Sämtliche Werke 18

Part 19

Chapter 193,013 wordsPublic domain

„Ich werde Euch, Alexander Petrowitsch, gehorsamst vermelden, daß ich von mir aus einmal sehr hübsch war und die Mädels mich sehr geliebt haben ...“ begann plötzlich Warlamoff, ohne jede Veranlassung zu diesem Bekenntnis.

„Er lügt! Lügt schon wieder!“ schreit Bulkin in heller Verzweiflung.

Alles lacht.

„Ich aber mache mich rar. Habe ein rotes Hemd und weite Pluderhosen; liege lang ausgestreckt wie so ’n Graf Butylkin, das heißt, voll wie ein Schwede, mit einem Wort – was will man mehr!“

„Er lügt!“ bestätigte Bulkin überzeugt.

„Dazumal aber besaß ich noch ein zweistöckiges Haus von meinem Vater, ein steinernes. Na ja, in zwei Jahren war ich mit zwei Stockwerken fertig, es blieb mir nur noch das Hoftor, die Pfosten abgerechnet. Was, Geld! Geld ist wie – Tauben: es kommt angeflogen und fliegt wieder weg! Wisch noch den Mund ab, wenn du willst.“

„Er lügt!“ bestätigte Bulkin noch beharrlicher.

„Und so schickte ich denn neulich meinen Anverwandten von hier aus einen Tränenbrief: was kann man wissen, vielleicht schicken sie mir etwas. Sie sagten zwar immer, ich sei gegen meine Eltern gewesen, unehrerbietig, sozusagen. Jetzt werden es schon sieben Jahre her sein, als ich schickte.“

„Wie, und noch keine Antwort erhalten?“ fragte ich lachend.

„Na ja, selbstverständlich keine!“ antwortete er und lachte dann selbst mit, näherte aber seine Nase immer mehr meinem Gesicht. „Aber dafür habe ich hier, Alexander Petrowitsch, eine Geliebte ...“

„Ihr? Eine Geliebte?“

„Onufrijeff sagte mir noch vorhin, mag die Meine auch pockennarbig sein, so hat sie doch viel Kleider, deine aber ist wohl hübsch, dafür aber bettelarm, geht wie eine Maus im Sack.“

„Ist denn das wahr?“

„Wahrhaftig bettelarm!“ beteuerte er und brach in lautloses Lachen aus. Die anderen lachten gleichfalls. Alle wußten, daß er tatsächlich mit einer ganz Armen angebändelt und ihr in einem halben Jahre nur zehn Kopeken gegeben hatte.

„Nun und was weiter?“ fragte ich mit dem Wunsch, ihn loszuwerden.

Er schwieg, blickte mich gerührt an und sagte schließlich geradezu zärtlich:

„Würdet Ihr mich denn nicht im Hinblick auf diese Tatsache mit einem Viertelliter Branntwein beglücken? Ich habe doch, glaubt mir, Alexander Petrowitsch, heut den ganzen Tag nur Tee und immer wieder Tee gesoffen,“ fügte er melancholisch hinzu, indem er das Geld empfing, „und davon bin ich jetzt so voll, daß ich gar nicht mehr atmen kann, und im Magen schaukelt’s, wie in einer Flasche ...“

Während er nun das Geld nahm, erreichte die sittliche Entrüstung Bulkins ihre letzte Grenze. Er gestikulierte wie ein Verzweifelter und war dem Weinen beängstigend nahe.

„Kinder Gottes!“ schrie er wie wahnsinnig, sich an alle wendend, „seht ihn an! Alles lügt er! Was er auch sagt, alles, alles, alles, aber auch alles lügt er!“

„Aber was geht denn dich das an?“ rufen ihm die Arrestanten von allen Seiten zu, erstaunt über seinen Eifer. „Dummer Kerl!“

„Ich lasse nich lügen!“ schreit Bulkin mit blitzenden Augen und schlägt aus aller Kraft mit der Faust auf die Pritschen, – „ich will nicht, daß er lügt!“

Alles lacht. Warlamoff nimmt das Geld, dankt, verbeugt sich vor mir und verläßt darauf die Kaserne, selbstverständlich um zu einem Branntweinverkäufer zu gehen. Und da erst scheint er Bulkin zu bemerken.

„Na, gehen wir!“ sagt er zu ihm, auf der Schwelle stehen bleibend, ganz als hätte er jenen wirklich zu irgend etwas nötig. „So’n Stockknopf!“ fügt er hinzu, während er mit verächtlicher Miene den betrübten Bulkin zuerst über die Schwelle treten läßt und von neuem anfängt, auf der Balalaika zu spielen.

Doch wozu soll ich noch weiter dieses Treiben schildern! Endlich ist dieser bedrückende Tag zu Ende. Schwer schlafen sie alle auf den Pritschen ein. Im Traum sprechen und phantasieren sie noch mehr als sonst. Hier und da sitzen noch ein paar Kartenspieler. Der langersehnte Tag ist vorüber. Morgen beginnt wieder das alte Leben, wieder die alte Arbeit.

XI.

Die Theateraufführung

Am dritten Tage des Weihnachtsfestes kam endlich auch die erwartete Aufführung auf unserem Theater zustande. Der Vorbereitungen hatte es wahrscheinlich eine Unmenge gegeben, doch die Schauspieler hatten alles auf sich genommen, so daß wir übrigen nicht einmal wußten, wie die Sache stand, was getan wurde, ja nicht einmal genau, was denn eigentlich aufgeführt werden würde. Die Spieler hatten sich in all den drei Tagen beim Hinausgehen zur Arbeit redlich bemüht, möglichst viel Kleider zu verschaffen. Wenn Bakluschin mir begegnete, so schnippte er nur mit den Fingern vor lauter Vergnügen. Wie es schien, war auch der Platzmajor bei guter Laune. Übrigens konnten wir auf keine Weise in Erfahrung bringen, ob er etwas von dem Theater wußte, und falls er wußte, ob er es dann formell erlaubt oder sich nur entschlossen hatte, zu schweigen – gleichsam über den tollen Einfall der Zwangsarbeiter mit der Hand abwinkend, als wollte er sagen: tut was ihr wollt! – bloß mit dem Nachsatz, daß keine Unordnung geschehen dürfe. Doch wie gesagt, darüber wußten wir nichts Genaues. Ich aber glaube, daß er um das Theater sehr wohl wußte, denn wie hätte er es nicht wissen sollen? Nur wollte er sich nicht einmischen, da er wohl einsah, daß ein Verbot schlimmer sein würde: die Sträflinge würden sich rächen, trinken, raufen, so daß es weit besser war, sie beschäftigten sich mit irgend etwas. Übrigens setze ich diese Auffassung der Sache bei dem Platzmajor nur deshalb voraus, weil sie die natürlichste, richtigste und vernünftigste ist. Ja, man kann sogar sagen: hätten die Arrestanten sich in den Festtagen kein Theater oder irgend eine Zerstreuung ausgedacht, so wäre es die Pflicht der Vorgesetzten gewesen, etwas derartiges für sie zu ersinnen. Da aber unser Platzmajor sich durch eine in allen Dingen vollkommen umgekehrte Denkweise von der übrigen Menschheit unterschied, so ist es sehr unklug von mir, daß ich eine so große Verantwortung auf mich lade: so ohne jede Handhabe anzunehmen, daß er um das Theater wußte. Ein Mensch wie unser Major mußte unbedingt jemand unterdrücken, irgend etwas fortnehmen, irgendwen eines Rechtes berauben, mit einem Wort – irgendwo den Frieden stören. In dieser Beziehung war er in der ganzen Stadt bekannt. Was ging es ihn an, daß es gerade infolge seiner Unterdrückungen zu Ungezogenheiten im Ostrogg kam! Für Ungezogenheiten sind die Bestrafungen da, denken Leute wie unser Major, und bei solchen Spitzbuben von Arrestanten ist Strenge und buchstäbliche Erfüllung des Gesetzes alles, was nötig ist!

Diese beschränkten Vollstrecker des Gesetzes begreifen tatsächlich nicht, und sind auch überhaupt nicht fähig, zu begreifen, daß allein die buchstäbliche Erfüllung des Gesetzes ohne Sinn, ohne Verständnis seines Geistes, der geradeste Weg zu Unordnung und Empörung ist und auch noch niemals zu anderem geführt hat.

„Es steht im Gesetz, was will man noch mehr?“ denken und sagen sie, und sind aufrichtig erstaunt darüber, daß man von ihnen noch als Zugabe zu den Gesetzen gesunden Verstand und einen nüchternen Kopf verlangt. Letzteres erscheint vielen von ihnen als völlig überflüssiger und empörender Luxus, als Unterdrückung ihrer Persönlichkeit und als Intoleranz.

Doch wie dem auch war, jedenfalls erhob der älteste Unteroffizier keinen Einspruch, und das war schließlich alles, was die Arrestanten brauchten. Ich behaupte dreist, daß das Theater und die Dankbarkeit für die Erlaubnis desselben der einzige Grund waren, warum während der Festtage keine einzige ernste Unordnung im Ostrogg vorkam, kein einziger böser Streit, kein einziger Diebstahl. Ich war selbst Zeuge, wie Streitende oder Betrunkene von den anderen auseinander gebracht und ernüchtert wurden, einzig mit der Drohung, daß sonst das Theater verboten werden würde. Der Unteroffizier nahm den Arrestanten das Wort ab, daß alles der Ordnung gemäß sein werde und sie sich in dieser Zeit tadellos aufführen würden. Freudig wurde es versprochen und gewissenhaft das Wort gehalten. Auch schmeichelte es ihnen sehr, daß man ihrem Worte glaubte. Übrigens kostete ja die Erlaubnis zur Theateraufführung den Vorgesetzten keinerlei Opfer. Die ganze Bühne wurde in kaum fünfzehn Minuten aufgebaut und nach der Vorstellung wieder beseitigt, so daß weder ein besonderer Raum abgegrenzt, noch ein Teil einer Kaserne beständig in Anspruch genommen war; die Aufführung dauerte nur anderthalb Stunden. Und selbst wenn plötzlich von oben der Befehl gekommen wäre, die Aufführung abzubrechen, – so wäre alles im Augenblick beseitigt gewesen. Die Kostüme wurden in den verschließbaren Kästen der Arrestanten aufbewahrt. Doch bevor ich mit der Schilderung des Theaters beginne, will ich noch einiges über das Programm der Aufführung sagen.

Einen richtigen, geschriebenen Theaterzettel gab es nicht. Erst zur zweiten oder dritten Aufführung erschien ein einziger, den Bakluschin für die Herren Offiziere und die hohen Gäste, die unser Theater mit ihrem Besuch beehrten, eigenhändig geschrieben hatte. Diese hohen Gäste waren folgende: gewöhnlich der wachhabende Offizier, und einmal erschien sogar der Offizier ^du jour^, der die wachhabenden kontrollierte, und einmal auch ein Verwaltungsbeamter. Für diese Herren nun war der schöne Theaterzettel geschrieben worden. Man setzte voraus, daß der Ruhm des Theaters weit über die Festung hinaus, sogar in der ganzen Stadt seine Verbreitung finden würde, umsomehr, als es dort kein Theater gab. Es hieß nur, daß Liebhaber sich zu einer einzigen Aufführung zusammengetan hätten, aber das war auch alles.

Die Arrestanten freuten sich wie Kinder über den geringsten Erfolg, und waren sehr stolz auf ihn.

„Wer kann denn wissen,“ dachten und sagten sie, „vielleicht wird es auch die höchste Obrigkeit erfahren, herkommen und sehen, was wir eigentlich sind! Das ist keine gewöhnliche Soldatenvorstellung mit Vogelscheuchen, schwimmenden Kähnen, gehenden Bären und Ziegen! Hier sind es immer Schauspieler, richtige Schauspieler, die herrschaftliche Komödie spielen! Ein solches Theater gibt es ja in der ganzen Stadt nicht! Bei dem General Abrossimoff soll einmal, sagt man, eine Theateraufführung gewesen sein, und es soll dort noch einmal gespielt werden. Nun, in den Kostümen werden sie uns vielleicht schlagen, aber im _Gespräch_ da sind wir ihnen _weit_ über! Es wird noch bis zum Gouverneur dringen und – wer weiß – womit spaßt der Teufel nicht? – vielleicht bekommt er selber Lust, zuzusehen? In der Stadt gibt es kein Theater ...“

Kurz, die Phantasie der Arrestanten kannte während der Festtage, und besonders nach dem ersten Erfolge, keine Grenzen, ja sie verstieg sich sogar bis zu Belohnungen und zur Verminderung der Strafzeit, wenn die Sträflinge auch im selben Augenblick gutmütig über sich selbst lachten. Mit einem Wort, sie waren wie Kinder, wie die richtigen Kinder, obgleich einige dieser Kinder schon vierzig Jahre zählten. Doch ungeachtet dessen, daß es keine Theaterzettel gab, kannte ich bereits, wenigstens in den Hauptzügen, die ganze Zusammenstellung der Aufführung.

Das erste Stück hieß: „Filatka und Miroschka, die Nebenbuhler“. Bakluschin hatte mir schon vor einer Woche stolz mitgeteilt, daß der Filatka, dessen Rolle er selbst übernommen hatte, so gespielt werden würde, wie man es nicht einmal im Sankt Petersburger kaiserlichen Theater besser sehen könne. Er ging von einer Kaserne zur anderen, rühmte sich unbarmherzig und unverschämt, gleichzeitig aber auch vollkommen gutmütig, bis er plötzlich etwas „thieatralisches“ zum Besten gab, d. h. ein paar Sätze aus der eigenen Rolle, und alle lachten – gleichviel ob es zum Lachen war oder nicht, was er gesagt hatte. Doch muß ich bemerken, daß die Sträflinge sich auch hierin zu beherrschen und ihre Würde zu wahren wußten: die Erzählungen Bakluschins und seine Schilderungen der bevorstehenden Aufführung entzückten nur die Jüngsten, die sogenannten Grünschnäbel, die noch keine Selbstbeherrschung kannten, oder nur die bedeutendsten Persönlichkeiten, deren Autorität bereits so unerschütterlich war, daß sie weiter nichts zu fürchten brauchten, wenn sie ihren Gefühlen, gleichviel welchen, und wären es auch die naivsten – d. h. nach Ostroggbegriffen die unanständigsten – freien Ausdruck gewährten. Die übrigen aber hörten den Schwätzereien schweigend zu. Freilich verboten sie dem Schwätzer weder das Wort noch tadelten sie ihn, aber sie bemühten sich aus allen Kräften, sich möglichst gleichgültig und teilweise sogar hochmütig diesen Berichten gegenüber zu verhalten. Erst am letzten Tage wurde das Interesse allgemein: „Wie wird es denn sein? Was machen die Unsrigen? Was sagt der Major? Wird es auch ebenso gelingen, wie vor zwei Jahren?“ usw. Bakluschin versicherte mir, daß die Rollen vorzüglich verteilt seien, ein jeder sei „wie geboren“ zu der seinen. Ferner, daß sie sogar einen Vorhang hätten und daß die Braut Filatkas von Ssirotkin dargestellt werden würde – „und wie der in Weiberkleidern aussieht! – na, Sie werden ja mit eigenen Augen sehen!“ meinte er stolz und schnalzte vor Vergnügen. Die wohltätige Gutsbesitzerin sollte in einem Falbelkleide und einer Pelerine und einem Sonnenschirm erscheinen, und der wohltätige Gutsbesitzer in einem Offiziersrock mit Achselschnüren und einem Rohrstock.

Darauf folgte das zweite Stück, und zwar ein dramatisches: „Kedrill der Vielfraß“. Dieser Titel erweckte sogleich mein Interesse, aber wie sehr ich mich auch bemühte, ich konnte doch nichts Genaues über das Stück erfahren. Man wußte nur, daß es nicht aus einem Buche stamme, sondern aus einer Abschrift, und erhalten hatte man es von einem ehemaligen Unteroffizier aus der Vorstadt, der vielleicht selbst einmal an einer Soldatenaufführung dieses Stückes teilgenommen hatte. Bei uns in Rußland haben sich in entlegenen Städten und Gouvernements tatsächlich noch alte Theaterstücke erhalten, die, wie es scheint, keinem einzigen Literaten bekannt und vielleicht kein einziges Mal gedruckt worden sind, die ganz von selbst aufgetaucht zu sein scheinen, Dichtungen, die den Grundstock eines jeden „Volkstheaters“ darstellen. Es wäre wohl sehr, sehr zu wünschen, daß jemand von unseren Forschern und Sammlern sich mit etwas gründlicheren Nachforschungen abgeben würde, als sie bis jetzt unserem Volkstheater gewidmet worden sind. Denn ein Volkstheater haben wir sowohl früher gehabt, wie wir es auch jetzt noch haben, und ich glaube annehmen zu dürfen, daß es durchaus nicht so unbedeutend ist. Ich kann es nicht glauben, daß alles, was ich in unserem Ostroggtheater gesehen habe, von unseren Arrestanten „frei aus der Luft“ ersonnen gewesen sei. Hier handelte es sich vielmehr um ein altes Erbe aus der Überlieferung, um einmal angenommene Bräuche und Begriffe, wie sie sich von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzen. Suchen und nachforschen müßte man bei Soldaten, Fabrikarbeitern, in Fabrikstädten und auch in manchen entlegenen Städtchen bei den Bürgern. Auch auf Gütern, unter dem Gesinde der großen Gutsbesitzer haben sie sich erhalten und sind durch diese bis in die Gouvernementsstädte gedrungen. Ich glaube sogar, daß viele alte Dichtungen sich nur dank der Abschriften der Gutsdienerschaft vermehrt und erhalten haben. Hatten doch früher in alten Zeiten die reichen Gutsherren und die Moskauer Großen eigene Theater auf ihren Gütern, während die Schauspieler ihre Leibeigenen waren. Diese Theater nun sind die Grundlage unserer Volksdramatik, wofür wir unzweifelhafte Anzeichen haben. Was nun den „Vielfraß Kedrill“ anbelangt, so konnte ich vorläufig nichts erfahren, ausgenommen das eine, daß auf der Szene böse Geister erscheinen und den Vielfraß Kedrill in die Hölle schleppen würden. Was aber der Name Kedrill bedeutete und schließlich warum Kedrill und nicht Kyrill – das vermochte mir niemand zu sagen, und ebensowenig, ob es ein echt russisches Stück war, oder einem ausländischen entlehnt. Und zum Schluß, hieß es, werde eine „Pantomime mit Musik“ aufgeführt werden. Das war natürlich alles sehr interessant.

Der Schauspieler gab es etwa fünfzehn, – ein flottes und geschicktes Volk. Sie saßen keinen Augenblick still, veranstalteten Proben hinter den Kasernen, steckten die Köpfe zusammen und tuschelten, versteckten sich und taten überaus geheimnisvoll. Kurz, sie wollten uns alle mit etwas Ungewöhnlichem und Ungeahntem überraschen.

An den Arbeitstagen wurde der Ostrogg früh geschlossen, sobald es dunkelte. Während des Weihnachtsfestes aber wurde eine Ausnahme gemacht: man schloß nicht vor dem Zapfenstreich, was eine Vergünstigung für die Theateraufführungen war. Während der ganzen Festwoche wurde täglich vor dem Abend aus dem Ostrogg eine „Gesandtschaft“ zum wachhabenden Offizier abgesandt, mit der Bitte, die Aufführung zu erlauben und den Ostrogg etwas später zu schließen, mit dem Nachsatz, daß auch gestern gespielt und der Ostrogg später geschlossen worden sei, Unordnungen aber nicht vorgekommen wären. Der Wachhabende denkt nun wohl folgendes: „Unordnung hat es gestern allerdings nicht gegeben und wenn sie selbst versprechen, daß auch heute keine vorkommen wird, so werden sie selbst auf sich acht haben, das aber ist das Sicherste, was man sich denken kann. Hinzu kommt jetzt, daß sie, falls ich das Spiel verbiete, womöglich – wer kann denn sicher sein bei dieser Räuberbande! – mit Absicht irgend etwas losschießen und noch die Wache hineinziehen. Schließlich kommt noch hinzu, daß auf Wache sein äußerst langweilig ist, dort aber Theater gespielt werden soll, und zwar nicht von gewöhnlichen Soldaten, sondern von Arrestanten – diese aber sind eine ‚interessante Bande‘ und es wäre doch nicht übel, selbst mal zuzusehen.“ Dazu aber hat der wachhabende Offizier immer das Recht, und so erlaubt er die Aufführung. Sollte nun aber ein böser Geist den Offizier ^du jour^ ihm auf den Hals schicken und dieser fragen: „Wo ist der wachhabende Offizier?“ so ist ein „Gehorsamst zu melden: sind zur Revision in den Ostrogg gegangen,“ die klare Antwort und volle Rechtfertigung zugleich.

So kam es denn, daß während der ganzen Festwoche von Seiten des Wachhabenden jeden Abend die Aufführung erlaubt und der Ostrogg nicht vor dem Zapfenstreich geschlossen wurde. Die Arrestanten wußten schon aus alter Erfahrung, daß sie von den Wachhabenden nichts zu befürchten hatten und machten sich deswegen keine Sorgen.

Am Tage der ersten Aufführung kam Petroff zu mir, um mich abzuholen, wie er sagte, und wir begaben uns ins „Theater“. Aus unserer Kaserne gingen alle außer dem Altgläubigen und den Polen. Die Polen entschlossen sich erst kurz vor der letzten Aufführung, am vierten Januar, das Theater zu besuchen, und auch das erst nach langen Versicherungen, daß es dort sowohl gut wie lustig und ungefährlich sei. Der Hochmut der Polen reizte die Arrestanten nicht wenig, doch als sie endlich am vierten Januar erschienen, wurden sie sehr höflich empfangen und man ließ sie sogar nach vorn zu den besseren Plätzen. Was nun die Tscherkessen und im besonderen Issai Fomitsch anbetrifft, so war unser Theater für sie ein wahrer Hochgenuß. Issai Fomitsch gab jedesmal drei Kopeken, doch das letzte Mal legte er ganze zehn Kopeken auf den Teller, während sein Gesicht in dem Augenblick die Seligkeit selbst war. Die Schauspieler hatten beschlossen, von den Anwesenden soviel zu sammeln, wieviel ein jeder geben wollte, in erster Linie, um die Unkosten bestreiten zu können und in zweiter zur eigenen „Stärkung“.

Petroff versicherte mir, daß man mich auf einen der ersten Plätze durchlassen würde, wie gepfropft voll auch der ganze Raum und wie schwer auch das Durchdringen sein sollte, und zwar würde man es aus dem Grunde tun, weil ich, der ich reicher war als die anderen, wahrscheinlich auch mehr geben würde, und außerdem verstände ich auch mehr als sie von solchen Sachen. Petroff hatte recht: es geschah, was er gesagt hatte. Doch vorher muß ich noch den „Saal“ und die „Bühne“ beschreiben.