Part 5
„Ach Gott! Gestehen und gestehen, etwas anderes hört man von Ihnen nicht! Was gestehen Sie denn ewig? Fragen Sie mich doch rundweg, was Sie fragen wollen! ... Und Jegor Iljitschs Mamachen, na ja, Sie wissen schon, – ist ja sonst eine ganz würdige alte Dame, obendrein auch noch Generalin – ich aber kann nur sagen, daß ich sie total verrückt finde: sie wagt ja den Fomka, den Räuber, nicht einmal anzu_hauchen_! Und schließlich ist sie allein an allem schuld: sie hat ihn doch ins Haus gebracht! Er scheint sie vollkommen behext zu haben. _Dumm_ geworden ist sie, wenn sie sich jetzt auch Exzellenz nennt ... Hat sie sich doch mit nahe fünfzig Jahren dem alten Krachotkin an den Hals geworfen! Von der Schwester Jegor Iljitschs, der Praskowja Iljinitschna, die schon das vierzigste Jahr als Mädchen dasitzt, will ich überhaupt nicht reden. Von der hört man nur ach und weh, wie von einer Henne, die ein Ei legen will – hab’s satt – na! Das einzige, was noch an ihr ist – ist, daß sie zum weiblichen Geschlecht gehört, das ist aber auch alles: jetzt acht’ einer sie dafür! – nur eben, weil sie Dame ist! Pfui! Aber was red’ ich da, das ist ja doch unanständig von mir: sie ist ja Ihre Tante. Nur die Alexandra Jegorowna, Ssaschenjka – die Tochter des Obersten, – ist ja noch ’n kleines Mädel, erst sechzehn Lenze, ist aber klüger als alle die anderen zusammengenommen: die verachtet den Fomka, wie es sich gehört! War sogar spaßig zu beobachten. Ein nettes, liebes Fräuleinchen, nja, nichts zu sagen ... Weswegen, sagen Sie doch selbst, soll man ihn denn achten? Er hat doch, dieser Fomka, beim verstorbenen General Krachotkin als Narr das Gnadenbrot gefressen! Er hat ja doch, wenn jener befahl, alle Tiere nachahmen müssen! Das ist ja – ‚früher hat Wanjka Erde gegraben, heute will Wanjka den Marschallstab haben!‘ Jetzt behandelt der Oberst, Ihr Onkel, diesen Narren a. D. wie seinen leiblichen Vater, setzt ihn unter Glas womöglich, macht noch Bücklinge vor diesem Schmarotzer, – oh, pfui!“
„Nun ... Armut ist doch keine Schande ... und ... ich muß gestehen ... Erlauben Sie, daß ich frage: ist er schön, klug?“
„Wer das? – Foma? ... Wie ein Bild! Wunderbar schön!“ antwortete Bachtschejeff mit einem ganz eigentümlichen Zittern in der Stimme, das deutlich seine Wut verriet. Meine Fragen reizten ihn offenbar, und er sah mich etwas mißtrauisch von der Seite an. „Schön? Hört doch, der hat jetzt einen Schönen entdeckt! Großer Gott, er ähnelt ja allen Tieren, wenn du nun einmal alles wissen willst! Ich würde ja nichts sagen, wenn er noch wenigstens geistreich wäre, wenn der Schuft es mit Geist und Verstand machen würde, – nun, dann würde ich’s noch hinnehmen, den Schmerz verbeißen, um des Geistes willen, ... Aber er hat ja überhaupt keinen! Ich kann nur sagen, er hat ihnen allen einen Trank zu trinken gegeben und ist einfach irgend so ein Schwarzkünstler. Pfui! ... Meine Zunge ist matt. Man kann nur einfach zur Seite speien und weggehen. Und schweigen. Sie haben mich mit Ihrem Gespräch nur wieder in Wut gebracht! He, ihr da! Seid ihr endlich fertig?“
„Der Schwarze muß noch neu beschlagen werden,“ brummte Grigorij mürrisch.
„Der Schwarze ... Ich werde dir zeigen, was ein Schwarzer ist! ... Ja, mein Bester, ich kann Ihnen Dinge erzählen, Dinge, sag’ ich Ihnen, daß Sie nur so den Mund aufsperren und bis zur Wiederkunft des Herrn mit offenem Munde stehen bleiben. Ich habe ihn doch anfangs gleichfalls geachtet! Was glauben Sie? Jetzt tue ich Buße und schwöre öffentlich: ich war ein Esel! Er hatte ja auch mich beschwindelt. Der Kerl wußte alles! Jedes letzte Tüttelchen wußte er, alle Wissenschaften hatte er im Kopf! Tropfen gab er mir: ich bin ja doch, Väterchen, ein kranker Mensch. Sie glauben es mir vielleicht nicht, aber ich bin wirklich krank, – wovon bin ich denn so dick? Nun, damals aber, von seinen Tropfen, wäre ich fast kopfüber in die Grube gefahren. Schweigen Sie nur und hören Sie zu: wenn Sie hinkommen, werden Sie mit eigenen Augen sehen. Er wird ja dem Obersten noch blutige Tränen herauspressen, jawohl! – blutige Tränen wird der Oberst weinen, aber dann wird es zu spät sein! Hat doch schon die ganze Umgegend wegen dieses vermaledeiten Fomka den Verkehr mit ihm abgebrochen! Beleidigt doch der Kerl ungestraft einen jeden, der über die Schwelle tritt! Von mir ganz zu schweigen: selbst die größten Potentaten würde er nicht verschonen. Einem jeden hält er seine Predigt; denn er hat sich jetzt auf die Moral gelegt, der Spitzbube! ‚Ich bin ein Weiser, ich bin der Klügste von allen, auf mich allein hast du zu hören!‘ Das sind so seine Worte. ‚Ich bin gelehrt,‘ und damit basta! Was geht das mich an, ob er gelehrt ist oder nicht! Also bloß weil man gelehrt ist, muß man den Ungelehrten unbedingt auspressen? ... Und wenn er dann einmal loslegt mit seiner Gelehrsamkeit, dann hat es keinen Anfang und kein Ende, nur ta-ta-ta, ta-ta-ta, ta-ta-ta schlägt ins Ohr. Das heißt, er hat eine solche Zunge, sag’ ich Ihnen, daß sie selbst dann, wenn man sie abschneiden und hinaus auf den Misthaufen werfen würde, – selbst dann würde sie noch endlos weitertattern wie eine Nähmaschine ... Jetzt nimmt er sich viel heraus, jetzt ist er wichtig wie eine Maus in der Grütze! Jetzt will er schon dorthin kriechen, wohin nicht einmal sein Kopf durchkriechen kann. Aber was soll man da reden! Ist es ihm doch jetzt eingefallen, das ganze Hofgesinde französische Vokabeln lernen zu lassen! Wenn Sie nicht wollen, brauchen Sie es mir ja nicht zu glauben. Das bringe ihnen, sagt er, großen Nutzen! Dem Landbauer also, dem Knecht! Pfui! So ein verfluchter Schandkerl! – mehr ist er wirklich nicht. Wozu braucht ein Leibeigener Französisch, was fängt er damit an? – ich bitt’ Sie! Und selbst wir, wozu braucht denn unsereiner Französisch, frage ich Sie bloß? Um jungen Damen bei der Mazurka den Kopf zu verdrehen und fremde Frauen zu verführen! Luxus, Luxus, und nichts weiter!! Meiner Meinung nach – trink eine Flasche Branntwein aus, und du sprichst von selbst alle Sprachen. Das ist alles, was ich an Hochachtung für die französische Sprache übrig habe. Na, auch Sie werden ja wohl gut französisch plappern, tatata, tatata, patati und patata!“ Bachtschejeff sah mich mit verachtendem Unwillen von der Seite an. „Sie, mein Lieber, sind doch auch ein Gelehrter – wie? Haben sich doch auch auf die Gelehrsamkeit gelegt?“
„Ja ... ich ... zum Teil interessiere ich mich ...“
„Da haben Sie denn vielleicht auch schon alle Wissenschaften in sich aufgenommen?“
„Ja ... das heißt, nein ... Ich muß gestehen, daß ich jetzt mehr für das Beobachten bin. Ich habe so lange in Petersburg gesessen und beeile mich nun, zu meinem Onkel zu kommen ...“
„Wer hat Sie denn darum gebeten? Wären Sie doch dort bei sich sitzen geblieben, wenn Sie etwas hatten, wo Sie sitzen konnten. Nein, mein Bester, hier, das sage ich Ihnen, werden Sie mit Gelehrsamkeit wenig ausrichten, und da wird Ihnen kein Onkel helfen – da haben Sie sogleich den Fangriemen um den Hals. Ich habe bei ihm an einem einzigen Tage bedeutend abgenommen. Jawohl! – Werden Sie es mir glauben, daß ich dort in vierundzwanzig Stunden magerer geworden bin? Nein, ich sehe schon, Sie glauben es mir nicht. Nun, dann, meinetwegen, Gott mit Ihnen, dann glauben Sie es eben nicht.“
„Aber wieso, ich glaube es Ihnen durchaus! Nur ist mir einiges noch etwas unverständlich ...“ beeilte ich mich zu versichern, geriet aber wieder in Verwirrung.
„Kennt man, dieses Glauben ... aber ich glaube _Ihnen_ nicht! Alle seid ihr Springer – soviel es nur Gelehrte gibt. Ihr würdet am liebsten jeder auf einem Bein hopsen und euch bewundern lassen! Nein, mein Bester, diese Wissenschaften sind nicht mein Fall, ich kann sie nicht verdauen. Hab’ mich mit euch Petersburgern genug gerieben – unnützes Volk. Alles Freimaurer. Verbreiten nur Unglauben. Selbst ein Gläschen Branntwein hat er Angst auszutrinken, so’n Gelehrter, ganz als fürchtete er, daß es ihn beißen könnte – pfui! Nein, mein Bester, Sie haben mich jetzt geärgert, will mit Ihnen gar nicht mehr weiter sprechen. Und ich bin doch auch wirklich nicht dazu da, um hier Geschichten zu erzählen. Meine Zunge ist ohnehin schon müde. Alle, Väterchen, kann man ja doch nicht ausschimpfen, und es wäre auch Sünde ... Nun hat er bei Ihrem Onkel den Diener Widopljässoff buchstäblich um den Verstand gebracht, dein großer Gelehrter da! Jawohl, nur dank Foma Fomitsch ist Widopljässoff übergeschnappt ...“
„Ich aber würde den Widopljässoff,“ mischte sich plötzlich Grigorij ein, der bis dahin würdevoll und stumm unsere Unterhaltung verfolgt hatte, „ich aber würde diesen Widopljässoff unter den Ruten überhaupt nicht mehr aufstehen lassen! Käme er mir nur zwischen die Finger, so würde ich ihm diese deutschen Albernheiten ein für allemal ausbläuen! Würde ihm so viele aufzählen, daß er mit den Zahlen zu kurz käme!“
„Schweig!“ schrie ihn sein Herr an. „Halt deine Zunge hinter den Zähnen fest, nicht mit dir wird gesprochen!“
„Widopljässoff ...“ stotterte ich, nun ganz aus der Fassung gebracht – wenn ich nur gewußt hätte, was ich sagen sollte! „Widopljässoff ... sagen Sie doch, welch ein sonderbarer Name ...“
„Weshalb denn sonderbar? Da stimmen auch Sie dasselbe Lied an! Ach, Sie! Gelehrt natürlich, gelehrt!“
Doch jetzt riß meine Geduld.
„Entschuldigen Sie,“ sagte ich, „weshalb ärgern Sie sich denn über mich? Was habe ich denn mit all dem zu tun? Ich höre Ihnen nun schon seit einer halben Stunde zu und begreife nicht einmal, um was es sich handelt ...“
„Ja, aber weshalb ärgern Sie sich denn, mein Gutester?“ fragte der Dicke naiv. „Es ist doch nichts, was Sie kränken könnte! Ich habe doch in aller Liebe zu dir gesprochen, mein Lieber ... Beachten Sie es weiter nicht, daß ich ein solcher Schreihals bin und soeben noch meinen Diener angeschnauzt habe. Wenn er auch eine notorische Kanaille ist, mein Grischka, so liebe ich ihn ja doch gerade deswegen, den Schuft. Meine Herzensempfindsamkeit allein hat mich ins Unglück gebracht – ganz offen und ehrlich gesagt. Aber an dieser ganzen Geschichte ist doch nur Fomka schuld! Der bringt mich noch ins Grab, darauf kann ich schwören, der kriegt’s fertig! Dank seiner Gnaden muß ich hier die zweite Stunde in der Sonne braten. Wollte zuerst beim Oberpopen vorsprechen, solange wie diese Duselköpfe hier den Schaden wieder ausbessern. Ein guter Mensch, dieser Oberpope. Aber der Fomka hat mich dermaßen geärgert, daß ich auch den Oberpopen nicht mehr sehen wollte! Na, und überhaupt! Hier aber gibt es ja nicht einmal ein anständiges Frühstückslokal ... Alle sind Schufte, das sage ich Ihnen, alle bis auf den Letzten! ... Ich würde ja nichts sagen, wenn er ein großes Tier wäre,“ fuhr Herr Bachtschejeff fort, sich wieder dem Thema Foma Fomitsch zuwendend, von dem er sich offenbar nicht zu trennen vermochte, „dann würde es noch mit dem Titel, den er führte, halbwegs zu erklären sein; aber so! Er hat ja überhaupt keinen Rang, ich weiß es tödlich sicher, daß er nicht den geringsten Titel hat! Für Recht und Wahrheit, sagt er, soll er dort irgendwo ‚gelitten‘ haben, vor Olims Zeiten vielleicht: und so knie jetzt dafür gefälligst vor ihm nieder! Der Teufel ist doch nicht unser Bruder! Ist ihm nur etwas nicht ganz nach der Nase, so springt er auf, schreit: ‚Man beleidigt mich, patati! – weil ich arm bin, patata! – man hat keine Ehrfurcht vor mir!‘ Ohne Foma darfst du dich nicht an den Tisch setzen, er aber sitzt in seinem Zimmer und kommt nicht; denn ‚man hat mich beleidigt, ich bin ein Gottespilger, kann mich auch von schwarzem Brote nähren.‘ Kaum aber hat man sich zu Tisch gesetzt, da erscheint er wieder, und da fängt das Lied von neuem an: ‚Weshalb hat man sich ohne mich zu Tisch gesetzt? Also so gering achtet man mich!‘ Kurz – dieselbe Tonart! Ich, wissen Sie, ich habe lange geschwiegen. Er glaubte, daß auch ich wie ein dressiertes Hündchen auf den Hinterbeinen apportieren würde. Jawohl ja! Das fehlte noch! Nein, mein Lieber, spring du mal selbst auf den Kutschersitz, ich werde mich in den Wagen setzen! Ich bin doch Jegor Iljitschs Regimentskamerad! Ich trat als Junker aus, er aber kam vor einem Jahr als Oberst a. D. auf mein Stammgut und stattete mir seinen Besuch ab. Da sagte ich ihm gleich: ‚He, mein Bester, verwöhnen Sie den Foma nicht so sehr, Sie wissen nicht, was Sie tun, Sie werden es noch bereuen!‘ Er aber sagte: ‚Nein, er ist ein überaus guter Mensch‘ – das sagt er von Fomka! – ‚er ist mein Freund, er unterrichtet mich jetzt in der Moral.‘ Na, dachte ich da bei mir, gegen die Moral ist nichts zu machen! Wenn er bereits bei dieser angelangt ist, dann gib die letzte Hoffnung auf! Was glauben Sie wohl, weshalb er es heute zu dem Skandal gebracht hat? Morgen, an Sankt-Elias-Tag (Herr Bachtschejeff bekreuzte sich) ist Iljuschas, des kleinen Iljuschas Namensfest. Ich hatte eigentlich die Absicht, auch diesen Tag bei ihnen zu verbringen, zum Essen zu bleiben, und verschrieb mir aus der Residenz ein Spielzeug: ein Deutscher auf Sprungfedern küßt seiner Braut die Hand, und diese wischt sich mit dem Schnupftuch eine Träne ab – ein großartiges Ding! Jetzt aber werde ich es nicht mehr schenken, prost Mahlzeit! Sehen Sie, da liegt das Ding in meinem Wagen, dem Deutschen ist schon die Nase abgeschlagen. Bring’s zurück. Jegor Iljitsch feiert bei solcher Gelegenheit ganz gern ein Fest, nun aber kommt der Fomka dazwischen und verpfuscht ihm das Vergnügen. ‚Weshalb beschäftigt man sich denn jetzt mit Iljuscha so sehr? Man will wohl mich von nun an überhaupt nicht mehr beachten?‘ Nun, was sagen Sie dazu? Wie gefällt er Ihnen? Beneidet einen achtjährigen Knaben wegen dessen Namenstag! ‚Aber nein,‘ sagte er, ‚ich habe morgen gleichfalls meinen Namenstag!‘ Aber morgen ist doch Ilja und nicht Foma! ‚Nein,‘ sagt er, ‚ich feiere morgen gleichfalls meinen Namenstag!‘ Ich schweige, sage kein Wort, dulde stumm. Und was glauben Sie? Jetzt schleichen sie dort alle auf den Zehenspitzen umher und beraten sich tuschelnd, was sie nun tun sollen! Sollen sie ihm nun morgen, am Eliastage, zum Namensfest gratulieren oder sollen sie ihm nicht gratulieren? – Unterlassen sie es, so kann er sich wieder beleidigt fühlen – gratulieren sie ihm aber, so kann er sie alle verspotten. Pfui! Da setzten wir uns nun zu Tisch ... Aber du, mein Bester, hörst du mir denn überhaupt zu?“
„Aber gewiß! – sogar mit besonderem Vergnügen; denn durch Sie erst erfahre ich jetzt ... und ... ich gestehe ...“
„Jawohl, mit besonderem Vergnügen, das kennt man! Dieses Vergnügen ... Oder soll das etwa Ironie sein?“
„Aber ich bitte Sie, aus welchem Grunde denn Ironie? Ganz im Gegenteil. Und zudem ... drücken Sie sich so originell aus, daß ich schon bei mir beschlossen habe, Ihre Worte niederzuschreiben.“
„Was ... was heißt das, Väterchen, wieso niederzuschreiben?“ fragte Herr Bachtschejeff mit einem gelinden Schrecken im Gesicht und blickte mich mißtrauisch an.
„Übrigens, ich werde sie vielleicht auch nicht niederschreiben ... ich sagte es nur so ...“
„Du willst mich doch sicherlich irgendwie ausnutzen?“
„Wie meinen Sie das? Ich verstehe Sie nicht,“ sagte ich verwundert.
„Ja so. Ich erzähle dir jetzt alles wie ein gutmütiger Esel, und du schilderst mich dann plötzlich in irgendeinem Buch.“
Ich beeilte mich sogleich, Herrn Bachtschejeff zu versichern, daß ich nicht zu jenen Schriftstellern gehöre – er aber sah mich immer noch mißtrauisch an.
„Jawohl ja – nicht zu jenen! Wer kennt dich denn! Vielleicht bist du noch toller als jene. Da hat mir nun auch Fomka gedroht, mich zu beschreiben und das Geschriebene drucken zu lassen.“
„Gestatten Sie mir eine Frage,“ unterbrach ich ihn, da ich dem Gespräch eine andere Wendung geben wollte. „Sagen Sie, bitte, ist es wahr, daß mein Onkel heiraten will?“
„Was wäre denn dabei, wenn er’s will? Das wäre ja weiter noch nicht schlimm. Mag der Mensch doch heiraten, wenn es ihm so nahe geht! ... Schlimm aber ist das andere ...“ fügte Herr Bachtschejeff nachdenklich hinzu. „Hm! Aber hierüber, mein Bester, kann ich Ihnen keine bestimmte Auskunft geben. Es haben sich dort jetzt viel Weibsbilder versammelt, wie die Fliegen um den Honig; da wird kein Teufel daraus klug, wer von ihnen nun heiraten will, und wer nicht. Ich werde Ihnen, mein Lieber, in aller Freundschaft nur eines sagen: ich mag die ganze Weiberbande nicht! Das einzige ist noch, daß sie Menschen sind; aber sonst, auf Ehrenwort, ist es doch nichts als eine Schande mit den Weibern und kommt dem Heil unserer Seelen nicht zustatten. Daß aber Ihr Onkel verliebt ist wie ein sibirischer Kater, dessen kann ich Sie versichern. Aber auch darüber will ich jetzt schweigen, Sie werden es ja selbst sehen ... Dumm ist nur, daß er die Sache aufschiebt. Willst du heiraten, so heirate! Er aber fürchtet sich, es Fomka zu sagen, und fürchtet auch die Alte: die würde sofort für sieben losschreien und würde noch mit den Hinterbeinen ausschlagen. Die Alte steht natürlich auf Fomkas Seite; denn sieh, es würde Foma Fomitsch betrüben, wenn eine junge Herrin ins Haus käme, sintemal er dann keine Stunde mehr daselbst verweilen könnte. Die Hausfrau würde ihn womöglich eigenhändig am Kragen fassen und hinauswerfen, und wenn sie klug ist, auf eine solche Weise, daß er später schwerlich hier irgendwo eine Unterkunft auch nur als Schreiberlein finden würde. Deshalb intrigiert er ja auch jetzt zusammen mit der Alten, um ihn zu verkuppeln mit dieser ... Aber du, mein Gutester, warum hast du mich denn unterbrochen? Ich wollte dir vorhin gerade das Wichtigste erzählen, du aber unterbrachst mich! Ich bin älter als du, einen Älteren unterbrechen, das soll man nicht ...“
Ich machte meine Entschuldigung.
„Wozu entschuldigst du dich! Aber ich wollte dir, mein Lieber, als einem Gelehrten zur Entscheidung unterbreiten, wie er mich heute beleidigt hat. Nun, denk und sage selbst, wenn du ein guter Mensch bist. Wir setzten uns also zu Tisch: da hat er mich, sag’ ich dir, fast aufgefressen, der Verfluchte, während der Mahlzeit. Ich sah es ihm von vornherein an, was in ihm vorging: er sitzt und ärgert sich, daß seine ganze Seele knirscht. Würde mich auch in einem Löffel voll Wasser mit Freuden ersäufen, diese Giftblase! Dieser Mensch hat eine solche Eigenliebe, daß er sie kaum noch in sich selbst unterbringen kann! Und da fiel es ihm denn ein, auch mich zu schikanieren, wollte auch mir Moral beibringen. Weshalb – bitte, antworten Sie ihm darauf! – weshalb ich so dick sei?! Und das war nun sein Steckenpferd: weshalb bin ich nicht dünn, sondern dick! Nun, sagen Sie doch selbst, mein Lieber, was ist denn das für eine Frage? Ist denn das geistreich? Ich antworte ihm also: ‚Das hat Gott der Herr schon so eingerichtet: der eine ist dünn, der andere dick; gegen die allweise Vorsehung kann ein Sterblicher sich nicht auflehnen.‘ Das war doch ganz vernünftig geantwortet – finden Sie nicht? ‚Nun,‘ sagt er, ‚du hast fünfhundert Seelen, lebst von den Zinsen, bringst aber dem Vaterlande keinen Nutzen: dienen muß man, du aber sitzt zu Hause und spielst auf dem Harmonium.‘ Das ist nun wahr, ich spiele gern, wenn mir mal so traurig zumute ist, auf meinem Harmonium. Ich also antworte ihm wieder ganz vernünftig: ‚In welchen Dienst soll ich denn eintreten, Foma Fomitsch? In welch eine Uniform soll ich mich dicken Menschen denn hineinzwängen? Ziehe ich eine an – mit genauer Not geht’s vielleicht –, so ist es doch nicht ausgeschlossen, daß ich plötzlich niese und alle Knöpfe abspringen, was in Gegenwart der höchsten Vorgesetzten geschehen kann, und wenn man dann – Gott behüte! – das Unglück nur fürs eine Farce hält, was dann?‘ Nun, sagen Sie doch, mein Gutester, was habe ich denn damit Lachhaftes gesagt? Aber nein, er muß lachen, auf meine Kosten, versteht sich, und das Gekicher hört gar nicht mehr auf, hahaha und hihihi ... Schamgefühl hat er überhaupt nicht, das sage ich Ihnen, und da fiel es ihm noch ein, mich auf französisch zu beschimpfen: ‚Cochon,‘ sagte er. Na, was Cochon heißt, weiß auch ich. Wart, du verfluchter Schwarzkünstler, denke ich, du glaubst wohl, daß du in mir einen dummen Jungen vor dir hast? Ich schwieg aber, litt wortlos und schwieg, – dann aber hielt ich es nicht mehr aus, stand auf und sagte ihm in Gegenwart der ganzen Versammlung ins Gesicht: ‚Ich habe dir unrecht getan,‘ sage ich, ‚Foma Fomitsch, du Wohltäter der Menschheit; denn ich glaubte von dir, daß du ein wohlerzogener Mensch seiest, nun aber stellt es sich heraus, daß du ebenso ein Schwein bist wie wir alle,‘ – sagte es, stand auf und ging fort, ließ den Pudding stehen, wo er stand – der Pudding wurde gerade herumgereicht. Daß euch mitsamt dem ganzen Pudding ...! dachte ich und ging.“
„Entschuldigen Sie, bitte,“ sagte ich, nachdem ich die ganze Erzählung Herrn Bachtschejeffs angehört hatte, „ich bin natürlich gern bereit, Ihnen in allem zuzustimmen, zumal ich ja noch nichts Positives weiß ... Aber, wie soll ich Ihnen sagen, – es haben sich jetzt in mir gewisse Ideen bezüglich dieser Person gebildet ...“
„Was sind denn das für Ideen, Väterchen, die sich in dir gebildet haben?“ fragte Herr Bachtschejeff mißtrauisch.
„Sehen Sie,“ begann ich, ein wenig verwirrt, „es ist vielleicht zu etwas ungelegener Zeit ... aber, schließlich, ich werde Ihnen meine Gedanken gern mitteilen. Ich denke mir folgendes: vielleicht täuschen wir uns beide über Foma Fomitsch. Vielleicht verhüllen alle diese Eigenheiten eine besondere, vielleicht sogar sehr reiche Natur – wer kann das wissen? Vielleicht ist er ein verbitterter, durch Leiden vernichteter Mensch, der sich sozusagen an der ganzen Menschheit dafür rächt? Ich habe gehört, früher soll er so etwas ... so etwas wie ein Hausnarr gewesen sein: vielleicht hat ihn das gar zu sehr erniedrigt, beleidigt, vernichtet? Verstehen Sie mich recht: ein edler Mensch ... mit einem gewissen Selbstbewußtsein ... und der muß nun plötzlich den Narren spielen! ... Da ist er denn vielleicht der ganzen Menschheit gegenüber mißtrauisch geworden und ... und vielleicht, wenn man ihn mit der Menschheit aussöhnen würde ..., das heißt, mit den Menschen ... so würde sich in ihm vielleicht eine reichbegabte oder jedenfalls bemerkenswerte Natur offenbaren, und ... nein, es muß doch etwas Besonderes an ihm sein! Es muß doch seinen guten Grund haben, warum ihn dort alle anbeten!“
Ich fühlte, daß ich ganz aus dem Konzept gekommen war. Bei meiner Jugend war das ja noch verzeihlich, aber Herr Bachtschejeff verzieh es mir nicht. Ernst und streng blickte er mir in die Augen, und dann wurde er plötzlich blaurot im Gesicht, wie ein Truthahn.
„Und das alles soll dieser Fomka sein?“ stieß er kurz hervor.
„Entschuldigen Sie, ich glaube ja selbst nicht an das, was ich soeben gesagt habe ... Ich sagte es nur so ... es wäre doch möglich ...“
„Aber erlauben Sie mal, Sie eines zu fragen: haben Sie Philosophie studiert?“
„Daß heißt, in welchem Sinne?“ fragte ich verwundert.
„Nein, nicht in welchem Sinne, sondern antworten Sie mir offen und ohne alle Sinne auf meine Frage: haben Sie Philosophie studiert?“
„Ich muß gestehen, ich habe allerdings die Absicht, aber ...“
„Na ja, wußt’ ich’s doch!“ rief Herr Bachtschejeff aus, indem er seiner Empörung freien Lauf ließ. „Ich, wissen Sie, ich hatt’s ja schon erraten, noch bevor Sie den Mund aufgetan, daß Sie Philosophie studiert haben! Mir wird man kein X für ein U vormachen! Prost Mahlzeit! Auf drei Werst rieche ich den Philosophen heraus! Fahren Sie nur hin, Sie können Ihrem Foma in die Arme sinken und sich gegenseitig abküssen! Da hat er nun einen ‚besonderen‘ Menschen gefunden! Pfui!“ fauchte er wieder. „Ach, mag die ganze Welt versauern! Mag alles untergehen! Und ich glaubte schon, daß Sie ein vernünftiger Mensch seien, Sie aber ... Fahr vor!“ schrie er dem Kutscher zu, der inzwischen auf den Bock der ausgebesserten Equipage hinaufgeklettert war. „Nach Haus!“