Part 15
„So, mein Lieber, wurde ich fortgeschickt aus unserer Gegend,“ begann er und zog seine Nähnadel durch das Zeug, „nach Tsch–ff, wegen Landstreicherei, sozusagen.“
„Wann war denn das, – schon lange?“ fragte Kobylin.
„So wenn die Erbsen reif werden, wird es immer schon das zweite Jahr sein ... Nu und wie wir nach K. ankamen, wurde ich auf kurze Zeit dort selbentlich in den Ostrogg eingesperrt. Ich sehe, was sitzt denn da mit mir? Es waren aber nur so zwölf Stück, alles Kleinrussen, groß, gesund, kräftig, wie die Ochsen. Und dabei so artig. Das Essen war schlecht, und ihr Major, der macht mit ihnen, was er will, wie es seiner Gnaden _vorgefällt_ (Lutschka verdrehte das Wort mit Absicht, er wußte sehr gut, wie es richtig war). Sitze da einen Tag, sitze noch einen, sehe: gar keine Courage in dem Volk. – ‚Warum laßt ihr euch von diesem Esel alles gefallen?‘ frage ich sie.
‚Geh doch du mit ihm sprechen!‘ Und sie lachen noch über mich. Ich schweige. Unter ihnen aber war ein spaßiger Kleinrusse, – ja, von dem muß ich euch doch noch erzählen!“ unterbrach er sich plötzlich, diesmal an alle sich wendend, und nicht mehr wie vorher, als er scheinbar nur zu Kobylin allein sprach. „Er erzählte uns, wie er verurteilt worden war und wie er mit dem Gericht gesprochen hatte, selbst aber weinte er nur so dabei; Kinder und Weib, sagte er, habe er zurückgelassen. Selbst ist er so ein Stämmiger, ganz grau schon und dick. ‚Ich,‘ sagte er, ‚sage ihm: nein! bin unschuldig! Er aber, das Teufelskind, er schreibt und schreibt. Da schreie ich: daß der krepiert, bin unschuldig! Er aber schreibt und schreibt und schreibt noch mehr! ... Und da war es aus mit mir!‘ – Wasjka, gib mir da mal einen Faden her: diese verfluchten sind alle verfault.“
„Vom Markt gekauft,“ brummte Wasjka und gab ihm einen Faden.
„Unser Rollgarn, das wir in der Werkstatt haben, ist viel besser. Von hier aber wurde wieder der Nevalid geschickt, wer kann wissen, von was für einem Schandweibe er da immer kauft!“ fuhr Lutschka fort, indem er die Nadel gegen das Licht hielt und den Faden einzufädeln suchte.
„Bei seiner Gevatterin natürlich.“
„Natürlich bei seiner Gevatterin.“
„Aber wie blieb es denn mit dem Major?“ fragte nach einiger Zeit Kobylin.
Darauf hatte Lutschka nur gewartet. Einstweilen aber setzte er seine Erzählung nicht sobald fort, ja er schien Kobylin nicht einmal seiner Beachtung zu würdigen. Ruhig machte er seinen Faden zurecht, ruhig und gleichsam faul änderte er ein wenig die Stellung seiner Schneiderbeine unter sich und dann erst fuhr er endlich fort:
„Es gelang mir zu guterletzt doch noch, meine Kleinrussen etwas aufzuwiegeln, der Major wurde hinverlangt. Ich hatte mir schon am Morgen von einem anderen ein Messer verschafft und im Stiefelschaft versteckt, sozusagen für alle Fälle. Der Major war über unsere Forderung in helle Wut geraten. Er kommt. Nu, sage ich, verliert nicht den Mut! Aber denen war das Herz schon in die Hosen gefallen, sie zittern alle nur so. Da kommt der Major hereingestürzt, betrunken, wie ich sehe, und schreit: ‚Wer ist hier! Wie ist es hier! Hier bin ich Zar, hier bin ich Gott!‘
Wie er so gesagt hatte: ‚hier bin ich Zar, hier bin ich Gott!‘ trat ich etwas vor,“ fuhr Lutschka fort, „das Messer hatte ich im Ärmel.
‚Nein,‘ sage ich, ‚Euer Gnaden,‘ selbst aber schiebe ich mich langsam immer näher und näher, ‚nein, wie kann denn das sein,‘ sage ich, ‚daß Euer Gnaden bei uns Zar und Gott sind?‘
‚Ah, so bist du es, also du bist es,‘ schrie der Major, ‚du bist der Anstifter!‘
‚Nein,‘ sage ich und dabei komme ich ihm immer näher, ‚nein,‘ sage ich, ‚Euer Gnaden wissen doch selbst, daß unser allmächtiger und allgegenwärtiger Gott nur einer ist,‘ sage ich. ‚Und unser einziger Zar ist über uns alle von Gott selbst eingesetzt. Er ist, Euer Gnaden,‘ sage ich, ‚ein Monarch. Euer Gnaden aber,‘ sage ich, ‚sind nur ein Major – unser Vorgesetzter durch des Zaren Gnade,‘ sage ich, ‚und Eurer Gnaden eigene Verdienste.‘
‚Was, was, was wie?‘ gackerte er nur noch, sprechen konnte er nicht mehr, die Luft ging ihm aus. Er war doch gar zu erstaunt.
‚Ja, das ist schon so,‘ sage ich, und wie ich mich auf ihn stürzte, stieß ich ihm das Messer gleich bis an den Griff in den Bauch. Es war gewandt geschehen. Er fiel hin wie gemäht und zappelte nur noch einmal mit den Beinen. Ich warf das Messer fort.
‚So,‘ sagte ich, ‚jetzt hebt ihn auf!‘“
* * * * *
Hier muß ich meinerseits eine Erklärung hinzufügen. Leider waren solche Ausdrücke wie: „Hier bin ich Zar, hier bin ich Gott!“ und noch viele andere ähnliche in früheren Zeiten bei vielen Kommandeuren in häufigem Gebrauch. Doch muß ich bemerken, daß es solcher Kommandeure heute nur noch sehr wenige gibt, vielleicht sind sie auch schon alle ausgestorben. Zudem waren die Kommandeure, die sich dieser Ausdrücke mit Vorliebe bedienten, meistens Leute aus niedrigerem Stande und Range, die sich später emporgedient hatten. Der Offiziersrang schien gleichsam ihren ganzen Menschen umzukehren, den Kopf natürlich gleichfalls. Nachdem sie lange unter der Fuchtel gedient haben, werden sie eines Tages selbst Offiziere, Vorgesetzte, Kommandeure, sie werden geadelt, und so vergrößern sie, da sie an eine solche Ehre gar nicht gewöhnt waren, im ersten Rausch ganz unwillkürlich die Vorstellung von ihrer Macht und Bedeutung, doch selbstverständlich nur in Bezug auf ihre Untergebenen. Vor ihren Vorgesetzten sind diese Leute stets von ungewöhnlicher Unterwürfigkeit, die jetzt durchaus nicht mehr angebracht und vielen Kommandeuren höchst widerlich ist. Manche treiben es sogar so weit, daß sie sich mit einer ganz besonderen Rührung beeilen, ihrem hohen Vorgesetzten baldmöglichst zu versichern, daß sie, die ja doch aus Subalternen hervorgegangen sind, ihren früheren Rang nicht vergessen werden und sich auch als Offiziere nicht den anderen Offizieren gleichstellen wollen. Anders ist ihr Verhalten zu ihren Untergebenen: diesen gegenüber sind sie die größten Tyrannen. Doch heute gibt es, wie gesagt, wohl kaum noch solche Kommandeure, und schwerlich dürfte sich einer finden, der noch sagen könnte: „Ich bin Zar, ich bin Gott.“ Nichtsdestoweniger will ich doch darauf aufmerksam machen, daß nichts einen Arrestanten oder überhaupt einen Untergebenen so reizt und empört, wie derartige Äußerungen Vorgesetzter. Diese Unverschämtheit in der Selbsterhöhung, diese übertriebene Meinung von seiner Unbestrafbarkeit erweckt selbst im gefügigsten Menschen Haß und Wut und bringt ihn um seine letzte Geduld. Zum Glück gehören diese Zustände schon der Vergangenheit an und selbst damals sind solche Fälle streng geahndet worden, was ich selbst früher miterlebt habe.
Überhaupt kann man sagen, daß jede verächtliche Nachlässigkeit, jede unangebrachte Überhebung die niedrigeren Klassen viel tiefer kränkt und viel mehr aufreizt, als man glaubt. Viele sind der Meinung, daß die Obrigkeit, wenn sie einen Sträfling nur gut ernährt, gut hält und in allem das Gesetz beobachtet, damit alles tut. Das ist aber ein großer Irrtum. Ein jeder Mensch, wer er auch sei und wie tief er auch erniedrigt wäre, verlangt doch – wenn auch instinktiv, unbewußt – Achtung vor seiner Menschenwürde. Der Arrestant weiß es selbst, daß er ein Arrestant ist, ein Ausgestoßener, und kennt seine Stellung seinem Vorgesetzten gegenüber; doch gibt es weder solche Brandmale noch solche Fesseln, mit denen man ihn vergessen machen könnte, daß er ein Mensch ist. Und da er in der Tat ein Mensch ist, so muß man ihn auch danach behandeln. Mein Gott! – kann man doch mit einer _menschlichen_ Behandlung auch solche noch zu Menschen machen, in denen jeder Funke Gottes bereits längst erloschen ist. Gerade mit diesen „Unglücklichen“ muß man am menschlichsten umgehen. Das ist ihre Rettung und Freude. Ich habe gute, edle Kommandeure gesehen, ich habe auch den Eindruck gesehen, den sie auf diese Erniedrigten machten. Nur ein paar freundliche Worte – und die Arrestanten waren fast wie sittlich auferstanden. Sie freuten sich wie Kinder und wie Kinder fingen sie an zu lieben. Doch will ich zum Schluß noch eine recht auffallende Erscheinung erwähnen: eine familiäre, eine _allzu_ gute Behandlung seitens der Vorgesetzten gefällt dem Arrestanten durchaus nicht. Er will seinen Vorgesetzten achten, in diesem Falle kann er ihn aber unwillkürlich nicht mehr achten. Der Arrestant hat es sehr gern, wenn sein Vorgesetzter Orden besitzt, wenn er eine gute Erscheinung ist, wenn er bei einer hohen Persönlichkeit, einem hohen Kommandierenden in Gunst steht, wenn er streng und ernst ist und gerecht, und auch seine Würde bewahrt. Solche Vorgesetzte liebt der Sträfling am meisten: er weiß also, was er sich schuldig ist, und hat der andere auch ihn, den Arrestanten, nicht verletzt, so ist alles gut und schön.
* * * * *
„Dafür haben sie dich dann auch gründlich gebraten, was?“ fragte ruhig Kobylin.
„Hm! Gebraten ... Gebraten haben sie mich schon. Alei, gib mir mal die Schere her! Wie kommt es denn, daß es heute keine Spielhölle gibt?“
„Sie haben heute ihr Vermögen versoffen,“ bemerkte Wassjä. „Wenn sie es nicht versoffen hätten, dann würden sie jetzt wohl Karten klopfen.“
„Wenn! Für das ‚wenn‘ gibt man auch in Moskau hundert Rubel,“ meinte Lutschka.
„Aber wieviel gab man denn dir, Lutschka, alles in allem?“ fragte Kobylin, wieder auf das alte Thema zurückkommend.
„Mir gab man, lieber Freund, hundertundfünf. Und was ich euch noch sagen wollte,“ fuhr Lutschka plötzlich wieder zu allen gewandt fort, „– man hätte mich ja damals beinahe totgeschlagen. Nachdem ich zu den Hundertundfünf verurteilt worden war, wurde ich in voller Parade hingebracht. Bis dahin hatte ich aber Hiebe noch niemals kennen gelernt. Volks war eine Menge hingelaufen, die ganze Stadt war da: ein Verbrecher wird bestraft, ein Mörder, sozusagen. Denn wie dumm doch so’n Volk ist, das weiß ich wirklich gar nicht mehr zu sagen. Timoschka[4] zog mir die Kleider ab, legte mich hin, – plötzlich schreit er: ‚Halt dich fest, es brennt.‘ Ich warte: was wird nun kommen? Wie er mir das erstemal überzog, – ich wollte wohl schreien, ich machte wohl den Mund auf, aber es war kein Schrei in mir drin. Die Stimme war, sozusagen, stecken geblieben. Wie er das zweitemal überzog, nun, glaub oder glaub nicht, aber ich hörte gar nicht mehr, wie ‚zwei‘ gezählt wurde. Als ich aber wieder aufwachte, hörte ich, wie gezählt wird: siebzehn! Und so werde ich viermal von der Bank heruntergenommen, auf eine halbe Stunde zur Erholung: wurde mit Wasser begossen. Da glotzte ich sie nun alle an mit aufgerissenen Augen und denke so: ‚jetzt stirbst du‘ ...“
„Und bist doch nicht gestorben?“ fragte Kobylin naiv.
Lutschka besah ihn sich einmal mit unbeschreiblich verächtlichem Blick. Man lachte.
„Das war ’n Spaß!“
„In seiner Dachstube scheint’s nicht ganz richtig zu sein,“ bemerkte Lutschka, als bereue er es, mit diesem Menschen überhaupt gesprochen zu haben.
„Der hat eins weg,“ stimmte auch Wassjä bei.
Lutschka hatte zwar sechs Menschen umgebracht, doch im Ostrogg fürchtete ihn niemand, obschon es vielleicht sein größter Wunsch war, als „fürchterlicher“ Mensch zu gelten ...
IX.
Issai Fomitsch. – Das Bad. – Die Erzählung Bakluschins
Das Weihnachtsfest rückte heran. Die Arrestanten erwarteten es geradezu mit einer gewissen Feierlichkeit, und angesichts dieser Feierlichkeit begann auch ich etwas Ungewöhnliches zu erwarten. Vier Tage vor dem Fest wurden wir ins Bad geführt. Zu meiner Zeit, namentlich in den ersten Jahren, die ich im Ostrogg verbrachte, wurden die Sträflinge nur selten ins Bad geführt. Alles freute sich und ein jeder traf seine Vorkehrungen. Wir sollten nach dem Essen aufbrechen, und an diesem Nachmittage wurde nicht mehr gearbeitet. Am meisten aber freute sich in der ganzen Kaserne – Issai Fomitsch Bummstein, unser Jude, von dem ich schon einmal gesprochen habe. Er nahm seine Dampfbäder bis zur Abstumpfung jedes Lebensgefühls, bis zur halben Bewußtlosigkeit, und jedesmal, wenn ich jetzt noch die alten Erinnerungen durchlebe und bei der Gelegenheit auch an dieses Arrestantenbad denke (das aber auch wirklich wert ist, nicht vergessen zu werden), so tritt unwillkürlich als erstes die Gestalt meines unvergeßlichen Kátorga- und Kasernengenossen Issai Fomitsch aus dem ganzen Bilde hervor. Gott, wie unsäglich komisch und spaßig dieser Mensch war! Über sein Äußeres habe ich schon einiges gesagt: fünfzig Jahre alt, schwächlich und verrunzelt, mit den fürchterlichsten Brandmälern auf den Wangen und der Stirn, mager, ausgemergelt und mit einem weißen Hühnerkörper. Sein Gesichtsausdruck war – durch nichts zu erschütternde Selbstzufriedenheit, ja sogar Seligkeit, wenn man will. Ich glaube, er bedauerte es nicht im geringsten, in die Kátorga geraten zu sein. Da er Juwelier war und es in der Stadt keinen Juwelier gab, so arbeitete er beständig für die Herrschaft und die Beamtenschaft in der Stadt in seinem Handwerk. Dafür wurde ihm immerhin etwas gezahlt. Jedenfalls litt er nicht Not, ja er lebte nach Ostroggbegriffen sogar „reich“, doch sparte er sein Geld und lieh es auf Pfänder dem ganzen Ostrogg, selbstverständlich gegen sehr hohe Prozente. Er besaß einen eigenen Ssamowar, eine gute Matratze, Tassen und ein ganzes Eßgeschirr. Die Juden der Stadt verließen ihn auch nicht mit ihrer Bekanntschaft und Gönnerschaft. Jeden Sonnabend ging er mit einer Eskorte in das städtische Bethaus – was vom Gesetz den Gefangenen erlaubt ist – und lebte glücklich und zufrieden, und erwartete nur mit Ungeduld die Beendigung seiner zwölfjährigen Strafzeit, um dann zu „aheiraten“. Es war in ihm eine unsäglich komische Mischung von Naivität, Dummheit, Schlauheit, Frechheit, Gutmütigkeit, Zaghaftigkeit, Prahlsucht und offenbarer Gemeinheit. Es wunderte mich, daß die Arrestanten ihn gar nicht verspotteten, höchstens ihn einmal zur Belustigung etwas neckten. Issai Fomitsch diente augenscheinlich der ganzen Gesellschaft zur Zerstreuung und ewigen Erheiterung. „Laßt unseren Issai Fomitsch in Ruh, er ist unser einziger!“ sagten sie lachend, und Issai Fomitsch, der sehr gut begriff, um was es sich handelte, war ersichtlich stolz auf seine Bedeutung, was die Arrestanten nicht wenig belustigte. Seine Ankunft im Ostrogg, noch vor mir, muß zum Sterben komisch gewesen sein. Man hat sie mir später geschildert.
Eines schönen Tages verbreitete sich im Ostrogg kurz nach der Rückkunft der Arrestanten von der Nachmittagsarbeit das Gerücht, daß man einen Juden gebracht habe, ihn in der Wachstube soeben rasiere, und daß er sofort erscheinen würde. Bis dahin hatte es in unserem Ostrogg noch keinen Juden gegeben. Die Arrestanten erwarteten ihn in größter Ungeduld und umringten ihn sofort, kaum daß er durch das Tor eingetreten war. Der Unteroffizier führte ihn in die Kaserne und wies ihm einen Platz auf der Pritsche an. Im Arm hielt Issai Fomitsch einen Sack, in dem er die ihm eingehändigten Arrestantenkleider und seine eigenen Habseligkeiten untergebracht hatte. Zaghaft stellte er den Sack hin, kletterte behende auf die Pritsche, setzte sich und zog geschwind die Beine unter, ohne dabei in seiner Angst zu wagen, auch nur einmal aufzublicken. Rings um ihn standen die Arrestanten, lachten und machten ihre Witze über das Häufchen Unglück und namentlich über seine hebräischen Vorzüge. Plötzlich drängte sich durch den dichten Haufen ein junger Arrestant, mit seinen ältesten, schmutzigen und zerrissenen Sommerhosen und einem Paar alter Fußlappen unterm Arm, die zum Überfluß noch Staatseigentum waren. Er setzte sich neben Issai Fomitsch auf die Pritsche und schlug ihn auf die Schulter:
„Na, alter Freund, dich hab ich ja grad schon sechs Jahre lang erwartet. Sieh mal, hier – was gibst du dafür?“
Und er hielt ihm die mitgebrachten Lumpen hin.
Issai Fomitsch, der seit dem Eintritt in den Ostrogg dermaßen verschüchtert war, daß er nicht einmal seinen Blick bis zu diesen höhnischen, verunstalteten, entsetzlichen Gesichtern der ihn wie eine Mauer umringenden furchtbaren Gesellen zu erheben und in seiner Angst noch keinen Laut von sich zu geben gewagt hatte, – fuhr beim Anblick eines Pfandes wie neubelebt auf und begann gewandt die Lumpen zu untersuchen: er hielt sie prüfend gegen das Licht und befühlte sie geschäftig von allen Seiten. Alle warteten, was er sagen würde.
„Na, einen Rubel in Silber wirst du wohl nicht geben? Und doch sind sie ja noch mindestens soviel wert!“ fuhr der Arrestant fort und blinzelte dem Issai Fomitsch zu.
„Einen Ssilberrubel kann ich nich, aber ich werd geben sieben Kopeken.“
Das waren die ersten Worte, die Issai Fomitsch im Ostrogg gesprochen hatte. Alles wälzte sich vor Lachen.
„Sieben! Na, dann gib die sieben meinetwegen her. Hast du aber heute Glück! Sieh nur zu, daß du das Pfand gut aufbewahrst, du haftest mir mit deinem Kopf dafür!“
„Und Perzent noch drei Kopeken, macht zehn Kopeken,“ fuhr das Jüdchen mit zitternder Stimme fort, indem er die Hand in die Tasche versenkte und ängstlich nach allen Seiten lugte. Groß war seine Angst, aber noch größer war die Lust, das Geschäftchen abzuwickeln.
„Wie, für das ganze Jahr drei Kopeken Prozent?“
„Nein, nicht fir ’n ganzen Jahr, fir ’n Monat wird’s sein.“
„Du bist ein Knicker, Israel. Übrigens, wie heißt du?“
„Issai Fomitz.“
„Na, Issai Fomitsch, du wirst es bei uns noch weit bringen. Leb wohl.“
Issai Fomitsch besah noch einmal das Pfand, faltete es dann sorgfältig zusammen und schob es in seinen Sack, – unter dem anhaltenden Gelächter der übrigen.
Man hatte ihn tatsächlich gewissermaßen gern und niemand tat ihm etwas zuleide, obgleich sie ihm alle schuldeten.
Friedfertig war er wie ein Huhn, und da er die allgemeine Zuneigung zu sich sehr wohl bemerkte, schöpfte er bald Mut, tat es aber mit so einfältiger Komik, daß ihm sofort alles verziehen wurde. Lutschka, der in seinem Leben viele Juden gekannt hatte, zog ihn nicht selten auf, doch tat er es ohne jede Bosheit, einfach nur so, zur Zerstreuung, ungefähr wie man mit einem Hündchen spielt, mit einem Papagei, mit abgerichteten Tieren, oder ähnlichen Dingen, was Issai Fomitsch sehr wohl merkte, weshalb er sich auch nie gekränkt fühlte, und worauf er sogar sehr schlagfertig zu entgegnen wußte.
„Ei, Jude, sieh dich vor, ich werde dich noch durchhauen!“
„Sslägst du mir einmal, so sslag ich dir zehnmal,“ versetzte Issai Fomitsch kreuzfidel.
„Du Lausbub!“
„Meinetwegen auch e Lausbub, kann nicht schaden.“
„Grindiger Jude!“
„Warum soll mir nicht sein auch grindig? Wenn auch grindig, so doch reich! Wenn man nur Kopekens hat.“
„Hast Christus verkauft!“
„Meinetwegen. Warum auch nicht.“
„Bravo, Issai Fomitsch, du hast den Mund auf dem rechten Fleck! Laßt unseren Issai Fomitsch in Ruh, er ist unser einziger!“ schreien lachend die Arrestanten.
„Ei, Jude, wirst dir noch die Peitsche verdienen, nach Sibirien kommen.“
„Fir was, da sein mir schon.“
„Wirst noch weiter fortgeschickt werden.“
„Warum nich. Is Gott der Herr auch dort ssu Haus?“
„Zu Haus ist er dort schon ...“
„Nu, is gutt. Hat man nur Gott den Herrn und Kopekens, so wird sein iberall gutt ssu leben.“
„Bravo, Issai Fomitsch, da sieht man, daß du ein wackerer Bursch bist!“ riefen ihm die anderen lachend zu – und wenn Issai Fomitsch auch sieht, daß über ihn gelacht wird, so ist er doch mutig und stolz.
Das allgemeine Lob bereitet ihm offenbar Vergnügen und hebt seine Lebensgeister dermaßen, daß er plötzlich mit seiner dünnen Falsettstimme aus der höchsten Fistel zu singen beginnt: lä lä lä lä lä! – irgend ein verrücktes und urkomisches Motiv, das einzige Lied – ohne Worte, – das er während der ganzen Dauer seiner Kátorga gesungen hat. Als er mit mir späterhin etwas näher bekannt wurde, versicherte er mir hoch und heilig, ja er schwor sogar, daß dieses Lied jenes selbe sei, das alle sechsmalhunderttausend Juden, der kleinste wie der größte, beim Durchmarsch durch das rote Meer gesungen hätten, und daß das Gesetz jedem Israeliten befehle, dieses Lied im Augenblick des Triumphes über die besiegten Feinde mit lauter Stimme zu singen.
An jedem Freitagabend kamen viele in unsere Kaserne zum Besuch, um zu sehen, wie Issai Fomitsch betete. Issai Fomitsch war dermaßen naiv eitel und ruhmsüchtig, daß diese allgemeine Neugier ihm gleichfalls Vergnügen bereitete. Mit pedantischer und übertriebener Wichtigkeit deckte er in der Ecke sein winzig kleines Tischchen, schlug sein Gebetbuch auf, zündete zwei Talglichte an und begann dann, unter dem Gemurmel von irgendwelchen geheimnisvollen Worten, sich in sein Betgewand einzuhüllen. Das war eine Art Überwurf aus buntem Wollenstoff, den er sorgfältig in seinem Kasten aufbewahrte. Er versah seine beiden Hände mit Handfesseln und auf dem Kopf, mitten auf der Stirn, befestigte er mittels eines Bandes ein kleines hölzernes Kästchen, so daß es aussah, als wüchse aus der Stirn Issai Fomitschs ein sonderbares Horn hervor.
Darauf begann das Beten. Er las in singendem Ton, schrie, spie, drehte sich um seine eigene Achse, machte wilde und sehr komische Gesten. Natürlich war das alles nach dem Ritus des Gebets vorgeschrieben und es wäre auch nichts Lächerliches oder Seltsames dabei gewesen: es war nur das bewußte Spiel Issai Fomitschs, der geschmeichelt uns freudig seine Vorstellung gab, und daß er auf seinen ganzen Ritus so stolz war, was so unsäglich komisch wirkte. Entweder bedeckt er plötzlich seinen Kopf mit beiden Händen und liest wie eine Maschine; das Schluchzen wird immer stärker, bis er schließlich, wie in Schmerz vergehend, aufheulend mit dem horngeschmückten Kopf auf sein Buch niederfällt. Doch mitten in der größten Verzweiflung, im stärksten Geheul – bricht er plötzlich in frohlockendes Gelächter aus und halb singend liest er weiter mit einer in übergroßer Seligkeit gleichsam vergehenden Stimme.
„Dem geht es aber nah!“ meinten dann die Arrestanten unter sich.
Einmal fragte ich Issai Fomitsch, was dieses Schluchzen und dieser plötzliche Übergang zu Glück und Seligkeit zu bedeuten hatten. Solche Fragen von mir waren ihm äußerst angenehm und er erklärte mir sofort, daß das Weinen und Heulen den Gedanken an den Verlust Jerusalems bedeute und daß ihr Gesetz ihnen vorschreibe, bei diesem Gedanken so laut als möglich zu schluchzen und sich vor die Brust zu schlagen. Im Augenblick des größten Schmerzes aber müsse er sich gleichsam unwillkürlich und ganz _plötzlich_ – diese Plötzlichkeit sei gleichfalls durch das Gesetz vorgeschrieben, – erinnern, daß es eine Prophezeiung von der Rückkehr aller Juden nach Jerusalem gebe. Dann müsse er _sofort_ in Freudegeschrei, Lieder und frohlockendes Gelächter ausbrechen und die Gebete mit einer Stimme, die möglichst viel Glück, und mit einem Gesicht, das möglichst viel Feierlichkeit und Edelmut ausdrückt, weiterlesen. Dieser plötzliche Übergang und das unbedingte Muß dieses Überganges gefielen Issai Fomitsch ungeheuer: er sah darin ein ganz besonders kniffliches Kunststück und teilte mir mit auffallend selbstbewußter Miene diese außerordentliche geistliche Vorschrift seines Gesetzes mit.