Part 27
Was nun die Medizin und das Einhalten der Diät anbetrifft, so befolgten, soweit ich beobachtet habe, die Leichtkranken fast überhaupt nicht die Anordnungen der Ärzte und nahmen gar keine Medizin ein. Die Schwerkranken dagegen und überhaupt die wirklich Kranken liebten es sehr, das Verordnete gewissenhaft zu erfüllen: pünktlich nahmen sie ihre Mixturen und Pülverchen, doch zogen sie ihnen eigentlich äußere Mittel vor. Schröpfköpfe, Blutegel, heiße Umschläge und Aderlassungen, die das einfache Volk so gern hat und denen es so hingebend glaubt, waren eine gern geduldete Behandlung, die ihnen sogar ein gewisses Vergnügen zu bereiten schien. Unter anderem interessierte mich auch eine sehr sonderbare Erscheinung. Dieselben Menschen, die im Ertragen der größten Schmerzen von Stockhieben und Spießruten so überaus standhaft waren, klagten nicht selten und jammerten stöhnend über irgendwelche kleinen Schröpfköpfe. Waren sie nun durch das Liegen und das gute Essen so verweichlicht oder stellten sie sich nur so – ich weiß es nicht zu erklären. Freilich waren unsere Schröpfköpfe etwas anderer Art, als die sonst üblichen. Das Instrument, mit dem die Haut zu diesem Zwecke durchgeschnitten werden muß, hatte der Feldscher einmal, wohl schon vor undenklichen Zeiten, verloren oder verdorben – infolgedessen war er gezwungen, die notwendigen Einschnitte mit der Lanzette zu machen. Für jeden Schröpfkopf sind bis zwölf solcher Einschnitte erforderlich, die mit dem Instrument schnell und schmerzlos gemacht werden können: zwölf kleine Messerchen schlagen alle zu gleicher Zeit ein, in einer Viertelsekunde, und ein Schmerz ist kaum zu spüren. Die Lanzette dagegen schneidet verhältnismäßig sehr langsam, der Schmerz wird fühlbar, und da man zum Beispiel für zehn Schröpfköpfe hundertundzwanzig solcher Einschnitte machen mußte, so war es alles in allem nicht angenehm. Auch ich habe es am eigenen Körper erfahren – aber wenn es auch schmerzhaft und nervenreizend ist, so ist es doch immerhin nicht so schmerzhaft, daß man sich nicht hätte bezwingen können. Mitunter war es wirklich lächerlich, zu sehen, wie so ein langer, gesunder Tölpel sich hin und her wand und jammerte. Es erinnerte einen oft daran, wie mancher Mensch, der in einer ernsten Angelegenheit fest und ruhig bleibt, zu Hause aber wegen nichts und wieder nichts launisch ist, das vorgesetzte Essen nicht anrührt, an allem mäkelt und über alles ungehalten ist: nichts ist ihm recht, alle regen ihn auf, alle sind unhöflich zu ihm, alle quälen ihn, – mit einem Wort, er ärgert sich vor lauter Fett, wie man zu sagen pflegt, d. h. vor lauter Wohlergehen. Solche Menschen trifft man unter Reichen nicht selten an, doch gibt es sie auch unter dem Volk. In unserem Ostrogg nun waren sie, infolge des gezwungenen Zusammenlebens mit anderen, keine Seltenheit. Zuweilen ließen die anderen es sich angelegen sein, den verweichlichten Bauernsohn zu necken, oder der eine oder andere schalt ihn gehörig: dann verstummte er sofort, ganz als hätte er tatsächlich nur darauf gewartet, daß man ihn schimpfte, um dann mit dem Jammern aufzuhören. Am wenigsten mochte Ustjänzeff dieses Stöhnen leiden und so ließ er sich auch keine Gelegenheit entgehen, den Betreffenden zu schimpfen. Überhaupt nahm er jede Schimpfgelegenheit wahr. Das Schimpfen war ihm zum Vergnügen, zum Bedürfnis geworden, woran natürlich seine Krankheit die Schuld trug, teilweise aber auch seine Beschränktheit. Zuerst schaute er den Betreffenden ernst und aufmerksam an, und dann erst begann er plötzlich, mit ruhiger, überzeugungsvoller Stimme, ihm die Leviten zu lesen. Er hatte sich in alles einzumischen, ganz als wäre er bei uns zur Aufrechterhaltung der Ordnung und der allgemeinen Sittlichkeit eingesetzt gewesen.
„Den geht alles etwas an,“ sagten die anderen lachend. Übrigens ging man vorsichtig mit ihm um und vermied auch jeden Streit mit ihm, nur wurde über ihn zuweilen gelacht.
„Der schwatzt dir aber was zusammen! Das können drei Fuhren nicht fortschaffen.“
„Was, darf ich es denn nicht? Vor einem Narren zieht man nicht den Hut, das ist doch bekannt. Warum schreit er denn unter der Lanzette? Wer Honig liebt, darf auch über Bienenstiche nicht klagen, jetzt hast du auszuhalten!“
„Was geht das dich an?“
„Nein, wißt ihr,“ unterbrach einer unserer Arrestanten aus dem Ostrogg, „diese Schröpfköpfe, das ist noch nichts, – ich habe sie ausprobiert; aber seht, der vermaledeiteste Schmerz ist, wenn einer einen lange am Ohr zieht.“
Alle lachten.
„Hat man dich denn schon so gezogen?“
„Du dachtest wohl nicht? Selbstverständlich hat man.“
„Das merkt man. Deine Ohren stehen ja wie Scheuklappen ab.“
Der Arrestant, Schapkin hieß er, hatte allerdings sehr abstehende Ohren. Er war ein Landstreicher, noch jung an Jahren, ein geschickter, stiller Junge, der immer mit einem gewissen ernsten, versteckten Humor sprach, der seinen Erzählungen viel Komik verlieh.
„Warum soll ich denn annehmen, daß man dich am Ohr gezogen hat, wie soll ich darauf kommen, du vernagelter Mensch?“ mischte sich wieder Ustjänzeff ein, sich unwillig an Schapkin wendend, obgleich jener durchaus nicht zu ihm, sondern zu allen gesprochen hatte; doch Schapkin schenkte ihm nicht einmal einen Blick.
„Aber wer hat dich denn so schmerzhaft am Ohr gezogen?“ fragte jemand.
„Wer? Das läßt sich doch wohl denken. Der Richter, natürlich. Das war nämlich, müßt ihr wissen, wegen Landstreicherei. Wir kamen damals selbander nach K., ich und noch ein Landstreicher, Jefins mit Namen, aber ohne weitere Benennung. Unterwegs hatten wir im Dorfe Tolmina unseren Besitzstand ein wenig aufgefrischt. Das war dort so ein Dorf, Tolmina mit Namen. Nun, wir kamen also hin, sahen uns um: nicht zu verachten. Im Felde gibt es vier Freiheiten, in der Stadt aber keine einzige, wie bekannt. Nun, ganz zuerst ging es ins Wirtshaus, hielten Umschau. Da kommt zu uns einer, so ’n Abgebrannter, die Ellenbogen zerrissen, im deutschen Rock. Nun, dies und das.
‚Aber wie geht ihr denn,‘ fragt er, ‚erlaubt, daß ich mich erkundige, – mit Dokumenten?‘[8]
‚Nein,‘ sagen wir, ‚ohne Dokumente.‘
‚So. Wir gleichfalls. Ich habe hier noch zwei Kollegen,‘ sagt er, ‚die gleichfalls bei General Kukuschkin dienen.[9] Darf ich nun fragen, ob ich mich zu Gaste laden kann? Ein halbes Maß werdet ihr doch für uns haben?‘
‚Mit Vergnügen,‘ sagen wir. Nun wir tranken also. Bei der Gelegenheit kamen wir auch auf ein Unternehmen zu sprechen, das in unser Fach schlug. Dort außerhalb der Stadt stand ein Haus, das einem reichen Bürger gehörte. Und so beschlossen wir, in der Nacht dort einen Besuch zu machen. Und so kam es denn, daß wir in selbiger Nacht noch alle fünf bei dem reichen Bürger in die Falle gingen. Man führte uns in Nummer Sicher und von dort direkt zum Richter. ‚Ich werde sie selbst verhören,‘ sagt er. Er erscheint mit einer Pfeife, ein Glas Tee wird ihm nachgetragen, so ein gesunder Mann mit Backenbart. Er setzte sich. Aber da wurden noch drei außer uns hereingeführt, gleichfalls Landstreicher. Ein ulkiger Mensch ist und bleibt doch so ein Landstreicher: nichts weiß er, und wenn du ihm auch einen Knüppel an den Kopf schlägst, alles hat er vergessen, nichts weiß er! Der Richter wendet sich geradeaus an mich. ‚Wer bist du?‘ brummte er mich an wie aus einer Tonne. Nun, versteht sich, sage wie gewöhnlich: ‚Weiß nicht, Euer Gnaden, habe alles vergessen.‘
‚Wart mal,‘ sagt er, ‚mit dir werde ich noch reden, deine Visage ist mir schon bekannt,‘ und dabei glotzt er mich an wie ein Frosch. Ich aber hatte ihn vorher noch nie gesehn. Darauf fragt er den anderen: ‚Wie heißt du?‘
‚Mach dich aus dem Staube, Euer Gnaden.‘
‚Was, du heißt – Mach dich aus dem Staube?‘
‚Genau so, Euer Gnaden.‘
‚Nun gut, du heißt Mach dich aus dem Staube, aber du?‘ das fragt er den dritten.
‚Ich Ebenso, Euer Gnaden.‘
‚Aber wie ist denn dein Name?‘
‚Das ist ja mein Name: Ich Ebenso, Euer Gnaden.‘
‚Aber wer hat dich Schuft denn so getauft?‘
‚Gute Menschen, Euer Gnaden. In der Welt geht es bekanntlich nicht ohne gute Menschen, Euer Gnaden.‘
‚Wer aber sind denn diese guten Menschen gewesen?‘
‚Das habe ich nicht behalten, Euer Gnaden werden es mir schon gnädig verzeihen müssen.‘
‚Hast du alle vergessen?‘
‚Alle vergessen, Euer Gnaden.‘
‚Aber du hast doch Vater und Mutter gehabt? ... Dieser entsinnst du dich doch noch?‘
‚Es ist wohl anzunehmen, Euer Gnaden, daß ich welche gehabt habe, aber auch ihrer erinnere ich mich nicht mehr, Euer Gnaden.‘
‚Aber wo hast du denn bis jetzt gelebt?‘
‚Im Walde, Euer Gnaden.‘
‚Immer im Walde?‘
‚Immer im Walde.‘
‚Nun, aber im Winter?‘
‚Den Winter habe ich nicht gesehen, Euer Gnaden.‘
‚Nun, und du, wie heißt du?‘
‚Beil, Euer Gnaden.‘
‚Und du?‘
‚Friß und gähne nicht, Euer Gnaden.‘
‚Und du?‘
‚Sei nachsichtig, Euer Gnaden.‘
‚Und alle könnt ihr euch nicht mehr eurer Namen entsinnen?‘
‚Nein, Euer Gnaden.‘
Da steht er, lacht, und die anderen lächeln gleichfalls. Nun, aber ein andermal schlägt er einem auch mit der Faust zwischen die Zähne, wenn das Lachen ihm ungelegen ist: ‚Die Burschen alle so gesund, wohlgenährt,‘ sagt er ...
‚Führt sie ins Gefängnis,‘ sagt er, ‚ich werde noch später mit ihnen reden. Du aber bleib hier‘ – das sagt er also zu mir. ‚Komm her, setz dich!‘
Was sehe ich: vor mir steht ein Tisch mit Tinte, Feder und Papier. Ich denke: was wird er nun mit mir anfangen?
‚Setz dich,‘ sagt er, ‚auf den Stuhl, nimm die Feder, schreibe!‘ Selbst aber erfaßt er mein Ohr und zieht es auch schon. Ich sehe ihn an wie der Teufel den Pastor. ‚Verstehe nicht,‘ sage ich, ‚Euer Gnaden.‘
‚Schreib!‘
‚Erbarmen, Euer Gnaden!‘
‚Schreib! Schreib wie du es verstehst!‘ Selbst aber zieht er mich dabei immer am Ohr, zieht und zieht, und wie er es dabei noch drehte! Nein, Brüder, ich sage euch, mir wären dreihundert Hiebe lieber gewesen, als dieses ‚schreib!‘ und weiter nicht als ‚schreib!‘ Von dem mir grün und blau vor den Augen wurde.“
„Was war denn mit ihm los? – übergeschnappt?“
„Fiel ihm nicht ein. Aber in T–sk hatte ein Schreiberlein vor kurzer Zeit ein Stückchen losgeschossen: hatte die Kasse unterschlagen und sich mit dem Inhalt aus dem Staube gemacht, und der hatte gleichfalls abstehende Ohren gehabt. Nun, es war überall hin gemeldet worden. Ich aber war den Anzeichen nach so wie er, und da fühlte er mir auf den Zahn: verstand ich zu schreiben? und wie?“
„So ein Pech! Schmerzte es?“
„Das habe ich dir doch schon gesagt: sogar verteufelt!“
Alles lachte.
„Na, und hast du denn geschrieben?“
„Was geschrieben! Fing wohl an, die Feder zu führen, zu führen, führte, führte, auf dem Papier nämlich, – da gab er’s auf. Gab mir noch so an zehn Ohrfeigen mit auf den Weg und damit entließ er mich dann, wollte sagen, in den Ostrogg.“
„Aber verstehst du denn zu schreiben?“
„Früher verstand ich’s, seitdem man aber mit den Federn schreibt, habe ich es verlernt ...“
Mit derartigen Erzählungen oder, richtiger gesagt, Schwätzereien wurde die langweilige Zeit totgeschlagen. Herrgott, war das eine Langeweile! Die Tage so lang, so lang, so schwül, der eine bis aufs Tüttelchen genau so wie der andere. Wenn man doch wenigstens irgend ein Buch gehabt hätte! Und dabei ging ich, namentlich in der ersten Zeit, oft ins Lazarett, zuweilen weil ich krank war, zuweilen nur, um dort zu liegen. Nur fort aus dem Ostrogg! Schwer war es im Ostrogg, noch schwerer als hier: moralisch schwerer. Die Bosheit, Feindschaft, der Neid, Hader, die fortwährenden Angriffe auf uns Edelleute, die bösen, drohenden Gesichter! Hier dagegen, im Lazarett, waren alle mehr gleichgestellt, und lebten freundschaftlicher. Die bedrückendsten Stunden im Laufe des ganzen Tages kamen abends, wenn das Licht schon angezündet war, und zu Anfang der Nacht. Früh schon ging man zur Ruh. Das trübe Nachtlicht leuchtet fern an der Tür als einziger heller Punkt; in unserer Ecke, in unserer ganzen Hälfte herrscht Halbdunkel. Die Zimmerluft ist schwül und voll Gestank. Manch einer findet keinen Schlaf, er erhebt sich und sitzt wohl anderthalb Stunden auf dem Bett, den Kopf mit der Nachtmütze gesenkt, als dächte er über etwas nach. Da sieht man eine ganze Stunde zu ihm hinüber und bemüht sich, zu erraten, was er denkt, nur um gleichfalls auf irgend eine Weise die Zeit totzuschlagen. Oder man ergibt sich dem Träumen, erinnert sich des Vergangenen, große, helle Bilder malt die Phantasie. Man erinnert sich so kleiner Einzelheiten, an die man sonst nie denken und die man wohl nie so durchfühlen würde, wie hier im Arrestantenlazarett. Oder man denkt an die Zukunft: wie wird es sein, wenn du aus dem Ostrogg entlassen wirst? Wohin wirst du dann gehen? Wann wird das sein? Wirst du überhaupt jemals in die Heimat zurückkehren? Und du denkst und denkst und Hoffnung rührt sich in deiner Seele ... Ein anderes Mal beginnt man einfach zu zählen: eins, zwei, drei, vier usw., nur um während des Zählens einzuschlafen. Ich zählte oft bis dreitausend und schlief doch nicht ein. Dort dreht sich einer auf die andere Seite, der Strohsack knistert. Ustjänzeff hustet seinen trockenen, schwindsüchtigen Husten und stöhnt dann schwach, worauf er jedesmal vor sich hin murmelt: „Gott, ich habe gesündigt!“ So sonderbar klingt diese kranke, gesprungene, gequälte Stimme inmitten der tiefen Stille und Nacht ringsum. Auch dort irgendwo in der Ecke schläft man nicht und es sprechen zwei miteinander von Bett zu Bett. Der eine erzählt etwas von seinem Leben, von längst, längst Vergangenem, Vergessenem, von Landstreicherei, von seinen Kindern, seinem Weibe, von früheren Verhältnissen. Allein schon aus dem fernen, undeutlichen, murmelnden Geflüster fühlt man, daß alles, wovon er erzählt, niemals mehr zu ihm wiederkehren wird, und daß er selbst, der Erzähler, nichts als ein abgeschnittenes, fortgeworfenes Stück von dem Übrigen ist. Der andere hört zu. Zu mir dringt nur ein ruhiges, gleichmäßiges Gemurmel, gleich wie wenn fallendes Wasser erzählte, irgendwo fern ... Ich entsinne mich noch, wie ich einmal in einer langen Winternacht eine solche Erzählung mit anhörte. Zuerst glaubte ich fast, daß sie mein eigener Fiebertraum war, und es schien mir, als vernahm und sah ich alles nur in meiner kranken Phantasie ...
VI.
Der Mann der Akulka (Eine Erzählung)
Es war schon spät in der Nacht, wohl in der zwölften Stunde. Ich war schon eingeschlafen, – da erwachte ich plötzlich. Der trübe Schein des fernen Nachtlichts erhellte kaum die nächsten Lagerstätten ... Fast alle schliefen. Sogar Ustjänzeff schlief, und in der Stille hörte man, wie schwer er atmete und wie der Schleim in seinem Halse bei jedem Atemzuge brodelte. Da ertönten draußen auf dem Flur die schweren Schritte der nahenden Ablösung. Ein Gewehrkolben stieß schwer auf den Boden. Die Tür des Krankenzimmers öffnete sich: der Gefreite trat leise ein und zählte die Kranken. Nach einer Minute war die Tür wieder verschlossen, die neue Wache trat an, die Schritte des Wachkommandos entfernten sich, und wieder trat die Stille ein. Nun erst bemerkte ich, daß nicht weit von mir, links von meinem Bett, zweie nicht schliefen und miteinander zu flüstern schienen. Das kam zuweilen vor: es lagen manche monatlang nebeneinander, ohne daß je ein Wort zwischen ihnen gewechselt wurde, und dann plötzlich in einer Nacht, in einer schweren Stunde, fängt der eine zu sprechen an und breitet vor dem anderen, lauschenden, seine ganze Vergangenheit aus.
Offenbar flüsterten sie schon lange miteinander. Den Anfang hatte ich nicht gehört, und auch jetzt konnte ich nicht alles vernehmen, doch allmählich gewöhnte sich mein Ohr daran und so vernahm ich bald auch die einzelnen Worte. Ich konnte nicht schlafen: was sollte ich tun, wenn ich nicht zuhörte? ...
Der eine erzählte, halbliegend im Bett, den Kopf erhoben und vorgestreckt, damit ihn der Genosse besser höre. Augenscheinlich war er erregt, es quälte ihn etwas und er wollte erzählen. Sein Zuhörer saß finster und gleichmütig auf seinem Lager, die Füße ausgestreckt, hin und wieder brummte er etwas als Antwort oder zum Zeichen seines Interesses, was er aber mehr anstandshalber als aus wirklicher Teilnahme zu tun schien, und stopfte fortwährend aus einem Horn Tabak in die Nase. Er war ein Soldat aus der Strafkompagnie, Tscherewin hieß er, ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, ein mürrischer Pedant, ein kalter Raisonneur und selbstgefälliger Dummkopf. Der Erzähler, Schischkoff, war ein junger, noch nicht dreißigjähriger Arrestant unserer Zivilabteilung, der in der Schneiderwerkstätte arbeitete. Bis dahin hatte ich ihm wenig Beachtung geschenkt; und auch später, solange ich im Ostrogg lebte, zog es mich nicht zu ihm. Er war ein leerer, unverständiger Mensch. Zuweilen schwieg er lange Zeit, war mürrisch, unfreundlich, sprach wochenlang kein Wort. Zuweilen aber mischte er sich in Dinge ein, die ihn nichts angingen, verbreitete Klatschgeschichten, regte sich wegen der nichtigsten Sachen auf, trieb sich in allen Kasernen umher, redete unendlich, schien aus der Haut zu fahren. Verprügelte man ihn, so schwieg er wieder. Er war feig und geizig. Alle mißachteten ihn und behandelten ihn auch darnach. Er war klein von Wuchs und mager, mit bald seltsam unruhigem, bald wieder stumpf brütendem Blick. Hatte er etwas zu erzählen, so begann er eifrig und erregt, sogar mit lebhaften Gesten – bis er plötzlich abbrach, oder auf anderes überging, sich von neuen Einzelheiten hinreißen ließ und ganz vergaß, wovon er zuerst gesprochen hatte. Er stritt sehr oft mit den anderen, und wenn er es tat, so warf er dem Gegner unbedingt etwas vor, etwa wie sehr jener ihm Unrecht getan habe und wie groß seine Schuld vor ihm sei, und er sprach mit Gefühl und war sogar den Tränen nahe ... Er spielte nicht schlecht die Balalaika und er spielte sie gern, und an Feiertagen tanzte er sogar, und tanzte gut, wenn man ihn, was auch vorkam, dazu veranlaßte ... Es war sehr leicht, ihn zu etwas zu veranlassen ... Nicht, daß er so gehorsam gewesen wäre, aber er schloß gern Freundschaft und tat dann alles, um dem neuen Freunde gefällig zu sein.
Es dauerte ziemlich lange, bis ich begriff, wovon sie sprachen. Auch schien es mir zuerst, daß er immer abwich vom eigentlichen Thema und sich von Nebensächlichem ablenken ließ. Vielleicht entging es ihm auch nicht, daß Tscherewin für seine ganze Erzählung überhaupt kein Interesse übrig hatte, doch wollte er sich, glaube ich, absichtlich einreden, daß sein Zuhörer ganz Ohr sei. Vielleicht wäre es ihm auch sehr schmerzlich gewesen, sich vom Gegenteil zu überzeugen.
„... Kam er so auf den Markt,“ erzählte er jetzt weiter, „dann grüßten ihn alle, sie fühlten sozusagen, das ist ein Reicher!“
„Er handelte, sagst du?“
„Nun, ja, gewiß doch. Unter den Kleinbürgern bei uns war die Armut groß. Das reine Elend. Die Weiber trugen das Wasser aus dem Fluß das steile Ufer hinauf, um dort die Gemüsegärten zu begießen, im Herbst aber hatten sie für die ganze Plage nicht einmal Kohl zur Suppe. Nichts zu wollen. Nun, er aber hatte ein großes Stück Land, ließ das Feld von Knechten bearbeiten, hielt ihrer ganze drei, und dann hatte er noch einen ganzen Bienengarten, handelte mit Honig und auch mit Vieh, und doch war er in unserem Ort sehr geachtet, mußt du wissen. Alt war er auch schon, an die siebenzig Jahr, die Knochen wurden ihm schon steif, hatte einen grauen langen Bart, war ein großer Mann. Kam er so im Fuchspelz auf den Markt, da wurde er von allen Seiten gegrüßt. Sehr ehrerbietig. – ‚Guten Tag, Väterchen Ankudim Trofimytsch!‘
‚Hab auch du einen guten Tag,‘ sagt er. Keinen, wie du siehst, verachtete er.
‚Laßt’s Euch wohlgehen, Ankudim Trofimytsch!‘
‚Danke, wie geht es Euch?‘ fragt er.
‚Ach, unsere Geschäfte sind weiß wie Ruß,[10] wie aber geht es Euch, Väterchen?‘
‚Auch wir leben,‘ sagt er, ‚trotz unserer Sünden.‘
‚So laßt’s Euch denn wohlgehen, Ankudim Trofimytsch!‘ Niemand also wird von ihm verachtet, und spricht er, so ist jedes Wort einen Rubel wert. Er war auch sehr bibelkundig, verstand zu lesen und zu schreiben, er las aber nur die heilige Schrift. Dann setzte er die Alte, sein Weib, vor sich hin: ‚Jetzt höre, Weib, und begreife!‘ sagt er, und dann fängt er an, auszulegen und alles zu erklären, wie das da gemeint ist. Aber seine Alte war noch gar nicht alt, sie war seine zweite Frau, die er sozusagen der Kinder wegen geheiratet hatte, denn von der ersten hatte er keine. Nun, aber von der zweiten, der Maria Stepanowna, hatte er zwei noch unerwachsene Söhne, von denen der jüngere, Wassjä, ihm noch mit sechzig Jahren geboren worden war, und außerdem hatte er noch eine Tochter, Akulka, das war die älteste und damals achtzehn Jahre alt.“
„Und das war sie, deine Frau?“
„Wart, zuerst kommt noch Filka Morosoff. Du, sagt der Filka dem Ankudim, zahl mir mal jetzt das Geld aus; gib mir alle vierhundert her. Ich will nicht mit dir handeln und deine Akulka, sagt er, will ich auch nicht. Jetzt, sagt er, lebe ich blau. Meine Eltern, sagt er, sind jetzt gestorben, daher werde ich jetzt mein Geld versaufen und dann gehe ich unter die Soldaten und komme nach zehn Jahren als Feldmarschall wieder. Ankudim gab ihm auch richtig das Geld ab, denn sein Vater und Ankudim hatten mit gemeinschaftlichem Kapital gehandelt. – ‚Ein verlorener Mensch bist du,‘ sagt ihm der Alte. Er aber antwortet ihm: ‚Nun, noch weiß man nicht, ob ich verloren bin, bei dir aber, du Graubart, kann man ja nur lernen, mit dem Pfriem Milch zu löffeln. Du,‘ sagt er, ‚willst mit jeder Kopeke reich werden, sammelst noch jeden Schmutz, weil er sich vielleicht doch noch zur Kohlsuppe eignet. Ich aber spucke darauf. Du sammelst und sammelst, bis du des Teufels bist. Ich aber,‘ sagte er, ‚ich habe Charakter! Deine Akulka aber nehme ich trotzdem nicht; ich habe,‘ sagte er, ‚sowieso schon mit ihr geschlafen ...‘
‚Was!‘ schreit Ankudim, ‚wie wagst du es, eines ehrenhaften Vaters ehrenhafte Tochter zu beschimpfen! Wann hast du mit ihr geschlafen, du Schlangenbrut, du Hechtsblut!‘ Und selbst bebt er am ganzen Körper. So erzählte Filka später.
‚Haha, nicht nur keinen Filka Morosoff wird sie jetzt bekommen,‘ sagt er, ‚ich werde dafür sorgen, daß Eure Akulka überhaupt keiner mehr nehmen wird, auch der Mikita Grigorjitsch nicht, denn sie ist ja doch ehrlos. Schon seit dem Herbst haben wir zusammengelebt, jetzt aber gehe ich für keine hundert Krebse mehr darauf ein. Versuch doch: leg mir gleich hundert auf den Tisch, da wirst du sehen, daß ich nicht einwillige ...‘
Und da hub dann das Prassen an, das war was! Die ganze Erde drehte er um, durch die ganze Stadt hörte man seine Gelage. Er hatte sich noch Freunde ausgesucht, einen Haufen Geld besaß er, drei Monate lang wurde gepraßt, bis alles aus war. ‚Ich werde,‘ sagte er bisweilen, ‚wenn das Geld alle ist, das Haus verkaufen, alles verkaufen, und dann gehe ich unter die Landstreicher oder unter die Soldaten!‘ Vom Morgen bis zum Abend praßte er und fuhr mit einem schellengeschmückten Zweispänner durch die Stadt. Aber die Mädels liebten ihn wie keinen anderen, so etwas sieht man gar nicht wieder. Auch verstand er gut zu spielen, und er spielte auf allen Instrumenten.“
„Dann hatte er also mit der Akulka schon vorher die Sache gehabt?“
„Wart nur. Ich hatte damals auch gerade meinen Vater beerdigt, und meine Mutter backte Pfefferkuchen, arbeitete also auch für Ankudim, und davon lebten wir. Wir hatten aber ein schlechtes Leben. Nun, wir hatten auch unser Landstück hinter dem Walde, säten auch unser Korn, aber nach dem Tode des Vaters war es doch aus mit der Herrlichkeit, denn auch ich lebte blau, mußt du wissen. Von der Mutter holte ich das Geld mit Schlägen heraus ...“
„Das ist nicht gut, wenn du sie geschlagen hast. Das ist eine große Sünde.“