. An welch einem anderen Orte, wo russisches Volk in großen Massen versammelt ist, würde man einen Haufen von zweihundertundfünfzig Menschen abteilen können, von denen über die Hälfte zu lesen und zu schreiben verstünde? Später habe ich gehört, daß irgend ein Gelehrter auf Grund ähnlicher Tatsachen zu beweisen versucht habe, daß die Schulbildung das Volk verderbe. Das ist aber ein Irrtum: diese Tatsache beruht auf ganz anderen Ursachen, obgleich – das muß ich allerdings zugeben – die Schulbildung das Selbstvertrauen im Volke entwickelt. Aber das ist ja durchaus kein Fehler.

Die verschiedenen Klassen der Verbrecher unterschieden sich auch in der Kleidung: die einen hatten die rechte Hälfte der Jacke aus dunkelbraunem, die linke aus grauem Stoff, und ebenso war das eine Hosenbein braun, das andere grau. Einmal, als wir gerade außerhalb des Ostrogg bei der Arbeit waren, schaute mich ein kleines Mädchen, eine Semmelverkäuferin, von der wir etliche Weißbrote und Kalatschen erstanden hatten, lange Zeit aufmerksam an und brach dann plötzlich in Lachen aus:

„Pfui, wie das aussieht!“ sagte sie lachend, „der graue Stoff hat nicht ausgereicht und der braune hat auch nicht ausgereicht!“

Andere Sträflinge trugen wiederum eine graue Jacke, deren Ärmel allein aus dunkelbraunem Tuch waren. Auch der Kopf wurde verschieden geschoren: es wurde immer nur die eine Hälfte abrasiert, bei einem die ganze linke Seite, bei anderen nur der Vorderkopf.

Schon auf den ersten Blick konnte man eine gewisse Gemeinsamkeit in dieser eigenartigen Familie bemerken. Sogar die Persönlichsten, Unterschiedlichsten von ihnen, die ganz unwillkürlich über den anderen standen, – selbst diese bemühten sich, in den allgemeinen Ton des ganzen Ostrogg einzustimmen. Ich kann wohl sagen, daß dieses ganze Volk, nur mit Ausnahme weniger unerschöpflich heiterer Gemüter, die sich dafür auch der allgemeinen Verachtung erfreuten, auffallend düster, mürrisch, neidisch, unglaublich ruhmsüchtig, großsprecherisch, empfindlich und im höchsten Grade formell war. Die Fähigkeit, sich über nichts zu wundern, war bei ihnen die größte Tugend. In dieser Beziehung waren sie geradezu krankhaft. Die Hauptsache für sie war: wie man sich äußerlich benahm. Doch oftmals verwandelte sich die aufgeblasenste Haltung mit wahrer Blitzesschnelle in die allerkleinmütigste. Es gab auch einige wahrhaft Starke unter ihnen; die aber waren einfach und verstellten sich nicht. Doch eines war sonderbar! Unter diesen wahrhaft Starken gab es wiederum einige, die bis zum Äußersten ruhmsüchtig waren, bis zur Krankhaftigkeit. Überhaupt waren Ruhmsucht und das Äußere das Wichtigste im Ostrogg.

Die Mehrzahl der Sträflinge war entsetzlich verderbt. Verleumdungen und Klatschereien hörten nie auf: darin war der Ostrogg eine Hölle, eine wahre Ausgeburt der Unterwelt. Aber gegen die einmal angenommenen Sitten und Gesetze wagte niemand sich zu erheben; alle ergaben sich. Es gab wohl schroff hervortretende Charaktere, die sich schwer, die sich nur mit Mühe unterordneten, aber sie taten es doch.

Es kamen auch solche in den Ostrogg, die ihre Vergehen gewissermaßen gar nicht selbst verübt zu haben schienen, als wüßten sie selbst nicht, warum und wozu sie es getan, gleichsam im Fieber oder in der Betrunkenheit; häufig hatten sie die Tat nur aus krankhaft gesteigerter Ruhmsucht begangen. Denen wurde aber bei uns sofort ein anderer Standpunkt klar gemacht, obgleich einzelne von ihnen vor ihrer Ankunft im Ostrogg der Schrecken ganzer Dörfer und Ortschaften gewesen waren. Jeder Neuling erkannte schon bald nach der ersten Umschau, daß er nicht dorthin geraten war, wohin er zu kommen gemeint hatte, daß er hier keinen mehr in Erstaunen setzen konnte, und so fügte er sich unmerklich und stimmte in den allgemeinen Ton ein.

Dieser allgemeine Ton bestand äußerlich in einer ganz besonderen persönlichen Würde, von der fast jeder Bewohner des Ostrogg völlig durchdrungen zu sein schien, ganz als ob die Benennung „Sträfling“ oder „Verurteilter“ tatsächlich irgend ein Titel gewesen wäre, womöglich noch ein Ehrentitel. Kein einziges Anzeichen von Scham oder Reue! Übrigens gab es doch eine gewisse äußere Unterwerfung, ein sozusagen offizielles, ruhiges Renommieren.