Sämtliche Werke 16

Part 3

Chapter 33,582 wordsPublic domain

Man denke sich einen der niedrigsten, kleinmütigsten Menschen, einen Auswurf der Gesellschaft, für den niemand eine Verwendung hat, einen vollkommen nutzlosen, erbärmlichen Wicht, der aber grenzenlos eitel, selbstgefällig und eigennützig ist und zum Überfluß von der Natur entschieden nichts erhalten hat, wodurch er auch nur annähernd eine solche krankhaft überspannte Eigenliebe und Eigensucht rechtfertigen könnte. Ich will hier eines gleich vorausschicken: Foma Fomitsch ist die Verkörperung jener ganz besonderen schrankenlosen Eigenliebe, die sich nur bei der größten Nichtigkeit entwickelt. Wie gewöhnlich in solchen Fällen, scheint diese Eigenliebe ständig beleidigt und durch frühere schwere Mißerfolge gezüchtet zu sein. Sie gärt seit vielen, vielen Jahren, Jahrzehnten, und zeugt nur noch Neid, Gift und Galle, gleichviel, ob es sich um einen fremden Erfolg handelt oder bloß um eine neue Bekanntschaft. Es ist vielleicht überflüssig, noch hinzuzufügen, daß dieser ganze Charakter von einer nahezu schändlichen unverschämten Empfindlichkeit, dem verrücktesten Argwohn und Mißtrauen beherrscht wird. Vielleicht wird man fragen: Woraus ist denn diese Eigenliebe entstanden? Wie kann sie bei einer so offenkundigen Wertlosigkeit des ganzen Menschen entstehen, bei einem so nichtigen Menschen, der doch allein seiner sozialen Stellung nach den ihm in Wirklichkeit zukommenden Platz kennen müßte? – Was soll man auf solche Fragen antworten? Vielleicht gibt es Ausnahmen, zu denen dann auch mein Held gehört; denn daß er eine Ausnahme von der Regel war, unterliegt keinem Zweifel, was sich bei näherer Bekanntschaft sonnenklar zeigen wird. Einstweilen erlaube man mir eine Gegenfrage: Sind Sie denn wirklich überzeugt, daß diese Menschen, die sich ganz und gar ergeben haben, die darin ihr Glück sehen und es sich zur Ehre anrechnen, daß sie jemandes Hausnarr und Gnadenbrotschlucker sein können – sind Sie wirklich überzeugt, daß diese Kreaturen sich von jedem Selbstgefühl, von jeder Eigenliebe losgesagt haben? Aber der Neid, der Klatsch, die Verleumdungen, die Ohrenbläserei und das geheimnisvolle Gezischel in den Winkeln Ihres eigenen Hauses, hinter Ihrem Rücken, oder die Seitenstiche an Ihrem eigenen Tisch?? Wer weiß, ob in einigen dieser vom Schicksal erniedrigten Gnadenbrotessern, Ihren Narren und Speichelleckern, die natürliche Eigenliebe durch die Erniedrigung nicht etwa vermindert oder erstickt, sondern gerade durch diese Erniedrigung, durch die Narrenrolle und die ewig erzwungene Unterwürfigkeit und Persönlichkeitslosigkeit noch zu einer weit größeren Eigenliebe aufgeschraubt wird? Wer weiß, vielleicht ist diese ins Ungeheuerliche entwickelte Eigenliebe nur ein falsches, entstelltes Empfinden der eigenen Menschenwürde, die zum erstenmal vielleicht schon in der Kindheit durch fremdes Joch, Armut, Schmutz oder Verachtung mit Füßen getreten worden ist. Oder vielleicht hat der Betreffende als kleines Kind seine Eltern so behandelt gesehen? Doch ich habe gesagt, daß Foma Fomitsch außerdem noch eine Ausnahme darstellte – er war in der Tat ein ganz besonderer Fall. Er hatte sich einmal für einen Literaten gehalten, war aber von den anderen nicht anerkannt und folglich zurückgesetzt, gekränkt, beleidigt worden. Die Literatur aber – d. h. jene, die er natürlich nicht anerkannte – kann sich wegen eines Foma Fomitsch nicht selbst aufgeben! Ich weiß es zwar nicht genau, aber es ist doch anzunehmen, daß Foma Fomitsch auch _vor_ seinen literarischen Versuchen nicht gerade vom Erfolg verwöhnt worden war; vielleicht hatte er auch in jeder anderen von ihm versuchten Tätigkeit nur Nasenstüber anstatt einer Belohnung erhalten – oder vielleicht noch Schlimmeres. Doch darüber läßt sich nichts Genaues feststellen; erfahren habe ich nur nach vielfachen Erkundigungen, daß Foma Fomitsch in Moskau tatsächlich einmal einen kleinen Roman geschrieben hat, äußerst ähnlich jenen Werken der dreißiger Jahre, von denen jährlich ein Dutzend erschienen, in der Art der „Befreiungen Moskaus“ oder der „Söhne der Liebe oder der Russen im Jahre 1104“. Das war allerdings vor langer Zeit, aber der Schlangenbiß des literarischen Ehrgeizes verwundet oft tief und unheilbar, was namentlich von nichtigen und dummen Leuten gilt. Foma Fomitsch war sogleich nach seinem ersten literarischen Versuch, wie wir annehmen müssen, in seinem Ehrgeiz getroffen, und so schloß er sich ohne weiteres endgültig jener unzählbaren Schar der Zurückgesetzten an, aus der dann später alle diese Sonderlinge, Hampelmänner und gesellschaftlichen Vagabunden hervorgehen. Zu derselben Zeit begann, wie ich glaube, auch diese unglaubliche Prahlsucht sich in ihm zu entwickeln, dieses gierige Bedürfnis nach Lob und Auszeichnungen, Verehrung und Bewunderung. Selbst als Narr hatte er sich einen Kreis ihn andächtig anstaunender Idioten zu schaffen gewußt. Sein einziges Verlangen war: stets den Vorrang zu haben, sich zeigen zu können, gelobt zu werden. Lobten ihn die anderen nicht, so lobte er sich selbst. Ich habe seine Reden im Hause meines Onkels in Stepantschikowo, nachdem er dort unumschränkter Herrscher geworden war, selbst gehört. „Ich gehöre nicht in Ihren Kreis,“ pflegte er oft genug mit einer gewissen geheimnisvollen Feierlichkeit zu sagen.

„Ja, ich gehöre nicht hierher in Ihren Kreis! Ich werde wirken, werde Sie hier zuerst alle unterbringen und Ihr Leben einrichten, Sie zu leben lehren, dann aber – lebt wohl! Dann geht’s nach Moskau, und dort werde ich eine Zeitschrift herausgeben. Dreißigtausend Menschen werden sich monatlich zu ihrer Lektüre zusammenfinden. Ja, dann wird mein Name klingen ... und dann – wehe meinen Feinden!“

Inzwischen aber forderte das Genie die Belohnung im voraus. Es ist ja im allgemeinen sehr angenehm, im voraus belohnt zu werden, um wieviel mehr aber ist es das in einem solchen Fall. Wie ich genau weiß, hat er meinem Onkel in allem Ernst versichert, daß ihm eine große Tat bevorstehe, eine Tat, zu der er allein berufen und geboren sei, und zu deren Vollbringung ihn ein geflügeltes Wesen von Menschenart, das in der Nacht bei ihm erscheine, zwinge. Und diese Tat sei: ein tiefsinniges, die Seelen der Menschen errettendes Werk zu schreiben, von dem „ein allgemeines Erdbeben ausgehen“ und das „ganz Rußland erzittern machen“ werde. Doch wenn dann sein Name in aller Mund sei, dann werde er, Foma, den Ruhm und die Ehre verachtend, sich ins Kijewsche Höhlenkloster zurückziehen, um dort unter der Erde Tag und Nacht für das Glück des Vaterlandes zu beten ... So etwas aber rührte meinen Onkel.

Jetzt stelle man sich vor, zu was sich dieser Foma entwickeln konnte, dieser selbe Foma, der sein ganzes Leben lang geknechtet und vielleicht sogar tatsächlich geprügelt worden war, dieser selbe Foma, der im geheimen so genußgierig und so eigenliebig war wie kein zweiter, Foma, der enttäuschte, erbitterte Literat, Foma, der für das tägliche Brot den Narren gespielt, Foma, der im Grunde seiner Seele der größte Despot war, ungeachtet seiner ganzen vorhergehenden Niedrigkeit und Bedeutungslosigkeit, Foma, der Prahlhans und unverschämte Frechling (sobald er nur Gelegenheit hatte, es zu sein), dieser selbe Foma, der dann plötzlich zu Ruhm und Ehre gelangte, verhätschelt und gelobt und in den Himmel gehoben wurde, dank einer törichten, kindisch-dummen Beschützerin und einem ahnungslosen, von vornherein mit allem einverstandenen Beschützer, in dessen Hause er sich endlich nach langen Irrfahrten zur Ruhe setzen konnte! Freilich muß ich auch den Charakter meines Onkels eingehender erklären; denn sonst würde der Erfolg Foma Fomitschs immerhin nicht ganz verständlich sein. Auf Foma paßte vorzüglich das Sprichwort: läßt du den Ziegenbock in die Kirche hinein, so steigt er sofort auf die Kanzel. Ja, Foma verstand es wahrlich, sich für das Vergangene zu entschädigen! Ein niedriger Charakter wird, sobald er von seinem Bedrücker befreit ist, sofort andere bedrücken. Foma nun war tyrannisiert worden – und er empfand sofort das Bedürfnis, jetzt selbst zu tyrannisieren; man hatte ihn zum besten gehabt, – folglich wollte auch er jetzt andere zum besten haben; er war Narr gewesen, nun mußte auch er unbedingt Narren haben. Er prahlte bis zur Verrücktheit, war herrschsüchtig bis zur Unmenschlichkeit, war anspruchsvoll ohne jedes Maß, verlangte womöglich Vogelmilch – so daß Leute, die von ihm nur erzählen hörten, ihn aber nicht persönlich kannten, diese Geschichten aus Stepantschikowo für Märchen hielten oder für des Teufels Machwerk, sich bekreuzten und ausspien.

Ich sagte vorhin, daß ohne eine Erklärung des bemerkenswerten Charakters meines Onkels diese freche Herrschaft Foma Fomitschs in einem fremden Hause unbegreiflich erscheinen müsse, unbegreiflich diese Metamorphose aus einem Narren in eine große Persönlichkeit. Mein Onkel war nicht nur unsäglich gut, sondern trotz seiner ganzen militärischen Erscheinung auch ein selten zartfühlender Mensch, ein überaus edler, männlicher Charakter. Ich sage mit Absicht „männlich“ und betone dieses Wort. Wenn es für ihn hieß, eine Pflicht zu erfüllen, dann kannte er nie ein Hindernis, dann schrak er vor nichts zurück. Seine Seele war rein wie die eines Kindes. Man konnte ihn wirklich ein fast vierzigjähriges Kind nennen. Er war äußerst mitteilsam, stets heiter gestimmt, sah in jedem Menschen einen Engel, hielt alle fremden Mängel nur für Folgen seiner eigenen Fehler, vergrößerte die guten Eigenschaften der anderen unendlich und sah solche sogar dort, wo sie überhaupt nicht vorhanden sein konnten. Er war einer jener durch und durch edlen Menschen, die so keuschen Herzens sind, daß sie sich geradezu schämen, in einem anderen Menschen etwas Schlechtes zu vermuten, ja, daß sie sich beeilen, ihre Nächsten mit allen Tugenden auszuschmücken; einer jener Menschen, die sich über jeden Erfolg anderer freuen, auf diese Weise beständig in einer idealen Welt leben und bei einem Unglück immer sich zuerst, sich ganz allein beschuldigen. Sich selbst den Interessen anderer zu opfern, scheint ihre Lebensaufgabe zu sein. Manch einer hätte meinen Onkel vielleicht sogar kleinmütig, charakterlos, schwach genannt. Allerdings war er schwach bei seinem gar zu weichen Herzen; nur war er es nicht aus Mangel an Charakterfestigkeit, sondern aus Furcht, zu kränken, grausam zu sein, oder aus gar zu großer Hochachtung vor anderen – vor dem Menschen überhaupt. Und übrigens war er nur dann schwach und kleinmütig, wenn es sich um seine eigenen Interessen handelte, die er immer hintansetzte, wofür er sich sein Leben lang dem Gespött der Menschen aussetzte, und nicht selten dem Gespött gerade derjenigen, für die er sich opferte. Niemals hätte er geglaubt, daß er Feinde haben könnte, und dennoch hatte er sie – nur bemerkte er sie nicht. Zwist und Geschrei im Hause fürchtete er mehr als Feuer, und so gab er allen in allem sofort nach und ergab und beschied sich stets. Er tat es aus einer gewissen schüchternen Gutmütigkeit heraus, aus einem fast zärtlichen Zartgefühl, – „damit, weißt du,“ sagte er schnell, gewissermaßen, um sich gegen etwaige Vorwürfe zu verteidigen, – „damit, weißt du ... nun, damit alle zufrieden und glücklich sind!“ Es versteht sich von selbst, daß er jedem edlen Einfluß zugänglich war; ja, ein gewandter Spitzbube hätte sich seiner vollkommen bemächtigen und ihn sogar zu einer schlechten Tat verleiten können, d. h. wenn er diese schlechte Tat als edel hingestellt hätte. Mein Onkel ließ sich leicht von anderen lenken, besonders wenn er dem Betreffenden einmal sein ganzes Vertrauen geschenkt hatte; in dieser Beziehung war er also durchaus nicht fehlerfrei. Wenn er sich aber dann nach lange gezahltem schmerzlichen Lehrgeld endlich entschloß, daran zu glauben, daß der ihn Betrügende ein unehrlicher Mensch war, so beschuldigte er vor allen anderen sich selbst, und nicht selten nur sich allein. Nun denke man sich in seinem stillen Hause diese plötzlich die Herrschaft an sich reißende, launenhafte, verschrobene Idiotin von Mutter, zusammen mit einem anderen Idioten – ihrem Abgott –, eine Idiotin, die bis dahin nur ihren General gefürchtet hatte, jetzt aber nichts mehr fürchtete und sogar das Bedürfnis empfand, sich für die schlechten Lebensjahre zu entschädigen – eine Idiotin, der der Oberst frommen Gehorsam schuldig zu sein glaubte, und zwar einzig aus dem Grunde, weil sie seine Mutter war.

Man begann damit, daß man dem Oberst bewies, daß er ein roher Mensch sei, unduldsam, unwissend und vor allen Dingen ein „Egoist ersten Ranges“. Bemerkenswert war dabei, daß die blödsinnige Alte selbst vollkommen an das glaubte, was sie predigte. Ja, ich vermute sogar, auch Foma Fomitsch tat das, oder wenigstens zum Teil. Man überzeugte den Oberst, daß Foma von Gott selbst zur Rettung seiner, des Obersten, Seele vom Himmel herabgesandt sei, desgleichen zur Besänftigung seiner zügellosen Leidenschaften; daß er stolz sei, mit seinem Reichtum prahle und fähig wäre, Foma Fomitsch wegen des täglichen Brotes, das er von ihm empfing, Vorwürfe zu machen. Mein armer Onkel glaubte bald selbst an die Tiefe seiner sittlichen Gesunkenheit und war bereit, sich die Haare vor Reue auszuraufen und Foma um Verzeihung zu bitten ...

„Weißt du, Freund, ich bin selbst daran schuld,“ sagte er zuweilen einem seiner Hausgäste, mit dem er sich gerade unterhielt, „und zwar an allem! Man muß doppelt zartfühlend sein im Umgang mit einem Menschen, dem man Gutes tut ... Das heißt ... was sage ich! Was Gutes tut! Was schwatze ich da wieder! Durchaus nicht Gutes tut, sondern im Gegenteil – er ist es, der mir Gutes tut, indem er bei mir wohnt, aber nicht umgekehrt! ... Das heißt, ich habe ihm meines Wissens noch nie auch nur das Geringste vorgeworfen, aber ich muß es doch wohl getan haben ... wahrscheinlich ist mir wieder einmal so etwas entschlüpft, – mir entschlüpft oft etwas Unüberlegtes ... Nun, und schließlich – der Mensch hat gelitten, hat Großes vollbracht, hat zehn Jahre lang, ohne auf die Kränkungen zu achten, seinen kranken Freund gepflegt: so etwas muß belohnt werden! Ja, und dann die Wissenschaft ... Er ist doch Schriftsteller! Ungemein gebildet! Ein überaus edler Mensch, mit einem Wort! ...“

Ja, Foma, der Gebildete und Unglückliche, der bei einem launischen und grausamen Freunde den Narren hatte spielen müssen, erweckte in dem edlen Herzen meines Onkels das tiefste Mitleid. Alle Seltsamkeiten Fomas, sowie alle seine schändlichen Ausfälle dem Hausherrn gegenüber, wurden von diesem ohne weiteres mit seinen früheren Leiden, seiner Erniedrigung und Verbitterung entschuldigt. Er sagte sich in seiner gutmütigen, stets nachsichtigen Seele, daß man von einem Gemarterten nicht dasselbe verlangen könne wie von einem gewöhnlichen Menschen, daß man ihm nicht nur alles verzeihen, sondern mit Demut seine Wunden heilen, ihn aufrichten und mit der Menschheit wieder aussöhnen müsse. Nachdem er sich dieses einmal zum Ziel gesetzt hatte, begeisterte er sich geradezu für seine Aufgabe und verlor gänzlich die Fähigkeit, auch nur entfernt zu erraten, daß sein neuer Freund ein gieriger, eigennütziger Lump war, ein Egoist, Faulpelz und Aussauger – und weiter nichts. An das Wissen und die Genialität Fomas glaubte er einwandlos. Ich habe noch vergessen zu sagen, daß mein Onkel vor Worten wie „Wissenschaft“ oder „Literatur“ eine Hochachtung empfand, die von der größten Naivität war, um so mehr, als er selbst niemals etwas gelernt hatte. Das war nun einmal eine seiner wirklichen und unschuldigsten Schwächen.

„Pst! Er schreibt an seinem Werk!“ sagte er zuweilen zur Erklärung, wenn er schon in einem Zimmer, das noch ganz fern von Foma Fomitschs „Arbeitskabinett“ lag, nur auf den Fußspitzen zu gehen wagte. „Ich weiß nicht, was er da eigentlich schreibt,“ fügte er mit halbwegs stolzer und geheimnisvoller Miene hinzu; „aber sicherlich wird es, Freund, ein solches Durcheinander sein ... Das heißt selbstverständlich, was sage ich! – nur im guten Sinne ein Durcheinander! Für manch einen wird es ja klar wie Tinte sein, für unsereinen aber, Bruder, sind das solche Gedankenpurzelbäume, daß ... Ich glaube, er schreibt da von gewissen erzeugenden Kräften – so sagt er wenigstens selbst. Es ist wahrscheinlich etwas Politisches. Ja, ja, einmal wird sein Name einen großen Klang haben! Dann werden auch wir beide durch ihn berühmt werden! Das hat er mir, weißt du, selbst gesagt ...“

Wie ich aus sicherer Quelle weiß, hat sich mein Onkel auf Fomas Befehl seinen prächtigen dunkelblonden Backenbart abrasieren müssen, da jener gefunden hatte, daß er mit dem Backenbart wie ein Engländer aussehe und folglich „wenig Vaterlandsliebe“ habe. Mit der Zeit begann Foma sich auch in die Verwaltung des Gutes einzumischen und weise Ratschläge zu erteilen, die, nebenbei bemerkt, fürchterlich waren. Die Bauern errieten denn auch bald, wie es sich damit verhielt, und wer der wahre Herr auf dem Gute war – und sie kratzten sich bedenklich hinterm Ohr. Ich habe späterhin selbst Gelegenheit gehabt, einem Gespräch Foma Fomitschs mit den Bauern zuzuhören. Ich will gleich gestehen, daß ich heimlich gelauscht habe. Foma hatte oft genug gesagt, daß er gern mit einem klugen russischen Bauern rede. Eines Tages ging er zur Tenne. Er sprach mit den Bauern über die Feldarbeit, die Landwirtschaft – obgleich er selbst nicht Hafer von Weizen zu unterscheiden verstand, – sprach von den heiligen Pflichten des Bauern seinem Herrn gegenüber, berührte darauf Themen wie Industrialismus, Elektrizität und die Erleichterung der Arbeit – wovon er selbst natürlich kein Wort begriff, – erklärte seinen Zuhörern, in welcher Weise die Erde sich um die Sonne drehe, um dann schließlich, ganz gerührt von seinen eigenen Kenntnissen, auf die Minister zu sprechen zu kommen. Ich verstand ihn. Erzählt doch Puschkin von einem Vater, der seinem vierjährigen Söhnchen sagt, er, sein „Papachen“, sei so „brav und tapfer, daß der Kaiser ihn ganz besonders liebe“. Auch dieser Vater bedurfte eines Zuhörers, und wenn der Zuhörer auch erst vier Jahre zählte ... Die Bauern aber hörten Foma stets voll Ehrerbietung zu.

„Aber was, Väterchen, bekommst du auch viel kaiserliches Gehalt?“ fragte ihn plötzlich ein kleiner Alter, Archip Korotkij genannt, aus der Schar der vor ihm stehenden Bauern, mit der unverhohlenen Absicht, etwas Angenehmes zu fragen. Foma Fomitsch fand jedoch diese Frage zu „familiär“. „Familiarität“ aber konnte er nicht ertragen.

„Was geht das dich an, du Lümmel?“ antwortete er mit verächtlichem Blick auf das arme Bäuerlein. „Was steckst du hier deine Schnauze vor – soll ich sie etwa anspeien?“

Foma Fomitsch sprach nie in einem anderen Tone mit dem „verständigen russischen Bauern“.

„Ach, Väterchen, wir sind doch unwissende Leute,“ sagte ein anderes Bäuerlein. „Was wissen wir viel, vielleicht bist du Major, vielleicht Oberst, vielleicht sogar ganzer General – wir wissen ja nicht einmal, wie man dich betiteln muß.“

„Lümmel!“ wiederholte bloß Foma Fomitsch, war aber doch sogleich nachsichtiger gestimmt. „Zwischen Gehalt und Gehalt ist ein Unterschied, Dummkopf! Manch einer ist General und erhält überhaupt nichts; denn es ist kein Grund vorhanden, ihm etwas zu geben, weil er dem Kaiser keinen Nutzen bringt. Ich dagegen erhielt zwanzigtausend Rubel jährlich, als ich beim Minister angestellt war, und selbst dieses Geld nahm ich nicht; denn ich diente um der Ehre willen und hatte außerdem eigenes genug. Mein Gehalt aber stiftete ich für staatlichen Unterricht und für die niedergebrannten Einwohner der Stadt Kasanj.“

„Dann hast du ja halb Kasanj von neuem aufgebaut?“ fragte verwundert derselbe Bauer.

Überhaupt kann man sagen, daß alle Bauern sich nicht wenig über Foma Fomitsch wunderten ...

„Nun, ja, versteht sich, auch mein Teil ist dabei ...“ sagte Foma, gleichsam ungehalten über sich, daß er einen _solchen_ Menschen eines _solchen_ Gesprächs gewürdigt hatte.

Mit meinem Onkel dagegen waren seine Gespräche anderer Art.

„Was waren Sie früher für ein Mensch?“ fragte zum Beispiel Foma, sich nach dem opulenten Mittagsmahl im Lehnstuhl streckend – hinter dem ein Diener stehen und mit einem frischen Lindenzweig die Fliegen sanft fortwedeln mußte.

„Wem glichen Sie früher, bevor ich kam? Jetzt habe ich in Ihnen einen Funken jenes himmlischen Feuers entzündet, das seitdem in Ihrer Seele brennt. Habe ich das himmlische Feuer in Sie hineingelegt oder nicht? Antworten Sie: ja oder nein?“

Foma Fomitsch wußte, genau genommen, selbst nicht, weshalb er diese Frage stellte. Aber das Schweigen und die gewisse Betretenheit in der Miene meines Onkels reizten ihn sogleich. Er, der früher geduldig alles ertragen hatte, war jetzt zu wahrem Schießpulver geworden, das bei jedem, auch dem geringsten Widerspruch aufflammte. Da er das Schweigen des Obersten als Beleidigung auffaßte, bestand er mit doppeltem Eigensinn auf der Antwort.

„Antworten Sie: brennt in Ihnen dieses Feuer oder nicht?“

Der arme Oberst wand sich innerlich in seiner Ratlosigkeit: er wußte wirklich nicht, was er tun oder sagen sollte.

„Gestatten Sie, Sie daran zu erinnern, daß ich warte,“ bemerkte Foma mit gekränkter Stimme.

„^Mais répondez donc^, Jegóruschka!“ mischte sich auch die Generalin mit einem Achselzucken ein.

„Ich frage Sie: Glimmt in Ihnen noch dieser Funke oder nicht?“ wiederholte Foma mit nachsichtiger Herablassung und nahm einen Bonbon aus der Bonbonnière, die immer und überall vor ihn hingesetzt wurde. Das geschah auf Anordnung der Generalin.

„Bei Gott, ich weiß es nicht, Foma,“ antwortete der Oberst schließlich, Verzweiflung im Blick – „es muß doch wahrscheinlich etwas von der Art ... Nein wirklich, frag’ mich lieber nicht, sonst lüge ich noch irgend etwas zusammen ...“

„Gut! So bin ich denn Ihrer Meinung nach so wertlos, daß ich nicht einmal einer Antwort wert bin – das ist es doch, was Sie damit sagen wollten? Nun, mag es denn so sein; mag ich also nichts bedeuten!“

„Aber nein doch, Foma, um Gottes willen! Wann habe ich denn so etwas sagen wollen?“

„Sie haben gerade dieses und nichts anderes damit sagen wollen.“

„Aber ich schwöre dir, – _nein_!“

„Gut! Mag ich also ein Lügner sein! Mag ich also, nach Ihrer Anschuldigung, absichtlich einen Vorwand zum Streit suchen! Mag also zu allen anderen Beleidigungen auch diese noch hinzukommen – ich trage alles ...“

„^Mais mon fils!^“ rief erschrocken die Generalin aus.

„Aber Foma Fomitsch! Mama!“ beschwor der Oberst verzweifelt. „Bei Gott, ich bin doch nicht daran schuld! Es ist mir vielleicht nur wieder etwas, ohne zu wollen, entschlüpft! ... Sieh mich doch nicht so an, Foma: ich bin ja ein ungebildeter Mensch – ich fühle ja selbst, daß ich dumm bin, ich fühle ja selbst, daß etwas nicht stimmt ... Ich weiß es, Foma, glaub’ mir, ich weiß alles! Du brauchst es mir ja gar nicht erst zu sagen!“ wehrte er sich, immer verzweifelter. „Ich habe vierzig Jahre verlebt und die ganze Zeit, bis zu dem Augenblick, da ich dich kennen lernte, immer von mir geglaubt, daß ich ein Mensch sei ... Nun, und alles, was daraus folgt, mit einem Wort: eben ein Mensch! ... Und ich habe ja wirklich bis jetzt nicht gewußt, daß ich sündig bin wie nur einer, ein Egoist erster Sorte – und so viel Schlechtes in meinem Leben getan habe, daß man sich nur wundern kann, wie die Erde mich noch trägt!“

„Ja, Sie sind allerdings ein beispielloser Egoist, das muß ich sagen!“ bemerkte überzeugt Foma Fomitsch.

„Aber ich begreife es ja jetzt selbst, daß ich ein Egoist bin! Nein, Kreuzmillionen, ich muß mich bessern, und ich werde es!“

„Gott geb’s!“ schloß Foma Fomitsch mit einem frommen Aufseufzen und erhob sich aus seinem Lehnstuhl, um sich zu seinem Nachmittagsschläfchen zurückzuziehen. Foma Fomitsch pflegte jedesmal nach dem Essen zu schlafen.