Part 35
Hier muß ich aber, um die Wahrheit nicht in ein schiefes Licht zu rücken, eine Bemerkung machen: nach diesem einen Fall darf man sich über die Behandlung der verschickten Adligen, gleichviel ob sie Russen oder Polen oder sonst wer sind, von seiten der sibirischen Vorgesetzten keine Vorstellung machen. Dieses Beispiel zeigt nur, daß man bisweilen auch auf einen schändlichen Menschen stoßen kann, und wenn nun zufällig dieser Mensch an einem Ostrogg Kommandeur ist, so wird das Leben des Verbannten, falls dieser ihm aus irgend einem Grunde nicht gewogen ist, allerdings ein entsetzliches sein. Andererseits aber läßt es sich auch nicht leugnen, daß in Sibirien die höchsten Vorgesetzten, von denen der Ton und die ganze Stimmung aller übrigen Kommandeure abhängt, bezüglich der verbannten Adligen sehr feinfühlig sind, und daß diese gewöhnlich viel nachsichtiger behandelt werden, als die anderen Sträflinge. Die Gründe hierfür sind leicht erklärlich: diese höheren Vorgesetzten sind erstens selbst Adlige, zweitens ist es schon früher oft vorgekommen, daß ein Adliger sich nicht gutwillig unter die Ruten gestreckt und sich auf die Exekutoren gestürzt hat. Und drittens – und dieses scheint der Hauptgrund zu sein – kam schon vor langer Zeit, vor etwa fünfunddreißig Jahren, eine große Anzahl Adliger nach Sibirien, und diese Verbannten hatten sich in den dreißig Jahren so zu verhalten gewußt, daß sie die Sympathie ganz Sibiriens erwarben, und daher blickte denn auch die Obrigkeit zu meiner Zeit gleichsam aus alter Gewohnheit ganz unwillkürlich mit anderen Augen auf die adligen Verbannten, als auf die Sträflinge aus den unteren Volksschichten. Nach ihrem Beispiel hatten sich auch die niedrigeren Kommandeure mit denselben Augen zu sehen gewöhnt, da sie eben Auffassung und Ton stets von oben annahmen, ihm gewissermaßen gehorchten und sich ihm unterordneten. Freilich gab es auch unter den Kommandeuren welche, die im Geheimen die höheren Verhaltungsmaßregeln bekrittelten und äußerst zufrieden gewesen wären, wenn man ihnen erlaubt hätte, nach eigenem Gutdünken zu handeln, was man denn doch nicht so ganz tat. Ich habe allen Grund, dieses anzunehmen, und zwar glaube ich es aus folgendem zu ersehen.
Die zweite Klasse der Kátorga, in der auch ich mich befand und die aus den Festungsgefangenen unter militärischem Kommando gebildet wurde, war unvergleichlich schwerer, als die beiden anderen Klassen, die dritte (die Fabrikklasse) und die erste (die Bergwerkklasse). Nicht nur für die Adligen war sie schwerer, sondern auch für alle anderen Arrestanten: eben aus dem Grunde, weil das Oberkommando und die ganze Ordnung dieser Klasse – ausschließlich militärisch und daher den Arrestanten-Strafkompagnien in Rußland sehr ähnlich war. Das militärische Oberkommando ist viel strenger, alles ist enger begrenzt, man ist beständig in Ketten, beständig unter Eskorte, beständig unter Schloß und Riegel. In den zwei anderen Klassen dagegen ist das alles nicht so streng. Wenigstens erzählten das unsere Sträflinge, von denen mehrere die Dinge aus eigener Erfahrung kannten. Sie wären stets mit Freuden in die erste Klasse eingetreten, die sonst für die schwerste gehalten wird, und sogar sehr oft gaben sie diesem Wunsch Ausdruck. Von den Arrestanten-Strafkompagnien in Rußland aber sprachen alle, die in ihnen gewesen waren, mit wahrem Entsetzen und versicherten uns, daß es in ganz Rußland keine schwerere Strafe gebe, als in diese Arrestanten-Strafkompagnien, wie sie in einigen unserer Festungen bestehen, zu kommen, und daß unser Leben in Sibirien im Vergleich mit jenem dort geradezu ein Paradies sei. Daher glaube ich mit Recht annehmen zu dürfen, daß man (wenn man bereits in unserem Ostrogg – trotz des militärischen Oberkommandos, unter den Augen des Generalgouverneurs und schließlich angesichts solcher, zuweilen vorkommender Fälle, daß einige unbeteiligte, doch immerhin offiziöse Personen aus Neid oder aus Diensteifer heimlich an Ort und Stelle zu denunzieren bereit waren – die Verbrecher besseren Standes nachsichtiger behandelt, als die gewöhnlichen) in der ersten und dritten Arrestantenklasse die Adligen noch viel milder behandelt wird und daß ich nach unserem Ostrogg auch sehr wohl über das ganze übrige Sibirien urteilen kann. Alle Gerüchte und Erzählungen, die ich über die Sträflinge der zwei anderen Klassen gehört habe, bestätigen meine Annahme. In der Tat gingen die Vorgesetzten mit uns Adligen aufmerksamer und vorsichtiger um. Erleichterungen in der Arbeit oder Vorzüge in der Verpflegung kamen natürlich nie vor: wir hatten dieselben Arbeiten, dieselben Fesseln, dieselben Ketten, – mit einem Wort, äußerlich war alles genau so wie bei den übrigen. Und es war ja auch nicht gut möglich, Erleichterungen zu verschaffen. In dieser Stadt gab es damals – in jener _kaum vergangenen alten_ Zeit – soviel Denunziationen, soviel Intrigen, soviel einander Gruben grabende Freunde, daß es nur zu begreiflich war, wenn das Oberkommando Angaben fürchtete. Welch eine Beschuldigung wäre aber damals furchtbarer gewesen, als daß man mit den Sträflingen adliger Herkunft Nachsicht übe! So kam es denn, daß jeder Vorgesetzte solche Nachsicht zu zeigen sich fürchtete und wir ebenso gehalten wurden, wie alle anderen, – nur die Körperstrafe bildete eine Ausnahme. Man hätte uns ohne Weiteres züchtigen können, wenn wir es verdient hätten. Das verlangte die Pflicht und die allgemeine Gleichheit der Sträflinge. Aber nichtsdestoweniger hätte man uns doch nicht so mir nichts dir nichts durchgeprügelt. Den anderen dagegen wurde eine solche Behandlung zuweilen zuteil, namentlich von seiten einiger geringeren Vorgesetzten, die mit Vorliebe aus eigener Macht Anordnungen trafen und gern sich als Bevollmächtigte wichtig taten. Wir wußten, daß unser Festungskommandant, als er den Vorfall mit dem bejahrten Sh. erfahren, sich ernstlich über den Major geärgert hatte. Man erzählte bei uns, er habe ihm anempfohlen, sich mit seinen Händen etwas mehr in acht zu nehmen. Ferner wußte man bei uns auch, daß selbst der Generalgouverneur (der sonst ziemliches Zutrauen zum Major besaß und ihm vielleicht sogar wohlgeneigt war, da er in ihm einen guten Befehlsvollstrecker und nicht unbegabten Menschen sah), nachdem ihm nun dieses eigenmächtige Verfahren zu Ohren gekommen war, gleichfalls einen Verweis erteilt hatte. Der Major schrieb sich die Lehre hinter die Ohren. Wie gern er auch zum Beispiel M. etwas angetan hätte, den er auf Grund der Verleumdungen A–ffs haßte, – so konnte er ihn doch auf keine Weise züchtigen lassen, obschon er krampfhaft einen Vorwand suchte. Von der Bestrafung Sh.s erfuhr bald die ganze Stadt, und die öffentliche Meinung wandte sich scharf gegen den Major. Viele hatten ihn zur Rede gestellt und ihm sehr unangenehme Vorwürfe gemacht. Ich entsinne mich jetzt auch wieder meiner ersten Begegnung mit dem Platzmajor. Uns, d. h. mich und noch einen anderen Adligen, der mit mir marschierte, hatte man bereits in Tobolsk vor diesem unangenehmen Menschen gewarnt. Die damals dort angesiedelten Adligen, die schon seit fünfundzwanzig Jahren in der Verbannung lebten, uns mit großer Herzlichkeit empfingen, und mit denen wir während der ganzen Zeit, die wir dort auf dem Transporthof verbrachten, in Beziehung standen, warnten uns dringlich vor unserem zukünftigen Vorgesetzten und versprachen alles zu tun, was sie nur könnten, um uns vor seinen Verfolgungen zu sichern. Und in der Tat, die drei Töchter des Generalgouverneurs, die aus Rußland hingekommen und damals beim Vater zum Besuch waren, hatten von ihnen Briefe erhalten und, wie ich glaube, zu unseren Gunsten mit dem Vater gesprochen. Aber was konnte schließlich der Generalgouverneur tun? Er hat dem Major vielleicht nur gesagt, er möge etwas rücksichtsvoller mit uns umgehen. – Ungefähr um drei Uhr nachmittags kamen wir beide in der Stadt an und die Eskorte führte uns sofort zu unserem Major. Während wir im Vorzimmer auf ihn warteten, wurde nach dem Unteroffizier in den Ostrogg geschickt. Kaum war dieser erschienen, als auch der Platzmajor heraustrat. Sein rotes, finniges und böses Gesicht machte auf uns einen äußerst unangenehmen Eindruck, – ganz als wäre eine wütende Spinne auf eine arme Fliege losgestürzt, die sich in ihrem Netz gefangen hat.
„Wie heißt du?“ fragte er meinen Kameraden. Er sprach schnell, schroff, wie gehackt und wollte augenscheinlich auf uns Eindruck machen.
Mein Freund nannte seinen Namen.
„Und du?“ fuhr er fort, zu mir gewandt. Seine Brillengläser glänzten.
Ich antwortete.
„Unteroffizier! Sofort in den Ostrogg führen, in der Wache nach Zivil rasieren, unverzüglich, den halben Kopf. Morgen andere Fesseln anschmieden. Was sind das für Mäntel? Woher habt ihr die erhalten?“ fragte er plötzlich, jetzt erst unsere grauen Kapots mit dem gelben Kreise auf dem Rücken bemerkend, die man uns in Tobolsk gegeben hatte und in denen wir vor seinen erlauchten Augen erschienen waren. – „Das ist eine neue Art! Das ist sicher eine neu eingeführte Form ... die vorläufig noch projektiert wird ... aus Petersburg ...“ sprach er halb vor sich hin, indem er zuerst mich, dann meinen Freund hin- und herdrehte. „Haben sie sonst nichts mitgebracht?“ fragte er plötzlich den Gendarmen, der mit uns gekommen war.
„Nur eigene Kleider, Euer Gnaden,“ meldete der Gendarm, der sich im Nu stramm aufgerichtet hatte, fast zusammenzuckend vor Schreck. Alle kannten den Major, oder hatten von ihm gehört, allen flößte er Furcht ein.
„Alles ihnen abnehmen. Nur die Wäsche können sie behalten, aber auch nur die weiße; bunte, falls sie welche haben, konfiszieren. Alles übrige in der Auktion verkaufen. Das Geld in die Kasse. Der Arrestant hat kein Eigentum,“ fügte er mit strengem Blick auf uns hinzu. „Nehmt euch in acht, daß ihr euch gut führt! Daß mir nichts von euch zu Ohren kommt! Sonst – kör–per–liche Züch–tigung! Für das geringste Vergehen – Hie–be! ...“
Dieser Empfang machte einen solchen Eindruck auf mich, daß ich an jenem ganzen Abend fast krank war. Allerdings kam auch das noch hinzu, was ich im Ostrogg sah. Aber von meinem Eintritt habe ich ja schon gesprochen.
Ich sagte vorhin, daß man uns Adligen vor den anderen Sträflingen nicht die geringste Vergünstigung oder Arbeitserleichterung gewährte oder zu gewähren wagte. Einmal aber versuchte man es dennoch: B. und ich wurden ganze drei Monate täglich als Schreiber in die Verwaltungskanzlei geschickt. Doch das geschah heimlich und war von der Militärverwaltung veranlaßt worden. Das heißt, es wußten darum freilich auch noch andere, die es gerade wissen mußten, doch taten sie, als waren sie völlig ahnungslos. Das geschah noch unter dem Kommandeur G–ff.
Dieser Oberstleutnant G–ff kam uns wie vom Himmel geschickt, blieb aber nur kurze Zeit bei uns – ein halbes Jahr, wenn ich mich nicht irre, oder noch weniger – dann kehrte er nach Rußland zurück. Er machte auf alle Sträflinge einen mächtigen Eindruck: man liebte ihn nicht nur, man vergötterte ihn förmlich. Wie er es fertigbrachte, vermag ich nicht zu sagen, aber er eroberte alle Herzen in einem Augenblick. „Ein Vater ist er uns, ein leiblicher Vater! Jetzt brauchen wir keinen anderen Vater mehr!“ sagten die Sträflinge von ihm, solange er die Militärabteilung befehligte. Ich glaube, er war ein großer Damenfreund und echter Lebemann; als Erscheinung nicht groß von Wuchs, mit dreistem, selbstbewußtem Blick. Gleichzeitig jedoch war er sehr freundlich gegen die Sträflinge, fast sogar liebevoll, und er hatte sie auch wirklich wie ein Vater gern. Weshalb er sie so liebte, weiß ich nicht, jedenfalls aber konnte er keinen Sträfling sehen oder an sich vorübergehen lassen, ohne ihm ein freundliches, ermunterndes Wort zu sagen, ohne mit ihm zu scherzen; und, was die Hauptsache war, es war dabei nicht die leiseste Spur von Vorgesetztenfreundlichkeit zu sehen, oder auch nur etwas, das ihre Ungleichheit angedeutet hätte. Er war wie der beste Freund. Doch trotz dieses instinktiven Demokratismus in ihm, hat sich kein einziger Sträfling jemals vor ihm etwas zu schulden kommen lassen, sei es durch Unehrerbietigkeit oder gar Familiarität. Im Gegenteil. Wenn der Sträfling ihm begegnete, verklärte sich nur sein ganzes Gesicht, und, die Mütze in der Hand, wartete er lächelnd, bis jener sich ihm näherte. Und wenn er nun gar mit ihm sprach – so war das ja weit mehr, als wenn ein anderer ihn reich beschenkt hätte! Es gibt zuweilen so volkstümliche Leute. Er schaute wie ein kühner Bursche drein und hatte etwas Aufrichtiges und Mutiges in seinem Gang. „Unser Adler!“ nannten ihn bisweilen die Sträflinge.
Große Arbeitserleichterungen konnte er ihnen zwar nicht gewähren: er hatte nur die allgemeinen Arbeiten zu bestimmen, die sowohl unter ihm wie unter all seinen Vorgängern und Nachfolgern immer ein und dieselben blieben, und nach der einmal gegebenen Vorschrift ausgeführt werden mußten. Nur wenn er mitunter einen Trupp bei der Arbeit antraf und sah, daß die Arbeit bereits beendet war, so schickte er sie früher als vor dem Trommelzeichen nach Hause. Vor allem gefiel sein Zutrauen zu den Leuten, das Fehlen kleinlicher Pedanterie und namentlich einiger kränkender Behandlungsformen, wie sie an manchen Vorgesetzten so unangenehm waren. Hätte er tausend Rubel verloren, und hätte ein Sträfling sie gefunden, – so würde er sie ihm unfehlbar wiedergebracht haben, und wenn er auch der größte Dieb von allen gewesen wäre. Ja, ich bin überzeugt, daß er es getan hatte. Nun kann man sich denken, wie sehr es die Sträflinge erregte, als sie eines Tages erfuhren, daß ihr „Adler-Kommandeur“ sich mit unserem verhaßten Platzmajor tödlich entzweit hatte. Das war noch im ersten Monat nach seiner Ankunft bei uns. Unser Major hatte einmal mit ihm im selben Regiment gestanden. Jetzt hatten sie nach langer Trennung als alte Freunde ihr Wiedersehen gefeiert und gehörig gezecht. Plötzlich aber waren sie aneinander geraten. Es war zu einem Streit gekommen und G–ff wurde sein Todfeind. Es hieß sogar, daß sie bei der Gelegenheit handgemein geworden wären, was bei dem Major weiter nicht erstaunlich war, da er in der Betrunkenheit sehr oft tätlich wurde. Als die Sträflinge dieses erfuhren, kannte ihre Freude keine Grenzen.
„Wie könnte wohl der Achtäugige mit einem solchen Mann in Frieden leben! Jener ist ein Adler, unser Major aber ist ...“ es folgte gewöhnlich ein Wort, das für die Wiedergabe nicht ganz geeignet ist. Geradezu fieberhaft interessierte man sich für den Ausgang der Prügelei, und ich glaube, wenn das Gerücht von dem stattgefundenen Kampfe sich als unwahr erwiesen hätte – was es vielleicht auch war –, so hätte dies den Sträflingen großen Verdruß bereitet.
„Nein, sicherlich hat der Kommandeur ihn verhauen, – er ist kleiner und gewandter, jener aber soll sich, wie man hört, aus Angst vor ihm unter das Bett verkrochen haben.“
Bald aber fuhr G–koff fort und der Ostrogg versank wieder in Trübsinn. Doch waren unsere Offiziere alle sehr sympathisch. Solange ich im Ostrogg war, erhielten wir drei- oder viermal neue Kommandeure der Militärabteilung, – „aber solch einen, wie unser Oberstleutnant G–koff war, werden wir nie wiedersehen; – der war ein Adler, ein Adler und Verteidiger!“ sagten die Sträflinge.
Dieser G–koff hatte uns Adlige sichtlich gern, und auf ihn war es auch zurückzuführen, daß man B. und mir in der Kanzlei Arbeit verschaffte. Nach seiner Abreise arbeiteten wir dort regelmäßig weiter; die Offiziere verhielten sich alle sehr sympathisch zu uns, namentlich einer von ihnen. Wir gingen täglich hin, schrieben Aktenstücke ab, unsere Handschrift verbesserte sich sogar, als plötzlich von oben der Befehl kam, uns sofort wieder zu unserer früheren Zwangsarbeit zu verwenden: es hatte jemand bereits Gelegenheit gehabt, zu denunzieren! Übrigens waren wir ganz froh darüber: diese Kanzleiarbeit war uns beiden mittlerweile entsetzlich langweilig geworden! Hierauf gingen wir etwa zwei ganze Jahre fast stets zusammen zu derselben Arbeit, größtenteils in die Werkstätte. Bei der Arbeit schwatzten wir gewöhnlich; wir sprachen von unseren Hoffnungen, Überzeugungen ... B. war ein prächtiger Mensch, nur waren seine Ansichten mitunter recht wunderlich und eigenartig. Es kommt oft vor, daß bei einer gewissen Art Menschen, sogar sehr klugen Menschen, vollkommen paradoxe Begriffe sich entwickeln, von denen sie nicht abzubringen sind. Für diese Begriffe aber hat der Mensch soviel im Leben gelitten, er hat sie so teuer erkauft, daß es ihm gar zu schmerzlich, wenn nicht fast unmöglich wäre, sich von ihnen loszureißen. B. hörte wie unter Schmerzen jeden meiner Widersprüche an und antwortete mir beißend scharf. Vielleicht war er auch mehr im Recht, als ich – ich weiß es nicht. Zum Schluß aber gingen wir auseinander, was mir sehr leid tat und sehr naheging: wir hatten schon soviel miteinander geteilt.
M. wurde mit den Jahren immer finsterer und verschlossener. Der Schmerz verzehrte ihn. Früher, in der ersten Zeit, die ich im Ostrogg verbrachte, war er viel mitteilsamer, seine Seele trat doch immerhin öfter und mehr hervor. Damals, als ich kam, lebte er schon das dritte Jahr im Ostrogg. Anfangs interessierte er sich für vieles von dem, was während dieser Jahre in der Welt geschehen war, und von dem er keine Ahnung hatte. Er fragte mich aus, hörte gespannt zu, regte sich auf. Mit der Zeit aber fing er an, sich gleichsam zu konzentrieren, sich in sein Innerstes zurückzuziehen. Die Kohlen bedeckten sich von selbst mit Asche, seine Verbitterung wuchs.
„^Je hais ces brigands!^“ sagte er oft zu mir mit haßerfülltem Blick auf die Sträflinge, die ich bereits näher kennen gelernt hatte, und alles was ich zu deren Gunsten vorbrachte, war vollkommen in den Wind gesprochen. Er begriff überhaupt nicht, was ich sprach, mitunter aber gab er mir auch zerstreut recht, doch schon am nächsten Tage sagte er dann wieder: „^Je hais ces brigands.^“
Mit ihm sprach ich ziemlich oft französisch, was jedoch einen der Arbeitsaufseher, den Pionier Dranischnikoff, aus unbekanntem Gedankengang veranlaßte, uns Grützköpfe und Spitzbuben zu nennen. Nur in einem Fall belebte sich M.: wenn er von seiner Mutter sprach.
„Sie ist alt ... sie ist krank,“ sagte er, „sie liebte mich mehr als alles auf der Welt, ich aber weiß hier nicht einmal, ob sie lebt oder tot ist. Wird es doch schon genug für sie gewesen sein, als sie erfahren mußte, daß ich Spießruten gelaufen bin ...“ M. war nicht adlig und so hatte man ihn vor seinem Abgang in die Verbannung körperlich bestraft. Wenn er sich dieser Bestrafung erinnerte, biß er die Zähne zusammen und blickte angestrengt zur Seite. In der letzten Zeit suchte er immer häufiger die Einsamkeit. An einem Vormittag kurz vor zwölf wurde er plötzlich zum Kommandanten unserer Festung befohlen. Dieser trat ihm mit einem heiteren Lächeln entgegen.
„Nun, M., was hat dir denn heute Nacht geträumt?“ fragte er ihn.
„Ich erschrak,“ erzählte M. später im Ostrogg, „es war mir, als hätte man mein Herz durchbohrt.“
„Daß ich einen Brief von meiner Mutter erhielt,“ antwortete er.
„Das ist noch zu wenig!“ entgegnete der Kommandant. „Du bist frei! Deine Mutter hat für dich gebeten ... ihre Bitte ist erhört worden. Hier ist ihr Brief, und hier ist auch der Entlassungsbefehl. Du wirst den Ostrogg sofort verlassen.“
Bleich und noch halb besinnungslos kehrte M. zu uns zurück. Wir beglückwünschten ihn alle. Mit bebenden Händen drückte er unsere Hände. Auch von den übrigen Sträflingen kamen sehr viele, um ihn zu beglückwünschen und sie freuten sich über sein Glück.
Er kam in die Kolonie und blieb in unserer Stadt, wo er bald eine Anstellung erhielt. In der ersten Zeit kam er oft zum Ostrogg und brachte uns Nachrichten, von denen ihn und uns besonders die politischen interessierten.
Von den übrigen vier Adligen, also außer M., T., B. und Sh., waren zwei noch sehr junge Leute, beide nur auf kurze Zeit verschickt, beide wenig gebildet, dafür aber ehrlich, einfach und offenherzig. Der dritte, A–tschukoffskij, war beinahe einfältig, an ihm war jedenfalls nichts weiter bemerkenswert. Und der vierte, ein gewisser B–m, ein schon bejahrter Mann, machte auf uns alle einen sehr schlechten Eindruck. Ich weiß nicht, wie er unter die „Politischen“ gekommen war; er selbst leugnete es, daß er zu ihnen gehöre. Das war ein roher, kleinlicher Charakter, mit den Angewohnheiten und der Lebensauffassung eines Krämers, der durch erfeilschte Kopeken reich geworden war. Er war gänzlich ungebildet und interessierte sich für nichts, außer für sein Handwerk. Er war nämlich Maler, aber kein gewöhnlicher, sondern ein unvergleichlicher, unübertroffener! Bald hatten sich auch die Vorgesetzten von seinem Talent überzeugt, und verwendeten ihn nur noch zum Anstreichen und „Bemalen“ der Zimmerwände und -decken. In zwei Jahren hatte er fast alle Dienstwohnungen neu angestrichen. Die Einwohner zahlten ihm natürlich auch ein Überflüssiges für seine Mühe, und so lebte er nicht schlecht. Das beste dabei war, daß man mit ihm zusammen auch seine anderen Kameraden zur selben Arbeit schickte. Von diesen, die beständig mit ihm zur Arbeit gingen, erlernten zwei das Handwerk tadellos. Ja, der eine, T–schewskij, malte bald nicht schlechter als er. Da befahl auch unser Platzmajor, der vom Staate gleichfalls freie Wohnung hatte, diesen B–m zu sich und trug ihm auf, alle Wände und Zimmerdecken schön anzumalen. Hier nun gab sich B–m ganz besondere Mühe; selbst beim Generalgouverneur sollen die Wände nicht so schön gewesen sein. Das Haus, das der Major bewohnte, war ein einstöckiges Gebäude, von Holz natürlich, sehr alt, sehr schäbig von außen; von innen aber wurde es wie ein Palais angestrichen, worüber der Major entzückt war ... Er rieb sich die Hände vor Vergnügen und sagte immer wieder, daß er jetzt unbedingt heiraten müsse.
„Wenn man eine solche Wohnung hat, dann geht es nicht anders, dann muß man heiraten!“ sagte er in allem Ernst.
Mit B–m war er jetzt überaus zufrieden und durch B–m auch mit den beiden anderen Adligen, die mit diesem bei ihm arbeiteten. Die Arbeit dauerte einen ganzen Monat. In dieser Zeit änderte der Major seine Meinung über uns vollständig und verhielt sich von da an sehr gönnerhaft zu allen Adligen. Ja, eines Tages ging er sogar so weit, daß er plötzlich den alten Sh. zu sich rufen ließ.
„Sh–kij,“ sagte er, „ich habe dich beleidigt. Ich habe dich unnütz prügeln lassen, ich weiß es. Jetzt bereue ich es. Begreifst du, was das heißt? _Ich, ich, ich_ – bereue es!“
Sh. antwortete, daß er es begreife.
„Begreifst du, daß _ich, ich_, dein Vorgesetzter, dich zu mir habe rufen lassen, um dich um Verzeihung zu bitten! Fühlst du auch die ganze Große dieser Tat? Wer bist du vor mir? – Ein Wurm! Sogar noch weniger als ein Wurm: du bist ein Arrestant! Ich aber bin – von Gottes Gnaden[11] ein Major! Ein Major! Begreifst du auch, was das heißt?“
Sh. antwortete, daß er auch dieses begreife.
„Nun, dann will ich mich jetzt mit dir aussöhnen. Aber fühlst du auch, fühlst du es auch vollständig, ganz und gar? Bist du überhaupt fähig, zu begreifen und zu fühlen? Bedenk doch nur: ich, ich, der Major! ...“ u. s. w.
Sh. erzählte mir selbst die ganze Szene. So schlummerte denn vielleicht auch in diesem ewig betrunkenen, unsinnigen und unordentlichen Menschen noch ein menschliches Empfinden. Wenn man seine Begriffe und seine Entwicklung in Betracht zieht, so kann man ja eine solche Handlung fast für eine großmütige Tat ansehen. Übrigens wird wohl auch sein betrunkener Zustand mit die Veranlassung dazu gewesen sein.