Part 20
Unsere Militärkaserne, in der die Aufführung stattfand, war ungefähr fünfzehn Schritt lang. Vom Hof trat man zuerst auf die Treppe, von der Treppe in den Flur und aus dem Flur in die Kaserne. Dieser längliche Raum war, wie ich schon erwähnte, anders eingerichtet, als die übrigen Kasernen: die Pritschen waren direkt an den Wänden angebracht, so daß die Mitte des Raumes frei blieb. Die Hälfte dieser Kaserne, die dem Eingang und dem Flur zunächst lag, war den Zuschauern überlassen; die andere Hälfte, die mit der zweiten Kaserne in Verbindung stand, war von der Bühne eingenommen. Mein erstes Staunen erregte vor allen anderen Dingen – der Vorhang. Er zog sich, etwa zehn Schritt lang, quer durch die ganze Kaserne hin. Ja, dieser Vorhang war so wundervoll, daß man wirklich Ursache hatte, erstaunt zu sein. Ganz abgesehen davon, daß er mit richtiger Ölfarbe gemalt war, sah man auf ihm noch so etwas wie Bäume, Lauben, Teiche und Sterne dargestellt. Er bestand aus alten und neueren Leinwandstücken, soviel wie ein jeder gegeben und gestiftet hatte, aus alten Fußlappen und Hemden der Arrestanten, die irgendwie zu einem großen Ganzen zusammengenäht waren, und außerdem bestand noch ein Teil desselben, zu dem das Zeug nicht mehr gereicht hatte, einfach aus Papier, das gleichfalls, blatt- und bogenweise, in allen nur möglichen Kanzleien und Schreiberstuben, erbettelt worden war. Unsere Maler aber, unter denen sich auch A–ff, unser Brüloff 2, auszeichnete, hatten das Meisterwerk der Bemalung übernommen. Die Wirkung war erstaunlich. Eine solche Pracht freute selbst unsere düstersten und pedantischsten Misanthropen, die aber sonderbarerweise, als es nun zur Aufführung kam, sich ausnahmslos als dieselben kleinen Kinder zeigten, wie die Jüngsten und Ungeduldigsten. Alle waren ungemein zufrieden mit dem ersten Eindruck, sogar ungeheuer, sogar bis zum Eigendünkel zufrieden. Die Beleuchtung bestand aus Talglichten, die in Stücke geschnitten waren. Vor dem Vorhang standen zwei Bänke aus der Küche und vor diesen Bänken noch drei oder vier Stühle, die man in der Stube des Unteroffiziers gefunden hatte. Die Stühle waren für den Fall hingestellt, daß die höchsten Gäste erschienen, wie zum Beispiel der Wachhabende, einer der Verwaltungsbeamten, und vielleicht noch andere desselben Ranges. Die Bänke aber waren für die Unteroffiziere bestimmt, für die Schreiber der Verwaltungsstube, die Aufseher und die übrigen Beamten, die wohl noch zu den Vorgesetzten gehörten, doch nicht etwa von Offiziersrang waren – für den Fall, daß auch sie zufällig in den Ostrogg kämen. Und so war es auch: zu keiner Aufführung fehlte es uns an fremden Besuchern, an einem Abend kamen mehr, am anderen weniger, doch zur letzten Aufführung war tatsächlich kein einziger Platz auf den Bänken unbesetzt. Hinter den Bänken endlich kamen die Arrestanten, alle stehend und aus Achtung vor den Gästen ohne Kopfbedeckung, in Joppen oder Halbpelzen, trotz der drückenden, schwülen Luft in der Kaserne. Natürlich war dieser Raum für die ganze Masse der Arrestanten gar zu eng bemessen, denn obschon der eine buchstäblich auf dem anderen saß, namentlich in den letzten Reihen, waren auch noch alle Pritschen besetzt, alle Kulissen, und schließlich fanden sich noch Liebhaber, die beständig hinter die Bühne gingen, in den anstoßenden Kasernenraum, und von dort aus, also hinter den Kulissen hervor, zusahen. Die Enge in der vorderen Hälfte der Kaserne war unbeschreiblich, ähnlich wie ich sie vorher nur einmal in der Badestube erlebt hatte. Die Tür zum Flur stand weit offen; im Flur, wo eine Kälte von 20 Grad herrschte, drängten sich gleichfalls Kopf an und über Kopf die Zuschauer. Wir beide, Petroff und ich, wurden aber sofort durchgelassen, fast bis dicht an die Bänke, wo man natürlich viel besser sehen und hören konnte, als in den hinteren Reihen. In mir sah man gewissermaßen einen Kenner und Kritikfähigen, der schon ganz andere Aufführungen gesehen hatte. Sie wußten, daß Bakluschin mich mehr als einmal um Rat gefragt hatte und sich stets ehrerbietig zu mir verhielt, folglich gebührte mir jetzt Ehre und ein guter Platz. Die Arrestanten waren gewiß ein ruhmsüchtiges und im höchsten Grade eingebildetes Volk, – aber das war doch nur äußerlich. Sie konnten wohl über mich lachen, wenn ich ihnen bei der Arbeit nur schlecht zu helfen vermochte, Almasoff konnte auf uns Adlige mit Verachtung herabblicken, weil wir nicht Alabaster zu brennen verstanden, doch zu all ihren Spötteleien und ihrer ganzen Verachtung gesellte sich doch noch etwas anderes: wir waren einmal Adlige gewesen, wir hatten einmal zu der Klasse ihrer früheren Herren gehört, die ihnen vielleicht Unrecht getan und an die sie nicht mit guten Gefühlen zurückdenken konnten. Hier aber, im Theater, machten sie mir freiwillig Platz. Sie erkannten es an, daß ich davon mehr verstand, als sie, daß ich mehr gesehen und besser zu urteilen vermochte. Selbst diejenigen, die mir am wenigsten gewogen waren – das wußte ich sehr wohl, – hätten jetzt gern von mir ein Lob ihres Theaters gehört und gaben mir ohne jede Selbsterniedrigung den guten Platz. So urteile ich jetzt darüber in der Erinnerung an meinen damaligen Eindruck. Und es schien mir auch an jenem ersten Theaterabend – dessen entsinne ich mich genau –, daß in ihrem richtigen Urteil über sich nicht etwa eine Selbsterniedrigung, sondern nur das Gefühl der eigenen Würde lag. Der größte und schärfste Charakterzug unseres Volkes ist das Gefühl für die Gerechtigkeit und das unbedingte Verlangen nach derselben. Das Großsprechen und Großtun und _um jeden Preis_ immer auf dem ersten Platz sein wollen, gleichviel, ob er es wert ist oder nicht – das wird man in unserem Volk nie finden. Man braucht nur die äußere, oft nur angenommene Schale zu entfernen und den Kern sich etwas aufmerksamer anzusehen, etwas näher und vorurteilsloser, und man wird in dem Volke Dinge entdecken, von denen man sich auch nicht einmal hat träumen lassen. Ja, unsere Gelehrten können unser Volk nur noch sehr weniges lehren. Und ich sage sogar mit voller Überzeugung – im Gegenteil: sie müssen selbst noch von ihm lernen.
Petroff hatte mir ganz naiv gesagt, noch bevor wir uns aufgemacht hatten, man würde mich auch noch aus dem anderen Grunde, weil ich mehr zahlen würde, nach vorn lassen. Einen festen Preis gab es nicht: ein jeder gab, wieviel er konnte und wollte. Fast alle gaben etwas, wenn es auch nur ein Zweikopekenstück war, als man mit dem Teller einsammelte. Doch wenn man mich zum Teil auch des Geldes wegen nach vorn ließ, in der Voraussetzung, daß ich mehr geben würde, als die anderen – so lag doch auch darin wiederum das Gefühl der eigenen Würde, das sie so handeln ließ. „Du bist reicher als ich, geh du nach vorn, wenn wir hier auch alle gleich sind, aber du wirst mehr geben und daher ist ein Gast wie du den Schauspielern angenehmer, – folglich gebührt dir auch der bessere Platz, denn wir alle sind hier nicht für Geld, sondern aus Achtung vor etwas Höherem, daher müssen wir uns schon selbst die richtigen Plätze anweisen.“ Wieviel echter, edler Stolz doch darin liegt! Das ist nicht Achtung vor dem Gelde, sondern Achtung vor sich selbst. Überhaupt hatte man im Ostrogg vor dem Gelde, dem Reichtum keine große Achtung, besonders wenn man die Arrestanten als Masse nimmt. Ja, selbst wenn man sie einzeln nehmen wollte, so kann ich mich wirklich nicht eines einzigen entsinnen, der sich im Ernst für Geld erniedrigt hätte. Wohl gab es welche, die von einem jeden, auch von mir, beständig Geld borgten, doch dieses Betteln war mehr Unart, Mutwille, Schlauheit, als gerade Bettelei, – es war mehr Humor, mehr Naivität. Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich ausdrücke ... Aber ich habe ja ganz das Theater vergessen! Also zur Sache.
Bis zum Aufgang des Vorhangs bot der Anblick des ganzen Raumes ein seltsames und belebtes Bild. Die ganze große Schar der halbwegs schon plattgedrückten, von allen Seiten erbarmungslos eingeengten Zuschauer erwartete mit wahrer Seligkeit in den Gesichtern den Anfang der wunderbaren Dinge, die da kommen sollten. In den hinteren Reihen hockte der eine auf dem anderen. Viele hatten sich aus der Küche Holzscheite mitgebracht. Diese wurden an der Wand aufgestellt und dann kletterte sein Besitzer, so gut es ging, mit den Beinen auf sie hinauf, oder auch nur mit den Knieen, stemmte sich mit beiden Händen auf die Schultern des vor ihm Stehenden und verharrte in dieser Stellung, ohne sich zu rühren, geschlagene zwei Stunden in unerschütterlicher Zufriedenheit mit sich und seinem Platz. Andere hatten sich, weiß Gott wie, mit den Beinen auf die unteren Abstufungen des Ofens erhoben und standen gleichfalls die ganze Zeit auf den Vordermann gestützt. Das war in den letzten Reihen ganz an der Wand. An der einen Seitenwand stand eine ganze Mauer auf den Pritschen, dicht neben den Musikanten. Das waren gute Plätze. Fünf Mann hatten sich ganz nach oben auf den Ofen begeben, und schauten, platt auf dem Bauch liegend, lächelnd nach unten. Wer deren Seligkeit nachempfinden könnte! Auf den Fensterbrettern an der anderen Wand türmten sich gleichfalls ganze Berge von zu spät Gekommenen oder solchen, die eben keinen besseren Platz gefunden hatten. Alle verhielten sich ruhig und sittsam. Alle wollten sich dem hohen Besuch, ihren Vorgesetzten, von der besten Seite zeigen. Auf allen Gesichtern drückte sich die naivste Erwartung aus. Alle Gesichter waren rot und von der Hitze schweißbedeckt. Welch ein seltsamer Widerschein kindlicher Freude, reinen, erquickenden Vergnügens glänzte auf diesen verunstalteten, gebrandmarkten Stirnen und Wangen, in diesen Blicken bisher mürrischer, finsterer Menschen, in diesen Augen, in denen ein so unheimliches Feuer aufblitzen konnte! Alle hatten ihre Mützen abgenommen, und sah man sie von der rechten Seite, so erschienen alle Köpfe rasiert. Da hört man von der Bühne her verschiedene Geräusche, Schritte, Stuhlrücken ... Sogleich muß der Vorhang sich erheben. Da setzt schon das Orchester ein ... Dieses Orchester verdient wahrlich, gleichfalls erwähnt zu werden. Seitlich, auf den Pritschen, hatten sich acht Musikanten niedergelassen: zwei Geigen – die eine aus dem Ostrogg, die andere hatte man aus der Festung geliehen, der dazugehörige Künstler fand sich aber unter uns –, drei Balalaiken, alle selbstgefertigte, zwei Gitarren, und anstatt eines Kontrabasses eine Handtrommel. Die Geigen wimmerten nur und krietschten, die Gitarren taugten nicht viel, dafür aber waren die Balalaiken einfach großartig. Die Fingergewandtheit in der Behandlung der Saiten kam entschieden dem größten Taschenspielerkunststück gleich. Es wurden nur Tanzstücke gespielt, und bei den temperamentvollsten Stellen schlugen die Künstler mit den Fingerknöcheln auf die Decke der Balalaika: der ganze Ton, der Geschmack, der Rhythmus, der Vortrag, die Behandlung des Instruments, der ganze Charakter der Wiedergabe des Motivs – alles war eigen, originell, von den Arrestanten selbst erfunden. Auch einer der Gitarrespieler spielte sein Instrument vorzüglich. Das war jener Adlige, der seinen Vater erschlagen hatte. Was nun den Handtrommelschläger betrifft, so tat er einfach Wunder: bald machte er eine Pirouette mit einem einzigen Finger, bald fuhr er mit dem Daumen wie Donnergrollen über das Trommelfell; bald hörte man, einzeln aufeinanderfolgend, laute, klare, volle Töne, bald wiederum zerstäubte dieser Ton in einem wahren Erbsenhagel unzähliger feiner, kleiner, fast trillernder, heller Perlentöne. Und dazu kam noch eine Harmonika, und zum Schluß noch eine zweite. Mein Ehrenwort, ich hatte bis dahin keine Ahnung davon gehabt, was man aus ganz einfachen Volksinstrumenten hervorholen konnte. Die Harmonie, der Rhythmus, das Spiel, und vor allem der Geist, der Charakter der Auffassung und Wiedergabe des Motivs, verdienten wirklich Bewunderung. An jenem Abend begriff ich zum erstenmal vollkommen, was das eigentlich grenzenlos Unbändige und Kühne in den unbändigen und kühnen russischen Tanzweisen ist.
Da, endlich, ging der Vorhang auf. Alles rührte sich, alle traten von einem Fuß auf den anderen, in den hinteren Reihen hob man sich auf die Fußspitzen, einer fiel von seinem Holzscheit herunter, alle bis auf den letzten sperrten die Mäuler auf und starrten mit weit aufgerissenen Augen auf die Bühne, und vollständige Stille trat ein ... Die Vorstellung begann.
Neben mir stand Alei in einer Gruppe mit seinen Brüdern und den Tscherkessen. Sie alle hingen leidenschaftlich am Theater und besuchten es später jeden Abend. Alle Muselmänner, Tataren u. s. w. sind, wie ich mehr als einmal bemerkt habe, leidenschaftliche Liebhaber für alles, was Schaustück ist. Neben ihnen hatte sich Issai Fomitsch hingehockt, der, wie es schien, seit dem Augenblick, in dem der Vorhang aufging, sich in nichts als Gehör und Sehkraft verwandelt hatte und in gierige Erwartung aller Wunder und Genüsse. Er hätte einem sogar aufrichtig leid getan, wenn er in seinen Erwartungen enttäuscht worden wäre. Aleis liebes Gesicht strahlte in so herzerquickender kindlicher Freude, daß es mir – ich muß gestehen – ein großes Vergnügen bereitete, ihn anzusehen, und ich weiß noch, wie ich mich jedesmal nach einem spaßigen ‚Stichwort‘ auf der Bühne, dem gewöhnlich eine Lachsalve folgte, sogleich zu Alei wandte, um sein Gesicht zu sehen. Er sah mich nicht – oh, ihm war es jetzt nicht um mich zu tun! Nicht weit von mir, auf der linken Seite, stand ein älterer, immer finsterer, unzufriedener und brummiger Arrestant: ihm war Alei gleichfalls aufgefallen, und wie ich bemerkte, wandte auch er sich ein paar Mal mit einem halben Lächeln zu ihm, um ihn anzusehen, – er war gar zu reizend. „Alei Ssemjonytsch“ nannte er ihn, warum „Ssemjonytsch“, das weiß ich nicht.
Man begann mit „Filatka und Miroschka“. Filatka, den Bakluschin mimte, war einfach großartig! Er spielte seine Rolle erstaunlich naturgetreu. Man sah sofort, daß er sich in jeden Satz, in jede seiner Bewegungen hineingedacht hatte. Jedem nichtssagenden Wort, jeder Geste wußte er Sinn und Bedeutung zu verleihen, die dem Charakter seiner Rolle vollkommen entsprachen. Jetzt stelle man sich noch vor, daß zu seinem ganzen Aufgehen in der Rolle und seinem ganzen Verständnis für sie eine bewundernswerte, angeborene Heiterkeit, Natürlichkeit und sein ganzer Mutterwitz hinzukamen. Ich glaube, ein jeder, der Bakluschin gesehen hätte, würde unbedingt zugegeben haben, daß er ein echter, ein geborener und hochtalentvoller Schauspieler war. Den Filatka habe ich oft genug in Moskauer und Petersburger Theatern gesehen, doch kann ich mit voller Überzeugung sagen: die großstädtischen Schauspieler spielten ihn schlechter als Bakluschin. Im Vergleich zu ihm waren sie Paysans, aber keine echten Bauern. Sie wollten zu sehr den Bauer spielen. Hinzu kam außerdem noch, daß Bakluschin durch die Konkurrenz angefeuert wurde: alle wußten, daß im zweiten Stück die Rolle des Kedrill der Arrestant Pozeikin spielen würde, der von allen aus irgend einem Grunde für talentvoller als Bakluschin gehalten wurde, Bakluschin aber litt darunter wie ein Kind. Wie oft war er in den letzten Tagen zu mir gekommen, um sein Herz auszuschütten. Zwei Stunden vor der Aufführung hatte er geradezu Lampenfieber. Wenn das Publikum nun lachte und man ihm zuschrie: „Bravo, Bakluschin! Bist ’n Deuwelskerl!“ – so strahlte sein ganzes Gesicht vor Glück und mitreißende Begeisterung blitzte aus seinen Augen. Die Kußszene Miroschkas mit der Braut (Ssirotkin), in der Filatka ihm vorher zuschreit: „Wisch dir den Mund ab!“ und dabei sich selbst den Mund abwischt, war zum Sterben komisch. Alles wälzte sich vor Lachen. Aber am interessantesten waren für mich doch die Zuschauer. Niemand dachte mehr an „Anstand“, alle gaben sie sich, ohne Schranken zu kennen, ihrem Entzücken hin. Die Beifallsrufe ertönten immer häufiger. Hier versetzt ein Freund dem anderen einen leichten Rippenstoß und teilt ihm eilig flüsternd seine Eindrücke mit, ohne sich darum zu kümmern oder auch nur zu bemerken, wer neben ihm steht; dort wendet sich plötzlich ein anderer nach einer komischen Szene begeistert an die Menge mit einem Blick, als wolle er alle auffordern, zu lachen, schüttelt einmal kurz den Kopf und winkt mit der Hand ab („was soll man da noch reden!“), um sich sofort wieder gierig der Szene zuzuwenden. Ein dritter schnalzt nur mit der Zunge und schnippt mit den Fingern vor Begeisterung, und da er sonst keine Bewegungsmöglichkeit hat, tritt er nur von einem Fuß auf den anderen. Zum Schluß des Stückes hatte die Begeisterung den höchsten Grad erreicht. Ich will nichts übertreiben. Man denke sich jedoch nur den Ostrogg, die Ketten an den Füßen, die Unfreiheit, die langen trostlosen Jahre, die noch vor einem liegen, das ewig einförmige Leben, in dem jeder Tag dem nächsten wie an trüben Spätherbsttagen ein Regentropfen dem anderen gleicht, – und nun plötzlich wird allen diesen unterdrückten und gefangenen Arrestanten erlaubt, eine Stunde lang sich zu freuen, sich unbeengt zu fühlen, sich frei zu glauben und den schweren Traum zu vergessen, ein ganzes Theater aufzuführen, – und dazu noch was für eines! – zum eigenen Stolz und zur Verwunderung der ganzen Stadt: seht, was wir Arrestanten können! Sie waren natürlich für alles begeistert. Auch die Kostüme beschäftigten sie sehr. Es war ihnen ungeheuer interessant, zum Beispiel einen Wanjka Otpetyj, oder einen Nezwetajeff oder Bakluschin in ganz anderen Kleidern zu sehen, als in dem üblichen Arrestantenkostüm, in dem sie ihn schon soviel Jahre jeden Tag gesehen hatten.
„Er ist doch ein Arrestant, derselbe, der er war! – wenn er geht, hört man ja noch seine Ketten klirren und da kommt er nun im Überzieher, im runden Hut und im Mantel! – wie ein Staatsrat! Hat sich sogar einen Schnurrbart angeklebt und Haar auf den halben Kopf! Sieh, da hat er noch ein rotes Schnupftuch aus der Tasche hervorgezogen! – sieh, wie er sich zufächelt und den Herrn spielt, ganz als wäre er ohne weiteres selber einer!“ Und alle sind entzückt.
Der „wohltätige Gutsbesitzer“ erschien im Uniformrock mit Achselschnüren, und in einer Mütze, auf der man eine Kokarde befestigt hatte, und machte einen vortrefflichen Eindruck. Daß alles alt und abgetragen war, tat absolut nichts zur Sache. Für diese Rolle hatte es zwei Liebhaber gegeben und – wird man es glauben? – beide hatten sich deswegen wie die kleinen Kinder gestritten, wer sie spielen sollte: beide wollten sich gar zu gern im Offiziersrock mit Achselschnüren zeigen! Da waren denn die anderen Schauspieler gezwungen gewesen, einzugreifen und dem Streit ein Ende zu machen: die Stimmenmehrheit hatte die Rolle Nezwetajeff zugesprochen, und zwar nicht etwa, weil dieser hübscher und stattlicher gewesen wäre als der andere und daher den Herrn besser darstellen konnte, sondern weil Nezwetajeff allen versichert hatte, daß er mit einem Spazierstöckchen erscheinen und dasselbe so geschickt schwingen würde, wie ein wirklicher Herr und erstklassiger Modekenner, was Wanjka Otpetyj nie und nimmer fertigstellen könne, da er wirkliche Herren überhaupt noch nicht gesehen habe. Und in der Tat: als Nezwetajeff mit seiner wohltätigen Gutsbesitzerin auftrat, tat er nichts anderes, als daß er gewandt das Stöckchen, das er sich weiß Gott woher verschafft hatte, in der Luft schwang oder Figuren auf den Fußboden zeichnete. Offenbar sah er darin alle Anzeichen der größten Vornehmheit und der feinsten Stutzerhaftigkeit. Wahrscheinlich hatte er einmal in jungen Jahren, als er noch barfüßig auf dem Gutshof umherlief, einen gutgekleideten Herrn mit einem spanischen Rohrstock gesehen und war von dessen Geschicklichkeit, mit dem Stöckchen zu spielen, dermaßen gefesselt worden, daß der Eindruck sich auf ewig, unauslöschlich in seine Seele eingegraben hatte, und er sich noch nach dreißig Jahren des Verfahrens zur Bezauberung und zum Entzücken des ganzen Ostrogg entsann. Nezwetajeff war in seine Beschäftigung dermaßen vertieft, daß er überhaupt niemand und nichts mehr ansah, ja selbst seine Antworten gab er, ohne die Augen zu erheben, er zeichnete nur und zeichnete und sein Blick schien an das Ende seines Stöckchens gleichsam angebunden zu sein.
Die wohltätige Gutsbesitzerin war in ihrer Art nicht weniger bemerkenswert: sie erschien in einem alten, abgetragenen Musselinkleide, das einem Scheuerlappen nicht unähnlich war, mit nackten Armen und nacktem Hals, mit entsetzlich gepudertem und geschminktem Gesicht, mit einer weißen Nachthaube auf dem Kopf, die unter dem Kinn zugebunden war, mit einem Sonnenschirm in der einen, und einem Fächer aus bemaltem Papier, mit dem sie fortwährend fächelte, in der anderen Hand. Eine Lachsalve begrüßte sie. Aber auch die Dame konnte sich nicht ganz beherrschen und platzte mehrmals aus. Der Arrestant Iwanoff spielte diese Rolle. Ssirotkin, den man als Mädchen verkleidet hatte, war allerliebst. Die Couplets waren vorzüglich. Kurz, das Stück war für alle ein wahrer Hochgenuß. Eine Kritik gab es nicht und konnte es auch gar nicht geben.
Hierauf spielte man nochmals die Ouvertüre und der Vorhang erhob sich von neuem. Jetzt kam „Kedrill der Vielfraß“ an die Reihe.