Sämtliche Werke 18

Part 29

Chapter 293,742 wordsPublic domain

„Ach!“ seufzt dann plötzlich der Arrestant und macht sich, als hätte er mit einem energischen Entschluß das Träumen und Sehnen abgeschüttelt, ungeduldig und mürrisch wieder an die Arbeit, greift nach dem Spaten oder nach den Ziegeln, die von dem einen Ort nach dem andern zu tragen sind. Nach einer Minute hat er seine plötzliche Empfindung schon vergessen und lacht oder schimpft bereits, je nach seinem Charakter; oder er macht sich plötzlich mit ungewöhnlichem, ganz unpassendem Eifer an seine Arbeitsaufgabe, wenn er eine solche erhalten hat, und arbeitet mit Anstrengung aller Kräfte, ganz als wolle er durch die schwere Arbeit irgend etwas in sich erdrücken, was ihn von innen quält und beengt. Dieses ganze gefesselte, starke Volk stand größtenteils in der Blüte seiner Jahre und Kräfte ... Schwer sind die Fesseln in dieser Zeit! Ich will nichts übertreiben, ich will nur die Wahrheit sagen. Ganz abgesehen davon, daß in der Wärme, in der sonnigen Frühlingsluft – wenn man mit ganzer Seele, mit seinem ganzen Wesen die rings um einen mit unermeßlicher Kraft auferstehende Natur fühlt und sieht – das verschlossene Gefängnis, die ewige Eskorte und das beständige Leben nach fremdem Willen noch viel schwerer zu ertragen sind, – ganz abgesehen davon, beginnt doch in dieser Frühlingszeit schon mit der ersten Lerche in ganz Sibirien und ganz Rußland das Vagabundieren: dann entflieht auch so manch einer aus den Gefängnissen und flüchtet in den Wald. Dann schweifen sie, nach den dumpfen, engen Stuben, nach Strafen, Ketten und Stöcken, in der größten Freiheit überall umher, wo es ihnen besser gefällt und wo das Leben angenehmer ist. Sie essen und trinken, was sich gerade findet, was Gott schickt, und in der Nacht schlafen sie zufrieden irgendwo im Walde ein, oder auf freiem Felde, sorglos, frei, ohne die quälende Sehnsucht des Gefangenen, – wie die Waldvögel, nachdem sie nur den Sternen des Himmels gute Nacht gesagt haben, während Gottes Auge allein über sie wacht. Gewiß hat es mitunter auch sein Unangenehmes, bei „General Kukuschkin zu dienen“, da heißt es oft Hunger und Müdigkeit ertragen, oft sieht man in ganzen vierundzwanzig Stunden nichts Eßbares, vor jedem Menschen muß man sich verstecken, man muß stehlen und plündern und mitunter auch ermorden. „Der Ansiedler ist wie ein Kind, was er nur sieht, das nimmt er,“ sagt man in Sibirien. Dasselbe Sprichwort kann auch auf den Landstreicher angewandt werden. Selten ist er kein Räuber und fast immer ein Dieb. Allerdings stiehlt er mehr aus Notwendigkeit, als aus Beruf. Es gibt geradezu eingefleischte Landstreicher. Manch einer entläuft noch als Kolonist, wenn er die Ostroggjahre schon hinter sich hat. Man sollte meinen, er sei zufrieden und sichergestellt als Kolonist, aber nein! – es zieht ihn irgendwohin, es ruft ihn fort. Das Leben in den Wäldern, das arm und schwer, dafür aber frei und voll Abenteuer ist, hat etwas Bezauberndes, einen gleichsam geheimnisvollen Reiz für diejenigen, die ihn einmal empfunden haben. Und plötzlich ist ein Mensch fortgelaufen, nicht selten ein bescheidener, gewissenhafter Mann, der ein guter ansässiger Bürger und ein tüchtiger Arbeitsmann zu werden versprach. Manch einer heiratet sogar und zeugt Kinder, lebt seine fünf Jahre ruhig an ein und demselben Ort, bis er eines schönen Morgens, ganz plötzlich, verschwunden ist, Weib, Kinder und die ganze Gemeinde in Staunen und Verwunderung versetzend. Im Ostrogg machte man mich auf einen ähnlichen Flüchtling aufmerksam. Er hatte kein einziges namhaftes Verbrechen begangen, wenigstens hatte nie jemand etwas derartiges von ihm gehört, er war aber sein ganzes Leben lang Landstreicher gewesen. Er hatte im Süden Rußlands gelebt, war bis zur Donau gekommen, war im Kaukasus, in der kirgisischen Steppe und im Osten Sibiriens gewesen – überall. Wer weiß, vielleicht wäre aus ihm unter anderen Verhältnissen bei seiner Abenteuerlust ein zweiter Robinson Crusoe geworden. Übrigens wurde alles das von anderen über ihn erzählt, er selbst aber sprach wenig im Ostrogg, eigentlich nur das durchaus Notwendige. Es war das ein äußerst kleiner Mann von etwa fünfzig Jahren, mit friedlichem Charakter, ungewöhnlich ruhigem und sogar stumpfem Gesichtsausdruck – stumpf bis zur Idiotie. Im Sommer saß er mit Vorliebe in der Sonne, um sich braten zu lassen, und unfehlbar summte er dann ein Liedchen vor sich hin, gewöhnlich aber so leise, daß es auf fünf Schritt nicht mehr zu hören war. Seine Gesichtszüge waren gleichsam hölzern, er aß wenig und fast nur Brot. Niemals kaufte er sich einen Kalatsch oder einen Schluck Branntwein, aber es ist auch kaum anzunehmen, daß er jemals Geld besaß und kaum dürfte er verstanden haben, zu zählen. Zu allem verhielt er sich unerschütterlich ruhig. Die kleinen Ostrogghunde fütterte er zuweilen aus der Hand, was sonst niemand bei uns tat ... Denn der Russe liebt es nicht, Hunde aus der Hand zu füttern. Es hieß, daß er verheiratet gewesen sei, sogar zweimal, daß er irgendwo auch Kinder habe ... Für welches Vergehen er in unseren Ostrogg gekommen war, vermag ich nicht zu sagen. Die anderen Sträflinge erwarteten immer, daß er entfliehen würde, aber entweder war seine Zeit noch nicht gekommen, oder er war schon zu alt geworden; jedenfalls lebte er beschaulich dahin, und verhielt sich etwas stumpf zu dieser ganzen sonderbaren Umgebung, in die er hineingeraten war. Übrigens kann man nicht dafür bürgen, daß er im Ostrogg blieb, obschon, sollte man meinen, keinerlei Berechnung für ihn darin gelegen hätte, zu entfliehen. Dennoch ist, im großen ganzen genommen, das freie Vagabundenleben im Walde und auf Wiesen im Vergleich zum Ostroggleben ein Paradies. Der Unterschied liegt ja so auf der Hand, daß von einem Vergleich überhaupt keine Rede sein kann. Wenn dieses Leben auch noch so schwer ist, so lebt der Mensch doch nach seinem eigenen freien Willen. Daher kommt es, daß in Rußland jeder Gefangene, wo er auch sein mag, im Frühling, sobald die ersten Lerchen erscheinen und die Tage wärmer werden, unruhig wird. Wenn auch längst nicht jeder von ihnen zu entfliehen beabsichtigt – ja man kann wohl sagen, daß infolge der vielen Schwierigkeiten und Gefahren nur einer vom Hundert sich dazu entschließt – so werden die neunundneunzig andern doch wenigstens davon träumen, wie und wohin man wohl entfliehen könnte, und sie trösten sich mit dem Wunsch, mit der bloßen Vorstellung der Möglichkeit. Manch einer erinnert sich vielleicht auch nur einer früher von ihm ausgeführten Flucht ... Ich rede jetzt nur von den bereits Verurteilten; die noch unter Anklage Stehenden entschließen sich viel eher, zu entfliehen, – die auf bestimmte Zeit Verurteilten dagegen höchstens zu Anfang ihrer Strafzeit. Denn hat der Arrestant schon zwei bis drei Jahre abgedient, so beschließt er bei sich, doch lieber die Strafzeit „gesetzlich abzuleben“ und zu den Ansiedlern geschickt zu werden, als daß er sich zu einem solchen Wagnis entschließt; er weiß, daß es ihm, wenn die Flucht mißlingt, bitter schlecht ergeht. Und das Mißlingen ist so leicht möglich. Höchstens einem von zehn gelingt es tatsächlich, „sein Schicksal zu wechseln“. Auch von den zu festgesetzter Strafzeit Verurteilten entschließen sich am ehesten diejenigen dazu, denen eine gar zu lange Strafzeit bevorsteht. Fünfzehn bis zwanzig Jahre erscheinen als Ewigkeit und daher ist der Betreffende immer geneigt, an eine Veränderung seines Geschickes zu denken, selbst wenn er auch schon zehn Jahre in der Kátorga gewesen ist und ihm nur noch die kleinere Hälfte bevorsteht. Hinzu kommt, daß auch die Brandmäler die Flucht teilweise noch aussichtsloser machen. Der technische Ausdruck für Flucht ist: „sein Schicksal wechseln“. So antwortet auch der auf der Flucht wieder eingefangene Sträfling, – daß er nur sein Schicksal habe wechseln wollen. Dieser etwas literarische Ausdruck ist tatsächlich die stehende Bezeichnung dafür. Jeder Flüchtling hat nicht so sehr im Auge, sich vollständig zu befreien – er weiß sehr wohl, daß das nicht so leicht ist –, als eben nur eine Veränderung seines Lebens herbeizuführen, gleichviel, ob er in ein anderes Gefängnis kommt, oder zu den Kolonisten, oder ob er wegen eines neuen Verbrechens – das er während des Vagabundierens begangen hat – von neuem verurteilt wird. Mit einem Wort: gleichviel wohin, nur fort aus dem Alten, Überdrüssigen, nur fort aus _diesem_ Ostrogg.

Alle diese Flüchtlinge erscheinen, wenn sie im Laufe des Sommers nicht irgend einen geeigneten Aufenthaltsort zum Überwintern finden – wenn sie zum Beispiel nicht auf Jemanden stoßen, der einen Vorteil darin findet, sie zu beherbergen, oder schließlich, wenn sie sich keinen Paß verschaffen können, was nicht selten durch Mord geschieht – alle diese Entlaufenen erscheinen dann im Herbst, wenn sie nicht schon früher eingefangen sind, gewöhnlich in ganzen Scharen als Landstreicher in den Städten oder Festungen und Gefängnissen und kommen zum Überwintern in den Ostrogg, selbstverständlich in der Hoffnung, im Frühling wieder entfliehen zu können.

Der Frühling hatte auch auf mich seinen Einfluß. Ich weiß noch, wie sehnsüchtig ich durch die Spalten des Palissadenzaunes spähte und lange Zeit so stand, die Stirn an einen Pfahl gepreßt, und unverwandt, unersättlich auf unseren Festungswall schaute, wie dort das Gras grünte und wie der weite, weite Himmel mit jedem Tage ein tieferes Blau zeigte. Unruhe und Sehnen wuchs mit jedem neuen Tage in meiner Brust und der Ostrogg wurde mir immer verhaßter. Die Feindseligkeit der anderen, die ich als Adliger in diesen ersten Jahren ununterbrochen fühlen mußte, wurde mir unerträglich, sie vergiftete geradezu mein Leben. In diesen ersten Jahren ging ich oft, ohne krank zu sein, ins Lazarett, nur um nicht im Ostrogg zu bleiben, nur um mich von dieser ewigen, durch nichts aufzuhebenden allgemeinen Feindschaft zu erlösen. „Ihr Geier, ihr habt uns totgehackt,“ sagten die Arrestanten zu uns. Wie beneidete ich oftmals die Verbrecher aus dem Volke, die in den Ostrogg kamen! Diese waren im Augenblick mit allen befreundet. Und darum machte mich der Frühling traurig und reizbar.

Kurz vor Ostern – ich glaube, es war in der sechsten Fastenwoche – nahm ich das Abendmahl. Zu Beginn der Fasten war der ganze Ostrogg vom älteren Unteroffizier in sieben Abteilungen geteilt worden, nach der Zahl der Fastenwochen. In jeder Abteilung waren etwa dreißig Menschen. Die sechste Woche, in der ich zum Abendmahl ging, gefiel mir sehr. Die ganze Abteilung war dann von der Arbeit befreit, und wir gingen täglich zwei- oder dreimal in die Kirche, die nicht sehr weit vom Ostrogg lag. Lange war ich nicht mehr in einer Kirche gewesen. Der feierliche Gottesdienst, der einem noch aus der fernen Kindheit im Elternhause so gut erinnerlich war, die ernsten Gebete, die Hinknieenden, – alles das rief in meiner Seele längst, längst Vergangenes wach, erinnerte mich an Eindrücke der Kinderjahre, und ich weiß noch, wie wir uns freuten, wenn wir unter Eskorte mit geladenem Gewehr am Morgen über den vom Nachtfrost hartgefrorenen Boden ins Gotteshaus gingen. Die Eskorte ging übrigens nicht mit in die Kirche. Wir standen dort zusammengedrängt dicht bei der Tür, auf dem letzten Platz, von wo aus man nur die tiefe Stimme des Diakons hörte und hin und wieder den schwarzen Talar und das Silberhaar des Geistlichen sah. Ich dachte daran, wie ich früher als Kind zuweilen auf das am Eingang der Kirche zusammengedrängte Volk geschaut hatte, das vor dicken Epauletten zur Seite trat, oder vor einem wohlgenährten Herrn oder einer aufgeputzten, doch sehr frommen Dame, die alle unbedingt zur ersten Reihe strebten und auch dort noch jeden Augenblick bereit waren, um einen besseren Platz zu streiten. Damals hatte es mir geschienen, daß dort am Eingang anders gebetet wurde, als bei uns: dort betete man so still und andächtig, mit so aufrichtiger innerer Demut.

Jetzt stand ich selbst auf diesem Platze, ja nicht einmal auf diesem! Wir waren gefesselt und gebrandmarkt, uns mieden alle, und man fürchtete uns sogar. Jedesmal gab man uns Almosen, und ich weiß noch, wie mir das sogar gewissermaßen angenehm war, es lag eine gewisse verfeinerte, ganz besondere Empfindung in diesem eigenartigen Freudegefühl. „Mag es nur, mag es denn sein, wenn es einmal so ist!“ dachte ich. Die Sträflinge beteten andächtig und ein jeder von ihnen brachte jedesmal seine armselige Kopeke mit, sei es für ein Licht oder sei es für die Sammelbüchse. „Auch ich bin doch ein Mensch,“ dachte oder fühlte er vielleicht, wenn er seine kleine Münze hineinwarf, – „vor Gott sind alle gleich ...“ Das Abendmahl nahmen wir nach dem Frühgottesdienst. Als der Geistliche mit dem Kelch in der Hand die Worte sprach: „... und nimm mich auf wie den sündigen Verbrecher,“ – da knieten alle mit einemmal nieder, während die Ketten aufklirrten, denn ein jeder schien die Worte buchstäblich auf sich zu beziehen.

Und dann kam die heilige Osterwoche. Wir erhielten jeder ein Ei und ein Stück Weizenbrot. Aus der Stadt wurden wieder reiche Gaben geschickt. Wieder kam der Geistliche mit dem Kreuz, wieder erschienen die höchsten Vorgesetzten, wieder gab es fette Kohlsuppe und nachher Schlemmerei und Trunkenheit, ganz genau so wie am Weihnachtsfeste, nur mit dem einen Unterschied, daß man jetzt bereits auf dem Hof spazieren und sich im Sonnenschein wärmen konnte. Es war heller, freier, als im Winter, gleichzeitig aber auch wehmütiger. Wenn die Sehnsucht nur nicht so gequält hätte! Der lange, endlose Sommertag wurde als Feiertag noch ganz besonders lang und unerträglich. An den Werktagen wurde die Zeit doch wenigstens durch die Arbeit verkürzt.

Die Sommerarbeiten waren allerdings viel schwerer als die Winterarbeiten. Wir waren größtenteils bei den Militärbauten beschäftigt. Die Sträflinge bauten, gruben, mauerten; andere wiederum erhielten die Schlosser-, Tischler- und Malerarbeiten zugewiesen, oder was sonst bei den Aufbesserungsarbeiten erforderlich war. Wieder andere gingen in die Ziegelbrennerei, um Ziegel zu formen. Diese letztere Arbeit wurde bei uns für die schwerste gehalten. Die Ziegelei lag von der Festung drei bis vier Werst entfernt. Im Sommer begab sich täglich ein Trupp von nahe fünfzig Mann schon um sechs Uhr morgens dorthin. Zu dieser Arbeit wurden die sogenannten „Schwarzarbeiter“ bestimmt, d. h. die Nichthandwerker, die nicht in den Werkstätten beschäftigt waren. Sie nahmen ihr Brot mit, da sie wegen der größeren Entfernung zum Mittagessen nicht in den Ostrogg zurückkehrten, was einen Marsch von acht Werst erforderte, und so erhielten sie ihr Mittagessen erst am Abend. Die Aufgaben aber wurden für den ganzen Tag gegeben, und zwar waren sie gewöhnlich so groß, daß der Arbeiter kaum mit ihnen fertig werden konnte, selbst wenn er ununterbrochen arbeitete. Zuerst mußte man den Lehm graben und aus der Grube herauskarren, dann mußte das Wasser herangeschleppt, der Lehm getreten werden, und dann hatte ein jeder, wenn ich nicht irre, noch ganze zweihundert oder gar zweihundertundfünfzig Ziegel zu formen. Ich bin im Ganzen nur zweimal in der Ziegelei gewesen. Die Ziegler kehrten erst am Abend zurück, müde, abgequält, und den ganzen Sommer warfen sie den anderen vor, daß sie die schwerste Arbeit hatten. Das schien noch ihr Trost zu sein und sie einigermaßen zu beruhigen. Nichtsdestoweniger gingen viele ganz gern dorthin: die Ziegelei lag hinter der Stadt, dicht am Irtysch, man konnte freie Landschaft sehen, Wälder und Menschen. Es war dort doch immerhin freundlicher, freier, – nicht ewig Festung und Beamte! Man konnte sogar freier rauchen und schließlich auch ein halbes Stündchen liegen und sich erholen. Ich aber wurde nach wie vor in die Werkstätten geschickt, oder zur Alabasterhütte, oder man brauchte mich als Ziegelträger bei den Bauten. Einmal mußten wir die Ziegel vom Ufer des Irtysch bis zu einer Kaserne, die neu aufgebaut wurde, etwa siebzig Faden weit und dann noch über den Festungswall schleppen, und diese Arbeit dauerte ununterbrochen zwei ganze Monate. Mir aber gefiel sie, obgleich die fingerdicke Schnur, mit der man die Steine trug, mir immer die Schultern wund rieb. Aber trotzdem gefiel sie mir, denn ich fühlte, wie meine Kräfte sich entwickelten. Zuerst konnte ich kaum acht Ziegel tragen, von denen jeder bis zwölf Pfund wog, zuguterletzt aber trug ich zwölf bis fünfzehn Ziegel, und das freute mich nicht wenig. In der Kátorga bedurfte man der physischen Kraft nicht weniger als der moralischen, um alle materiellen Unannehmlichkeiten dieses Lebens ertragen zu können.

Und ich wollte doch auch _nach_ dem Ostrogg noch leben ...

Übrigens schleppte ich die Ziegel nicht nur aus dem Grunde gern, weil ich dadurch meinen Körper stärkte, sondern auch noch deshalb, weil man dann an das Ufer des Irtysch kam. Ich komme so oft auf dieses Ufer zu sprechen, weil wir einzig von ihm aus die freie Welt Gottes sehen konnten, die reine, klare Ferne, die sauberen, freien Steppen, die durch ihre Öde einen eigentümlichen Eindruck auf mich machten. Am Flußufer brauchte man nur den Rücken zur Festung zu kehren, und man sah sie nicht mehr, man konnte sie gänzlich vergessen. Alle übrigen Arbeitsplätze lagen dagegen in der Festung oder in ihrer nächsten Nähe. Ich aber haßte diese Festung schon vom ersten Tage an und besonders einige Gebäude. Das Haus unseres Platzmajors schien mir geradezu verflucht und ekelhaft, und jedesmal überkam mich wilder Haß, wenn ich an ihm vorüberging. Am Flußufer aber konnte man die ganze Gegenwart vergessen: da bleibt man denn zuweilen stehen und schaut in die unermeßliche Weite, und Gefühle bewegen die Brust, wie sie nur ein Gefangener empfinden kann, der durch das vergitterte Fenster seiner Zelle in die Freiheit hinausschaut. Hier war mir alles teuer und lieb: die helle heiße Sonne am bodenlosen blauen Himmel, das ferne Lied eines Kirgisen, das vom kirgisischen Ufer herübertönt. Da sieht man dann wohl schärfer hin, bis man endlich ein kleines, verräuchertes Nomadenzelt entdeckt, aus dem ein dünner, kaum wahrnehmbarer Rauch emporsteigt, und neben ihm eine Kirgisin, die dort bei ihren zwei Schafen arbeitet. Alles ist arm und wild, aber es ist frei! Oder man erblickt einen Vogel in der blauen, klaren Luft und lange, lange folgt mein Blick seinem Fluge: da fliegt er niedrig über dem Wasser, da – ein paar stärkere Flügelschläge, und er schwingt sich empor, hoch in die Luft, bald sieht man ihn nur noch wie einen Punkt am blauen Himmel, bald verschwindet er ganz, dann ist er wieder wie ein Punkt im Blau ... Selbst die armselige, verkümmerte Feldblume, die ich an einem Frühlingstage in einem Spalt des steinigten Ufers fand, selbst die erregte in fast krankhafter Weise meine Aufmerksamkeit. Die Qual des ganzen ersten Jahres meiner Kátorga war unerträglich und wirkte aufreibend auf Geist und Körper, – sie war zu bitter. So kam es denn auch, daß ich in diesem ersten Jahr infolge der eigenen Schmerzen vieles nicht wahrnahm, was um mich herum war. Ich schloß die Augen und wollte mich nicht hineinsehen in die Dinge. Daher bemerkte ich auch unter den bösen, gehässigen Arbeitsgenossen nicht die guten Menschen, – Menschen, die sogar fähig waren, zu denken und zu fühlen, trotz der ganzen abstoßenden Schale, die ihr Inneres verbarg. Unter all den boshaften Bemerkungen überhörte ich ganz die freundlichen und guten Worte, die um so wertvoller waren, als hier ohne alle äußeren Rücksichten gesprochen wurde, und nicht selten direkt aus der Seele heraus, – aus einer Seele, die vielleicht viel mehr als ich gelitten und durchgemacht hatte. Doch wozu sich darüber so ausführlich verbreiten.

Es freute mich sehr, wenn die Arbeit mich recht müde machte: dann konnte ich hoffen, am Abend bald einzuschlafen. Das Schlafen war im Sommer eine wahre Qual, fast noch schlimmer, als im Winter. Die Abende waren zuweilen wundervoll. Die Sonne, die den ganzen Tag grell auf den Ostrogghof schien, ging dann endlich unter. Es kam die Abendkühle und bald darauf die – im Verhältnis zum Tage – fast kalte Steppennacht. Die Arrestanten gingen gewöhnlich, bevor sie eingeschlossen wurden, in großen Scharen auf dem Hof umher. Die meisten wurden allerdings von der Küche angezogen. Dort gibt es immer eine besondere, höchst aktuelle Ostroggfrage zu besprechen, da wird über dies und jenes diskutiert, nicht selten wird ein vages Gerücht kritisch auf seine Wahrheitsmöglichkeit hin untersucht, wenn es auch nicht selten die größte Ungereimtheit ist, doch nichtsdestoweniger erregt sie mächtig das Interesse dieser von der Welt abgeschiedenen Menschen. So zum Beispiel verbreitete sich einmal das Gerücht, daß unser Platzmajor abgesetzt werden würde. Die Sträflinge sind natürlich leichtgläubig wie Kinder. Sie wissen ja alle, daß die Nachricht völlig aus der Luft gegriffen, daß sie von einem bekannten Schwätzer und „unsinnigen“ Menschen verbreitet worden ist, – von dem Sträfling Kwassoff, dem nie mehr zu glauben man schon nach längst gefaßtem Beschluß sich vorgenommen hat, da er außer Lügen überhaupt nichts zu sprechen versteht. Doch ungeachtet aller guten Vorsätze, ist doch ein jeder ganz Ohr, man spricht hin und her, meint dieses und jenes, schmückt die Sache noch aus, – kurz, man ist damit beschäftigt, und es endet damit, daß alle sich über sich selbst ärgern, denn im Grunde schämt man sich, daß man dem Kwassoff doch wieder geglaubt hat.

„Wer wird denn den fortjagen!“ meint einer, „der hat einen festen Nacken, wird schon standhalten!“

„Als ob er nicht auch Vorgesetzte hat, die über ihm stehen!“ mischt sich ein anderer ein, ein hitziger und nicht dummer Bursche, der in der Welt schon etwas gesehen hat, dabei aber streitsüchtig ist, wie selten einer.

„Ein Rabe wird dem anderen nicht die Augen aushacken!“ bemerkt mürrisch, gleichsam nur für sich, ein dritter, ein älterer, bereits ergrauter Mann, der einsam in der Ecke seine Kohlsuppe löffelt.

„Und diese Vorgesetzten werden gerade kommen, um dich um Rat zu fragen, ob sie ihn absetzen sollen oder nicht?“ fragt gleichmütig ein vierter den zweiten, während er leicht mit den Fingerspitzen über die Saiten seiner Balalaika fährt.

„Und warum sollten sie mich denn nicht fragen?“ greift hitzig der zweite auf, „das heißt doch soviel, daß wir alle darum bitten, nur müssen dann auch alle das Maul auftun, wenn man uns zu fragen beginnt. Gewöhnlich wird aber bei uns nur vorher geschrien, und wenn es dann zur Tat kommt, dann hat keiner einen Ton!“

„Was erwartest du denn eigentlich?“ fragt der Balalaikaspieler. „Dafür sind wir hier in der Kátorga.“

„Vor kurzem aber,“ fährt der Streitsüchtige fort, ohne auf den anderen zu hören, „vor kurzem war noch beim Brotbacken etwas Mehl nachgeblieben, man kratzte noch alles zusammen, was hier und da verstreut war, und schickte es fort zum Verkauf. Aber nein! Er erfuhr es, der Markthelfer hatte es erfahren, ihm sofort hinterbracht, und das Mehl wurde weggenommen! Das ist nun Ökonomie, wie man sagt. Ist es aber auch Gerechtigkeit?“

„Aber bei wem willst du dich denn beklagen?“

„Bei wem? Beim Levisor selber, der da kommt!“ – Im Ostrogg sagte man allgemein Levisor statt Revisor.

„Was für einen Levisor?“

„Ja, das ist wahr, ich habe es auch gehört, daß ein Levisor kommt,“ bemerkte ein junger aufgeweckter Bursche, der einmal „die Herzogin von Lavallière“ oder so etwas Ähnliches gelesen hatte und früher Schreiber gewesen war. Er ist stets heiter und ein echter Spaßvogel, und wird vor allem wegen seiner Kenntnisse geachtet. Ohne das allgemein lebhaft erweckte Interesse für den verheißenen Revisor auch nur im Geringsten zu beachten, geht er seelenruhig zur Köchin, oder vielmehr zum Koch, und sagt ihm, er möge ihm ein Stück Leber geben. Unsere Köchinnen handelten oft mit solchen Sachen. Sie kauften für ihr Geld ein großes Stück Fleisch oder Leber, brieten es regelrecht und verkauften es dann den Sträflingen in kleinen Stücken.

„Für zwei oder vier Kopeken?“ fragt die Köchin.