Sämtliche Werke 18

Part 37

Chapter 373,731 wordsPublic domain

„Aber es _sind_ doch zwei entflohen, warum soll man es denn nicht können! ...“ Und ein jeder wurde bei diesem Gedanken mutiger und blickte herausfordernd die anderen an. Wenigstens wurden alle plötzlich ungemein stolz, und sogar auf die Unteroffiziere blickte man jetzt merklich von oben herab. Natürlich erschienen sofort alle Offiziere, sogar der Festungskommandant kam angefahren. Unsere Sträflinge aber benahmen sich sehr selbstbewußt und schauten fast mit einer gewissen Verachtung, mit einem schweigsamen, strengen Ernst drein, als hätten sie damit sagen wollen:

„Wir verstehen eine Sache anzufassen!“

Man hatte selbstverständlich einen allgemeinen Besuch der Vorgesetzten und eine peinliche Durchsuchung vorausgesehen, und daher alles Verbotene schnell und sorgfältig versteckt. Man wußte, daß Vorgesetzte in solchen Fällen hinterher sehr klug zu sein pflegen. Und so geschah es auch: alles wurde durchwühlt, durchsucht, und das Ergebnis war – daß man nichts fand. Zur Nachmittagsarbeit wurden die Sträflinge unter verstärkter Eskorte ausgeschickt. Am Abend kamen die Wachthabenden alle Augenblicke in den Ostrogg. Die Sträflinge wurden einmal mehr als gewöhnlich gezählt; und bei der Gelegenheit verzählte man sich dann noch einmal. Dadurch entstand große Verwirrung; schließlich wurden alle auf den Hof hinausgetrieben und von neuem gezählt. Und dann wurde in jeder Kaserne noch einmal gezählt ... Kurz, es gab viel Scherereien.

Aber die Sträflinge fragten nicht viel danach, alle blickten sie auffallend selbstbewußt drein, und wie es in solchen Fällen gewöhnlich geschah, benahmen sie sich an diesem ganzen Abend außerordentlich gesetzt – einfach musterhaft! Jede Miene drückte aus: „Ihr könnt uns doch nichts anhaben!“

Die Vorgesetzten glaubten natürlich, daß sich im Ostrogg noch Spießgesellen oder wenigstens Mitwisser befanden, und so ward den Unteroffizieren befohlen, die Ohren offen zu halten. Doch die Sträflinge machten sich darüber nur lustig.

„Das ist doch kein Unternehmen, bei dem man Mitwisser hinterläßt!“

„So etwas wird vorsichtig und im stillen gemacht, nicht aber an die große Glocke gehängt.“

„Und sind denn Kulikoff und A–ff Leute, die ihre Spur nicht zu verwischen verstehen? Sie haben es meisterhaft ausgeführt, alles klappt bei ihnen! Diese Jungen können was, die gehen selbst durch feste Türen!“

Mit einem Wort – Kulikoff und A–ff waren die Helden des Tages, alle schienen förmlich stolz auf sie zu sein. Wußte man doch, daß die Erinnerung an ihre Tat bis zu den fernsten Nachkommen der Zwangsarbeiter fortbestehen, ja daß sie den ganzen Ostrogg überleben würde!

„Ein meisterhafter Streich!“ sagten die einen.

„Da haben sie nun immer geglaubt, daß von hier niemand entfliehen würde! Da haben sie’s jetzt, man ist _doch_ entflohen! ...“ sagten andere.

„Entflohen!“ rief ein dritter aus, und blickte sich mit einer gewissen Autorität im Kreise um.

„Aber _wer_ ist denn entflohen! ... Etwa so einer wie du?“

Zu jeder anderen Zeit würde der Sträfling, an den diese verächtlichen Worte gerichtet waren, unbedingt seine Ehre verteidigt haben. Diesmal aber schwieg er bescheiden.

„Es ist ja wahr, nicht alle sind wie Kulikoff und A–ff. Zeig erst, wer du bist ...“

„Nein, wirklich, Brüder, wozu leben wir eigentlich hier?“ unterbricht das Schweigen ein vierter, der ruhig am Küchenfenster sitzt, die Wange in die Hand stützt und, mit einem innerlich selbstzufriedenen Gefühl, etwas singend spricht. „Was tun wir hier? Wir leben, ohne Menschen zu sein, wir sind begraben, ohne gestorben zu sein ...“ und er seufzt.

„Das geht nicht so einfach ... Das kann man nicht wie einen Stiefel vom Fuß abziehen. Was seufzest du?“

„Aber da haben wir doch Kulikoff ...“ mischt sich ein Heißsporn ein, ein junger Gelbschnabel.

„Kulikoff!!“ ruft sofort ein anderer mit verächtlichem Blick auf den dummen Milchbart. – „Kulikoff!!“

Das heißt soviel als: gibt es denn viele Kulikoffs?

„Nun, und auch A–ff, Brüder, ist doch ein gewandter Junge, weiß der Teufel!“

„Ha! der krempelt selbst den Kulikoff zwischen den Fingern um!“

„Wer weiß, wie weit sie jetzt schon sind, – was meint ihr?“

Und sofort begann man, über die Frage zu sprechen, wie weit sie wohl bis jetzt gekommen sein mochten. In welcher Richtung mochten sie sich entfernt haben? Welcher Weg wäre der beste? Welches Dorf das nächste?

Einige kannten die Umgegend, ihnen nun hörte man mit Interesse zu. Man sprach auch von den Einwohnern der benachbarten Dörfer und meinte, daß sie nicht sehr „günstig“ seien. In der Nähe der Stadt sei das Landvolk zu gerieben. Die würden den Flüchtlingen keinen Beistand leisten, sondern sie einfangen und ausliefern.

„Mit diesem Bauernvolk, Brüder, ist in hiesiger Gegend nichts zu wollen: echte Bauern.“

„Dumm.“

„Ein Sibirier ist nicht dumm. Sieh dich nur vor, daß er dich nicht totschlägt.“

„Nun ja, aber unsere ...“

„Versteht sich, hier handelt es sich doch nur darum, wer dem anderen über ist. Auch die Unsrigen sind nicht dumm.“

„Nun, wenn wir nicht sterben, werden wir wohl noch von ihnen hören.“

„Was, glaubst du, daß man sie fangen wird?“

„Ich glaube, daß man sie nie im Leben fängt!“ meint ein Hitzkopf und schlägt mit der Faust auf den Tisch.

„Hm! Es kommt darauf an.“

„Ich aber, Brüder, denke,“ mischt sich Skuratoff ein, „daß man mich, wenn ich Landstreicher wäre, nie und nimmer fangen würde!“

„Jawohl, dich!“

Gelächter erschallt. Einige aber stellen sich, als wollten sie nichts hören.

Skuratoff ist schon in seinem Element.

„Nie und nimmer würde man mich fangen!“ bekräftigt er energisch. „Ich, Brüder, ich habe das schon oft bei mir gedacht und mich über mich selber gewundert: ich glaube, ich würde durch jeden Spalt kriechen; aber fangen würden sie mich nicht.“

„Hab keine Bange: wirst schon hungrig werden und den Bauer um Brot betteln.“

Allgemeines Gelächter.

„Brot? – Du lügst!“

„Was schnatterst du da! Du hast ja doch selbst mit Onkel Wassei den Kuhtod erschlagen[12] und bist dafür hierher gekommen.“

Das Gelächter verstärkt sich. Die Ernsten blicken mit größerem Unwillen drein.

„Das lügst du!“ schreit Skuratoff, „das hat dir Mikitka von mir vorgelogen, und nicht einmal von mir, sondern von Wasjka, ich aber wurde so mit hineingezogen! Ich bin Moskauer und von Kindesbeinen an in der Landstreicherei bewandert. Als mir unser Unterdiakon noch das Lesen beibrachte, zog er mich bisweilen schmerzhaft am Ohr: sag, schrie er, ‚erbarme dich mein, Herr, in deiner großen Barmherzigkeit‘, und so weiter, – ich aber sagte: ‚und führe mich auf die Polizei, Herr, in deiner großen Barmherzigkeit‘, und so weiter ... Und das war so meine Handlungsweise von Kindesbeinen an.“

Wieder lachten alle. Das aber war ja alles, was Skuratoff wünschte. Es war ihm ganz unmöglich, keinen Unsinn zu schwatzen. Doch bald hörte man nicht mehr auf sein Geschwätz und wandte sich wieder ernsten Gesprächen zu. Es redeten mehr die Alten und die Sachkenner. Die Jüngeren und Bescheidenen freuten sich nur, mit den Blicken an ihnen hängend, und streckten die Köpfe vor, um ihnen zuzuhören. Es hatte sich eine große Versammlung in der Küche gebildet. Unteroffiziere waren natürlich nicht zugegen, sonst hätte man nicht so offen gesprochen. Unter den besonders freudigen Gesichtern bemerkte ich einen Tataren, Mametka mit Namen, eine äußerst komische Erscheinung mit braunem Gesicht und breiten Backenknochen. Er sprach fast überhaupt nicht russisch und verstand auch nicht, was man sprach, steckte aber dennoch seine Nase in den Kreis der Zuhörer und hörte, hörte mit wahrer Wonne zu.

„Nun, was, Mametka, jakschí?“ fragte ihn der von allen verlassene Skuratoff, ob es ihm gefiele.

„Jakschí! Uch, jakschí!“ antwortete sofort belebt und Skuratoff mit seinem komischen Kopf eifrig zunickend Mametka: „Jakschí!“

„Man wird sie doch nicht einfangen? Jok?“

„Jok, jok!“ Und Mametka nickte wieder eifrig mit dem Kopfe und bewegte diesmal sogar die Arme dazu.

„Also es bleibt dabei, die Sache ist erledigt und abgetan?“

„Ja, ja, jakschí!“ bestätigte Mametka wieder kopfnickend.

„Nun, dann also jakschí!“

Und Skuratoff geht, nach einem geschickten Schlag auf Mametkas Mütze, sodaß diese ihm auf die Augen fällt, in der vergnügtesten Stimmung zur Küchentür hinaus, den armen Mametka in einiger Verwunderung zurücklassend.

Eine ganze Woche dauerte die strenge Aufsicht im Ostrogg. Indessen mühte man sich vergeblich, der Flüchtlinge habhaft zu werden. Ich weiß nicht, durch wen die Sträflinge von den Streifzügen der Häscher benachrichtigt wurden, doch wußten sie alles. In den ersten Tagen lauteten die Nachrichten immer noch günstig für die Flüchtlinge: es war nichts von ihnen zu sehen noch zu hören, sie waren spurlos verschwunden. Die Sträflinge spotteten nur über die Häscher. Niemand beunruhigte sich mehr wegen der Entlaufenen.

„Nichts werden sie finden, nichts einfangen!“ wurde selbstzufrieden oft genug gesagt.

„Gut, wenn sie noch die Abdrücke ihrer Absätze sehen werden!“

„Gepfiffen, die werden grad wiederkommen!“

Auch hatte man bei uns erfahren, daß alle Bauern der Umgegend aufgeboten waren, um beim Kesseltreiben behilflich zu sein, daß alle verdächtigen Wälder und Schluchten umzingelt wurden.

„Unsinn!“ sagte man bei uns spöttisch. „Sie haben sicherlich jemand gefunden, bei dem sie sich vorläufig aufhalten!“

„Versteht sich!“ meinten auch andere. „Die werden doch nicht dumm sein: die haben doch alles schon früher vorbereitet.“

Man ging noch weiter in den Vermutungen; ja man äußerte sogar die Ansicht, daß die Flüchtlinge sich vielleicht noch in der Vorstadt aufhielten, sich vielleicht irgendwo in einem Keller versteckt hatten, bis die Aufregung sich gelegt und ihnen die Haare gewachsen waren – „sie können ja dort sechs Monate sitzen, sogar ein ganzes Jahr, und dann erst brechen sie auf ...“

Alle befanden sich in einer gewissermaßen romantischen Stimmung. Da verbreitete sich plötzlich, am achten Tage nach der Flucht, das Gerücht, daß man ihnen auf der Spur sei. Natürlich wurde diese sinnlose Behauptung mit Verachtung zurückgewiesen. Am Abend aber wurde es noch bestätigt. Die Sträflinge gerieten in Aufregung. Am nächsten Tage sprach man schon am Morgen in der ganzen Stadt, daß man sie bereits gefangen habe und zurückbringe. Nach dem Mittag erfuhr man Näheres: Man sei ihrer in einem siebzig Werst entfernten Dorfe habhaft geworden, hieß es. Und endlich wußte man alles ganz genau. Der Feldwebel erklärte, als er vom Major kam, daß man sie am Abend bestimmt in die Hauptwache beim Ostrogg einliefern würde. Jetzt konnte man nicht mehr zweifeln. Es ist schwer, den Eindruck zu schildern, den diese Nachricht auf die Sträflinge machte. Zuerst schienen sie alle wütend zu sein, dann aber wurden sie traurig, bis sich schließlich gewisse Anzeichen von Spottlust bemerkbar machten. Ja, man spottete, aber nicht mehr über die Häscher, sondern über die Eingefangenen. Zuerst lachten nur einige, dann aber fast alle, ausgenommen nur wenige Ernste und Charakterfeste, die unabhängig dachten und die man nicht so leicht von ihrer Ansicht abbringen konnte. Diese blickten mit einer gewissen Verachtung auf die leichtsinnige Masse und behielten ihre Gedanken für sich.

So kam es denn, daß man im selben Maße, wie man Kulikoff und A–ff früher in den Himmel gehoben hatte, sie jetzt wiederum klein machte; ja man schien es mit Genugtuung zu tun, als hätten jene alle durch irgend etwas beleidigt. Man sagte mit verächtlicher Miene, sie hätten zu großen Appetit gehabt und seien deswegen nach Brot ins Dorf gegangen, das aber war die größte Erniedrigung für einen Landstreicher. Doch waren diese Erzählungen unrichtig: sie hatten sich in einen Wald geflüchtet, der Wald war umzingelt worden, worauf sie, als sie keine Rettungsmöglichkeit mehr sahen, sich selbst ergeben hatten – es war ihnen einfach nichts anderes übrig geblieben.

Als man sie nun kurz vor Abend tatsächlich brachte, an Händen und Füßen gefesselt, begleitet von vielen Gendarmen, da eilte die ganze Kátorga zum Palissadenzaun, um durch die Spalten zu sehen, was mit ihnen geschah. Natürlich sahen sie nichts, außer dem Wagen des Majors und der Equipage des Festungskommandanten vor der Wache. Die Flüchtlinge wurden in einem besonderen Arrestzimmer untergebracht, eingeschmiedet, und sollten am nächsten Tage verhört werden. Der Spott und die Verachtung der Sträflinge vergingen aber schon bald ganz von selbst. Man erfuhr die näheren Umstände der Gefangennahme, man erfuhr auch, daß ihnen nichts anderes zu tun übrig geblieben war, und so interessierte man sich mit aufrichtiger Teilnahme nur noch für ihr ferneres Schicksal.

„Man wird ihnen mindestens tausend aufzählen,“ meinten die einen.

„Was Tausend!“ sagten andere, „totschlagen wird man sie, aber nicht Tausend! A–ff wird vielleicht noch mit Tausend davonkommen, Kulikoff aber wird totgeprügelt, denn ihr müßt doch nicht vergessen, Brüder, daß er doch zur ‚Besonderen‘ gehört!“

Indessen hatten beide Parteien nicht das Richtige erraten. A–ff erhielt nur fünfhundert, da man seine sonst gute Aufführung in Betracht zog und da es sein erstes Vergehen war. Kulikoff wurde, glaube ich, zu tausendfünfhundert verurteilt und noch ziemlich milde bestraft. Sie hatten beide, als kluge Burschen, sich vor Gericht nicht widersprochen, sondern bestimmt und deutlich erklärt, daß sie direkt aus der Festung entflohen seien, ohne irgendwo unterzuschlüpfen. Am meisten tat mir Koller leid: er verlor alles, seine letzten Hoffnungen, wurde am strengsten bestraft – mit zwei Tausend, wenn ich nicht irre – und dann noch als Arrestant irgendwohin in einen anderen Ostrogg fortgeschickt.

A–ff wurde sehr nachsichtig bestraft; offenbar schonte man ihn; auch halfen ihm die Ärzte. Er aber spielte den Mutigen, und erzählte laut im Lazarett, daß er jetzt erst die Taufe bestanden habe, jetzt sei er zu allem bereit und würde noch ganz andere Dinge anstiften. Kulikoff benahm sich wie gewöhnlich: wohlerzogen, vornehm, und als er nach der Strafe in den Ostrogg zurückkehrte, tat er, als hätte er sich nie aus ihm entfernt. Aber nicht so blickten die Sträflinge auf ihn: obgleich Kulikoff immer und überall sich gut aufzuführen verstand, schienen die Sträflinge innerlich doch aufgehört zu haben, ihn nach alter Art zu achten. Sie gingen mit ihm jetzt mehr wie mit einem ihnen Gleichstehenden um. Ja, mit diesem mißglückten Fluchtversuch erlosch Kulikoffs Ansehen. Der Erfolg bedeutet so viel bei den Menschen.

X.

Die Entlassung aus dem Ostrogg

Die Flucht ereignete sich erst im letzten Jahr meiner Kátorga.

Dieses letzten Jahres erinnere ich mich fast ebenso deutlich, wie meines ersten im Ostrogg, namentlich der letzten Monate, Wochen und Tage. Doch wozu soll ich von den Einzelheiten erzählen: ich will nur sagen, daß dieses letzte Jahr trotz meiner ganzen Ungeduld, es endlich hinter dem Rücken zu haben, dennoch leichter war, als alle vorhergehenden Jahre. Hinzu kam, daß ich jetzt unter den Sträflingen schon Freunde hatte, die endgültig zur Überzeugung gekommen waren, daß ich ein guter Mensch sei. Viele von ihnen waren mir sogar aufrichtig zugetan. Der Pionier Bakluschin weinte beinahe, als er mich und meinen Kameraden aus dem Ostrogg geleitete, und als wir dann noch einen ganzen Monat in der Stadt in einem der Regierungsgebäude leben mußten, kam er fast jeden Tag zu uns, nur um uns wieder zu sehen. Aber es waren unter ihnen auch einige, die sich bis zum Schluß unfreundlich zu mir verhielten, denen es – weiß Gott, warum – sogar schwer gefallen wäre, auch nur ein Wort zu mir zu sagen. Es schien förmlich eine Mauer zwischen uns zu stehen.

In dieser letzten Zeit hatte ich größere Vergünstigungen, als in allen anderen Jahren. In der Stadt waren unter den Offizieren Bekannte von mir, sogar alte Schulkameraden, mit denen ich die früheren Beziehungen erneuerte. Durch sie konnte ich jetzt auch in den Besitz von mehr Geld gelangen, konnte Briefe in die Heimat schicken und sogar Bücher erhalten. Mehrere Jahre schon hatte ich kein Buch gelesen. Es dürfte wohl jedem, der so etwas nicht selbst durchgemacht hat, schwer sein, sich vorzustellen, einen wie eigenartigen Eindruck das erste, im Ostrogg gelesene Buch auf mich machte. Ich begann am Abend zu lesen, nachdem man unsere Kaserne bereits geschlossen hatte, und ich las die ganze Nacht hindurch, bis zum Sonnenaufgang. Es war nur eine Nummer einer Zeitschrift. Wie eine Nachricht aus dem Jenseits kam sie mir vor. Das war ja doch mein ganzes früheres Leben, das sich jetzt klar und grell vor mir erhob, und ich bemühte mich, aus dem Gelesenen zu erraten, um wieviel ich zurückgeblieben war. Hatten sie viel dort ohne mich durchlebt? Was regt jetzt die Gemüter dort auf? Mit welchen Fragen beschäftigen sie sich jetzt? Ich dachte über jedes Wort nach, ich las zwischen den Zeilen, ich vermutete in jedem Satz einen geheimnisvollen Sinn, Anspielungen auf Früheres. Ich suchte die Spuren von all dem, was früher, zu meiner Zeit, die Geister erregt hatte, und es tat mir so weh, an dieser Wirklichkeit sehen zu müssen, in welchem Maße ich in dem neuen Leben ein Fremder geworden war, ein abgeschnittenes, vergessenes Stück Leben. Jetzt mußte man sich an das Neue gewöhnen, sich mit der neuen Generation bekannt machen. Gierig las ich einen Artikel, unter dem der Name eines meiner Bekannten, eines mir früher nahe gewesenen Menschen stand ... Doch schon stieß ich auf neue Namen: es waren neue Größen erschienen. Fieberhaft wollte ich mehr von ihnen erfahren, sie näher kennen lernen, und es ärgerte mich entsetzlich, daß ich so wenig Bücher erhalten konnte, daß es so schwer war, sich welche zu verschaffen. Früher, unter dem „Achtäugigen“, wäre es geradezu sehr gefährlich gewesen, Bücher im Ostrogg zu haben. Bei einer Durchsuchung wären sie ihm unfehlbar in die Hände gefallen, und dann hätte er ohne weiteres gefragt: „Woher hast du die Bücher? Von wem? Du unterhältst hier also Beziehungen? ...“ Was aber hätte ich auf diese Fragen antworten können? Und so vertiefte ich mich, da ich ohne Bücher leben mußte, in mich selbst, stellte mir Fragen, versuchte sie zu lösen, quälte mich bisweilen mit ihnen ... Doch wer kann das alles wiedergeben! ...

Ich war im Winter in den Ostrogg gekommen, also wurde ich auch im Winter wieder aus ihm entlassen, am selben Tage desselben Monats, in dem ich eingetreten war. Mit welcher Ungeduld erwartete ich den Winter! Mit welcher Freude sah ich zu Ende des Sommers den Wald sich färben, sah ich, wie das Steppengras gelb und dürr wurde. Der Sommer verging, es kam der Herbst, und seine Stürme heulten, dann tanzten die ersten Schneeflocken hernieder ... Endlich, endlich kam der Winter, den ich so lange ersehnt hatte! Mein Herz klopfte oft dumpf und stark im großen Vorgefühl der Freiheit. Doch eines war sonderbar: je mehr die Zeit verging und je näher der Tag der Freiheit rückte, um so geduldiger und geduldiger wurde ich. Ja, in den letzten Tagen wunderte ich mich sogar darüber und machte mir deswegen Vorwürfe: es schien mir, daß ich vollkommen kaltblütig und gleichmütig geworden sei. Viele Sträflinge, die mir in der arbeitsfreien Zeit auf dem Hof begegneten, redeten mich an und beglückwünschten mich:

„Na, Väterchen Alexander Petrowitsch, Ihr geht ja nun bald, kehrt in die Freiheit zurück, ja, ja. Bald werdet Ihr uns alte Klepper verlassen!“

„Nun, Martynoff, Ihr bleibt doch auch nicht mehr lange hier. Wieviel Jahre habt Ihr noch?“ fragte ich.

„Wer ich? Nun ja, was soll man da reden! So an sieben Jahr werde ich immer noch hier bleiben ...“

Und er seufzt, ohne dabei etwas zu denken, steht, blickt zerstreut drein, als schaue er innerlich in die Zukunft ... Viele beglückwünschten mich freudig und von ganzem Herzen. Es schien mir, als wären sie jetzt alle freundlicher zu mir. Ich gehörte in ihren Augen gewissermaßen nicht mehr zu ihnen. K–tschinskij, ein adliger Pole, ein stiller, sanfter Jüngling, der gleich mir gern einsam hinter den Kasernen umherstrich und durch die Bewegung in der frischen Luft gleichfalls seine Gesundheit vor dem schädlichen Einfluß der schwülen Nächte in der Kaserne bewahren wollte, sagte lächelnd zu mir:

„Ich erwarte mit Ungeduld Ihre Entlassung ... Wenn Sie gegangen sind, _dann werde ich wissen_, daß ich gerade noch ein Jahr auf die Freiheit zu warten habe.“

Ich muß hier nebenbei bemerken, daß die Freiheit im Ostrogg infolge der Entwöhnung von ihr und des ewigen Träumens noch viel freier erschien, als sie in Wirklichkeit ist. Die Sträflinge vergrößerten ganz unwillkürlich den Begriff der wirklichen Freiheit – und das ist ja schließlich auch so verständlich und für den Sträfling charakteristisch. Selbst der letzte zerlumpte Stiefelwichser oder Offiziersbursche wurde bei uns fast für einen König gehalten, fast für das Ideal eines freien Menschen – nur weil er gleichmäßig geschnittenes Haar trug, weil er ohne Fesseln und ohne militärische Eskorte gehen durfte.

Am Vorabend des letzten Tages ging ich in der Dämmerung _zum letztenmal_ am Palissadenzaun entlang, ging am Zaun um den ganzen Ostrogg herum. Wieviel tausendmal war ich in all diesen Jahren an diesen Palissaden vorübergegangen! Hier hinter den Kasernen strich ich im ersten Jahr meiner Verbannung ruhelos umher, allein, einsam und wie zerschlagen. Ich weiß noch, wie ich damals gezählt hatte, wieviel tausend Tage mir hier bevorstanden. Gott, wie lange ist das doch her. Hier in dieser Ecke hatte unser Adler gelebt, und hier war ich mit Petroff oft zusammengetroffen. Er verließ mich auch jetzt nicht. Er trat zuweilen auf mich zu und ging dann, als erriete er meine Gedanken, schweigend neben mir her, und es war, als wunderte er sich im stillen über irgend etwas. In Gedanken verabschiedete ich mich auch von diesen geschwärzten Blockhäusern; wie ungastlich waren sie mir _damals_ erschienen, in der ersten Zeit. Auch sie sahen jetzt wohl älter aus, als damals, doch ich gewahrte es nicht. Wieviel Jugend ist hier hinter diesen Wänden unnütz begraben, wieviel große Kraft verkam hier nutzlos! Man muß es doch einmal aussprechen: Dieses Volk war doch ein ungewöhnliches Volk! Es ist ja doch das allerbegabteste, allerstärkste Volk in unserem ganzen russischen Volke! Aber nutzlos verkamen die mächtigen Kräfte, verkamen unnormal, ungesetzmäßig, unwiderbringlich. Wer aber ist schuld daran?

Das ist es ja: wer ist schuld daran?

... Am nächsten Morgen ging ich schon früh, noch vor dem Aufbruch zur Arbeit, als es kaum erst zu tagen begann, in alle Kasernen, um mich von allen Sträflingen zu verabschieden. Viel schwielige, starke Hände streckten sich mir freundlich entgegen. Manch einer drückte meine Hand wie ein guter Freund, doch waren solcher nicht allzu viele. Die anderen fühlten es nur zu gut, daß ich noch heute ein ganz anderer Mensch werden würde, als sie. Sie wußten, daß ich in der Stadt Bekannte hatte, daß ich mich von hier sogleich zu den _Herren_ begeben würde und mich als Gleichstehender neben jene setzen konnte. Das begriffen sie und so verabschiedeten sie sich von mir wohl freundlich, fast sogar als hätten sie mich gern, aber doch längst nicht wie von einem Kameraden, sondern allenfalls wie von einem Herrn. Einzelne wandten sich sogar schroff von mir ab und antworteten mir nicht auf meinen Abschiedsgruß. Einzelne sahen mich fast mit verstecktem Haß an.

Da ertönte die Trommel und alle begaben sich zur Arbeit, ich aber blieb zurück. Ssuschiloff war an diesem Morgen früher als alle anderen aufgestanden und hatte sich eifrig bemüht, mir noch Tee zu bereiten. Armer Ssuschiloff! Er brach in Tränen aus, als ich ihm meine abgetragenen Kleidungsstücke, einige Hemden, die ledernen Fußschoner und noch einiges Geld schenkte.

„Mir ist’s doch nicht darum zu tun, doch nicht darum!“ murmelte er, krampfhaft bemüht, seine zitternden Lippen zur Ruhe zu zwingen, „wie soll ich denn ohne Euch weiterleben, Alexander Petrowitsch? Mit wem bleibe ich denn jetzt hier zurück?“

Auch von Akim Akimytsch nahm ich zum letztenmal Abschied.

„Nun, auch Ihre Frist ist jetzt bald abgelaufen!“ sagte ich zu ihm.