Sämtliche Werke 18

Part 31

Chapter 313,573 wordsPublic domain

Der Ankauf eines braunen Pferdes, das bei uns nach seiner Farbe nur Gnjedko genannt wurde, beschäftigte und zerstreute die Sträflinge in weit angenehmerer Weise als der hohe Besuch. Im Ostrogg wurde beständig ein Pferd zum Wasserführen, zur Abfuhr des Unrats und zu verschiedenen anderen Zwecken gehalten. Zur Wartung des Pferdes wurde ein Sträfling bestimmt, der mit ihm fuhr und dies und jenes zu fahren hatte, natürlich immer unter Eskorte – es gab genug Arbeit für beide. Unser Brauner hatte schon sehr lange im Ostrogg gedient, war sonst ein gutes Tier, nur mit den Jahren etwas alt und steif geworden. Und eines Morgens kurz vor dem St. Petritage fiel unser Brauner, nachdem er kaum mit dem Wasservorrat für den Abendbedarf angekommen war, vor seinem Wagen um und verschied nach wenigen Minuten. Man beklagte ihn aufrichtig, alles versammelte sich im Kreise um ihn, sprach hin und her, stritt sogar. Unsere ehemaligen Kavalleristen, Zigeuner und sogenannten „Tierärzte“ legten bei der Gelegenheit viel Kenntnisse in der Pferdebranche an den Tag, ja sie schimpften sich sogar untereinander, doch der Braune machte deswegen nicht Miene, von den Toten aufzuerstehen. Er war und blieb tot, lag auf dem Sande mit geblähtem Leibe, auf den ein jeder mit dem Finger zu tippen offenbar für seine Pflicht hielt. Dem Major wurde der eingetroffene Beschluß Gottes gemeldet und er befahl sofort, daß ein neues Pferd gekauft werde. Am St. Peterstage kamen bald nach dem Frühgottesdienst, als im Ostrogg alle vollzählig versammelt waren, die Händler mit ihren Pferden an, um sie anzubieten. Es versteht sich von selbst, daß die Wahl den Sträflingen überlassen werden mußte. Bei uns gab es gute Pferdekenner und so wäre es wohl schwer gewesen, zweihundertundfünfzig Menschen, von denen sich die meisten viel mit Pferden beschäftigt hatten, über das Ohr zu hauen. Da kamen nun Pferdehändler, Kirgisen, Zigeuner, Bauern. Die Sträflinge erwarteten mit Ungeduld das Erscheinen jedes neuen Pferdes. Sie waren lustig und guter Dinge, wie Kinder, die sich über etwas freuen. Am meisten behagte ihnen, daß sie, sie selbst, ganz als wären sie freie Herren, als kauften sie es für _ihr_ Geld und _für sich_, nun das volle Recht hatten, das Pferd nach _eigenem_ Gutdünken zu kaufen. Drei Pferde wurden hereingeführt und wieder hinausgeführt, bis der Kauf schließlich beim vierten zustande kam. Die eintretenden Pferdeverkäufer schauten sich bald mit einer gewissen Verwunderung, aus der zuerst ein gelinder Schreck hervorblitzte, und mit einer gewissen kleinlauten Schüchternheit um – namentlich immer wieder nach den Wachen, die sie hereingeführt hatten. Die zweihundertköpfige Schar einer solchen Räuberbande, jeder einzelne mit zur Hälfte abrasiertem Schädel und die meisten mit gebrandmarktem Gesicht, in Ketten eingeschmiedet, die bei jeder Bewegung klirren, dazu noch bei sich zu Hause, in der eigenen Räuberhöhle, über deren Schwelle kein Fremder treten durfte, – die erweckte in ihnen unwillkürlich einen Respekt besonderer Art. Die Sträflinge aber überboten sich gegenseitig in der Prüfung jedes vorgeführten Pferdes. Wohin schauten sie ihm nicht, was befühlten sie nicht alles an ihm, und dabei taten sie es noch mit so sachlichen, ernsten und besorgt interessierten Mienen, als wenn von diesem Kauf das Wohlergehen des ganzen Ostrogg abhing. Die Tscherkessen schwangen sich sogar auf jedes Pferd hinauf und saßen eine Weile rittlings auf dem Tiere: ihre Augen blitzten und sie schwatzten lebhaft in ihrer unverständlichen Sprache, wobei ihre weißen Zähne glänzten und sie mit ihren braunen Köpfen und den Hakennasen nickten. Manch einer von den Russen verfolgte ihr Gespräch mit einer Aufmerksamkeit, als wolle er ihnen in die Augen springen. Da er die Worte nicht verstand, so wollte er wenigstens am Ausdruck ihrer Augen erraten, was ihre Meinung war, ob das Pferd etwas taugte oder nicht. Einem unbeteiligten Beobachter würde eine so krampfhafte Neugier geradezu unbegreiflich erscheinen. Was ging denn das schließlich diesen Sträfling an, sollte man meinen, nicht selten sogar einen Sträfling, der vor einem anderen keinen Ton zu sagen wagte, stets verschüchtert, still, gleichsam „verprügelt“ war. Ganz als hätte er das Pferd für sich gekauft, als wäre es ihm tatsächlich nicht gleichgültig gewesen, welches Pferd nun gekauft werden würde. Außer den Tscherkessen zeichneten sich vor allen anderen die Zigeuner und ehemaligen Pferdehändler durch ihre Kenntnisse aus: ihnen wurde auch das erste Wort überlassen. Bei dieser Gelegenheit kam es sogar zu einer Art von Zweikampf zwischen zwei „Kennern“: zwischen dem Sträfling Kulikoff, der von Geburt halbwegs Zigeuner und in seinem Leben Pferdedieb und -verkäufer gewesen war, und dem „Tierarzt“ Jolkin, einem schlauen sibirischen Bauern, der erst seit kurzem im Ostrogg war, dennoch aber dem Kulikoff die ganze Kundschaft in der Stadt abspenstig gemacht hatte. Unsere „Tierärzte“ wurden nämlich in der ganzen Stadt sehr hochgeschätzt und es wandten sich nicht nur Bauern und Kaufleute, sondern sogar die höchsten Würdenträger an sie, sobald ihre Pferde erkrankten, obschon es auch Veterinäre in der Stadt gab. Kulikoff hatte bis zur Ankunft Jolkins keinen Konkurrenten gehabt, sich einer großen Praxis erfreut und viel klingenden Dank erhalten. Er verstand es nach Zigeunerart vorzüglich, die Leute zu beschwindeln und sie glauben zu machen, daß er viel mehr wisse, als es in der Tat der Fall war. Dank seiner guten Einnahmen war er ein Aristokrat unter uns Sträflingen, und schon lange war es ihm gelungen, durch seine Gewandtheit und Klugheit, seine Kühnheit und Entschlossenheit unwillkürlich die Achtung aller Ostroggbewohner zu erwerben. Jedenfalls hörte man bei uns auf ihn und gehorchte ihm sogar. Er sprach aber nur wenig: jedes seiner Worte war wie gesagt ein Geschenk, das er nur in den wichtigsten Fällen gab. Sonst war er ein ausgesprochener Geck, doch besaß er nicht wenig echte, unverfälschte Energie, und war zwar nicht mehr jung, dafür aber sehr hübsch und sehr klug. Mit uns Adligen verkehrte er auffallend höflich, mit einer Höflichkeit, die sogar eine gewisse Schulung besaß, und dabei doch mit ungewöhnlicher Wahrung der eigenen Würde. Ich glaube sogar, hätte man ihn elegant angekleidet und unter dem Namen irgend eines Grafen in einen vornehmen Residenzklub eingeführt, so würde er sich auch hier zurechtgefunden haben, er hätte eine Partie Whist gespielt, hätte sich vorzüglich unterhalten, nicht viel, aber ernst und durchdacht gesprochen, was jedem seiner Worte ein gewisses Gewicht verlieh, und wahrscheinlich würde man während des ganzen Abends nicht erraten haben, daß er kein Graf, sondern ein Landstreicher war. Ich sage das in vollem Ernst: so klug, so scharfsinnig und gewandt war er in seinen Kombinationen. Zudem hatte er vorzügliche, wirklich tadellose Manieren. Offenbar hatte er viel in seinem Leben gesehen. Übrigens war seine Vergangenheit allen unbekannt; bei uns gehörte er zur besonderen Abteilung. Mit der Ankunft Jolkins aber, der zwar nur ein Bauer, dafür aber der schlaueste in seiner Art war, ein Altgläubiger von etwa fünfzig Jahren, ging es mit dem Ruhm Kulikoffs als Tierarzt merklich zurück und bald war er fast gänzlich in den Schatten gestellt: in kaum zwei Monaten hatte ihm Jolkin seine ganze Praxis in der Stadt abspenstig gemacht. Er heilte und sogar mit Leichtigkeit selbst solche Pferde, die Kulikoff schon vor langer Zeit als unheilbar aufgegeben hatte, ja sogar solche, die von den städtischen Tierärzten, den studierten, als unrettbar verloren hingestellt waren. Dieser Bauer war zusammen mit anderen wegen Falschmünzerei in den Ostrogg gekommen. Weiß Gott, was ihn geplagt hatte, sich in seinen alten Tagen noch auf so etwas einzulassen! Einmal erzählte er uns lachend, wie bei ihnen aus drei echten Goldmünzen nur eine einzige falsche entstanden sei, – ein etwas unvorteilhaftes Ergebnis ihrer Experimente. Kulikoff nun fühlte sich nicht wenig gekränkt durch die Erfolge des anderen, namentlich da sein Ruhm auch unter den Sträflingen merklich zurückging. Er unterhielt eine Geliebte in der Vorstadt, ging in einer faltigen Bluse, trug einen silbernen Fingerring und einen Ohrring, sowie eigene Stiefel mit farbiger Einfassung, und nun mußte er wegen mangelnder Einkünfte Branntweinhändler im Ostrogg werden. So erwarteten denn alle, daß es jetzt bei Gelegenheit des Pferdekaufes zwischen den beiden Feinden noch zu einer Schlägerei kommen würde. Man beobachtete sie neugierig: ein jeder von ihnen hatte seine Partei und die Führer derselben waren schon aufgeregt und begannen bereits, die ersten Schimpfwörter zu wechseln. Jolkin selbst hatte sein schlaues Gesicht zum sarkastischen Lächeln verzogen. Doch siehe, es kam anders: Kulikoff fiel es nicht ein, zu schimpfen, er rächte sich auch ohne Geschimpf meisterhaft. Er begann mit ruhigem, fast respektvollem Anhören der kritischen Meinungsäußerungen seines Gegners, bis er ihn plötzlich auf einer einzigen falschen Bemerkung ertappte und ihn sofort in höflichem, aber bestimmtem Tone darauf aufmerksam machte, daß er sich irre, und noch bevor Jolkin sich besinnen und seine Worte zurücknehmen konnte, erklärte er ruhig, daß der Irrtum gerade in dem und dem bestände. Kurz, Jolkin war höchst unerwartet und sehr geschickt in allen Punkten geschlagen, und wenn er auch schließlich immer noch der bessere Kenner blieb, so war doch auch die Partei Kulikoffs durchaus befriedigt.

„Nein, Kinder, den schlägt man nicht so leicht, der steht seinen Mann! Den wirft man nicht um!“ meinten die einen.

„Jolkin weiß aber mehr!“ meinten die anderen, doch waren sie plötzlich ganz friedlich gesinnt. Überhaupt redeten beide Parteien mit einem Mal in sehr nachgiebigem Tone.

„Nicht daß er gerade mehr weiß, er hat nur eine glücklichere Hand. In der Viehbehandlung aber, da braucht auch Kulikoff nicht den Mut zu verlieren!“

„Nein, da braucht auch Kulikoff nicht den Mut zu verlieren!“

„Ja, das ist wahr: da braucht auch Kulikoff nicht den Mut zu verlieren! ...“

Endlich hatte man sich für ein neues Pferd entschieden. Es war ein junges, hübsches, kräftiges Tier von brauner Farbe mit einem lieben, lustigen Gesichtsausdruck, wenn man so sagen darf. Selbstverständlich war es in jeder Beziehung tadellos. Nachdem alles festgestellt war, begann man zu handeln: man forderte dreißig Rubel, die Sträflinge boten fünfundzwanzig. Man redete lange hin und her, man legte zu, und man ließ ab, bis ihnen das Handeln selbst lächerlich wurde.

„Wirst du denn aus deinem Beutel bezahlen?“ fragten die einen, „wozu handelst du dann?“

„Sollen wir denn noch den Vorgesetzten zu sparen helfen?“ schrien andere.

„Aber, Brüder, es ist doch immer sozusagen für uns verausgabtes Geld ...“

„Für uns! Da sieht man, Freund, daß die Dummheit nicht gesät wird, sondern von selber auf die Welt kommt ...“

Schließlich wurde das Pferd für achtundzwanzig Rubel gekauft, der Major wurde benachrichtigt und das Geld ausgezahlt. Natürlich brachte man sogleich Salz und Brot und der neue Braune hielt nach allen Ehrungen seinen Einzug in den Ostrogg. Ich glaube, es gab keinen einzigen Sträfling, der ihm bei dieser Gelegenheit nicht den Hals geklopft oder das Maul gestreichelt hätte. Noch am selben Tage wurde der Braune angeschirrt, um das Wasser herbeizuschleppen, und alles wartete und sah interessiert zu, wie der neue Braune seine Tonne ziehen würde. Unser Wasserführer Roman betrachtete sein neues Pferd mit ungemein behaglicher Zufriedenheit. Er war ein gesetzter Mann von fünfzig Jahren, schweigsam und von rechtschaffenem Charakter. Überhaupt sind alle russischen Kutscher sehr gesetzt und schweigsam, als ob es tatsächlich wahr wäre, daß der beständige Umgang mit Pferden dem Menschen eine gewisse Ruhe und sogar Vornehmheit verleihe.

Unser Roman war still, freundlich gegen jedermann, schnupfte Tabak und war schon seit undenklichen Zeiten zum „Pferdedienst“ bestimmt. Der neugekaufte Braune war bereits das dritte Pferd, und bei uns waren alle der Meinung, daß die braune Farbe gut zum Ostrogg passe, was auch von Roman bestätigt wurde. Ein scheckiges Pferd zum Beispiel hätte man unter keinen Umständen gekauft. Das Wasserführen blieb ewig Roman zugewiesen, ganz als hätte er darauf ein Recht gehabt, das kein einziger von uns ihm streitig zu machen gedachte. Als der alte Gnjedko verschied, fiel es nicht einmal dem Major ein, Roman einen Vorwurf zu machen, ihm eine Schuld daran beizumessen: das war Gottes Wille und weiter nichts, Roman aber war ein guter Kutscher. Der neue Gnjedko war bald der Liebling des ganzen Ostrogg. Die Sträflinge sind sonst ein rüdes Volk, doch zum Pferde traten sie sehr oft, um es zu streicheln und ihm den Hals zu klopfen. Zuweilen wenn Roman nach der Rückkehr vom Fluß das Tor schloß, das ihm vom Unteroffizier aufgemacht wurde, stand Gnjedko solange mit seiner Wassertonne, wartete auf ihn und sah ihn von der Seite an.

„Geh allein!“ rief ihm dann Roman bisweilen zu – und Gnjedko zog seine Tonne sofort weiter, zog sie bis zur Küche und blieb dort stehen, um die „Köchinnen“ und die Sträflinge, die in die Kasernen das Wasser zu tragen hatten – zu erwarten.

„Bravo, Gnjedko!“ rief man ihm zu, „bist ganz allein gekommen! ... Verstehst zu gehorchen!“

„Ja, es ist schon wahr, das muß man sagen: ist doch nur ein Vieh, versteht aber, was man spricht!“

„Das hast du brav gemacht, Gnjedko!“

Und Gnjedko nickt mit dem Kopf und schnauft, ganz als begreife er wirklich, was man sagt, und als freue er sich über das Lob. Dann bringt ihm unfehlbar jemand ein Stück Brot mit Salz aus der Küche: Gnjedko frißt es auf und nickt wieder mit dem Kopfe, als wolle er sagen: „Ich kenne dich, jawohl, und ich bin ein liebes Pferdchen und du bist ein guter Mensch!“

Auch ich gab gern unserem Gnjedko ein Stück Brot: es war so angenehm, seine hübsche Schnauze zu betrachten und seine weichen, warmen Lippen auf der Handfläche zu fühlen, die geschäftig die Gabe aufsammelten.

Im allgemeinen kann man sagen, daß unsere Sträflinge Tiere sehr gern hatten, und wenn es nur erlaubt gewesen wäre, so hätten sie sicherlich eine ganze Menagerie im Ostrogg gegründet, und alle Haustiere und alle Geflügelsorten eingeführt. Und was könnte wohl den rohen Charakter der Arrestanten leichter erweichen und veredeln, als ein solcher Umgang mit Tieren? Doch es war nicht gestattet, Tiere im Ostrogg zu halten: weder unsere Gefängnisordnung noch der Raum hätten es erlaubt.

Dennoch gab es während meiner ganzen Strafzeit beständig einige Tiere im Ostrogg: außer dem Braunen waren bei uns noch Hunde, Gänse, der Ziegenbock Wasjka und eine Zeitlang sogar ein Adler.

Als Ostrogghund lebte bei uns, wie ich schon gesagt habe, Scharik, ein kluges und gutes Tier, mit dem ich sehr befreundet war. Da aber Hunde im Volk immer für unreine Tiere gehalten werden, die man überhaupt nicht beachten sollte, so schenkte bei uns auch dem Scharik fast niemand irgend welche Aufmerksamkeit. Der Hund schlief auf dem Ostrogghof, lebte von den Brocken, die man ihm aus der Küche zuwarf, vermochte aber keinerlei Interesse für sich zu erwecken, obwohl er jeden einzelnen „persönlich“ kannte und für seinen Herrn hielt. Wenn die Sträflinge von der Arbeit zurückkehrten, so lief Scharik schon auf den ersten Ruf der Wache nach dem Gefreiten zum Tor, empfing freudig jeden Trupp, wedelte mit der Rute, blickte einem jeden erwartungsvoll und freundlich in die Augen, als erwarte er eine, wenn auch noch so flüchtige Liebkosung. Doch im Verlauf von mehreren Jahren hatte er noch von keinem einzigen auch nur die geringste Freundlichkeit erfahren, ausgenommen von mir. Dafür aber liebte er mich auch am meisten von allen. Ich entsinne mich nicht mehr, durch welchen Zufall später noch ein anderer Hund in unseren Ostrogg kam, Bjelka, den dritten aber, Kuljtjäpka, den hatte ich selbst einmal von der Arbeit noch als kleines Tierchen mitgebracht.

Bjelka war ein seltsames Geschöpf: es hatte ihn einmal jemand überfahren und daher war sein Rücken in der Mitte eingeknickt, so daß er beim Laufen, von weitem gesehen, wie zwei Tiere aussah; was für welche das sein mochten, das ließ sich nicht bestimmen, jedenfalls aber wie zwei sehr seltsame, weiße, die absonderlich zusammengewachsen sein mußten. Außerdem war er noch grindig und hatte eiternde Augen, die Rute war fast ganz unbehaart und beständig eingekniffen. Vom Schicksal mißhandelt, schien sich das Tier entschlossen zu haben, sich in alles zu ergeben: niemals bellte es einen an, niemals knurrte es, als hätte es keinen Laut von sich zu geben gewagt. Bjelka lebte im Gegensatz zu Scharik, der überall umherlief, fast nur hinter den Kasernen, und erblickte er einen von uns, so warf er sich, noch bevor man an ihn heran getreten war, zum Zeichen seiner Ergebenheit und friedlichen Gesinnung auf den Rücken, als wollte er damit sagen: „Mach mit mir, was du willst, ich aber, wie du siehst, denke nicht daran, mich zu verteidigen.“ Und fast jeder Sträfling, vor dem er sich auf den Rücken wälzte, schien es für seine Pflicht zu halten, ihn mit den Stiefeln zu stoßen.

„So ’ne Mißgeburt!“ sagten sie dazu. Bjelka aber wagte nicht einmal zu winseln, und nur wenn der Fußtritt gar zu schmerzhaft war, quiente er mit festem Maul, gleichsam nur innerlich. Ebenso wälzte er sich auch vor Scharik auf dem Rücken und vor jedem anderen Hunde, wenn er einmal aus dem Ostrogg hinauslief. Zuweilen sah ich, wie er sich plötzlich auf den Rücken wälzte und ruhig und ergeben in dieser Stellung verharrte; dann erblickte man im nächsten Augenblick unfehlbar einen großen Köter, der auf ihn zugerannt kam, mit langen, schlotternden Ohren, mit Gebell und Geheul. Doch Hunde lieben bei ihresgleichen Ergebenheit und friedliche Gesinnung. Der wütende Köter ist sogleich besänftigt, bleibt in einer gewissen Nachdenklichkeit vor dem auf dem Rücken liegenden Hunde stehen, bis er dann mit Interesse das ganze Tier beschnuppert. Was mochte wohl in solchen Augenblicken der zitternde unglückliche Hund denken? Wahrscheinlich: „Wenn er aber jetzt zubeißt, der Räuber?“ Der große Köter jedoch verläßt ihn nach aufmerksamer Beschnupperung, da er nichts Fesselndes an ihm entdeckt zu haben scheint. Bjelka aber dreht sich wieder um und läuft hinkend einem langen Hundezuge nach, der irgend einem kleinen Schoßhündchen folgt. Und wenn er auch genau weiß, daß ein Schoßhündchen niemals mit ihm Freundschaft schließen wird, so ist ihm doch schon das bloße Mitlaufen ein – Glück in seinem Unglück. An Ehre und Ehrgeiz hatte er offenbar seit lange aufgehört zu denken. Da ihm jede Aussicht auf Karriere genommen war, lebte er nur noch, um sein Dasein zu fristen, wessen er sich auch selbst vollkommen bewußt war. Ich versuchte einmal, ihn zu streicheln: das war für ihn so neu und unerwartet, daß er sich plötzlich platt an die Erde drückte, am ganzen Leibe erzitterte und vor Rührung laut zu heulen begann. Aus Mitleid trat ich öfter zu ihm, um ihn etwas zu liebkosen. Dafür konnte er mich bald nicht mehr anders als mit lautem Winseln begrüßen: erblickte er mich auch nur von weitem, so hub doch schon unfehlbar das weinerliche krankhafte Winseln an. Eines Tages wurde er auf dem Festungswall von anderen Hunden zerrissen.

Einen ganz anderen Charakter hatte dagegen Kuljtjäpka. Weshalb ich ihn eigentlich aus der Werkstätte als noch blinden Nestling mitgenommen hatte, vermag ich jetzt selbst nicht zu sagen. Es war mir eine angenehme Zerstreuung, ihn zu füttern, großzuziehen und aufwachsen zu sehen. Scharik nahm ihn sogleich unter seine Protektion und schlief mit ihm zusammen. Als Kuljtjäpka größer wurde, erlaubte er ihm, seine Ohren zu beißen, ihn am Fell zu zerren, und überhaupt mit ihm zu spielen, wie gewöhnlich alle größeren Hunde mit den jungen zu spielen pflegen. Sonderbar war nur, daß Kuljtjäpka so gut wie gar nicht in die Höhe wuchs, sondern nur in die Länge und Breite. Sein Fell war zottig und von einer unbestimmten hell mausgrauen Farbe; das eine Ohr wuchs nach unten, das andere nach oben. Von Charakter war er heftig und begeisterungsfähig, wie schließlich jeder junge Hund, der in der Freude, den Herrn wiederzusehen, kläfft und quient und winselt, ihm womöglich das Gesicht lecken will und auch alle seine anderen Gefühle nicht mehr zurückzuhalten vermag: „wenn du nur meine Begeisterung siehst, Anstand hat dann nichts mehr zu bedeuten!“ Rief ich: „Kuljtjäpka!“ so kam er, gleichviel wo er war, plötzlich im Galopp um irgend eine Ecke gelaufen, wie aus der Erde hervorgezaubert, und stürzte in heller Begeisterung wie ein geworfener Ball mir entgegen, und nicht selten überpurzelte er sich unterwegs. Ich hatte diese kleine Mißgeburt unsäglich lieb. Wie es schien, hatte das Schicksal nichts als Zufriedenheit und Freude für sein ferneres Leben vorgesehen. Es sollte aber anders kommen: Eines Tages schenkte ihm der Arrestant Neustrojeff, der sich mit der Anfertigung von Frauenschuhen und dem Gerben von Fellen beschäftigte, ganz besondere Aufmerksamkeit. Ihm schien plötzlich etwas an dem Hunde aufzufallen; er lockte ihn zu sich heran, befühlte sein Fell und rollte ihn hin und her auf dem Rücken, wozu der ahnungslose Kuljtjäpka vor Vergnügen mit den Vorderpfoten spielte. Am nächsten Morgen war er verschwunden. Lange suchte ich ihn, doch vergeblich. Erst nach zwei Wochen erfuhr ich, wo er geblieben war: Kuljtjäpkas Fell hatte dem Sträfling Neustrojeff gar zu sehr gefallen. Er hatte ihm dasselbe abgezogen und daraus Winterhalbstiefel angefertigt, und mit Sammet überzogen, wie sie die Frau des Auditeurs bei ihm bestellt hatte. Er zeigte sie mir, als sie fertig waren. Das Fell sah allerdings vorzüglich aus. Armer Kuljtjäpka!

Es gab bei uns viele Sträflinge, die sich mit der Bearbeitung von Fellen beschäftigten. Sie brachten nicht selten schöne Hunde mit, die aber schon nach wenigen Minuten wieder verschwanden. Diese Hunde wurden von ihnen entweder gestohlen oder gekauft. Einmal erblickte ich hinter der Küchenkaserne zwei Sträflinge, die sich über irgend etwas zu beraten schienen. Der eine hielt einen prächtigen, großen schwarzen Hund, von sicherlich guter und teurer Rasse, an einem Strick. Ein treuloser Diener hatte ihn heimlich unseren Schuhmachern für dreißig Kopeken in Silber verkauft. Die Sträflinge beabsichtigten, ihn zu erhängen, was ja weiter nicht schwierig war. Nachher sollte ihm das Fell abgezogen und der Kadaver in die große tiefe Ausgußgrube, die im entferntesten Winkel des Ostrogg lag und im Sommer, namentlich an heißen Tagen, entsetzlich stank, geworfen werden. Selten nur wurde die Grube gereinigt. Der arme Hund schien zu ahnen, was ihm bevorstand: forschend und unruhig blickte er von dem einen zum anderen und nur hin und wieder wagte er, mit seiner buschigen Rute ein wenig zu wedeln, ganz als wolle er uns durch dieses Zeichen seines Zutrauens zu uns gütiger für ihn stimmen. Ich entfernte mich schnell, sie aber verrichteten natürlich, was sie vorhatten.