Part 18
Inzwischen begannen – noch war es kaum Tag geworden – von der Wache her die Rufe zu erschallen: „Köche her!“ – die sich im Laufe von mindestens zwei Stunden fast in jeder Minute wiederholten. Der Gefreite rief die Köche, damit sie die Spenden, die von allen Enden der Stadt dargebracht wurden, entgegennahmen. Sie bestanden in ungeheuren Mengen von Kalatschen, Broten, Käsekuchen, Pfannkuchen, süßen Broten, – kurz, in allen Sorten des Festtagsgebäcks. Ich glaube, es gab da wohl keine einzige Hausfrau in den Kaufmanns- und Bürgerkreisen, die nicht etwas aus ihrer Küche geschickt hätte, um den „Unglücklichen“ zum Feste eine Freude zu machen. Es gab viel reiche Spenden, schönes Gebäck von Butterteig, vom feinsten Mehl und in großen Mengen geschickt; es gab aber auch sehr arme Gaben – irgend ein Kalatsch zu zwei Kopeken und zwei gewöhnliche, kaum sichtbar mit Sahne bestrichene Pfannkuchen: das war eine Gabe des Armen an den Armen, vom wenigen, das er selbst besaß. Alles wurde mit gleicher Dankbarkeit entgegengenommen: nicht der geringste Unterschied wurde zwischen den Gaben und den Gebern gemacht. Die in Empfang nehmenden Arrestanten nahmen ihre Mützen ab, verbeugten sich, dankten, beglückwünschten zum Fest, und trugen dann das Geschenk in die Küche. Als sich nach einiger Zeit ganze Berge von solchen Broten angehäuft hatten, wurden die Ältesten jeder Kaserne gerufen und sie teilten dann das ganze in gleiche Teile. Es gab weder Streit noch Schelten: alles wurde ehrlich und gewissenhaft geteilt. Was unserer Kaserne zufiel, wurde dann bei uns verteilt. Akim Akimytsch und noch ein anderer Arrestant besorgten das: sie zerschnitten das Gebäck eigenhändig und reichten eigenhändig einem jeden, was ihm zukam. Nicht der geringste Einspruch wurde laut, nicht der geringste Neid machte sich bemerkbar: alle waren mit dem zufrieden, was sie erhielten; es war nicht einmal ein Schimmer von einem Verdacht zu bemerken, daß die Gaben unterschlagen oder ungerecht verteilt werden könnten.
Nachdem Akim Akimytsch seine Arbeit in der Küche beendet hatte, kleidete er sich mit allem Anstand und aller Feierlichkeit an, vergaß kein einziges noch so kleines Häkchen, und nachdem er damit fertig war, schritt er unverzüglich zum Gebet. Er betete ziemlich lange. Außer ihm beteten noch viele andere, doch waren es meistens bejahrtere Männer. Die jungen dachten kaum daran, höchstens daß einer sich beim Aufstehen flüchtig bekreuzigte. Nach dem Gebet trat Akim Akimytsch auf mich zu und beglückwünschte mich nicht ohne Feierlichkeit zum Fest. Ich lud ihn sogleich zu meinem Tee ein und er darauf mich zu seinem Ferkelbraten. Kurz darauf kam Petroff, um mir gleichfalls Glück zu wünschen. Wie mir schien, hatte er bereits ein wenig getrunken und obschon er sehr eilig gekommen war, so hatte er doch nicht viel zu sagen, sondern stand nur kurze Zeit gewissermaßen erwartungsvoll vor mir und eilte dann bald wieder in die Küche.
Inzwischen war in der Militärkaserne alles Nötige zum Empfang des Geistlichen vorbereitet worden. Diese Kaserne war nicht so eingerichtet, wie die anderen: in ihr zogen sich die Pritschen an den Wänden hin und nicht in der Mitte des Zimmers, so daß sie im ganzen Ostrogg der einzige Raum war, in dem man, falls nötig, die Arrestanten versammeln konnte. Wahrscheinlich war sie sogar gerade zu diesem Zweck so gebaut worden. In die Mitte der Kaserne hatte man einen kleinen Tisch hingestellt, mit einem reinen Handtuch bedeckt, ein Heiligenbild aufgestellt und das Lämpchen davor angezündet. Endlich kam auch der Geistliche mit einem Kreuz und dem Weihwasser. Nachdem er vor dem Heiligenbilde gebetet und gesungen hatte, stellte er sich vor die versammelten Arrestanten hin, die dann in aufrichtiger Andacht einzeln zu ihm traten und das Kreuz küßten. Hierauf ging der Geistliche in alle Kasernen und besprengte sie mit Weihwasser. In der Küche segnete und lobte er auch unser Ostroggbrot, das wegen seiner Schmackhaftigkeit in der ganzen Stadt bekannt war, und die Arrestanten beschlossen sofort, ihm zwei frische, soeben aus dem Ofen gekommene Brote zu schicken, die ohne weiteres einem Invaliden eingehändigt wurden, damit er sie in die Wohnung des Geistlichen trug. Das Kreuz wurde mit derselben Ehrfurcht begleitet, wie es zuerst empfangen worden war, und gleich darauf kamen der Platzmajor und der Kommandeur angefahren. Letzterer wurde bei uns sehr geachtet und sogar geliebt. Er durchschritt in Begleitung des Platzmajors sämtliche Kasernen und beglückwünschte uns alle zum Feste. Hierauf begab er sich auch in die Küche, wo er die Festtagskohlsuppe kostete, die diesmal vorzüglich zubereitet war: es war für jeden Sträfling ungefähr ein Pfund Rindfleisch mitgekocht worden. Außerdem gab es noch Grützbrei, zu dem man nach Herzenslust Butter hinzutun durfte. Der Platzmajor begleitete den Kommandeur zum Wagen und dann befahl er, daß mit dem Essen begonnen werde. Die Arrestanten bemühten sich, ihm nicht unter die Augen zu kommen. Man haßte bei uns seinen bösen Blick hinter den Brillengläsern hervor, mit dem er auch jetzt noch nach links und rechts ausschaute, ob er nicht irgendwo Unordnung entdecken, irgendwo einen Sündenbock finden könne.
Dann kam das Essen. Akim Akimytsch hatte sein Spanferkel vorzüglich zubereitet. Doch eines vermag ich nicht zu erklären, wie das kam: kaum war der Platzmajor fortgefahren, als sich schon sehr viel angeheitertes Volk zeigte, während noch vor kaum fünf Minuten alle nüchtern gewesen waren. Man sah überall bereits sich rötende und strahlende Gesichter, und bald waren auch Balalaiken zur Stelle. Der kleine Pole folgte schon mit seiner Geige irgend einem „Feiernden“, der ihn für den ganzen Tag gemietet hatte, und spielte und fiedelte ihm lustige Tänze vor. Die Unterhaltung wurde lauter, wurde trunken und geräuschvoll. Doch das Essen verlief noch ohne große Störungen. Alle waren satt. Viele von den Älteren und Soliden begaben sich sofort nach dem Mahl in ihre Kasernen und machten ein Schläfchen, was auch Akim Akimytsch tat, da er wahrscheinlich der Meinung war, daß man an einem Feiertage nach dem Mittag unbedingt schlafen müsse. Der altgläubige Greis aus Starodubowo kroch, nachdem er eine Zeitlang gestumpft hatte, auf den Ofen, schlug sein Buch auf und betete, so gut wie ohne jede Unterbrechung bis tief in die Nacht hinein. Es war ihm schwer, diese „Schmachhaftigkeit“, wie er sagte, mit anzusehen. Die Tscherkessen hatten sich auf die kleine Treppenstufe vor der Tür hingesetzt und blickten neugierig und doch mit einem gewissen Ekel auf das betrunkene Volk. Zufällig begegnete mir Nurra: „Jamán, jamán!“[6] sagte er kopfschüttelnd und mit ehrlichem Unwillen, „ach, jamán! Allah wird bös sein!“ Issai Fomitsch zündete eigensinnig und hochmütig seine Kerze an und machte sich an eine Arbeit, augenscheinlich in der Absicht, zu zeigen, daß er diesen Feiertag überhaupt nicht achte. Hier und da in den Ecken gab’s schon Spielhöllen. Die Invaliden fürchtete man nicht und für den Unteroffizier, der sich übrigens selbst bemühte, nichts zu bemerken, wurden Wächter aufgestellt. Der wachhabende Offizier steckte im Verlauf des Tages dreimal seine Nase in den Ostrogg, doch die Spielhöllen, und die Betrunkenen verschwanden noch eh man’s gedacht mit wundernehmender Geschwindigkeit, und auch er schien sich entschlossen zu haben, kleine Unordnungen diesmal nicht zu beachten. Zu diesen kleinen Unordnungen gehörten auch die Angeheiterten. Allmählich aber wurde man freier, berauschter, und es begannen Hader und Streit. Doch die Nüchternen waren in der Überzahl, so daß es immer noch welche gab, die die anderen bewachen konnten. Dafür aber tranken die „Feiernden“ diesmal ohne jedes Maß. Gasin triumphierte. Vor seinem Platz auf der Pritsche spazierte er hin und her, und war mit sich und mit der Welt zufrieden. Seinen Branntweinvorrat, der von ihm sonst draußen hinter den Kasernen irgendwo im Schnee verborgen gehalten wurde, hatte er dreist unter die Pritsche geschoben. Er lächelte verschlagen, wenn ein Käufer zu ihm kam. Selbst war er vollkommen nüchtern und trank keinen Tropfen. Er beabsichtigte, erst nach den Feiertagen zu schlemmen, wenn er den übrigen bereits alles aus der Tasche geholt hatte. In den Kasernen ertönten Lieder, doch die Trunkenheit wurde bei einzelnen mit der Zeit zu einer Betäubung, wie von Kohlendunst, und von den Liedern war es nicht weit bis zu den Tränen. Mehrere gingen mit selbstgefertigten Balalaiken, den Halbpelz über die Schultern geworfen, in fideler Stimmung umher und strichen gewandt und sicher mit den Fingerspitzen über die Saiten. In der „besonderen Abteilung“ hatte sich sogar ein Chor gebildet aus acht Mann, die prächtig zur Begleitung von Balalaiken und Gitarren sangen. Rein volkliche Lieder wurden wenig gesungen. Ich entsinne mich nur noch des einen munter vorgetragenen Liedes:
Als ich jung war, ging ich abends Wohl zu manchem heitren Fest ...
Und hier hörte ich auch eine neue Variante dieses Liedes, die ich früher noch nicht gekannt hatte. Zum Schluß des Liedes wurden noch einige Strophen hinzugefügt, die die Tätigkeit der jungen Frau schilderten. Gewöhnlich aber wurden bei uns die sogenannten Arrestantenlieder gesungen, die ja wohl alle bekannt sind. Nur eines von ihnen, ein humoristisches, war mir neu. Es beschrieb in heiterem Ton, wie ein Mensch früher als Herr in der Freiheit vergnügt gelebt hatte, jetzt aber im Ostrogg die Ketten schleppen mußte. Es hieß, früher habe er Champagner getrunken und Süßes gegessen, jetzt aber müsse er mit schlechter Kohlsuppe zufrieden sein,
„Und gibt man auch nur Kraut in heißem Wasser, Ich fresse alles auf mit Haut und Haar.“
Sehr beliebt war auch der bekannte Gassenhauer:
„Einstmals lebt’ ich, ein Knabe, flott und fröhlich, Und sogar ein Kapital war mein. Doch das Kapital, mein Knabe, ging zum Teufel Und ich kam in den Ostrogg hinein.“
Nur wurde bei uns nicht „Kapital“ gesagt, sondern „Kapetal“.
Auch wurden oft melancholische und ernste Lieder gesungen. Eines war ein echtes Kátorgalied, das wohl gleichfalls bekannt sein dürfte:
„Steigt die Morgenröte erst empor, Hört man schon den Trommelwirbel rufen ...“
usw. Ferner das bekannte:
„Wer aber weiß dort in der großen Welt, Wie wir hinter unsren Wänden hausen ...“
Ein anderes Lied war noch melancholischer und hatte eine wundervolle Melodie. Wahrscheinlich war das Lied von einem Arrestanten gedichtet. Ich entsinne mich nur noch einiger Strophen aus demselben:
„Nie mehr sieht mein Auge jenes Land, Das mir Heimat war. Schuldlos muß ich Qualen leiden Wohl an tausend Jahr.
Auf dem Dach der Uhu schreit zur Nacht, Weithin tönt es durch den Wald. Sehnsucht will das Herz mir brechen ... Nie mehr sieht mein Auge jenes Land.“
Dieses Lied wurde oft bei uns gesungen, aber nicht im Chor. Es ging bisweilen einer zur Feierabendzeit zufällig hinaus in die Dämmerung, setzte sich auf die kleine Treppenstufe vor der Kasernentür, stützte gedankenverloren die Wange in die Hand und sang es zuerst nur leise, dann immer lauter mit hoher Stimme. Man hörte zu und das Herz fing an zu schlagen. Wir hatten gute Stimmen im Ostrogg.
Inzwischen begann es zu dunkeln. Trauer, Sehnsucht und dumpfe Gefühle blickten schwer durch die Trunkenheit und das Gejohle hindurch. Manch einer, der noch vor einer Stunde gelacht hatte, weinte bereits in irgend einer Ecke, maßlos betrunken. Andere hatten schon mehr als einmal zu raufen begonnen. Wieder andere wankten, bleich und kaum auf den Füßen sich haltend, durch die Kasernen und stifteten Streit. Manche, die der Rausch nicht händelsüchtig machte, suchten vergeblich Freunde, denen sie ihr Herz hätten ausschütten können, um bei der Gelegenheit auch ihr trunkenes Leid auszuweinen. Dieses ganze arme Volk hatte fröhlich und heiter den großen Festtag verbringen wollen – und nun, mein Gott! – wie schwer und traurig war dieser Tag fast für einen jeden. Ein jeder verbrachte ihn mit einem Gefühl, als hätte er in einer großen Hoffnung eine große Enttäuschung erfahren. Petroff kam im ganzen zweimal zu mir. Er hatte nur sehr wenig getrunken und war fast ganz nüchtern. Aber er erwartete noch bis zum letzten Augenblick irgend etwas, das seiner Meinung nach unbedingt geschehen mußte, etwas Ungewöhnliches, Festtägliches, Belustigendes. Wenn er es auch nicht aussprach, so sah man es doch deutlich seinen Augen an. Er strich unermüdlich umher, aus einer Kaserne in die andere. Doch es geschah nichts Besonderes und er fand nichts, als betrunkene Gestalten, sinnlos trunkenes Gerede, Geschimpf und im Rausch gerötete Gesichter. Ssirotkin schlenderte gleichfalls umher, sah in seinem neuen roten Hemd, reingewaschen und glatt gekämmt, allerliebst aus, ging durch alle Kasernen und schien gleichfalls, still und naiv, irgend etwas zu erwarten.
Mit der Zeit wurde es unerträglich und ekelhaft in den Kasernen. Natürlich gab es auch viel Spaßiges, aber diese armen Menschen taten mir – ich weiß nicht warum – doch alle leid, und es war mir unter ihnen schwer und traurig zumute. Dort streiten sich zwei über das Problem, wer den anderen bewirten soll. Man sieht es ihnen an, daß sie schon lange streiten und sich auch schon mehrmals deswegen entzweit haben. Der eine besonders scheint den anderen schon von früher her auf dem Kerbholz zu haben. Er klagt ihn an und bemüht sich, mit merklich steifer Zunge zu beweisen, daß jener unrecht an ihm gehandelt habe: es war irgend einmal ein Halbpelz verkauft und irgend einmal irgend welches Geld unterschlagen worden, und alles in allem war es im letzten Jahr in der Butterwoche geschehen. Außerdem hatte es noch etwas zwischen ihnen gegeben ... Kurz, es war ihm Unrecht getan worden. Der Ankläger ist ein großer, stämmiger Bursche, nicht dumm, kein Raufbold, doch wenn er betrunken ist, hat er das Verlangen, Freundschaft zu schließen und dem Freunde sein Leid zu klagen. Wohl schilt er den anderen, gleichzeitig aber sieht man es ihm doch an, daß er es nur aus dem Wunsche heraus tut, nachher noch festere Freundschaft mit dem Feinde zu schließen.
Der andere ist untersetzt und mittelgroß mit einem runden Gesicht, schlau und hinterlistig. Er hat vielleicht mehr als sein Freund getrunken, hat aber nur einen leichten Rausch. Er ist ein Mann von Charakter und gilt für reich, doch scheint es ihm aus unbekanntem Grunde diesmal vorteilhaft, seinen mitteilsamen Freund nicht zu reizen, und er führt ihn zum Branntweinhändler. Der Freund behauptet, daß jener ihn freihalten müsse, – „wenn du nur ein ehrlicher Mensch bist.“
Der Branntweinverkäufer holt mit einer gewissen Hochachtung vor dem Käufer und einem Schimmer von Verachtung für dessen mitteilsamen Freund – da dieser nicht für sein eigenes Geld trinkt, sondern freigehalten wird – seinen Branntweinschlauch hervor und schenkt ein.
„Nein, Stepka, das bist du mir schuldig,“ sagt der mitteilsame Freund, „denn sieh, das bist du mir schuldig!“
„Schwatz nicht so viel dummes Zeug! Ich werd mir deinethalben auch keine Hühneraugen an die Zunge reden!“ ist Stepkas Antwort.
„Nein, Stepka, das lügst du,“ behauptet der erste und empfängt die Branntweintasse, „denn du bist mir Geld schuldig, Gewissen hast du nicht und deine Augen gehören ja gar nicht dir, die hast du einfach gestohlen! Ein Gauner bist du, Stepka, damit du’s weißt, ein echter Gauner, das sage ich dir rund!“
„Was plärrst du, sieh, daß du den Branntwein nicht verschülperst! Tut man dir die Ehre an, dir Branntwein zu kaufen, so trink!“ schreit der „Schenkwirt“ den mitteilsamen Freund an, „oder soll ich bis morgen auf meine Tasse warten?“
„Ich ... ich trink’ doch schon, was schreist du! Prost Fest, Stepan Dorofejitsch!“ wandte er sich plötzlich, die Tasse in der Hand, höflich und mit leichter Verbeugung zu Stepka, den er noch vor einer halben Minute einen Gauner genannt hatte. „Bleib gesund auf hundert Jahr, – was du schon verlebt hast, zählt nicht mit!“ Er trank, räusperte sich und wischte sich mit dem Handrücken den Mund. „Früher, Freunde, konnte ich viel Branntwein saufen, o–ohne was zu merken,“ fuhr er mit ernster Wichtigkeit fort, diesmal gleichsam an alle sich wendend, „jetzt aber ist die Zeit für mich schon vorüber. Ich danke, Stepan Dorofejitsch!“
„Keine Veranlassung.“
„Und so werde ich dir, Stepka, immer dasselbe sagen und außerdem noch, daß du vor mir als großer Gauner dastehst, das sage ich dir noch außerdem ...“
„Ich aber werde dir, besoffene Fratze, noch etwas anderes sagen,“ unterbricht ihn Stepka, den die Geduld verläßt. „Höre und behalte jedes meiner Worte: da hast du die halbe Welt, wir teilen sie uns mitten durch, dir die eine Hälfte, mir die andere. Und jetzt mach, daß du mir nicht mehr unter die Augen kommst! Hab dich satt!“
„Du gibst mir also das Geld nicht zurück?“
„Was für ein Geld willst du noch haben, du besoffene Unke?“
„Wart, in jener Welt wirst du von selber kommen, um es mir abzugeben – werd aber dann nicht nehmen! Unser Geld ist schwer verdient, an ihm sind Schweiß und Schwielen. Wirst dort noch um meinen Fünfer vor Schulden umkommen, in jener Welt, meine ich.“
„Hol dich der Teufel, fahr ab zu ihr!“
„Wohin treibst du mich, ich bin doch kein Pferd.“
„Mach, daß du fortkommst! Pack dich!“
„Gauner!“
„Zuchthäusler!“
Und das Schimpfen hub von neuem an, diesmal noch stärker als vor der spendierten Tasse Branntwein.
Dort sitzen auf der Pritsche ganz abgesondert zwei Freunde: der eine groß, stark, fleischig, dick, so ein echter Fleischer mit rotem Gesicht: er ist den Tränen nahe, denn er ist sehr gerührt. Der andere ein schwächliches, hageres, mageres Kerlchen mit einer langen, spitzen Nase, an der beständig ein Tropfen hängt und manchmal auch niederfällt, mit kleinen Schweinsaugen, die zu Boden blicken. Das ist ein aufgeklärter und gebildeter Mensch, der einmal Schreiber gewesen ist und seinen Freund ein wenig von obenherab behandelt, was diesem im geheimen sehr unangenehm ist. Sie haben den ganzen Tag zusammen getrunken.
„Er hat sich unterstanden!“ schreit der fleischige Freund und schüttelt kräftig den Schreiber, den er mit der linken Tatze um die Schultern gefaßt hat, sodaß dessen Kopf lose hin und her pendelt. „Er hat sich unterstanden“ bedeutet „Er hat mich geschlagen“. Der fleischige Freund, der selbst ehemaliger Unteroffizier ist, beneidet im Geheimen mächtig seinen hageren Freund um dessen Bildung, und so geben sie sich beide große Mühe, nur in gewähltem Stil zu einander zu reden.
„Ich aber sage dir, daß du im Unrecht bist,“ beginnt dogmatisch der Schreiber, der hartnäckig seine Augen nicht zum anderen erhebt und wichtig fortfährt, den Boden zu fixieren.
„Er hat sich unterstanden! – hörst du, was ich sage!“ unterbricht ihn der Dicke und schüttelt seinen lieben Freund noch heftiger. „Du allein bist mir jetzt noch in der ganzen Welt geblieben – hörst du, was ich sage! Darum sage ich dir das eine: er hat sich unterstanden! ...“
„Und ich sage dir wiederum: eine so saure Rechtfertigung, teurer Freund, macht deinem Gehirn nur Schande,“ entgegnet mit dünnem und geschütteltem Stimmchen der Schreiber, „also gib lieber zu, teurer Freund, daß diese ganze Trunkenheit nur eine Folge deiner Unbeständigkeit ist.“
Der Oberkörper des teuren Freundes wankt etwas zurück, stumpf blickt er mit seinen betrunkenen Augen auf das zufriedene Schreiberlein, und plötzlich, ganz unerwartet, knallt er ihm aus aller Kraft mit seiner riesigen Tatze eine schallende Ohrfeige auf die kleine Backe. Und damit hat ihre Freundschaft für diesen Tag aufgehört. Der liebe Freund fliegt besinnungslos unter die Pritschen ...
Da tritt in unsere Kaserne einer meiner Bekannten aus der besonderen Abteilung ein – ein unendlich gutmütiger und lustiger Bursch, nicht gerade dumm, unverletzend spottlustig und von Ansehen ungemein gewöhnlich. Es ist derselbe, der am ersten Tage nach meiner Ankunft in der Küche den „reichen Mann“ gesucht und schließlich von mir ein Glas Tee angenommen hatte. Er ist vierzig Jahre alt, hat eine ungewöhnlich dicke Unterlippe und eine fleischige Nase, die mit Hitzbläschen und Finnen übersät ist. Er hat eine Balalaika, auf der er nachlässig mit den Fingern hin und wieder ein paar Töne spielt. Ihm folgt, als wäre er am Schlepptau, ein kleiner Arrestant mit einem großen Kopf, den ich bis dahin nur flüchtig gekannt hatte. Ihm wurde übrigens auch von niemand besondere Beachtung geschenkt. Er war etwas absonderlich, mißtrauisch, ewig schweigsam und sehr ernst. Er arbeitete in der Schneiderstube und war sichtlich bemüht, als Sonderling zu leben und niemandem näherzutreten. Jetzt aber, in der Trunkenheit, hatte er sich wie ein Schatten an Warlamoff geheftet. Er folgte ihm in unglaublicher Erregung, fuchtelte mit den Armen, schlug mit der Faust an die Wand, auf die Pritsche, und es fehlte nicht viel, so hätte er geweint. Warlamoff schenkte ihm, wie es wohl scheinen konnte, nicht die geringste Beachtung, als wäre er überhaupt nicht dagewesen. Bemerkenswert ist ferner, daß diese zwei früher so gut wie nie miteinander in Berührung gekommen waren. Sie hatten weder in der Beschäftigung noch im Charakter etwas Gemeinsames. Sie gehörten sogar verschiedenen Abteilungen an und wohnten in verschiedenen Kasernen. Der Kleine mit dem großen Kopf hieß Bulkin.
Als Warlamoff mich erblickte, lächelte er übers ganze Gesicht. Ich saß auf meinem Pritschenplatz am Ofen. Er blieb nicht weit von der Tür stehen, schien etwas zu überlegen, wankte dann und kam mit ungleichmäßigen Schritten auf mich zu, um sich breitbeinig und eigenartig keck mit seinem schweren Körper vor mir aufzupflanzen. Nach einem leichten Schlag über die Saiten begann er ein Rezitativ, zu dem er kaum merklich mit der Stiefelspitze den Takt schlug:
„Blondlockig, rotwangig, Singt wie die Nachtigall Meine Herzliebste: Ist in dem prachtvoll Bestickten Atlaskleid Die Allerschönste.“
Dieses Lied machte auf Bulkin, wie es schien, einen solchen Eindruck, daß er außer sich geriet: er fuchtelte mit den Armen und schrie uns allen zu:
„Alles lügt er, Brüder, alles lügt er! Nicht ein Wort kann er in Wahrheit sagen, alles lügt er!“
„Dem alten Alexander Petrowitsch!“ grüßte Warlamoff, mit verschmitztem Lächeln, mir in die Augen blickend, und womöglich geneigt, mich abzuküssen. Er hatte einen guten Rausch. Der Ausdruck „dem Alten“ – d. h. „dem Alten so und so mein Gruß“ – wird in ganz Sibirien von dem einfachen Volke gebraucht, selbst einem Zwanzigjährigen gegenüber. Das Wort „der Alte“ hat etwas Ehrwürdiges, Ehrfürchtiges, sogar Schmeichelhaftes.
„Nun, Warlamoff, wie geht’s?“
„Immer von einem Tage zum andern. Aber wer sich über den Feiertag freut, der ist seit dem Morgen berauscht. Ihr müßt mich schon entschuldigen!“ Warlamoff sprach ein wenig gedehnt.
„Und immer, immer muß er wieder lügen!“ schrie Bulkin und hämmerte geradezu verzweifelt mit der Hand auf die Pritschen. Warlamoff aber schien sich geschworen zu haben, dem anderen nicht die geringste Beachtung zu schenken, und darin lag eine unbeschreibliche Komik, denn Bulkin hatte sich dem Warlamoff seit dem Morgen ohne jede Veranlassung angehängt, – vielleicht, weil Warlamoff „alles lügt“, wie es ihm plötzlich aus irgend einem Grunde schien. Er folgte ihm wie ein Schatten, fiel über jedes seiner Worte her, rang die Hände, hämmerte sie an den Wänden und Pritschen fast blutig und litt, litt aufrichtig unter der Überzeugung, daß Warlamoff „alles lügt“! Hätte er Haare auf dem Kopf gehabt, ich glaube, er hätte sie sich ausgerauft vor lauter Verzweiflung. Es war, als hätte er es auf sich genommen, für jedes Wort Warlamoffs zu verantworten, als lägen alle Mängel Warlamoffs auf seinem Gewissen. Und zu alledem kam noch, daß jener ihn nicht einmal ansah! Das war entschieden zu viel.
„Alles lügt er, alles lügt er, alles lügt er! Kein einziges Wort ist wahr, alles lügt er!“ schrie Bulkin.
„Was geht denn dich das an?“ fragten lachend die anderen.