Sämtliche Werke 18

Part 36

Chapter 363,677 wordsPublic domain

Doch sein schöner Traum verwirklichte sich nicht: es kam nicht zur Heirat, obschon er sich bis zur Beendung des Anstriches völlig dazu entschlossen hatte. Anstatt vor den Altar kam er vor ein Gericht und erhielt den Wink, seinen Abschied zu nehmen. Bei dieser Gelegenheit wurden dann alle seine alten Sünden aufgedeckt. Früher war er in der Stadt, wenn ich mich nicht täusche, Polizeimeister gewesen ... Der Schicksalsschlag traf ihn vollkommen unerwartet. Im Ostrogg freute man sich unbeschreiblich über seinen Abgang: als die Nachricht kam, wurde der Tag sofort zum Fest, zum Triumphtage! Man erzählte, der Major habe wie ein altes Weib geweint und geschrien, doch war jetzt nichts mehr zu ändern. Er trat aus dem Dienst, verkaufte seine beiden Schimmel und mit der Zeit sein ganzes Hab und Gut und soll später in Armut gelebt haben. Wir begegneten ihm einmal: er trug einen schäbigen Überzieher und eine Mütze mit einer Kokarde. Haßerfüllt blickte er auf den Arrestantentrupp. Mit seiner ganzen Zaubermacht war es vorüber, seitdem er den Waffenrock abgelegt hatte: in diesem war er ein Gewitter, ein Gott gewesen; im Überzieher aber wurde er plötzlich ganz nichtssagend und erinnerte an einen alten Diener. Es ist wirklich sonderbar, wieviel bei solchen Menschen die Uniform ausmacht.

IX.

Die Flucht

Bald nach der Absetzung unseres Platzmajors erlebten wir große Veränderungen in unserem Ostrogg. Die Kátorga wurde aufgehoben und an ihrer Stelle eine Arrestantenkompagnie unter Militärverwaltung eingeführt, nach dem Muster der russischen Arrestantenkompagnien. Das bedeutete, daß von nun an keine Verbannten der zweiten Klasse mehr in unseren Ostrogg kamen, sondern nur noch militärische Sträflinge, also Leute, die nicht aller Rechte beraubt waren, die Soldaten wie alle anderen Soldaten waren, nur daß sie sich ein Vergehen hatten zu schulden kommen lassen, dafür bestraft und zu einer verhältnismäßig kurzen Zeit verurteilt worden waren (sechs Jahre waren das höchste) und nach ihrem Austritt aus dem Ostrogg wieder in ihre Bataillone als Gemeine zurückkehren konnten. Nur diejenigen, welche dann zum zweitenmal etwas verbrochen hatten, wurden wie früher zu zwanzig Jahren verurteilt.

Wir hatten auch vordem schon eine Militärabteilung gehabt, doch hatte sie nur deshalb bei uns gelegen, weil man sie sonst nirgendwo hatte unterbringen können. Jetzt aber wurde der ganze Ostrogg zu einer solchen Militärabteilung. Doch blieben die früher hierher geschickten Zwangsarbeiter, die aller Rechte beraubt und gebrandmarkt waren, und deren eine Kopfhälfte von der Stirn bis zum Nacken rasiert wurde, bis zum Ablauf ihrer Strafzeit in unserem Ostrogg. Neue dagegen kamen nicht hinzu, die Zahl der vorhandenen verringerte sich mit jedem Jahr, so daß nach zehn Jahren der letzte seine Frist im Ostrogg abgebüßt haben würde. Nur die besondere Abteilung blieb bestehen und in diese wurden nach wie vor schwere Verbrecher aus dem Militär geschickt – „bis zur Einführung der schwersten Zwangsarbeiten in Sibirien“. So kam es denn, daß sich das Ostroggleben für uns genau genommen ohne jede Veränderung fortsetzte: dieselbe Kost, dieselbe Arbeit, fast auch dieselbe Ordnung, nur das Oberkommando hatte sich verändert und war komplizierter geworden. Wir hatten jetzt einen Kompagniechef, einen Stabsoffizier und dann noch vier Leutnants, die abwechselnd im Ostrogg die Wache bezogen. Die Invaliden wurden durch zwölf Unteroffiziere und einen Oberaufseher ersetzt. Wir wurden in Abteilungen zu je zehn Mann eingeteilt, für sie wurden Gefreite aus den Sträflingen ernannt, natürlich nur nominell, und selbstverständlich gehörte jetzt auch Akim Akimytsch zu den Gefreiten. Diese ganze neue Institution sowie der ganze Ostrogg mit allen seinen Aufsehern und Sträflingen unterstand auch jetzt dem Festungskommandanten als höchstem Befehlshaber. Und das war schließlich alles.

Natürlich regten sich die Sträflinge anfangs mächtig auf, es wurde viel über die Neuerungen gesprochen, gestritten, man versuchte, das bevorstehende zu erraten, die neuen Vorgesetzten zu kritisieren. Als man aber sah, daß in Wirklichkeit alles beim alten blieb, da beruhigte man sich im Augenblick und unser Leben nahm wieder seinen alten Gang. Doch die Hauptsache war, daß man uns von unserem früheren Major erlöst hatte: alle schienen jetzt aufzuatmen und neuen Mut zu schöpfen. Das Verschüchterte war verschwunden, ein jeder wußte jetzt, daß er im Notfall mit seinem Vorgesetzten persönlich sprechen, daß man höchstens aus Versehen einen Unschuldigen bestrafen konnte. Selbst der Branntwein wurde bei uns unter genau denselben Bedingungen weiterverkauft, wie früher, obgleich wir doch jetzt an Stelle der gutmütigen Invaliden Unteroffiziere hatten. Diese Unteroffiziere waren, wie es sich zeigte, anständige und vernünftige Leute, die ihre Stellung schließlich ganz gut begriffen. Einige von ihnen zeigten zu Anfang allerdings die Absicht, als Vorgesetzte aufzutreten, und glaubten in ihrer Unerfahrenheit, mit den Arrestanten wie mit Soldaten umgehen zu können. Doch auch sie begriffen bald, daß es sich hier um etwas anderes handelte. Anderen, die es nicht sobald begreifen wollten, wurde der Standpunkt von den Sträflingen selbst klargemacht. Mitunter geriet man sogar ziemlich scharf aneinander: man verleitete z. B. einen Unteroffizier zum Mittrinken, machte ihn trunken, und nachher „erinnerte“ man ihn daran – natürlich auf eigene Art –, daß er mit ihnen gezecht hatte und ... folglich ... Es endete damit, daß die Unteroffiziere sich gleichgültig zu dem Branntweinverkauf verhielten, oder richtiger, sich bemühten, gar nicht zu sehen, wie man die Branntweinschläuche durchschmuggelte und verkaufte. Ja schließlich gingen auch sie, ganz wie früher die Invaliden, auf den Markt und kauften für die Sträflinge Semmeln, Rindfleisch und was diese sonst noch brauchten, – alles, was sie ohne große Verantwortung ihnen verschaffen konnten. Aus welchem Grunde diese ganze Neuerung eingeführt worden war, vermag ich nicht zu sagen. Es geschah dies in den letzten Jahren meiner Strafzeit. Zwei Jahre mußte ich noch unter den neuen Verhältnissen im Ostrogg zubringen ...

Ich denke natürlich nicht daran, alles aus diesem Leben im Ostrogg, von jedem einzelnen Jahr zu berichten. Wollte ich der Reihe nach alles erzählen, was ich dort in der Zeit gesehen, erlebt und empfunden habe, so müßte ich drei-, wenn nicht viermal soviel schreiben, als ich bis jetzt schon geschrieben habe. Und eine solche Beschreibung würde schließlich unwillkürlich eintönig wirken. Alle meine Erlebnisse würden doch zu sehr auf einen Ton gestimmt sein, namentlich wenn der Leser nach dem bereits Geschriebenen sich schon ein einigermaßen richtiges Bild von dem Leben unserer sibirischen Sträflinge der zweiten Klasse gemacht hat. Ich wollte unseren ganzen Ostrogg und alles, was ich in diesen Jahren dort durchlebt habe, in einem anschaulichen und möglichst klaren Bilde zeigen, doch ob es mir auch gelungen ist – das weiß ich nicht. Vielleicht steht es nicht mir zu, darüber zu urteilen. Doch wie dem auch sei, jedenfalls glaube ich, daß ich hiermit schließen kann; zudem überkommt mich selbst in der Erinnerung an jenes Leben die alte Qual. Und dann – wie könnte ich mich jetzt noch aller Einzelheiten in der richtigen Reihenfolge entsinnen? Die späteren Jahre sind in meinem Gedächtnis fast wie ausgelöscht. Vieles habe ich sicherlich ganz vergessen. Ich entsinne mich nur noch, daß alle diese Jahre, die im wesentlichen einander so ähnlich waren, daß man sie kaum unterscheiden konnte, träge und langweilig vorüberzogen. Ich weiß nur noch, daß diese langen, langweiligen Tage so einförmig waren und so langsam vergingen, wie nach einem Regen das Wasser vom Dach in langsamen Tropfen herabtropft. Ich weiß noch, daß nur der leidenschaftliche Wunsch nach Auferstehung, nach Erneuerung, nach neuem Leben mich im Warten stärkte und mich noch hoffen ließ. Und schließlich erstarkte ich: ich wartete, ich zählte jeden Tag, und wenn ihrer auch noch Tausende nachblieben, so zählte ich doch mit Wonne jeden einzelnen ab, begleitete, begrub ihn, und freute mich beim Anbruch des neuen Tages, daß mir jetzt nicht mehr tausend, sondern nur noch neunhundertneunundneunzig bevorstanden. Ich weiß noch, daß ich in dieser ganzen Zeit trotz der Hunderte von Kameraden, stets einsam war, und daß ich zum Schluß diese Einsamkeit lieb gewann. In dieser geistigen Einsamkeit durchlebte ich von neuem mein ganzes Leben, ich untersuchte alles bis zur letzten Einzelheit in ihm, ich dachte über alles und jedes nach, ich kritisierte meine ganze Vergangenheit, hielt streng und unerbittlich über mich selbst Gericht, und in mancher Stunde segnete ich die Vorsehung dafür, daß sie mir diese Einsamkeit geschickt hatte, ohne die ich niemals zu diesem Gericht über mich selbst gekommen wäre, zu dieser strengen Kritik meines früheren Lebens. Und mit welchen Hoffnungen füllte sich mein Herz doch damals! Ich wollte, ich beschloß, ich schwor mir, daß es in meinem neuen Leben nicht mehr jene Fehler, jene Fehltritte geben sollte, die früher von mir begangen worden waren. Ich entwarf ein vollständiges Programm für mein zukünftiges Leben und ich nahm mir fest vor, ihm treu zu folgen. Ein blinder Glaube war in mir, daß ich das alles erfüllen würde und auch erfüllen könnte ... Ich erwartete sehnsüchtig die Freiheit, ich rief sie schneller herbei: ich wollte mich von neuem erproben, im neuen Kampf. Bisweilen ergriff mich eine krampfhafte Ungeduld ... Doch ist es mir schmerzlich, jetzt an meinen Seelenzustand in jener Zeit zu denken. Natürlich geht das nur mich allein an ... Ich habe es ja nur geschrieben, weil ein jeder es begreifen und wohl dasselbe durchmachen wird, der in der Blüte seiner Kraft auf Jahre in ein Gefängnis muß.

Doch wozu davon reden! ... Es ist besser, ich erzähle noch etwas, um nicht gar so schroff abzuschließen.

Es fällt mir soeben ein, daß man ja verwundert fragen könnte, ob denn niemand entflohen ist oder niemand in dieser ganzen Zeit wenigstens einen Fluchtversuch gemacht hat? Ich habe schon gesagt, daß ein Sträfling, der zwei oder drei Jahre bereits im Ostrogg gewesen ist, diese Zeit unwillkürlich zu schätzen beginnt und zu der Ansicht kommt, daß es denn doch klüger ist, auch die anderen Jahre ohne Scherereien, ohne Wagnisse zu verbüßen und dann gesetzmäßiger Kolonist zu werden. Doch diese Berechnung hat nur einer, der nicht zu sehr langer Strafzeit verurteilt ist. Ein zu vielen Jahren Verurteilter dagegen ist fast immer geneigt, das Wagnis zu versuchen ... Nur schien es bei uns eben nicht Sitte zu sein, zu entfliehen. Ob man nun zu ängstlich dazu war, oder ob die militärische Aufsicht gar zu streng oder die Lage unserer Stadt ungeeignet schien (auf der einen Seite die nackte Steppe, auf der anderen die Wälder erst in ziemlicher Entfernung) – das ist schwer zu sagen. Ich glaube, alle diese Gründe wirkten zusammen, und so verging ihnen die Lust dazu. Es war bei uns tatsächlich ziemlich schwer, zu entfliehen. Aber dennoch geschah es einmal: zwei von uns wagten es; sie waren beide zu vielen Jahren verurteilt ...

Nach dem Abgang unseres Majors war A–ff – der für ihn im Ostrogg spioniert hatte – völlig allein und seines Gönners beraubt. Er war ein noch junger Mensch, doch sein Charakter festigte sich mit den Jahren und wurde stärker, bestimmter. Überhaupt war er ein dreister, entschlossener und sogar reiflich überlegender Mensch. Wenn er auch fortfuhr, bei uns zu spionieren, und sicherlich mit verschiedenen lichtscheuen Dingen Handel getrieben haben würde, wenn man ihn wieder in Freiheit gesetzt hätte, so ist es doch anzunehmen, daß er jetzt nicht mehr so dumm und unbedachtsam hereingefallen wäre, wie zum erstenmal, als er für seine Dummheit in den Ostrogg gekommen war. Ich glaube, er hatte sich bei uns mittlerweile im Ausstellen falscher Pässe geübt; doch will ich es nicht gar zu positiv behaupten: ich habe es nur von den anderen Sträflingen erzählen gehört. Man sagt, er habe sich darin schon damals geübt, als er zum Platzmajor ging, und natürlich wird er daraus den größtmöglichen Nutzen gezogen haben. Jedenfalls war er ein Mensch, der sich zu allem entschließen konnte, um sein „Schicksal zu wechseln“. Ich hatte Gelegenheit, ihn gründlich kennen zu lernen: sein Zynismus ging bis zur empörendsten Frechheit, bis zum kältesten Spott und erregte in mir unüberwindlichen Ekel. Ich glaube, wenn er einen Schluck Branntwein hätte trinken wollen, dieser aber nicht anders als durch die Ermordung eines Menschen zu erlangen gewesen wäre, so hätte er unfehlbar diesen Menschen erschlagen – wenn es sich heimlich tun ließ, so daß niemand etwas davon erfuhr. Im Ostrogg hatte er das Berechnen gelernt.

Auf diesen Menschen nun hatte der Sträfling der besonderen Abteilung Kulikoff seine Aufmerksamkeit gelenkt.

Von diesem Kulikoff habe ich schon mehrmals gesprochen. Er war nicht mehr jung, doch leidenschaftlich, zäh, stark und erfreute sich verschiedener außerordentlicher Fähigkeiten. Es stak viel Kraft in ihm und er wollte unbedingt noch einmal in Freiheit „leben“. Leute seines Schlages wollen noch im höchsten Alter „leben“. Wenn ich mich darüber gewundert hätte, daß bei uns niemand einen Fluchtversuch machte, so hätte ich dabei zuerst wohl an Kulikoff gedacht. Und richtig: es war Kulikoff, der sich dazu entschloß. Wer von beiden den größeren Einfluß auf den anderen besaß – A–ff auf Kulikoff oder dieser auf ihn? – vermag ich nicht zu sagen, jedenfalls aber waren beide einander wert und eigneten sich vorzüglich zur Ausführung ihrer Idee. Sehr bald hatten sie sich angefreundet. Ich glaube, Kulikoff hatte darauf gerechnet, daß A–ff die falschen Pässe anfertigen würde. A–ff war adlig, gehörte zur guten Gesellschaft – das verhieß eine gewisse Abwechselung für die zukünftigen Abenteuer. Wenn man sich nur erst nach Rußland durchschlagen könnte! Wer weiß es, wie sie sich verabredet und welche Hoffnungen sie gehabt haben; sicherlich aber gingen diese Hoffnungen über den Horizont der gewöhnlichen sibirischen Landstreicher hinaus. Kulikoff war ein gebotener Schauspieler, er konnte viele und die verschiedensten Rollen im Leben spielen, er konnte mit Recht auf vieles hoffen, zum mindesten auf Abenteuerlichkeit in seinem Leben. Solche Leute mußten sich im Ostrogg unwillkürlich wie lebendig begraben fühlen. Und so verabredeten sich die zwei, zu entfliehen.

Nun war es aber unmöglich, die Flucht ohne einen Eskortesoldaten auszuführen. Es hieß also, einen Soldaten überreden.

In einem der Bataillone, die in der Festung lagen, diente ein Pole, ein energischer Mensch, der eigentlich ein besseres Schicksal verdient hatte, nicht mehr jung, ernst und tapfer. In der Jugend war er sogleich nach seiner Ankunft in Sibirien aus Heimweh entflohen. Man hatte ihn wieder eingefangen, bestraft und auf zwei Jahre in die Strafkompagnie gesteckt. Als er dann wieder ins Bataillon zurückgekehrt war, hatte er sich bedacht und seine Zeit gewissenhaft abzudienen begonnen. Dafür war er bald zum Gefreiten befördert worden. Er war ein ehrgeiziger, selbstbewußter Charakter: er blickte und sprach wie einer, der seinen eigenen Wert kennt. Ich sah ihn ziemlich oft unter unseren Eskortesoldaten und auch die Polen hatten mir schon einiges von ihm erzählt. Es schien mir, daß sein früheres Heimweh sich in ihm mit der Zeit in versteckten, dumpfen, ewigen Haß verwandelt hatte. Dieser Mensch konnte sich gleichfalls zu allem entschließen, und Kulikoff täuschte sich nicht, wenn er ihn zum Spießgesellen erwählte. Sein Familienname war Koller. Sie verabredeten sich alle drei und bestimmten auch den Tag dazu. Es war im Juni in der heißen Zeit. Das Klima Sibiriens ist ziemlich gleichmäßig: im Sommer ist das Wetter fast unveränderlich heiß, was ja dem Landstreicher sehr zustatten kommt. Natürlich konnten sie nicht direkt aus der Festung entfliehen: die ganze Stadt liegt gänzlich frei, ist von allen Seiten offen. Die Wälder beginnen erst in einiger Entfernung, die für den Flüchtling immerhin ziemlich groß ist. Ferner mußten sie sich erst umkleiden und zu dem Zweck auf unauffällige Weise in die Vorstadt gelangen, wo Kulikoff schon seit langer Zeit einen Zufluchtsort hatte. Ich weiß nicht einmal, ob ihre Freunde dort in der Vorstadt in das Geheimnis eingeweiht waren. Es ist freilich anzunehmen, daß sie es waren, obgleich es späterhin nicht ganz zu erweisen war. In jenem Jahr hatte in einem Winkel der Vorstadt ein junges und recht hübsches Mädchen, das Wanjka-Tantka genannt wurde, eine besondere Betätigung begonnen und berechtigte zu großen Hoffnungen, die sie in der Folge auch teilweise erfüllte. Sie wurde „die Flamme“ genannt. Wie mir scheint, hatte auch sie hier ihre Hand mit im Spiel, denn Kulikoff war von ihr schon ein ganzes Jahr lang geplündert worden.

Unsere beiden Flüchtlinge verließen an einem Morgen wie gewöhnlich den Ostrogg, um sich zur Arbeit zu begeben, hatten es jedoch so eingerichtet, daß man sie mit dem Sträfling Schilkin, einem Ofensetzer und Stuckateur, in eine leerstehende Bataillonskaserne schickte, aus der Soldaten vor längerer Zeit ins Manöver ausgezogen waren. A–ff und Kulikoff wurden mit Schilkin als Handlanger mitgeschickt. Koller stellte sich zu ihnen als Eskorte; da aber drei Sträflinge zwei Mann als Bedeckung erforderten, so wurde dem Koller, als altem Soldaten und Gefreiten, auf dessen Vorschlag gern nur ein junger Rekrut mitgegeben, damit dieser das Eskortieren und Bewachen lerne. Daraus ersieht man, einen wie ungeheuren Einfluß unsere Flüchtlinge auf Koller gehabt haben müssen, wenn er ihnen aufs Wort geglaubt und sich nach langjährigem und in der letzten Zeit erfolgreichem Dienst, als kluger, solider und überlegungsfähiger Mensch der er war, entschlossen hatte, ihnen zu folgen.

Um sechs Uhr morgens langten sie in der Kaserne an. Außer ihnen war dort niemand. Nachdem sie ungefähr eine Stunde gearbeitet hatten, sagten Kulikoff und A–ff dem Schilkin, daß sie in die Werkstätte gehen würden, erstens um dort jemand zu sprechen, und zweitens um bei der Gelegenheit auch noch ein Werkzeug von dort mitzunehmen, das ihnen hier fehlte. Mit Schilkin mußte man schlau umgehen und so natürlich als möglich. Er war Moskauer, Ofensetzer von Beruf, ein Typ der Moskauer Kleinbürger, schlau, hinterlistig, klug und wenig gesprächig. Äußerlich war er ein schwächliches und ausgemergeltes Kerlchen. Man sollte meinen, daß die Natur ihn dazu bestimmt hatte, bis an sein Lebensende in Rock und Weste nach Moskauer Art zu gehen, doch siehe, das Schicksal hatte es anders gewollt, und er hatte sich nach langen Irrfahrten bei uns in der besonderen Abteilung auf ewig niedergelassen, als einer der größten militärischen Verbrecher. Womit er sich diese Laufbahn verdient hatte, ist mir unbekannt; eine besondere Unzufriedenheit mit ihr ist mir jedoch nie an ihm aufgefallen. Er führte sich ruhig und gleichmäßig auf, und betrank er sich zuweilen auch wie ein Schuster, so benahm er sich doch selbst im Rausch noch gut. Er wußte natürlich nichts von dem Vorhaben der anderen, doch mußten sie vorsichtig sein, denn er hatte scharfe Augen. Es versteht sich wohl von selber, daß Kulikoff ihm durch einen Wink zu verstehen gab, weshalb sie eigentlich gingen: doch nur um den Branntwein, der schon seit gestern dort verborgen sei, abzuholen! Das rührte Schilkin: er ließ sie ohne jeden Argwohn fortgehen und blieb mit dem jungen Rekruten zurück, Kulikoff, A–ff und Koller jedoch begaben sich geradenwegs in die Vorstadt.

Es verging eine halbe Stunde: sie kehrten nicht zurück. Das machte Schilkin plötzlich stutzig und er begann nachzudenken. Jetzt entsann er sich, daß Kulikoff bei auffallend guter Laune gewesen war und A–ff zweimal mit ihm geflüstert hatte, wenigstens hatten sie sich beide wiederholt zugeblinzelt, – das hatte er bemerkt und dessen entsann er sich jetzt deutlich. Auch Koller war anders gewesen als sonst: warum hatte er zum Beispiel vor dem Fortgehen dem Rekruten eine solche Predigt gehalten: was er in seiner, Kollers, Abwesenheit zu tun habe? Das war zum mindesten von Koller etwas unnatürlich. Mit einem Wort, je mehr Schilkin sich die Sachlage vergegenwärtigte, um so verdächtiger erschien sie ihm. Inzwischen verging die Zeit, die drei aber kehrten noch immer nicht zurück, und Schilkins Unruhe wuchs mit jeder Minute ... Er begriff nur zu gut, wieviel er dabei selbst zu fürchten hatte, denn auf ihn konnte sehr leicht der Verdacht der Vorgesetzten fallen. Man konnte denken, daß er die Kameraden wissentlich habe entlaufen lassen, nach gemeinsamer Abmachung, und daß dieser Verdacht, wenn er nicht sofort von dem Vorgefallenen Mitteilung machte, noch an Wahrscheinlichkeit gewinnen würde. Er durfte also keine Zeit verlieren. Jetzt erinnerte er sich auch, daß Kulikoff und A–ff in der letzten Zeit ganz besonders eng miteinander befreundet gewesen, daß sie oft die Köpfe zusammengesteckt und getuschelt hatten, und fern von allen anderen hinter den Kasernen hin- und hergegangen waren. Ja, es fiel ihm sogar ein, daß er schon früher sich etwas in Bezug auf die beiden gedacht hatte ... Forschend blickte er auf seinen Eskortesoldaten: der stand, auf sein Gewehr gestützt, gähnte und reinigte sich in der unschuldigsten Weise mit dem Finger die Nase, so daß Schilkin ihn nicht einmal der Mitteilung seiner Gedanken für würdig hielt, sondern dem Burschen einfach befahl, ihm in die Militärwerkstätte zu folgen. Dort mußte er sich erkundigen, ob sie dagewesen waren. Er ging hin, fragte, doch niemand hatte sie dort gesehen. Jetzt gab es für Schilkin keinen Zweifel mehr.

„Wären sie nur in die Vorstadt gegangen,“ dachte er, „um dort zu trinken und sich zu amüsieren, wie Kulikoff das zuweilen tut, so hätten sie sich doch nicht unter einem falschen Vorwand aus dem Staube gemacht. Dann hätten sie es mir doch gesagt!“

So verließ denn Schilkin die Werkstätte und begab sich – nicht zu seiner Arbeit zurück, sondern direkt in den Ostrogg.

Es war schon fast neun Uhr, als er beim Feldwebel erschien und diesem meldete, was vorgefallen war. Der Feldwebel erschrak und wollte ihm zuerst kaum glauben. Schilkin hatte es ihm allerdings nur als Verdacht, als Möglichkeit mitgeteilt. Dann aber eilte der Feldwebel doch zum Major, der Major sofort zum Festungskommandanten, und nach einer Viertelstunde waren alle notwendigen Maßregeln getroffen. Der Generalgouverneur wurde gleichfalls benachrichtigt. Es waren wichtige Verbrecher und man konnte sich ihretwegen aus Petersburg viele Unannehmlichkeiten holen.

A–ff wurde zu den „Politischen“ gerechnet – obgleich er doch nur andere Politische anzuzeigen versucht hatte –, und Kulikoff gehörte zur besonderen Abteilung, war also ein „Erzverbrecher“, und dazu noch ein militärischer. Bis dahin war es noch nie vorgekommen, daß jemand aus der besonderen Abteilung entflohen wäre. Nun kam noch hinzu, daß nach der Vorschrift jeder Arrestant der „besonderen“ von zwei Soldaten begleitet werden mußte, oder wenn ihrer mehr waren, von je einem – diese Vorschrift war aber im vorliegenden Fall nicht eingehalten worden. Kurz, die Sache war sehr unangenehm. Man sandte sofort reitende Boten in alle umliegenden Dörfer, Kosaken wurden zur Verfolgung ausgesandt, man schrieb an alle benachbarten Kreise und Gouvernements – mit einem Wort, man war sehr besorgt und tat sein Möglichstes.

Währenddessen herrschte bei uns im Ostrogg eine Aufregung anderer Art. Die Sträflinge erfuhren, je nachdem, wie sie von der Arbeit zurückkehrten, sogleich das große Ereignis. Die Kunde davon hatte sich schon im ganzen Ostrogg verbreitet, und alle hatten sie mit einer ungeheuren, heimlichen Freude vernommen. Bei jedem schien das Herz zu erbeben ... Abgesehen davon, daß dieser Zwischenfall die Monotonie des Ostrogglebens unterbrach, fand auch die Flucht, und noch dazu eine solche Flucht, in jeder Seele einen vertrauten Widerhall – in allen Herzen regte sich so etwas wie Hoffnung, Verwegenheit, da doch jetzt die Möglichkeit, „sein Schicksal zu wechseln“, durch sie bewiesen war!