Sämtliche Werke 18

Part 1

Chapter 13,127 wordsPublic domain

F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke

Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski, Dmitri Philossophoff und anderen herausgegeben von Moeller van den Bruck

Übertragen von E. K. Rahsin

Zweite Abteilung: Achtzehnter Band

F. M. Dostojewski

Aus einem Totenhause

München und Leipzig R. Piper & Co. Verlag

R. Piper & Co. Verlag, München und Leipzig, 1917

Copyright 1917 by R. Piper & Co., G. m. b. H., Verlag in München und Leipzig

Druck von Mänicke u. Jahn, Rudolstadt.

Inhalt

Zur Einführung. Bemerkungen über sibirische Möglichkeiten von VII Moeller van den Bruck Vorwort XV Alexander Petrowitsch Goräntschikoff 1 Erster Teil 11 1. Kap. Das Totenhaus 13 2. „ Die ersten Eindrücke 40 3. „ Die ersten Eindrücke, Fortsetzung 71 4. „ Die ersten Eindrücke, Fortsetzung 99 5. „ Der erste Monat 129 6. „ Der erste Monat, Fortsetzung 156 7. „ Neue Bekanntschaften. Petroff 181 8. „ Entschlossene Menschen. Lutschka 205 9. „ Issai Fomitsch. Das Bad. Die Erzählung Bakluschins 218 10. „ Das Weihnachtsfest 248 11. „ Die Theateraufführung 276 Zweiter Teil 313 1. Kap. Das Lazarett 315 2. „ Das Lazarett, Fortsetzung 342 3. „ Das Lazarett, Fortsetzung 368 4. „ Der Mann der Akulka. Eine Erzählung 399 5. „ Die Sommerzeit 418 6. „ Die Tiere unseres Ostrogg 448 7. „ Der Streik 471 8. „ Die Kameraden 502 9. „ Die Flucht 528 10. „ Die Entlassung aus dem Ostrogg 553

Zur Einführung. Bemerkungen über sibirische Möglichkeiten

Die Geschichte ist im Grunde eine einzige Aufeinanderfolge neuer Völkermöglichkeiten. Die Erde ist den Menschen gegeben, aber die Menschen, die Völkerbildungen, sind der Erde aufgegeben. Rassen schieben sich auf ihr durcheinander und erzeugen neue Rassen, Nationen prallen aneinander, tauchen hoch und verschwinden. Und erst dadurch, daß diese Rassen und Nationen sich äußern in Kulturen, ändert sich der Anblick der Erde. Mit dem Entstehen von Kulturen brechen Landschaften auf zu ihrer höchsten Blüte, und mit ihrem Untergange zerfallen sie in Sand und Öde. So kann man die Geschichte der Erde an ihren Völkern erkennen. Und wenn man von einem Lande, das noch nicht in die Geschichte eingetreten, doch gleichwohl vorhanden ist, voraussagen soll, ob es eine Zukunft haben wird, und welche Zukunft, so kann man die Antwort bereits herauslesen aus der Art seiner Bevölkerung. Klima, Fauna, Flora, oder was ein Volk sonst an Eigentümlichkeiten in einem Lande vorfindet, sind ihm immer nur Mittel zu seiner Kultur. Das Volk selbst dagegen ist die seelische Macht, die diesen Zweck nicht nur erreicht, sondern auch ursprünglich schafft. Und seine Zukunft kann stets nur die Vergrößerung seiner angeborenen Volksart sein, und ihre Übertragung und Anwendung auf die allgemein geschichtlichen Vorgänge und Zufälle, die es im Wandel der Entwicklung kreuzen wird. Natürlich kann es sich dabei nicht um die genaue Vorausbestimmung einzelner Daten handeln, sondern nur um die einer bestimmten Haltung, die das Volk in allen Wechselfällen einnehmen wird. Seine Art zu fühlen, zu denken, zu handeln kündigt sich früh schon an und ist dann bis zu einem gewissen Grade nicht nur unverlierbar, sondern auch bestimmend für alle Zukunft. Und ebenso scheint die Art seiner großen Männer, seiner Helden und Genies, bereits vorgebildet zu sein, nicht dem Namen und dem Geburtstag, wohl aber der Seele nach. In dem Sinne dieser Zusammenhänge sind dann die ersten aufgezeichneten Äußerungen, die wir aus einem jungen Volke heraus haben, oder mehr noch, von einem bereits höher stehenden Standpunkte aus über das Volk, so ungemein bezeichnend. Man kann ohne weiteres sagen, daß Tacitus in der „Germania“ bereits den Charakter nicht nur der Germanen überhaupt, sondern gerade auch der Deutschgermanen, im Gegensatze zu den Europagermanen der Völkerwanderung, ein- für allemal festgelegt hat. Doch ist das immerhin eine Feststellung, die wir heute, auf dem Wege des Rückschlusses, von einer Gegenwart und Wirklichkeit gewordenen Zukunft aus auf die Vergangenheit vornehmen. Einen Einblick in einen werdenden Rassecharakter dagegen können wir haben, wenn wir sehen, wie die Art der jüngsten Rasse, der Yankees, schon in den ersten Aufzeichnungen über sie, etwa im „Leben“ Franklins, mit einer unbedingten Formung, und man könnte hier wirklich sagen Vorformung, sich typisch aufbaut. Und gar in die Zukunft können wir schauen, in das Wachstum eines Volkes hinein, von dem heute kaum mehr schon vorhanden ist, als die anthropologischen Bestandteile, wenn wir Dostojewskis „Aufzeichnungen“ aus seiner sibirischen Zeit unter dem Gesichtswinkel lesen, daß auch Sibirien einmal eine Kultur haben wird, und daß das Volk, das sie zu schaffen berufen ist, nicht nur die Russen sein werden, und erst recht nicht die verschiedenen Turan-, Altan- und Mongoloidvölker, Sibiriens Urbevölkerung, sondern auch hier wieder die sich entwicklungsgeschichtlich ergebende Rassenmischung, das dereinstige Volk der Sibirier.

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Die Russen werden innerhalb dieser Rassenmischung nur die Bringer der Kultur Sibiriens sein, so, wie sie die politischen Eroberer des Landes waren. Freilich ist das ungeheuer viel, da die Russen der Kultur Sibiriens damit von vornherein den allgemeinen Rassencharakter, einen slavischen und allgemein arischen, zu geben vermögen – ganz wie einst die einbrechenden Aryas dem Industale den indischen, die Griechen Griechenland den hellenischen, die Römer Italien den lateinischen, die Germanen Mitteleuropa den germanischen Rassecharakter gegeben haben. Und geradeso, wie die geschichtlichen Arier in allen Ländern andere waren, als die frühgeschichtlichen, wie die Deutschen heute nicht mehr Germanen sind, sondern eben Deutsche, wird dann auch das Volk der Sibirier ein anderes sein, als das Volk der Russen, von dem es urväterlicherseits abstammt. Es wird ihm zunächst noch ähneln, wie heute etwa der Yankee noch dem Engländer in Äußerlichkeiten – zu denen vorläufig auch die Sprache gehört – ähnelt oder sogar gleich ist. Aber immer weiter werden sich dann die beiden Völkerbildungen voneinander entfernen. Die Gewalt der Jahrhunderte und die Not der Zeiten wird ganz verschiedene Kraftherde mit ganz verschiedener Kraftrichtung aus ihnen machen. Die politische Loslösung und Verselbständigung wird früher oder später hinzutreten. Und schließlich wird Russen und Sibirier nur noch dasjenige verbinden, was überhaupt unzerstörbar im Völkerleben ist: das Rassenhafte, das gemeinsam Slavische, und namentlich auch, im Gegensätze zu der umgebenden chinesischen und japanischen Welt, das gemeinsam Arische. Die Gründe aber einer so andersartigen Entwicklung werden teils die allgemein geschichtlichen, teils seelische gewesen sein. Die geschichtlichen Gründe kennen wir. Sie liegen in der andersartigen Vergangenheit Sibiriens. Kosakenscharen haben das Land einst erobert. Iwan dem Grausamen wurde es geschenkt. Und früh schon war fast wichtiger als seine Erschließung durch Handel und Hände Arbeit seine Verwendung als Verbannungsort. Nach Sibirien entledigte man sich der Hunderttausende von Opfern, die Rußlands dunkle und verzweiflungsvoll suchende Geschichte forderte. Russen, Polen, Finnen, Esthen, Letten, Deutsche, Schweden, ferner Angehörige der Donau-, Wolga- und Kaukasusvölker sammelten sich in den sibirischen Kolonistenstädten. Und es ist wohl ohne weiteres klar – hier gehen die geschichtlichen Gründe in die seelischen über –, daß die Bestandteile, die auf diese Weise abgestoßen wurden, auch den Persönlichkeiten nach andere sein mußten, als die, welche abstießen. Hinzukamen Bauern, welche in der Heimat darbten und nun sich aufrafften und freiwillig gingen, ferner Abenteurer, Kaufleute, Händler. Alles in allem kamen nach Sibirien die roheren, aber auch tätigeren und entschlosseneren Elemente, während die gefügigeren und feineren, aber auch untätigeren und minder entschlußkräftigen in Rußland zurückblieben. Und gesiebt und gewägt wurden die ersteren dann noch nach den Gesetzen der Auslese und der größeren Erhaltung der stärkeren Rasse. Die Schwächeren gingen unter oder paßten sich an. Die Stärkeren erhielten sich und schlugen artbestimmend in der Bevölkerung durch. „Es ist ja doch das allerbegabteste, allerstärkste Volk in unserem ganzen russischen Volke!“ rief Dostojewski aus, als er seine „Aufzeichnungen“ schloß – begeistert, und zugleich fast verzweifelnd bei dem Gedanken, daß eine so gewaltige Kraft vertan werden mußte in Gefängnissen und Strafanstalten. Er bedachte in dem Augenblick nicht, daß die Kraft, wenn sie auch oft für Jahre und Jahrzehnte gebunden bleibt in Unfreiheit und angewiesen ist auf eine scheinbar unnütze Beschäftigung, gleichwohl ihre Fortsetzung findet in der Freiheit und in dem ungeheuren Spielraum, den gerade Sibirien dem Menschen läßt. Für Dostojewski war ein Haus des Todes und des Abschlusses, was in Wirklichkeit eines des Lebens und der Zukunft ist. Solange die Verschickten in Fesseln sind, geht ihre Arbeit freilich Sibirien so gut wie verloren. Aber das Geschlecht der Verschickten, der Befreiten und ihrer Kinder und Kindeskinder, das bildet und zeugt dann die sibirische Bevölkerung, und gibt ihr eine Muskulatur und vor allem eine Sinnesart, die nur der asiatische, nicht der europäische Russe besitzt. Aus dieser Bevölkerung heraus, aus der Durcheinanderwürfelung ihrer Nationalitätenbestandteile, die dann die besten Rassebestandteile naturgemäß an die Oberschicht und hier wiederum an die vordersten Stellen wirft, ist heute schon gar manches an Menschenkraft und Menschenwillen, gar manches, was in Rußland noch immer still und gebunden liegt, in Sibirien schöpferisch und frei geworden. Die Bebauung und Durchsittung des Landes gehört selbstverständlich vor allem hierhin. Aber auch die Durchquerung des ungeheuren Gebietes durch die transsibirische Eisenbahn, die zwar von Rußland unternommen, aber von sibirischer Volkskraft und -arbeit getragen wurde, war eine wesentlich sibirische Tat, die in die Geschichte Sibiriens gehört und denn auch gerechterweise vor allem ihm zugute kommen wird. Nicht minder war der russisch-japanische Krieg ein Ereignis, das, wenn überhaupt einen Slaven, dann doch nur den Sibirier, und gerade den sibirischen Soldaten, volklich und heimatlich ergriff, und das jedenfalls nicht Rußlands, sondern immer nur Sibiriens Zukunft und Schicksal anging. Rußland wird schließlich doch immer europäische Macht bleiben und seine politischen Reibflächen und theokratischen Ziele im Balkan und in der Beherrschung Konstantinopels und höchstens noch seine mystischen Berührungen in Indien haben. Sibirien dagegen ist – man kann nicht sagen eine europäische, und man kann nicht sagen eine asiatische Macht, – sondern, jenseits des Ural und diesseits des Himalaja gelegen, von Natur durchaus bestimmt, eine Macht für sich zu sein. Rußland, das ist der tiefe Konservativismus des Slaventums. Sibirien dagegen, das ist der Umschlag dieses Konservativismus in sein Gegenteil, und die Aufsammlung und Auflösung all der revolutionären Elemente, die Rußland abstößt. Das Tiefste, was Rußland geben wird, das wird es, aus dem latenten Quietismus des Russen heraus, immer im Psychologischen und Religiösen geben. Das Beste dagegen, was Sibirien zu geben haben wird, das wird, aus der Pionierhaftigkeit seiner Bevölkerung heraus, immer Leben sein, Werk, Arbeit und eine vielleicht sogar sehr bedeutende Kultur.

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Dostojewski hatte noch nicht den sibirischen Standpunkt. Sein eigener nationaler Standpunkt war der panslavistische, und die Möglichkeit, daß der Ural einmal zwei slavische und gleichwohl völlig verschiedene Kulturwelten scheiden würde, lag außerhalb seines geschichtsphilosophischen Denkens. Er hat seine „Aufzeichnungen“ vom russischen Standpunkt aus geschrieben, und mit den russischen ohne weiteres den slavischen gleichgesetzt. Russen sind für sein Bewußtsein die Menschen, die er schildert, nicht künftige Sibirier. Und geschildert hat er sie in seiner Güte als begabt mit jener tiefen und völlig amoralischen Menschlichkeit, die wohl noch lange Sibiriern und Russen gemeinsam verbleiben und sie am längsten von anderen Nationalitäten und Rassen unterscheiden wird. Aber trotzdem geht bereits ein Unterschied durch die „Aufzeichnungen“ hindurch: schon stößt man in allem Sibirischen überall auf frische seelische Neuwerte und ahnt den Augenblick, in dem sie einmal sich selbst überlassen werden können. Von den besonderen sibirischen Aufgaben freilich erfährt man in den „Aufzeichnungen“ noch nichts, sondern nur von der besonderen Volksart. Kein sibirisches Programmbuch hat Dostojewski mit ihnen gegeben, sondern nur ein erstes anthropologisches und psychologisches Dokument für Sibirien. Trotzdem war es von innerer Schicksalsmäßigkeit, daß Dostojewski überhaupt nach Sibirien kam. Dadurch lernte der größte Russe das Land einer großen slavischen Zukunft kennen und drückte es aus – und zusammen mit dem Lande die Zukunft.

_Moeller van den Bruck._

Vorwort

Dostojewskis sibirische Verbannungsjahre waren 1849 bis 1859. In Sibirien selbst schrieb und vollendete er kaum eine Dichtung. Nach der Rückkehr wurden zunächst die beiden größeren satirisch-humoristischen Novellen „Aufzeichnungen eines Unbekannten“ und „Aus den Mordassoffschen Chroniken“ fertiggestellt, sowie der kürzere Roman „Die Erniedrigten und Beleidigten“. Sie sind aus den Jahren 1859 und 1861. In den Jahren 1860 bis 1862 folgten alsdann die „Aufzeichnungen“: „Aus einem Totenhause“, zu denen die Vorbereitungsarbeiten und ersten Skizzen freilich schon in die Zeit von Dostojewskis sibirischem Aufenthalte zurückgehen.

E. K. R.

Alexander Petrowitsch Goräntschikoff

In den entlegenen Gebieten Sibiriens stößt man zuweilen inmitten der Steppen, Berge oder undurchdringlichen Wälder auf kleine Städte von tausend, zweitausend Einwohnern, mit unansehnlichen Holzhäusern, zwei Kirchen, von denen die eine in der Stadt ist, die andere auf dem Kirchhof, – Städte, die eher einem größeren Dorf aus der Umgegend Moskaus als einer Stadt gleichen. Gewöhnlich sind sie mit Kreis-, Amts- und anderen Richtern, Assessoren und allen dazugehörigen Subalternbeamten hinlänglich versehen. Überhaupt ist der Dienst in Sibirien trotz der großen Kälte recht wohlig und angenehm. Die Menschen sind dort einfach, unliberal, die Institutionen alt, fest und durch Jahrhunderte geheiligt. Die Beamten – die mit vollem Recht die Rolle eines sibirischen Adels spielen – sind entweder einheimische, eingefleischte Sibirier oder sie sind aus Rußland übergesiedelt, größtenteils aus den Hauptstädten, aus Moskau oder Petersburg, verlockt durch den nicht auf Abschlag des etatmäßigen Gehalts ausgezahlten Vorschuß, das doppelte Reisegeld und verführerische Hoffnungen für die Zukunft. Von ihnen bleiben diejenigen, die das Rätsel des Lebens zu lösen verstehen, fast ausnahmslos in Sibirien und schlagen daselbst vollauf befriedigt Wurzel, was ihnen denn auch in der Folge reiche und süße Früchte einträgt. Die anderen dagegen, die Leichtsinnigen, die das Rätsel des Lebens nicht zu lösen verstehen, denen wird Sibirien bald langweilig, und dann pflegen sie sich vorwurfsvoll zu fragen, warum sie überhaupt dorthin gefahren sind. Ärgerlich und ungeduldig dienen sie die drei Jahre, ihre gesetzliche Dienstzeit, ab, bemühen sich nach deren Ablauf unverzüglich um ihre Versetzung und kehren, Sibirien verfluchend und verspottend, wieder in die Heimat zurück. Nur ist das durchaus unrecht von ihnen, denn nicht nur als Beamter, sondern noch in mancher anderen Beziehung kann man in Sibirien Glückseligkeit genießen. Das Klima ist vorzüglich, es gibt dort viele außerordentlich reiche und gastfreundliche Kaufleute, viele sehr wohlhabende Leute auch unter den sibirischen Fremdvölkern. Die Damen blühen wie die Rosen und sind sittlich bis zum Äußersten. Das Wild fliegt in den Straßen umher und stößt von selbst auf die Jäger. Champagner wird unheimlich viel getrunken. Der Kaviar ist wunderbar. Die Ernte bringt in manchen Gegenden das Fünfzehnfache ein. Kurz, – es ist ein gesegnetes Land. Man muß nur verstehen, dasselbe sich nutzbar zu machen. Und in Sibirien versteht man’s.

In einem dieser lebenslustigen und zufriedenen Städtchen mit der liebenswürdigsten Einwohnerschaft, die ich nie werde vergessen können, war’s, daß ich Alexander Petrowitsch Goräntschikoff kennen lernte, einen daselbst angesiedelten, aus Rußland gebürtigen Edelmann und Gutsbesitzer, der nach der Ermordung seiner Frau Zwangsarbeiter zweiter Klasse gewesen, und nun, nach Ablauf seiner Strafzeit von zehn Jahren, still und verborgen sein Leben als Ansiedler in der Stadt K. zu Ende lebte. Er war zwar einem nahegelegenen Amtsbezirk zugeteilt worden, doch lebte er trotzdem in der Stadt, da er hier die Möglichkeit hatte, durch Privatstunden wenigstens etwas für seinen Unterhalt zu verdienen. Solche Lehrer, die einmal Zwangsarbeiter gewesen sind und sich später als Ansiedler niedergelassen haben, sind keine Seltenheit in den sibirischen Städten. Gewöhnlich unterrichten sie in der französischen Sprache, die ja zum irdischen Leben so unumgänglich nötig ist, von der man aber ohne diese zufälligen Lehrer in jenen fernen Gebieten kaum eine Vorstellung hätte.

Das erstemal sah ich Alexander Petrowitsch im Hause des alten, sehr verdienten Iwan Iwanytsch Grosdikoff, eines äußerst gastfreundlichen hohen Beamten, der außerdem Vater von fünf Töchtern verschiedenen Alters war, von Töchtern, die zu den schönsten Hoffnungen berechtigten. Diesen jungen Damen erteilte Alexander Petrowitsch französischen Unterricht, und zwar viermal wöchentlich, die Stunde für dreißig Kopeken in Silber. Mich interessierte sofort sein Äußeres. Er war ein auffallend bleicher und hagerer Mensch, noch nicht alt – ich schätzte ihn auf ungefähr fünfunddreißig Jahre – klein und schwächlich. Gekleidet war er stets sehr sauber und nach europäischer Mode. Versuchte man mit ihm ein Gespräch anzuknüpfen, so blickte er einen unablässig und sehr aufmerksam an, vernahm mit strenger Höflichkeit, was man zu ihm sprach, als dächte er über jedes Wort nach und als hätte man ihm mit der harmlosen Frage eine schwere mathematische Aufgabe aufgegeben oder als wolle man ihm irgend ein Geheimnis entlocken, bis er dann endlich antwortete, klar und bestimmt, aber jedes Wort so abwägend, daß es einem plötzlich aus irgend einem Grunde ungemütlich wurde und man schließlich froh war, wenn man das Gespräch nicht weiterzuführen brauchte. Ich erkundigte mich gleich darauf bei Iwan Iwanytsch nach ihm und erfuhr, daß Goräntschikoff tadellos und sittlich lebe und daß anderenfalls Iwan Iwanytsch ihn, wie es sich von selbst verstehe, niemals aufgefordert haben würde, seine Töchter zu unterrichten. Er sei aber ungewöhnlich menschenscheu, ziehe sich von allen zurück, sei sehr gelehrt, lese sehr viel, spreche jedoch um so weniger und es sei überhaupt sehr schwierig, mit ihm ein Gespräch zu führen. Manche wiederum versicherten, er sei positiv übergeschnappt, gaben aber zu, daß diese Eigenschaft noch kein so großes Gebrechen wäre. Auch hörte ich, daß viele der angesehensten Familien der Stadt Alexander Petrowitsch gern liebevoll aufnehmen würden, daß er sogar nützlich sein könne, Bittschriften verfassen u. a. m. Man war der Meinung, daß er in Rußland keine geringe Verwandtschaft habe, vielleicht sogar längst nicht mit den letzten Leuten verschwägert sei, doch wußte man gleichzeitig, daß er seit seiner Verbannung alle Beziehungen zu seinen Angehörigen abgebrochen hatte, – kurz, daß er sich selbst schade. Zudem war seine Lebensgeschichte allgemein bekannt, und so erfuhr ich, daß er seine Frau im ersten Jahr der Ehe aus Eifersucht erschlagen und sich selbst dem Gericht angezeigt habe – weswegen er denn auch nur zu zehn Jahren verurteilt worden war. Solche Verbrechen werden immer nur als Unglücksfälle betrachtet und man bedauert die „Unglücklichen“. Doch ungeachtet dessen mied der Sonderling alle und jeden und erschien unter Menschen nur dann, wenn er Stunden zu geben hatte.

Ich kann nicht sagen, daß ich ihm von Anfang an besondere Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Mit der Zeit aber fing er an, mich zu interessieren, – warum, weiß ich eigentlich selbst nicht. Es war etwas Rätselhaftes an ihm. Ihn in ein Gespräch zu ziehen, war vollkommen unmöglich. Natürlich! auf meine Fragen antwortete er jedesmal, und er tat es sogar in einer Weise, als hätte er das Antworten für seine heiligste Pflicht gehalten; nichtsdestoweniger fühlte ich mich nach einer solchen Antwort gewissermaßen befangen, so daß ich es vorzog, weitere Fragen zu unterlassen; und zudem erschien nach solchen paar Worten immer ein Ausdruck von Leid und Abspannung in seinem Gesicht. Ich erinnere mich noch, wie ich einmal an einem wundervollen Sommerabend zusammen mit ihm von Iwan Iwanytsch nach Hause ging. Plötzlich fiel es mir ein, ihn auf einen Augenblick zu einer Zigarette zu mir einzuladen. Es ist schwer zu beschreiben, welch ein Entsetzen sich in seinem Gesicht ausdrückte. Er war völlig fassungslos, murmelte ein paar unzusammenhängende Worte und plötzlich stürzte er, nach einem wütenden Blick auf mich, in der entgegengesetzten Richtung davon.

Ich wunderte mich. Seit der Zeit bemerkte ich, daß er jedesmal, wenn er mich erblickte, zu erschrecken schien. Aber ich ließ nicht nach; es zog mich etwas zu ihm, und eines Tages, ungefähr nach einem Monat, machte ich mich auf und ging zu ihm hin. Das war natürlich recht dumm und taktlos von mir. Goräntschikoff wohnte am äußersten Ende der Stadt bei einer alten Kleinbürgerin, bei der außer ihm noch ihre schwindsüchtige Tochter lebte. Diese Tochter hatte ein illegitimes Kind, ein nettes, lustiges kleines Mädchen von zehn Jahren.