Sämtliche Werke 18

Part 26

Chapter 263,335 wordsPublic domain

Ich kam auf den Henker zu sprechen. Die Eigenschaften eines Henkers finden sich – allerdings nur im Keim – fast in jedem Menschen unserer Zeit, doch entwickeln sich diese tierischen Eigenschaften nicht in allen gleich stark. Wenn sie in einem Menschen alle seine anderen Eigenschaften mit ihrer Entwicklung ersticken, so wird derselbe natürlich zu einem Ungeheuer. Es gibt zwei Arten von Henkern: die einen sind freiwillige, die anderen unfreiwillige, verpflichtete. Der freiwillige Henker steht selbstverständlich in jeder Beziehung noch tiefer als der unfreiwillige, den jedoch das Volk bis zum Entsetzen verabscheut, bis zum Ekel, bis zur sinnlosen, beinahe schon mystischen Angst. Woher kommt nun diese abergläubische Angst vor dem einen Henker und dieser Gleichmut, dieses Gutheißen, möchte man fast sagen, dem anderen gegenüber? Es gibt wirklich sonderbare Beispiele hierfür: ich habe Menschen gekannt, die gut und ehrenhaft und geachtet waren, und dabei konnten sie es nicht ruhig ertragen, wenn der Gezüchtigte unter den Rutenstreichen nicht schrie, nicht um Vergebung, um Erbarmen flehte: er mußte unbedingt schreien und betteln, so war es einmal angenommen, so mußte es sein. Das galt für notwendig und „anständig“, und als das Opfer einmal nicht schreien wollte, da hielt sich der Befehlshaber, den ich persönlich kannte und der sonst zu den, nun ja, zu den guten Menschen gerechnet werden konnte, fast für persönlich beleidigt. Er hatte anfangs beabsichtigt, nur leicht zu bestrafen, als er aber das übliche „Euer Gnaden, unser Vater, erbarmt Euch, laßt mich ewig Gott für Euch bitten,“ und ähnliches nicht vernahm, da geriet er förmlich in Wut und ließ noch fünfzig überflüssige Streiche hinzugeben, nur um ihn doch noch zum Schreien und Bitten zu bringen – was ihm dann auch glücklich gelang. „Das darf man nicht zulassen, es ist eine Frechheit von ihm,“ antwortete er mir durchaus ernst. Was nun den anderen Henker anbetrifft, den unfreiwilligen, verpflichteten, so weiß man ja, wer er ist: ein zur Zwangsarbeit verurteilter Verbrecher, der zum Henkerdienst begnadigt worden ist, und der, nachdem er zuerst bei einem anderen Henker das Handwerk erlernt hat, auf Lebenszeit in einem Ostrogg untergebracht wird. Dort hat er, abgesondert von den anderen, sein eigenes Zimmer, sogar seine eigene Wirtschaft, befindet sich jedoch stets unter Aufsicht. Ein lebender Mensch ist natürlich keine Maschine: freilich schlägt der Henker, nur weil er dazu verpflichtet ist, aber zuweilen gerät er doch in Eifer; doch wenn er auch nicht ohne eigenes Vergnügen schlägt, so hat er doch nicht den geringsten persönlichen Haß gegen sein Opfer. Die Sicherheit des Schlages, die Kenntnis seiner Kunst, der Wunsch, sich vor seinen Genossen und dem Volke zu zeigen, spornt seinen Ehrgeiz an. Es ist ihm nur um die Kunst zu tun. Außerdem weiß er, daß er ein von allen Ausgestoßener ist, daß ihn eine abergläubische Angst überall empfängt und begleitet, und wer kann es wissen, ob dieses Bewußtsein keinen Einfluß auf ihn hat, seinen Eifer, seine tierischen Neigungen nicht anfacht. Sogar jedes Kind weiß, daß Vater und Mutter sich von ihm lossagen. Eigentümlich, soviel ich Henker zu sehen Gelegenheit gehabt habe, waren sie ausnahmslos entwickelte Leute, verständig und klug, und es steckte ungewöhnliche Eigenliebe, sogar offenbar Stolz in ihnen. Möglich, daß dieser Stolz sich in ihnen als Gegengewicht zur allgemeinen Verachtung herausbildet, im Bewußtsein des Entsetzens, das sie ihrem Opfer einflößen, und aus dem Gefühl der Herrschaft über ihn, – ich weiß es nicht. Vielleicht trug auch das ganze schauspielhafte Drum und Dran, mit dem er vor dem Volke erscheint, zur Entwicklung eines gewissen Hochmuts bei. Ich hatte eine Zeitlang Gelegenheit, oft und aus der nächsten Nähe einem Henker zu begegnen und ihn zu beobachten. Er war mittelgroß, muskulös, dabei aber hager, vierzig Jahre alt, mit einem recht sympathischen, klugen Gesicht und lockigem Haar. Er war stets ungewöhnlich vornehm, ruhig; äußerlich hielt er sich wie ein Gentleman, antwortete immer kurz, verständig und sogar freundlich, aber doch etwas hochmütig freundlich, als wäre er wirklich stolz gewesen. Die wachhabenden Offiziere redeten ihn nicht selten an und – mein Wort! – sie taten es mit einer gewissen Achtung seiner Person. Er aber merkte dies sehr wohl, und verdoppelte im Gespräch mit Vorgesetzten absichtlich seine Höflichkeit, Trockenheit und die eigene Würde. Je freundlicher der Vorgesetzte mit ihm sprach, um so zurückhaltender wurde er, und wenn er auch nie die feinste Höflichkeit vergaß, so bin ich doch überzeugt, daß er sich selbst viel vornehmer fühlte, als der mit ihm sprechende Vorgesetzte. Das stand förmlich auf seinem Gesicht geschrieben. Es kam vor, daß er zuweilen an sehr heißen Sommertagen mit einem sehr langen, dünnen Stock – natürlich unter Eskorte – ausgeschickt wurde, um die herrenlosen Hunde in der Stadt zu töten. In unserem Städtchen gab es ungeheuer viel Hunde, die absolut niemand gehörten, und sie vermehrten sich erschreckend schnell. Im Sommer, namentlich in der Ferienzeit, waren sie gefährlich, und so wurde denn auf Befehl der Obrigkeit der Henker zu ihrer Vernichtung ausgesandt. Doch selbst diese erniedrigende Tätigkeit vermochte ihn dem Anschein nach nicht im geringsten zu erniedrigen. Man hätte sehen müssen, mit welch einer Würde er durch die Straßen schritt, in Begleitung des ermüdeten Soldaten, und allein schon durch sein Erscheinen die ihn erblickenden Frauen und Kinder erschreckte, und wie ruhig, ja sogar hochmütig er auf alle ihm Begegnenden herabsah. Übrigens haben die Henker ein bequemes Leben. Sie haben Geld, essen gut, können sogar Wein trinken. Das Geld erhalten sie in Gestalt von „Sporteln“, die die Verurteilten ihnen zahlen. Jeder bürgerliche Verbrecher, dem eine Bestrafung bevorsteht, wird dem Henker unbedingt etwas schenken, und wenn es auch das letzte ist, was er hat. Von den Reicheren aber verlangen sie Geld und bestimmen selbst die Höhe der Summe, entsprechend ihren mutmaßlichen Mitteln, sogar bis zu dreißig Rubeln, zuweilen aber noch höher. Mit sehr Reichen handeln sie lange. Natürlich kann der Henker nicht allzu milde bestrafen, da er dafür mit dem eigenen Rücken haftet. Doch verspricht er für eine bestimmte Entschädigung, nicht gar zu schmerzhaft zu schlagen. Fast ausnahmslos geht man auf seinen Vorschlag ein, denn tut man es nicht, so bestraft er allerdings barbarisch, was ja ganz in seiner Macht liegt. Mitunter fordert er auch von einem Unbemittelten eine hohe Summe; dann kommen die Verwandten und versuchen mit ihm zu handeln, machen ihm viele Bücklinge, doch wehe, wenn sie seinen Forderungen nicht nachkommen. In solchen Fällen hilft ihm viel die abergläubische Angst, die er den Leuten einflößt. Es ist kaum auszudenken, was von den Henkern alles erzählt wird! Übrigens versicherten die Sträflinge, daß der Henker mit einem einzigen Schlage einen Menschen totschlagen könne. Wann aber war das erprobt worden? Doch schließlich, warum nicht? Man sprach davon gar zu überzeugt und der Henker selbst bürgte mir dafür, daß er es tatsächlich könne. Auch wurde erzählt, daß er weit ausholen und aus aller Kraft über den Rücken des Schuldigen schlagen könne, und daß trotzdem nicht die kleinste Wunde entstehe, nicht einmal ein roter Streifen, und der Geschlagene nicht den geringsten Schmerz verspüre. Aber von all diesen Tricks sind ja viele nur zu bekannt. Doch selbst wenn der Henker eine Bestechung nimmt und milde zu strafen verspricht, so gehört der erste Schlag trotz allem _ihm_, den gibt er stets aus voller Kraft, den schenkt er für kein Geld. Es ist dies bei ihnen gewissermaßen schon so Sitte. Die folgenden Hiebe mildert er, namentlich, wenn man ihm vorher gezahlt hat. Der erste Streich aber, gleichviel ob man ihm gezahlt hat oder nicht, – der gehört ihm. Ich weiß wirklich nicht, warum es bei ihnen so angenommen ist. Vielleicht um das Opfer sogleich an die anderen Schläge zu gewöhnen, in der Erwägung, daß nach einem sehr schweren Schlage die leichteren nicht mehr so qualvoll erscheinen, oder auch nur, um dem Opfer zu imponieren, dem Jungen Angst einzuflößen, ihn zu erschrecken, damit er begreife, mit wem er es zu tun hat, oder einfach – um sich und seine Macht zu zeigen. Jedenfalls befindet sich der Henker vor der Exekution in angeregter Stimmung, er ist sich seiner Kraft und Macht bewußt, er fühlt sich als Herrscher, er ist gleichsam Schauspieler: die ganze Volksmenge bewundert ihn, allen flößt er Entsetzen ein, und selbstverständlich ruft er seinem Opfer nicht ohne Genugtuung zu: „Halt dich fest, es brennt!“ – die üblichen erschreckenden Worte bei dieser Gelegenheit. Es ist schwer, sich vorzustellen, bis zu welchem Grade die menschliche Natur sich entstellen läßt.

In der ersten Zeit meines Aufenthaltes im Lazarett hörte ich stets wißbegierig diesen Erzählungen der Arrestanten zu. Das Liegen war uns allen entsetzlich langweilig. Jeder Tag dem anderen so ähnlich! Am Morgen zerstreute uns noch der Besuch der Ärzte und dann bald nach ihnen das Essen. Ja, das Essen bildete in dieser Monotonie begreiflicherweise sogar eine bedeutende Zerstreuung. Die Portionen waren sehr verschieden, je nach der Krankheit der einzelnen. Die einen erhielten nur Suppe mit Graupen, andere nur Brei, wieder andere nur Griesmehlbrei, für den es sehr viele Liebhaber gab. Die Sträflinge waren vom langen Liegen verweichlicht und liebten Leckerbissen. Die Rekonvaleszenten und auch die erst halbwegs Gesunden erhielten ein Stück gekochtes Rindfleisch, einen „Ochsen“, wie man bei uns sagte. Das beste Essen erhielten die Skorbutkranken: Rindfleisch mit Zwiebeln oder mit Meerrettich und ähnliches mehr, zuweilen sogar ein Glas Branntwein. Auch das Brot wurde je nach der Krankheit gegeben, aus Roggenmehl oder Weizenmehl oder aus beidem gemischt, und gut durchgebacken. Diese Bestimmung der Größe und Art der Portionen erheiterte die Sträflinge nur. Manche Kranken mochten nämlich nichts essen, und aßen auch nichts. Dafür aber aßen diejenigen, die Appetit verspürten, was sie nur wollten. Viele tauschten ihre Portionen unter einander, so daß Portionen, die nur für den einen Kranken bestimmt waren, von einem anderen verzehrt wurden. Viele, die Diät halten mußten, kauften Rindfleisch oder die ganze Portion eines Skorbutkranken, tranken Kwas oder Branntwein, den sie Skorbutkranken abkauften, für die er bestimmt war. Einige verzehrten sogar zwei Portionen. Diese Portionen wurden für Geld gekauft und wieder verkauft. Das Rindfleisch stand sogar ziemlich hoch im Preise: es kostete nichts weniger als fünf Kopeken in bar. War in unserem Raum keines zu haben, so schickte man den Wärter in den anderen Sträflingssaal, und gab es dort auch keines, dann in die Soldatensäle, in die „freien“, wie man bei uns sagte. Doch fand sich stets ein Verkäufer. Die Armut war natürlich allgemein, dafür aber schickten die wenigen, die Geld besaßen, bis hin auf den Markt nach Kalatschen, sogar nach Naschwerk und ähnlichen Dingen. Unsere Wärter erfüllten alle diese Aufträge ohne jede Entschädigung.

Nach dem Mittagessen begann die langweiligste Zeit: alles was getan wurde, geschah buchstäblich nur aus Langeweile: der eine schlief, der andere schwatzte, der dritte stritt, der vierte erzählte irgend etwas, doch so, daß ihn alle hören konnten. Kamen keine neuen Kranken, so war es noch langweiliger. Dagegen brachte die Ankunft eines Neuen stets einen gewissen Eindruck hervor, namentlich wenn ihn niemand kannte. Er wurde eingehend betrachtet, und man mühte sich, herauszubekommen, wer er war und wie, woher, und für welches Vergehen verschickt. Am meisten interessierte man sich für die auf dem Transport befindlichen: sie wußten immer etwas zu erzählen, übrigens niemals von ihren persönlichen Angelegenheiten; und wenn einer nicht unaufgefordert davon sprach, so fiel es auch keinem ein, ihn danach zu fragen. Man erkundigte sich nur, woher der Trupp kam, mit wem er marschiert war, wohin es ging, wie die Wege sind, usw. Einige, die die neue Erzählung hörten, erinnerten sich dann auch des einen oder anderen, das sie selbst auf dem Marsch gesehen oder erlebt hatten. Die mit Spießruten Bestraften erschienen gleichfalls um diese Zeit – gegen Abend. Sie machten gewöhnlich einen ziemlich starken Eindruck auf uns alle, wie ich das ja schon erwähnt habe. Aber die kamen doch nicht jeden Tag, und so war es an den Tagen, wenn niemand kam, ganz entsetzlich langweilig: alle schienen gleichsam schlaff zu werden, alle schienen der Gesichter der übrigen unendlich überdrüssig zu sein, und bald kam es zu Zank und Streit. Man freute sich bei uns sogar über die Wahnsinnigen, die zur Untersuchung zu uns gebracht wurden. Hin und wieder stellte sich auch wohl ein Sträfling, um der Bestrafung zu entgehen, irrsinnig; einige von ihnen wurden bald überführt, oder richtiger, sie entschlossen sich selbst, ihre Politik zu ändern, so daß der Sträfling, nachdem er zwei oder drei Tage lang den Verrückten gespielt hatte, ganz plötzlich, mir nichts dir nichts, wieder vernünftig wurde, verstummte und dann mit finsterer Miene um seine Entlassung bat. Weder die Ärzte noch die anderen Sträflinge tadelten oder beschämten ihn, oder erinnerten ihn an seine verdrehten Possen: schweigend wurde er entlassen, schweigend begleitet, und nach zwei oder drei Tagen kam er bestraft zurück. Doch solche Fälle waren im allgemeinen recht selten. Aber die tatsächlich Verrückten – die waren eine wahrhaftige Heimsuchung Gottes für das ganze Lazarett. Einige von ihnen, die lachend und schreiend, tanzend und singend hereintraten, wurden von den Sträflingen fast mit Entzücken empfangen: „Das ist doch mal eine Unterhaltung!“ meinten sie, beim Anblick eines solchen Grimassenschneiders. Mir aber war es unsäglich schwer, diese Unglücklichen zu sehen. Ich habe es nie vermocht, beim Anblick eines Irrsinnigen gleichmütig zu bleiben.

Gleichwohl wurden bald alle der ununterbrochenen Grimassen und des ewig unruhigen Gebarens des anfänglich so erfreut begrüßten Irrsinnigen entsetzlich überdrüssig und schon nach zwei Tagen waren sämtliche Zimmergenossen um den Rest ihrer Geduld gebracht. Einmal strafte uns die Vorsehung mit einem solchen ganze drei Wochen lang, und es war wirklich um auf die Wände zu kriechen – hatte man bis dahin noch nie an Flucht aus dem Lazarett gedacht, so wurde einem dieser Gedanke jetzt unheimlich nahe gelegt. Und da schickte uns das Schicksal in derselben Zeit noch einen zweiten Wahnsinnigen! Dieser machte auf mich einen grauenvollen Eindruck. Es war das im dritten Jahr meines Ostrogglebens. Im ersten Jahr, oder richtiger, in den ersten Monaten ging ich im Frühling mit Ofensetzern als Handlanger in eine zwei Werst entfernte Ziegelbrennerei. Die Brennöfen mußten für den Sommer, wenn das Ziegelbrennen wieder begann, instand gesetzt werden. Am ersten Morgen machten mich M–tzkij und B. mit dem in der Brennerei als Aufseher lebenden Unteroffizier Ostroshskij bekannt. Er war Pole, etwa sechzig Jahre alt, groß von Wuchs, hager, von angenehmem und sogar imponierendem Äußeren. In Sibirien lebte er schon seit langer Zeit und wenn er auch aus dem einfachen Volke stammte und als Soldat nicht sehr gebildet war, so wurde er doch von M–tzkij und B. geliebt und geachtet. Er las beständig in der katholischen Bibel. Ich unterhielt mich mit ihm und er sprach so freundlich, verständig, wußte so interessant zu erzählen und blickte einen so gutmütig und ehrlich an. Seit der Zeit hatte ich ihn ganze zwei Jahre nicht gesehen, nur einmal hatte ich gehört, daß er sich in Untersuchungshaft befinde. Und nun plötzlich wurde er als Irrsinniger zu uns hereingeführt. Lachend, kreischend trat er ein und begann sofort mit den unanständigsten Gesten einen Tanz, ähnlich wie die Kamarinskaja, zu tanzen. Die Sträflinge waren entzückt, begeistert, mir aber wurde sehr traurig zumut ... Nach drei Tagen wußten wir nicht mehr, was wir mit ihm anfangen sollten. Er stritt, schimpfte sich mit allen und jedem herum, raufte, schrie, gröhlte, sang Lieder, sogar in der Nacht, machte in jedem Augenblick so ekelhafte Bewegungen, daß uns allen geradezu übel wurde. Er fürchtete sich vor nichts und niemand. Schließlich wurde ihm eine Zwangsjacke angezogen, zumal er ohne sie auf jeden losging und sich mit ihm prügelte und balgte. In diesen drei Wochen erhoben sich zuweilen alle Kranken wie ein Mann und baten den Oberarzt, unseren Friedensstörer zum Teufel oder in den anderen Arrestantenkrankensaal überführen zu lassen. Dort aber wurde der Arzt schon nach zwei Tagen gebeten, ihn wieder zu uns zurückzuschicken. Da es aber zu gleicher Zeit zwei Verrückte gab, die beide rabiate Schreihälse und Raufbolde waren, so tauschten die Arrestantensäle immer abwechselnd mit ihren „Landplagen“. Aber der eine war nicht besser als der andere. Alle atmeten auf, als man sie endlich irgendwohin fortschickte ...

Auch erinnere ich mich noch eines anderen seltsamen Geisteskranken. Einmal im Sommer brachte man einen Verurteilten, einen dem Anscheine nach gesunden, nur etwas eigentümlichen Mann von fünfundvierzig Jahren, mit einem von Blatternarben völlig verunstalteten Gesicht, kleinen roten, eingekniffenen Augen und mürrischer, finsterer Miene. Ihm wurde das Bett neben mir zugewiesen. Er war, wie sich zeigte, ein friedlicher, ruhiger Mensch, der mit niemand sprach und beständig wie in Nachdenken versunken dasaß. Es dunkelte bereits, – da wandte er sich plötzlich an mich: ohne jede Einleitung begann er mir sofort zu erzählen, und zwar mit einem Gesichtsausdruck, als teile er mir ein ungeheures Geheimnis mit, daß er zu zweitausend Hieben verurteilt sei, doch werde ihm jetzt nichts geschehen, da die Tochter des Obersten G. sich für ihn verwende. Ich blickte ihn verwundert an und äußerte meine Meinung, daß in diesem Falle die Tochter eines Obersten nichts zu tun vermöge. Ich ahnte noch nichts, denn er war nicht als Irrsinniger, sondern als gewöhnlicher Kranker gebracht worden. Ich fragte ihn, woran er denn leide, er aber sagte, er wisse es selbst nicht, – daß man ihn aus irgend einem Grunde hergeschickt habe, er aber vollkommen gesund sei, und die Tochter des Obersten sich in ihn verliebt habe. Sie sei einmal, etwa vor einer Woche, an der Hauptwache vorübergefahren, als er gerade zum vergitterten Fensterchen hinausgesehen habe: sie hätte ihn erblickt und sich sofort in ihn verliebt. Daraufhin sei sie unter verschiedenen Vorwänden bereits dreimal auf der Hauptwache gewesen, das erstemal zusammen mit dem Vater, um den Bruder, der dort Dienst hatte, zu sprechen, das zweitemal mit der Mutter, um Almosen zu geben, und bei der Gelegenheit habe sie ihm im Vorübergehen zugeflüstert, daß sie ihn liebe und die Aufhebung der Strafe erwirken werde. Es war auffallend, mit wie feinen Einzelheiten er mir diese ganze Ungereimtheit erzählte, die natürlich bis aufs Letzte in seinem armen kranken Kopf entstanden war. An die Aufhebung seiner Strafe glaubte er unerschütterlich. Von der leidenschaftlichen Liebe dieser Dame zu ihm sprach er ruhig und überzeugt. Es war, ganz abgesehen von der Unsinnigkeit des Ganzen, so unglaublich, eine derartig romantische Liebesgeschichte eines jungen Mädchens von einem nahezu fünfzigjährigen Greise zu hören, dessen Gesicht mürrisch, finster und von Blatternarben völlig verunstaltet war. Da sieht man, was die Angst vor der Strafe mit einer schüchternen, zaghaften Seele machen kann. Vielleicht hatte er in dem beginnenden Irrsinn, der mit der wachsenden Angst von Stunde zu Stunde zunahm, tatsächlich jemand durch das Fenster erblickt und – da hatte dann seine Phantasie einen Ausweg gefunden. Dieser arme Soldat, der wahrscheinlich in seinem ganzen Leben noch kein einziges Mal an vornehme Damen gedacht, erfand plötzlich einen ganzen Roman, an den er sich instinktiv wie an den letzten Strohhalm anklammerte. Ich hörte ihm schweigend zu und teilte meine Vermutung den anderen Sträflingen mit. Als aber diese ihn auszufragen suchten, da verstummte er aus Schamgefühl. Am nächsten Tage untersuchte und befragte ihn der Oberarzt lange Zeit, und da er ihm sagte, daß er ganz gesund sei, wie es sich auch bei der Untersuchung gezeigt, so wurde er als gesund ausgeschrieben, was wir jedoch erst nach dem Fortgang der Ärzte erfuhren. So konnten wir sie denn nicht mehr über den wahren Sachverhalt aufklären. Und zudem waren wir auch selbst noch nicht ganz sicher in unserer Annahme. Die Schuld an dem Mißverständnis trug jedenfalls der Vorgesetzte, vielleicht der Unteroffizier der Wache, der ihn ins Lazarett geschickt hatte, ohne zu erklären, weswegen. Wahrscheinlich war es eine Nachlässigkeit von ihm gewesen. Vielleicht aber hatten auch die Absender nur mehr Irrsinn vermutet, als daß sie genau gewußt hätten, was ihm fehlte, und ihn nur zur Untersuchung ins Lazarett geschickt. Aber wie dem auch gewesen sein mag, jedenfalls wurde der Arme nach zwei Tagen zur Züchtigung hinausgeführt, die ihn, wie es schien, infolge seiner Unvorbereitetheit nicht wenig erschreckt haben mußte. Er glaubte es nicht, daß man ihn bestrafen würde, glaubte es bis zum letzten Augenblick nicht, und als man ihn wirklich durch die grüne Gasse zog, da soll er nach der Polizei geschrieen haben. Im Lazarett wurde er diesmal, da bei uns alle Betten besetzt waren, in das andere Arrestantenzimmer gebracht. Ich erkundigte mich nach ihm und erfuhr, daß er in ganzen acht Tagen mit keinem einzigen ein Wort gewechselt habe, anscheinend sehr verwirrt und dabei auffallend traurig gewesen sei ... Bald darauf wurde er irgend wohin fortgeschickt, nachdem sein Rücken zugeheilt war. Wenigstens habe ich nie mehr etwas von ihm gehört.