Part 13
Jetzt wird man auch begreifen, warum meine erste Frage nach dem Eintritt in den Ostrogg, wie ich schon erwähnte, gerade diese war: wie ich mich hier verhalten, wie ich mich zu diesen Menschen stellen sollte. Ich fühlte es schon im voraus, daß ich noch oft solche Zusammenstöße mit ihnen haben würde, wie an diesem ersten Arbeitstage. Doch ungeachtet aller Zusammenstöße, entschloß ich mich, meinen Verhaltungsplan nicht zu ändern, den ich mir inzwischen im großen ganzen schon ausgedacht hatte; ich wußte, daß er richtig war. Ich hatte eingesehen, daß man sich nach Möglichkeit natürlich und frei bewegen mußte, ohne sich besonders um eine Annäherung zu bemühen. Andererseits aber mußte man sie auch nicht vor den Kopf stoßen, wenn sie von sich aus eine Annäherung wünschten. Ich beschloß, ihre Drohungen und ihren Haß nicht zu fürchten und nach Möglichkeit mir den Anschein zu geben, als bemerke ich so etwas überhaupt nicht. Ferner, in gewissen Dingen sie sich immer fernzuhalten und niemals einige ihrer Angewohnheiten und Sitten zu billigen oder gegen sie auch nur nachsichtig zu sein; mit einem Wort – nicht mich ihnen aufzudrängen und nicht ihre intime Freundschaft zu suchen. Ich erriet schon auf den ersten Blick, daß sie mich anfangs dafür verachten würden, mußte ich doch gerade ihrer Meinung nach, wie ich es auch später aus unzweifelhaften Anzeichen ersah, in erster Linie meine adlige Herkunft wahren und hochhalten, nämlich: den Verzärtelten spielen, sie verabscheuen, wichtig tun, bei jedem Schritt zusammenklappen und die Hände pflegen. Das war ihre Vorstellung von einem Adligen. Sie hätten mich deswegen natürlich verspottet, innerlich aber doch dafür geachtet. Nein, eine solche Rolle sagte mir nicht zu. In diesem Sinne, wie sie den Adel auffaßten, bin ich nie ein Adliger gewesen. Dafür aber gab ich mir mein Wort, durch keine einzige Konzession weder meine Bildung noch meine Denkweise vor ihnen zu erniedrigen. Hätte ich angefangen, um ihnen zu gefallen, mich bei ihnen einzuschmeicheln, in allem ihrer Meinung zu sein, familiär mit ihnen umzugehen, und ihre „Eigenschaften“ mir anzueignen – nur um ihre Wohlgeneigtheit zu erwerben – so würden sie sofort geglaubt haben, ich täte es aus Furcht und Feigheit und sie hätten mich nur mit Verachtung behandelt. A–ff war kein Beispiel für das Gegenteil: er ging zum Major und daher fürchteten sie ihn, nicht er sie.
Andererseits wollte ich mich vor ihnen auch nicht hinter kalter und unnahbarer Höflichkeit verschanzen, wie es die Polen taten.
Ich sah es recht gut ein, daß sie mich verachteten, weil ich ebenso arbeiten wollte, wie sie, und mich vor ihnen nicht zierte und verstellte; und wenn ich auch genau wußte, daß sie späterhin gezwungen sein würden, ihre Meinung über mich zu ändern, so war mir doch der Gedanke, daß sie glauben mußten, ich wolle mich durch meine Arbeitswilligkeit bei ihnen einschmeicheln, geradezu eine Pein.
Als ich am Abend nach Beendigung der Nachmittagsarbeit müde und zerschlagen in den Ostrogg zurückkehrte, überkam mich wieder unerträgliche Sehnsucht.
„Wieviel Tausende solcher Tage stehen mir noch bevor,“ dachte ich, „alle ein und dieselben, alle ein und dieselben!“
Als die Dämmerung sich bereits dem Abend näherte, strich ich allein hinter den Kasernen umher. Da sah ich plötzlich unseren Scharik, wie er in gestrecktem Galopp auf mich zugerannt kam. Scharik war unser Ostrogghund, so wie es Kompagnie-, Bataillons- und Regimentshunde gibt. Er lebte schon seit langer, langer Zeit im Ostrogg, gehörte niemand und allen, hielt einen jeden für seinen Herrn und nährte sich von dem, was ihm aus der Küche zugeworfen wurde. Er war ein ziemlich großer Hund, schwarz mit weißen Flecken, ein echter Hofhund, nicht sehr alt, mit klugen Augen und buschiger Rute. Niemals hatte jemand das Tier gestreichelt, niemand auch nur die geringste Beachtung dem Tiere geschenkt. Schon am ersten Tage hatte ich Scharik gestreichelt und ihm Brot aus der Hand zu fressen gegeben. Als ich ihn streichelte, hatte er ganz still gestanden, freundlich mich angesehen und zum Zeichen seines Wohlbehagens langsam mit der Rute gewedelt. Jetzt aber, nachdem er mich, den ersten Menschen, dem es während seines ganzen Lebens eingefallen war, ihn zu streicheln, solange nicht gesehen hatte, war er überall herumgelaufen, um mich unter den anderen zu suchen – und als er mich nun hinter den Kasernen gefunden hatte, kam er heulend auf mich zugerannt. Ich weiß nicht mehr, was mit mir in jenem Augenblick geschah: ich umfaßte seinen Kopf und küßte ihn. Er setzte seine Vorderpfoten auf meine Schultern und leckte mir das Gesicht.
„Da habe ich jetzt einen Freund, den mir das Schicksal gesandt hat!“ dachte ich, und jedesmal, wenn ich in dieser ersten schweren Zeit von der Arbeit zurückkehrte, eilte ich, noch bevor ich in die Küche ging, hinter die Kasernen, um dort den an mir emporspringenden, vor Freude heulenden Scharik zu umfassen und immer wieder seinen Kopf zu küssen, während ein süßes und doch zugleich quälend bitteres Gefühl mein Herz bedrückte. Und ich entsinne mich noch, es war mir sogar angenehm, zu denken, gleichsam als wäre ich vor mir selbst auf meine Qual stolz gewesen, daß mir in der ganzen Welt nur noch ein einziges lebendes Wesen geblieben war, das mich liebte und mir zugetan war, – mein Freund, mein einziger Freund, mein treuer Hund Scharik.
VII.
Neue Bekanntschaften. Petroff
Doch die Zeit verging und allmählich lebte ich mich ein. Die alltäglichen Erscheinungen in meinem neuen Leben nahm ich mit jedem Tage gleichmütiger hin. Die verschiedenen Ereignisse, die Umgebung, die Menschen – alles wurde dem Auge schließlich zum Überdruß. Sich mit diesem Leben auszusöhnen, war unmöglich, doch es als eine vollendete Tatsache hinzunehmen, war nachgerade Zeit. Alles Nichtverstehenkönnen, das noch in mir geblieben war, verbarg ich so tief als möglich in meinem Innersten. Ich strich nicht mehr wie ein Verlorener im Ostrogg umher und ich bemühte mich, durch nichts meine Qual zu verraten. Die gierig neugierigen Blicke der Arrestanten blieben nicht mehr so oft auf mir haften, sie folgten mir nicht mehr mit einer so absichtlich hervorgekehrten Frechheit. Offenbar hatten auch sie sich an mich gewöhnt, worüber ich mich aufrichtig freute. Im Ostrogg bewegte ich mich bald wie im eigenen Hause, kannte meinen Platz auf den Pritschen und hatte mich allem Anscheine nach selbst an solche Dinge gewöhnt, an die mich zu gewöhnen ich anfänglich für vollkommen ausgeschlossen gehalten hatte.
Regelmäßig einmal in der Woche ließ ich die eine Hälfte meines Kopfes rasieren. Jeden Sonnabend in der Feierabendzeit wurden wir zu dem Zweck der Reihe nach auf die Wachtstube gerufen. Dort seiften uns die Regimentsbarbiere mit kaltem Seifenschaum ein und kratzten uns erbarmungslos mit ihren Rasiermessern, die noch viel stumpfer als stumpf waren, so daß es mir auch jetzt noch bei dem bloßen Gedanken an diese Folter kalt über den Rücken läuft. Wer sich nicht rasieren ließ, trug selbst die Verantwortung. Übrigens fand sich bald ein zweckmäßiges Mittel gegen diese Qual: Akim Akimytsch empfahl mir einen Arrestanten, einen ehemaligen Soldaten, der für eine Kopeke mit seinem eigenen Rasiermesser barbierte und daraus ein Handwerk machte. Viele gingen zu ihm, um nicht den Regimentsbarbieren in die Hände zu kommen, und doch war das Volk sonst nicht verwöhnt.
Unser Arrestantenbarbier wurde „Major“ genannt, – warum, weiß ich nicht, und was gerade an ihm dem Major gleichen sollte, weiß ich gleichfalls nicht zu sagen. Ich erinnere mich seiner noch lebhaft: groß und lang war er, hager, schweigsam, ziemlich dumm, ewig in seine Beschäftigung vertieft und ewig mit dem Riemen in der Hand, auf dem er womöglich Tag und Nacht sein ohnehin schon haarscharfes Rasiermesser strich. Wie es schien, ging er in seiner Tätigkeit ganz und gar auf, die er offenbar für seine ganze Lebensaufgabe hielt. Er war unsagbar zufrieden, wenn sein Messer gut war und jemand zu ihm kam, um sich barbieren zu lassen: sein Seifenschaum war warm, seine Hand geschickt, sein Messer wie Sammet. Er fand wirklich Genuß an seiner Kunst und war stolz auf sein Können. Nachlässig nahm er die verdiente Kopeke in Empfang, ganz als hätte es sich für ihn in der Tat nur um die Kunst und nicht um das Geld gehandelt.
A–ff war es einmal unsäglich schlecht ergangen bei unserem Platzmajor, als er beim üblichen Hinterbringen aller Vorgänge im Ostrogg auch auf diesen Barbier zu sprechen gekommen war und unvorsichtigerweise ihn „Major“ genannt hatte. Der Platzmajor soll geradezu wild geworden sein.
„Schurke, du! Weißt du auch, was ein Major ist!“ soll er mit Geifer vor dem Munde geschrieen und ihn auf seine Weise bearbeitet haben. „Begreifst du überhaupt, was dieses Wort bedeutet! Und da wagst du, Kerl, so ein Arrestantenvieh Major zu nennen, und noch dazu mir ins Gesicht, in meiner Gegenwart!“
Nur ein A–ff konnte es fertigbringen, mit einem solchen Menschen auszukommen.
Schon seit dem ersten Tage im Ostrogg begann ich, von meiner späteren Freiheit zu träumen. Die Berechnung, wann meine Strafzeit zu Ende sein würde, wurde in tausend verschiedenen Arten und mit ebensoviel praktischen Bezugnahmen meine liebste Beschäftigung. An anderes konnte ich überhaupt nicht denken, und ich bin überzeugt, daß es einem jeden so ergeht, der für eine Zeitlang der Freiheit beraubt ist. Ich weiß nicht, ob die anderen Zwangsarbeiter ebenso rechneten und dachten wie ich, jedenfalls aber machte mich ihr wundernehmender Leichtsinn in dieser Beziehung nicht wenig stutzig, und zwar schon vom ersten Augenblick an. Die Hoffnung eines Eingekerkerten, der Freiheit Beraubten ist naturgemäß von ganz anderer Art, als die eines frei und werktätig lebenden Menschen. Der freie Mensch hofft natürlich gleichfalls – zum Beispiel, auf eine Schicksalsveränderung, auf das Gelingen irgend eines Unternehmens –, aber er lebt doch dabei ein lebendiges Leben, er ist beschäftigt, das wirkliche Leben zieht ihn immer wieder in seinen Strudel hinein. Der Gefangene dagegen kennt so etwas nicht. Gewiß lebt auch er ein Leben – ein Ostrogg-, ein Zwangsarbeiterleben; aber wer er auch sein mag, und gleichviel, ob er zu einer langen oder kurzen Strafzeit verurteilt ist, er wird dieses Leben instinktiv und ganz entschieden nicht für etwas Positives, Endgültiges nehmen können, für einen Abschnitt seines wirklichen Lebens. Ein jeder Zwangsarbeiter fühlt, daß er nicht „_bei sich zu Hause_“ ist, sondern gleichsam auf Besuch. Auf zwanzig Jahre sieht er wie auf zwei Jahre und ist dabei fest überzeugt, daß er mit fünfundfünfzig Jahren, bei seinem Austritt aus dem Ostrogg, ein ebenso kräftiger, gewandter Mann sein wird, wie jetzt mit fünfunddreißig.
„Werden schon noch mal leben!“ denkt er und verscheucht eigensinnig alle Zweifel und anderen lästigen Gedanken.
Selbst Verbrecher, die auf unbestimmte Zeit verschickt sind, selbst die rechnen noch darauf, daß plötzlich, sagen wir, aus Piter (Petersburg) ein Befehl kommt: „so und so, nach Nertschinsk in die Erzgruben überzuführen und eine Frist zu bestimmen.“ Was fehlte ihnen dann! Nach Nertschinsk dauert der Marsch etwa ein halbes Jahr und mit einem ganzen Trupp zu marschieren ist doch im Vergleich zum Ostrogg tausendmal besser! Und dann in Nertschinsk die festgesetzte Strafzeit zu beenden, um dann ...
Und so hofft ja noch manch einer mit weißem Haar!
In Tobolsk habe ich an die Wand angeschmiedete Verbrecher gesehen. Die Ketten eines solchen sind etwa zwei Meter lang; und dort hat er auch seine Pritsche. Angeschmiedet hat man ihn für irgend ein ganz unerhörtes Verbrechen, das er bereits in Sibirien begangen hat. Und so sitzt er nun fünf Jahre, sitzt sogar zehn Jahre an der Kette. Größtenteils sind es ehemalige Räuber. Nur ein einziger schien unter denen, die ich sah, besserer Herkunft zu sein: er war, glaube ich, einmal irgendwo ein kleiner Beamter gewesen. Er sprach äußerst sanft, fast flüsternd, und mit einem süßlichen Lächeln. Er zeigte uns seine Ketten und zeigte, wie man sich am bequemsten auf die Pritsche hinlegen konnte. Er war in seiner Art sicherlich ein ganz besonderer Vogel. Alle verhalten sie sich dort völlig friedlich und alle scheinen sie ganz zufrieden zu sein, trotzdem will aber ein jeder von ihnen ungeheuer gern recht bald seine Zeit an der Wand abgesessen haben. Wozu nur, sollte man meinen? – Wozu? Sehr einfach: er wird dann aus dem dumpfen, muffigen Raum mit den niedrigen Backsteingewölben hinausgehen und auf dem Ostrogghof spazieren und ... und das ist alles. Aus dem Ostrogg wird man ihn nie hinauslassen. Er weiß es selbst sehr gut, daß die von der Wandkette Befreiten ewig im Ostrogg bleiben müssen, bis zu ihrem Tode, und auch die Fußketten werden ihnen nicht früher abgenommen. Er weiß alles ganz genau und dennoch will er recht, recht bald seine Zeit an der Wand abgesessen haben. Könnte er es denn ohne diesen Wunsch fünf oder sechs Jahre so angeschmiedet aushalten und nicht sterben und nicht den Verstand verlieren? Wer würde das sonst fertigbringen?
Ich fühlte, daß die Arbeit mich retten, meine Gesundheit, meinen Körper stärken würde. Die fortwährende geistige Unruhe, die nervöse Erschütterung die schlechte Luft in der Kaserne hätten mich gänzlich vernichten können. „Ich muß soviel als möglich in der frischen Luft sein, muß mich jeden Tag müde arbeiten, muß mich gewöhnen, Lasten zu tragen – nur so werde ich mich stärken können und gesund, rüstig, stark und nicht alt geworden in die Freiheit zurückkehren.“ Ich habe mich nicht getäuscht: die Arbeit und die Bewegung in der frischen Luft waren mir sehr zuträglich.
Mit wahrem Entsetzen blickte ich auf einen meiner Kameraden von den Adligen, der im Ostrogg wie ein Licht erlosch. Er war mit mir zusammen hingekommen, ein junger, hübscher, kräftiger Junge, und als er ihn wieder verließ, da war er schon halbtot, ergraut, so gut wie ohne Füße und kurzatmig. Nein, dachte ich bei seinem Anblick, ich will leben und ich werde leben! Dafür aber hatte ich vieles von den Arrestanten hinzunehmen, die mich für meine Liebe zur Arbeit mit Verachtung und Spott bedachten. Doch ich machte mir nichts daraus und begab mich immer frisch drauf los zu jeder Arbeit, und wenn es auch nur das Brennen und Stoßen von Alabaster war – eine der ersten Arbeiten, die ich kennen lernte. Übrigens war das die leichteste. Das Ingenieurkommando war nach Möglichkeit bemüht, den Adligen die Arbeit zu erleichtern, was jedoch durchaus nicht Nachsicht, sondern nur Gerechtigkeit war. Wäre es doch sonderbar gewesen, von einem Menschen, der physisch nie gearbeitet hat, dieselbe Arbeit zu verlangen, wie von einem dreimal so starken richtigen Arbeiter. Doch diese Nachsicht oder „Verwöhnung“ wurde nicht immer durchgeführt, ja es geschah gewöhnlich sogar etwas verstohlen, denn es wurde darauf streng aufgepaßt – von anderer Seite. Sehr oft mußten wir auch schwere Arbeit verrichten und dann hatten wir es natürlich doppelt so schwer, wie die anderen. Zur Alabasterarbeit wurden gewöhnlich nur drei oder vier bestimmt, Greise oder Schwächlinge, nun, und bisweilen auch wir. Außerdem wurde noch mehrere Jahre lang immer ein und derselbe Sträfling mitgeschickt, ein gewisser Almasoff, ein strenger, brünetter, hagerer, nicht mehr junger Mensch, der äußerst wenig mitteilsam und sehr eigensinnig war. Er verachtete uns tief. Übrigens war er sehr wortkarg, was sich bei ihm sogar so weit ausdehnte, daß er selbst zum Anknurren zu faul war.
Der Schuppen, in dem der Alabaster gebrannt und gestoßen wurde, befand sich gleichfalls am öden und steilen Ufer des Flusses. Im Winter, namentlich an trüben, dunklen Tagen, war es langweilig, auf den Fluß und das gegenüberliegende Ufer zu sehen. Es lag etwas Sehnsüchtiges, das Herz Zerreißendes in dieser wilden und öden Landschaft. Doch war es fast noch schwerer, wenn auf der unendlichen weißen Schneedecke grell blendender Sonnenschein lag: dann wäre man am liebsten hinübergeflogen, dorthin in diese Steppe, die sich jenseits des Flusses wie ein einziges großes Tuch auf anderthalbtausend Werst gegen Süden hinzog.
Almasoff machte sich gewöhnlich stumm und finster an die Arbeit. Wir aber schämten uns gewissermaßen, weil wir ihm nicht in der entsprechenden Weise helfen konnten; er jedoch machte alles allein und verlangte absichtlich nicht nach unserer Hilfe, gleichsam als wolle er uns damit unsere ganze Schuld vor ihm zu fühlen geben, auf daß wir über die eigene Nutzlosigkeit Reue empfänden. Die ganze Arbeit bestand aber nur darin, daß man den Ofen anheizte, um den Alabaster brennen zu können, den wiederum wir ihm zuschleppten. Schon am nächsten Tage, wenn der Alabaster genug gebrannt war, mußte er aus dem Ofen wieder herausgeschafft werden. Darauf nahm jeder von uns einen schweren Hammer, stellte seinen besonderen Kasten mit Alabaster vor sich hin und dann begann das Zerstoßen. Das war eine herrliche Arbeit. Der körnige Alabaster verwandelte sich schnell in weißes blitzendes Pulver, so leicht, so schnell zerbröckelte er und ließ er sich feinstoßen. Wir klopften lustig mit den schweren Hämmern und riefen ein solches Getöse hervor, daß es eine wahre Freude war. Und wurden wir schließlich auch müde, so war es uns doch leicht ums Herz: in das Gesicht kam wieder Farbe und das Blut zirkulierte schneller. Dann sah selbst Almasoff gnädiger auf uns herab, etwa wie man auf kleine Kinder sieht, wenn sie eine Beschäftigung gefunden haben. Gnädig rauchte er seine Pfeife, konnte es aber doch nicht unterlassen, uns anzuknurren, wenn er etwas sagen mußte. Übrigens verhielt er sich gegen alle so, im Grunde aber war er, glaube ich, ein guter Mensch.
Eine andere Arbeit, die mir auch noch zugeteilt wurde, war – in der Werkstatt das Schleifrad zu drehen. Das Rad war groß und schwer. Da mußte man sich nicht wenig anstrengen, besonders wenn der Drechsler – einer der Militärhandwerker – etwa Pfosten für Treppengeländer drechselte, oder große Tischfüße für das Meublement irgend eines Beamten, das die Regierung diesem freistellte. Zu solchen Tischfüßen war fast ein ganzer Balken erforderlich. Dann war das Drehen für einen zu schwer und man bestimmte gewöhnlich zwei dazu, mich und noch einen Adligen, B. So wurde diese Arbeit mehrere Jahre lang uns zugewiesen, sobald es nur irgend etwas zu drechseln gab. B. war ein schwacher, kränklicher Mensch, noch jung, aber brustleidend. Er lebte schon seit einem ganzen Jahr im Ostrogg und war mit zwei Gefährten hingekommen: der eine von ihnen, ein Greis, der während der ganzen Zeit seines Ostrogglebens Tag und Nacht betete – wofür ihn die Arrestanten ungemein achteten – starb bald nach meiner Ankunft, und der andere, ein noch sehr junger Mensch, der frisch, gesund, stark und mutig war, hatte unterwegs den schon nach der ersten Hälfte der Etappe völlig erschöpften B. getragen, etwa siebenhundert Werst weit, ununterbrochen, bis zum Ostrogg. Diese Freundschaft hätte man sehen müssen! B. hatte eine vorzügliche Bildung genossen und hatte einen edlen, großzügigen Charakter, doch durch die Krankheit war er reizbar und erbittert geworden. Wir drehten zusammen das Rad und das Drehen war uns beiden eine gute Beschäftigung, für mich besonders war sie eine vorzügliche Bewegung nach den ruhigeren Arbeiten.
Auch das Schneeschaufeln bereitete mir viel Vergnügen, ich tat es sehr gern. Dazu wurden wir gewöhnlich nach großen Schneestürmen angestellt, die ja im Winter nicht selten sind. Nach so einem vierundzwanzigstündigen Schneesturme war manches Haus bis zur halben Fensterhöhe, manches bis zum Dach im Schnee vergraben. Dann, sobald der Sturm aufgehört hatte und die Sonne wieder schien, wurden wir in großen Trupps hinausgeschickt, zuweilen sogar der ganze Ostrogg, um die Schneeberge vor den Staatsgebäuden fortzuschaufeln. Jeder erhielt eine Schaufel und alle zusammen eine Aufgabe, die nicht selten so groß war, daß man sich wundernd fragte, wie man damit fertig werden sollte. Aber siehe da – es ging! Alle machten sich einmütig und flink an die Arbeit. Der lockere, kaum erst sich lagernde und oben nur ein wenig gefrorene Schnee ließ sich leicht auf die Schaufel nehmen, und die großen Stücke oder loseren Haufen flogen in Bogen kreuz und quer durch die Luft und verwandelten sich noch im Fluge in glitzernden Staub. Es war eine Lust, die Schaufel in die weiße, im Sonnenschein blendende Masse hineinzustechen. Bei dieser Arbeit waren die Arrestanten immer lustig und guter Laune. Die frische Winterluft und die Bewegung erwärmten sie, und die Munterkeit war ansteckend: Lachen ertönte, Geschrei und Witze. Man warf sich sogar mit Schneebällen, worüber natürlich die Vernünftigen und über die allgemeine Heiterkeit Ungehaltenen schon im nächsten Augenblick zu schreien hatten, und so endete die anfängliche Fröhlichkeit gewöhnlich mit Schimpf und Streit.
Mit der Zeit fing auch der Kreis meiner Bekannten an, sich zu vergrößern. Übrigens dachte ich selbst nicht daran, neue Bekanntschaften zu suchen, ich war immer noch unruhig, niedergeschlagen und mißtrauisch. Aber die Bekanntschaften ergaben sich ganz von selbst.
Einer der ersten, die mich besuchten, war der Arrestant Petroff. Ich sage „besuchten“ und will dieses Wort noch absichtlich betonen.
Petroff befand sich in der besonderen Abteilung und lebte in der entferntesten Kaserne, die ganz im Hintergrunde des Ostrogg lag, somit konnte es zwischen uns gar keine Berührungspunkte geben, und innerlich Gemeinsames gab es zwischen uns gleichfalls nicht, das war ganz ausgeschlossen. Nichtsdestoweniger schien dieser Petroff in der ersten Zeit es nahezu für seine Pflicht zu erachten, womöglich jeden Tag zu mir in die Kaserne zu kommen oder mich am Feierabend, wenn ich möglichst weit von allen anderen hinter den Gebäuden am Zaun entlang spazierte, aufzusuchen und anzureden. Anfangs war mir das recht unangenehm. Aber er verstand es so zu machen, daß seine „Besuche“ mir bald zu einer angenehmen Zerstreuung wurden, obgleich er durchaus nicht ein sehr mitteilsamer oder gesprächiger Mensch war. Was sein Äußeres anbelangt, so war er nicht hoch von Wuchs, stark gebaut, gewandt, unruhig, mit einem ziemlich sympathischen Gesicht, etwas bleich, mit breiten Backenknochen, dreistem Blick und weißen, dichten, schmalen Zähnen. Ewig hatte er eine Prise Kautabak hinter der Unterlippe. Übrigens hatten ziemlich viele Arrestanten es sich zur Angewohnheit gemacht, Tabak in den Mund zu nehmen. Er sah jünger aus, als er war: man hielt ihn für dreißig, während er schon vierzig zählte. Wenn er mit mir sprach, so tat er es immer ganz ungezwungen, benahm sich wie ein völlig Gleichstehender, das heißt soviel wie äußerst anständig und taktvoll. Bemerkte er zum Beispiel, daß ich die Einsamkeit suchte, so sprach er nur ein paar Worte mit mir und verließ mich sofort, nachdem er mir jedesmal für die Aufmerksamkeit gedankt hatte, was er sonst niemals und mit keinem einzigen in der ganzen Kátorga tat. Auch war noch eines sonderbar, – daß diese Beziehungen zwischen uns nicht etwa nur in der ersten Zeit, sondern mehrere Jahre lang fortdauerten, ohne daß wir uns dabei merklich nähergetreten wären, obschon er mir tatsächlich und aufrichtig zugetan war. Selbst jetzt vermag ich es mir noch nicht zu erklären, was er eigentlich von mir wollte, und weswegen er jeden Tag zu mir kam. Zwar kam es späterhin auch vor, daß er mich bestahl, doch geschah es von ihm immer – gleichsam „aus Versehen“. Um Geld bat er mich fast nie, folglich ist er nicht des Geldes wegen oder aus sonst einer Berechnung gekommen.