Sämtliche Werke 18

Part 30

Chapter 303,166 wordsPublic domain

„Schneid mal für vier: mögen einen die Leute beneiden,“ antwortet der junge Sträfling. „Ja, was ich sagen wollte ... es kommt nämlich wirklich ein General aus Petersburg hergefahren, der ganz Sibirien besichtigen wird. Das ist wahr. Man sprach davon beim Kommandeur in der Vorstube, habe selbst gehört.“

Die Nachricht verursachte ungeheuere Aufregung. Wohl eine Viertelstunde dauert das Fragen an: wer das, was für ein General, welchen Ranges, ob er über dem hiesigen stehe? Überhaupt sprechen die Sträflinge mit besonderer Vorliebe über die verschiedenen Rangstufen der Vorgesetzten: wer von ihnen der höhere ist, wer dem anderen befehlen kann, und wem er selbst gehorchen muß, ja sie streiten sogar und beschimpfen sich gegenseitig wegen irgend eines Generals, und viel fehlt nicht, so würden sie sich noch seinetwegen prügeln. Man fragt sich wohl verwundert, was sie davon haben? Nun, die Sache ist die, daß nach der Kenntnis von Generälen und überhaupt der höheren Vorgesetzten der Bildungs- und Verstandsgrad, sowie die ganze Bedeutung und Stellung des Menschen in seinem früheren Leben, bevor er in den Ostrogg kam, beurteilt wird. Tatsächlich werden im Ostrogg Gespräche über die höheren Vorgesetzten für die vornehmste und bedeutendste Unterhaltung angesehen.

„Da seht ihr jetzt, Brüder, daß ich euch die wahrste Wahrheit gesagt habe, daß man hergefahren kommt, um unseren Platzmajor zu wirbeln!“ triumphiert Kwassoff, ein kleines, rotwangiges, lebhaftes und äußerst unverständiges Kerlchen.

„Der wird ihn schon mit Schmiergeldern weich schmieren, da sei du unbesorgt!“ meint der mürrische alte Sträfling, der inzwischen seine Kohlsuppe verzehrt hat.

„Na, versteht sich!“ meint ein anderer. „Als ob der hier wenig Geld zusammengeräubert hätte! Als ich herkam, war er erst noch Bataillonschef. Und vor kurzem wollte er ja noch die Tochter des Popen heiraten.“

„Aber er hat sie doch nicht geheiratet: man hat ihn einfach vor die Tür gesetzt – zu arm. Und was ist er denn für ein Bräutigam! Zu Ostern hat er alles verspielt. Fedjka erzählte es selbst.“

„Ja, der Junge ist zwar kein Verschwender, aber das Geld wird doch nicht warm bei ihm.“

„Ach, Bruder, auch ich war mal verheiratet. Schlimm genug ist es für einen Armen, zu heiraten: eh du dich dessen versiehst, ist die Nacht vergangen!“ mischt sich nun auch Skuratoff ein, der bis dahin nur zugehört hat.

„Glaub’s schon! Von dir ist ja hier gerade die Rede,“ bemerkte der lustige Bursch, der früher Schreiber gewesen war. „Du aber, Kwassoff, bist ein großer Dummkopf, das laß dir gesagt sein. Glaubst du denn wirklich, daß unser Major einen solchen General bestechen könnte, und daß ein General extra deswegen herkommen wird, um unseren Major zu wirbeln? Dumm bist du, mein Lieber.“

„Wieso? Glaubst du, daß ein General nicht mehr nimmt?“ fragt skeptisch jemand aus der Gruppe.

„Selbstverständlich nimmt er nicht, wenn er aber nimmt, dann nimmt er nicht wenig.“

„Na natürlich nicht wenig! Immer dem Rang gemäß.“

„Ein General nimmt immer!“ behauptet Kwassoff entschieden.

„Hast du ihm denn schon einmal was gegeben?“ fragt verächtlich der soeben eingetretene Bakluschin. „Du hast wohl höchstwahrscheinlich einen General überhaupt noch nicht gesehen!“

„Doch! Gewiß habe ich gesehen!“

„Das lügst du natürlich.“

„Du lügst selber.“

„Kinder, wenn er einen gesehen hat, so soll er sofort sagen, welch einen General er gesehen hat! Nun, sag mal jetzt, denn ich kenne alle Generäle.“

„Ich habe den General Siebert gesehen,“ antwortet Kwassoff etwas unsicher.

„Siebert? Einen solchen General gibt es überhaupt nicht. Den hast du wohl nur einmal von hinten gesehen, diesen Siebert, als er vielleicht erst Oberstleutnant war, und da schien dir vor Schreck, daß es ein General wäre.“

„Nein, ihr, hört mich an,“ schreit Skuratoff dazwischen, „denn seht, ich bin doch ein verheirateter Mensch. Es gab nämlich wirklich solch einen General in Moskau, Siebert, einer von den Deutschen, aber von russischer Mutter. Der ging jedes Jahr zum russischen Popen, um seine Sünden bezüglich der Damen zu beichten, und immer, wißt ihr, trank er Wasser, ganz wie eine Ente. Jeden Herrgottstag vierzig Glas echtes Moskauer Flußwasser soff er aus. Man sagte, daß er sich durch Wasser von irgend einer Krankheit da kurierte. Sein Kammerdiener hat es mir selbst erzählt.“

„Der hat dann wohl im Magen Karauschen in Flußwasser gezüchtet?“ meint der Sträfling mit der Balalaika.

„Na, hört jetzt auf! Hier handelt es sich um eine ernste Sache, ihr aber ... Was ist denn das für ein Levisor, Brüder?“ fragt besorgt Martynoff, ein alter, stets sehr beschäftigter Arrestant, – ein ehemaliger Husar.

„Weiß Gott, die Bande kann mal was zusammenlügen!“ meint ein alter Skeptiker. „Und woher sie alles das nur nehmen, und was sie daraus herausdrehen! Daß sie das gar nicht müde macht! – dieser ewige Unsinn!“

„Nein, diesmal ist es kein Unsinn,“ sagt dogmatisch ein gewisser Kulikoff, der bis dahin geschwiegen hat. Er ist ein gewichtiger Mann von nahezu fünfzig Jahren, mit einem auffallend wohlgeformten Gesicht und einem gewissermaßen verächtlich erhabenen Auftreten, dessen er sich vollkommen bewußt und auf das er sogar stolz ist. Er hat zum Teil Zigeunerblut in den Adern, ist „Tierarzt“ und verdient sich als solcher in der Stadt gutes Geld. Im Ostrogg handelt er mit Branntwein. Er ist ein kluger Kopf und hat viel gesehen. Jedes Wort spricht er, als würde er damit etwas Großes verschenken.

„Es ist wirklich wahr,“ fährt er ruhig fort, „ich habe es schon in der vorigen Woche gehört: ein General kommt her, einer der höchsten, und wird ganz Sibirien besichtigen. Gewiß wird man auch ihn bestechen, nur wird es nicht unser Achtäugiger tun: der darf überhaupt nicht wagen, ihm viel unter die Augen zu kommen. Aber auch zwischen General und General ist ein Unterschied. Es gibt ihrer sehr verschiedene. Nur sage ich euch, daß unser Major jedenfalls auf seinem Platz bleiben wird. Das ist sicher. Wir sind ein stummgemachtes Volk und von den Vorgesetzten kann man annehmen, daß der eine nicht den anderen angeben wird. Der Revisor wird nur einen Blick in den Ostrogg werfen und später melden, daß alles sehr gut gewesen sei ...“

„Das kann schon wahr sein, Brüder, denn der Major scheint Angst gekriegt zu haben, ist seit dem Morgen besoffen.“

„Und am Abend kommt die zweite Fuhre. Fedjka sagte so vorhin.“

„Einen Mohr wirst du nicht weiß waschen. Ist es denn das erstemal, daß er besoffen ist?“

„Nein, aber ... was soll denn das heißen, wenn auch der General nichts kann!“ – „Nein, das müßte doch endlich aufhören, daß man ewig ihre Dummheiten mitmacht!“ hört man die Sträflinge erregt untereinander sprechen.

Die Nachricht von dem Revisor verbreitet sich mit Blitzesschnelle im ganzen Ostrogg. Der Hof wimmelt von Menschen, die erregt einander die Neuigkeit mitteilen. Andere wiederum schweigen absichtlich und bewahren ihre Kaltblütigkeit, wodurch sie sich augenscheinlich größere Würde zu verleihen glauben. Wieder andere verhalten sich völlig gleichgültig. Auf den Treppenstufen vor den Kasernentüren setzen sich die Balalaikaspieler hin. Einige fahren noch fort zu reden, einige stimmen Lieder an, doch alle sind sie an diesem Abend in äußerst angeregter Stimmung.

Um zehn Uhr fand gewöhnlich die Zählung statt, dann wurden wir in die Kasernen getrieben und für die Nacht eingeschlossen. Die Nächte waren kurz: um fünf Uhr wurden wir geweckt, schliefen aber nie vor elf ein. Bis dahin wurde immer noch gesprochen und geschwatzt und zuweilen wurde in einer Ecke ganz wie im Winter Karten gespielt. In der Nacht nun wurde die schwüle Hitze unerträglich. Trotz der halboffenen Fenster, durch die die Nachtkühle hereindrang, wälzten sich doch alle schlaflos auf den Pritschen, als hätten sie Fieber gehabt. Die Flöhe wimmelten in Myriaden. Wir hatten sie auch im Winter gehabt, und zwar in genügender Anzahl, seit dem Frühling aber vermehrten sie sich in einem Maße, wie ich es trotz aller Versicherungen nicht glauben würde, wenn ich es nicht selbst erlebt hätte. Und je mehr der Sommer vorrückte, um so schlimmer wurde die Plage. Es ist wahr, man kann sich auch an Flöhe gewöhnen, das habe ich an mir selbst erfahren, aber es ist doch schwer, es soweit zu bringen. Sie können einen dermaßen peinigen, daß man schließlich wie im Fieber liegt und fühlt, daß man ja doch nicht schläft, sondern nur deliriert. Wenn dann endlich kurz vor Tagesanbruch die Flöhe sich etwas beruhigen und man in der Morgenkühle, wie man meint, tatsächlich einschläft – da ertönt dann plötzlich erbarmungslos der Trommelwirbel vom Tore her. Mit einem Fluch hört man, sich fester in seinen Halbpelz wickelnd, die deutlichen, fast einzelnen Schläge, ja man scheint sie förmlich zu zählen, während noch im Halbschlaf der unerträgliche Gedanke einem in den Sinn schleicht, daß es auch morgen und auch übermorgen, und noch viele Jahre so sein wird, bis endlich, endlich die Freiheit kommt. Aber wann wird das sein, denkt man unwillkürlich, wann kommt diese Freiheit und wo ist sie? ... Doch jetzt heißt es erwachen und aufstehen! Wieder beginnt das tägliche Gedränge, Waschen, Gehen ... Die Sträflinge kleiden sich an, eilen zur Arbeit. Schließlich tröstet man sich damit, daß man ja noch zur Mittagszeit etwas schlafen kann.

Was man von dem Revisor erzählt hatte, beruhte tatsächlich auf Wahrheit. Mit jedem Tage bestätigten sich die Gerüchte immer mehr, bis man schließlich mit Sicherheit erfuhr, daß ein „bedeutender“ General aus Petersburg abgefahren war, um ganz Sibirien zu inspizieren, und es hieß sogar, daß er bereits in Tobolsk angekommen sei. Täglich verbreiteten sich neue Gerüchte im Ostrogg. So hörten wir aus der Stadt, daß sämtliche Beamte von Furcht befallen und eifrig bemüht seien, alles in bestem Zustande zu präsentieren. Es hieß, daß man in den höheren Kreisen Vorbereitungen treffe zu Empfangsdiners, Bällen und Festen. Die Sträflinge wurden in Scharen ausgesandt, um die Wege in der Festung zu ebnen, Erdhaufen abzutragen, Zäune und Wegpfosten anzustreichen, hier und da schadhafte Stellen auszuflicken, – mit einem Wort, man wollte alles, was er besichtigen könnte, im Augenblick verbessern. Die Sträflinge begriffen sehr wohl, um was es sich handelte, und diskutierten immer eifriger und hitziger über das Bevorstehende. Ihre Phantasie wuchs ins Kolossale. Sie beschlossen sogar „Ansprüche zu erheben“, wie sie sagten, falls der General fragen sollte, ob sie mit allem zufrieden wären. Sie stritten beständig unter sich und schimpften sich gegenseitig wegen der zu erwartenden Dinge. Unser Platzmajor befand sich in großer Aufregung. Er kam öfter in den Ostrogg, schrie noch mehr, stürzte häufiger auf die Einzelnen los, versammelte die Sträflinge vor der Hauptwache und hielt jetzt streng auf Sauberkeit und Ordnung.

Wie mit Absicht sollte es im Ostrogg gerade in dieser Zeit zu einem kleinen Zwischenfall kommen, der aber den Major nicht, wie man meinen sollte, ärgerte, sondern im Gegenteil, er schien ihm sogar ein gewisses Vergnügen zu bereiten: Bei einer Prügelei stieß ein Sträfling dem anderen seinen Pfriem in die Brust, ein wenig unterhalb des Herzens.

Der Sträfling, der gestochen hatte, hieß Lomoff; der Gestochene wurde bei uns Gawrilka genannt und war ein eingefleischter Landstreicher. Ich weiß nicht, ob er überhaupt einen Familiennamen besaß.

Lomoff war früher ein wohlhabender t–scher Bauer im K–schen Kreise gewesen. Alle Lomoffs hatten zusammengelebt, wie eine einzige Familie: der alte Vater, seine drei Söhne und deren Onkel, gleichfalls ein Lomoff. Sie waren reiche Bauern gewesen; man hatte im ganzen Gouvernement davon gesprochen, daß sie an dreihunderttausend Rubel in Papieren besaßen. Sie hatten Ackerbau getrieben, Felle bearbeitet, gehandelt, doch die Haupteinnahme soll ihnen ihr Wuchergeschäft, ferner das Verstecken und Verhehlen von gestohlenem Eigentum eingetragen haben. Ungefähr die Hälfte der Bauern des ganzen Kreises schuldete ihnen und war von ihnen abhängig. Sie waren als kluge und schlaue Leute bekannt, schließlich aber wurden sie hochmütig, besonders nachdem eine daselbst sehr angesehene, hochgestellte Persönlichkeit auf der Reise bei ihnen abgestiegen, mit dem Alten persönlich bekannt geworden war und wegen seines Scharfsinns und seines Verständnisses für Alles Gefallen an ihm gefunden hatte. Da glaubten sie plötzlich, daß ihnen niemand mehr etwas anhaben könne und wagten immer mehr in ihren verschiedenen, gesetzwidrigen Unternehmungen. Alle murrten über sie und wünschten, daß sie von ihrer Höhe herabstürzten, sie aber trugen ihre Nasen immer noch höher. Kreisrichter und Assessoren wurden von ihnen bald überhaupt nicht mehr angesehen. Endlich aber kam es doch zum Sturz, doch nicht wegen ihrer heimlichen Gesetzwidrigkeiten, sondern wegen einer Sache, an der sie völlig unschuldig waren. Zehn Werst von ihrem Dorf besaßen sie einen großen Meierhof und dort lebten einmal im Herbst ihre sechs kirgisischen Arbeiter, denen sie noch den Lohn schuldeten. In einer Nacht nun waren alle sechs Kirgisen erdrosselt worden. Jetzt begann die Untersuchung, die sich lange hinzog, und im Verlauf derselben wurden noch viele schlimme Sachen aufgedeckt. Man klagte die Lomoffs der Ermordung ihrer sechs Arbeiter an. So erzählten es die Lomoffs selbst und der ganze Ostrogg wußte es schon. Es lag der Verdacht vor, daß sie ihren Arbeitern eine gar zu große Summe schuldig gewesen waren: und bei ihrem Geiz und ihrer Geldgier – zwei Dinge, die man ihnen trotz ihres großen Vermögens mit Recht vorwerfen konnte – hätten sie die Kirgisen beseitigt, um den Arbeitslohn zu sparen. Während ihrer Untersuchungshaft verloren sie ihr ganzes Vermögen. Der Alte starb, die Söhne wurden verschickt. Der eine Sohn und der Onkel waren auf zwölf Jahre in unseren Ostrogg gekommen. Was aber stellte sich schließlich heraus? Sie waren am Tode der Kirgisen vollkommen unschuldig. Hier bei uns nämlich gab es einen Gawrilka, einen bekannten Spitzbuben und Landstreicher – er war ein gewandter, lustiger Bursch –, der ruhig seine Täterschaft eingestand. Übrigens weiß ich nicht, ob er es wirklich selbst einmal zugegeben, jedenfalls aber war der ganze Ostrogg fest überzeugt, daß er die Kirgisen auf dem Gewissen hatte. Gawrilka war bereits als Landstreicher auf die Lomoffs nicht gut zu sprechen gewesen, und später war er nur auf kurze Zeit in den Ostrogg gekommen, als entlaufener Soldat und Vagabund. Die sechs Kirgisen hatte er in Gemeinschaft mit drei anderen Landstreichern umgebracht. Sie hatten gehofft, auf dem Meierhof gut leben und viel rauben zu können.

Die Lomoffs wurden bei uns nicht geliebt; einen Grund hierfür vermag ich nicht anzugeben. Der eine von ihnen war ein kluger junger Bursche mit gutem Charakter, sein Onkel aber, der den Gawrilka mit dem Pfriem gestochen hatte, war ein dummer und einfältiger Bauer. Er hatte schon oft mit anderen Streit gehabt und man hatte ihn auch genug dafür geprügelt. Gawrilka dagegen hatten alle wegen seines heiteren und ausgeglichenen Charakters gern. Zwar wußten die Lomoffs, daß sie für sein Verbrechen verurteilt waren, lebten aber trotzdem in Frieden mit ihm. Freilich kamen sie nicht viel in Berührung miteinander. Gawrilka aber beachtete sie gar nicht. Und da war es nun plötzlich zwischen ihm und dem Onkel Lomoff wegen eines äußerst widerlichen Mädchens zu einem Streit gekommen. Gawrilka hatte sich mit ihrer Gunst gebrüstet, der Alte war eifersüchtig geworden und an einem wunderschönen Tage um die Mittagszeit stach er ihn mit dem Pfriem.

Obschon die Lomoffs während des Prozesses ihr Vermögen verloren hatten, lebten sie im Ostrogg doch als reiche Leute. Sie hatten offenbar Geld, besaßen einen Ssamowar, tranken Tee. Unser Major wußte, daß sie Mittel hatten, und haßte sie über alle Maßen. Es fiel allen auf, daß er ihnen bei jeder Gelegenheit etwas anzuhaken suchte und sie gern auf einem Vergehen ertappt hätte, was die Lomoffs damit erklärten, daß er von ihnen Geld zur Beschwichtigung erwarte, sie aber ihm nichts gaben.

Hätte Lomoff den Pfriem tief hineingestoßen, so wäre Gawrilka gestorben, so aber hatte er ihn nur leicht verletzt, es war nur eine kleine Schramme zu sehen. Der Major wurde benachrichtigt. Ich entsinne mich noch, wie erregt und sichtlich erfreut er angefahren kam. Er wandte sich ungemein freundlich an Gawrilka, fast als wäre dieser sein leiblicher Sohn gewesen.

„Nun, mein Lieber, kannst du dich noch zu Fuß ins Lazarett begeben, oder geht’s nicht? Nein, nein, wir wollen lieber das Pferd anspannen lassen. – Sofort das Pferd anspannen!“ schrie er voll Eifer dem Unteroffizier zu.

„Aber ich, Euer Gnaden, ich fühle ja nichts. Er hat ja nur ein wenig gekratzt, Euer Gnaden.“

„Das weißt du nicht, das kannst du selbst nicht beurteilen, mein Lieber, du wirst schon sehen ... Es ist eine sehr gefährliche Stelle, und alles hängt von der Stelle ab ... Gerade in das Herz hat er gestochen, der Räuber! Dich aber, dich,“ brüllte er plötzlich wild den alten Lomoff an, „dich habe ich jetzt endlich! ... Auf die Wache mit ihm!“

Und er rächte sich tatsächlich! Lomoff wurde, obgleich die Verletzung nur eine ganz ungefährliche Stichwunde war, auf Grund der „bösen Absicht“ zu längerer Zwangsarbeit und zu tausend Spießruten verurteilt. Dem Major war das Urteil eine große Genugtuung.

Endlich traf der Revisor ein.

Am zweiten Tage nach seiner Ankunft in der Stadt – es war gerade ein Feiertag – kam er auch zu uns in den Ostrogg. Schon mehrere Tage vorher war bei uns alles reingewaschen und reingefegt worden, alle Sträflinge waren frisch rasiert, alle staken in weißen, reinen Anzügen. Im Sommer gingen vorschriftsmäßig alle in Leinwandjacken und ebensolchen Beinkleidern. Auf dem Rücken eines jeden war ein schwarzer Kreis von ungefähr zehn Zentimeter im Durchmesser eingenäht. Eine ganze Stunde wurden die Sträflinge unterrichtet, wie sie zu antworten hatten, falls der hohe Gast sie anreden sollte. Das Beigebrachte wurde solange wiederholt, bis alle die Antwort auswendig kannten. Der Major war wie besessen vor Aufregung. Eine Stunde vor dem Erscheinen des Generals standen sämtliche Sträflinge wie Götzenbilder in einer Front und hielten stramm die Hände an den Hosennähten. Endlich, um ein Uhr mittags, erschien der General. Er war ein großes Tier und in Petersburg so einflußreich, daß die Herzen aller Vorgesetzten in ganz West-Sibirien bei seiner Ankunft erzittern mußten. Er trat mit strenger, ernster Miene ein. Ihm folgte eine zahlreiche Suite, die zum größten Teil aus den höheren Persönlichkeiten der Stadt, sowie mehreren Obersten und Generälen bestand. Unter ihnen fiel besonders ein Herr in eleganter Zivilkleidung auf, eine vorzügliche Erscheinung im Frack und in Halbstiefeln, der gleichfalls aus Petersburg gekommen war und ein ungewöhnlich sicheres, weltmännisches Auftreten hatte. Der General wandte sich sehr oft und sehr höflich an ihn, was die Sträflinge ganz besonders interessierte: ein Herr, der nicht Militär war, und dem wurde solche Ehre erwiesen und noch dazu von einem solchen General! Späterhin erfuhren sie auch seinen Familiennamen und wer er war, doch wurden vorher unendlich viele Mutmaßungen über ihn geäußert. Unser Major, der eingeschnürt, in orangegelbem Uniformkragen, mit roten Augen und himbeerfarbenem, finnigem Gesicht wie ein Pfosten dastand, schien auf den General keinen besonders angenehmen Eindruck zu machen. Aus besonderer Ehrerbietung vor dem hohen Besuch trug er keine Brille. Er stand etwas abseits, stand wie auf Draht gezogen, und schien mit seiner ganzen Seele fieberhaft nur den einen Augenblick zu erwarten, in dem er sich nützlich machen könnte, um dann den Wunsch Seiner Exzellenz in einer Sekunde zu erfüllen. Leider aber kam man ohne ihn aus. Schweigend schritt der General durch die Kasernen, warf auch einen Blick in die Küche, und kostete sogar, wenn ich nicht irre, die Kohlsuppe. Da machte man ihn auf mich aufmerksam: so und so, ein ehemaliger Adliger.

„Ah! Und wie führt er sich jetzt?“ erkundigte sich der General.

„Bisher befriedigend, Ew. Exzellenz,“ war die Antwort.

Der General nickte mit dem Kopfe, und nach zwei Minuten verließ er den Ostrogg. Die Sträflinge waren natürlich völlig geblendet und verblüfft, gleichzeitig aber doch auch nicht wenig enttäuscht: von einem „Ansprüche zu erheben“, wie sie sagten, konnte selbstverständlich nicht die Rede sein, was der Major auch schon im voraus gewußt zu haben schien.

VI.

Die Tiere unseres Ostrogg