Part 28
„Ich war aber, mußt du wissen, vom Morgen früh bis Abend spät besoffen. Unser Häuschen ging noch an, nichts zu sagen, war es auch verfault, so gehörte es doch uns, aber innen drin da war nichts zu beißen. Da saßen wir denn ohne Essen und kauten manche Woche am Hungertuch. Die Mutter schilt mich, aber was mache ich mir draus! ... Ich, mußt du wissen, wich damals keinen Schritt von Filka Morosoff. Vom Morgen bis zum Abend war ich bei ihm. ‚Spiel,‘ sagte er, ‚auf der Gitarre und tanz, ich aber werde liegen und Geld auf dich werfen, denn ich bin der reichste Mensch.‘ Und was er nicht alles tat! Nur Gestohlenes nahm er nicht. ‚Ich bin kein Dieb,‘ sagt er, ‚sondern ein ehrlicher Mensch.‘ – Und eines Tages sagte er: ‚Kommt, gehen wir und streichen wir der Akulka die Haustür mit Pech an, denn ich will nicht, daß sie Mikita Grigorjitsch heiratet. Das ist mir jetzt wichtiger als alles andere,‘ sagt er.
Ankudim aber hatte schon früher die Absicht gehabt, das Mädchen dem Mikita Grigorjitsch zu geben. Mikita war auch schon alt, ein Witwer mit einer Brille auf der Nase, und er handelte gleichfalls. Als der nun hörte, was für Gerüchte über Akulka umgingen, da sagte er natürlich ab. ‚Mir, Ankudim Trofimytsch,‘ sagt er, ‚mir würde es zur großen Unehre gereichen, und auch will ich in meinen alten Jahren überhaupt nicht mehr heiraten.‘
Und so gingen wir und strichen Akulkas Tür mit Pech an. Sie aber wurde dafür geprügelt, unaufhörlich geprügelt ... Marja Stepanowna schreit: ‚Das überlebe ich nicht!‘ und der Alte sagt: ‚In alter Zeit und unter ehrsamen Patriarchen würde ich sie,‘ sagt er, ‚an dem Scheiterhaufen totgeprügelt haben, heutzutage aber,‘ sagt er, ‚ist in der Welt nichts als Finsternis und Fäulnis.‘ Die Nachbarn in der ganzen Straße hatten die Akulka schreien gehört: sie wurde vom Morgen bis zum Abend geschlagen. Filka aber sagt auf dem Markt, daß es alle hören: ‚Ein prächtiges Mädchen ist die Akulka, meine Freundin. Hübsch gewachsen, rein gekleidet, fragt mal, wen sie liebt! Ich,‘ sagt er, ‚ich habe ihnen dort eins auf die Nase gegeben, das werden sie nicht sobald vergessen.‘ Da traf auch ich einmal die Akulka, als sie mit Wassereimern ging, ich aber schrie ihr nach: ‚Guten Tag, Akulina Kudimowna! ich grüße Euer Gnaden! Sauber bist du, woher kommt das, sag mal, wen du liebst!‘ Sie aber blickte mich nur einmal an, so große Augen hatte sie, selbst aber war sie so mager geworden wie ein Holzspan. Als sie mich anblickte, glaubte ihre Mutter, daß sie mir zulachte, und schrie ihr vom Hoftor zu: ‚Lachst du schon wieder, du Schamlose!‘ Und so wurde sie an diesem Tage wieder geprügelt. Eine ganze geschlagene Stunde. ‚Ich werde sie noch totprügeln, sie ist nicht mehr meine Tochter,‘ schrie die Mutter.“
„Sie war also eine Herumtreiberin?“
„Nein, du, höre nur zu, Freundchen. Als wir so immer noch fortfahren, Filka und ich, zu trinken, da kam eines Tages meine Mutter zu mir, ich aber lag auf dem Rücken. ‚Was liegst du, Elender,‘ sagt sie, ‚du Räuber, du Tagedieb!‘ Schimpft mich also. ‚Heirate doch,‘ sagt sie, ‚die Akulka ist jetzt zu haben, heirate sie. Die Alten werden froh sein, wenn sie noch einen wie du für sie bekommen. Und dreihundert Rubel geben sie allein in barem Geld.‘ Ich aber sage: ‚Aber sie ist doch jetzt,‘ sage ich, ‚vor der ganzen Welt entehrt!‘ – ‚Du Dummkopf,‘ sagt sie, ‚mit dem Kranz ist alles gutgemacht, und für dich ist es doch um so besser, wenn sie schuldig vor dir ist: Wir aber werden das Geld brauchen können. Ich habe schon,‘ sagt sie, ‚mit Marja Stepanowna gesprochen. Sie hörte mir sehr aufmerksam zu.‘ Ich aber sage: ‚Geld, zwanzig Rubel in Silber auf den Tisch, dann heirate ich.‘ – Und was glaubst du wohl: ich war in einem Strich bis zur Hochzeit besoffen. Und da kam noch Filka Morosoff mit seinen Drohungen:
‚Ich werde dir,‘ sagte er, ‚als Akulinas Mann, alle Rippen eindrücken und mit deinem Weibe, wenn ich nur will, jede Nacht zusammenschlafen.‘
Ich aber sage ihm: ‚Das lügst du, du Hund!‘ Da aber hat er mir auf offener Straße solche Schmach angetan, daß ich nach Hause ging und sagte: ‚Ich will nicht heiraten, wenn man mir nicht sofort noch fünfzig Rubel auf den Tisch legt!‘“
„Und man gab sie dir auch wirklich zum Weibe?“
„Mir? Weshalb sollte man nicht? Wir waren doch keine ehrlosen Leute. Mein Vater hatte erst in der letzten Zeit durch eine Feuersbrunst alles verloren, früher aber hatten wir noch reicher als sie gelebt. Ankudim sagte wohl: ‚Du hast nichts.‘ – Ich aber antwortete ihm: ‚Das schon, aber bei Euch hat man die Türpfosten mit Pech beschmiert.‘ – Er aber sagt: ‚Willst du jetzt noch großtun? Beweise du zuerst, daß sie unehrlich ist, allen Menschen kann man nicht den Mund zubinden. Hier ist Gott und dort ist die Tür,‘ sagt er, ‚du brauchst das Geld nicht zu nehmen. Nur mußt du das erhaltene zurückgeben.‘ Da machte ich denn mit Filka Morosoff ein Ende: ich ließ ihm durch Mitrij Bykoff sagen, daß ich ihn jetzt vor der ganzen Welt ehrlos machen würde, aber bis zur Hochzeit, mußt du wissen, war ich in einem Strich besoffen. Erst vor der Trauung erwachte ich. Als wir dann aus der Kirche wieder zurückgekommen waren und man uns hingesetzt hatte, da sagte Mitrofan Stepanytsch, also der Onkel:
‚Wenn es auch nicht ehrenhaft ist, so ist es doch fest, die Sache ist jetzt gemacht, vollzogen, und damit abgetan.‘
Der Alte, der Ankudim, war gleichfalls betrunken und weinte, saß auf seinem Stuhl, und die Tränen rollten ihm über die Backen in den Bart. Nun, ich aber, Freundchen, machte es damals so: ich steckte eine Knute in die Tasche, die ich schon vor der Trauung bereitgelegt hatte, und so beschloß ich denn, mich an der Akulka zu rächen, damit sie wußte, was das heißt, durch ehrlosen Betrug einen Mann zu bekommen, und damit auch die anderen erführen, daß ich sie nicht als Narr geheiratet hatte ...“
„Ganz recht! Damit sie es sich für nächstens merkt ...“
„Nein, Freundchen, du wart noch etwas und hör mich an. In unserer Gegend ist es Sitte, daß man sogleich von der Trauung ins Hochzeitsgemach geht, die anderen aber trinken inzwischen ruhig weiter. Und so ließ man denn uns beide allein im Hochzeitsgemach. Sie sitzt so bleich auf dem Bettrand, kein Blutstropfen im Gesicht. Das war die Angst, mußt du wissen. Ihr Haar war auch ganz wie Flachs so hell. Und ihre Augen waren blau und groß. Und immer schwieg sie, nie hörte man sie, ganz wie eine Stumme im Hause. Ganz wunderbar war sie. Aber was meinst du wohl, Freundchen, kannst du dir das denken: ich hatte doch schon die Knute vorbereitet und hier gleich neben dem Bett hingelegt, sie aber war, Freundchen, sie aber war, wie sich zeigte – vollkommen unschuldig vor mir.“
„Was!?“
„Ganz und gar. Wie jede andere Ehrenwerte aus ehrenwertem Hause. Aber nun sag du mir doch, Freundchen, wofür hatte sie nun nach alledem diese Qualen erduldet! Warum hatte denn der Filka Morosoff sie vor der ganzen Welt entehrt?“
„Hm, ja ...“
„Da kniete ich denn vor ihr nieder, gleich dort vor dem Bett, faltete die Hände: ‚Täubchen,‘ sage ich, ‚Akulina Kudimowna, verzeih mir dummen Menschen, daß ich dich auch für so eine gehalten habe. Verzeih mir,‘ sage ich, ‚mir Elendem!‘ Sie aber sitzt vor mir auf dem Bett, sieht mich an, legt mir beide Hände auf die Schultern, lacht, aber dabei rollen ihr die Tränen über die Wangen; sie lacht und weint ... Wie ich da zu den anderen wieder hinausging, da sagte ich: ‚Begegnet mir jetzt noch einmal Filka Morosoff, so hat er zum längsten auf der Welt gelebt!‘ Die Alten aber wußten gar nicht mehr, wie sie noch beten sollten: die Mutter fiel ihr zu Füßen und schrie fast vor Schluchzen. Der Alte aber sagte: ‚Hätten wir es nur gewußt oder geahnt, so hätten wir dir, meine geliebte Tochter, einen ganz anderen Mann ausgesucht.‘ Und wie wir am nächsten Sonntag in die Kirche gingen, da trug ich eine schmucke Fellmütze, einen Rock aus feinem Tuch und Beinkleider in reichen Falten. Sie trug einen neuen Hasenpelz und ein seidenes Tüchlein. Siehst du, so gingen wir. Die Leute hatten ihre Freude an uns ...“
„Nun, schön.“
„Nun, aber höre nur weiter. Am nächsten Tage nach der Hochzeit lief ich von den Gästen fort, obschon ich betrunken war – riß mich aber los und lief. ‚Gebt ihn her, den Taugenichts Filka Morosoff, gebt ihn nur her, den Schuft!‘ so schrie ich, – schrie es auf dem Markt, mußt du wissen. Nun, ich war ja auch noch betrunken; da wurde ich denn nicht weit von Wlassoffs eingefangen und mit Gewalt von drei Mann nach Haus gebracht. Im ganzen Ort aber weiß man’s schon. Die Mädchen und Weiber auf dem Markt stecken die Köpfe zusammen: ‚Wißt ihr es schon, habt ihr es schon gehört? Die Akulka ist ja ganz unschuldig gewesen!‘ Filka aber sagte mir kurz darauf in Gegenwart von anderen, und sagt mir so: ‚Verkauf deine Frau, – wirst betrunken sein. Bei uns,‘ sagt er, ‚hatte der Soldat Jaschka nur deswegen geheiratet: bei seinem Weibe hat er nie geschlafen, dafür aber war er drei Jahre lang betrunken.‘ Ich sage ihm: ‚Du bist ein Schurke!‘
‚Du aber bist ein Dummkopf,‘ sagt er. ‚Man hat dich doch in betrunkenem Zustande verheiratet, was konntest du dann da beurteilen?‘
Ich kam nach Haus und schrie: ‚Ihr,‘ sage ich, ‚ihr habt mich betrunken mit ihr verheiratet!‘ Die Mutter wollte mich wohl noch bereden, ich aber sagte: ‚Dir sind die Ohren mit Gold vollgestopft, du hörst nichts anderes. Gib mal die Akulka her!‘ Nun, und dann fing das Prügeln an. Ich prügelte sie, mußt du wissen, ich prügelte sie zwei Stunden, bis ich selbst umfiel. Drei Wochen lag sie im Bett, ohne aufzustehen.“
„Es ist ja wahr,“ meinte Tscherewin phlegmatisch, „schlägst du sie nicht, so ... Hattest du sie denn mit einem Liebhaber überrascht?“
„Nein, das nicht,“ sagte nach einigem Schweigen und gleichsam sich überwindend Schischkoff. „Es kränkte mich aber doch gar zu sehr, daß die Menschen mich so beleidigen durften, und der Anstifter von allem war natürlich der Filka. ‚Deine Frau,‘ sagt er, ‚ist für dich nur ein Modell,‘ sagt er, ‚damit die Leute sie ansehen.‘ Und einmal feierte er wieder ein großes Fest und hatte auch mich zu Gast geladen, und da sagte er: ‚Seine Frau,‘ sagt er, ‚ist edelmütig und ehrerbietig, ist hübsch und freundlich, und jedermann beneidet ihn jetzt! Aber hast du schon vergessen, Bursche, wie du selbst ihre Tür mit Pech beschmiert hast?‘
Ich saß dort betrunken auf dem Stuhl, da faßte er mich an den Haaren und schüttelte mich und drückte mich nieder. ‚Tanz,‘ sagt er ‚Akulinas Mann, ich werde dich so an den Haaren halten, du aber tanz zu meiner Belustigung!‘
‚Ein Schurke bist du!‘ schreie ich.
Er aber sagt zu mir: ‚Ich werde mit meiner ganzen Horde zu Akulka fahren, zu deiner Frau, und sie in deiner Gegenwart mit Ruten prügeln, soviel ich will.‘ So fürchtete ich denn, glaub oder glaub mir nicht, einen ganzen Monat, das Haus zu verlassen: wenn er inzwischen kommt, dachte ich, und ihr und meinem Hause die Schande antut, – was dann? Und da fing ich denn an, sie zu prügeln ...“
„Wozu da prügeln! Hände kann man binden, von Zungen aber bindest du keine einzige. Viel schlagen taugt auch nicht. Bestrafe, belehre, dann aber sei auch wieder gut zu ihr. Dafür ist sie doch Weib.“
Schischkoff schwieg eine Zeitlang.
„Es kränkte mich,“ begann er dann von neuem, „und da wurde mir das Prügeln zur Gewohnheit: manchen Tag prügelte ich sie vom Morgen bis zum Abend. Schlage ich sie nicht, so ist es langweilig. Sie saß gewöhnlich am Fenster, sieht hinaus, schweigt, weint ... Immer weinte sie, sie tat mir wirklich leid, aber ich schlug sie. Meine Mutter schalt mich oft genug ihretwegen: ‚Ein Elender bist du,‘ sagt sie, ‚ein Zuchthausknecht!‘ – Ich aber schreie: ‚Ich werde sie totschlagen! und daß mir jetzt niemand was zu sagen wagt, denn man hat mich mit Betrug verheiratet!‘
Zuerst kam noch der alte Ankudim selbst: ‚Du bist doch nicht weiß Gott was für eine Persönlichkeit, daß man mit dir nicht fertig werden könnte, ich werde schon einen Richter finden, der dir anderes beibringen wird!‘ Dann aber ließ er es bleiben und kam nicht wieder. Marja Stepanowna aber war ganz still geworden. Einmal kam sie und bittet unter Tränen: ‚Ich bin mit einer Belästigung zu dir gekommen, Iwan Ssemjonytsch, sie ist nicht groß, aber die Bitte ist um so größer. Schenk uns Sonnenlicht und Freude,‘ sagt sie, verbeugt sich tief vor mir, ‚besänftige dich, verzeihe du ihr! Böse Menschen haben unsere einzige Tochter verleumdet, du aber weißt doch selbst, daß du ein unschuldiges Mädchen zum Weibe bekommen hast ...‘ Und sie verbeugt sich bis zur Erde vor mir, weint. Ich aber mache mich stolz: ‚Ich will euch alle überhaupt nicht anhören! Werde jetzt mit euch allen machen, was ich will, denn ich kann mich jetzt nicht beherrschen. Filka Morosoff aber,‘ sage ich, ‚ist mein Kamerad und bester Freund ...‘“
„Gingt also wieder beide durch?“
„Wo! Bei dem konnte man überhaupt nicht mehr ankommen! Sein eigen Hab und Gut hatte er bis aufs Letzte verpraßt und dann hatte er sich einem reichen Kleinbürger verkauft, um für dessen ältesten Sohn unter die Soldaten zu gehen. In unserer Gegend aber ist ein solcher bis zu dem Tage, wo er fortgeführt wird, der erste Herr im Hause dessen, für den er geht, dann muß dort alles vor ihm im Staube liegen, er aber ist unumschränkter Herr im Hause. Geld erhält er eine Menge, bis zum Abgang aber lebt er im Hause, lebt dort ein halbes Jahr womöglich, und wie er dann die Besitzer behandelt, das ist gar nicht auszureden, – bring nur die Heiligen hinaus! ‚Ich,‘ sagt er, ‚gehe, mußt du wissen, für deinen Sohn unter die Soldaten, folglich müßt ihr mich alle achten, oder sonst sage ich ab!‘ Und so lebte denn auch Filka großartig, schläft mit der Tochter, zieht den Hausherrn jeden Tag nach dem Essen am Bart, – alles nur zu seinem Vergnügen. Jeden Tag muß für ihn die Badestube geheizt werden und für den Dampf muß auf die heißen Ofensteine nicht Wasser, sondern Branntwein gegossen werden, und viel fehlte nicht, so hätte er noch verlangt, von den Badeweibern auf den Händen hineingetragen zu werden. Kommt er von einer Spazierfahrt zurück, so bleibt er auf der Straße stehen: ‚Ich will nicht durch das Hoftor, reißt den Zaun nieder!‘ sagt er, und so wird neben dem Hoftor der Zaun niedergerissen und dann erst spaziert er hinein. Endlich war die Zeit vorüber, er mußte unter die Soldaten. Eine Menge Volks begleitet ihn, die ganze Straße ist voll Menschen: Filka Morosoff fährt fort! Er aber grüßt nach allen Seiten. Akulka aber kam gerade aus dem Gemüsegarten zurück. Wie Filka sie erblickt – es war dicht vor unserem Hoftor, – da schreit er: ‚Halt!‘ springt aus dem Wagen, geht geradenwegs auf sie zu und verbeugt sich bis zur Erde vor ihr! ‚Du meine Seele,‘ sagt er, ‚mein Licht, zwei Jahre liebte ich dich, jetzt aber führt man mich mit Musik zu den Soldaten. Vergib mir,‘ sagt er, ‚du ehrenhafte Tochter eines ehrenhaften Vaters, denn ich Elender bin sündig vor dir, ich allein trage an allem die Schuld!‘ Und er verbeugt sich zum zweitenmal bis zur Erde vor ihr. Die Akulka aber stand zuerst ganz wie erstarrt, dann aber verneigte sie sich tief vor ihm und sagte: ‚Verzeih auch du mir, kühner Jüngling, doch habe ich nichts Böses von dir erfahren.‘
Ich ging ihr nach ins Haus: ‚Was hast du ihm gesagt, du Hündin?‘ Sie aber, glaub oder glaub mir nicht, sie sah mich nur an und sagte: ‚Ich liebe ihn jetzt mehr als mein Leben!‘“
„Sieh mal an! ...“
„Ich sprach an diesem Tage kein Wort zu ihr ... Erst am Abend sagte ich: ‚Akulka! Jetzt werde ich dich totschlagen,‘ sagte ich. In der Nacht fand ich keinen Schlaf, ging in den Flur und trank etwas Kwas. Es zeigte sich schon die Morgenröte am Himmel. Ich ging in die Stube zurück. ‚Akulka,‘ sage ich, ‚steh auf, wir müssen auf das Feld hinaus fahren.‘ Ich hatte auch früher schon davon gesprochen, daß ich hinfahren würde, die Mutter wußte es schon. ‚Das ist gut,‘ hatte sie gesagt, ‚jetzt ist Arbeitszeit, der Knecht aber soll dort schon den dritten Tag faulenzen.‘ Ich schirrte schweigend das Pferd an, sage kein Wort. Wenn man aus unserem Städtchen hinausfährt, so beginnt sogleich ein Fichtenwald, auf fünfzehn Werst zieht er sich hin, und hinter dem Walde lag unser Acker. Als wir so an drei Werst durch den Wald gefahren waren, hielt ich das Pferd an: ‚Steh auf, Akulina,‘ sage ich, ‚dein Ende ist gekommen.‘ Sie sah mich an und erschrak, stieg aus dem Wagen, steht, schweigt. ‚Ich habe dich satt,‘ sage ich, ‚bet zu Gott!‘ Und wie ich sie dann so an den Haaren erfaßte – ihre Zöpfe waren so lang und dick, wickelte sie mir um die Hand, – drückte sie hinterrücks nieder und klemmte sie zwischen die Knie, riß mein Messer hervor, bog ihr den Kopf zurück, und stieß ihr das Messer in die Kehle ... Wie sie da aufschrie und das Blut spritzte, da warf ich das Messer fort, umfing sie mit beiden Armen von vorn, warf mich mit ihr zur Erde, umklammerte sie und schrie über ihr, schrie und schrie; und sie schreit und ich schreie. Sie zittert und schlägt um sich, will sich von meinen Armen befreien, das Blut aber, das Blut – strömt mir über das Gesicht, über die Hände, es sprudelt nur so hervor, sprudelt nur so. Da überkam mich plötzlich Angst, ich ließ sie liegen, ließ das Pferd stehen, selbst aber lief ich, was ich laufen konnte, lief und lief, hinter den Gemüsegarten vorbei, und lief in unsere Badestube, wir hatten noch so eine alte, die nicht mehr benutzt wurde, die stand da am Hause: ich verkroch mich unter die Schwitzbänke und sitze da in einer Ecke. Bis zur Nacht saß ich dort.“
„Und die Akulka? Wie blieb’s denn mit der?“
„Sie aber muß wohl nach mir aufgestanden sein, um gleichfalls nach Haus zu gehen. Wenigstens hat man sie so hundert Schritt von jenem Ort gefunden.“
„Also hattest du nicht ganz durchgeschnitten.“
„Ja ...“ Schischkoff stockte einen Augenblick.
„Da ist so eine Ader,“ bemerkte Tscherewin, „wenn du sie, diese selbe Ader, nicht mit dem ersten Hieb durchschneidest, so lebt der Mensch immer noch weiter, und wieviel Blut auch herausfließt, der Mensch stirbt nicht.“
„Aber sie starb doch. Tot hatte man sie am Abend gefunden. Man machte sofort Anzeige davon, man fing an, mich zu suchen und fand mich noch vor der Nacht in der Badestube ... Jetzt ist es schon das vierte Jahr, daß ich hier lebe,“ fügte er nach kurzem Schweigen hinzu.
„Hm ... Es ist ja ... wahr: schlägt man nicht, – dann kommt auch nichts Gutes heraus,“ meinte ruhig und methodisch Tscherewin, indem er wieder das Horn hervorzog. Langsam und teilweise mit Unterbrechungen begann er seinen Tabak zu schnupfen. „Und andererseits wiederum,“ fuhr er fort, „bist du dabei doch ein großer Dummkopf gewesen, was man dir auch jetzt noch ansieht. Ich traf auch einmal mein Weib mit einem Liebhaber an. Da führte ich sie denn in den Schuppen, legte die Pferdeleine doppelt. ‚Wem,‘ fragte ich, ‚schwörst du nun Treue? Wem?‘ Und dann prügelte ich sie, prügelte, prügelte, mit der Pferdeleine nämlich, anderthalb Stunden, sie aber schrie: ‚Werde deine Füße waschen,‘ schrie sie, ‚und das Wasser nachher trinken.‘ Awdotja hieß sie.“
V.
Die Sommerzeit
Doch schon ist es Frühling, wir sind im April und Ostern steht vor der Tür. Allmählich beginnen auch die Sommerarbeiten. Die Sonne wird mit jedem Tage wärmer und heller, die Luft duftet nach Frühling und hat eine starke Wirkung auf Körper und Seele. Die anbrechenden schönen Tage erregen auch den gefesselten Menschen und erwecken in ihm ein Wünschen, Streben und Sehnen. Ich glaube, bei hellem Sonnenschein verlangt es den Menschen noch viel mehr nach Freiheit, als an einem trüben Winter- oder Herbsttage, er trauert viel tiefer um das Verlorene: das ist mir an allen Gefangenen aufgefallen. Es ist, als freuten sie sich über die hellen Tage, gleichzeitig aber verstärkt sich in ihnen auch eine gewisse Ungeduld und Reizbarkeit. Ich habe bemerkt, daß es im Frühling viel öfter Streit im Ostrogg gab. Häufig hörte man Geschrei, Lärm, Gejohle, viel öfter kam es zu ausgelassenen Jugendstreichen. Dann aber bemerkte man bisweilen bei der Arbeit einen nachdenklichen, unverwandten Blick in die bläuliche Ferne, hinüber zum anderen Ufer des Irtysch, wo sich wie ein ausgebreitetes Tuch die freie kirgisische Steppe auf anderthalbtausend Werst hinzog; dann hörte man, wie jemand aufseufzte, tief, aus voller Brust, ganz als ziehe es ihn unwiderstehlich, diese ferne, freie Luft einzuatmen und dadurch seine bedrückte, gefesselte Seele zu erleichtern.