Sämtliche Werke 18

Part 32

Chapter 323,538 wordsPublic domain

Auch die Gänse hatten sich ganz zufällig bei uns angesiedelt. Wer sie zuerst gebracht hatte und wem sie gehörten – das weiß ich nicht, eine Zeitlang aber erfreuten sie sich großer Beliebtheit bei den Sträflingen und waren sogar in der Stadt bekannt. Sie waren im Ostrogg selbst ausgebrütet worden und in der Küche großgezogen. Als die junge Brut herangewachsen war, gewöhnte sie es sich an, zusammen mit den Sträflingen zur Arbeit auszuziehen. Kaum ertönte der Trommelwirbel, kaum begab sich der ganze Arrestantentrupp zum Tor, da kamen auch schon unsere Gänse mit großem Geschrei herbeigelaufen, mit hängenden Flügeln und vorgestrecktem Halse, und eine nach der anderen hopste über die hohe Schwelle der Pforte und begab sich unbedingt zur rechten Flanke des Trupps, wo sie sich dann gleichfalls aufstellten, in der Erwartung der allgemeinen Arbeitsverteilung. Jedesmal schlossen sie sich dem größten Trupp an und während der Arbeitszeit weideten sie dann irgendwo in der Nähe. Und kaum schickte der Trupp sich an, zur Heimkehr aufzubrechen, da kamen auch schon die Gänse in langer Reihe angewackelt. In der Stadt sprach man allgemein davon, daß die Gänse mit den Sträflingen zur Arbeit gingen.

„Seht doch, da gehen die Arrestanten mit ihren Gänsen!“ sagten zuweilen die uns unterwegs Begegnenden. „Wie habt ihr ihnen das nur beigebracht?“

„Da habt ihr etwas für eure Gänse,“ fügte ein anderer hinzu und reicht uns ein Almosen. Doch ungeachtet ihrer ganzen Anhänglichkeit, wurden sie zu einem Fleischtage nach der Fastenzeit sämtlich niedergemacht.

Unseren Ziegenbock Wasjka dagegen würde man um keinen Preis geschlachtet haben, wenn er nicht ein besonderes Pech gehabt hätte. Auch von dem Bock weiß ich nicht, wie und durch wen er in den Ostrogg gekommen war: eines Tages aber befand sich ein kleines, weißes, allerliebstes Böcklein bei uns. Diesen Wasjka gewannen im Augenblick alle lieb und bald war er unsere liebste Zerstreuung und sogar aufrichtigste Freude. Man fand natürlich sofort auch einen Grund, ihn im Ostrogg zu halten: hatte man einen Pferdestall, so gehörte doch auch ein Bock dazu. Indessen lebte er nicht im Pferdestall, sondern zuerst in der Küche und späterhin im ganzen Ostrogg. Er war ein überaus graziöses, mutwilliges und lustiges Geschöpf. Er kam sofort zu einem gelaufen, wenn man ihn rief, war immer munter und spaßig, sprang auf Bänke, Tische, und als er Hörner bekam, spielten die Arrestanten mit ihm „boxen“. Einmal, als seine Hörnchen schon sichtbar waren, fiel es dem Lesghier Babai ein, während er wie gewöhnlich abends mit anderen auf der Treppenstufe saß, mit Wasjka zu spielen. Sie boxten schon ziemlich lange – der Lesghier gleichfalls mit der Stirn, was für ihn ein angenehmer Zeitvertreib war –, als plötzlich unser Wasjka auf die oberste Treppenstufe sprang und, kaum daß Babai fortsah, sich auf seine Hinterbeinchen erhob, die Vorderhufchen an sich preßte und mit aller Kraft Babai in den Nacken stieß, so daß dieser kopfüber von der Treppe herabflog, zur unbändigen Heiterkeit aller Anwesenden und vor allem Babais selbst. Kurz, unser Wasjka wurde von allen geliebt. Als er heranwuchs, wurde an ihm nach langer, ernster Beratung eine gewisse Operation vorgenommen, die unsere „Tierärzte“ vorzüglich auszuführen verstanden. „Sonst würde er nach Bock riechen,“ sagten sie. Hierauf wurde aber Wasjka entsetzlich dick. Allerdings wurde er auch gefüttert, als wäre er zur Mast bestimmt. Mit der Zeit wurde er ein prächtiger, großer Bock mit langen Hörnern und von unbeschreiblicher Dicke. Zuweilen fiel er beim Gehen um. Bald hatte er es sich gleichfalls angewöhnt, mit den Sträflingen zur Arbeit zu gehen, zu deren und aller Begegnenden Belustigung. Alle kannten den Ostroggbock Wasjka. Oft, wenn die Sträflinge am Flußufer zu arbeiten hatten, rissen sie die geschmeidigen Äste der Wasserweide ab, suchten Laub dazu und Blumen auf dem Wall, und schmückten damit ihren Wasjka: die Hörner wurden mit den Weidenruten umflochten, mit Blumen geschmückt und der ganze Leib mit Girlanden umwunden. Kehrte dann der geschmückte Wasjka wie gewöhnlich an der Spitze des Trupps in den Ostrogg zurück, so marschierten sie ihm frohgemut nach und schienen vor jedem Vorübergehenden geradezu stolz zu sein. Ihre Liebe zu diesem Bock ging schließlich so weit, daß sie wie kleine Kinder auf die Idee kamen, Wasjkas Hörner zu vergolden! Doch sprachen sie nur davon, ohne den tollen Einfall auszuführen. Übrigens fragte ich, wie ich mich noch entsinne, bei der Gelegenheit Akim Akimytsch, unseren besten Vergolder nach Issai Fomitsch, ob es tatsächlich möglich wäre, dem Bock die Hörner zu vergolden. Er blickte zuerst aufmerksam den Bock an, überlegte ernstlich und antwortete dann, daß man es schließlich könne, „aber es wird nicht lange vorhalten, und zudem wäre es doch ganz unnütz.“ Und dabei blieb es. Wasjka aber hätte noch lange gelebt und wäre vielleicht nur an Asthma gestorben, wenn das Schicksal es nicht anders gewollt hätte: als er eines Tages wieder an der Spitze der Sträflinge in den Ostrogg zurückkehrte, erblickte ihn plötzlich der Major, der in seinem Wagen gerade dahergefahren kam.

„Halt!“ schrie er sofort. „Wem gehört der Bock?“

Man erklärte es ihm.

„Wie! Im Ostrogg ein Bock ohne meine Erlaubnis! – Unteroffizier!“

Der Unteroffizier erschien und ihm ward befohlen, den Bock sofort zu schlachten – „sofort!“ – das Fell abzuziehen, auf dem Markt zu verkaufen, den Erlös der Arrestantenkasse zu überweisen, und das Fleisch zur Kohlsuppe zu geben. Im Ostrogg sprach man hin und her, beklagte den armen Wasjka, wagte aber doch nicht, dem Befehl zuwider zu handeln, und so wurde Wasjka am Rande unserer Ausgußgrube geschlachtet. Das ganze Fleisch kaufte ein Sträfling ab und zahlte dafür einen Rubel und fünfzig Kopeken in Silber. Für dieses Geld wurden Kalatschen gekauft, und der Sträfling, der den Wasjka erstanden hatte, verkaufte das Fleisch stückweis unter den Arrestanten zu Braten. Das Fleisch war wirklich selten schmackhaft.

Auch lebte bei uns im Ostrogg eine Zeitlang ein Karagusch, ein tatarischer Adler, von der mittelgroßen Art der Steppenadler. Jemand hatte ihn verwundet und ermattet in den Ostrogg gebracht. Die ganze Kátorga umstand ihn im Kreise: er konnte nicht fliegen, sein rechter Flügel hing zur Erde und der eine Fuß war verrenkt. Ich weiß noch, wie wütend er um sich blickte auf die neugierige Schar, wie er seinen krummen Schnabel aufsperrte, bereit, sein Leben teuer zu verkaufen. Als man sich aber an ihm sattgesehen hatte und auseinanderging, da humpelte er fort, hinkend und fast nur auf dem einen Fuß und mit dem gesunden Flügel schlagend, humpelte bis in den entferntesten Winkel des Ostrogg, wo er sich in der Zaunecke an die Pfähle drückte. Hier lebte er ungefähr drei Monate und in dieser ganzen Zeit verließ er nie seinen Platz. Anfangs kamen die Sträflinge noch ziemlich oft zu ihm, um ihn zu sehen und den Hund auf ihn zu hetzen. Scharik stürzte voll Eifer auf ihn los, wagte aber doch nicht, ihm gar zu nah zu kommen, was die Zuschauer nicht wenig belustigte. „So ein Tier!“ sagten sie kopfschüttelnd, „will sich doch nicht ergeben!“ Mit der Zeit aber wurde Scharik mutiger und dann kränkte er ihn tief: die Angst verging immer mehr und bald hatte er es sehr geschickt heraus, wenn er von den Sträflingen gehetzt wurde, den Vogel am kranken Flügel zu fassen. Der Adler verteidigte sich nach Möglichkeit mit dem Schnabel, und blickte wild und stolz wie ein verwundeter König, in der Zaunecke verschanzt, auf seine neugierigen Beobachter. Schließlich wurde er ihnen langweilig: alle vergaßen ihn, doch fand ich zu meiner Verwunderung täglich ein frisches Stück rohes Fleisch und eine Scherbe von einer zerschlagenen Schüssel mit frischem Wasser. So mußte denn doch jemand für ihn sorgen. Anfangs wollte er überhaupt nicht fressen, mehrere Tage hungerte er, bis er dann doch Vernunft annahm und zu fressen begann, aber niemals fraß er etwas aus unserer Hand, oder wenn jemand in der Nähe war. Ich habe ihn oft aus der Ferne beobachtet: glaubte er sich ganz allein und unbeobachtet, so entschloß er sich zuweilen, seine Ecke zu verlassen und humpelte dann am Zaun entlang, vielleicht zwölf Schritt weit aus seiner Ecke, worauf er wieder umkehrte und dann von neuem dieselbe Strecke zurücklegte, augenscheinlich um sich Bewegung zu machen. Erblickte er mich, so humpelte und hopste er so schnell er nur konnte in die Ecke, warf den Kopf zurück, sperrte den Schnabel halb auf und bereitete sich mit gesträubten Federn zum Kampfe vor. Er ließ sich durch nichts besänftigen, keine Freundlichkeit, kein Streicheln half: er hackte und schlug, nahm von mir keinen einzigen Bissen Rindfleisch aus der Hand, und wenn ich vor ihm stand, sah er mir nur mit seinem bösen, durchdringenden Blick aufmerksam in die Augen. Einsam und unnahbar erwartete er seinen Tod, mit niemand vertraut, mit niemand versöhnt. Da erinnerten sich die Sträflinge ganz plötzlich seiner, während sie in den letzten zwei Monaten ihn gänzlich vergessen hatten: und plötzlich empfand man Mitleid mit ihm. Man sprach davon, daß man ihn aus dem Ostrogg hinausbringen müsse.

„Mag er krepieren, aber nur nicht im Ostrogg,“ sagten sie.

„Ja, nur nicht hier, er ist ein freier Vogel, der wird sich nicht an den Ostrogg gewöhnen!“ meinten einige beipflichtend.

„Er ist doch sozusagen anders als wir,“ fügte noch einer hinzu.

„Noch was! – er ist ein Vogel und wir sind doch immerhin Menschen.“

„Der Adler, Brüder, ist der König der Wälder ...“ begann Skuratoff, doch wollte man ihm diesmal nicht zuhören.

Und nach dem Mittagessen, als die Trommel wieder zur Arbeit rief, nahm man den Adler, indem man ihm den Schnabel mit der Hand zuhielt, da er wie besessen um sich hackte, und trug ihn hinaus aus dem Ostrogg. Man kam bis zum Wall. Einige zwölf Mann, die zu diesem Trupp gehörten, wollten neugierig sehen, wohin der Adler sich entfernen würde, und seltsam – alle befanden sich in einer gewissermaßen zufriedenen Stimmung, ganz als sollten sie selbst in die Freiheit entlassen werden.

„Sieh doch einer das Hundevieh: ich tue ihm Gutes, er aber beißt mich!“ sagte der Arrestant, der den Adler hielt, während er das böse Tier fast mit Liebe betrachtete.

„Laß ihn los, Mikitka!“

„Der kann, wie man sieht, nicht hinter Schloß und Riegel leben. Dem muß man Freiheit geben, wahrhaftige freie Freiheit!“

Man warf den Adler vom Wall in die Steppe hinab. Es war im Spätherbst, an einem kalten und trüben Tage. Der Wind pfiff über die kahle Steppe und rauschte im gelben, dürren Steppengras, dessen Büschel sich knisternd bogen. Der Adler entfernte sich geradeaus, humpelnd und springend, und schlug mit dem gesunden Flügel, während der kranke nachschleifte – es war, als beeile er sich, so schnell als möglich von uns fortzukommen.

Die Blicke der Sträflinge folgten ihm neugierig, solange sein Kopf noch über dem Grase zu sehen war.

„Sieh mal an!“ sagte einer von ihnen gedankenvoll vor sich hin.

„Und sieht sich nicht einmal um!“ sagt ein anderer. „Kein einziges Mal, Brüder, hat er sich umgesehen, er läuft nur!“

„Glaubtest du denn, daß er noch zurückkommen würde, um sich zu bedanken?“ fragt ein dritter.

„Das ist so eine Sache mit der Freiheit: der hat sie jetzt gerochen.“

„Ja, das Freisein, wie man sagt.“

„Den werden wir nicht wiedersehen, Brüder ...“

„Was steht ihr da! Marsch, vorwärts!“ schrie in diesem Augenblick ein Aufseher und trieb die Plaudernden fort.

VII.

Der Streik

Vor dem Beginn dieses Kapitels hält es der Herausgeber der Aufzeichnungen des verstorbenen Alexander Petrowitsch Goräntschikoff für seine Pflicht, den Lesern folgende Mitteilung zu machen.

Im ersten Kapitel der „Aufzeichnungen“: „Aus einem Totenhause“ ist unter anderem auch von einem Vatermörder, einem der vier russischen Adligen, die Rede. Der Verfasser stellt ihn als Beispiel dafür hin, mit welchem Gleichmut die Sträflinge zuweilen von ihren Mordtaten erzählen konnten. Es heißt dort ferner, daß dieser Vatermörder seine Schuld nicht gestanden habe, daß aber nach den Erzählungen einiger Sträflinge aus seiner Stadt, die alle Einzelheiten des Falles kannten, die Tatsachen dermaßen überzeugend gewesen waren, daß man unmöglich an seiner Täterschaft habe zweifeln können. Dieselben Leute hatten dem Verfasser der „Aufzeichnungen“ erzählt, daß der Mörder ein zügelloses Leben geführt, Schulden gemacht und seinen Vater nur um der Erbschaft willen ermordet habe. Übrigens erzählte die ganze Stadt, in der er früher gelebt hatte, die Geschichte seines Verbrechens durchaus übereinstimmend, wovon der Verfasser aus zuverlässiger Quelle unterrichtet ist. In jenem Kapitel der Aufzeichnungen ist noch gesagt, daß der Mörder im Ostrogg sich beständig in der besten und heitersten Gemütsstimmung befunden habe: daß er ein unvernünftiger, leichtsinniger, verdrehter, aber durchaus kein dummer Mensch gewesen sei, und daß der Verfasser niemals eine besondere Grausamkeit an ihm habe wahrnehmen können. Zum Schluß jedoch sind noch die Worte hinzugefügt: „Zuerst glaubte ich es nämlich nicht, daß er ihn ermordet habe.“

Nun hat der Herausgeber dieser „Aufzeichnungen“: „Aus einem Totenhause“ vor kurzem die Nachricht aus Sibirien erhalten, daß der junge Sträfling tatsächlich unschuldig gewesen sei und zehn Jahre umsonst in der Kátorga verbracht habe; seine Schuldlosigkeit soll vom Gericht offiziell anerkannt worden sein, da man die wahren Schuldigen entdeckt habe und sie ein volles Geständnis abgelegt hätten. Jedenfalls ist der Unglückliche aus dem Ostrogg bereits entlassen. Der Herausgeber vermag an der Richtigkeit dieser Nachricht nicht zu zweifeln ...

Es dürfte wohl weiter nichts hinzuzufügen sein. Was könnte man auch über die ganze Tiefe der Tragik dieses unter so grauenvoller Anklage vernichteten jungen Lebens sagen ... Es liegt ja alles auf der Hand und spricht laut genug für sich selbst.

Auch glauben wir, daß, wenn eine solche Tatsache möglich gewesen ist, diese Möglichkeit allein schon einen neuen und deutlich hervortretenden Pinselstrich zur Vollendung und Charakteristik des Bildes vom Totenhause darstellt.

Fahren wir jetzt fort.

* * * * *

Wie ich schon gesagt habe, lebte ich mich endlich ein im Ostrogg. Aber dieses „endlich“ vollzog sich doch nur mühsam und qualvoll, und gar zu langsam. Genau genommen brauchte ich fast ein ganzes Jahr dazu, und das war die schwerste Zeit meines Lebens. Deswegen hat sie sich mir auch so deutlich eingeprägt. Ich glaube sogar, daß ich mich jeder Stunde dieses Jahres in der richtigen Reihenfolge erinnern kann. Auch viele andere Sträflinge konnten sich an dieses Leben nicht gewöhnen. Ich weiß noch, wie oft ich mich in der ersten Zeit fragte: „Wie mag es in ihnen wohl aussehen? Sollten sie wirklich ruhig sein?“ Und diese Fragen beschäftigten mich fortwährend. Ich begriff, daß sie alle sich hier nicht zu Hause fühlten, sondern wie etwa auf einem Posthof, wie in einem Biwak, oder auf einer Etappe. Selbst die zu lebenslänglicher Zwangsarbeit Verurteilten, selbst die fühlten sich hier wie auf der Durchreise und sehnten sich fort, und sicherlich träumte ein jeder von ihnen von etwas für ihn fast Unmöglichem. Diese beständige Unruhe, die sich, wenn auch stumm, so doch sichtbar äußerte, diese seltsame Heftigkeit und Ungeduld, die manchmal ganz unwillkürlich geäußerten Hoffnungen, die mitunter so unbegründet waren, daß sie fast einem Produkt der Fieberphantasie glichen, und – was am auffälligsten war – nicht selten bei den anscheinend praktischsten Charakteren zutage traten, – alles das verlieh diesem Ort ein so ungewöhnliches Aussehen, ein so seltsames Gepräge, daß vielleicht gerade dieser Zug seine charakteristischste Eigenheit darstellte. Man fühlte es eben schon auf den ersten Blick, daß es außerhalb des Ostrogg etwas Ähnliches nicht gab. Hier waren alle Phantasten, und das fiel einem sofort auf: Phantasten bis zur Krankhaftigkeit – das fühlte man und gerade diese Verschwärmtheit gab dem Ostrogg ein düsteres, mürrisches Aussehen, so ein ungesundes Aussehen. Die übergroße Mehrzahl war schweigsam, bösartig bis zu einem fast auf alles sich erstreckenden Haß, und liebte es nicht, ihre Hoffnungen zur Schau zu tragen. Einfachheit und Offenherzigkeit wurden verachtet. Je aussichtsloser die Hoffnungen waren, und je mehr der betreffende selbst diese Aussichtslosigkeit fühlte, um so hartnäckiger und verschämter verbarg er sie in seinem Innersten, sich lossagen aber von ihnen und auf sie verzichten, das vermochte er doch nicht. Wer weiß, vielleicht schämte sich innerlich so mancher seiner Träume. Im russischen Charakter liegt soviel Positivität und Nüchternheit des Blicks, soviel innerer Spott, in erster Linie über sich selbst ... Vielleicht nun war gerade diese beständige, verborgene Unzufriedenheit mit sich selbst die Ursache der gereizten Unduldsamkeit dieser Menschen in ihrer täglichen Berührung miteinander, dieser Unversöhnlichkeit und dieser Spottlust in ihrem Verkehr untereinander. Und wenn zum Beispiel einer von den Naiveren und Unbeherrschteren aus ihrer eigenen Mitte einmal etwas laut aussprach, was sie heimlich alle dachten, wenn er seine Hoffnungen und Gedanken ausmalte, so wurde er sofort grob zurechtgewiesen und verspottet. Mich däucht aber, daß die heftigsten Verfolger in solchen Fällen stets diejenigen waren, die in ihren eigenen Träumen und Hoffnungen vielleicht noch viel weiter gingen. Auf die Naiven und Offenherzigen sah man bei uns allgemein wie auf die flachsten Dummköpfe herab und behandelte sie geringschätzig. Ein jeder war dermaßen mürrisch, eigenliebig und ehrgeizig, daß er einen gutmütigen Menschen, der keinen Ehrgeiz besaß, einfach verachtete.

Außer diesen naiven und etwas einfältigen Schwätzern teilten sich die anderen, d. h. die Schweigsamen, in Gute und Böse oder in Finstere und Heitere. Der Finsteren und Bösen gab es natürlich unvergleichlich mehr, und wenn sich unter ihnen auch einige befanden, die von Natur Schwätzer waren, so waren sie dann ausnahmslos ruhelose Klatschbasen und gehässige Neider. Sie hatten sich in alle fremden Angelegenheiten zu mischen, von ihren eigenen Geheimnissen dagegen verrieten sie den anderen nichts. Das war eben nicht Mode, nicht „angenommen“. Die Guten – nur eine kleine Schar – waren still, hegten stumm ihre Hoffnungen und waren natürlich weit mehr als die Finsteren zum Glauben an die Erfüllung ihrer Wünsche geneigt. Übrigens fällt es mir soeben ein, daß es im Ostrogg noch eine Abteilung von völlig Verzweifelten gab. Zu denen gehörte auch der Alte aus dem Dorf Starodubowo, doch gab es solcher im ganzen nur sehr wenige. Äußerlich war der Alte anscheinend ruhig – ich habe schon von ihm gesprochen –, doch glaube ich, nach einigen Anzeichen, daß sein Seelenzustand furchtbar war. Aber er hatte schließlich doch seine Rettung gefunden: das war das Gebet und der Glaube an sein Märtyrertum. Der andere alte Sträfling, von dem ich gleichfalls schon gesprochen habe, der über dem Bibellesen wahnsinnig geworden war und sich mit einem Ziegelstein auf den Major gestürzt hatte, gehörte wahrscheinlich gleichfalls zu den Verzweifelten, zu denen, die die letzte Hoffnung verlassen hatte – und da man ganz ohne Hoffnung nicht leben kann, so hatte er sich als Rettung ein freiwilliges, fast künstliches Märtyrertum erdacht. Nach seiner Erklärung habe er sich ohne jeglichen Groll oder Haß auf den Major gestürzt, einzig in dem Wunsch, Qualen zu erdulden. Wer kann es wissen, welch ein psychologischer Vorgang sich in seiner Seele vollzogen hatte! Ohne ein bestimmtes Ziel, ohne nach diesem Ziel ständig zu streben, lebt kein einziger „lebendiger“ Mensch. Verliert der Mensch Ziel und Hoffnung, so verwandelt er sich nicht selten vor lauter Langeweile in ein Ungeheuer ... Bei uns war das Ziel aller aber: die Freiheit und die Entlassung aus der Kátorga.

Da bemühe ich mich nun, die ganze Einwohnerschaft unseres Ostrogg in verschiedene Klassen einzuteilen, doch ist denn das überhaupt möglich? Die Wirklichkeit ist so unendlich verschiedenartig, im Vergleich mit allen, selbst den raffiniertesten Ergebnissen des abstrakten Denkens, und duldet keine verallgemeinernden und scharf begrenzenden Unterschiede. Die Wirklichkeit strebt zur Auflösung in Einern. Auch bei uns war das Leben ein besonderes, gleichviel welch eines, aber es war doch eines für sich, und nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich ein besonderes Leben.

In der ersten Zeit meines Ostrogglebens war es mir ganz unmöglich, und ich hätte es auch gar nicht verstanden, die ganze innere Tiefe dieses Lebens zu erfassen, und so quälten mich alle seine äußeren Erscheinungen mit unsäglicher Last. Zuweilen begann ich, diese Menschen, die doch nicht weniger litten, als ich, förmlich zu hassen. Ich beneidete sie sogar, und zwar beneidete ich sie deshalb, weil sie doch immerhin unter ihresgleichen waren, sich gegenseitig verstanden, und in ihrer Sträflingsgenossenschaft lebten, obwohl im Grunde diese Genossenschaft unter Stock und Spießrute, dieses gewaltsame Zusammenleben mich nicht mehr als alle anderen anekelte. Genau genommen sah ein jeder vom anderen fort, irgendwohin zur Seite. Ich sage nochmals, daß dieser Neid, der mich in trüben Augenblicken erfaßte, seinen guten Grund hatte. Man sagt allerdings, daß der Adlige, der Gebildete, es in unseren Gefängnissen ebenso schwer habe, wie jeder einfache Bauer, nur ist das leider durchaus nicht der Fall. Ich habe diese Behauptung oder Annahme oft genug gehört und in letzter Zeit sogar gelesen. Der Grundgedanke ist ja schließlich richtig und human: alle sind Menschen. Nur ist diese Auffassung gar zu theoretisch. Hier sind viele praktischen Bedingungen aus dem Auge gelassen, deren Bedeutung man nur in der Wirklichkeit ermessen kann. Ich sage es nicht deshalb, weil der Adlige und Gebildete, wie man annimmt, empfindlicher, zartfühlender und entwickelter ist. Die Seele und ihre Empfindsamkeit läßt sich nicht in Klassen einteilen oder auf ein gleichmäßiges Niveau bringen. Selbst die sogenannte Bildung ist in diesem Fall kein Maßstab. Ich bin als erster zu bezeugen bereit, daß ich in der allerungebildetsten und niedergedrücktesten Umgebung, gerade unter diesen Leidenden, Züge von zartester seelischer Entwicklung wahrgenommen habe. Im Ostrogg kannte man einen Menschen bisweilen jahrelang und glaubte von ihm, er sei ein Tier und kein Mensch, und man verachtete ihn. Und plötzlich kommt dann ein zufälliger Augenblick, in dem sein Inneres in ungewolltem Ausbruch sich aufdeckt – und dann sieht man in ihm einen solchen Reichtum, soviel Gefühl und Herz, ein so scharfes Verständnis und ein so persönliches Leiden, daß man erst jetzt sehend zu werden meint, nachdem man im ersten Augenblick seinen eigenen Ohren und Augen nicht getraut hat. Und andererseits, wie oft findet man das Umgekehrte: da sieht man Bildung mit unendlich niedriger Gesinnung vereint, mit einem Zynismus, daß es einem übel wird, und wie nahe dieser Mensch einem auch stehen mag, man findet dafür doch keine Entschuldigung, doch keine Rechtfertigung im Herzen.