Part 6
Mit genauer Not komm ich ihm noch einige beruhigende Worte sagen. Endlich besänftigte er sich; aber es dauerte doch noch ziemlich lange, bis er sich entschloß, seinen Zorn wieder in Wohlwollen zu verwandeln. Mit Grigorijs und Archips Hilfe stieg er in seine Kutsche.
„Gestatten Sie, daß ich noch eines frage,“ sagte ich, an den Wagenschlag tretend, „werden Sie meinen Onkel nicht mehr besuchen?“
„Ihren Onkel? Nicht mehr besuchen? Wer das glaubt, dem geben Sie ... na, was Sie wollen! Sie denken wohl, daß ich ein Mensch von Charakter bin, daß ich’s durchhalten werde? Das ist ja doch mein ganzes Herzeleid, daß ich ein Lappen bin, aber kein Mensch! Es wird keine Woche vergehen, da kraufe ich wieder hin. Und warum ich’s tue? Sehen Sie, da weiß ich ja selber nicht, aber ich werde wieder hinfahren und werde mich dort wieder mit Foma Fomitsch herumschlagen. Diesen Foma hat mir Gott der Herr sicherlich zur Strafe für meine Sünden auf den Hals geschickt Das ist ja mein Leid, Väterchen, daß ich von Charakter ein Weib bin: von Beständigkeit keine Spur! Ein Hasenfuß bin ich, mein Lieber, ein echter ...“
Wir schieden recht freundschaftlich, er lud mich sogar zu sich ein.
„Komm mal, Väterchen, komm, besuch mich, dann wollen wir uns mal gütlich tun. Ich habe mir ein gewisses Wässerchen aus Kiew bestellt, das ist jetzt eingetroffen, und mein Koch ist in Paris gewesen, der wird dir solche Frikandeaus und Fischpasteten zubereiten, daß du dir nur so die Fingerchen ablecken und ihm, dem Schuft, noch einen Bückling machen wirst! Ist ein gebildeter Mann! Bloß hab’ ich ihn jetzt lange nicht mehr geprügelt, hab’ ihn etwas verwöhnt ... es ist gut, daß man mich wieder daran erinnert hat ... Also komm nur! Ich würde Sie auch heute zu mir auffordern, aber ich bin jetzt doch zu verstimmt, bin ganz sauer geworden, ganz und gar aller Hinterbeine beraubt. Ich bin ja doch ein kranker Mensch. Sie glauben es mir wohl nicht ... Nun, leben Sie wohl, mein Lieber! Es ist Zeit, daß auch mein Schiff in den Hafen einläuft. Da ist ja auch Ihr Vehikel repariert. Dem Fomka aber sagen Sie, daß er mir nicht mehr unter die Augen kommen soll, sonst wird es einen neuen Krach geben, daß er nur so ...“
Die letzten Worte hörte ich nicht mehr. Seine Equipage, die von vier starken Pferden mit einem Ruck angezogen wurde, verschwand hinter Staubwolken. Da fuhr auch meine Postkutsche vor, ich stieg ein, und wir hatten in wenigen Minuten das Städtchen hinter uns.
„Natürlich übertreibt der gute Mann,“ dachte ich, „er ist gar zu wütend, um unparteiisch zu urteilen. Aber andererseits ... was er da von meinem Onkel sagt, ist noch sehr bemerkenswert. Da stimmen nun schon zwei Aussagen überein. Nun, – aber daß mein Onkel die junge Dame liebt ... Hm! Werde ich nun heiraten oder werde ich es nicht tun?“
Und diesmal kamen mir denn doch Bedenken.
III.
Mein Onkel.
Ich gestehe offen, mir war etwas bänglich zumute. Meine romantischen Träume erschienen mir jetzt zum mindesten sonderbar, und kaum war ich in Stepantschikowo angelangt, da fand ich sie sogar dumm. Das erstere geschah ungefähr um fünf Uhr nachmittags. Die Landstraße führte nicht weit vom Herrenhause vorüber. Nun sah ich nach langen Jahren diesen großen Garten wieder, in dem ich einige glückliche Tage meiner Kindheit verbracht hatte, und den ich dann später so oft im Traum gesehen, wenn ich in den Schlafsälen der Schulen und Anstalten, die für meine Bildung sorgten, halbwach im Schlummer lag. Ich sprang vom Wagen und ging quer durch den Garten auf das Herrenhaus zu; denn ich wollte unbemerkt zuerst mit meinem Onkel sprechen und, wenn es ging, auch noch hier und da vorher ein wenig herumforschen und horchen. Meine Absicht gelang mir. Die Allee hundertjähriger Linden entlang schreitend, kam ich zur Terrasse, von der aus man durch eine Glastür unmittelbar in die Wohnzimmer trat. Diese Terrasse war von Blumenbeeten umgeben und mit Topfpflanzen geschmückt. Hier nun traf ich ganz unerwartet einen der „Eingeborenen“ an, den alten Gawrila, der mich einst als Kind auf dem Arm getragen hatte, jetzt aber der ehrwürdige Kammerdiener meines Onkels war. Der Alte hatte eine Brille auf der Nase und hielt ein Heft, in dem er mit ungewöhnlicher Aufmerksamkeit las, dicht vor den Augen. Ich hatte ihn zum letztenmal vor zwei Jahren in Petersburg gesehen, wohin er mit meinem Onkel gekommen war, und so erkannten wir uns sofort. Mit Freudentränen stürzte er die Stufen herab, um meine Hände zu küssen, ohne darauf zu achten, daß ihm bei der Gelegenheit seine Brille von der Nase flog. Diese Anhänglichkeit des Alten rührte mich tief. Doch ich stand noch unter dem Eindruck des Gespräches mit Herrn Bachtschejeff, und so wandte sich meine Aufmerksamkeit unverzüglich dem verdächtigen Heft zu, das Gawrila in der Hand hielt.
„Was ist das, Gawrila? Was, will man etwa auch dir Französisch beibringen?“ fragte ich den Alten.
„Jawohl, das will man, Väterchen, trotz meiner alten Jahre, als wäre ich ein Papagei,“ antwortete Gawrila niedergeschlagen.
„Und Foma selbst unterrichtet dich?“
„Er allein, Väterchen. Er muß doch wohl ein kluger Mann sein.“
„Ja, alle Achtung! Aber wie unterrichtet er dich denn? – Im Gespräch?“
„Mit dem Heft, Väterchen.“
„Du meinst dieses, das du in der Hand hast? Ah! Französische Worte mit russischen Buchstaben geschrieben – findig! Und von einem solchen Rüpel, einem solchen Dummkopf laßt ihr euch alle so behandeln – schämst du dich nicht, Gawrila?“ In einem Augenblick waren alle meine entschuldigenden Annahmen vergessen, durch die ich noch vor ein paar Stunden Herrn Bachtschejeff in so große Wut versetzt hatte.
„Wie denn, Väterchen, wie kann er denn ein Dummkopf sein, wenn er doch auch unsere Herrschaft so lenkt, wie er will?“
„Hm! Vielleicht hast du recht, Gawrila,“ brummte ich, durch seine Bemerkung zur Besinnung gebracht. „Führ’ mich zu meinem Onkel.“
„Großer Gott! Ich darf ja dem Herrn überhaupt nicht unter die Augen kommen, wage mich gar nicht mehr zu zeigen! Ja, ja, so weit ist es gekommen, daß ich auch _ihn_ noch fürchten muß! Sitze hier in meiner Trübsal, und wenn Foma Fomitsch zu kommen geruhen, so gehe ich hinter die Blumenbeete.“
„Was fürchtest du denn?“
„Vorhin wußte ich die Aufgabe nicht gut: Foma Fomitsch wollten mich bestrafen und, wie er sagte, mich auf den Knien stehen lassen – ich aber kniete nicht nieder. Alt bin ich, Väterchen Ssergei Alexandrowitsch, viel zu alt, um noch solche Scherze mitzumachen. Der Herr aber geruhten darüber böse zu werden, daß ich Foma Fomitsch nicht gehorcht hatte. ‚Siehst du denn nicht ein,‘ sagte er, ‚alter Kerl, er müht sich doch um deine Bildung, will dich doch in der Aussprache des Französischen unterweisen ...‘ Und so gehe ich denn und lerne Vokabeln. Foma Fomitsch versprachen, am Abend noch einmal eine Prüfung vorzunehmen.“
Es schien mir, daß hier einiges nicht so ganz stimmte.
„Mit diesem französischen Unterricht wird es wohl eine besondere Bewandtnis haben,“ dachte ich, „die der Alte mir natürlich nicht erklären kann.“
„Nur eine Frage noch, Gawrila: wie sieht er aus? Stattlich, imponierend?“
„Wer das? Foma Fomitsch? Nein, Väterchen, das ist so ein gemausertes Menschlein ...“
„Hm! Hab’ nur etwas Geduld, Gawrila, es wird sich vielleicht noch einrenken lassen, oder vielmehr: sicherlich wird es das, ich verspreche es dir, es wird alles wieder gut werden! Aber ... wo ist denn nun mein Onkel?“
„Hinter dem Pferdestall reden der Herr mit den Abgesandten der Bauern. Aus Kapitonowka sind die Alten mit Verbeugungen und Bitten hergekommen. Dort hat man gesagt, daß der Herr sie Foma Fomitsch zu schenken beabsichtige, und daher wollen sie alle bitten, daß es nicht geschehe, wollen sich, wie man sagt, losbitten.“
„Aber warum empfängt er sie denn hinter den Pferdeställen?“
„Aus Vorsicht, Väterchen ...“
In der Tat fand ich meinen Onkel hinter den Pferdeställen. Dort stand er auf einem freien Platz vor einer ganzen Anzahl Bauern, die sich immer wieder vor ihm verneigten und inständig um etwas zu bitten schienen. Mein Onkel aber erklärte ihnen offenbar eine Sache. Ich näherte mich und rief ihn an. Er sah sich um und – wir lagen uns in den Armen.
Er freute sich unbeschreiblich über mein Kommen, er geriet förmlich in Begeisterung vor Freude. Er umarmte mich, drückte meine Hände ... als hätte man ihm seinen leiblichen Sohn wiedergegeben, der irgendeiner tödlichen Gefahr entgangen war, oder als hätte ich ihn mit meiner Ankunft von einer tödlichen Gefahr befreit oder von schweren Zweifeln erlöst, und als brächte ich Glück und Freude für sein ganzes Leben ihm und allen, die er lieb hatte; denn mein Onkel hätte nie eingewilligt, allein glücklich zu sein.
Nach dem ersten überschwenglichen Ausbruch wurde er so mitteilsam, daß er sich bald ganz verlor und wohl selbst nicht mehr wußte, wovon er schon gesprochen hatte. Er überschüttete mich mit Fragen, wollte mich sogleich seiner ganzen Familie vorstellen: wir begaben uns auch schon zum Hause – dann aber kehrte er doch wieder zurück ... um mich zuerst mit seinen Bauern aus Kapitonowka bekannt zu machen. Hierauf – dessen entsinne ich mich noch genau – kam er plötzlich aus unbekanntem Grunde auf einen Herrn Korowkin zu sprechen, einen jedenfalls außergewöhnlichen Menschen, den er vor drei Tagen unterwegs getroffen hatte, irgendwo auf der Reise, und den er mit der größten Ungeduld gerade jetzt als Gast bei sich erwartete. Von Korowkin sprang er auf etwas anderes über. Es war mir förmlich ein Genuß, ihn zu betrachten. Auf seine überstürzten Fragen nach meinen ferneren Absichten sagte ich, daß ich vorläufig keine Anstellung suchen, sondern fortfahren würde, mich mit der Wissenschaft zu beschäftigen. Doch kaum hatte ich das Wort „Wissenschaft“ ausgesprochen, als mein Onkel auch schon eine ungeheuer wichtige Miene aufsetzte. Als er dann erfuhr, daß ich mich in der letzten Zeit mit Mineralogie beschäftigt hatte, warf er den Kopf in den Nacken und blickte sich stolz im Kreise um, als hätte er ganz allein, ohne jede fremde Hilfe, die ganze Mineralogie entdeckt und alles allein niedergeschrieben. Ich habe ja schon gesagt, daß er vor dem Wort „Wissenschaft“ die größte Ehrfurcht empfand, eine Ehrfurcht, die ohne jeden persönlichen Ehrgeiz war, dessen sie um so mehr entbehrte, als er selbst fast nichts von diesen Dingen verstand.
„Ach, Freund, es gibt doch wirklich Menschen in der Welt, die alles wissen!“ sagte er mir einmal mit wahrem Entzücken in den leuchtenden Augen. „Da sitzt man unter ihnen, hört, und weiß doch selbst, daß man nichts davon versteht, aber dennoch freut sich das Herz. Und warum? Ganz einfach, weil hier eben Nutzen ist, hier ist Verstand, hier ist das Allgemeinwohl! Das begreife ich doch! Ich fahre jetzt schon mit der Eisenbahn, mein Iljuscha aber wird vielleicht schon durch die Luft fliegen ... Nun, ja, kurz und gut, und der Handel, die Industrie – diese, wie man sagt, Schlagadern ... das heißt, ich will nur sagen, von welcher Seite du es auch nimmst, es ist und bleibt doch nützlich für die Menschheit ... Das ist es doch, nicht wahr?“
Doch ich komme zurück auf unser Wiedersehen.
„Wart nur, Freund, wart,“ begann er in seiner schnellen Sprechweise, sich die Hände reibend, „du sollst einen Menschen kennen lernen! Es ist ein seltener Mensch, sag’ ich dir, gelehrt, gelehrt, ganz ein Mann der Wissenschaft! Der überlebt das Jahrhundert! Das ist doch gut gesagt: ‚er überlebt das Jahrhundert‘, nicht? Das hat mir Foma selbst erklärt ... Wart, ich werde dich mit ihm bekannt machen.“
„Meinen Sie Foma Fomitsch, Onkel?“
„Nein, nein, Freund, diesmal sprech’ ich von Korowkin. Das heißt, Foma ist ja gleichfalls ... er ... Aber diesmal sprach ich einfach nur von Korowkin,“ fügte er hinzu, während es mir auffiel, daß er, sobald die Rede auf Foma kam, zu erröten und sich zu verwirren schien.
„Mit welcher Wissenschaft beschäftigt er sich denn?“
„Mit allen Wissenschaften, Freund, oder kurz gesagt, mit der Wissenschaft überhaupt. Ich kann dir leider nicht so genau sagen, mit welcher eigentlich, ich weiß nur, daß es Wissenschaften sind. Oh, wie der über die Eisenbahnen redet! Und weißt du,“ – mein Onkel senkte die Stimme und zwinkerte mir bedeutsam mit dem linken Auge zu, – „ein wenig so, du weißt schon, – freie Ideen! Das habe ich sofort bemerkt, namentlich wenn er so von Familienglück spricht ... Schade, ich habe nicht alles ganz genau begriffen, was er da sprach, – hatte gerade wenig Zeit –, sonst könnte ich dir jetzt alles wiedergeben, ganz ausführlich. Und zudem ein Mensch von wirklich edlen Eigenschaften. Ich habe ihn zu mir zum Besuch eingeladen. Erwarte ihn stündlich.“
Währenddessen starrten mich die Bauern mit offenen Mündern und großen Augen wie ein Wunder an.
„Hören Sie, Onkel,“ unterbrach ich ihn, „ich habe, glaube ich, Ihr Gespräch mit den Bauern unterbrochen. Es handelt sich gewiß um Wichtiges. Was meinen Sie? Ich will ganz offen gestehen, daß ich so meine Vermutungen habe – und daher würde ich gern zuhören ...“
Mein Onkel wurde plötzlich sehr geschäftig und beinahe aufgeregt.
„Ach, richtig! Das hatte ich ganz vergessen! Ja, sieh mal ... was soll man mit ihnen tun? Sie haben sich in den Kopf gesetzt – ich möchte bloß wissen, wer es als erster getan hat –, daß ich sie und ganz Kapitonowka – du erinnerst dich doch noch, wie wir mit meiner seligen Katjä abends immer dorthin spazieren fuhren? – Nun ja, daß ich das ganze Kapitonowka mit seinen rund achtundsechzig Seelen Foma Fomitsch schenken wolle! Nun und jetzt heißt es: ‚Wir wollen nicht von dir fort, Väterchen!‘ und damit Punktum! ...“
„So ist es also nicht wahr, Onkel? Sie werden ihm Kapitonowka nicht schenken?!“ rief ich erfreut aus.
„Wie werd’ ich denn! Ist mir nie in den Sinn gekommen! Aber durch wen hast du es denn schon erfahren? Es war mir nur mal so entschlüpft – und da hat man gleich Häuser auf das eine Wort gebaut. Ich verstehe bloß nicht, weshalb sie den Foma so wenig mögen? Aber wart nur, Ssergei, ich werde dich mit ihm bekannt machen,“ sagte er mit schüchternem Blick auf mich, als ahne er auch in mir einen Feind Foma Fomitschs. „Freund, das ist ein solcher Mensch ...“
„Wir wollen keinen anderen Herrn, Väterchen, nur dich allein!“ riefen hier plötzlich im Chorus alle Bauern aus. „Ihr seid unser Vater, wir sind Eure Kinder!“
„Hören Sie mal, Onkel,“ sagte ich, „den Foma Fomitsch habe ich zwar noch nicht gesehen, aber ... sehen Sie ... ich habe so einiges gehört. Ich will es Ihnen nur gleich sagen, daß ich heute unterwegs Herrn Bachtschejeff getroffen habe. Übrigens hat sich in mir jetzt eine andere Auffassung gebildet, wenigstens vorläufig. Jedenfalls aber entlassen Sie nun die Bauern, dann können wir ungestört, ganz allein und ohne Zeugen, miteinander reden. Ich bin ja doch eigentlich nur deswegen hergekommen ...“
„Das ist es ja! Eben, eben!“ stimmte mein Onkel sofort eifrig bei. „Die Bauern entlassen wir und dann reden wir, weißt du, so – kameradschaftlich, freundschaftlich, verständig! – Nun,“ fuhr er, sich an die Bauern wendend, in seiner schnellen Sprechweise fort, „geht jetzt wieder nach Hause, Freunde! Und hinfort kommt immer zu mir, immer zu mir, wenn was nötig ist, kommt ganz einfach gleich zu mir, wenn was nötig ist –“
„Väterchen, du bist ja unser Vater! Gib uns nicht der Willkür Foma Fomitschs preis! Alle wir Armen bitten dich!“ riefen von neuem die Bauern einstimmig aus.
„Ach ihr Dummköpfe! Es wird euch doch nichts geschehen, das habe ich euch doch schon gesagt!“
„Sonst würde er uns ganz dumm machen mit dem Unterricht, Väterchen! Die Hiesigen, hört man, soll er ja alle schon ganz dumm gemacht haben ...“
„Was, will er denn auch euch die französische Sprache beibringen?“ fragte ich, beinahe erschrocken.
„Nein, Väterchen, vorläufig hat Gott der Herr uns noch verschont!“ antwortete einer der Bauern, ihr Sprecher und ein Schwätzer, wie es schien; er war rothaarig und hatte eine große Glatze, die ziemlich tief auf dem Hinterkopf lag, sowie ein spärliches, keilförmiges Bärtchen, das sich so schnell bewegte, wenn er sprach, als wäre es an sich lebendig gewesen. „Nein, Herr, bis jetzt noch nicht.“
„Aber worin unterrichtet er euch denn?“
„Ach, Euer Gnaden, in solchen Dingen, daß es nach unserem Verständnis so herauskommt: kauf’ einen goldenen Kasten, deine kupferne Münze gib aber hin.“
„Wieso, was bedeutet das, kupferne Münze ...?“
„Sserjosha! Du bist im Irrtum! Das ist eine Verleumdung!“ rief mein Onkel dazwischen, war aber dabei rot geworden und sah sehr betreten aus. „Diese Dummköpfe haben natürlich nicht begriffen, was er ihnen gesagt hat. Er hat nur so ... Was soll das mit der kupfernen Münze? ... Dir aber steht es nicht zu, über alles zu urteilen und das Maul aufzureißen,“ fuhr mein Onkel vorwurfsvoll, zu dem Bauern gewandt, fort; „man wollte dir doch, du Dummkopf, Gutes tun, du aber siehst das nicht ein – und schreist noch!“
„Aber um’s Himmels willen, Onkel, Sie vergessen, daß er ihnen Französisch beibringen will!“
„Aber doch nur wegen der Aussprache, Sserjosha, einzig wegen der Aussprache,“ beteuerte er mit geradezu flehender Stimme. „Er hat es mir selbst gesagt, daß er es einzig wegen der Schulung in der Aussprache tut, die dann auch ihrer Muttersprache zugute kommt ... Zudem ging der Sache noch ein besonderer Fall vorher, – du weißt das nicht und daher kannst du auch nicht urteilen. Zuerst, Freund, muß man begreifen, und dann erst kann man beschuldigen ... Beschuldigen ist leicht!“
„Aber ich verstehe euch nicht!“ sagte ich heftig, mich von neuem an die Bauern wendend, „so hättet ihr es ihm doch sofort offen sagen sollen. Ganz einfach: so geht es nicht, Foma Fomitsch, die Sache liegt so und so! Ihr habt doch einen Mund!“
„Wo ist die Maus, die der Katze die Schelle umbindet, Väterchen? ‚Ich bringe,‘ sagt er, ‚dir ungeschicktem Bauernkerl Sauberkeit und Ordnung bei. Warum ist dein Hemd nicht sauber?‘ – Weil es doch voll Schweiß ist, darum kann es doch auch nicht sauber sein! Wir können doch nicht jeden Tag das Hemd wechseln. Sauberkeit macht noch nicht auferstehen, und Armut ist noch nicht Tod.“
„Neulich kam er in die Tenne,“ fiel ein anderer Bauer ein, ein großer, hagerer Mann, dessen Kleider an vielen Stellen geflickt waren, und dessen Füße in den ältesten Bastschuhen staken. Er gehörte offenbar zu jenen, die ewig mit irgend etwas unzufrieden sind und stets ein gehässiges, scharfes Wort in Bereitschaft haben. Bis dahin hatte er hinter den anderen gestanden, in mißmutiger Schweigsamkeit zugehört und die ganze Zeit ein gewisses zweideutiges, bitteres und verschlagenes Spottlächeln nicht aus seinem Gesicht gebannt. – „Er kam in die Tenne. ‚Wißt ihr auch,‘ fragt er, ‚wieviel Werst es von hier bis zur Sonne sind?‘ Wer von uns kann denn so was wissen? Das steht doch nicht uns zu, das ist doch Herrschaftswissen. ‚Nein,‘ sagte er, ‚du bist ein Lümmel, wie ich sehe, begreifst nicht einmal deinen eigenen Nutzen. Ich aber,‘ sagt er, ‚bin ein Astrolog! Ich kenne alle Planeten Gottes!‘“
„Nun, hat er dir auch gesagt, wieviel Werst es bis zur Sonne sind?“ mischte sich mein Onkel ein, der plötzlich wieder wie neubelebt war und lustig mir zuzwinkerte, als wolle er mir sagen: „Paß nur auf, was du jetzt zu hören bekommen wirst!“
„Er nannte da wohl eine große Zahl,“ antwortete der Bauer gewissermaßen wider Willen, da er eine solche Frage offenbar nicht erwartet hatte.
„Nun, wieviel waren es denn doch, wieviel, was meinst du?“
„Ach, das wird doch Euer Gnaden besser wissen als wir ... wir sind unaufgeklärte Leute, leben im Dunkeln.“
„_Ich_ weiß es ja, Bruder, aber du, hast _du es auch_ behalten?“
„Es werden da immer soundso viel hundert oder auch tausend Werst sein, wie er sagte. Es war etwas viel. Die konnte man kaum auf drei Fuhren fortführen, diese Zahlen, die er sagte.“
„Aber das ist ja die Hauptsache, – daß man es behält nämlich! Du glaubtest wohl, was wird es denn viel mehr sein als eine Werst, da kann man ja mit der Hand hinlangen? Nein, Bruder, die Erde – das ist, siehst du, ein runder Ball – verstehst du?“ fuhr mein Onkel fort, indem er mit den Händen in der Luft einen Kreis beschrieb.
Der Bauer lächelte schmerzlich.
„Ja, wie ein Ball! Und so hält sie sich ganz von selbst in der Luft und kreist um die Sonne. Die Sonne aber steht auf einem Platz und rührt sich nicht; es scheint dir nur so, als bewege sie sich, in Wirklichkeit aber steht sie auf einem Fleck. Ja, siehst du, so ist es! Entdeckt aber hat das alles der Kapitän Cook, ein Weltumsegler ... Übrigens, weiß der Teufel, ob der es nun gerade war, oder wer es eigentlich entdeckt hat,“ fügte er halblaut, zu mir gewandt, hinzu. „Ich habe ja selbst, Freund, keine Ahnung davon ... Weißt du es, wieviel Werst es bis zur Sonne sind?“
„Gewiß, Onkel,“ antwortete ich, etwas verwundert über dieses ganze Gespräch, „nur denke ich folgendermaßen darüber: Unbildung ist natürlich Nachlässigkeit, dagegen Bauern in der Astronomie zu unterrichten ...“
„Das ist es ja! Eben, eben – gerade Nachlässigkeit!“ fiel mein Onkel dazwischen und griff begeistert meinen Ausdruck auf, der ihm wohl überaus treffend erschien. „Ein großartiger Gedanke! Gerade Nachlässigkeit! Das habe ich ja immer gesagt ... das heißt, ich habe es noch nie gesagt, aber ich habe es gefühlt. Hört ihr,“ rief er dann den Bauern zu, „Unbildung ist dasselbe wie Nachlässigkeit, ist genau dasselbe wie Schmutz! Und deshalb wollte euch Foma auch belehren. Er wollte euch das Gute lehren. Das ist gleichfalls ein Dienst, der dem Vaterlande geleistet wird, und des größten Lohnes wert. Seht ihr nun, wie es sich verhält! Das ist die Wissenschaft! Nun, gut, gut, meine Lieben! Geht mit Gott, ich freue mich, es freut mich ... jedenfalls beruhigt euch, ich werde euch nicht verlassen.“
„Beschütze du uns, Väterchen, bist doch immer wie ein leiblicher Vater zu uns gewesen!“
„Laß uns Freude erleben, Väterchen!“
Und die Bauern stürzten wie ein Mann auf die Knie nieder.
„Nun, nun, was soll das, welch ein Unsinn! Vor Gott und dem Kaiser sollt ihr niederknien, nicht aber vor mir ... Aber so steht doch endlich auf, geht jetzt, führt euch gut auf, verdient euch eine gute Behandlung ... nun, und alles andere, was noch nötig ist ... Weißt du,“ sagte er dann zu mir, sich plötzlich umwendend, und sein Gesicht schien vor Freude zu leuchten, „so ein armer Kerl hört doch gern ein gutes Wort, und auch ein Geschenk schadet nicht. Ich werde ihnen etwas schenken, was? Was meinst du? So, weil du angekommen bist ... Soll ich es tun oder nicht?“
„Onkel, Sie sind ja Ihren Bauern ein guter Herr, wie ich sehe, wahrscheinlich einer jener Gutsbesitzer, die immer nur Gutes tun wollen ... –“
„Aber es geht doch nicht, Freund, es geht doch nicht anders: das ist doch nichts. Ich wollte ihnen schon lange etwas schenken,“ sagte er wie zur Entschuldigung. „Aber fandest du es nicht lächerlich, daß ich den Bauern da einen wissenschaftlichen Vortrag hielt? Nein, Freund, das habe ich nur so ... nur so vor Freude, daß ich dich nun wiedersah, Sserjosha ... Ich wollte einfach, daß auch er, der Bauer, erführe, wie weit es bis zur Sonne ist, und, wenn er’s hört, den Mund aufsperrt. Es ist so lustig zu sehen, wie er ihn aufsperrt. Man freut sich geradezu für ihn. Nur weißt du, Freund, sag’ das nicht dort im Salon, daß ich hier mit den Bauern gesprochen habe. Ich habe es absichtlich hier hinter den Pferdeställen getan, damit man es von dort nicht sieht; denn sieh, Freund, es war nicht anders zu machen ... eine kitzlige Sache! Und sie waren ja auch nur heimlich gekommen. Ich habe es ja eigentlich auch nur ihretwegen getan ...“
„Ja, Onkel, jetzt bin ich also angekommen und bin hier!“ begann ich, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben und schneller auf die Hauptsache zu sprechen zu kommen. „Ihr Brief hat mich, offen gestanden, dermaßen überrascht und in Erstaunen gesetzt, daß ich ...“
„Mein Freund, kein Wort mehr darüber!“ unterbrach mich mein Onkel geradezu erschrocken und mit gesenkter Stimme. „Später, später wird sich das alles aufklären! Vielleicht bin ich nicht ganz schuldlos vor dir, vielleicht sogar sehr ...“