Sämtliche Werke 18

Part 14

Chapter 143,823 wordsPublic domain

Desgleichen vermag ich nicht zu sagen, aus welchem Grunde es mir fortwährend schien, daß er gar nicht im Ostrogg lebte, sondern irgendwo ganz weit von uns in einem anderen Hause, in der Stadt vielleicht, und den Ostrogg nur im Vorübergehen besuchte, etwa um Neuigkeiten zu erfahren, mit mir ein paar Worte zu wechseln, und so ein wenig zu sehen, wie wir alle es eigentlich machten. Er schien es immer eilig zu haben, ganz als hätte er jemand nur auf einen Augenblick verlassen und werde von ihm erwartet, als wäre er irgendwo mit irgend etwas noch nicht fertig geworden und müsse hineilen, um es zu beenden. Dabei aber schien er sich wiederum doch nicht gar zu sehr zu beeilen. Auch sein Blick war eigentümlich: aufmerksam, unbeweglich, mit einem Schimmer von Dreistigkeit und etwas Spott, doch blickte er dabei, wie es schien, gleichsam in die Ferne, gleichsam durch den Gegenstand hindurch: als bemühte er sich, hinter dem Gegenstande, der vor ihm stand, noch einen anderen, weiter gelegenen zu betrachten. Das verlieh ihm ein zerstreutes Aussehen. Zuweilen gab ich absichtlich acht darauf, wohin Petroff ging, wenn er mich verließ, und wo er denn eigentlich so erwartet wurde. Er aber begab sich von mir eilig in irgend eine Kaserne oder in eine Küche, setzte sich dort neben ein paar anderen hin, die sich unterhielten, hörte ihnen aufmerksam zu, trat mitunter sogar selbst in ein Gespräch, sprach sogar sehr eifrig, bis er dann plötzlich wieder abbrach und verstummte. Doch ob er sprach oder ob er stillschweigend saß, man sah es ihm immer an, daß er es nur so im Vorübergehen tat und dort irgendwo etwas zu tun hatte und erwartet wurde. Am sonderbarsten war aber dabei, daß er überhaupt keine Beschäftigung hatte, er lebte in vollständigem Müßiggang – natürlich abgesehen von der Zwangsarbeit. Ein Handwerk verstand er nicht und auch Geld besaß er fast nie. Doch machte er sich um das Geld auch nicht viel Sorgen.

Worüber er mit mir sprach?

Die Gespräche, die er mit mir anknüpfte, waren ebenso seltsam wie er selbst. Sah er, zum Beispiel, daß ich allein hinter den Kasernen war, so wandte er sich plötzlich hastig zu mir um. Er ging stets schnell und machte brüske Wendungen. Kam er auch im Schritt auf einen zu, so schien es doch, als ob er liefe.

„Guten Tag.“

„Guten Tag.“

„Störe ich Sie nicht?“

„Nein.“

„Ich wollte Sie etwas über Napoleon fragen. Er ist doch ein Verwandter von dem, der im Jahre zwölf in Rußland war?“

Petroff war Kantonist gewesen und hatte Lesen und Schreiben gelernt.

„Ja, er ist sein Neffe.“

„Was ist er denn da für ein Präsident?“

Er fragte immer sehr schnell und kurz, als müsse er möglichst bald das Gewünschte erfahren, als müsse er sich in einer sehr wichtigen Sache, die nicht den geringsten Aufschub duldet, eines besonderen Umstandes vergewissern.

Ich erklärte es ihm, was für ein Präsident Napoleon war, und fügte noch hinzu, daß er vielleicht bald Kaiser werden würde.

„Wie denn das?“

Ich erklärte ihm auch dies, so gut ich konnte. Petroff hörte aufmerksam zu, begriff es vollkommen und begriff schnell, und hielt beim Zuhören wie gewöhnlich das Ohr zu mir geneigt.

„Hm ... Ich wollte Sie, Alexander Petrowitsch, fragen, – ist es wahr, daß es solche Affen gibt, deren Hände, wie man sagt, bis zu den Fersen reichen und die so groß sind wie der größte Mensch?“

„Ja, es gibt solche.“

„Was sind denn das für welche?“

Ich beantwortete ihm, so gut ich konnte, auch diese Frage.

„Und wo leben sie denn?“

„In den heißen Ländern. Auf der Insel Sumatra zum Beispiel.“

„Das ist doch in Amerika, nicht wahr? Aber wie ist das, man sagt, dort sollen die Menschen mit dem Kopf nach unten umhergehen?“

„Nicht mit dem Kopf nach unten ... Sie meinen die Antipoden.“

Ich erklärte ihm, was Amerika ist, wo es liegt und nach Möglichkeit auch, was man unter Antipoden versteht. Er hörte wieder ungewöhnlich aufmerksam zu, ganz als wäre er einzig wegen der Antipoden gekommen.

„Ah so! Aber da hab ich im vergangenen Jahr von der Gräfin Lavallière gelesen, von dem Adjutanten Andrejeff hatte ich das Buch mitgebracht. Ist das nun alles wahr, oder nur so – ausgedacht? Von Dumas geschrieben.“

„Selbstverständlich erdacht.“

„Nun, Adieu. Besten Dank.“

Und Petroff verschwand.

Wir haben tatsächlich nie anders gesprochen, als in dieser Weise.

Ich versuchte Erkundigungen über ihn einzuziehen. Als ich M. von meiner neuen Bekanntschaft Mitteilung machte, warnte er mich. Er sagte mir, viele Arrestanten hätten in ihm Furcht erweckt, besonders in den ersten Tagen nach seiner Ankunft im Ostrogg, doch kein einziger von ihnen, nicht einmal Gasin, habe einen so entsetzlichen Eindruck auf ihn gemacht, wie dieser Petroff.

„Er ist der Entschlossenste, der Furchtloseste von ihnen allen,“ sagte M. „Er ist zu allem fähig; er wird vor nichts zurückschrecken, wenn er sich einmal etwas in den Kopf setzt. Er würde auch Sie ermorden, wenn es ihm einmal einfallen sollte, ohne jede Ursache, ganz einfach, weil er eben ermorden will, und er wird dabei weder mit der Wimper zucken noch nachträglich irgend welche Reue darüber empfinden. Ich glaube sogar, daß er nicht bei vollem Verstande ist.“

Diese Auskunft erweckte noch lebhafter mein Interesse. Doch M. wußte selbst nicht zu sagen, warum es ihm so schien. Und sonderbar: noch mehrere Jahre sprach ich mit Petroff fast täglich, und die ganze Zeit war er mir aufrichtig zugetan – obgleich ich entschieden nicht weiß, aus welchem Grunde er es war – und während all dieser Jahre, in denen er übrigens vernünftig und ruhig im Ostrogg lebte und so gut wie nichts Schlechtes beging, überzeugte ich mich doch jedesmal, wenn ich ihn ansah oder mit ihm sprach, daß M. recht hatte und Petroff vielleicht wirklich der entschlossenste und furchtloseste Mensch war, der keine einzige Schranke über sich kannte. Doch warum es mir so schien – darüber vermag ich gleichfalls nicht Rechenschaft zu geben.

Ich muß noch bemerken, daß dieser Petroff es gewesen war, der unseren Platzmajor hatte erstechen wollen, als er bestraft werden sollte: jener wurde nur „durch ein Wunder“, wie die Arrestanten sagten, gerettet, da er gerade noch vor dem kritischen Augenblick davongefahren war. Früher einmal, noch vor der Kátorga, hatte ihn sein Oberst beim Exerzieren geschlagen. Wahrscheinlich war er auch vorher schon geschlagen worden, doch diesmal wollte er es sich nicht wieder gefallen lassen und erstach seinen Oberst mit dem Bajonett, erstach ihn vor der Front, ganz offen, mitten am Tage. Übrigens kenne ich seine ganze Geschichte nicht so genau; er hat sie mir niemals erzählt. Doch das waren natürlich nur kurze Ausbrüche, in denen sich plötzlich seine ganze Natur restlos offenbarte, und diese Ausbrüche waren immerhin sehr selten. Er war sonst wirklich ein verständiger und sogar friedsamer Mensch. Gewiß waren Leidenschaften in ihm, und sogar mächtige, brennende; aber die glühenden Kohlen waren beständig mit Asche bedeckt und glommen unsichtbar. Niemals habe ich auch nur einen Schatten von Prahlerei oder Eitelkeit an ihm wahrgenommen, wie bei den anderen. Selten nur stritt er, doch war er auch mit niemandem besonders befreundet, allenfalls noch mit Ssirotkin, aber auch das nur dann, wenn er seiner bedurfte. Übrigens einmal habe ich ihn doch ernstlich erzürnt gesehen. Man wollte ihm irgend etwas nicht geben, irgend einen Gegenstand, ich glaube, man hatte ihn übervorteilt. Sein Gegner war einer der stärksten Arrestanten, ein großer, händelsüchtiger Spötter und längst kein Feigling, Wassilij Antonoff mit Namen, ein ehemaliger Kleinbürger. Sie hatten schon längere Zeit gestritten und ich fürchtete, daß die Sache kaum mit gewöhnlichen Faustschlägen erledigt werden würde, denn wenn Petroff auch selten stritt und prügelte, so tat er es doch, wenn er es einmal tat, nicht wie die anderen Arrestanten. Diesmal aber kam es anders: Petroff erbleichte plötzlich, seine Lippen erbebten und wurden blau – er atmete schwer. Dann erhob er sich von seinem Platz und näherte sich langsam, ganz langsam, unhörbar mit seinen bloßen Füßen – im Sommer ging er mit Vorliebe barfuß – seinem Widersacher. In der ganzen geräuschvollen Kaserne wurde es still, alles verstummte; selbst das Summen einer Mücke hätte man gehört. Alle warteten darauf, was jetzt geschehen würde. Da sprang Antonoff von seinem Platz auf, sein Gesicht war nicht wiederzuerkennen ... Ich hielt es nicht aus und verließ die Kaserne. Ich glaubte, ich würde kaum über die Schwelle getreten sein ... und der letzte Schrei eines ermordeten Menschen müßte mich erreichen. Doch es kam nicht dazu: Antonoff hatte, noch bevor Petroff an ihn herangekommen war, plötzlich wortlos den Gegenstand ihm zugeworfen. Es handelte sich um ein erbärmliches Stück Zeug, um irgendwelche Fußlappen, wenn ich mich recht entsinne. Natürlich mußte Antonoff ihn jetzt noch etwas ausschimpfen, was er hauptsächlich zur Erleichterung seines Herzens und des Anstandes halber tat, damit die anderen nicht etwa glauben sollten, er habe Angst vor ihm gehabt. Doch Petroff schenkte dem Geschimpfe überhaupt keine Beachtung, ja er antwortete jenem nicht einmal: ihm war es nicht um das Schimpfen zu tun und außerdem war er ja der gewinnende Teil. Er war sehr zufrieden und nahm seine alten Lumpen wieder an sich. Nach einer Viertelstunde strich er schon wie gewöhnlich im Ostrogg umher, mit dem Ausdruck völliger Beschäftigungslosigkeit, und als warte er, ob nicht irgendwo von etwas Interessanterem gesprochen wurde, um dann auch seine Nase hineinzustecken und zuzuhören. Ihn interessierte, wie es schien, alles, doch weiß ich nicht, wie es kam, daß ihn alles im Grunde gleichgültig ließ und er sich nur so umhertrieb, bald hierhin, bald dorthin. Man hätte ihn mit einem Arbeiter vergleichen können, mit einem guten Arbeiter, dem man aber vorläufig keine Arbeit gibt: und da sitzt er denn in Erwartung derselben und spielt mit kleinen Kindern. Auch begriff ich nicht, weshalb er im Ostrogg blieb und nicht entfloh? Er hätte keinen Augenblick gezögert, zu entfliehen, sobald er es nur wirklich gewollt hätte. Solche Menschen, wie Petroff, werden nur solange von der Vernunft regiert, bis sie plötzlich irgend etwas wollen. Dann aber kann sie nichts in der Welt mehr aufhalten. Und ich bin überzeugt, daß er, geschickt und schlau wie er war, zu entfliehen verstanden hätte, und daß es ihm nichts ausgemacht haben würde, eine ganze Woche ohne Brot im Walde oder am Flußufer im Schilf zu verbringen. Augenscheinlich war er jedoch überhaupt noch nicht auf diesen Gedanken gekommen und konnte daher auch nicht so etwas wollen. Eine große Urteilskraft oder ein besonderer Menschenverstand ist mir niemals an ihm aufgefallen. Diese Menschen werden gleichsam mit einer einzigen Idee geboren, die sie ihr ganzes Leben lang bald hierhin, bald dorthin bewegt, und so treiben sie sich ihr ganzes Leben lang umher, bis sie eine Tätigkeit finden, die ihnen vollständig zusagt; dann aber ist es ihnen auch um die Erhaltung ihres Kopfes nicht mehr zu tun. Es wunderte mich, wie ein solcher Mensch, der für gewöhnliche Schläge seinen Oberst aufgespießt hatte, sich bei uns widerspruchslos unter die Ruten legte. Er wurde zuweilen dazu verurteilt, wenn er beim Branntweinschmuggel abgefaßt worden war. Wie alle beschäftigungslosen Arrestanten versuchte auch er es bisweilen, Branntwein durchzuschmuggeln. Doch auch unter die Ruten beugte er sich gleichsam mit seinem vollen Einverständnis, d. h. als hatte er eingesehen, daß es recht war; anderenfalls hätte er es nie und nimmer getan, eher hätte man ihn totschlagen können. Ebenso wunderte es mich, wenn er mich trotz seiner ganzen aufrichtigen Zuneigung bestahl. Er war es auch, der mir meine Bibel stahl, die ich ihm gegeben hatte, damit er sie an ihren alten Aufbewahrungsort bringen sollte. Der Weg war nur wenige Schritte lang, doch trotzdem war es ihm gelungen, unterwegs einen Käufer zu finden, sie zu verkaufen und das Geld sogleich zu vertrinken. Sicherlich muß das Verlangen zu trinken schon gar zu groß in ihm gewesen sein, was er aber _sehr_ wollte, das _mußte_ natürlich getan werden. Ja, das sind solche, die einen Menschen wegen fünfundzwanzig Kopeken ermorden, um für diese Kopeken ein Maß Branntwein trinken zu können, während er zu einer anderen Zeit sich eine Summe von Hunderttausend entgehen läßt. Am Abend desselben Tages meldete er mir noch selbst seinen Diebstahl, tat es aber ohne die geringste Verwirrung oder Reue, vielmehr vollkommen freundlich, als wäre es eine ganz gewöhnliche Mitteilung gewesen. Ich versuchte, ihn gehörig auszuschelten – auch tat mir meine Bibel leid. Er hörte mir in aller Seelenruhe zu, saß ganz friedlich und rührte sich nicht; er gab vollkommen zu, daß die Bibel ein sehr nützliches Buch sei, es tat ihm auch aufrichtig leid, daß ich sie nicht mehr besaß, doch tat es ihm dabei nicht im geringsten leid, daß _er_ sie mir gestohlen hatte. Er sah mich mit einem solchen Selbstbewußtsein an, daß ich sofort aufhörte, ihn zu schelten. Mein Schelten aber nahm er ruhig hin, wahrscheinlich in der Erwägung, daß es doch nicht gut ginge, ihn dafür nicht zu schelten: „folglich mag es nur geschehen“ – mit anderen Worten: „kann er sich ausschimpfen, so beruhigt er sich schneller, also mag er nur; im Grunde aber ist das ja doch nur Unsinn, ein solcher Unsinn, daß ein ernster Mensch sich eigentlich schämen müßte, über so etwas auch noch Worte zu verlieren.“ Ja, es will mir sogar scheinen, daß er mich überhaupt nur für ein Kind gehalten hat, wenn nicht gar für einen noch ganz kleinen Säugling, der nicht einmal die einfachsten Dinge der Welt begreift. Zum Beispiel, wenn ich als erster ihn anredete und nicht von Wissenschaft oder Büchern sprach, so antwortete er mir zwar, doch tat er es gleichsam nur aus Höflichkeit und beschränkte sich auf die kürzesten Erwiderungen. Oft fragte ich mich, wozu er dieser Bücherweisheit bedurfte, in der er sich durch mich gewöhnlich unterrichten ließ. Es kam vor, daß ich ihn während dieser Gespräche nicht selten von der Seite ansah: wollte er sich über mich lustig machen? Doch nein, das war es nicht. Gewöhnlich hörte er mir ernst und aufmerksam zu, aber im Grunde doch nicht allzu aufmerksam, und dieser letztere Umstand verdroß mich nicht selten. Seine Fragen stellte er stets sehr genau, bestimmt, doch über die von mir erhaltene Auskunft schien er sich weiter nicht zu wundern, ja er vernahm sie fast zerstreut. Auch schien es mir, daß er in Bezug auf mich sich überzeugt hatte – und zwar ohne sich lange den Kopf darüber zu zerbrechen –, daß man mit mir nicht wie mit anderen Menschen sprechen könne, daß ich, ausgenommen von Büchern, nichts verstehen würde, ja nicht einmal fähig wäre, zu verstehen, und es sich folglich gar nicht lohne, mich mit anderen Dingen zu beunruhigen.

Und doch bin ich überzeugt, daß er mich sogar wirklich gern hatte, worüber ich nicht wenig erstaunt war. Hielt er mich etwa für einen unausgewachsenen, nicht vollen Menschen, oder hatte er ein besonderes Mitleid mit mir, das jedes starke Wesen instinktiv einem schwächeren gegenüber empfindet, und hatte er mich für ein solches angesehen – ich weiß es nicht. Und wenn ihn alle diese eventuellen Gefühle auch nicht abhielten, mich zu bestehlen, so bin ich doch fest überzeugt, daß er, während er stahl, mich bemitleidete.

„Ach,“ dachte er vielleicht in dem Augenblick, als er sich mein Eigentum aneignete, „was ist denn das für ein Mensch, der nicht einmal für sein Hab und Gut einstehen kann!“

Aber gerade deshalb hatte er mich lieb. Er sagte es mir einmal sogar selbst – wohl halb aus Versehen –, daß ich ein „schon gar zu gutes Herz“ habe, und „Sie sind ein so treuherziger Mensch, so treuherzig, daß man mit Ihnen wirklich nur Mitleid haben kann. Nur müssen Sie das, Alexander Petrowitsch, nicht als Kränkung auffassen,“ fügte er nach einer Minute hinzu, „ich habe es doch nur so gesagt, aus dem Herzen heraus.“

Mit solchen Leuten geschieht es gewöhnlich im Leben, daß sie plötzlich scharf und groß hervortreten und im Augenblick einer großen allgemeinen Aktion oder Revolution ihren vollen Ausdruck finden und mit einem Schlage in ihre eigenste Tätigkeit hineinkommen. Sie sind nicht Männer des Wortes und können nicht die Anstifter oder die Hauptführer der Sache sein, doch dafür sind sie die Hauptvollbringer der Tat und sind die ersten, die anfangen. Sie fangen ganz einfach an, ohne besonderes Aufsehen zu erregen, doch sind sie die ersten, die über das größte Hindernis ohne zu zögern und furchtlos hinübertreten, allen Gefahren entgegen – und siehe, alle stürzen ihnen nach und folgen ihnen blindlings, und so gehen sie bis zur letzten Grenze, bis zur letzten Mauer ... wo sie dann gewöhnlich auch ihre Köpfe niederlegen.

Ich glaube nicht, daß Petroff gut geendet hat. Im Leben dieser Menschen kommt gewöhnlich ein Augenblick, in dem sie mit einemmal alles beenden, und wenn Petroff noch nicht untergegangen war, so sagte das nur, daß sein Augenblick noch nicht gekommen war. Übrigens, was kann man wissen? Vielleicht wird er noch bis zum Silberhaar leben und seelenruhig vor Altersschwäche sterben, bis dahin aber immer noch ziellos hierhin und dorthin schlendern. Aber es scheint mir doch, daß M. recht hatte, als er sagte, Petroff sei der entschlossenste Mensch im ganzen Ostrogg.

VIII.

Entschlossene Menschen. Lutschka

Von den entschlossenen Menschen ist schwer etwas Bestimmtes zu sagen. In der Kátorga gab es ihrer, wie überall, ziemlich wenig. Dem Ansehen nach allerdings ist manch einer ein furchterweckender Mensch, und denkt man daran, was von ihm erzählt wird, so geht man im Bogen um ihn herum. Irgend ein unbestimmbares Gefühl veranlaßte mich anfänglich, diese Menschen soviel als möglich zu meiden. Späterhin dagegen habe ich meine Ansicht selbst über die furchtbarsten Mörder geändert. Manch einer, der überhaupt nicht gemordet hatte, war tausendmal furchtbarer, als einer, der wegen sechs Mordtaten verschickt war. Es gab auch Verbrechen, die man sich überhaupt nicht erklären konnte, dermaßen seltsam waren sie. Ich sage dieses hauptsächlich aus dem Grunde, weil bei uns unter dem einfachen Volke viele Verbrechen aus den wunderlichsten Veranlassungen begangen werden. So findet man zum Beispiel sehr häufig folgenden Mördertyp: Der Mensch lebt irgendwo ganz ruhig und friedlich. Er hat es schwer, – er leidet. Nehmen wir an, er ist ein Landbauer, oder ein Höriger, oder ein Bürger, oder auch ein Soldat. Plötzlich ist ihm irgend etwas in die Quere gekommen: er hat es nicht mehr ausgehalten und seinen Feind und Bedrücker erstochen. Nun aber beginnt das Seltsame: der Mensch scheint für eine Zeitlang völlig aus Rand und Band zu sein. Der erste, den er ermordet hat, war sein Feind gewesen; der Mord ist, wenn auch ein Verbrechen, so doch begreiflich, es war eine Veranlassung zu dieser Tat vorhanden. Dann aber tötet er nicht nur seine Feinde, sondern den ersten Besten, tötet nur zu seinem Vergnügen, tötet wegen eines groben Wortes, wegen eines Blickes, oder einfach –: „Aus dem Wege, sollst mir nicht entgegenkommen, ich gehe!“ Als wäre der Mensch plötzlich trunken oder als täte er es halb bewußtlos im Fieber. Ganz als fände er, der schon einmal über die Grenze des heiligen Gebots hinübergesprungen ist, bereits Gefallen daran, daß es für ihn nichts Heiliges mehr gibt; ganz als triebe es ihn, mit einemmal über alle Gesetze und alle Macht hinwegzutreten und in der zügellosesten, unbegrenztesten Freiheit zu schwelgen, zu schwelgen in diesem Ersterben des Herzens vor einem Entsetzen, das er unmöglich vor sich selbst nicht empfinden kann. Zudem weiß er nur zu gut, daß eine furchtbare Strafe ihn erwartet. Sein ganzer Zustand ließe sich vielleicht mit demjenigen eines Menschen auf einem hohen, hohen Turm vergleichen, der sich unwillkürlich in die Tiefe, die er vor seinen Füßen sieht, hinabgezogen fühlt, so daß er selbst schließlich froh wäre, sich mit dem Kopf voran hinunterstürzen zu können: nur hinab, und dann ist es geschehen! Und das findet man sogar bei den friedlichsten und bis dahin unauffälligsten Menschen. Einige von ihnen brüsten sich noch in diesem Zustande: je verschüchterter er früher war, umsomehr will er jetzt anderen Furcht einflößen. Diese Furcht der anderen vor ihm wird ihm fast ein Genuß, und selbst den Ekel, den er in ihnen erweckt, selbst den liebt er geradezu. Er gibt sich den Anschein einer gewissen Tollkühnheit, doch solch ein „Tollkühner“ wünscht mitunter selbst seine Strafe schneller herbei, wünscht, daß man ihn bald „erledige“, denn seine vorgespielte Tollkühnheit wird ihm selbst zuguterletzt schwer zu tragen. Interessant ist dabei gleichfalls, daß diese ganze Großtuerei größtenteils nur genau bis zum Schafott vorhält, dann aber ist sie plötzlich wie abgeschnitten: als wäre diese Frist durch ihre eigenen Gesetze bestimmt. Plötzlich ist der Mensch wie zerschmettert, wie in einen Lappen verwandelt. Auf dem Schafott greint er und bettelt um Verzeihung. Und im Ostrogg kann man sich nur über ihn wundern, wenn man ihn sieht: so ein kleinlautes Kerlchen mit einer schmutzigen Nase, daß man sich ganz erstaunt fragt: „Ist denn das wirklich derselbe, der fünf oder sechs Menschen ermordet hat?“

Natürlich, viele beruhigen sich auch im Ostrogg nicht so bald. Sie behalten immer noch eine gewisse Prahlsucht bei; ihr Gehaben ist, als wollten sie sagen: „Ich bin doch nicht das, was ihr glaubt, ich stehe ‚für sechse‘!“ Aber schließlich ergeben sie sich dennoch. Nur manches Mal erfreut er sich noch an seinen tollen Streichen, am wüsten Treiben, das „einmal in seinem Leben war“, als er noch zu den „Tollkühnen“ gehörte, und wenn er nur einen Neuling findet, erzählt er ihm gern mit der üblichen Wichtigkeit oder Würde von seinen früheren Heldentaten und macht sich mit Vergnügen breit vor ihm, – übrigens ohne es sich auch nur im geringsten anmerken zu lassen, wie gern er sie erzählt. „Seht doch, sozusagen, was ich für ein Mensch bin!“

Und mit welchem Raffinement diese eitle Vorsicht beobachtet wird, wie nachlässig und gleichgültig zuweilen solch eine Erzählung ist! Welch eine geschulte Geckenhaftigkeit sich in dem ganzen Ton und in jedem kleinsten Wort des Erzählers zeigt! Und wo hat dieses Volk das gelernt?

Einmal hörte ich – es war in den ersten Tagen an einem endlosen Abend –, als ich müßig und in quälenden Gedanken auf der Pritsche lag, eine von solchen Erzählungen mit an, und hielt in meiner Unerfahrenheit den Erzähler für einen außergewöhnlichen, schrecklichen Bösewicht, für einen eisernen Charakter, und war nahe daran, in Petroff nur ein Kind im Vergleich zu ihm zu sehen.

Das Thema der Erzählung war, wie er, Luka Kusmitsch, für Null und Nichts, d. h. einzig zu seinem persönlichen Vergnügen, einen Major „niedergemacht“ hatte. Dieser Luka Kusmitsch war dasselbe kleine, magere Männlein mit der spitzen Nase, ein junger Arrestant unserer Kaserne, von dem ich schon einmal gesprochen habe. Er war Kleinrusse, oder vielmehr Großrusse und nur im Süden geboren, als Höriger oder Leibeigener, glaube ich. In dem ganzen Kerlchen war etwas Spitzes, Anmaßendes: „Klein ist das Vöglein, doch scharf sind die Krallen.“ Die Arrestanten aber durchschauen den Menschen instinktiv. Er wurde wenig geachtet, oder wie man in der Kátorga sagte: „Seiner wurde wenig geachtet.“ Er war ungeheuer selbstgefällig.

An jenem Abend saß er auf der Pritsche und nähte an einem Hemd. Das Wäschenähen war sein Handwerk. Neben ihm saß ein stumpfsinniger beschränkter Bursche, der aber sonst ein gutmütiger und freundlicher, großer und starker Junge war, Luka Kusmitschs Nachbar auf der Pritsche, der Arrestant Kobylin. Infolge ihrer Nachbarschaft stritt Lutschka sehr oft mit ihm und behandelte ihn überhaupt von oben herab, spöttisch und despotisch, was Kobylin in seiner Einfalt teilweise überhaupt nicht bemerkte. Er strickte einen wollenen Strumpf und hörte seinem Nachbar Lutschka gleichmütig zu. Dieser aber erzählte ziemlich laut und deutlich. Ersichtlich wünschte er, von allen gehört zu werden, obgleich er sich den Anschein zu geben bemühte, als erzähle er nur seinem Kobylin.