Sämtliche Werke 18

Part 34

Chapter 343,587 wordsPublic domain

Die Sträflinge, die ohne Kopfbedeckung dastanden – wenn ich nicht irre, seit dem Augenblick, in dem sie nach dem Major geschickt hatten – richteten sich jetzt alle gerader auf und ordneten sich: ein jeder trat von einem Fuß auf den anderen, und dann schien alles auf dem Platz zu erstarren, in der Erwartung des ersten Wortes oder ersten Schreies des Vorgesetzten.

Der ließ nicht lange auf sich warten: schon nach dem zweiten Wort gröhlte der Major aus voller Kehle, ja er schien diesmal förmlich zu kreischen, denn er war gar zu wütend. Durch das Fenster sahen wir nur, wie er vor der Front hin- und herraste, auf einzelne losstürzte, ausfragte, schrie. Übrigens konnten wir bei der großen Entfernung weder seine Fragen noch die Antworten der Sträflinge vernehmen. Nur die einzelnen Schreie drangen bis zu uns hin:

„Verschwörer! ... Spießruten! ... Aufwiegler! ... Du bist der Aufwiegler, du, gerade du!“ – Damit stürzte er plötzlich auf einen von ihnen los.

Eine Antwort hörten wir nicht. Nach einer Minute sahen wir, wie ein Sträfling vortrat und sich zur Hauptwache entfernte. Nach Verlauf einer weiteren Minute sahen wir einen zweiten ihm folgen, darauf einen dritten.

„Alle vors Gericht! Ich werde euch! Wer ist dort in der Küche?“ schrie er plötzlich gellend, als er uns im Fenster erblickte. „Alle her! Jagt sie alle her!“

Der Schreiber Djätloff kam in die Küche, wo ihm erklärt wurde, daß man hier keine Ansprüche mache. Er kehrte sofort zurück und meldete es dem Major.

„Ah, also die machen keine!“ sagte er um zwei Töne tiefer und sichtlich erfreut. „Gleichviel, alle her!“

Wir gingen hinaus. Ich fühlte, daß wir uns im Grunde alle schämten, so herauszutreten. Und wir gingen auch alle mit gesenkten Köpfen.

„Ah, Prokoffjeff! Jolkin gleichfalls, und auch du, Almasoff ... Stellt euch, stellt euch alle hierher, so, in eine Gruppe,“ sagte der Major geschäftig, aber mit auffallend milder, weicher Stimme und mit freundlichem Blick auf uns. „Ah, und auch du, M–tzkij, bist also hier ... Alle aufschreiben. Djätloff! Sofort alle Namen aufschreiben, die Zufriedenen separat und die Unzufriedenen separat, alle bis auf den letzten, und das Protokoll sofort mir zuzuschicken! – Ich werde euch alle ... vors Gericht bringen! Ich werde euch! – ihr Spitzbuben! ...“

Die Drohung mit dem Protokoll verfehlte ihre Wirkung nicht.

„Wir sind ja zufrieden!“ rief plötzlich eine Stimme aus der Gruppe der Unzufriedenen, doch klang sie nicht sehr entschlossen.

„Ah, also zufrieden! Wer ist zufrieden? Wer zufrieden ist, der trete vor.“

„Sind zufrieden, alle sind zufrieden!“ hörte man mehrere Stimmen.

„So–o! Also zufrieden! Dann hat euch jemand aufgehetzt? Dann gibt es hier also Aufwiegler, Empörer? Um so schlimmer für sie! ...“

„Gott, was ist denn das!“ hörte man da plötzlich eine Stimme aus der Menge.

„Wie, was, wer hat da geschrien?“ brüllte sofort der Major los, und er stürzte fort in die Richtung, woher dieser Ausruf gekommen war. „Das warst du, Rastorgujeff! Hast du soeben geschrien? Nach der Wache!“

Rastorgujeff, ein etwas pausbackiger, großer, junger Bursch, trat vor und begab sich langsam zum Tor. Er war es nicht gewesen, der geschrien hatte, da aber der Major ihn beschuldigte, widersprach er nicht und ging.

„Nur das Wohlleben macht euch unzufrieden!“ schrie ihm der Major noch nach. „Du dicke Fratze, hast in drei Tagen nicht ... Ich werde euch schon! Die Zufriedenen sollen alle vortreten!“

„Wir sind ja doch zufrieden, Euer Gnaden,“ hörte man finster einige zehn Stimmen sagen; die übrigen schwiegen hartnäckig.

Der Major hatte nur darauf gewartet. Auch er schien die Sache bald erledigen zu wollen, und zwar diesmal möglichst einträchtig.

„Ah, jetzt sind plötzlich _alle_ zufrieden!“ sagte er, sich beeilend. „Das sah ich ja voraus ... das wußte ich! Es stecken natürlich Aufwiegler dahinter! Ja, es gibt unter ihnen offenbar Hetzer!“ fuhr er, sich an Djätloff wendend, fort. „Das muß man genauer untersuchen. Jetzt aber ... jetzt ist es Zeit, zur Arbeit zu gehen. Sofort zum Abmarsch trommeln!“

Er wohnte selbst dem Abmarsch der Arrestanten bei, die schweigend und traurig zur Arbeit aufbrachen, schließlich noch zufrieden damit, daß sie wenigstens ihm aus den Augen kamen.

Gleich darauf begab sich der Major auf die Hauptwache und „erledigte“ die Anstifter, war aber nicht allzustreng. Er beeilte sich ersichtlich dabei. Einer von ihnen hatte schon um Verzeihung gebeten, erzählten später die anderen, und da habe er sofort verziehen. Jedenfalls merkte man es ihm an, daß er nicht ganz so sorglos war und sich vielleicht sogar seine Schuld eingestand. Eine derartige Demonstration ist immerhin eine kitzlige Sache, und wenn man auch dieses Ungehaltensein der Sträflinge kaum eine Demonstration nennen konnte, so war es doch nichtsdestoweniger ungemütlich, unangenehm. Am peinlichsten war dabei, daß sich alle zusammen erhoben hatten. Jetzt hieß es, die Sache so schnell als möglich vertuschen, was es auch koste. Die „Aufwiegler“ wurden bald wieder entlassen. Am nächsten Tage war das Essen besser, doch leider nicht auf lange Zeit. Der Major kam öfter in den Ostrogg und fand immer häufiger Unordnung. Unser Unteroffizier ging mit besorgter Miene und gänzlich aus dem Konzept gebracht umher, als könne er sich vor Verwunderung immer noch nicht fassen. Was nun die Arrestanten anbetrifft, so konnten sie sich noch lange nicht beruhigen, nur regten sie sich nicht mehr in derselben Weise auf, sondern schienen gleichsam stumm erregt zu sein, gewissermaßen verblüfft und befremdet. Einige ließen sogar die Köpfe hängen. Andere brummten, wenn sie auch sonst nicht viel über den ganzen Vorfall sprachen. Manche wiederum verspotteten sich selbst, taten es in seltsam gereiztem Ton, ganz als wollten sie sich selbst für ihren „Streik“ strafen.

„Da hast du’s jetzt, Freundchen, beiß jetzt zu!“ sagt einer.

„Deine Scherze mußt du mit Arbeit bezahlen!“ sagt ein anderer.

„Unsereinem wirst du doch nicht ohne Stock was erklären, das weiß man doch. Dankt Gott, daß er nicht alle durchgeprügelt hat.“

„Nächstens denk mehr und schwatz weniger, das wird besser sein!“ knurrt jemand bissig den anderen an.

„Was stellst du denn für Lehren hier auf, willst wohl unser Schulmeister sein?“

„Warum soll ich nicht lehren?“

„Wer bist du denn überhaupt?“

„Ich bin vorläufig noch ein Mensch, aber wer bist du denn, wenn man fragen darf?“

„Ein Hundeknochen bist du, aber kein Mensch!“

„Na, na, genug geschimpft! Was gackert ihr da wieder!“ schreit man den Streitenden von allen Seiten zu ...

Am Abend desselben Tages, an dem die Demonstration stattgefunden hatte, traf ich nach der Rückkehr von der Arbeit Petroff hinter den Kasernen. Er suchte mich bereits. Als er mir entgegentrat, murmelte er etwas, das wie ein unbestimmter Ausruf klang, verstummte aber zerstreut und ging mechanisch neben mir her. Mir lag der ganze Vorfall noch schmerzlich auf der Seele, und da schien es mir plötzlich, daß Petroff mir einiges erklären könnte.

„Sagen Sie, Petroff, ärgern sich denn die Ihrigen nicht über uns?“ fragte ich ihn.

„Wer?“ fragte er.

„Die Sträflinge über uns ... uns Adlige?“

„Weswegen sollten sie sich über euch ärgern?“

„Nun, weil wir doch nicht mithielten, als sie die Demonstration veranstalteten?“

„Ja, aber warum hätten Sie denn mithalten sollen?“ fragte er, als bemühe er sich, mich zu verstehen. „Sie haben doch eigenes Essen.“

„Ach Gott! Es gibt ja doch auch unter den anderen welche, die eigene Kost essen, und doch waren sie mitgegangen. Nun, und so hätten auch wir gehen sollen ... aus Kameradschaft.“

„Ja ... aber was sind Sie uns denn für ein Kamerad?“ fragte er verwundert.

Ich blickte ihn schnell an: er verstand mich tatsächlich nicht, er begriff nicht, was ich meinte. Dafür aber verstand ich ihn in diesem Augenblick vollkommen. Zum erstenmal wurde mir jetzt ein Gedanke klar, der sich schon lange dunkel in mir geregt und mich verfolgt hatte, ich begriff mit einem Mal, was ich bis dahin nur unklar geahnt. Ich begriff, daß man mich niemals als Kamerad anerkennen würde, und wenn ich auch doppelt und dreifach sibirischer Sträfling wäre, und wenn ich mich auch in der besonderen Abteilung befunden hätte, zu ewiger Zwangsarbeit verurteilt. Ich entsinne mich noch lebhaft, welch einen Ausdruck Petroffs Gesicht in diesem Augenblick hatte. In seiner Frage: „Aber was sind Sie uns denn für ein Kamerad?“ lag soviel unverfälschte Naivität, ein so offenherziges Nichtverstehenkönnen! Ich fragte mich: liegt in diesen Worten nicht Ironie, Bitterkeit, Spott? Doch nein, es war nichts davon in ihnen: du bist uns einfach kein Kamerad, und das ist alles. Geh du deines Weges, wir gehen unseres Weges; du hast deine Interessen und wir unsere.

Und in der Tat, so war es auch. Ich glaubte zuerst, daß man uns jetzt völlig totmachen würde, daß wir von nun an überhaupt kein Leben mehr im Ostrogg haben würden. Doch nichts von alledem geschah: nicht den geringsten Vorwurf, nicht die leiseste Andeutung eines Tadels hörten wir und es verstärkte sich ihre Feindschaft gegen uns nicht im mindesten. Bei Gelegenheit wurden wir nur wie gewöhnlich verspottet, so wie wir auch früher verspottet worden waren, nicht mehr und nicht weniger. Übrigens waren sie ebensowenig auch über die anderen ungehalten, die sich an der Demonstration gleichfalls nicht beteiligt und sich in die Küche zurückgezogen hatten, sowie auch über die nicht, die zuerst gesagt hatten, daß sie mit allem zufrieden seien. Man verlor darüber nicht einmal ein Wort. Namentlich letzteres konnte ich nicht begreifen.

VIII.

Die Kameraden

Mich zog es natürlich mehr zu Meinesgleichen, d. h. zu den übrigen „Adligen“, besonders in der ersten Zeit. Doch von den drei ehemaligen russischen Adligen, die im Ostrogg lebten – Akim Akimytsch, dem Spion A–ff und jenem, den man für einen Vatermörder hielt – war Akim Akimytsch der einzige, den ich näher kannte und mit dem ich mich zuweilen unterhielt. Um die Wahrheit zu sagen, muß ich gestehen, daß ich mich an diesen sozusagen nur in der Verzweiflung wandte, in Stunden der größten Langeweile, und wenn ich außer ihm niemanden sah, an den ich mich hätte wenden können. Im vorhergehenden Kapitel machte ich zwar den Versuch, die ganze Ostroggbevölkerung zu klassifizieren, jetzt aber, da ich auf Akim Akimytsch zu sprechen gekommen bin, jetzt fällt es mir ein, daß man zu den bereits genannten noch eine Klasse hinzufügen muß. Allerdings hatte sie nur einen einzigen Vertreter. Das war die Klasse der – vollkommen gleichgültigen Sträflinge. Vollkommen Gleichgültige, d. h. solche, denen es ganz gleich war, ob sie in der Freiheit oder in der Kátorga lebten, konnte es bei uns natürlich überhaupt nicht geben – Akim Akimytsch aber stellte, glaube ich, eine Ausnahme dar. Er hatte sich im Ostrogg so eingerichtet, als hätte er beabsichtigt, bis an sein Lebensende dort zu wohnen: alles, was er besaß, angefangen von der Matratze, den Kopfkissen, ferner alle seine Küchengeräte, kurz, sein ganzer Besitz, – alles war so ordentlich, so tadellos aufgebaut, war so fest und dauerhaft, und schien für eine lange Zeit berechnet. Von Biwakmäßigem, nur Zeitweiligem war an ihm keine Spur zu bemerken. Ihm stand noch eine ganze Reihe von Jahren im Ostrogg bevor, doch ist es nicht anzunehmen, daß er jemals an seine Entlassung aus der Kátorga auch nur gedacht hätte. Indes – wenn er sich auch mit der Wirklichkeit ausgesöhnt hatte, so hatte er es doch nicht auf Wunsch seines Herzens getan, sondern allenfalls aus Subordination, – was bei ihm allerdings ein und dasselbe war.

Er war ein guter Mensch und half mir auch zuweilen mit Rat und Tat, namentlich in der ersten Zeit, mitunter aber – es tut mir herzlich leid, daß es so war –, mitunter aber erweckte er in mir eine so beispiellose Langeweile, die meine Stimmung noch um ein Erhebliches verschlechterte. Hatte ich doch sowieso nur aus Langeweile ein Gespräch mit ihm angeknüpft! Zuweilen lechzte man geradezu nach einem lebendigen Wort, gleichviel ob es nun bitterböse, gereizt, freundlich oder wütend war: wir hätten uns dann doch wenigstens gemeinschaftlich über unser Schicksal geärgert! Er aber schweigt, klebt seine Laternen, oder erzählt, wie in dem und dem Jahre die Parade verlaufen war, wer sein Divisionskommandeur gewesen, wie er geheißen, nennt ihn zweimal mit Namen, Taufnamen, Vaternamen und Familiennamen, und ob er mit der Truppenschau zufrieden gewesen war oder nicht, erzählt wie die Schützensignale eine gewisse Veränderung erfahren hatten ... und ähnliches in Mengen. Und alles das wird mit einer so gleichmäßigen, so würdevollen Stimme vorgetragen, ganz wie Wasser aus der Regenröhre tropft. Nie habe ich bemerkt, daß er sich auch begeistert hätte, selbst dann kaum, wenn er mir erzählte, daß er für die Teilnahme an irgend einer militärischen Operation im Kaukasus des Ordens der „heiligen Anna“ gewürdigt worden war. Nur seine Stimme nahm bei dieser Mitteilung etwas ganz ungemein Wichtiges und Solides an; er senkte sie ein wenig, was sie geradezu geheimnisvoll machte, namentlich wenn er „der heiligen Anna“ aussprach, und etwa drei Minuten darauf wurde er ganz besonders stumm und würdevoll ... In diesem ersten Jahr hatte ich oft Augenblicke – sie kamen immer ganz plötzlich –, in denen ich diesen Akim Akimytsch förmlich zu hassen begann, ohne im Grunde zu wissen weshalb, und in denen ich mein Schicksal dafür verfluchte, daß es mich gerade mit ihm Kopf an Kopf auf der Arrestantenpritsche plaziert hatte. Gewöhnlich machte ich mir bereits nach Verlauf einer Stunde Vorwürfe deswegen ... Aber das war nur im ersten Jahr – späterhin söhnte ich mich im Herzen vollkommen mit ihm aus und schämte mich meiner anfänglichen Dummheiten. Äußerlich haben wir beide stets in Frieden gelebt.

Außer diesen drei Russen waren zu meiner Zeit noch einige polnische Adlige in unserem Ostrogg. Mit einigen von ihnen verkehrte ich recht freundschaftlich und sogar sehr gern; aber leider war mir ein Verkehr nicht mit allen möglich. Die Besseren von ihnen waren – ich weiß nicht, was! Allenfalls könnte man sie krank nennen und im höchsten Grade reserviert und unduldsam. Mit zweien von ihnen sprach ich späterhin überhaupt nicht mehr. Gebildet waren nur drei: B., M. und der alte Sh., der früher irgendwo Professor der Mathematik gewesen war, – ein guter, freundlicher Mensch, ein großer Sonderling, doch trotz der Bildung ein äußerst beschränkter Geist. Ganz anders waren M. und B. Mit M. stand ich mich stets sehr gut. Niemals stritten wir uns, ich achtete ihn, aber ihn zu lieben, mich ihm anzuschließen – das hätte ich nie vermocht. Er war ein unendlich mißtrauischer und verbitterter Mensch, der sich jedoch erstaunlich zu beherrschen wußte. Diese gar zu große Selbstbeherrschung nun war es gerade, was mir nicht gefiel: man fühlte unwillkürlich, daß er niemals und vor keinem einzigen Menschen seine Seele ganz aufdecken würde. Vielleicht irrte ich mich auch. Sonst war er eine starke und durchaus edle Natur. Diese außergewöhnliche, sogar ein wenig jesuitische Gewandtheit und Vorsicht im Umgang mit Menschen verriet natürlich seinen heimlichen, großen Skeptizismus. Und dennoch litt diese Seele gerade unter ihrer Zweiheit: dem Skeptizismus und dem tiefen, unerschütterlichen Glauben an einige seiner Überzeugungen und Hoffnungen. Doch ungeachtet seiner großen Lebenskunst verharrte er die ganze Zeit in unversöhnlicher Feindschaft mit B. und mit dessen Freunde T. B. war ein kranker Mensch, jedenfalls zur Schwindsucht geneigt, reizbar und nervös, doch im Grunde selten gut und sogar großzügig. Seine Reizbarkeit stieg zuweilen bis zur größten Unduldsamkeit und Launenhaftigkeit. Ich ertrug seinen Charakter zuletzt nicht mehr und brach meinen Verkehr mit ihm ab, hörte aber nie auf, ihn zu lieben, während ich M., mit dem ich mich nie stritt, nie zu lieben vermochte. Als ich B. die Freundschaft gekündigt hatte, mußte ich auch auf seinen Freund T. verzichten. (Ich habe von ihm schon im vorhergehenden Kapitel gesprochen, – er war derselbe, der mich am Tage der Demonstration in die Küche zurückrief.) Das tat mir nun sehr leid. Dieser T. war freilich ein ungebildeter Mensch, doch dafür unglaublich gut, mutig, ehrlich – mit einem Wort, ein prächtiger junger Mann. Der Grund für unser Zerwürfnis lag einfach darin, daß er seinen Freund B. dermaßen liebte und hochschätzte, daß er alle, die mit B. die Freundschaft brachen, sogleich für seine eigenen Feinde hielt. Auch mit M. brach er später B.s wegen. Übrigens waren sie alle psychisch krank, verbittert, reizbar, mißtrauisch. Aber das ist ja auch begreiflich – sie hatten es dort sehr schwer, viel schwerer als wir Russen. Sie waren weit entfernt von ihrer Heimat und einige von ihnen waren zu langer Zeit verurteilt, zu zehn, zu zwanzig Jahren. Doch der Hauptgrund ihres Unglücks war, daß sie unendlich voreingenommen auf ihre ganze Umgebung blickten, in den übrigen Sträflingen nichts als tierische Roheit sahen und in ihnen keinen einzigen guten Zug, nichts Menschliches wahrnehmen konnten und nicht einmal wollten – auf diesen unglücklichen Gesichtspunkt waren sie durch die Macht der Verhältnisse verwiesen worden. Da ist es denn auch begreiflich, daß die Qual sie zu ersticken drohte. Zu den Tscherkessen, den Tataren und Issai Fomitsch waren sie sehr freundlich und liebenswürdig, alle anderen aber wurden mit Ekel von ihnen gemieden. Nur der eine Greis aus Starodubowo hatte ihre Achtung erworben. Bemerkenswert ist dabei, daß kein einziger der russischen Sträflinge während dieser ganzen Zeit, die ich im Ostrogg verbrachte, sich über ihre Nation, ihren Glauben oder ihre Denkweise absprechend geäußert hätte, wie es in unserem einfachen Volk zuweilen bezüglich der Ausländer, namentlich der Deutschen, vorkommt, allerdings nur äußerst selten. Übrigens macht man sich auch über die Deutschen bisweilen nur etwas lustig: der deutsche biedere Bürger hat für den einfachen Russen etwas überaus Komisches. Mit den polnischen Adligen gingen dagegen die Sträflinge viel besser um, als mit uns russischen Adligen. Jene aber schienen das nie bemerken und zugeben zu wollen.

Ich sprach von T. Er hatte, als sie aus ihrem früheren Verbannungsort in unseren Ostrogg marschiert waren, den schwächlichen, bald völlig erschöpften B. fast die ganze Zeit getragen. Zuerst waren sie nach U. verbannt gewesen, wo sie es, nach ihren Worten, gut gehabt hatten, d. h. viel besser als in unserem Ostrogg. Da hatten sie aber mit anderen Verbannten, die in einer anderen Stadt lebten, eine Korrespondenz angeknüpft – eine ganz unschuldige –, worauf die Vorgesetzten es für nötig befunden hatten, sie unter die scharfen Augen der höheren Vorgesetzten in unsere Festung zu schicken. Ihr dritter Kamerad war Sh. Bis zu ihrer Ankunft war M. allein im Ostrogg gewesen. Der wird nicht wenig in seinem ersten Gefängnisjahr gelitten haben.

Dieser Sh. war derselbe ewig betende Greis, von dem ich schon einmal gesprochen habe. Alle unsere politischen Verbrecher waren junge Leute, einige sogar sehr jung; nur Sh. allein hatte die fünfzig bereits überschritten. Er war ein durchaus ehrlicher, aber doch etwas eigentümlicher Mensch. B. und T. mochten ihn äußerst wenig, ja sie sprachen nicht einmal mit ihm, was sie damit begründeten, daß er eigensinnig und albern sei. Ich weiß nicht, inwieweit sie in diesem Fall recht hatten. In einem Ostrogg, wo soviel Menschen gegen ihren Willen zusammengepfercht leben müssen, kann man sich, wie ich glaube, leichter entzweien und sich gegenseitig hassen, als in der Freiheit. Es kommt hier gar zu vieles noch hinzu. Freilich war Sh. in der Tat ein ziemlich stumpfer und vielleicht sogar unangenehmer Mensch. Alle seine anderen Kameraden waren gleichfalls nicht sonderlich gut auf ihn zu sprechen. Ich stritt mich zwar nie mit ihm, doch trat ich ihm auch nie näher. Sein Fach, die Mathematik, schien er allerdings zu kennen. Ich erinnere mich noch, wie er sich in seiner halbrussischen Sprache vergeblich bemühte, ein ganz besonderes, von ihm selbst erfundenes astronomisches System zu erklären. Die anderen Polen hatten mir aber schon gesagt, daß er es auch einmal veröffentlicht habe, von der wissenschaftlichen Welt jedoch nur ausgelacht worden sei. Eigentlich glaube ich, daß er geistig nicht ganz normal war. Er konnte tagelang ununterbrochen knieend beten, wodurch er sich unter den Sträflingen allgemeine Achtung erworben hatte, die man ihm noch bis an sein Ende zollte. Er starb an einer schweren Krankheit in unserem Lazarett – vor meinen Augen. Die Achtung der Sträflinge hatte er übrigens sogleich nach seiner Ankunft im Ostrogg erworben.

Auf dem Marsch von U. bis in unsere Festung hatte man die Sträflinge nicht rasiert, sie waren mit struppigen Bärten angekommen, so daß unser Platzmajor, als man sie ihm so vorgeführt hatte, ob solcher Mißachtung der Subordination in rasende Wut geraten war.

„Was sind das für Sträflinge?“ soll der Major sofort losgebrüllt haben, „das sind ja Landstreicher, Räuber!“

Sh., der damals noch schlecht Russisch verstand und geglaubt hatte, daß man sie frage, was sie sind, Landstreicher oder Räuber, hatte darauf geantwortet:

„Wir sind keine Landstreicher, wir sind politische Verbrecher.“

„Wa–a–as! Du wirst noch grob! Wirst noch grob?“ brüllte der Major. „Auf die Hauptwache! Hundert Rutenhiebe, sofort, unverzüglich!!“

Der Greis wurde gezüchtigt. Er streckte sich widerspruchslos hin, biß die Zähne in den Arm und ertrug die Strafe ohne einen Schrei oder ein Gestöhn, ohne sich zu rühren. B. und T. hatten inzwischen den Ostrogg betreten, wo M., der sie beim Tor erwartet hatte, ihnen sogleich um den Hals gefallen war, obschon er sie bis dahin noch niemals gesehen. Erregt durch den Empfang auf der Wache, hatten sie ihm von Sh. erzählt. Ich entsinne mich noch, wie M. mir diesen Augenblick schilderte:

„Ich war außer mir,“ sagte er, „ich wußte nicht, was mit mir geschah, ich zitterte wie im Fieber, während ich Sh. vor dem Tor erwartete. Er mußte von der Wache, wo er bestraft wurde, direkt in den Ostrogg kommen. Da öffnete sich plötzlich das Tor: Sh. trat ein und ging, bleich, mit blutleeren, bebenden Lippen, ohne den Blick zu erheben, durch die versammelte Schar der ihn erwartenden Sträflinge, die bereits erfahren hatten, daß ein Adliger gezüchtigt wurde, – er ging geradeaus in die Kaserne, ging zu seinem Pritschenplatz, kniete, ohne ein Wort zu sagen, nieder und begann zu beten. Die Sträflinge waren verwundert und sogar gerührt ... Als ich diesen Greis sah,“ fuhr M. fort, „der in der Heimat Weib und Kind zurückgelassen hatte, als ich diesen Greis im Silberhaar, schmachvoll gezüchtigt, im Gebet auf den Knien sah, – da hielt ich es nicht aus, ich stürzte hinter die Kaserne und war zwei Stunden lang wie bewußtlos, ich war wie wahnsinnig ... Die Sträflinge achten ihn seit der Zeit sogar sehr und gehen stets ehrerbietig mit ihm um. Besonders gefiel ihnen, daß er während der Züchtigung nicht geschrien hatte.“