Sämtliche Werke 18

Part 16

Chapter 163,738 wordsPublic domain

Einmal aber geschah es, daß der Major mit dem Offizier ^du jour^ und seiner Begleitmannschaft genau in dem Augenblick die Kaserne betrat, als Issai Fomitschs Beteifer den Gipfelpunkt erreicht hatte. Alle Arrestanten bildeten sofort Front vor ihren Pritschen und standen unbeweglich, nur Issai Fomitsch Bummstein schrie und fuchtelte wie besessen mit den Armen. Er wußte, daß das Gebet erlaubt war und nicht unterbrochen werden durfte und daß folglich er, Issai Fomitsch, nichts zu fürchten hatte, wenn er vor dem Major auch noch so toll sich gebärdete. Und außerdem war es ihm sehr angenehm, sich in seinem ganzen Glanze dem Herrn Major und zugleich auch uns zeigen zu können. Der Major trat bis auf einen Schritt an ihn heran: Issai Fomitsch drehte seine Rückseite zum Tisch und begann dem Major ins Gesicht, fuchtelnd und halb singend, seine feierliche Prophezeiung vorzulesen. Da es nun seine Pflicht war, während dieses Teiles des Gebets möglichst viel Glückseligkeit und Stolz auszudrücken, so ließ er es sich sofort angelegen sein, das Gebet tadellos zu erfüllen: er strahlte förmlich, er blinzelte, lachte und nickte dem Major verheißungsvoll zu.

Der Major war baff – dann wunderte er sich und schließlich brach er in schallendes Gelächter aus, nannte ihn einen Esel und verließ die Kaserne, begleitet von Issai Fomitschs noch größerem Geschrei.

Nach einer Stunde, als er bereits bei seinem Abendessen saß, fragte ich ihn, was er getan hätte, wenn unser Platzmajor in seiner Dummheit über sein Gebet in Wut geraten wäre.

„Was fir ’n Platzmajor?“

„Wieso – was für einer? – Habt Ihr ihn denn nicht gesehen?“

„Nein.“

„Aber er stand ja dicht vor Euch, gerade vor Euren Augen.“

Doch Issai Fomitsch beteuerte mit dem ernstesten Gesicht, er habe unseren Platzmajor tatsächlich nicht gesehen, er gerate während des Gebets in eine solche Ekstase, daß er dann nichts mehr von dem sehe oder höre, was um ihn her vorgehe.

Als stände er vor mir, so lebhaft erinnere ich mich Issai Fomitschs, wie er Sonnabends beschäftigungslos im ganzen Ostrogg umherstrich, aus allen Kräften bemüht, nichts zu tun, wie es das Gesetz für den Sabbath vorschreibt. Welche unerhörten Geschichten erzählte er mir jedesmal, wenn er aus seinem Bethaus zurückkehrte, welche überphantastischen Gerüchte aus Petersburg teilte er mir flüsternd mit, unter der dreifachen Versicherung, er habe es von „seine Leut“ gehört und jene wiederum hätten es aus der sichersten Quelle!

Doch ich rede schon allzuviel von Issai Fomitsch.

In der ganzen Stadt gab es nur zwei öffentliche Bäder. Das erste, das ein Jude unterhielt, war in einzelne Baderäume eingeteilt und jede Nummer kostete fünfzig Kopeken, – war also nur für die besseren Stände bestimmt. Das andere dagegen war nur für das einfache Volk, eine alte, schmutzige, enge „Badestube“, – und dorthin wurden auch die Arrestanten geführt.

Der Tag war kalt und sonnig, die Arrestanten freuten sich schon darüber, daß sie einmal aus der Festung herauskommen und die Stadt sehen würden. Scherze und Lachen hörten unterwegs nicht auf. Ein ganzer Zug Soldaten begleitete uns mit geladenem Gewehr und aufgepflanztem Bajonett, zum staunenden Entzücken der ganzen Stadt. Beim Bade angelangt, wurden wir sogleich in zwei Abteilungen getrennt: die zweite mußte solange im kalten Vorzimmer der Badestube warten, bis die erste sich gewaschen hatte, anders war es infolge des engen Raumes nicht zu machen. Doch dessen ungeachtet war die Stube noch viel zu klein, so daß man sich überhaupt nicht vorstellen konnte, wie selbst die Hälfte von uns in ihr Platz finden sollte. Aber Petroff verließ mich nicht: er half mir, ohne daß ich ihn darum gebeten hätte, mich zu entkleiden und erbot sich sogar, mich zu waschen. Zusammen mit Petroff erbot sich auch Bakluschin, mir behilflich zu sein. Das war jener Arrestant aus der besonderen Abteilung, der bei uns der „Pionier“ genannt wurde und dessen ich schon Erwähnung getan habe als des lustigsten und sympathischsten unter ihnen allen, der er auch wirklich war. Ich war mit ihm schon ein wenig bekannt geworden.

Petroff half mir also, mich zu entkleiden, denn ich hatte noch keine Übung darin und so ging es denn sehr langsam. In der Vorstube aber war es kalt, – fast ebenso kalt wie draußen. Ich muß hier bemerken, daß das An- und Auskleiden einem darin ungeübten Arrestanten sogar sehr schwer fällt. Erstens mußte man verstehen, die sogenannten Fußschoner schnell aufzuschnüren. Diese Fußschoner waren aus Leder gemacht, etwa zwanzig Zentimeter lang und wurden über der Wäsche getragen, und gerade unter dem breiten Eisenring, der den Fuß umfaßte. Ein Paar solcher Fußschoner kostete nicht weniger als sechzig Kopeken in Silber und dennoch schaffte sie sich ein jeder Arrestant an, natürlich aus eigenen Mitteln, denn ohne sie wäre es für ihn nicht möglich gewesen, zu gehen. Der eiserne Fußring der Fesseln umfaßt das Gelenk nicht so eng, daß eine Reibung vermieden werden könnte: zwischen dem Ring und dem Fuß kann man noch einen Finger durchschieben, folglich reibt der Ring beim Gehen, und so hätte der Arrestant ohne lederne Fußschoner schon nach einem Tage wundgeriebene Füße gehabt. Aber das Aufschnüren dieser Fußschoner ist noch nicht das schlimmste! Viel schwieriger ist es, zu lernen, die Wäsche unter den Fesseln gewandt abzustreifen. Das war ein regelrechtes Kunststück. Machte man sich an das Ausziehen der Unterbeinkleider, so mußte man zuerst das eine Hosenbein, sagen wir das linke, zwischen Fesselring und Fuß gänzlich durchziehen, nach unten, und dann, nachdem der Fuß daraus befreit war, das leere Hosenbein seitlich wieder zwischen Fesselring und Fuß nach oben zurückziehen; hierauf mußte man alles, was vom linken Fuß abgestreift war, durch den Fesselring am rechten Fuß nach unten durchziehen, und wenn dann auch der rechte Fuß vom Hosenbein befreit war, alles wieder durch denselben Ring nach oben zurückziehen. Dasselbe Verfahren galt auch für das Anziehen der Wäsche. Einem Neuling wäre es schwer gewesen, auf diese Kniffe auch nur zu verfallen. Der erste, der mir dieses Verfahren gezeigt hatte, war der Arrestant Koreneff in Tobolsk, ein ehemaliger Räuberhauptmann, der bereits fünf Jahre lang an der Wand angekettet gesessen hatte. Die Arrestanten hatten sich aber schon daran gewöhnt und entkleideten sich ohne die geringsten Schwierigkeiten.

Ich gab Petroff einige Kopeken für Seife und einen Lindenbast. Freilich wurde uns Seife auch unentgeltlich gegeben, aber davon erhielt jeder nur ein kleines Stück von der Dicke einer Käsescheibe, wie man sie wohl am Abend als Zugabe zum Tee ißt, und von der Größe eines Zweikopekenstückes. Die Seife wurde daselbst in der Vorstube verkauft, sowie Sbitenj[5], Kalatschen und heißes Wasser. Jeder Arrestant erhielt, nach der Abmachung mit dem Besitzer der Badestube, nur eine Schale heißes Wasser; wer sich aber etwas gründlicher reinwaschen wollte, der konnte für zwei Kopeken noch eine Schale kaufen, die ihm aus der Vorstube durch ein eigens dazu bestimmtes Fenster gereicht wurde.

Nachdem Petroff mich entkleidet hatte, führte er mich am Arme in die eigentliche Badestube, da es ihm nicht entgangen war, daß mir das Gehen mit den Ketten sehr schwer fiel.

„Ziehen Sie sie nach oben, auf die Waden,“ sagte er, mich stützend, ganz als wäre er meine Kinderfrau gewesen, „hier aber vorsichtig, hier ist die Schwelle.“

Offen gestanden, ich schämte mich ein wenig und wollte ihn überzeugen, daß ich auch allein gehen könne, aber er hätte es mir ja doch nicht geglaubt. Er behandelte mich buchstäblich wie ein kleines Kind oder mindestens wie einen unmündigen, unerfahrenen Knaben, dem ein jeder verpflichtet ist, zu helfen. Petroff war unter keinen Umständen ein „Diener“: hätte ich ihn beleidigt, so würde er sofort gewußt haben, wie er mich zu behandeln hatte. Auch hatte ich ihm durchaus nicht etwa Geld für seine Dienste versprochen, und erst recht hatte er keines von mir verlangt. Was aber veranlaßte ihn dann, mich so zu bemuttern?

Als wir die Tür zur eigentlichen Badestube aufmachten, glaubte ich, die Hölle vor mir zu sehen. Man stelle sich eine Stube von ungefähr zwölf Schritt Länge und gleicher Breite vor, in der vielleicht an hundert Menschen eingesperrt sind, oder doch mindestens achtzig, denn wir waren nur in zwei Abteilungen geschieden worden, im ganzen aber waren wir an zweihundert Mann ins Bad gezogen. Ein Dampf war in dem Raume, daß es einem dunkel vor den Augen ward, dazu Qualm, Schmutz und eine Enge, die keinen Fuß breit Platz zeigte, wo man hätte hintreten können. Ich erschrak und wollte zurück, doch Petroff ermutigte mich und zog mich schnell hinein. Ich weiß selbst nicht wie, aber jedenfalls mit den größten Schwierigkeiten gelangten wir endlich zu den Bänken, nachdem wir über unzählige Köpfe der auf dem Boden Sitzenden hinübergetreten waren, immer wieder mit der Bitte, sich ein wenig zu beugen, damit wir mit unseren Ketten bequemer hinüberkönnten. Auf den Bänken waren alle Plätze besetzt. Petroff erklärte mir, daß ich einen Platz kaufen müsse und trat für mich sofort in Unterhandlung mit einem, der sich am Fenster niedergelassen hatte. Der Sträfling überließ mir für eine Kopeke seinen Platz, erhielt von Petroff das Geld, – das dieser vorsorglich mitgenommen hatte und die ganze Zeit in der Hand hielt – und tauchte ohne weiteres unter die Bank, gerade unter meinen Platz, wo es dunkel und schmutzig war und eine glatte Feuchtigkeit fast einen halben Finger dick auf dem Boden lag. Doch selbst diese Plätze unter den Bänken waren alle besetzt, auch dort wimmelte es von nackten Körpern und Gliedern. Auf dem ganzen Fußboden gab es auch nicht eine Hand breit freien Platz, überall saßen gekrümmt und sich reibend die Arrestanten und begossen sich mit dem Wasser aus ihren Waschschalen. Andere standen aufrecht zwischen ihnen und wuschen sich stehend, während das schmutzige Wasser auf die halbrasierten Köpfe der am Boden Sitzenden herabfloß. Auf der Schwitzbank und auf allen Stufen, die zu ihr emporführten, saßen gekrümmt und gedrängt, fast einer auf dem anderen, sich waschende Gestalten. Genau genommen wuschen sie sich nicht allzu sehr. Die einfachen Leute waschen sich nur ein wenig mit Seife und heißem Wasser, sie lassen aber gehörig Dampf geben und schwitzen, was sie nur schwitzen können, um sich dann mit kaltem Wasser zu übergießen, – das ist ihr ganzes Bad. Wohl mit fünfzig Badequästen wurde oben auf der Schwitzbank gedroschen: alle quästeten sich bis zur Bewußtlosigkeit. Dampf wurde allaugenblicklich von neuem gegeben. Das war nicht mehr Hitze, sondern Glut. Und alles schrie dazu, gröhlte und schnatterte beim Klirren von hundert Ketten, die auf dem Boden herumgeschleift wurden ... Viele, die sich irgend wohin durchdrängen wollten, verwickelten sich in fremden Ketten oder zogen mit ihren eigenen Ketten die Köpfe der unter ihnen Sitzenden mit, stolperten, fielen, schimpften oder schleiften die anderen nach. Von allen Seiten floß schmutziges Wasser herab. Alle waren wie halbtrunken und dabei ungewöhnlich erregt: sie kreischten und schrieen, wie ich es noch nie zuvor gehört hatte. Das Fenster, durch welches man aus dem Vorraum das Wasser hereinreichte, wurde von einem drängendem schimpfenden, sich raufenden und stoßenden Haufen belagert. Das erhaltene heiße Wasser wurde über den Köpfen der anderen früher verspritzt, bevor es an seinem Bestimmungsort ankam. Hin und wieder erschien auf eine Sekunde in der offenen Tür oder im Fenster neben einem Bajonett das schnauzbärtige Gesicht eines Unteroffiziers oder eines Soldaten, um nach der Ordnung zu sehen. Die halbrasierten Köpfe und die von der Hitze geröteten Körper erschienen mir noch entsetzlicher als sonst. Auf den gequollenen Rücken zeichneten sich jetzt deutlich die Narben der früher einmal erhaltenen Spießruten oder Stockhiebe ab, so daß alle diese dunkelrot gestreiften Rücken aufs neue wundgepeitscht aussahen. Grauenvoll waren diese Narben! Mich überlief es kalt, als ich sie sah. Wieder wird Wasser auf die glühenden Steine im heißen Ofen geworfen und wieder steigt aus der oberen Ofentür eine heiße, undurchdringliche Dampfwolke empor und erfüllt den ganzen Raum – alles schnattert und schreit. Allmählich sieht man dann wieder in der grauweißen Dampfwolke die zerhauenen Rücken, die halbrasierten Schädel, die gekrümmten Beine und Arme, und zur Vollendung des ganzen singt oben auf der höchsten Schwitzbank Issai Fomitsch aus voller Kehle. Er läßt sich bis zur Bewußtlosigkeit dämpfen, doch ist ihm, wie es scheint, keine einzige Glut heiß genug: für eine Kopeke dingt er einen Bader unter den Arrestanten, doch selbst dieser hält es schließlich nicht mehr aus: er wirft den Quast hin und läuft fort, um sich mit kaltem Wasser zu begießen. Aber Issai Fomitsch dingt einen zweiten, einen dritten Bader, – er hat beschlossen, die Gelegenheit zu benutzen und diesmal nicht an die Ausgaben zu denken, und überlebt noch einen vierten und fünften Bader, die es alle nicht aushalten und fortstürzen.

„Tut nichts, ein Dampfbad ist gesund, bravo, Issai Fomitsch!“ schreien ihm von weitem die Arrestanten zu. Issai Fomitsch fühlt, daß er in diesem Augenblick alle überragt, – er triumphiert und singt mit schriller, irrsinniger Stimme seine Arie: lä lä lä lä lä, die alle anderen Stimmen übertönt. Mir kam unwillkürlich der Gedanke, daß, wenn wir einmal alle zusammen irgendwo in einer Hölle sein sollten, sie dieser Badestube auffallend ähnlich sein müsse. Ich konnte es nicht unterlassen, meinen Gedanken Petroff mitzuteilen: er blickte sich nur einmal um, sagte aber nichts.

Ich wollte ihm gleichfalls einen Platz neben mir kaufen, er aber setzte sich schnell zu meinen Füßen nieder und behauptete, er habe es sehr bequem. Bakluschin kaufte und brachte uns das Wasser, sobald wir wieder welches brauchten. Petroff erklärte ohne weiteres, daß er mich vom Hacken bis zum Nacken reinwaschen würde, „so daß Sie dann ganz sauber sein werden,“ und beredete mich eifrig zu einem „Dampfbad“, was ich aber doch nicht zu versuchen wagte. Petroff seifte mich sorgfältig ein.

„Und jetzt werde ich Ihnen noch Ihre _Füßchen_ waschen,“ erklärte er zu guterletzt. Ich wollte protestieren und sagen, meine Füße könne ich selbst waschen, aber ich sah ein, daß es besser war, ihm nicht zu widersprechen und ihm seinen Willen zu lassen. In dem Diminutiv „Füßchen“ lag übrigens nicht der leiseste Schimmer von einem Schmeichelnwollen oder von knechtischer Ergebenheit. Petroff konnte wahrscheinlich meine Füße deswegen nicht „Füße“ nennen, weil die anderen, wirklichen Menschen Füße hatten, ich aber eben nur erst Füßchen.

Nachdem er mich dann „ganz sauber“ gewaschen hatte, führte er mich unter denselben Zeremonien, d. h. indem er mich stützte und warnte und alle möglichen Vorsichtsmaßregeln ergriff – ganz als wäre ich aus Porzellan gewesen – wieder in die Vorstube zurück, und half mir wieder in die Wäsche, und erst hierauf, als er mit mir fertig geworden war, ging er eilig zurück ins Bad, um nun selbst noch zu schwitzen.

Als wir wieder im Ostrogg waren, bot ich ihm ein Glas Tee an. Er wies es nicht zurück, trank es gern und dankte mir. Da kam es mir in den Sinn, meinen Beutel aufzutun und ihm einen Viertelliter Branntwein zu spendieren. Branntwein fand sich, wie immer, in der Kaserne. Petroff war sehr zufrieden, stürzte ihn hinab, krächzte einmal, und ging, nachdem er mir gesagt, ich hätte ihn wieder neubelebt, eilig in die Küche, als könne man dort ohne ihn ganz unmöglich über irgend etwas ins reine kommen. An seiner Stelle kam darauf mein anderer Freund, Bakluschin, der „Pionier“, zu mir, den ich schon im Bade zu einem Glas Tee aufgefordert hatte.

Ich kenne keinen Charakter, der liebenswürdiger gewesen wäre, als derjenige Bakluschins. Gewiß stritt er sogar sehr oft, gab den anderen nichts nach und litt es nicht, daß man sich in seine Angelegenheiten einmischte, – kurz, er verstand es, seinen Mann zu stehen. Aber sein Streiten dauerte nie lange, nie trug er etwas nach oder hegte er Groll, und ich glaube, alle hatten ihn gern. Wohin er auch gehen mochte, überall war er gern gesehen und man freute sich über ihn. Sogar in der Stadt war er als der lustigste Mensch der Welt, der nie seinen Humor verlor, bekannt. Er war ein hochgewachsener Bursche von ungefähr dreißig Jahren, mit einem lebhaften und gutmütigen, recht hübschen Gesicht, auf dem noch eine Warze saß. Dieses Gesicht konnte er zuweilen so urkomisch verziehen, und mit ihm konnte er jeden beliebigen so nachahmen, daß die ganze Umgebung unmöglich ernst zu bleiben vermochte: man mußte lachen, ob man wollte oder nicht. Er gehörte gleichfalls zu den Spaßmachern, doch machte er unseren mürrischen Feinden des Frohsinns keine Konzession, so daß diese ihn niemals einen „leeren und unnützen“ Menschen schalten. Er war voll Feuer und Leben. Bereits in den ersten Tagen machte er sich mit mir bekannt und erzählte mir, daß er vormals Bediensteter gewesen sei, darauf als Pionier gedient habe und sogar von einigen höheren Offizieren bemerkt und gern gesehen worden sei, worauf er noch in der Erinnerung sehr stolz war. Mich begann er ohne weiteres über Petersburg auszufragen. Er hatte sogar Bücher gelesen.

Als er zu mir zum Tee kam, erheiterte er sofort die ganze Kaserne, indem er nachmachte, wie der Leutnant Sch. unseren Platzmajor am Morgen „abgeblitzt“ hatte. Hierauf setzte er sich zu mir und teilte mir höchst zufrieden mit, daß die Theatervorstellung diesmal aller Wahrscheinlichkeit nach zustande kommen würde. Im Ostrogg wurde nämlich an den Festtagen Theater gespielt. Die Schauspieler wurden gewählt und allmählich auch die Dekorationen angeschafft. Aus der Stadt hatten einige versprochen, Kleider, sogar Frauenkleider für die Mimen zu verschaffen; ja man hoffte sogar, durch einen Burschen eine Offiziersuniform mit Achselschnüren zu erhalten. Wenn es nur dem Platzmajor nicht wieder einfiel, das Schauspiel zu verbieten, wie er es im vorhergehenden Jahre getan hatte! Doch damals war er gerade zum Weihnachtsfest sehr schlechter Laune gewesen: hatte im Kartenspiel verloren und außerdem hatte man sich auch im Ostrogg nicht zum besten aufgeführt – und so hatte er denn einfach verboten. Diesmal aber würde er wohl nicht die Freude verderben!? Mit einem Wort, Bakluschin befand sich in sehr angeregter Stimmung. Man sah ihm sofort an, daß er einer der Hauptbeteiligten war, und ich gab ihm mein Wort, unbedingt der Vorstellung beiwohnen zu wollen. Die kindliche Freude Bakluschins am Zustandekommen der Aufführung hatte sofort mein Herz gewonnen. Ein Wort gab das andere und wir gerieten in ein Gespräch. Unter anderem erzählte er mir auch, daß er nicht die ganze Zeit in Petersburg gedient hatte: daß er sich dort etwas habe zuschulden kommen lassen und nach R. als Unteroffizier in ein Garnisonbataillon versetzt worden sei.

„Und erst von dort wurde ich hierher geschickt,“ bemerkte er zum Schluß.

„Aber weshalb denn das?“ fragte ich.

„Weshalb? Was glauben Sie wohl, Alexander Petrowitsch, weshalb? – Einfach weil ich mich verliebt hatte!“

„Nun, deshalb wird man doch noch nicht nach Sibirien verschickt,“ entgegnete ich lachend.

„Das ist ja wahr,“ meinte Bakluschin, „aber ich hatte bei der Gelegenheit einen dort ansässigen Deutschen mit der Pistole erschossen. Aber, sagen Sie doch selbst, lohnt es sich denn, einen wegen eines Deutschen in die Kátorga zu schicken!“

„Wie ging denn das zu? Erzählen Sie doch, es interessiert mich.“

„Das war eine sehr spaßige Geschichte, Alexander Petrowitsch.“

„Um so besser. Erzählen Sie nur.“

„Soll ich wirklich? Na, dann hören Sie zu ...“

Ich vernahm eine, wenn auch nicht spaßige, so doch recht eigenartige Geschichte eines Mordes ...

„Die Sache war nämlich die ...“ hub Bakluschin an. – „Als man mich nach R. versetzt hatte, war ja alles ganz wunderschön, sehe – es ist eine schöne Stadt, groß, nur viel Deutsche waren da. Nun, ich, versteht sich, war noch ein junger Mensch, bei den Vorgesetzten gut angeschrieben, gehe, die Mütze schief auf einem Ohr, zum Zeitvertreib, wie man sagt, in der Stadt spazieren. Nun, kommt einem so ein deutsches Mädchen entgegen, versteht sich, Blicke hin, Blicke her ... Da gefiel mir eine ganz besonders, Luisa hieß sie. Beide waren sie Wäscherinnen, für die feinste Wäsche, die man sich nur denken kann, sie und ihre Tante. Die Tante war schon alt, so eine richtige Harke, lebten aber dabei ganz gut. Anfangs pendelte ich nur vor den Fenstern auf und ab, dann aber schloß ich eine richtige Freundschaft mit ihr. Luisa sprach gut russisch, nur schnarrte sie ein wenig, – so ein, nun ja, herziges Ding war sie, wie ich noch keine gesehen. Nun, versteht sich, anfangs redete ich so und so, sie aber sagte mir sofort: ‚Nein, Ssascha, das sollst du nicht, denn ich will meine ganze Unschuld bewahren, um dir ein würdiges Weib zu sein,‘ und schmeichelt nur so, und lacht so hell ... Ja, so ein sauberes Geschöpfchen war sie, ich habe nie wieder so eine gesehen. Selbst beredete ich mich, sie zu heiraten. Nun, wie sollte ich denn nicht heiraten, bedenken Sie doch nur! Und so bereitete ich mich denn auch schon vor, mit meinem Heiratsgesuch zum Oberstleutnant zu gehen ... Plötzlich, was sehe ich – Luisa kommt nicht zum Stelldichein, zum zweitenmal wieder nicht, zum dritten wieder nicht ... Ich schreibe einen Brief: keine Antwort. Was soll denn das bedeuten, denke ich! Sollte sie mich betrügen wollen, so würde sie geantwortet haben und wäre auch zum Stelldichein gekommen, – mit einem Wort, sie hätte sich verstellt. Sie aber verstand nicht, zu lügen, sie hatte kurz und einfach abgebrochen. Dahinter steckt die Tante, denke ich. Zur Tante durfte ich nicht gehen; wenn sie es auch wußte, so sahen wir uns doch nur heimlich. Ich gehe wie ein Halbwahnsinniger umher – schließlich schreibe ich ihr den letzten Brief: ‚kommst du nicht, so gehe ich zur Tante.‘ Sie erschrak, kam. Weinte, sagte, ein Deutscher, Schulz, ihr entfernter Verwandter, ein Uhrmacher, ein reicher und schon bejahrter Mann, habe den Wunsch ausgesprochen, sie zu heiraten, – um mich, sagte sie, glücklich zu machen und selbst im Alter nicht ohne Frau zu bleiben; und er liebt mich auch, sagt sie, und hat schon lange die Absicht gehabt, mich zu heiraten, hat aber vorläufig noch geschwiegen und sich vorbereitet. – ‚Nun sieh, Ssascha,‘ sagt sie, ‚er ist reich und das ist doch mein Glück; willst du mir nun mein Glück nicht gönnen?‘ Ich sehe sie an: sie weint, umarmt mich ... Was, denke ich, es ist ja wahr, was sie sagt! Was hat es denn für einen Sinn, mich, einen Soldaten, zu heiraten, selbst wenn ich auch Unteroffizier bin? – ‚Nun dann, Luisa,‘ sage ich, ‚leb wohl, Gott behüt dich, warum sollte ich dein Glück zerstören? Aber wie ist er, – ist er hübsch?‘ – ‚Nein,‘ sagt sie, ‚er ist schon alt und hat eine so lange Nase ...‘ und sie lacht sogar. Ich ging. Nun was, denke ich, es ist mir nicht bestimmt. Am nächsten Morgen begab ich mich zu seinem Uhrgeschäft, sie hatte mir die Straße genannt. Ich sehe durch das Fenster hinein: da sitzt ein Deutscher, tiftelt an einer Uhr, hat reichlich seine fünfundvierzig auf dem Buckel, die Nase lang, die Augen stehen hervor, dabei sitzt er im alten Gehrock und im Stehkragen, in solch einem Vatermörder mit langen Enden, macht so eine wichtige Miene. Ich spie nur aus. Wollte ihm schon seine ganze Fensterscheibe einschlagen ... Doch wozu, denke ich, ist es verloren, so ist es verloren. In der Dämmerung kehrte ich in die Kaserne zurück, legte mich auf mein Lager hin und da, – glauben Sie mir oder glauben Sie mir nicht, Alexander Petrowitsch – ich weinte wie ein Kind ...