Sämtliche Werke 16

Part 7

Chapter 73,325 wordsPublic domain

„Nicht ganz schuldlos vor _mir_, Onkel?“

„Später, später, mein Freund, davon später! Das wird sich später erklären! Alles, alles! Was du aber für ein prächtiger Bursche geworden bist! Mein lieber Junge! Und wie ich dich erwartet habe! Ich wollte dir alles, wollte dir mein ganzes Herz ausschütten, wie man sagt ... du bist gelehrt, du bist der einzige, den ich habe ... du und Korowkin. Im übrigen muß ich dich noch darauf aufmerksam machen, daß sich hier alle über dich ärgern. Nun sieh dich vor, sei vorsichtig, sei auf deiner Hut!“

„Sich über mich ärgern?“ fragte ich und blickte meinen Onkel verwundert an, da ich nicht begriff, wodurch ich Menschen, die ich noch gar nicht kannte, hätte ärgern können. „Über mich?“

„Über dich, Freund. Was ist da zu machen! Foma Fomitsch ist ein bißchen ... nun, und Mamachen natürlich gleichfalls. Überhaupt sei vorsichtig, ehrerbietig, widersprich nicht, aber vor allem, sei ehrerbietig ...“

„Und das etwa im Verkehr mit Foma Fomitsch, Onkel?“

„Was soll man tun, mein Freund, ich verteidige ihn ja nicht ... Er hat vielleicht wirklich so als Mensch seine Fehler, und sogar jetzt im Augenblick ... Ach, Freund Sserjosha, wenn du wüßtest, wie mich alles das beunruhigt! Wie könnte man das nur gutmachen, damit wir wieder alle glücklich und zufrieden wären? ... Aber wer ist denn ohne Mängel? Auch wir sind doch nicht vollkommen!“

„Aber, Onkel, so sehen Sie doch nur, was er tut ...“

„Ach, Freund! Das sind ja nur Klatschereien und weiter nichts! Zum Beispiel, ich werde dir erzählen: da ärgert er sich nun über mich, aber was glaubst du, weswegen? ... Übrigens, vielleicht bin ich auch selbst daran schuld. Ich werde es dir später erzählen ...“

„Wissen Sie, Onkel, in mir hat sich, was ihn anbetrifft, eine besondere Auffassung herausgebildet,“ unterbrach ich ihn, um ihm noch schnell meine Kombinationen mitzuteilen. Wir beeilten uns beide. „Erstens war er früher ein Hausnarr: das hat ihn erbittert, erniedrigt, ihn in seinem Innersten gekränkt und beleidigt, und so ist denn gehässig, unnatürlich, rachsüchtig geworden. Er will sich sozusagen an der ganzen Menschheit rächen ... Wenn man ihn aber mit dieser Menschheit wieder aussöhnen, ihn sich selbst wiedergeben würde ...“

„Das ist es ja! Eben, eben!“ rief mein Onkel begeistert aus. „Gerade das! Ein herrlicher Gedanke! Und es wäre doch eine Schande, es wäre niedrig von uns, wollten wir ihn jetzt ohne weiteres verurteilen! Das ist es ja! ... Ach, Freund, ich sehe schon, du verstehst mich, du bringst mir Trost! Wenn es sich dort nur einrenken ließe! Weißt du, ich habe wirklich Angst, dort zu erscheinen. Sieh, du bist nun angekommen, ich aber werde dafür büßen müssen!“

„Aber Onkel, wenn es so ist ...,“ begann ich, etwas verlegen durch dieses Geständnis.

„Nei-nei-nein! Um keinen Preis, auf keinen Fall!“ rief er heftig dazwischen, fest meine Hände drückend. „Du bist mein Gast, und ich will es so!“

Ich wunderte mich.

„Onkel, sagen Sie mir jetzt,“ begann ich nachdrücklich, „aus welchem Grunde oder zu welchem Zweck Sie mich hergerufen haben? Was erwarten Sie von mir, und vor allen Dingen, in welcher Beziehung sind Sie ‚nicht schuldlos‘ vor mir?“

„Weißt du, frage jetzt lieber nicht! Später, später! Alles das wird sich später aufklären! Ich habe vielleicht in vielem gefehlt, aber ich wollte wie ein ehrlicher Mensch handeln und ... und du wirst sie heiraten! Du wirst sie heiraten, wenn du nur einen Tropfen Edelmut besitzest!“ schloß er, in einer plötzlichen Gefühlsaufwallung über und über errötend, und drückte in diesem aufwallenden Gefühl schmerzhaft meine Hand. „Aber jetzt genug davon, kein Wort mehr! Du wirst ja selbst alles zeitig genug erfahren. Von dir wird es abhängen ... Die Hauptsache ist, daß du dort jetzt gefällst, daß du Eindruck machst. Laß dich nur nicht verwirren.“

„Aber sagen Sie doch, Onkel, wer ist denn eigentlich dort bei Ihnen? Ich muß gestehen, ich habe mich wenig in Gesellschaft bewegt, so daß ...“

„So daß dir jetzt etwas bange ist, wie?“ fragte der Onkel lächelnd. „Das hat nichts zu sagen! Verlier bloß nicht den Mut! Die Hauptsache ist, daß du dich nicht fürchtest. Wer dort bei uns ist, fragst du? Ja, wen haben wir denn da? ... Erstens natürlich meine Mutter,“ begann er geschäftig – „du erinnerst dich doch noch ihrer, oder nicht mehr? Eine herzensgute, durchaus edeldenkende, alte Frau, ohne alle Prätensionen, kann man sagen. Etwas altmodisch, aber das ist ja um so besser. Nun, und dann, weißt du, zuweilen hat sie so ... gewisse Einfälle, sie sagt manches so ... nun eben so in besonderem Ton. Augenblicklich ist sie mir böse, ärgert sich, aber es ist meine Schuld, und ich weiß es, daß es meine Schuld ist. Nun, und sie ist doch immerhin ^Grande Dame^, Generalin ... ihr Mann war ein prächtiger Mensch, General, sehr gebildet, reich war er freilich nicht, aber vom Kriege her mit Narben bedeckt, – mit einem Wort: er hatte sich allgemeine Achtung verdient. Dann ist da Fräulein Perepelizyna. Nun, die ... ich weiß nicht ... in der letzten Zeit ist sie so etwas ... ihr Charakter, wie gesagt ... Aber man kann doch nicht alle verurteilen! ... Nun, Gott mit ihr ... du brauchst nicht zu glauben, daß sie so eine ist, die ... die anderen auf dem Halse sitzt. Sie ist, weißt du, die Tochter eines Majors. Mamas Busenfreundin, vergiß das nicht! Und dann, nun, meine liebe Schwester Praskowja Iljinitschna. Na, von der ist nicht viel zu sagen: eine einfache, gute Seele; ein wenig zu geschäftig, aber was für ein Herz! Du sieh nur aufs Herz, Freund, das ist die Hauptsache ... Ein bejahrtes Mädchen, aber, denk doch, dieser Sonderling Bachtschejeff macht ihr gewissermaßen den Hof und scheint anhalten zu wollen. Nur laß dir um Gottes willen nichts anmerken, kein Wort! Geheimnis! Na, und wen haben wir denn da noch? Von den Kindern rede ich weiter nicht: wirst sie selbst sehen. Morgen ist Iljuschas Namenstag ... Ja, richtig! Fast hätt’ ich’s vergessen: seit einem Monat, sieh mal, lebt bei uns Iwan Iwanytsch Misintschikoff, – du wirst mit ihm, denke ich, im dritten Grade verwandt sein ... ja genau: ein Vetter deines Vetters. Leutnant a. D. Er hat erst vor kurzem den Abschied genommen – stand in einem Husarenregiment. Ein noch junger Mensch. Ein wirklich guter Charakter. Aber, weißt du, er hat sich durch seine Verschwendung dermaßen – wie sag’ ich doch gleich? – na, abgerupft, daß ich gar nicht weiß, wie und wo er das in einem solchen Maße hat fertigbringen können. Übrigens hat er auch früher nichts gehabt, aber immerhin ... er hat viel Schulden gemacht ... Und jetzt ist er bei mir zu Besuch. Bisher kannte ich ihn überhaupt nicht – als er ankam, stellte er sich mir vor. So ein lieber, guter, ruhiger, bescheidener Mensch. Es hat hier, glaube ich, kein Mensch je ein Wort von ihm gehört. Er schweigt ununterbrochen. Foma hat ihn – zum Spott – den ‚schweigsamen Fremdling‘ genannt. Aber er macht sich nichts daraus, ärgert sich nicht. Foma ist jedenfalls mit ihm zufrieden, nur sagt er von ihm, dem Iwan, daß es nicht weit her mit ihm sei. Übrigens widerspricht Iwan ihm nie, er stimmt ihm immer bei. Hm! So ein stiller Junge ... Na, Gott mit ihm! Du wirst ja selbst sehen. Dann haben wir noch Gäste aus der Stadt: Pawel Ssemjonytsch Obnoskin mit seiner Mutter, ein junger Mann, ein ungeheuer kluger Mensch; etwas so Reifes, weißt du, ist in ihm, etwas Festes, Unerschütterliches ... Ich verstehe mich nur nicht auszudrücken! Hinzu kommt noch eine ungewöhnliche Sittlichkeit: strenge Moral! Nun, und dann schließlich lebt noch, sieh mal, eine Tatjana Iwanowna bei uns, mit der wir – je nachdem, wie man’s nimmt – auch noch verwandt sein sollen, natürlich nur sehr entfernt verwandt – du kennst sie nicht – ein nicht mehr ganz junges Mädchen – das muß man wohl sagen, aber immerhin ... sie hat auch ihre Vorzüge. Reich ist sie, weißt du, kann zwei Güter wie Stepantschikowo auf einmal kaufen. Sie hat erst vor kurzem geerbt, bis dahin war sie bettelarm. Aber du, Freund, du urteile nicht voreilig über sie: sie ist etwas kränklich ... ich wollte sagen, sie hat etwas ... etwas Phantasmagorisches in ihrem Charakter. Nun, du bist ein edeldenkender Mensch, du wirst es begreifen, sie hat doch sozusagen viel gelitten. Mit solchen Menschen, weißt du, die im Unglück gewesen sind, muß man doppelt nachsichtig sein! Aber du brauchst nicht gleich ... nun, so ... irgend etwas zu denken! Sie hat natürlich auch ihre Schwächen: so kommt sie zuweilen etwas aus dem Konzept, spricht manches zu schnell aus, wählt nicht immer das richtige Wort, das nötig ist ... das heißt, – nicht etwa, daß sie lügt, denk nur das nicht ... das kommt ja, Freund, aus edlem Herzen ... das heißt, wenn sie auch manches nicht ganz der Wahrheit gemäß sagen sollte, so geschieht das doch einzig sozusagen aus übergroßer Herzenseinfalt – du verstehst doch!“

Mein Onkel war offenbar sehr verwirrt und wurde immer verlegener.

„Hören Sie, Onkel,“ sagte ich, „ich habe Sie sehr lieb ... verzeihen Sie mir die offene Frage: werden Sie eine von den Damen heiraten oder nicht?“

„Wer ... wer hat dir das gesagt?“ fragte er, wie ein Kind errötend. „Sieh mal, Sserjosha, ich werde dir alles ganz genau erzählen. Erstens – ich heirate nicht. Meine Mutter, zum Teil auch meine Schwester und vor allen Dingen Foma Fomitsch, den Mama vergöttert – und mit Recht, mit Recht: er hat viel für sie getan – sie alle wollen, daß ich diese selbe Tatjana Iwanowna heirate, aus vernünftiger Überlegung, zum Wohl der ganzen Familie. Natürlich wollen sie ja nur mein Bestes – das begreife ich vollkommen. Aber ich werde um keinen Preis heiraten – ich habe mir schon das Wort gegeben. Nichtsdestoweniger verstand ich – ich weiß nicht, wie’s kam – nicht so recht zu antworten: ich habe weder ja noch nein gesagt. Das ist, weißt du, immer so mit mir. Und so glaubten sie denn, daß ich einwillige, und wollen jetzt unbedingt, daß ich mich morgen, zum Familienfest, erkläre ... ... Und da sitze ich nun und weiß nicht einmal, was ich tun soll! Hinzu kommt noch, daß Foma Fomitsch mir zürnt – weiß Gott aus welchem Grunde. Mama gleichfalls. Ich werde dir, weißt du, gestehen, daß ich nur dich erwartet habe, dich und Korowkin ... ich wollte sozusagen ausschütten, was ...“

„Aber womit kann denn Korowkin Ihnen helfen, Onkel?“

„Doch, doch, er kann mir helfen, du wirst sehen, – das ist, Freund, so ein Mensch ... Wie gesagt, ein Mann der Wissenschaft! Ich vertraue auf ihn, wie auf einen Fels! Ein besiegender, bestrickender Mensch! Wie er über Familienglück spricht! Weißt du, auch auf dich setzte ich meine Hoffnung, glaubte, du wirst sie zur Vernunft bringen. Sag’ doch selbst: nun, nehmen wir an, ich bin an allem Unglück schuld, ich allein! Das begreife ich doch, ich bin ja doch kein gefühlloser Holzklotz. Aber trotzdem konnte man doch auch mir einmal verzeihen! Himmel, wie wir dann alle leben könnten! ... Wenn du wüßtest, wie groß meine kleine Ssaschurka ist – sie könnte schon heiraten! Und wie Iljuscha sich entwickelt hat! Morgen ist sein Namenstag. Aber wegen Ssaschurka mache ich mir Sorgen ... sie ist ein kleiner Trotzkopf ...“

„Onkel! Wo ist mein Koffer? Ich werde mich umkleiden und dann sofort erscheinen, und dann ...“

„Im Fremdenzimmer oben, mein Freund, im Giebelzimmer. Ich hatte es im voraus so angeordnet, daß man dich, sobald du ankommst, sofort dorthin nach oben führen solle, damit dich niemand sieht. Ja, ja, kleide dich um! Das ist gut, vorzüglich, vorzüglich! Ich aber werde inzwischen die anderen dort ein wenig vorbereiten. Nun, mit Gott! Weißt du, Freund, man muß schlau sein. Hier wird man unfreiwillig zu einem Talleyrand. Nun, macht nichts! Jetzt trinken sie dort Tee. Wir haben immer ziemlich früh Teestunde. Foma Fomitsch liebt es, Tee zu trinken, sobald er von seinem Nachmittagsschläfchen aufgewacht ist. Es ist auch, weißt du, besser so ... Nun, ich gehe also, und du komme mir schnell nach, laß mich nicht lange allein: man ist, weißt du, wenn man allein ist, etwas befangen ... Ja! Wart! Was ich noch sagen wollte! Ich habe eine Bitte an dich: mach mir dort, bitte, keine Vorwürfe, wie du sie mir vorhin hier machtest – was? Wenn du was sagen willst, so tu’s später, hier unter vier Augen – nicht? Bis dahin aber bezwing dich und schieb es auf! Ich habe es dort, sieh mal, sowieso mit allen verdorben. Sie ärgern sich ...“

„Hören Sie, Onkel, nach allem, was ich gehört und gesehen habe, scheint es mir, daß Sie ...“

„Daß ich ein Lappen bin – nicht? Sprich es nur ruhig aus!“ unterbrach er mich ganz unvermutet. „Ja, Freund, was ist da zu machen! Ich weiß es ja selbst. Nun, dann kommst du also? Komm bitte, sobald wie möglich!“

Oben im Giebelzimmer angelangt, kramte ich eilig die notwendigen Sachen aus meinem Koffer, eingedenk der Bitte meines Onkels, ihm bald zu folgen. Während des Ankleidens dachte ich darüber nach, daß ich, trotz der langen Unterhaltung mit meinem Onkel, doch noch nichts von dem in Erfahrung gebracht hatte, was ich hauptsächlich wissen wollte. Ich wurde nachdenklich. Nur eines war mir einigermaßen klar: mein Onkel wünschte immer noch, daß ich sie heiratete, und folglich waren alle Gerüchte, die dem widersprachen, wie zum Beispiel, daß er selbst in das junge Mädchen verliebt sei, unbegründet. Ich weiß noch, daß ich mich in großer Aufregung befand. Unter anderem dachte ich auch darüber nach, daß ich durch meine Ankunft und mein Schweigen in der Hauptsache meinem Onkel gleichsam meine Zustimmung ausgedrückt, ihm mein Wort gegeben, mich auf ewig gebunden hatte.

„Es ist nicht schwer,“ dachte ich, „nicht schwer, ein Wort auszusprechen, das einen dann später an Händen und Füßen und auf ewig bindet. Und das Beste ist, daß ich die Braut noch nicht einmal gesehen habe!“

Und andererseits: woher diese Feindschaft der ganzen Familie gegen mich? Warum sollten sie über meine Ankunft, wie mein Onkel sagte, ungehalten sein? Und was für eine sonderbare Rolle spielte denn mein Onkel hier in seinem eigenen Hause? Aus welchem Grunde vermeidet er es, mir auf gewisse Fragen zu antworten? Aus welchem Grunde fürchtet und quält er sich so? Offen gesagt, der ganze Sachverhalt erschien mir plötzlich vollkommen unsinnig, unbegreiflich. Meine romantischen und heroischen Träume aber waren jetzt, nach dem ersten Zusammenstoß mit der Wirklichkeit, endgültig verflogen. Erst jetzt, nach der Unterredung mit meinem Onkel, begriff ich die ganze Ungereimtheit, den ganzen Wahnsinn seines Vorschlages, und ich sagte mir, daß unter solchen Umständen wahrlich nur er allein einen solchen Plan aushecken konnte. Desgleichen gestand ich mir, daß ich selbst, indem ich auf sein erstes Wort hin Hals über Kopf hergefahren kam, fast begeistert von seinem Vorschlag, einem Narren und Dummkopf sogar auffallend ähnlich gewesen war.

Mit diesen unangenehmen Erwägungen beschäftigt, kleidete ich mich so eilig an, daß ich den mir behilflichen Diener zuerst gar nicht bemerkte.

„Werden der Herr die adelaidenfarbene Kravatte umlegen oder diese feinkarierte?“ fragte er plötzlich mit einer fast widerlich süßen Bescheidenheit.

Jetzt erst sah ich ihn an, und es schien mir auf den ersten Blick, daß seine Person ein gewisses Interesse verdiente. Er war ein noch junger Mensch, für einen Diener viel zu gut gekleidet, vielleicht nicht schlechter als manch ein Geck unserer Gouvernementsstädte. Er trug einen braunen Frack, weiße Beinkleider, eine strohfarbene Weste, Halbstiefel aus Lackleder und eine rosa Krawatte. Augenscheinlich war jedes Stück nicht ohne eine gewisse Absicht gewählt: diese ganze Ausstattung mußte sofort den feinen Geschmack des jungen Mannes verraten. Die Uhrkette war gleichfalls nicht zufällig so angebracht, daß sie einem in die Augen stach. Sein Gesicht war blaß und etwas grünlich; seine Nase war groß, gebogen, ungewöhnlich weiß, fast als wäre sie von Porzellan gewesen. Das Lächeln seiner schmalen Lippen drückte eine gewisse Melancholie aus, und zwar eine sehr zartfühlende Melancholie. Seine großen hervorquellenden Augen hatten etwas Gläsernes, ihr Blick war auffallend stumpf, aber dennoch drückten sie eine gewisse „Zartheit“ aus. In seinen dünnen, weichen Ohren trug er – wohl gleichfalls aus „Zartheit“ – je ein Flöckchen weiße Watte. Seine langen, weißblonden, spärlichen Haare waren zu Locken gedreht und pomadisiert. Seine Hände – oder vielmehr Händchen – waren weiß, sauber, wie in Rosenwasser gebadet. Seine Nägel waren geckenhaft lang und rosig. Kurz, alles an ihm sprach von Verzärtelung und Eitelkeit. Er lispelte vor lauter Vornehmheit und sprach nach neuester Mode das r fast gar nicht aus, er schlug die Augen auf und schlug sie nieder, seufzte und schmachtete bis zur Unglaublichkeit. Ja, er duftete sogar nach Parfüm. Er war nicht groß, war schwächlich und welk, und beim Gehen knickte er sehr absonderlich in den Beinen, so daß es aussah, als wolle er sich bei jedem Schritt setzen, worin er wahrscheinlich die vornehmste Zartheit sah. Mit einem Wort, der ganze Mensch war förmlich durchtränkt mit Zartheit, Subtilität und ungewöhnlich entwickeltem Empfinden der eigenen Würde. Besonderes letzteres mißfiel mir im ersten Augenblick sehr, ohne daß ich hierfür einen besonderen Grund angeben könnte.

„So ist diese Krawatte adelaidenfarben?“ fragte ich und sah den jungen Diener scharf an.

„Jawohl, genau adelaidenfarben,“ antwortete er mit „Zartsinn“.

„Und nicht agrafenenfarben?“

„Nein. Eine solche Farbe kann es überhaupt nicht geben.“

„So? Warum denn nicht?“

„Agrafena ist ein unanständiger Name.“

„Wieso unanständig? Warum?“

„Das weiß doch ein jeder: Adelaida ist wenigstens ein ausländischer Name, ein veradelter also; Agrafena aber kann hier jedes Bauernweib heißen.“

„Du bist wohl übergeschnappt?“

„Keineswegs, ich bin bei vollem Verstande. Es steht dem Herrn allerdings frei, mich wie beliebt zu benennen, doch sind mit meinem Worte viele Generäle und Herren aus der Hauptstadt zufrieden gewesen.“

„Wie heißt du denn?“

„Widopljässoff.“

„Ah! Also du bist Widopljässoff!“

„So heiße ich.“

„Na, dich werde ich wohl noch näher kennen lernen.“

Bei mir aber dachte ich, als ich die Treppe hinabstieg: „Weiß Gott, das ist ja hier eine regelrechte Irrenanstalt!“

IV.

Beim Tee.

Der Teesalon war dasselbe Zimmer, aus dem eine Glastür auf jene Terrasse führte, auf der ich kurz vorher den Diener Gawrila angetroffen hatte. Die geheimnisvollen Warnungen meines Onkels bezüglich des Empfanges, der mich erwartete, beunruhigten mich nicht wenig. Um so unangenehmer war es mir, als ich, nachdem ich kaum über die Schwelle getreten war, plötzlich über einen Teppich stolperte und, indem ich zum Glück gerade noch das Gleichgewicht bewahrte, immerhin ganz unverhofft bis in die Mitte des Zimmers flog. So stand ich denn, betreten, als hätte ich im Augenblick meine ganze Lebenslaufbahn, Ehre und guten Ruf verspielt, regungslos, rot wie ein Krebs und mit verständnislosem Blick rings um mich schauend, geraume Zeit mitten im Zimmer auf einem Fleck. Ich erwähne diesen an sich ganz gleichgültigen Zwischenfall einzig aus dem Grunde, weil er von einem gewissen Einfluß auf meine Gemütsverfassung im Verlaufe des ganzen Tages war und somit auch auf mein Verhalten zu einigen der handelnden Personen meiner Erzählung. Ich versuchte, so etwas wie eine Verbeugung zu machen; doch noch bevor ich sie ausgeführt hatte, stürzte ich zu meinem Onkel und erfaßte seine beiden Hände.

„Guten Tag, Onkel,“ sagte ich atemlos, obgleich ich etwas ganz anderes, viel Geistreicheres hatte sagen wollen ... aber ohne es zu wollen, hatte ich schon dieses dumme „Guten Tag, Onkel“ gesagt!

„Guten Tag, guten Tag, mein lieber, junger Freund,“ antwortete mein Onkel, der sichtlich mit mir litt, „wir ... wir haben uns ja schon so oft gesehen. Sei doch nicht so verlegen,“ fuhr er leise fort, so daß nur ich es hörte, „das kann ja jedem Menschen passieren! Ich verstehe ja: zuweilen wäre man froh, wenn man sich unter die Erde verkriechen könnte ... Nun, jetzt aber ... erlauben Sie, Mama, daß ich Ihnen hier meinen Gast vorstelle ... Sie werden ihn sicherlich liebgewinnen. Mein Neffe, Ssergei Alexandrowitsch,“ sagte er zur Erläuterung, sich diesmal an alle Anwesenden wendend.

Doch bevor ich die folgenden Ereignisse wiedergebe, will ich diese ganze Gesellschaft, in die ich mich so plötzlich hineinversetzt sah, dem Leser etwas deutlicher vor Augen führen.

Sie bestand aus mehreren Damen und nur zwei Herren – mich und meinen Onkel nicht mitgerechnet. Foma Fomitsch, für den ich mich so überaus interessierte, und der – das fühlte ich bereits – der unumschränkte Herrscher des ganzen Hauses war, befand sich nicht im Zimmer: er glänzte durch Abwesenheit und hatte, wie es schien, das Sonnenlicht gleichzeitig mit sich fortgenommen; denn alle waren finster, sorgenvoll und bekümmert, was man unmöglich nicht herausfühlen konnte. Aber wie verwirrt und erregt ich in diesem Augenblick auch war, ich bemerkte doch, daß mein Onkel fast ebenso erregt und verwirrt war wie ich, wenn er auch alles tat, um seinen wahren Zustand und seine Sorgen hinter scheinbarer Ungezwungenheit zu verbergen. Es schien so etwas wie ein schwerer Stein auf seinem Herzen zu liegen.