Part 25
Und die Soldaten schlagen zu aus aller Kraft, Funken sprühen aus den Augen des Armen, er sperrt den Mund auf und schreit. Sherebätnikoff aber läuft die Front entlang und lacht, lacht, hält sich die Seiten vor Lachen, kann sich nicht gerade halten, kann sich nicht aufrichten vor Lachen, so daß der Herzensjunge einem zum Schluß geradezu leid tut. Und er freut sich und es amüsiert ihn, und nur von Zeit zu Zeit unterbricht er sein helles, gesundes Lachen und dann hört man wieder:
„Schlagt zu, schlagt zu! Gebt’s dem Spitzbuben, gebt’s der Waise! ...“
Oder er ersann ein anderes amüsantes Verfahren: man bringt den Verurteilten, der legt sich wieder auf das Bitten. Sherebätnikoff verstellt sich diesmal nicht, er spielt den Aufrichtigen.
„Hör mal, mein Lieber,“ sagt er, „ich werde dich wie es sich gehört bestrafen, denn das hast du verdient. Aber eines kann ich für dich in Gottes Namen noch tun: ich werde dich nicht an die Gewehrkolben anbinden lassen. Du wirst allein gehen, aber nach einer neuen Art. Lauf selbst so schnell du kannst durch die ganze Gasse! Wenn auch jeder Stock dich deswegen nicht minder trifft, so wird die Sache doch kürzer sein, was meinst du? Willst du es versuchen?“
Der Sträfling hört ihn verwundert an, mißtrauisch, denkt aber nach:
„Was kann man wissen,“ meint er bei sich selbst, „vielleicht werde ich dabei tatsächlich besser abschneiden: ich laufe was ich laufen kann, und die Sache ist fünfmal schneller abgetan, und vielleicht wird nicht einmal jeder Stock treffen.“
„Gut, Euer Gnaden, ich bin einverstanden.“
„Nun, ich gleichfalls. Los! Gebt acht, aufgepaßt!“ schreit er den Soldaten zu, da er schon weiß, daß kein einziger Stock den schuldigen Rücken verfehlen wird, denn auch der fehlschlagende Soldat weiß nur zu gut, was ihm bevorsteht.
Der Sträfling läuft so schnell er kann, durch die „grüne Gasse“, kommt aber natürlich kaum bis zum fünfzehnten: die Stöcke fallen wie Blitze, wie ein Trommelwirbel, von beiden Seiten gleichzeitig auf ihn nieder, und der Arme stürzt wie gemäht, wie von einer Kugel getroffen zu Boden.
„Nein, Euer Gnaden, lieber schon nach dem Gesetz,“ sagte er, langsam von der Erde sich erhebend, bleich und erschrocken.
Sherebätnikoff aber, der den Verlauf der Sache schon im Voraus gewußt hat, schüttelt sich vor Lachen. Doch ich kann ja nicht alle seine Erfindungen wiedergeben und alles, was man sonst noch über ihn bei uns erzählte ...
In etwas anderem Ton und Geist sprach man bei uns über einen Leutnant Ssmekaloff, der vor unserem Platzmajor gewissermaßen den Posten eines Kommandeurs unseres Ostrogg bekleidet hatte. Erzählte man auch von Sherebätnikoff bisweilen ziemlich gleichmütig, ohne besonderen Groll, so freute man sich doch nicht über seine Heldentaten und lobte ihn nicht, sondern verabscheute ihn offenbar. Ja, man schien ihn sogar mit einem eigentümlichen Stolz zu verachten. Doch des Leutnants Ssmekaloff erinnerte man sich bei uns mit Vergnügen. Er war nämlich durchaus nicht ein besonderer Liebhaber der Prügelstrafe gewesen, und rein Sherebätnikoffsches Empfinden hatte er überhaupt nicht besessen. Anderseits aber war auch er gar nicht abgeneigt, auch einmal prügeln zu lassen. Doch das war ja gerade das Auffallende, daß man sich selbst seiner Prügelstrafen lächelnd und fast liebevoll erinnerte, – dermaßen hatte er das Herz der Leute gewonnen! Und wodurch nur? Durch welche Taten hatte er eine solche Popularität erworben? Es ist wahr, unser Ostroggvolk wie überhaupt das ganze russische Volk, ist fähig, selbst Qualen für ein freundliches Wort zu vergessen. Ich spreche davon, wie von einer Tatsache, ohne sie diesmal von dieser und jener Seite zu untersuchen. Es war nicht schwer, diesen Ausgestoßenen zu gefallen und unter ihnen populär zu werden. Der Leutnant Ssmekaloff aber hatte sich eine ganz _besondere_ Popularität erworben, so daß man sich sogar seiner Strafen fast mit Rührung erinnerte. „Einen Vater brauchten wir nicht mehr,“ sagten die Sträflinge und seufzten ordentlich, in Gedanken ihren früheren zeitweiligen Vorgesetzten, Ssmekaloff, mit dem gegenwärtigen Platzmajor vergleichend. „Eine Seele war der Mann!“
Er war eigentlich ein einfacher Mensch, in seiner Art vielleicht sogar gut. Aber es kommt ja nicht selten vor, daß man nicht nur einen durchschnittlich guten, sondern sogar äußerst guten Menschen zum Vorgesetzten hat, und doch lieben ihn alle nicht, ja, manch einer wird noch verspottet. Ssmekaloff verstand es aber, sich so zu geben, daß ein jeder ihn für einen von den Seinen hielt – „oh, der ist unser!“ – das aber ist mehr ein Talent, richtiger vielleicht, eine angeborene Eigenschaft, über die selbst der Besitzer derselben nicht einmal nachzudenken pflegt. Wie seltsam es auch klingen mag, aber es gibt unter solchen sehr oft nichts weniger als gute Menschen, und dennoch erfreuen sie sich sogar großer Beliebtheit. Sie sind nicht launisch, nicht hochmütig, zeigen dem untergebenen Volke keine Verachtung – und das ist, wie es mir scheint, der ganze Grund, warum man sie liebt. Da sieht man nichts vom verzärtelten Herrensöhnchen, da spürt man nichts von Herrenhochmut, wohl aber ist in ihnen ein ganz besonderer Hauch von Volklichkeit, der ihnen angeboren zu sein scheint, – Gott! – und wie fein versteht das Volk diesen Hauch wahrzunehmen! Was gibt das Volk dafür nicht hin! Selbst den gutmütigsten Menschen ist es bereit, sogar gegen den strengsten einzutauschen, wenn diesem nur etwas von seinem eigenen hanfleinenen Geruch anhaftet. Und wenn dieser Mensch nun noch tatsächlich gutmütig ist, und wär’s auch nur in seiner Weise? Dann ist er ja völlig unschätzbar, dann wird er bis in den Himmel erhoben.
Der Leutnant Ssmekaloff konnte, wie ich schon gesagt habe, mitunter auch sehr schmerzhaft bestrafen, aber er verstand es irgendwie so zu machen, daß man gegen ihn nicht nur keinen Groll hegte, sondern noch zu meiner Zeit, als schon alles längst vergessen war, sich vergnügt und mit Wohlgefallen seiner „Stückchen“ bei der Exekution erinnerte. Übrigens waren diese Stückchen nicht sehr verschiedenartig: die künstlerisch schöpferische Phantasie des Leutnants langte nicht zu großer Mannigfaltigkeit. Das heißt, wenn man die Wahrheit sagen soll; so hatte er nur ein einziges Stückchen in Bereitschaft, mit dem er sich ein ganzes Jahr lang amüsierte, vielleicht aber war es ihm gerade deswegen um so lieber, weil es sein einziges war. Es lag viel Naivität in ihm.
Man bringt zum Beispiel den schuldigen Arrestanten. Ssmekaloff erscheint in eigener Person, mit einem Lächeln, einem Scherzwort, tritt sogleich an den Arrestanten heran, fragt ihn dies und das, etwas Nebensächliches, vielleicht über seine persönlichen, häuslichen oder Ostroggangelegenheiten, fragt es aber durchaus nicht in irgend einer bestimmten Absicht, und auch nicht um der Phrasen willen, sondern ganz einfach, – _eben weil er tatsächlich das wissen will, wonach er fragt_. Man bringt die Ruten und für Ssmekaloff einen Stuhl. Er setzt sich, raucht seine Pfeife an, so eine lange, lange Pfeife. Der Verurteilte hält den Augenblick für günstig und fängt zu bitten an ...
„Nein, nein, mein Freund, streck dich mal hin, da ist nichts zu wollen ...“ sagt Ssmekaloff.
Der Arrestant seufzt und legt sich hin.
„Nun, mein Bester, kannst du nicht das Vaterunser auswendig hersagen?“
„Wie denn nicht, Euer Gnaden, ich bin doch auch getauft, habe schon als Kind Gebete gelernt.“
„Nun, dann sag es mal her.“
Der Sträfling weiß bereits ganz genau, was er herzusagen hat, er weiß auch schon im Voraus, was die Folge davon sein wird, da derselbe Scherz sich mindestens schon dreißigmal mit anderen wiederholt hat. Auch Ssmekaloff weiß, daß es dem Sträfling nichts neues ist; ja, er weiß sogar, daß selbst die Soldaten, die mit erhobenen Ruten vor dem liegenden Opfer stehen, den Scherz schon lange kennen, und dennoch wiederholt er ihn – dermaßen hat er ihm ein für allemal gefallen, vielleicht gerade aus dem Grunde, weil er ihn selbst erdacht hat, wahrscheinlich sogar aus literarischem Ehrgeiz.
Der Sträfling beginnt also mit dem Gebet und kommt schließlich auch zu den Worten: „Dein Wille geschehe ...“
„Halt!“ schreit sofort belebt der Leutnant, und zu den Soldaten mit den erhobenen Ruten gewandt, fügt er hinzu: „Haut ihn, aber wehe!“ worauf er in helles Lachen ausbricht.
Die ringsum stehenden Soldaten lächeln gleichfalls; auch der Schlagende lächelt und viel fehlt nicht, so lächelte auch der Geschlagene, ungeachtet dessen, daß die Rute schon durch die Luft pfeift, um im nächsten Augenblick wie ein Rasiermesser über den schuldigen Rücken zu schneiden. Und Ssmekaloff freut sich, – freut sich namentlich darüber, daß er es selbst und so gut – sogar im Reim! – ausgedacht hat.
Und Ssmekaloff verläßt den Schauplatz der Exekution vollauf zufrieden mit sich selbst, und sogar der Bestrafte kehrt nach der Züchtigung fast ebenso zufrieden mit sich wie mit Ssmekaloff zur Wache zurück, und siehe da – schon nach einer halben Stunde gibt er im Ostrogg, ganz wie er es auch jetzt noch tut, zum einunddreißigstenmal zum besten, wie das schon dreißigmal vorher wiederholte Stückchen auch mit ihm wiederholt worden war.
„Ja, eine Seele war der Mensch! Und ein seltener Spaßvogel!“
Mitunter war die Begeisterung für den „besten aller Leutnants“ etwas unverständlich.
„Ja, ging man so an seiner Wohnung vorüber,“ erzählte zuweilen einer, und sein ganzes Gesicht lächelte in der Erinnerung, „ging ganz ruhig, er aber saß schon bei sich zu Hause am Fenster, saß im Hausrock, trank Tee, rauchte sein Pfeifchen. Nun, man grüßte natürlich, nahm die Mütze ab. –
‚Wohin gehst du denn, Akssenoff?‘
‚Zur Arbeit, Michail Wassiljitsch, zuerst geht es nach der Werkstätte, wir sind dort vonnöten.‘
Da lachte er so vor sich hin ... Ja, wie gesagt, eine Seele war der Mensch! Eine Seele! – da ist kein Wort zu reden!“
Und pessimistisch meint einer von den Zuhörern:
„Heutzutage kann man solche mit der Laterne suchen.“
III.
Das Lazarett, Fortsetzung
Ich bin erst jetzt auf die Bestrafungen wie auch auf verschiedene Vollstrecker dieser angenehmen Urteile nach dem einmal anerkannten Gesetz zu sprechen gekommen, da ich erst nach meiner Übersiedelung ins Lazarett einen anschaulichen Begriff von diesen Dingen erhielt. Bis dahin hatte ich nur aus den Erzählungen der anderen eine Vorstellung hiervon erhalten.[7]
In die beiden Krankensäle unserer Abteilung kamen alle mit Spießruten Gezüchtigten aus den verschiedenen Bataillonen, Arrestantenkompagnien und übrigen Militärkommandos, die in unserer Stadt und ihrer ganzen Umgebung lagen. In dieser ersten Zeit, als ich noch alles, was um mich herum geschah, wißbegierig verfolgte, machten alle diese Gezüchtigten und zur Züchtigung Verurteilten einen mächtigen Eindruck auf mich, was ja schließlich ganz natürlich war. Ich war erregt, verwirrt, erschreckt. Ich weiß noch, daß ich damals mit einemmal anfing, ungeduldig alle Einzelheiten dieser mir neuen Tatsachen zu erforschen, ich hörte aufmerksam den Erzählungen der anderen zu, fragte sie nach verschiedenen Dingen, und wollte mir unbedingte Klarheit verschaffen. Unter anderem wollte ich um jeden Preis alle Abstufungen der Verurteilungen und Strafen, alle Abarten der Vollstreckung des Urteils und die Auffassung der Sträflinge selbst kennen lernen; ich bemühte mich, mir den psychologischen Zustand des zur Züchtigung Geführten vorzustellen. Ich habe schon gesagt, daß vor der Bestrafung selten jemand kaltblütig ist, selbst diejenigen nicht ausgenommen, die bereits wiederholt und sogar sehr streng gezüchtigt worden sind. Da überfällt den Verurteilten gewöhnlich eine, ich möchte sagen – stechende, aber rein physische Angst, die ihn unwillkürlich erfaßt und sich nicht abschütteln läßt, und die alles Sittliche im Menschen erdrückt. Ich habe auch später noch, in all den Jahren meines Ostrogglebens, unwillkürlich die vor der Bestrafung Stehenden beobachtet, vor allen anderen aber diejenigen im Lazarett, die nach dem Empfang der ersten Hälfte der ihnen zugedachten Anzahl Hiebe und sobald ihr Rücken zugeheilt war, das Lazarett wieder verließen, um am nächsten Tage die zweite Hälfte in Empfang zu nehmen. Diese Teilung der Strafe in zwei Hälften geschieht stets nach dem Ausspruch des Arztes, der bei jeder Exekution anwesend sein muß. Ist die Zahl der Schläge sehr hoch, und glaubt man, daß der Verurteilte sie nicht mit einemmal empfangen kann, so wird sie in zwei oder drei Teile geteilt, je nachdem was der Arzt während der Bestrafung sagt, ob der Betreffende noch mehr erhalten kann, oder ob eine Fortsetzung mit Lebensgefahr für ihn verknüpft ist. Gewöhnlich werden fünfhundert, tausend, ja sogar tausendfünfhundert Hiebe auf einmal gegeben, ist er aber zu zwei-, zu dreitausend verurteilt, so wird die Strafe in zwei oder drei „Serien“ geteilt.
Es fiel mir auf, daß alle, deren Rücken nach der ersten Serie schon zugeheilt war und die nun das Lazarett verließen, um sich der übrigen Strafe zu unterziehen, am Tage des Ausschreibens und auch schon vorher begreiflicherweise düster, mürrisch und auffallend wortkarg waren. Man sah ihnen eine gewisse geistige Stumpfheit an, eine unnatürliche Zerstreutheit: sie sprachen kaum ein Wort und schwiegen die ganze Zeit. Merkwürdig ist, daß auch die anderen Sträflinge fast nie mit ihnen sprechen und mit keinem Wort dessen Erwähnung tun, was ihnen bevorsteht. Kein überflüssiges Wort, kein Trost; ja man ist sogar offenbar bemüht, sie möglichst wenig zu beachten, was den Armen natürlich am angenehmsten ist. Es gibt ja auch Ausnahmen, wie zum Beispiel ein Orloff, von dem ich auch schon gesprochen habe. Nach der ersten Hälfte der Strafe war er nur über eines verdrießlich, nämlich daß sein Rücken nicht zuheilen wollte und er nicht schnell genug das Lazarett verlassen konnte, um sich dann sofort der zweiten Hälfte der Strafe zu unterziehen und dann mit dem nächsten Transport nach Nertschinsk zu wandern – und unterwegs zu entfliehen. Doch diesen Ausnahmemenschen belebte sein Vorhaben und weiß Gott, was er sonst noch im Sinn hatte. Er war eine leidenschaftliche, zähe Natur, war jetzt sehr zufrieden mit sich und der Welt und in sehr angeregter Stimmung, was er jedoch zu verbergen suchte. Doch hier lag die Sache noch etwas anders: er hatte vor der ersten Hälfte geglaubt, man wolle nicht, daß er mit dem Leben davonkomme und daß er sterben müsse. Ihm waren verschiedene Gerüchte schon während seiner Untersuchungshaft zu Ohren gekommen, und so hatte er sich bereits auf seinen Tod gefaßt gemacht. Doch nachdem er nun die erste Hälfte überlebt hatte, war er sogleich wieder oben auf. Er war halbtot ins Lazarett getragen worden; ich hatte noch niemals solche Wunden gesehen. Er aber kam mit Freude im Herzen, mit der Hoffnung, am Leben zu bleiben. Jetzt glaubte er, daß die Gerüchte offenbar unwahr gewesen und man ihm, wenn man ihn diesmal am Leben gelassen hatte, folglich auch bei der zweiten Hälfte nicht totschlagen würde. Und so begann er denn nach der langen Untersuchungshaft schon von der Überführung in den Osten, von der Flucht und Freiheit, von Wäldern und Feldern zu träumen ... Aber schon am zweiten Tage nach der Entlassung aus dem Lazarett starb er in demselben Krankensaal, auf demselben Lager: die zweite Hälfte der Strafe war zu viel für ihn gewesen. Übrigens habe ich davon schon gesprochen.
Indessen ertrugen diese Sträflinge, die vor ihrer Bestrafung so schwere Nächte und Tage durchgemacht hatten, die Bestrafung selbst durchaus mannhaft, sogar die Kleinmütigsten nicht ausgenommen. Selten habe ich sie stöhnen gehört, nicht einmal in der ersten Nacht, nicht einmal die ungewöhnlich hart Bestraften. Überhaupt versteht das Volk Schmerz zu ertragen. In Betreff des Schmerzes habe ich mich ausführlich erkundigt. Ich wollte ganz genau wissen, wie groß der Schmerz denn eigentlich war, womit man ihn vergleichen könnte. Aus welchem Grunde ich darnach fragte, vermag ich selbst nicht zu sagen, ich weiß nur, daß es von mir nicht aus müßiger Neugier geschah; ich war aufgeregt, ich war erschüttert. Aber wen ich auch fragte, niemand konnte mir eine befriedigende Antwort geben. Es brennt, wie Feuer brennt es – das war alles, was ich erfahren konnte und zwar war dieses die einzig gleichlautende Antwort aller. „Es brennt“ – und mehr vermochte niemand zu sagen. Als ich in dieser ersten Zeit mit M–tzkij näher bekannt wurde, fragte ich auch ihn.
„Es schmerzt,“ sagte er. „... Sehr. Und das Gefühl – es brennt ... wie Feuer. Als ob der Rücken im stärksten Feuer gebrannt werde.“
Kurz, alle hatten dafür nur die eine Bezeichnung. Übrigens machte ich gerade damals – ich entsinne mich dessen noch recht genau – eine Beobachtung, für deren Richtigkeit ich jedoch nicht stehe, die aber von den übereinstimmenden Aussagen der Sträflinge selbst stark unterstützt wird. Es ist das die Ansicht, daß die Rutenstreiche, wenn sie in großer Anzahl gegeben werden, die schwerste Strafe von allen bei uns üblichen Strafen sind. Man sollte meinen, daß diese Behauptung auf den ersten Blick unsinnig erscheinen muß. Einstweilen ist es aber Tatsache, daß man mit fünfhundert, ja sogar mit vierhundert Rutenstreichen einen Menschen totschlagen kann, mit über fünfhundert ganz sicher. Tausend Streiche würde selbst der stärkste Mann nicht aushalten, während er fünfhundert Stockschläge ohne jede Lebensgefahr erträgt. Tausend Stockschläge kann sogar ein nur mittelstarker Mann ohne Lebensgefahr ertragen. Selbst mit zweitausend Stockschlägen kann man noch keinen Menschen von mittlerer Starke und gesunder Konstitution totschlagen. Alle Sträflinge stimmten darin überein, daß Rutenhiebe schlimmer seien als Stockschläge. „Die Ruten reißen mehr,“ sagten sie, „es ist ein viel größerer Schmerz.“ Natürlich sind Ruten schmerzhafter als Stöcke. Sie reizen mehr, sie wirken stärker auf die Nerven, sie erschüttern sie unmäßig, weit mehr als man ertragen kann. Ich weiß nicht, wie es jetzt ist, aber in der erst kürzlich vergangenen „alten Zeit“ gab es bei uns gewisse Gentlemen, bei denen die Möglichkeit, einen Leibeigenen peitschen zu können, Gefühle hervorrief, die an den Marquis de Sade und die Marquise de Brinvilliers erinnern. Ich glaube, in diesen Gefühlen ist etwas, das jenen Gentlemen das Herz ersterben machte, das schmerzhaft und doch süß war. Es gibt Menschen, die wie Tiger blutdürstig sind. Wer einmal diese Macht, die unbegrenzte Herrschaft über einen menschlichen Körper, über das Fleisch und den Geist eines Menschen, wie man selbst einer ist, der geschaffen wie wir und nach der Lehre Christi ein Bruder von uns ist, – wer einmal die Macht und die Freiheit hat, ein anderes Wesen, das gleichfalls ein Ebenbild Gottes ist, bis zur tiefsten Erniedrigung zu erniedrigen, – der wird gleichsam unwillkürlich machtlos in seinen eigenen Gefühlen. Tyrannei ist nichts als Angewohnheit; sie ist mit Entwicklungsfähigkeit begabt und schließlich artet sie zur Krankheit aus. Ich bin der Meinung, daß selbst der beste Mensch aus Gewohnheit bis zum Tierischen verrohen und abstumpfen kann. Blut und Macht berauschen, sie machen den Menschen trunken: Roheit und Lüsternheit entwickeln sich, dem Gefühl wie auch dem Verstande wird sogar das Anormalste zugänglich und schließlich ein Genuß. Der Mensch und Bürger erstirbt im Tyrannen auf ewig, und eine Rückkehr zur Menschenwürde, zur Reue, – zur Wiedergeburt ist für ihn fast ausgeschlossen. Zudem wirkt das Beispiel, die Möglichkeit eines solchen Eigenwillens auf die ganze Gesellschaft ansteckend: eine solche Macht ist verführerisch. Eine Gesellschaft, die sich zu derartigen Erscheinungen gleichgültig verhält, ist bereits selbst in ihrer Grundlage vergiftet. Kurz, das Recht zur Körperstrafe, das dem einen über den anderen verliehen ist, ist eine der Pestbeulen der Gesellschaft, ist eines der stärksten Mittel zur Vernichtung jedes Keimes, jedes Versuches zu einer höheren Menschlichkeit, und die breiteste Grundlage zur unfehlbaren, unaufhaltsamen Auflösung der menschlichen Gesellschaft.
Der gewöhnliche Henker wird von der Gesellschaft allgemein verabscheut, der Henker als Gentleman aber nicht. Erst vor kurzem hat sich die entgegengesetzte Meinung kundgetan, nur ist sie vorläufig noch in Büchern abstrakt zum Ausdruck gekommen. Und selbst diejenigen, die sie aussprechen, haben das Bedürfnis nach Eigenmacht noch nicht ganz in sich zu ersticken vermocht. Sogar jeder Fabrikbesitzer, jeder Unternehmer muß zweifellos ein gewisses erregendes Behagen bei dem Gedanken empfinden, daß sein Arbeiter zuweilen vollkommen nur von ihm allein abhängt, nicht selten sogar mit seiner ganzen Familie. Das ist Tatsache. Ja, eine Generation kann sich, wie man sieht, nicht so schnell von dem losreißen, was sie ererbt hat; nicht so leicht kann der Mensch davon ablassen, was ihm ins Blut übergegangen ist, was er mit der Muttermilch eingesogen hat. So schnelle Wandlungen gibt es nicht im Völkerleben. Die Schuld und die Erbsünde bloß zu erkennen ist noch wenig, sehr wenig: man muß sich gänzlich von ihr entwöhnen. Das aber geht nicht so schnell.