Part 17
„Nun, es vergeht ein Tag, noch ein Tag und noch einer. Luisa sah ich nicht mehr. Inzwischen aber erfuhr ich durch eine Gevatterin – ein altes Weib, gleichfalls Wäscherin, zu der Luisa zuweilen ging –, durch die nun erfuhr ich, daß der Deutsche um unsere Liebe wisse und aus diesem Grunde sich auch entschlossen habe, schneller anzusprechen. Sonst hätte er noch ganze zwei Jahre gewartet. Luisa aber soll er, so sagt sie, den Schwur abgenommen haben, daß sie mich nicht mehr kennen werde, und daß er sie beide, die Tante und Luisa, vorläufig noch arg unter dem Daumen halte und daß er sich vielleicht noch anders bedenken würde, also noch immer nicht ganz entschlossen sei. Zum Schluß erzählte sie mir noch, daß er sie beide zu übermorgen, zum Sonntag vormittag, zum Kaffee eingeladen habe und daß außer ihnen noch ein Verwandter zu ihm kommen würde, ein alter Mann, der früher Kaufmann gewesen, jetzt aber bettelarm sei und irgendwo in einem Kellerlager als Aufseher sein Brot verdiene. Als ich erfuhr, daß sie am Sonntag vielleicht alles beschließen würden, da packte mich die Wut, so daß ich mich kaum noch beherrschen konnte. Und an diesem ganzen Tage und auch am folgenden Tage war alles, was ich tat, daß ich beständig an diese eine Möglichkeit dachte. Ich glaube, ich hätte diesen Deutschen aufgefressen, wenn er mir nur zwischen die Zähne gekommen wäre.
„Noch am Sonntag morgen wußte ich nichts und hatte mir auch nichts vorgenommen, als aber der Frühgottesdienst beendet war und wir wieder in der Kaserne saßen, – da sprang ich plötzlich auf, ergriff meinen Mantel und begab mich zum Deutschen. Ich hoffte, sie alle bei ihm anzutreffen. Aber warum ich ging und was ich dort sagen wollte – das wußte ich selbst nicht. Doch steckte ich für alle Fälle eine Pistole in die Tasche. Es war ein altes Ding mit einem altmodischen Schloß; schon als Knabe hatte ich aus ihr geschossen. Eigentlich konnte man aus ihr überhaupt nicht mehr schießen. Aber ich lud sie trotzdem mit einer Kugel und denke noch so im stillen: wollen sie mich vor die Tür setzen oder kommen sie mir grob, so werde ich die Pistole hervorziehen und ihnen allen einen Schrecken einjagen. Ich komme also hin. In der Werkstatt ist niemand zu sehen, alle sitzen im hinteren Zimmer. Außer ihnen ist keine Seele im ganzen Hause. Von Dienstboten hatte er nur eine Deutsche, die ihm auch das Essen kochte. Ich gehe durch den Laden, sehe, die Tür ins andere Zimmer ist verschlossen, so eine alte Tür mit einer Fallklinke. Mein Herz klopft, ich warte, lausche: sie sprechen deutsch. Wie ich da einmal mit dem Fuß an die Tür schlug, sprang sie sofort auf. Was sehe ich: der Tisch ist gedeckt. Auf dem Tisch steht eine große Kaffeemaschine und der Kaffee kocht auf Spiritus. Daneben Zwieback; auf einem anderen Untersetzer eine Karaffe mit Branntwein, Hering und Wurst und dann noch eine Flasche mit irgend welchem Wein. Luisa und die Tante saßen, beide aufgeputzt, auf dem Sofa. Ihnen gegenüber auf einem Stuhl der Deutsche, der Bräutigam, im Gehrock und Vatermörder, dessen Enden wie die Hörner vorstehen. An der einen Seite des Tisches sitzt noch ein Deutscher, ein alter, dicker, schon ergrauter, und schweigt. Wie ich eintrat, war Luisa plötzlich erblaßt. Die Tante sprang auf, sank aber wieder zurück, und der Deutsche verfinsterte sich. So böse sah er aus, stand auf und trat mir entgegen.
‚Was wünschen Sie?‘ fragt er.
Ich war schon im Begriff, mich verwirren zu lassen, aber da geriet ich wieder in Wut.
‚Was ich wünsche!‘ sage ich. ‚Empfange deinen Gast, bewirte ihn mit Branntwein. Ich bin zu dir zu Gast gekommen.‘
Der Deutsche überlegte einen Augenblick.
‚Setzen Sie sich,‘ sagte er.
Ich setzte mich.
‚Gib doch,‘ sage ich, ‚Branntwein her.‘
‚Da ist Branntwein,‘ sagt er, ‚trinken Sie, wenn Sie wollen.‘
‚Gib mir guten Branntwein,‘ sage ich. Die Wut, wie man sagt, ergriff mich schon gar zu heiß.
‚Das ist guter Branntwein.‘
Es kränkte mich, daß er mich so niedrig stellte. Am meisten aber, daß Luisa alles sah. Ich trank also und darauf sagte ich:
‚Warum bist du denn so grob zu mir, Deutscher! Du solltest dich mit mir anfreunden. Ich bin in aller Freundschaft zu dir gekommen.‘
‚Ich kann nicht Ihr Freund sein,‘ sagt er, ‚Sie sind ein einfacher Soldat.‘
Nun, da geriet ich aber in Wut.
‚Du Erbsenscheuche,‘ sage ich, ‚du Wurstmacher! Weißt du auch, daß ich alles mit dir machen kann, was ich will? Wenn du willst, schieße ich dich einfach mausetot!‘
Ich zog meine Pistole hervor, stand auf und hielt ihm die Mündung direkt vor den Kopf. Jene saßen mehr tot als lebendig, wagten keinen Laut zu sagen. Der Alte, der ehemalige Kaufmann, zittert wie ein Espenblatt, schweigt, ist kreideweiß.
Der Deutsche erschrak zuerst, besann sich aber bald.
‚Ich fürchte Sie nicht,‘ sagt er, ‚und bitte Sie, als anständigen Menschen, Ihren Scherz sofort zu unterlassen, aber ich fürchte Sie nicht.‘
‚Oho,‘ sage ich, ‚du lügst, du fürchtest dich! Seht doch! Er wagt ja nicht einmal, den Kopf fortzukehren, sitzt wie angewurzelt!‘
‚Nein,‘ sagt er, ‚Sie dürfen so etwas auf keine Weise ...‘
‚So–o, warum darf ich es denn nicht?‘
‚Ganz einfach,‘ sagt er, ‚weil Ihnen so etwas strengstens verboten ist und Sie streng bestraft werden würden.‘
Der Teufel sollte klug werden aus diesem deutschen Dummkopf! Hätte er mich damals nicht selbst aufgereizt, so würde er heute noch leben. Nur der Streit war an allem schuld.
‚Also, ich darf es nicht,‘ sage ich, ‚deiner Meinung nach?‘
‚Nein!‘
‚Nicht?‘
‚Nein, das dürfen Sie in keinem Fall mit mir ...‘
‚Da hast du’s, alte Wurst!‘ und wie ich abdrücke, da fällt er auch schon vom Stuhl. Jene schrieen natürlich auf.
Ich steckte meine Pistole in die Tasche und eilte hinaus, als ich aber am Tor unserer Festung anlangte, zog ich meine Pistole wieder hervor und warf sie in die Nesseln am Grabenrand.
Ich ging in die Kaserne, legte mich auf mein Lager hin und denke: jetzt wird man sofort kommen und dich verhaften. Eine Stunde vergeht, noch eine – man kommt nicht. Und so, kurz vor der Dämmerung, da überkam mich eine solche Seelenangst; ich ging wieder hinaus; ich wollte unbedingt Luisa sehen. Ich ging wieder an dem Uhrgeschäft vorüber: viel Volks, Polizei. Ich zur Gevatterin: ‚Ruf Luisa her!‘ Ich wartete kaum einen Augenblick, da sehe ich: Luisa kommt schon herausgelaufen; sie fällt mir um den Hals und weint: ‚Ich allein bin an allem schuld,‘ sagt sie, ‚weil ich darauf gehört habe, was die Tante sagte.‘ Und sie erzählte mir, daß die Tante sofort nach Hause zurückgekehrt und vor Angst erkrankt sei, sie würde nichts verraten: selbst fürchte sie sich, etwas zu sagen und auch ihr, Luisa, habe sie verboten, irgend etwas über den Täter verlauten zu lassen: sie fürchte sich – möge man dort machen, was man will. ‚Niemand hat uns vorhin gesehen,‘ sagte Luisa. Er hätte auch seine Dienstmagd fortgeschickt, da er Angst vor ihr habe. Die würde ihm die Augen ausgekratzt haben, wenn sie erfahren hätte, daß er heiraten wolle. Von den Gesellen sei auch niemand im Hause gewesen, er habe sie alle zu entfernen gewußt. Den Kaffee habe er selbst zubereitet und eigenhändig den Tisch gedeckt. Der Verwandte aber habe schon sein ganzes Leben lang geschwiegen, und als die Sache geschehen war, habe er seine Mütze genommen und sei als erster aus der Wohnung gegangen. Und in Zukunft würde er sicherlich ebenso schweigen, sagte Luisa. So war es auch. Zwei Wochen lang kam niemand, um mich zu verhaften, und es ruhte nicht der geringste Verdacht auf mir. In diesen zwei Wochen aber, glauben Sie mir oder glauben Sie nicht, Alexander Petrowitsch, – in diesen zwei Wochen habe ich mein ganzes Glück durchlebt. Jeden Tag war ich mit Luisa zusammen und wie, wie hat sie mich geliebt! Weinte, sagte: ‚Ich werde mit dir gehen, wohin man dich auch verschicken sollte, alles werde ich für dich verlassen!‘ Ich glaubte zu vergehen, so hatte sie mich gerührt. Nun, und nach zwei Wochen kamen sie dann und nahmen mich. Der Alte und die Tante waren überein gekommen und hatten mich angezeigt.“
„Aber wie,“ unterbrach ich Bakluschin, „dafür hätte man Sie doch nur zu zehn Jahren verurteilen können, höchstens zu zwölf, und zu unserer Abteilung, Sie aber sind doch in der besonderen. Wie ist das möglich gewesen?“
„Ja, sehen Sie,“ sagte Bakluschin, „es kam noch eine andere Sache hinzu. Als man mich vor die Kriminalkommission brachte, da fing der Hauptmann an, mich vor dem ganzen Gericht mit schändlichen Worten zu schimpfen. Da hielt ich es nicht aus: ‚Was schimpfst du,‘ sagte ich, ‚siehst du denn nicht, Elender, daß du vor einem Spiegel sitzt?‘ Nun, hierauf nahm die Sache einen anderen Gang, ich kam vor ein anderes Gericht und wurde für alles zusammen verurteilt: viertausend und dann hierher in die besondere Abteilung. Als man mich aber zur Bestrafung führte, führte man auch den Hauptmann ab: mich durch die grüne Gasse, ihn aber aller Titel beraubt in den Kaukasus als einfachen Soldaten ... Auf Wiedersehen, Alexander Petrowitsch. Kommen Sie aber auch bestimmt zu unserer Aufführung.“
X.
Das Weihnachtsfest
Endlich kam das Fest heran. Schon am Weihnachtstage wurde kaum mehr gearbeitet. Nur in die Schneiderstuben und in die Werkstätten wurde ein Teil der Sträflinge geschickt, die übrigen gingen wohl auch angeblich zur Arbeit, doch kamen sie alle, einzeln oder in kleinen Trupps, sehr bald wieder zurück, und nach dem Mittagessen verließ niemand mehr den Ostrogg. Auch am Morgen war man mehr in eigenen Angelegenheiten ausgezogen, als zur Zwangsarbeit: die einen um Branntwein durchzuschmuggeln und neuen zu bestellen, andere um ihre Freunde und Freundinnen zu besuchen oder das Ausstehende für früher gelieferte Arbeiten zum Feste einzutreiben; Bakluschin und die übrigen in der Ausführung mitwirkenden Schauspieler, um einige Bekannte, vornehmlich aus der Zunft der Offiziersburschen, aufzusuchen und die nötigen Kostüme zu erlangen. Einige gingen wiederum nur deshalb mit besorgter und beschäftigter Miene umher, weil auch die anderen geschäftig und in Anspruch genommen waren. Und wieder andere, die, zum Beispiel, von niemand Geld zu erwarten hatten, sahen dabei doch aus, als würden auch sie unfehlbar welches erhalten. Mit einem Wort, alles erwartete für den nächsten Tag irgend eine Veränderung, irgend etwas Ungewöhnliches. Am Abend brachten die Invaliden, die von den Arrestanten auf den Markt geschickt worden waren, eine Menge Eßbares in den Ostrogg: Rindfleisch, Spanferkel, sogar Gänse. Viele Arrestanten, selbst die genügsamsten und geizigsten, die das ganze runde Jahr hindurch jede Kopeke sparten, hielten es für ihre Pflicht, ihren Beutel aufzutun und in angemessener Weise den ersten Fleischtag nach ihrer langen Fastenzeit zu feiern. Der fünfundzwanzigste Dezember war auch für den Arrestanten ein echter rechter Feiertag, den ihm niemand nehmen konnte, da er ihm durch das Gesetz formell zuerkannt wurde. An diesem Tage durfte der Arrestant nicht zur Arbeit geschickt werden, und solcher Tage gab es im Jahr nur drei.
Und schließlich, wer weiß, wieviel Erinnerungen in den Seelen dieser Ausgestoßenen beim Herannahen dieses Tages wieder erwachten! Dem Gedächtnis des einfachen Volkes prägen sich die hohen Festtage viel schärfer ein, als demjenigen der reichen Leute. Es sind die Tage der Erholung, die Tage, an denen die ganze Familie versammelt ist. Im Ostrogg nun mußten sie sich unwillkürlich mit Qual und Sehnsucht ihrer erinnern. Die Achtung vor dem großen Festtage schien in ihnen ein gewisses Pflichtgefühl zu erwecken: nur sehr wenige waren müßig, alle waren ernst und scheinbar sehr beschäftigt, obgleich viele überhaupt nichts zu tun hatten. Doch sowohl die Müßigen als die Geschäftigen waren bemüht, eine gewisse Würde zu bewahren ... Das Lachen schien förmlich verboten zu sein. Überhaupt grenzte die Stimmung geradezu an kleinliche und reizbare Unduldsamkeit, und wer diese allgemeine Stimmung störte, wenn es auch ganz unbeabsichtigt geschah, der wurde barsch zur Ruhe verwiesen und man ärgerte sich über ihn, als hätte er den Feiertag selbst nicht geachtet. Diese Stimmung der Arrestanten war wirklich auffallend und rührend. Außer der angeborenen Hochachtung vor dem großen Tage, empfand der Ausgestoßene unbewußt, daß er durch diese Hochhaltung des Festes gewissermaßen mit der ganzen Welt dort draußen in Berührung kam, daß er folglich nicht ein gänzlich Ausgestoßener, Verlorener war, ein abgeschnittenes und fortgeworfenes Stück Leben; er sagte sich, daß auch im Ostrogg dasselbe gilt, was draußen bei den Menschen gefeiert wird. So fühlten sie alle; das sah und verstand man sofort.
Akim Akimytsch traf gleichfalls seine Vorbereitungen zum Fest. Für ihn gab es weder Familienerinnerungen, denn er war als Waisenkind bei fremden Leuten aufgewachsen und schon mit fünfzehn Jahren in schweren Dienst getreten, – noch hatte es in seinem Leben besondere Freuden gegeben, denn sein ganzes Leben hatte er regelmäßig, einförmig und in der beständigen Furcht verbracht, vielleicht doch irgendwie aus Versehen über die ihm auferlegten Verpflichtungen auch nur um Haaresbreite hinauszugehen. Er war auch nicht besonders religiös, da seine Sittsamkeit, wie es schien, alle übrigen menschlichen Gaben und Eigenheiten in ihm verschlungen hatte, alle Leidenschaften und Wünsche, sowohl die guten wie die schlechten. Infolge dessen schickte er sich an, den feierlichen Tag ohne alle Sorgen und Aufregungen zu verbringen, ohne sich von traurigen und völlig nutzlosen Erinnerungen verwirren zu lassen, sondern in ruhiger, methodischer Sittsamkeit, von der er genau soviel besaß, wieviel zur Erfüllung der Pflichten und des ein für allemal vorgeschriebenen Ritus gerade erforderlich ist. Und überhaupt war Nachdenken nicht gerade seine Liebhaberei. Die Bedeutung eines Faktums schien ihn niemals etwas anzugehen, dafür aber erfüllte er die ihm einmal vorgeschriebenen Gesetze mit heiliger Gewissenhaftigkeit. Hätte man ihm am nächsten Tage befohlen, etwas dem direkt Entgegengesetztes zu tun, was er Tags zuvor getan, – er hätte auch dieses mit ganz derselben Gehorsamkeit und Sorgfalt verrichtet, wie das andere. Einmal, nur ein einziges Mal im Leben hatte er versucht, nach seinem Verstande zu handeln und – kam dafür in die Kátorga. Die Lehre war für ihn nicht umsonst gewesen. Und wenn es ihm auch vom Schicksal nicht bestimmt war, jemals zu begreifen, worin sein Vergehen „eigentlich und im Grunde“ bestanden hatte, so zog er doch aus seinem Erlebnis die heilsame Folgerung, die er fortan zum Grundsatz erhob: niemals und unter keinen Umständen selbst zu denken, da das Denken nun einmal „nicht seine Verstandessache war“, wie die Arrestanten unter sich sagten. Blind dem Brauch ergeben, sah er sogar auf sein Spanferkel, das er – da er natürlich auch zu kochen verstand – eigenhändig mit Brei zubereitete, mit einer gewissen Hochachtung, ganz als wäre es nicht ein gewöhnliches Spanferkel gewesen, das man zu jeder Zeit kaufen und braten kann, sondern ein ganz besonderes, festtägliches. Vielleicht war er von Kindheit an gewöhnt, an diesem Tage ein gebratenes Spanferkel auf dem Tisch zu sehen, und so folgerte er, daß ein Spanferkel zum Feiertage unerläßlich sei. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß er, falls er an diesem Tage keinen Ferkelbraten gegessen hätte, sein ganzes Leben lang von Gewissensbissen wegen der unerfüllten Pflicht gemartert worden wäre. Bis zum Feiertage ging er in seiner alten Jacke und in alten Beinkleidern, die zwar tadellos gemacht, gestopft und geflickt waren, doch trotzdem recht abgetragen aussahen. Jetzt zeigte es sich, daß er den neuen Anzug, den er schon vor vier Monaten erhalten hatte, sorgfältig in seinem Kasten aufbewahrte, ohne ihn ein einziges Mal hervorzuholen, und sich mit schmunzelndem Gedanken vorbereitete, seine Kleider erst am Festtage zu wechseln. So tat er denn auch. Am Abend vorher holte er sie hervor, breitete sie aus, besah sie, glättete sie mit der Hand, zupfte hie und da ein Fädchen ab, beblies sie, und nachdem er das alles getan, zog er sie zur Probe an. Die Hose wie die Jacke saßen tadellos; alles war gut genäht, ließ sich bis oben zuknöpfen und der Kragen stützte wie ein Karton das Kinn; in der Taille zeigte sich noch obendrein so etwas, wie ein militärischer Schnitt. Akim Akimytsch lächelte vor Wonne und drehte sich nicht ohne ein gewisses Selbstbewußtsein vor seinem kleinen Spiegel, den er in einer freien Stunde mit einer Bordüre von Goldpapier beklebt hatte. Nur ein einziges kleines Häkchen oben am Kragen der Jacke schien nicht ganz richtig zu sitzen. Nachdem Akim Akimytsch das eingesehen hatte, beschloß er, den Haken umzunähen: und kaum gedacht, war’s auch schon getan. Dann machte er noch einmal eine Anprobe und siehe, es war alles gut. Hierauf faltete er den ganzen Anzug kunstgerecht zusammen und bettete ihn für die Nacht vollbefriedigt wieder in seinen kleinen Kleiderkasten. Am nächsten Morgen sollte er nagelneu angezogen werden. Sein Haar war vorschriftsmäßig und vor kurzem erst rasiert: doch das Ergebnis einer längeren Untersuchung vor dem Spiegel war, daß sein Kopf ihm doch noch nicht so ganz glatt erschien, denn es waren bereits kaum sichtbare Spitzen neuer Sprößlinge zu sehen. Er begab sich daher unverzüglich zum „Major“, um sich tadellos rasieren zu lassen, obgleich es morgen niemand einfallen würde, seinen Kopf unter die Lupe zu nehmen, – einzig zur Beruhigung seines Gewissens, um in Anbetracht des hohen Festtages alle seine Pflichten erfüllt zu haben. Seine Andacht vor jedem Knopf, jeder Hakenöse, jedem Knopfloch hatte schon in der Kindheit einen Einfluß auf seinen Charakter gehabt und war seinem Verstande als unumstrittene Pflicht, seinem Herzen als letzte Schönheit erschienen, die ein anständiger Mensch nur erreichen kann. Als er endlich alles Persönliche erledigt hatte, ordnete er als Kasernenältester an, Heu hereinzubringen, und überwachte gewissenhaft, wie es auf dem Fußboden der Kaserne ausgebreitet wurde. Dasselbe geschah auch in den übrigen Kasernen. Ich weiß nicht, warum, aber zu Weihnachten wurde bei uns immer Heu auf den Fußboden gestreut. Nachdem nun Akim Akimytsch alle seine Pflichten erfüllt hatte, betete er zu Gott, legte sich auf die Pritsche hin und schlief im Augenblick den Schlaf eines unschuldigen Kindleins, um dann am nächsten Morgen möglichst früh aufzustehen. Das taten übrigens auch alle anderen. In allen Kasernen ging man viel früher zur Ruh, als es sonst üblich war. Die Abendarbeit war ganz vergessen und von Spielhöllen konnte überhaupt nicht die Rede sein. Alles erwartete den nächsten Morgen.
Endlich brach er an. Schon früh, noch vor Sonnenaufgang, wurde die Reveille getrommelt, wurde die Kaserne aufgeschlossen und der wachhabende Unteroffizier, der zum Nachzählen der Arrestanten eintrat, beglückwünschte uns zum Feste. Man wünschte ihm gleichfalls alles Gute und sagte es höflich und freundlich. Nach einem kurzen Gebet ging Akim Akimytsch, und gingen noch viele andere, die ihre Gänse und Spanferkel in der Küche hatten, eilig hinaus, um nachzusehen, was mit ihnen inzwischen geschehen war, wie sie gebraten wurden, wie es mit diesem, jenem und sonst noch etwas stand, u. a. m. Durch die kleinen, von Schnee und Eis blinden Fensterscheiben unserer Kaserne konnte man in der Dunkelheit erkennen, daß in beiden Küchen, in allen sechs Öfen, helles Feuer lohte, das schon vor Tagesanbruch angemacht worden war. Über den Hof gingen bereits die Arrestanten hin und her, alle in ihren Halbpelzen, die teils ganz angezogen, teils nur über die Schultern geworfen waren: ein jeder strebte zur Küche. Einige aber, übrigens nur sehr wenige, hatten schon die Branntweinhändler aufgesucht. Das waren die Ungeduldigsten, die niemals warten konnten. Im allgemeinen aber führten sich alle sehr anständig auf, ruhig und ganz ungewöhnlich würdig. Von den sonst üblichen Schimpfereien und Streitigkeiten war nichts zu hören und zu sehen. Alle begriffen und fühlten, daß es ein großer Tag, ein hohes Fest war. Es gab auch manche, die in die anderen Kasernen gingen, um diesen oder jenen von ihren näheren Bekannten zum Fest zu beglückwünschen. Es zeigte sich bei allen so etwas wie Freundschaft. Hier muß ich bemerken, daß man unter den Arrestanten sonst fast überhaupt nichts von Freundschaft sah – ich rede nicht von allgemeiner Kameradschaft, die war sogar in hohem Maße vorhanden, sondern von Freundschaft zwischen zwei einzelnen. So etwas gab es so gut wie überhaupt nicht. Alle waren im Verkehr miteinander trocken und hart, abgesehen von sehr wenigen Ausnahmen, und das war ein formell anerkannter, einmal eingeführter und angenommener Ton.
Ich trat gleichfalls aus der Kaserne hinaus, es begann kaum, kaum zu tagen, die Sterne flimmerten noch am Himmel, ein kalter, feiner Dampf erhob sich langsam von der Erde und verschwand. Aus den Küchenschornsteinen wälzte sich der Rauch in dicken Säulen. Einige mir begegnende Arrestanten beglückwünschten mich aus eigenem Antriebe freundlich zum Fest. Ich dankte ihnen und antwortete ebenso. Mit manchen von ihnen hatte ich in diesem ganzen Monat noch kein Wort gesprochen.
Wenige Schritt vor der Küche holte mich plötzlich ein Arrestant aus der Militärkaserne ein, der seinen Halbpelz sich nur über die Schultern geworfen hatte. Schon von weitem hatte er mich erblickt und über den halben Hof angerufen: „Alexander Petrowitsch! Alexander Petrowitsch!“ und er eilte mir nach zur Küche hin. Ich blieb stehen und erwartete ihn. Es war ein junger Bursche mit rundem Gesicht, mit stillem Ausdruck in den Augen, sehr wenig gesprächig: mit mir hatte er noch kein Wort gewechselt und meiner Person bis dahin überhaupt noch keine Aufmerksamkeit geschenkt. Ich wußte nicht einmal, wie er hieß. Er kam ganz atemlos herangelaufen, blieb direkt vor mir stehen und starrte mich mit eigentümlich stumpfem, gleichzeitig aber auch seligem Lächeln an.
„Was wünscht Ihr von mir?“ fragte ich ihn nicht ganz ohne Verwunderung, als ich sah, daß er nur lächelte, stand und mich groß ansah, ein Gespräch aber nicht begann.
„Ja, wie denn, es ist doch Feiertag ...“ murmelte er verdutzt, und da er selbst gewahr wurde, daß er sonst nichts zu sagen hatte, verließ er mich und trat eiligst in die Küche. Ich will hier gleich bemerken, daß wir auch nachher nie miteinander ein Wort gewechselt haben, so lange wie ich im Ostrogg blieb.
In der Küche ging es lebhaft zu: ein ganzer Haufe drängte, stieß und quetschte sich vor den glühend heißen Backöfen. Ein jeder wollte sein Eigentum bewachen und dessen Kochprozeß beobachten. Die „Köchinnen“ schickten sich bereits an, die Herstellung der Staatskost in Angriff zu nehmen, da das Essen an diesem Tage früher angesagt war. Übrigens begann noch niemand zu essen, obgleich nicht wenige große Lust dazu verspürten, doch wahrten sie heldenmütig den Anstand. Man erwartete den Geistlichen und erst nachher sollte das Fleischessen nach der Fastenzeit beginnen.