Part 2
Er war ein eigentümlicher Mensch: war halbgebildet und durchaus nicht dumm, aber er verachtete entschieden alle und jeden, befolgte keinerlei Regeln, spottete über sämtliche Lebenserscheinungen, angefangen beim Menschen und so weiter bis ins Endlose, und wurde in seinen alten Tagen unter dem Einfluß all seiner Krankheiten – die eine gerechte Folge seines nicht ganz gerechten oder rechtschaffenen Lebens waren – böse, boshaft, reizbar und unbarmherzig. Im Dienst hatte er Glück gehabt; aber zu guter Letzt war er doch gezwungen gewesen, wegen irgendeiner „unangenehmen Geschichte“ etwas plötzlich seinen Abschied zu nehmen, wobei er nur mit genauer Not dem entging, daß man ihn vor ein Kriegsgericht stellte und um seine Pension brachte. Dieser Abschied erbitterte ihn endgültig. Und so legte er denn, fast mittellos, nur im Besitze eines Hunderts im Elend lebender Leibeigener, die Hände in den Schoß und erkundigte sich hinfort bis an das Ende seiner Tage, das noch zwölf Jahre auf sich warten ließ, kein einziges Mal weder nach den Kosten seines Unterhalts, noch danach, wer sie für ihn bestritt. Indessen schränkte er sich nicht im mindesten ein, hielt eine Equipage, Pferde und einen Kutscher und verlangte nach wie vor alle Lebensbequemlichkeiten. Bald darauf ward er noch des Gebrauches seiner Beine beraubt und saß zehn Jahre lang in einem triumphstuhlartigen Fauteuil, der, sobald er es nur wünschte, von zwei dazu bestimmten Dienern geschaukelt wurde, wofür diese ausschließlich die verschiedenartigsten Schimpfwörter von ihm zu hören bekamen. Die Equipage, die Pferde und den kostspieligen Fauteuil bezahlte sämtlich der unehrerbietige Herr Stiefsohn, der seiner Mutter das Letzte schickte, sein Gut doppelt und dreifach belastete, sich selbst das Notwendigste versagte und Schulden über Schulden auf sein armes Haupt lud, die er bei seinem damaligen Besitzstand nie zu tilgen vermocht hätte. Nichtsdestoweniger verblieb ihm unwandelbar die Bezeichnung des „Egoisten“ und „undankbaren Sohnes“. Mein Onkel war aber von Natur so veranlagt, daß er schließlich selbst glaubte, ein „Egoist“ zu sein, und so schickte er, erstens um sich dafür zu strafen, und zweitens, um sich den „Egoismus“ abzugewöhnen, immer noch mehr Geld. Die Generalin dagegen war vor ihrem zweiten Gatten die Andacht selbst. Wahrscheinlich gefiel ihr an ihm vor allem dies, daß der General und sie folglich Generalin war.
Im Hause bewohnte er die eine, sie die andere Hälfte. Und in dieser anderen Hälfte gedieh sie während der ganzen Zeit des halblebendigen Lebens ihres Mannes im Kreise von ihren daselbst wohnenden Freundinnen, Möpsen und den zum Kaffee sich einfindenden Stadthistorikerinnen. Sie war eine wichtige Persönlichkeit in ihrem Städtchen. Der Klatsch, die ergebensten Bitten, Kinder aus der Taufe zu heben, sowie die geliebte Kopekenpatience entschädigten sie vollauf für ihre häuslichen Unannehmlichkeiten. Alle Stadtelstern erschienen bei ihr mit ausgearbeiteten Berichten, ihr wurde überall der erste Platz eingeräumt, – mit einem Wort, sie wußte aus ihrem Generalstitel alles herauszuschlagen, was daraus nur herauszuschlagen war. Der General kümmerte sich um so etwas nicht. Dafür aber verspottete er seine Frau, und zwar mit Vorliebe in Gegenwart Fremder, fragte zum Beispiel ungeniert, weshalb er eigentlich „ein solches Weibsbild“ geheiratet habe – und niemand durfte dagegen Einspruch erheben. Mit der Zeit zogen sich alle Bekannten von ihm zurück, während gerade er ohne Gesellschaft nicht auskommen konnte: denn er wollte erzählen, schwatzen, streiten; kurz, er wollte, daß beständig ein Zuhörer vor ihm saß. Er war ein Freigeist und Atheist vom alten Schlage, und daher philosophierte er gern über höhere Dinge. Zum Unglück waren aber die Zuhörer des Städtchens nicht sehr begeistert für höhere Dinge, und so kamen sie immer seltener zu ihm. Dann versuchte man es mit einem Whist- oder Préférenceabend, aber auch daraus wurde nichts: das Spiel endete für den General gewöhnlich mit solchen Wutanfällen, daß die Generalin und ihr ganzer Stab von Freundinnen vor lauter Entsetzen vor den Heiligen Wachskerzen anzündeten, Messen lesen ließen, sich mit weißen Bohnen und französischen Karten im Wahrsagen übten, barmherzige Semmeln im Gefängnis austeilten und mit Hangen und Bangen der Stunde entgegensahen, in der sie wieder eine Partie Whist oder Préférence zustande bringen mußten, um für das geringste Versehen abermals Geschrei, Geschimpfe und fast sogar Prügel zum Dank zu erhalten. Wenn dem General etwas mißfiel, so tat er sich vor keinem einzigen Menschen Zwang an: er kreischte dann wie ein altes Weib, schimpfte wie ein Droschkenkutscher; zuweilen aber, wenn er alle seine Partner zum Teufel gejagt, die Karten zerrissen und ihnen an den Kopf geworfen hatte, weinte er vor Verdruß und Wut, was alles nur wegen eines armen Buben geschah, den man statt einer Neun ausgespielt hatte. Schließlich, als seine Sehkraft immer mehr abnahm, bedurfte er eines Vorlesers. Und da erschien denn Foma Fomitsch Opiskin!
Ich muß gestehen, daß ich mich mit einer gewissen Feierlichkeit anschicke, von dieser neuen Persönlichkeit zu berichten – einer der wichtigsten meiner Erzählung. Inwieweit er ein Recht auf die Aufmerksamkeit des Lesers hat, will ich nicht im voraus zu erklären versuchen; darüber zu entscheiden steht vielmehr weiterhin dem Leser selbst zu.
Als Foma Fomitsch sein Amt beim General Krachotkin antrat, erhielt er lediglich freie Kost – nichts mehr und nichts weniger. Woher er kam – ist unbekannt. Ich habe mich vergeblich bemüht, etwas Genaueres über das früheres Leben dieses merkwürdigen Menschen in Erfahrung zu bringen. Es hieß, daß er irgendeinmal irgendwo Beamter gewesen sei, daß man ihm dann ein „Unrecht“ getan und er – selbstverständlich! – „um der Wahrheit willen“ zum Märtyrer geworden sei. Auch verlautete von anderer Seite, daß er sich einmal in Moskau mit Literatur abgegeben habe, was ja weiter nicht erstaunlich gewesen wäre; die geradezu schmutzige Unwissenheit Foma Fomitschs konnte für seine literarische Laufbahn gewiß nicht als Hindernis in Frage kommen. Glaubwürdig ist jedoch fraglos nur das eine: daß er es in keinem Fach sehr weit gebracht hatte und schließlich gezwungen gewesen war, als Vorleser in den Dienst des Generals zu treten.
Es gibt keine Erniedrigung, die Foma nicht für einen satten Magen in den Kauf genommen hätte. Freilich versicherte er uns nach dem Tode seines Peinigers, als er plötzlich und ganz unerwartet zu einer wichtigen, überaus einflußreichen Person wurde, daß er sich mit seiner Bereitwilligkeit, den Narren zu spielen, nur großmütig dem Freunde, der Freundschaft geopfert habe, daß der General sein Wohltäter und ein großer, doch leider unverstandener Mann gewesen sei und nur ihm, Foma, die tiefsten Tiefen seiner Seele vertrauensvoll erschlossen habe, und wenn er, Foma, auf den Wunsch des Generals die verschiedensten Tiere nachgeahmt und lebende Bilder gestellt, so sei dieses von ihm aus einzig und allein zur Zerstreuung und Erheiterung des von Krankheiten aller Art heimgesuchten Dulders und Freundes geschehen. Nichtsdestoweniger sind die Versicherungen und nachträglichen Erklärungen Foma Fomitschs bezüglich jenes Sachverhaltes unbedingtem Zweifel unterworfen. Doch wie dem auch sei, jedenfalls spielte Foma Fomitsch bereits während seines Narrendienstes eine durchaus andere Rolle in der Damenabteilung des Hauses der Generalin. Wie er das fertiggebracht hat, kann sich jemand, der in solchen Dingen nicht Spezialist ist, schwer vorstellen. Die Generalin hegte für ihn eine gerader mystische Hochachtung, – aus welchem Grunde sie sie hegte, vermag ich nicht zu sagen. Mit der Zeit gewann er über alles Weibliche im Hause eine erstaunliche Macht, die in etwas an die Macht gewisser Iwan Jakowlewitschs erinnerte, oder ähnlich benannter Weisen und Propheten, die in Irrenhäusern von Damen, die für dergleichen empfänglich sind, besucht zu werden pflegen. Er las ihnen aus seelenrettenden Büchern vor, erklärte ihnen mit beredten Tränen den tieferen Sinn verschiedener christlicher Tugenden, schilderte auch sein eigenes Leben und seine Heldentaten, ging zum Gottesdienst (und sogar zum Frühgottesdienst), sagte außerdem die Zukunft voraus, verstand mit ganz besonderem Talent Träume zu deuten und meisterhaft den Nächsten zu verdammen. Der General ahnte bald, was in der anderen Hälfte seines Hauses geschah, und tyrannisierte seinen Krippenreiter noch erbarmungsloser. Doch siehe, das Martyrium Foma Fomitschs verlieh diesem in den Augen der Generalin und ihrer ganzen Suite eine um so glänzendere Aureole, an die sich natürlich entsprechend gesteigerte Hochachtung knüpfte.
Da starb der General, und die Situation änderte sich. Seine Sterbestunde soll übrigens ziemlich originell gewesen sein. Dem ehemaligen Freigeist und Atheisten war bis zur Unglaublichkeit bange geworden. Er weinte, bereute, küßte Heiligenbilder, rief Geistliche herbei, ließ Messen lesen und alle für sich beten; dazwischen schrie der arme Teufel, daß er nicht sterben wolle, und bat Foma Fomitsch unter Tränen um Verzeihung, was diesem in der Folge sehr zustatten kam. Doch kurz bevor sich die Seele des Generals von seinem Körper trennte, geschah noch folgendes: Die Tochter der Generalin, meine Tante Praskowja Iljinitschna, die unverheiratet im Hause ihrer Mutter lebte – eines der liebsten Opfer des Generals, da sie ihm während seiner zehnjährigen Beinlosigkeit zur beständigen Bedienung unentbehrlich war und ihm wegen ihrer Einfachheit und stummen Güte gefiel, – trat nun an sein Lager, bittere Tränen vergießend, um das Kopfkissen des armen Sterbenden zu rücken. Da aber packte sie der „arme Sterbende“ an den Haaren, und es gelang ihm noch, sie ungefähr dreimal, fast knirschend vor Wut, mit aller und letzter Kraft hin und her zu reißen. Nach zehn Minuten war er tot. Der Oberst, mein Onkel, wurde sofort von seinem Hinscheiden benachrichtigt, obgleich die Generalin hundertmal gesagt hatte, daß sie eher gleichfalls sterben werde, als daß der Sohn ihr in einer solchen Stunde vor die Augen kommen sollte. Die Beerdigung war großartig – selbstverständlich auf Kosten des unehrerbietigen Sohnes, der, nebenbei bemerkt, auch dann sich nicht unterstehen durfte, das Haus seiner Mutter zu betreten.
Auf dem verschuldeten Gut Knjäsewka, das mehreren Herren gemeinsam gehörte, und auf dem auch die hundert Leibeigenen des Generals lebten, steht jetzt ein Mausoleum aus weißem Marmor, besät mit Inschriften, die alle dem hohen Verstande, den mannigfachen Talenten, der Herzensgüte, dem Seelenadel und den trefflichen militärischen Eigenschaften des Entschlafenen das höchste Lob spenden. Bei der Zusammenstellung dieser Inschriften hat Foma Fomitsch stark mitgewirkt. Es dauerte lange, bis die Generalin ihrem unehrerbietigen Sohne Verzeihung gewährte. Schluchzend beteuerte sie, umringt von ihrem ganzen Gefolge, einschließlich der Möpse und Katzen, daß sie lieber trockenes Brot essen – welches sie natürlich mit ihren Tränen anfeuchten würde – oder mit einem Krückstock betteln gehen wolle, als daß sie der Bitte ihres „ungehorsamen“ Sohnes nachgäbe und zu ihm nach Stepantschikowo übersiedelte.
„Niemals, niemals werde ich meinen _Fuß_ über seine Schwelle setzen!“ rief sie erregt aus, wobei das Wort „mein _Fuß_“, in dieser Verbindung gebraucht, ungewöhnlich effektvoll herausgebracht wurde. Sie sprach es wirklich meisterhaft, geradezu künstlerisch aus. Kurz, Reden wurden von ihr in unglaublichem Überfluß vergeudet. Nur muß ich hier bemerken, daß gleichzeitig mit diesen Versicherungen bereits die Koffer zur Übersiedelung nach Stepantschikowo gepackt wurden – allerdings heimlich.
Inzwischen jagte der Oberst alle seine Pferde zuschanden, da er täglich von seinem Gute in die vierzig Werst entfernte Stadt gefahren kam, bis er dann endlich, vierzehn Tage nach der Beerdigung des Generals, die Erlaubnis erhielt, bei seiner tiefgekränkten Frau Mutter zu erscheinen. Foma Fomitsch war in dieser Zeit als Unterhändler benutzt worden. Zwei Wochen lang warf er dem Ungehorsamen sein „unmenschliches“ Verhalten zur Mutter vor, brachte den Armen zu aufrichtigen Tränen und fast zur Verzweiflung. Von diesen Tagen an datiert der unbegreifliche, unmenschlich despotische Einfluß Foma Fomitschs auf meinen armen Onkel. Foma erriet sofort, was für einen Menschen er vor sich hatte und – daß seine Narrenrolle zu seinem Glück zu Ende gespielt war, folglich aber auch er, Foma, so etwas wie „Herr“ sein konnte. Und so entschädigte er sich denn.
„Wie würde Ihnen zumute sein,“ fragte Foma, „wenn Ihre leibliche Mutter, sozusagen die Urheberin Ihrer Tage, einen Krückstock nähme und, mit ihren zitternden, von Hunger abgemagerten Händen sich auf ihn stützend, tatsächlich betteln ginge? Wäre das nicht ungeheuerlich, erstens bei ihrem Rang als Generalin, und zweitens bei ihren Tugenden? Was würden Sie empfinden, wenn sie eines Tages unter den Fenstern Ihres Hauses erschiene (was natürlich nur aus Versehen geschehen könnte, aber es wäre doch immerhin möglich), und wenn sie ihre Hand um ein Almosen bittend ausstreckte, während Sie, ihr Sohn, gerade irgendwo in einem Daunenbett versinken und ... nun, in Luxus, kurz gesagt, schwelgen? ... So etwas wäre doch entsetzlich, ganz entsetzlich! Am entsetzlichsten ist aber – gestatten Sie, Oberst, daß ich Ihnen das ganz offen sage – ja, am entsetzlichsten hierbei ist, daß Sie jetzt wie ein gänzlich gefühlloser Pfosten vor mir stehen, den Mund halb aufsperren und nur die Augenlider von Zeit zu Zeit zusammenklappen, was gewissermaßen sogar unhöflich ist, während Sie bei dem bloßen Gedanken an eine solche Möglichkeit sich die Haare Ihres Hauptes mit der Wurzel ausraufen und Ihren Augen Ströme ... was sage ich! – Flüsse, Seen, Meere, Ozeane von Tränen entfließen müßten!“
Der übliche Ausgang seiner Reden war, daß er vor lauter Hingerissensein sich fortreißen ließ und die Übersicht über die Tragweite der eigenen Worte verlor.
So kam es denn, daß die Generalin samt ihrem ganzen Stabe – alles Vierbeinige inbegriffen – samt Foma Fomitsch und Fräulein Perepelizyna, ihrer größten Busenfreundin, endlich das Herrenhaus von Stepantschikowo mit ihrer Ankunft beglückte. Sie erklärte, daß sie vorläufig nur _versuchen_ wolle, bei ihrem Sohn zu leben, und gleichzeitig käme sie, um seinen Gehorsam zu prüfen. Man kann sich wohl die Lage des Obersten in dieser Zeit der „Prüfung seines Gehorsams“ ungefähr vorstellen! Anfangs hielt es die Generalin, als jüngst verwitwete Frau, für ihre Pflicht, etwa zwei- oder dreimal wöchentlich in der Erinnerung an ihren unwiederbringlich verlorenen Gatten, in Verzweiflung zu geraten; und diese Verzweiflung hatte die Eigentümlichkeit, sich alsbald aus unbekannten Gründen in einem Gewitter über dem Haupte des armen Obersten zu entladen. Zuweilen, vornehmlich wenn Besuch zugegen war, rief sie ihre beiden Enkelkinder zu sich, den kleinen Iljuscha und die fünfzehnjährige Ssaschenjka, hieß sie sich ihr gegenüber hinsetzen, sah sie lange, lange, mit traurigem, kummervollem Blick an, eben wie Kinder, die bei einem „_solchen Vater_“ dem Untergang geweiht sind, seufzte tief und schwer und brach in wortlose, geheimnisvolle, weil unerklärliche Tränen aus, die dann mindestens eine geschlagene Stunde unaufhaltsam flossen. Wehe dem Obersten, wenn er diese Tränen nicht zu begreifen _verstand_! Er aber, der Arme, verstand nie, sie zu begreifen, geriet vielmehr in seiner Naivität wie mit Absicht gerade zu diesen gefährlichen Stunden in ihren Gesichtskreis und mußte daher, ob er wollte oder nicht, eine neue Prüfung bestehen. Nichtsdestoweniger verringerte sich seine Ehrerbietung nicht – im Gegenteil, sie wuchs noch ... bis sie schließlich die äußersten Grenzen erreichte. Die Generalin und Foma Fomitsch fühlten nun beide, daß das Gewitter, welches so lange Jahre in der Gestalt des Generals Krachotkin in unwandelbarer Beständigkeit über ihren Häuptern geschwebt hatte, endlich vorübergezogen war und nie mehr wiederkehren werde. Zuweilen kam es auch vor, daß die Generalin mir nichts dir nichts auf das Sofa sank und – „in Ohnmacht fiel“: alles lief dann und schrie, der Oberst war aufs äußerste erschrocken und zitterte wie ein Espenblatt.
„Du grausamer Sohn!“ kreischte dann die Generalin los, kaum daß sie das Bewußtsein wiedererlangt hatte, „du hast mich zerrissen, – ^oui, moi, ta mère, ta mère^!“
„Ja aber – wann habe ich Sie denn zerrissen, Mama?“
„Das hast du, das hast du! Mich zerrissen hast du! Jetzt will er sich noch rechtfertigen! Er wird noch unehrerbietig! O du grausamer, unbarmherziger Sohn! Oh, ich sterbe!“
Der Oberst aber war zerknirscht.
Nur weiß ich nicht, wie es kam, daß die Generalin es mit dem Sterben nie wörtlich nahm.
Nach einer halben Stunde erklärte der Oberst wohl einem seiner „Hausgäste“, ihn am Rockknopf festhaltend, die Sache auf folgende Weise:
„Nun, ja, sie ist doch, Freund, Grandedame, Generalin! – das mußt du nicht vergessen. Sonst ist sie ja eine herzensgute, alte Frau, nur ist sie, weißt du, an diesen höheren Ton gewöhnt ... nun, und ich Tölpel verstehe eben so etwas nicht. Jetzt ärgert sie sich über mich. Es ist ja wahr, ich bin schuldig ... obschon mir, offen gestanden, immer noch nicht so recht klar ist, was ich denn eigentlich verschuldet habe, aber es wird wohl so sein, selbstverständlich! ...“
Mitunter glaubte sich in solchen Fällen wohl auch Fräulein Perepelizyna verpflichtet, ihm deswegen eine Moralpredigt zu halten. Sie war ein etwas überreifes Fräulein, ohne Augenbrauen, mit falschem Haar, kleinen, stechenden Äuglein, mit Lippen, die wie Bindfaden so schmal waren, und mit Händen, die sie in gesalzenem Gurkenwasser wusch.
„Das kommt daher, daß Sie unehrerbietig sind, und weil Sie egoistisch sind, weil Sie Ihre Frau Mutter kränken, Ihre Frau Mutter aber an eine solche Behandlung nicht gewöhnt ist ... denn sie ist doch Generalin ... Sie aber sind nur erst Oberst.“
„Nein, weißt du, Freund,“ sagte dann wohl der Oberst zu seinem Zuhörer, „Fräulein Perepelizyna ist doch im Grunde ein vorzügliches Mädchen, sie steht wie ein Mann für meine Mutter ein! Wirklich ein seltenes Mädchen! Glaub’ nur nicht, daß sie irgend so eine aus Gnade und Barmherzigkeit ernährte Klatschbase sei! Bewahre! Sie ist selbst die Tochter eines Majors. Tatsache!“
Doch das sind vorläufig nur so einige Beispiele. Dieselbe Generalin aber, die so verschiedenartige Anfälle bekam, zitterte ihrerseits wie eine Maus vor dem ehemaligen Narren ihres Gatten. Foma Fomitsch besaß förmlich Zaubermacht über diese Dame. Sie wagte nicht zu mucken, wenn er etwas befahl; sie hörte nur mit seinen Ohren, sah nur mit seinen Augen. Einer meiner Vettern zweiten Grades, gleichfalls ein Husarenoffizier a. D., ein noch junger Mensch, der aber nichtsdestoweniger sein ganzes Vermögen bereits doppelt durchgebracht hatte und sich seit einiger Zeit bei meinem Onkel aufhielt, erklärte mir kurz und bündig, ohne den geringsten Zweifel aufkommen zu lassen, daß die Generalin nach seiner felsenfesten Überzeugung in „unerlaubten Beziehungen“ zu Foma Fomitsch stünde. Ich ließ jedoch diese Deutung selbstverständlich nicht gelten. Nein, hier handelte es sich um etwas ganz anderes, viel Feineres – doch bleibt mir zur Erklärung dieses anderen nur eines übrig: den Charakter Foma Fomitschs so zu erklären, wie ich ihn mit der Zeit selbst beurteilen lernte.