Part 4
Zum Schlusse dieses Kapitels muß ich noch einiges von meinen persönlichen Beziehungen zu meinem Onkel sagen und vor allem erklären, wie es kam, daß ich plötzlich Auge in Auge Foma Fomitsch gegenüberstand und ungewollt und unverhofft in den Strudel der größten Ereignisse hineingeriet, die sich jemals in dem gesegneten Herrenhause von Stepantschikowo zugetragen haben. Damit beabsichtige ich diese Einleitung zu schließen, um alsdann zur eigentlichen Erzählung überzugehen.
In meiner Kindheit, als ich verwaist und ohne Geld in der Welt zurückblieb, nahm sich mein Onkel meiner an, erzog mich auf seine Kosten und tat für mich, kurz gesagt, manches, was oft selbst ein leiblicher Vater nicht getan hätte. Schon am ersten Tage, an dem er mich zu sich nahm, hing ich mich mit ganzer Seele an ihn. Damals war ich zehn Jahre alt, und ich weiß noch, daß wir bald die besten Freunde waren und einander vorzüglich verstanden. Wir drehten beide Brummkreisel, stibitzten beide die Nachthaube einer alten, giftigen Jungfer, mit der wir entfernt verwandt waren. Die Nachthaube band ich übrigens an den Schweif meines Papierdrachens und ließ sie mit diesem in die Lüfte steigen. Darauf vergingen viele Jahre, und ich sah meinen Onkel erst in Petersburg wieder, wohin er auf ein paar Tage gekommen war, als ich – immer auf seine Kosten – das Gymnasium absolvierte. Während dieses Besuches hing ich mich wieder mit der ganzen Leidenschaft der Jugend an ihn: es war etwas Edles, Vornehmes, Aufrichtiges in seinem Charakter, und es war vor allem seine Heiterkeit und seine unglaubliche Naivität, die mich und jeden anderen anzogen. Nachdem ich dann mein Studium auf der Universität beendet hatte, lebte ich eine Zeitlang in Petersburg, ohne mit etwas beschäftigt zu sein, und war, wie so mancher Milchbart, fest überzeugt, daß ich in allernächster Zeit ungeheuer viel Bemerkenswertes und sogar Großes vollbringen werde. Petersburg verlassen wollte ich noch nicht. Meinem Onkel schrieb ich nicht allzuoft, eigentlich nur dann, wenn ich Geld brauchte, das er mir nie verweigerte. Da geschah es, daß ich von einem Hofbauern meines Onkels, der zufällig in Geschäften nach Petersburg gekommen war, hörte, daß bei ihnen in Stepantschikowo wunderliche Dinge vor sich gingen. Die betreffenden Mitteilungen setzten mich in Erstaunen und erweckten sogleich mein Interesse. Ich begann meinem Onkel öfter zu schreiben. Er antwortete mir immer etwas undeutlich und eigentümlich, und schien sich offenbar beim Schreiben eines jeden Briefes krampfhaft zu bemühen, nur von der Wissenschaft zu reden, da er von mir in Zukunft große Dinge erwartete, und auf meine etwaigen Erfolge bereits im voraus nicht wenig stolz war. Dann aber erhielt ich eines schönen Tages, nach längerem Schweigen, einen Brief von ihm, der allen vorhergehenden Briefen durchaus unähnlich war. Er setzte sich aus so seltsamen Andeutungen zusammen, aus so wunderlichen Widersprüchen, daß ich ihn anfangs überhaupt nicht verstand. Ich fühlte nur heraus, daß der Schreiber des Briefes sich in großer Aufregung befunden haben mußte. Nichtsdestoweniger ging aus dem ganzen Schreiben die Hauptsache ziemlich klar hervor: der Onkel bat mich in allem Ernst, ja, fast flehte er mich an, sobald wie möglich die Erzieherin seiner Kinder, die Tochter eines armen Provinzialbeamten Jeshowikin, die in Moskau, gleichfalls auf Kosten meines Onkels, in einer vorzüglichen Anstalt erzogen worden war, – zu heiraten. Er schrieb, sie sei unglücklich, ich aber könnte sie glücklich machen, ganz abgesehen davon, daß es eine großmütige Handlung meinerseits wäre. Er rief noch den Edelmut meines Herzens an und versprach gleichzeitig, dem jungen Mädchen eine gute Mitgift zu geben. Von der Mitgift schrieb er übrigens sehr ängstlich, wie von einer dummen Nebensache – wahrscheinlich in der Furcht, mich zu kränken – und schloß den Brief mit der flehenden Bitte, tiefstes Schweigen in dieser ganzen Angelegenheit zu wahren.
Dieser Brief stieß mich dermaßen vor den Kopf, daß mir förmlich schwindlig wurde. Aber auf welchen jungen Menschen, der wie ich kaum erst von der Schule und Universität kam, würde ein solches Anerbieten keinen tiefen Eindruck machen, und wär’s auch nur, sagen wir, von der romanhaften Seite? Zudem hatte ich schon gehört, daß diese junge Gouvernante – eine ganz reizende junge Dame sei. Indessen wußte ich wirklich nicht, was ich tun sollte, wenn ich auch meinem Onkel umgehend schrieb, daß ich mich unverzüglich nach Stepantschikowo begeben werde. Mein Onkel hatte mir gleichzeitig mit dem Brief auch das Reisegeld übersandt. Doch trotz alledem konnte ich mich nicht so schnell entschließen und zögerte noch ganze drei Wochen in Petersburg. Da traf ich plötzlich einen Freund meines Onkels, der mit ihm früher im selben Regiment gestanden und nun auf der Rückreise aus dem Kaukasus nach Petersburg ihn unterwegs in Stepantschikowo besucht hatte. Es war dies ein schon älterer, sonst vernünftig denkender Mensch, doch ein eingefleischter Junggeselle. Ganz empört erzählte er mir von Foma Fomitsch, und dann teilte er mir noch etwas mit, wovon ich bis dahin keine Ahnung gehabt hatte: daß Foma und die Generalin beschlossen hätten, den Obersten mit einem äußerst seltsamen alten Mädchen, das mindestens halbverrückt sei, eine außergewöhnliche Lebensgeschichte und wenigstens eine halbe Million Mitgift habe, zu verkuppeln. Die Generalin habe ihre zukünftige Schwiegertochter zu überzeugen gewußt, daß sie verwandt seien und sie folglich bei ihnen leben müsse; der Oberst sei natürlich verzweifelt, doch werde es aller Voraussicht nach damit enden, daß er die halbe Million heirate; und zum Schluß fügte der Betreffende noch hinzu, daß die beiden Diplomaten, Foma wie die Generalin, die arme, schutzlose Erzieherin der Kinder meines Onkels entsetzlich behandelten und sie mit aller Gewalt zum Hause hinaustreiben wollten, wahrscheinlich in der Angst, der Oberst könnte sich in sie verlieben, oder weil er sich vielleicht schon in sie verliebt hatte. Diese letzte Mitteilung machte mich stutzig. Doch auf alle meine Fragen, ob der Oberst sich inzwischen nicht tatsächlich in sie verliebt habe, konnte oder wollte er mir keine bestimmte Antwort geben – und überhaupt sprach er ziemlich einsilbig und ersichtlich ungern von der ganzen Angelegenheit, ja, er umging einfach alle näheren Erklärungen. Ich wurde nachdenklich: diese neuen Aufschlüsse widersprachen so auffallend dem Briefe meines Onkels und seinem Vorschlag! ... Aber wozu Zeit verlieren, dachte ich. Ich beschloß, sofort nach Stepantschikowo zu fahren, nicht nur, um meinen Onkel zu beruhigen und zur Vernunft zu bringen, sondern auch, um ihn zu retten, nämlich Foma vor die Tür zu setzen, zu verhindern, daß er mit der alten Jungfer verkuppelt wurde, und dann – da mir nach reiflicher Überlegung die Liebe meines Onkels zu der jungen Erzieherin als entschiedenes Hirngespinst Foma Fomitschs erschien – die Unglückliche zu beglücken, mit anderen Worten, um die Hand des interessanten jungen Mädchens anzuhalten usw. Allmählich begeisterte ich mich immer mehr für mein Vorhaben, so daß ich – wie das so in der Jugend zu geschehen pflegt – aus den stärksten Bedenken alsbald in das entgegengesetzte Extrem geriet. Mich verzehrte förmlich das Verlangen, möglichst schnell die größten Wunder und Heldentaten zu vollbringen. Es schien mir sogar, daß ich ungewöhnliche Großmut bekunde, mich edelmütig opfere, um ein unschuldiges, prachtvolles Geschöpf zu beglücken, – kurz, ich war während der ganzen Fahrt überaus zufrieden mit mir. Es war Juli; die Sonne schien strahlend hell; ringsum sah ich, soweit nur das Auge schweifen konnte, die unermeßliche Weite reifender Erntefelder. Ich aber hatte so lange in Petersburg eingeschlossen gelebt, daß ich, wie mir schien, zum erstenmal Gottes freie Welt erblickte.
II.
Herr Bachtschejeff.
Ich näherte mich bereits dem Ziele meiner Reise, als ich in dem kleinen Städtchen B., kaum zehn Werst von Stepantschikowo entfernt, an der Schmiede in der nächsten Nähe des Schlagbaums aussteigen mußte, um den gesprungenen Reifen des einen Vorderrades meiner kleinen Postkutsche ausbessern zu lassen. Für die Strecke von zehn Werst, die mir noch bevorstanden, ließ sich die Reparatur leicht machen; daher beschloß ich, so lange daselbst bei der Schmiede zu warten und mich nicht erst in das Städtchen zu begeben. Als ich ausstieg, bemerkte ich einen dicken Herrn, der gleichfalls eine Ausbesserung an seinem Gefährt, einer Landequipage, vornehmen ließ. Er stand, wie ich später erfuhr, schon seit einer Stunde im unerträglichen Sonnenbrand, schrie, schimpfte und trieb mit der ganzen Ungeduld eines Eigensinnigen und ewig Unzufriedenen die Schmiedegesellen, die an seinem prächtigen Wagen arbeiteten, zur Eile an. Ein Blick in das Gesicht dieses Herrn genügte, um in ihm den Typ eines Brummbären zu erkennen. Er war etwa fünfundvierzig Jahre alt, mittelgroß, sehr dick und pockennarbig. Sein Schmerbauch, das Doppelkinn, die aufgeblasenen, hängenden Wangen zeigten anschaulich, daß er ein bequemes Gutsherrnleben führte. Es war etwas Weibisches an ihm, das sofort ins Auge fiel. Seine Kleider waren sehr breit zugeschnitten, jedenfalls beengten sie ihn nicht, waren sauber und nicht billig, doch nicht gerade allzu modisch.
Ich weiß nicht, weshalb er sich sogleich über mich ärgerte, wozu er doch um so weniger Veranlassung hatte, als er mich zum erstenmal im Leben sah und noch kein Wort mit mir gesprochen hatte. Seinen Ärger aber bemerkte ich sofort an seinem unglaublich wütenden Blick, den er auf mich richtete, als ich kaum meinen Fuß auf die Landstraße gesetzt hatte. Gleichwohl wollte ich ihn ungeheuer gern näher kennen lernen. Aus dem Gespräch seiner Leute erriet ich, daß er aus Stepantschikowo kam, wahrscheinlich also von einem Besuch bei meinem Onkel nach Hause fuhr – so war’s denn doppelt begreiflich, daß ich ihn gern ein wenig ausgefragt hätte, um mir von dem, was mich erwartete, ein Bild machen zu können. Ich lüftete also den Hut und bemühte mich, möglichst liebenswürdig zu bemerken, wie unangenehm doch solch unfreiwilliger Aufenthalt unterwegs zu sein pflege – aber der dicke Herr maß mich nur mit einem unzufriedenen, mürrischen Blick vom Hut bis zu den Stiefeln, brummte darauf etwas Unverständliches in seinen Schnurrbart und drehte mir dann behäbig seine Rückseite zu. Wenn nun auch dieser Teil seiner Person für einen Beobachter ein sehr bemerkenswertes Objekt abgegeben hätte – eine angenehme Unterhaltung war von ihm nicht zu erwarten.
„Grischka! Was brummst du da wieder! Durchbleuen werde ich dich!“ schrie er plötzlich seinen Diener an, als hätte er meine Äußerung über die Unterbrechungen einer Reise überhaupt nicht gehört.
Dieser „Grischka“ war ein alter Kammerdiener mit langem, grauem Backenbart und in einem langschößigen Dienerrock. Nach einigen Anzeichen zu urteilen, war er gleichfalls sehr schlechter Laune. Er knurrte beständig etwas vor sich hin. So kam es denn zwischen dem Herrn und dem Diener alsbald zu einer Auseinandersetzung.
„Durchbleuen! Schrei nur noch mehr!“ brummte Grischka, anscheinend nur vor sich hin – tat es aber doch so laut, daß alle es hörten – und wandte sich unwillig weg, um sich am Wagen zu schaffen zu machen.
„Was? Was sagst du? ‚Schrei nur noch mehr?‘ Willst du grob werden!“ schrie der Dicke, puterrot im Gesicht.
„Weshalb belieben der Herr über einen herzufallen? Man darf wohl kein Wort mehr sagen?“
„Wieso herzufallen? Hört ihr, Leute? Selbst knurrst du die ganze Zeit, und dann soll ich nicht einmal über dich herfallen!“
„Weshalb soll ich denn knurren, möcht’ ich wissen!“
„Weshalb! ... Als ob! ... Ich weiß ja ganz genau, weshalb du knurrst: weil ich vom Mittagsmahl weggefahren bin, – deshalb!“
„Was geht das mich an! Meinethalben brauchten der Herr überhaupt nicht zu essen! Ich knurre nicht des Essens wegen, ich habe hier nur den Schmiedegesellen ein Wort gesagt.“
„Den Schmiedegesellen ... Was hast du denn für einen Grund, die Schmiedegesellen anzuknurren?“
„Nu, wenn nicht sie, dann knurre ich eben die Equipage an.“
„Was hast du denn die Equipage anzuknurren?“
„So! – warum ist sie denn entzweigegangen? Hinfort hat sie zu gehorchen und heil zu bleiben!“
„Die Equipage ... Nein, du hast mich angeknurrt, nicht aber die Equipage! Selbst ist er der Schuldige, und dabei schimpft er noch auf mich!“
„Was wollen denn der Herr heute von mir? Kann man mich denn nicht in Ruhe lassen!“
„Weshalb hast du denn während der ganzen Fahrt wie ein Talglicht dagesessen und kein Wort mit mir gesprochen? Sonst bist du doch nicht stumm!“
„Eine Fliege war mir in den Mund geflogen, deshalb schwieg ich und saß wie ein Talglicht, wie der Herr sagen. Soll ich denn Märchen zu erzählen anfangen? So mögen der Herr doch die alte Malanja auf Reisen mitnehmen, wenn der Herr Märchen zu hören liebt.“
Der Dicke tat wohl den Mund auf, um heftig etwas zu erwidern, fand sich aber nicht zurecht und klappte den Mund wieder zu. Er schwieg. Der Diener aber wandte sich, zufrieden mit seiner Dialektik und seinem vor Zeugen bewiesenen Einfluß auf den Herrn, mit doppelter Wichtigkeit an die Schmiedegesellen, um ihnen etwas Besonderes zu erklären.
Mein Annäherungsversuch war also vergeblich gewesen – vielleicht nur wegen meiner Ungeschicklichkeit – doch plötzlich half mir ein unvorhergesehener Zufall.
Aus einer geschlossenen Kutsche, die offenbar seit undenklichen Zeiten ohne Räder vor der Schmiede stand und täglich, doch vergeblich ihre Ausbesserung erwartete, blickte plötzlich durch das Türfenster ein verschlafenes, ungewaschenes Mannsgesicht heraus, über dem die Haare verwühlt zu Berge standen. Kaum war diese Physiognomie im Fenster der Kutschentür erschienen, als plötzlich alle Schmiedegesellen in lautes Gelächter ausbrachen. Die Sache war nämlich die, daß der Betreffende in betrunkenem Zustande von den Schmiedegesellen in diese Kutsche eingeschlossen worden war und nun als Gefangener in ihr saß. Da er inzwischen seinen Rausch ausgeschlafen hatte, bat er nun flehentlich, man möge ihn doch wieder in Freiheit setzen, was natürlich niemand tat. Endlich verlangte er sein Werkzeug, das ihm jemand aus der Schmiede bringen sollte, doch dieses anmaßende Verlangen erheiterte die Zuschauer nur noch mehr.
Es gibt Naturen, denen Gott weiß was alles zur größten Erheiterung dient. Die Grimassen eines Betrunkenen, ein auf der Straße stolpernder oder hinfallender Mensch, ein paar streitende Weiber oder Ähnliches können bei manchen Menschen aus ganz unerklärlichen Gründen das größte Entzücken hervorrufen. Zu diesen Naturen gehörte nun offenbar auch der dicke Gutsbesitzer. Sein Gesicht, das noch vor wenigen Minuten wütend gewesen war, wurde jetzt immer freundlicher, bis schließlich das letzte Wölkchen seines Ärgers daraus verschwand.
„Aber das ist ja doch Wassiljeff?“ fragte er plötzlich sehr interessiert. „Wie ist er denn dorthin geraten?“
„Jawohl, Wassiljeff, Herr! Wassiljeff!“ rief man lachend von allen Seiten.
„Er hat wieder blauen Montag gemacht,“ sagte einer der Schmiedegesellen, ein älterer, langer, hagerer Mann mit pedantischem Gesichtsausdruck und dem offenbaren Bestreben, der erste unter seinen Genossen zu sein. „Er ist vor drei Tagen von seinem Herrn fortgegangen, ist uns auf den Hals gekommen und versteckt sich nun hier. Jetzt will er sein Stemmeisen haben. – Was willst du denn jetzt mit dem Stemmeisen anfangen, du Dummkopf! Willst wahrscheinlich noch dein letztes Werkzeug versetzen!“
„Ach, du, Archipuschka! Geld ist – wie Tauben: es kommt angeflogen und fliegt wieder weg! Laß mich doch um des himmlischen Vaters willen wieder heraus!“ bat Wassiljeff mit hohler, unsicherer Stimme, den Kopf zum Kutschenfenster hinaussteckend.
„Sitz jetzt, hast es verdient, wenn du hineingekommen bist!“ sagte Archip unerbittlich. „Seit drei Tagen bist du ja überhaupt kein Mensch mehr! Heute morgen hat man dich noch in aller Herrgottsfrühe von der Straße aufgelesen und hergeschleppt. Dank dem Schöpfer, daß wir dich versteckt haben. Und deinem Matwei Iljitsch sagten wir, du seist erkrankt: man habe bei dir Anzeichen von schleichendem Faulfieber entdeckt ...“
Alles lachte.
„Aber wo ist denn mein Stemmeisen?“
„Bei unserem Handlanger, – wo soll es denn sein! ... Das ist ein echter Saufbruder, Herr, dieser Wassiljeff.“
„He–he–he! So ein Schuft! Also das ist deine Arbeit in der Stadt: dein Werkzeug versetzen!“ rief der Dicke vollkommen zufrieden, in der angenehmsten Gemütsverfassung aus, und sein Schmerbauch schaukelte zu seinem gemächlichen Lachen.
„Und dabei ist der Kerl ein Tischler, wie man in ganz Moskau keinen findet! Aber da sieh nun einer, wie der Schuft sich aufführt!“ Mit diesen Worten wandte sich der Dicke plötzlich und ganz unerwarteterweise an mich. „Laß ihn heraus, Archip, vielleicht hat er irgend etwas nötig.“
Da der Herr es gesagt hatte, gehorchte man. Der Nagel, mit dem sie die Kutschentür unten zugenagelt hatten, – eigentlich nur um über Wassiljeff lachen zu können, wenn er wieder aufwachte – wurde herausgezogen, und Wassiljeff erschien zerlumpt, beschmutzt und nur halb ausgeschlafen im freien Sonnenlicht.
Er blinzelte, nieste und wankte auf den Beinen; dann legte er die Hand als Schirm über die Augen und sah sich die Umgebung an.
„Wieviel Volk ... wieviel Volk!“ sagte er kopfschüttelnd. „Und alle ... wie man sieht ... nü–üchtern,“ sagte er langsam, wie in traurigen Gedanken, geradezu vorwurfsvoll zu sich selbst. „Nun, guten Morgen, Freunde, zum anbrechenden Tage.“
Wieder lachten alle.
„Zum anbrechenden Tage! Mach doch die Augen auf und sieh, wieviel vom anbrechenden Tage noch übrig ist, du dummer Mensch!“
„Lüg nur, Jemelja, – jetzt ist’s deine Woche.“
„He–he–he! Der Junge ist wirklich nicht übel!“ meinte der Dicke lachend, wieder mit einem freundlichen Blick auf mich. „Aber schämst du dich denn nicht, Wassiljeff?“
„Ach, Herr, es ist doch nur aus Kummer!“ sagte Wassiljeff, schlug abwinkend mit der Hand zur Seite und war offenbar froh darüber, noch einmal von seinem Kummer reden zu können.
„Was ist denn das für ein Kummer, Esel?“
„Das ist nun so einer, wie man ihn bisher noch nie gesehen hat: man überschreibt uns auf Foma Fomitsch.“
„Auf – wen? Was? Wann?“ schrie der Dicke, im Augenblick außer sich geratend.
Ich trat gleichfalls einen Schritt vor: die Sache ging plötzlich auch mich etwas an.
„Jawohl, ganz Kapitonowka. Unser Herr, der Oberst – Gott erhalte ihn! – will ganz Kapitonowka, sein väterliches Erbgut, dem Foma Fomitsch opfern, ganze siebzig Seelen. ‚Da hast du es,‘ sagte er, ‚Foma! Sieh, jetzt gehört dir ja so gut wie nichts; du bist kein großer Gutsbesitzer: im ganzen arbeiten für dich zwei Stinten im Ladogasee – das ist alles, was dir dein Verstorbener Vater an Besitz hinterlassen hat; denn dein Vater war,‘“ fuhr Wassiljeff mit einem gewissen boshaften Vergnügen fort, als wolle er auf jedes Wort, das sich auf Foma Fomitsch bezog, gewissermaßen noch Pfeffer streuen; „‚denn dein Vater war ein Mann von altem Adel, unbekannt woher, unbekannt wer; und ebenso wie du hat er bei Herren das Gnadenbrot gegessen und hat sich dank ihrer Barmherzigkeit in den Küchen aufhalten dürfen. Nun aber, wenn ich dir Kapitonowka schenke, wirst auch du ein Gutsbesitzer sein, ein alter Adliger, und du wirst deine eigenen Leute haben, kannst selbst auf dem Ofen liegen, ein adliges Leben führen‘ ...“
Doch der Dicke hörte nicht mehr zu. Der Eindruck, den diese Erzählung des halbbetrunkenen Wassiljeff auf ihn machte, war unbeschreiblich: er war dermaßen empört und aufgeregt, daß sein Gesicht blaurot wurde. Sein Doppelkinn zitterte, seine Augen waren blutunterlaufen. Ich fürchtete schon, daß ihn der Schlag rühren werde.
„Das fehlte noch!!“ stieß er atemlos hervor. „Dieser Foma als Gutsbesitzer!! Pfui! Hol euch der Satan! He, ihr da! Schneller! Macht, daß ihr fertig werdet! Nach Haus!“
„Gestatten Sie mir eine Frage,“ begann ich und trat etwas unsicher einen Schritt vor, „Sie nannten soeben den Namen Foma Fomitsch; ich glaube, sein Familienname ist, wenn ich mich nicht täusche – Opiskin. Ich würde gern ... mit einem Wort, ich habe besondere Gründe, mich für diese Persönlichkeit zu interessieren, und würde daher gern wissen wollen, inwieweit man den Worten dieses Menschen da“ – ich wies auf Wassiljeff – „trauen kann, daß sein Gutsherr Jegor Iljitsch Rostaneff eines seiner kleineren Güter Foma Fomitsch schenken will. Das interessiert mich sehr, und ich ...“
„Aber gestatten Sie zuerst, daß ich Sie frage,“ unterbrach mich der Dicke, „von welcher Seite Sie sich für diese Persönlichkeit, wie Sie sagen, interessieren; denn meiner Ansicht nach müßte man ihn einen gottverfluchten Schurken nennen, aber nicht Persönlichkeit! Was kann denn dieser Grindkopf überhaupt für eine ‚Persönlichkeit‘ sein! Nichts als Schmach und Schande ist der ganze Kerl, aber nicht eine ‚Persönlichkeit‘!“
Ich erklärte ihm hierauf, daß ich mich bezüglich seiner Person vorläufig noch in völliger Ungewißheit befände, daß aber Jegor Iljitsch Rostaneff mein Onkel sei und ich – Ssergei Alexandrowitsch soundso heiße und sei.
„Was! Dann sind Sie also dieser Gelehrte aus Petersburg? Gott im Himmel, man erwartet Sie ja dort sehnsüchtig!“ rief der Dicke in unbegreiflicher Freude aus. „Ich komme ja doch soeben selbst aus Stepantschikowo, stand vom Mittagstisch auf und fuhr weg, gleich vom Pudding weg! Konnte nicht länger mit Foma an einem Tisch sitzen! Habe mich dort wegen dieses verfluchten Fomka mit allen herumgeschimpft und -gestritten! ... Doch das nenne ich mir mal eine Begegnung! Aber Sie, wissen Sie, Sie müssen mich schon entschuldigen. Ich bin Stepan Alexeïtsch Bachtschejeff und erinnere mich Ihrer, als Sie noch so ’n Stöpselchen waren ... Nun, wer hätte das gedacht! ... Aber so woll’n wir uns doch gleich ...“
Und der Dicke küßte mich ab.
Nach den ersten etwas erregten Minuten der neuen Bekanntschaft benutzte ich die günstige Gelegenheit, um ihn auszufragen.
„Aber wer ist denn dieser Foma nun eigentlich?“ fragte ich. „Wie hat er denn dort das ganze Haus erobern können? Warum jagt man ihn denn nicht mit der Peitsche hinaus? Ich muß gestehen ...“
„_Wen? – ihn?_ hinausjagen? Sie sind wohl ganz ...? Jegor Iljitsch wagt ja doch kaum auf den Fußspitzen zu gehen, wenn Foma in der Nähe ist! Und einmal befahl Foma, daß es statt Donnerstag Mittwoch sein solle: und so haben sie denn dort alle bis auf den Letzten den Donnerstag für Mittwoch halten müssen. ‚Ich will nicht,‘ sagte er, ‚daß heute Donnerstag ist; ich will, daß heute Mittwoch ist!‘ Auf diese Weise hatten sie dann in einer Woche zweimal Mittwoch und keinen Donnerstag. Sie glauben vielleicht, daß ich aufschneide? Nicht _so viel_ habe ich aufgeschnitten! Es ist einfach, um Reißaus zu nehmen!“
„Ich habe so manches gehört, aber ich muß gestehen ...“