Part 19
„Eine phantasmagorische Person, in der Tat! Wirklich, eine phantasmagorische Person!“ rief er aus. „Die Arme! Man will ihre Naivität ausnutzen! Und war es wirklich Obnoskin? Aber er fuhr doch nach dem Tee fort? Sonderbar, höchst sonderbar! Ich bin wirklich betroffen, Sserjosha ... Das muß man morgen noch untersuchen, um gegebenenfalls Maßregeln ergreifen zu können ... Aber bist du auch überzeugt, daß es Tatjana Iwanowna war?“
Ich sagte, daß ich ihr Gesicht zwar nicht gesehen hätte, aber aus gewissen Gründen fest überzeugt sei, daß es Tatjana Iwanowna gewesen war.
„Hm! Oder sollte es nicht doch ein kleines Techtelmechtel mit einem der Hofmädchen gewesen sein, und dir hat es vielleicht nur so geschienen, daß es Tatjana Iwanowna war? War es nicht Dascha, die Gärtnerstochter? Das ist ein durchtriebenes Mädchen! Man hat sie bereits öfter bemerkt ... Nur deshalb sage ich es ja, weil man sie wirklich schon gesehen hat. Anna Nilowna hat sie ertappt! ... Aber nein, das ist auch unwahrscheinlich! Und er hat dir gesagt, daß er sie heiraten wolle? Sonderbar, sehr sonderbar ...“
Endlich trennten wir uns. Ich umarmte ihn zum Abschied.
„Morgen, morgen wird sich alles entscheiden,“ sagte er lebhaft, „noch bevor du aufstehst! Ich werde zu Foma gehen und ihm ritterlich alles aufdecken, wie meinem leiblichen Bruder, alles, was ich auf meinem Herzen habe, meine ganze Seele. Leb wohl, Sserjosha. Leg dich jetzt hin, du wirst müde sein. Na, und ich – ich werde in der ganzen Nacht wohl kein Auge schließen.“
Er ging. Ich legte mich unverzüglich schlafen; denn ich war in der Tat todmüde. Das war ein schwerer Tag gewesen! Meine Nerven waren überreizt, und bevor ich endlich einschlief, zuckte ich noch mehrmals zusammen und wachte immer wieder aus dem Halbschlaf auf.
Aber wie seltsam meine Eindrücke auch während des Einschlafens waren, so war ihre Seltsamkeit doch noch nichts im Vergleich mit der Seltsamkeit meines Erwachens am nächsten Morgen.
XIII.
Die Verfolgung.
Ich schlief traumlos und ungewöhnlich fest. Plötzlich fühlte ich, wie ein Gewicht von etwa vierhundert Pfund sich auf meine Beine legte: ich schrie auf und erwachte.
Es war schon hell: durch die Fenster flutete gelbes Sommermorgenlicht ins Zimmer. Auf meinem Bett, oder richtiger, auf meinen Beinen saß – Herr Bachtschejeff.
Ein Zweifel war ausgeschlossen: er war es. Nachdem ich meine Füße mit genauer Not von dieser Last befreit hatte, setzte ich mich im Bett auf und sah ihn mit der stumpfen Verständnislosigkeit eines kaum erwachten Menschen an.
„Er glotzt noch!“ rief der Dicke empört aus. „Was staunst du mich denn an? Steh auf, Alter, steh auf! Wecke dich hier schon seit einer halben Stunde. Reib dir endlich den Schlaf aus den Augen!“
„Was ist geschehen? Wieviel ist die Uhr?“
„Die Uhr ist noch nicht viel, aber unsere Fewronja hat nicht einmal den Tag erwartet, um loszuziehen. Steh mal auf, fix, wir setzen ihr nach!“
„Was für eine Fewronja?“
„Na, die unserige doch, die Holde, wer denn sonst! Ist schon über alle Berge! Bereits vor Sonnenaufgang ausgekniffen! Ich aber bin ja, mein Bester, nur auf einen Augenblick zu Ihnen gekommen, bloß um Sie auf die Beine zu bringen – und da vertrödele ich nun mit ihm geschlagene zwei Stunden! Stehen Sie auf, mein Lieber, Ihr Onkel erwartet Sie schon ... Da hat man nun die Bescherung!“ knurrte er zum Schluß, mit einer gewissen schadenfrohen Gereiztheit in der Stimme.
„Aber von wem ... wovon reden Sie?“ fragte ich erregt; denn ich begann bereits zu ahnen, „... doch nicht ... Tatjana Iwanowna?“
„Von wem denn sonst? Natürlich von ihr! Habe ich nicht gesagt, gewarnt – keiner wollte auf mich hören! Da habt ihr jetzt die Bescherung ... zum Feiertage! Kupido hat ihr den Kopf verdreht, nur deswegen ist sie verrückt! Pfui! Aber jener, jener – was? Da habt ihr jetzt den Spitzbart!“
„Doch nicht mit Misintschikoff?“
„Hör nur einer _so_ was! Nun reib dir aber den Schlaf aus den Augen und werde wenigstens dem großen Feiertage zu Ehren nüchtern! Bist wohl gestern bis untern Tisch gekommen, wenn dir der Schädel jetzt noch brummt! Was: Misintschikoff! – Mit Obnoskin, aber nicht mit Misintschikoff! Iwan Iwanowitsch Misintschikoff ist ein anständiger Mensch und macht sich mit uns auf die Verfolgung.“
„Was Sie sagen!“ rief ich erschrocken aus und machte, noch halb sitzend, einen Sprung aus dem Bett, „tatsächlich mit Obnoskin?“
„Pfui, du langweiliger Mensch!“ Der Dicke erhob sich fauchend von meinem Bett. „Ich komme zu ihm wie zu einem gebildeten Menschen, um ihm das Unglück mitzuteilen, er aber zweifelt noch! Du, mein Lieber, wenn du mit willst, so erheb dich schleunigst und zieh dir deine Höschen an; ich aber hab’s satt, hier mit meiner Lunge für dich zu arbeiten: habe sowieso schon meine Zeit an dich verschwendet!“
Und er verließ äußerst ungehalten mein Zimmer.
Noch ganz bestürzt von der Nachricht, sprang ich aus dem Bett, kleidete mich schnell an und eilte ins Herrenhaus.
Dort schien noch alles zu schlafen: und so trat ich denn vorsichtig durch die Paradetür ein, um unbemerkt zu meinem Onkel zu kommen. Kaum war ich eingetreten, als plötzlich Nastenjka vor mir stand: sie mußte soeben erst aufgestanden sein und sich in aller Eile angezogen haben. Ihr Haar war in Unordnung, und sie trug eine Art Morgenkleid oder Umwurf. Wahrscheinlich hatte sie im Flur auf jemanden gewartet.
„Sagen Sie, bitte, ist es wahr, daß Tatjana Iwanowna mit Obnoskin fortgefahren ist?“ fragte sie mich erregt mit zitternder Stimme, bleich und sichtlich erschrocken.
„Es soll wahr sein. Ich suche meinen Onkel ... Wir wollen ihr nachfahren ...“
„Oh, bringen Sie sie, bringen Sie sie schnell zurück! Wenn Sie es nicht tun, ist sie verloren!“
„Aber wo ist denn mein Onkel?“
„Wahrscheinlich bei den Pferdeställen. Die Pferde werden schon angeschirrt. Ich habe hier auf ihn gewartet. Hören Sie, sagen Sie ihm von mir, daß ich unbedingt heute noch fortfahren will: ich bin fest entschlossen. Mein Vater nimmt mich zu sich. Am liebsten würde ich sofort fahren, wenn es sich nur machen ließe! Jetzt ist alles verloren! Jetzt ist alles zu Ende!“
Während sie das sagte sah sie mich selbst wie eine Verlorene an – und plötzlich brach sie in Tränen aus. Es schien ein nervöser Anfall zu sein.
„Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich!“ bat ich sie. „Das ist doch nur eine günstige Wendung – Sie werden sehen ... Was haben Sie nur, Nastassja Jewgrafowna?“
„Ich ... ich weiß nicht ... was mit mir ist,“ sagte sie erregt und preßte unbewußt meine Hände krampfhaft zusammen. „Sagen Sie ihm ...“
Da hörten wir hinter der nächsten Tür ein Geräusch.
Sie zog erschrocken ihre Hände zurück und eilte die Treppe hinauf.
Ich fand sie alle – d. h. meinen Onkel, Herrn Bachtschejeff und Misintschikoff – auf dem hinteren Hof bei den Ställen. Vor Herrn Bachtschejeffs Wagen wurden frische Pferde angeschirrt. Alles war zur Abfahrt bereit: man hatte nur noch auf mich gewartet.
„Da ist er!“ rief mein Onkel aus, als er mich erblickte. „Hast du es schon gehört, Freund?“ fragte er leiser mit einem eigentümlichen Gesichtsausdruck. Schreck, Zerstreutheit und doch so etwas wie eine neue Hoffnung lagen in seinem Blick, in seiner Stimme und selbst in seinen Bewegungen. Offenbar fühlte er, daß in seinem Schicksal eine Wendung eingetreten war.
Ich wurde sogleich in die Einzelheiten eingeweiht.
Herr Bachtschejeff war nach einer qualvollen Nacht beim ersten Morgengrauen von Hause aufgebrochen, um rechtzeitig zum Frühgottesdienst im Kloster einzutreffen, das einige fünf Werst von seinem Gut entfernt lag. Als er gerade von der Landstraße in den Nebenweg zur Einsiedelei einbiegen wollte, hatte er mit einemmal einen offenen Wagen in rasender Schnelligkeit daherkommen sehen und in den Insassen Tatjana Iwanowna und Obnoskin erkannt. Tatjana Iwanowna sei verweint gewesen und habe, als sie Herrn Bachtschejeff erblickt, vor Schreck aufgeschrien und ihm dann die Hände wie hilfesuchend entgegengestreckt – so wenigstens ging es aus seiner Erzählung hervor. „Jener aber, der Schuft mit dem Spitzbart, wollte sich vor mir verstecken, jawohl, ja! – vor mir aber versteckst du dich nicht!“
Ohne lange zu zögern, hatte Stepan Alexejewitsch (Herr Bachtschejeff) dem Kutscher wieder auf die Landstraße zurückzukehren befohlen und war schnurstracks nach Stepantschikowo gefahren, hatte hier ohne weiteres meinen Onkel geweckt, ferner Misintschikoff und schließlich auch mich. Es war beschlossen worden, ihnen sogleich nachzufahren.
„Aber Obnoskin, was sagst du zu Obnoskin?“ fragte mein Onkel und sah mich unverwandt an, als wolle er mir gleichzeitig noch sagen: „Wer hätte das gedacht!“
„Von diesem niedrigen Menschen war jede Gemeinheit zu erwarten!“ bemerkte Misintschikoff in sehr scharfem Ton, wandte sich aber im selben Augenblick ab, um meinen Blick zu vermeiden.
„Na, was nun: fahren wir oder fahren wir nicht? Oder werden wir bis zum Abend hier stehen und uns Märchen erzählen?“ erinnerte Herr Bachtschejeff an unser Vorhaben und schob sich als erster in den Wagen.
„Fahren wir, fahren wir!“ rief sogleich eilig mein Onkel.
„Es wendet sich alles zum guten, Onkel,“ raunte ich ihm noch schnell zu. „Dieser Punkt ist jetzt besser erledigt, als wir es uns hätten träumen können!“
„Schon gut, Freund, lästere nicht ... Aber jetzt wird man _sie_ ja einfach hinauswerfen, zur Strafe dafür, daß das andere mißglückt ist, aus Rache – du verstehst doch? Entsetzlich, Freund, was ich jetzt kommen sehe!“
„Zum Donner, Jegor Iljitsch, wollen Sie Geheimnisse tuscheln – oder wollen Sie fahren?“ schrie Herr Bachtschejeff zum zweitenmal. „Sollte man nicht lieber die Pferdchen vorläufig wieder ausschirren lassen und erst noch einen Imbiß einnehmen – was meinen Sie? – und womöglich noch ein paar Gläschen sich hinter die Binde gießen?“
Diese Worte waren mit einem so grimmigen Sarkasmus gesagt, daß es ganz ausgeschlossen war, Herrn Bachtschejeff nicht unverzüglich zu befriedigen. Wir stiegen eilig ein, und die Pferde zogen an.
Eine Zeitlang schwiegen alle. Mein Onkel streifte mich ab und zu mit einem bedeutungsvollen Blick, schien aber in Gegenwart der anderen nicht sprechen zu wollen. Mitunter versank er in Gedanken, um dann nach einer Weile zusammenzuzucken, plötzlich gleichsam zur Besinnung zu kommen und sich erregt umzublicken. Misintschikoff war scheinbar ruhig, rauchte seine Zigarette und schaute mit dem Selbstbewußtsein eines ungerechterweise gekränkten Menschen drein. Dafür ereiferte sich Herr Bachtschejeff für drei. Er brummte die ganze Zeit vor sich hin, blickte auf alle und alles mit entschiedener Mißbilligung, wurde rot, fauchte, spie fortwährend seitwärts auf die Landstraße und konnte sich auf keine Art und Weise beruhigen.
„Bist du denn auch wirklich überzeugt, Stepan, daß die beiden nach Mischino gefahren sind?“ erkundigte sich plötzlich mein Onkel. „Das ist, mußt du wissen, zwanzig Werst von hier,“ fügte er, zu mir gewandt, erklärend hinzu, „ein kleines Gut mit dreißig Seelen. Es ist vor kurzem von einem ehemaligen Gouvernementsbeamten den früheren Besitzern abgekauft worden. Ein Schikaneur, sagt man, wie die Welt keinen zweiten aufzuweisen hat! Wenigstens wird es ihm nachgesagt. Stepan Alexejewitsch behauptet, Obnoskin sei dorthin gefahren, und dieser Beamte helfe ihm.“
„Du zweifelst wohl noch?“ fuhr Herr Bachtschejeff sofort auf. „Ich sage es und bleibe dabei: sie sind nach Mischino gefahren. Nur hat man ihn in Mischino wahrscheinlich schon längst wieder vergessen, den Obnoskin. Warum auch nicht! Haben doch drei Stunden auf dem Hof verschwatzt!“
„Beunruhigen Sie sich nicht,“ bemerkte Misintschikoff, „wir werden sie dort noch antreffen.“
„Jawohl, ja! Antreffen! Der will gerade dort noch Wiedersehen mit dir feiern! Er hat doch die Schatulle in den Fingern, worauf soll er jetzt noch warten?“
„Beruhige dich, Stepan, beruhige dich nur,“ redete ihm mein Onkel gütig zu. „Sie haben ja noch zu nichts Zeit gehabt – du wirst sehen, daß es so ist.“
„Zu nichts Zeit gehabt!“ wiederholte Herr Bachtschejeff boshaft. „Zu was hat diese nicht Zeit, wenn sie auch noch so bescheiden ist! ‚Ach ja, sie ist so bescheiden, ein so bescheidenes Kind!‘“ flötete er plötzlich aus der Fistel, als wolle er jemand nachäffen. „‚Sie hat so viel Unglück erfahren!‘ – Jawohl, ja! Da hat sie uns jetzt ihre Absätze gezeigt, die bescheidene Unglückliche! Da rast man ihr nun auf der großen Landstraße nach, mit der Zunge aus dem Halse womöglich, und sucht sie von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang! Läßt einen nicht einmal an Gottes heiligem Feiertage beten, wie es sich gehört! Pfui!“
„Aber sie ist doch mündig,“ bemerkte ich, „sie steht doch nicht unter Vormundschaft. Wir können sie doch nicht zwingen, zurückzukehren, wenn sie es nicht selbst will. Was werden wir dann tun?“
„Sie wird gewiß zurückkehren wollen, ich versichere dich,“ sagte mein Onkel. „Das hat sie jetzt nur so ... Sobald sie uns nur erblickt, wird sie zurück wollen – dafür garantiere ich. Und außerdem – es geht doch nicht anders, Freund, man kann sie doch nicht so dem Zufall überlassen, dem Schicksal als Opfer ... es ist doch gewissermaßen eine Pflicht ...“
„Steht nicht unter Vormundschaft!“ rief Herr Bachtschejeff aufgebracht aus und sah mich mit bösen Augen an. „‚Ist mündig!‘ – Eine Gans ist sie, mein Lieber, eine echte Gans! – _So_ muß man es nennen, aber nicht, daß sie _mündig_ ist! Gestern wollte ich mit dir überhaupt nicht von ihr sprechen; denn ein paar Stunden vorher hatte ich aus Versehen die Tür zu ihrem Zimmer aufgemacht – und was sehe ich: sie ist allein im Zimmer vor dem Spiegel, die Hände in die Seiten gestemmt und tanzt so was wie ’ne Ecossaise! Und wie aufgeputzt! Ein Journal, sag ich, einfach ein Modejournal! Ich spie nur aus und ging. Und damals schon sah ich voraus, sah ich alles so kommen, wie es jetzt gekommen ist – buchstäblich, genau so!“
„Wozu soll man sie so hart beurteilen,“ wagte ich etwas eingeschüchtert einzuwenden, „wir wissen doch, daß Tatjana Iwanowna ... sich nicht ihrer vollen Gesundheit erfreut ... oder richtiger, daß sie eine gewisse Manie ... Ich glaube, daß man nur Obnoskin beschuldigen darf und nicht sie.“
„Sich nicht ihrer vollen Gesundheit erfreut! Da werde einer mit ihm fertig!“ griff der Dicke wieder meinen Ausdruck auf, das Gesicht rot vor Zorn. „Er hat sich ja wahrhaftig geschworen, einen aus der Haut zu bringen! Schon gestern hat er den Schwur abgelegt! _Eine Gans ist sie_, hörst du mich, Väterchen, ich sage es dir nochmals: eine _kapitale_ Gans! _So_ heißt’s, nicht aber, daß sie sich ‚nicht ihrer vollen Gesundheit erfreut‘! Sie ist von Kindesbeinen ^in puncto^ Liebe übergeschnappt, das laß dir gesagt sein! Und jetzt hat der Kupido sie glücklich bis zum Letzten gebracht! Von jenem aber mit dem Spitzbart – von dem lohnt es sich gar nicht zu reden! Der wird jetzt für dreie leben, da sei du unbesorgt, und das Geld springen lassen und sich ins Fäustchen lachen.“
„Glauben Sie denn wirklich, daß er sie verlassen wird?“
„Was denn sonst? Soll er denn einen solchen Schatz noch mit sich herumschleppen? Was soll er mit ihr anfangen? Er wird ihr das Geld abrupfen und sie dann an der Landstraße unter einen Busch setzen – und Lebewohl sagen –, sie aber kann dann dort unterm Busch sitzen und Blümchen riechen, wenn sie will.“
„Nein, Stepan, da hast du dich denn doch etwas fortreißen lassen, so wird es nicht sein!“ sagte mein Onkel. „Und weshalb ärgerst du dich so? Wirklich, ich wundere mich über dich, Stepan! Was hast du davon?“
„Soo? Bin ich denn kein Mensch? Da kann man doch auch wütend werden! Ganz unwillkürlich! Und vielleicht rede ich nur aus mitleidigem Herzen ... Ach, mag die ganze Welt versauern! Sagt mir doch, wozu bin ich eigentlich hergefahren? Weshalb bin ich nicht ruhig weitergefahren? Was geht denn das mich an? Was schert das mich, Schockschwerenot!“
So haderte Herr Bachtschejeff mit dem Schicksal, doch ich hörte ihm nicht lange zu und beschäftigte mich in Gedanken mit derjenigen, der wir nachfuhren – mit Tatjana Iwanowna. Ihre Lebensgeschichte, über die ich mich in der Folge habe unterrichten lassen, und die als Erklärung ihres Abenteuers interessieren dürfte, ist kurz folgende:
Als armes Waisenkind, das in einem fremden, ungastlichen Hause aufgewachsen war, dann als armes, junges Mädchen und mit der Zeit als armes, altes Mädchen hatte Tatjana Iwanowna in ihrem ganzen kärglichen Leben alles Leid, das Verwaistheit, Erniedrigung, Vorwürfe und ungern gegebenes Gnadenbrot verursachen, zur Genüge ausgekostet. Von Natur mit einem heiteren, sehr empfänglichen und wohl auch leichtsinnigen Charakter begabt, hatte sie ihr bitteres Los anfangs noch leicht genommen und mitunter sogar fröhlich und sorglos wie ein Kind lachen können. Mit den Jahren tat aber die Zeit das Ihre: Tatjana Iwanowna wurde gelb und mager, wurde reizbar, krankhaft empfänglich und überschwenglich und träumte immer phantastischer von allem Schönen der Erde, träumte einen Traum, der nur von hysterischen Tränen oder plötzlichem, krampfartigem Schluchzen unterbrochen wurde. Je weniger irdische Güter die Wirklichkeit ihr verlieh, um so mehr tröstete sie sich mit ihrer Phantasie: je unwiederbringlicher und unaufhaltsamer ihre letzten Berechtigungen zu irgendwelchen Hoffnungen dahinschwanden, um so berauschender wurden ihre Illusionen, die sich doch niemals verwirklichen konnten. Unermeßliche Reichtümer, unverwelkbare Schönheit, elegante, reiche, vornehme Kavaliere, wenn nicht gar Großfürsten, die ihr den Hof machten, die für sie allein ihr Herz in jungfräulicher Reinheit erhalten hatten, und zu ihren Füßen vor lauter Liebe starben, und schließlich _er_ – _er_, das Schönheitsideal, ein Mann, der alle Vollkommenheiten in sich vereinigte, sie leidenschaftlich liebte, dazu Künstler, Dichter, General war – alles zusammen oder abwechselnd – alles das sah und erlebte sie bald nicht nur in ihrer Phantasie, sondern fast wie in Wirklichkeit. Ihre Vernunft widerstand nicht lange dem Gift dieser heimlichen, ununterbrochenen Träume ... Und nun plötzlich – griff das Schicksal in ihr Leben ein und hatte sie zum besten. In der letzten Erniedrigung, inmitten der traurigsten, das Herz bedrückenden Wirklichkeit, als Gesellschafterin einer alten, zahnlosen, launischen Dame – die sie beständig beschuldigte, die ihr wegen jedes Brotstücks und jedes Kleides Vorwürfe machte –, fast als Dienstmagd, die ein jeder kränken durfte, und die von niemand beschützt wurde, die durch ihr armseliges Leben um ihre Vernunft gebracht war und im geheimen nur im Zauber der sinnlosesten und glühendsten Phantasiegebilde lebte – erhielt sie eines Tages die Nachricht vom Tode eines ihrer entfernten Verwandten, dessen Angehörige alle vor ihm gestorben waren, wovon sie in ihrem Leichtsinn keine Ahnung gehabt hatte. Dieser entfernte Verwandte war ein Sonderling gewesen, hatte wie ein Einsiedler gelebt, irgendwo weit in einem Provinznest, mürrisch, einsam und mit der Welt zerfallen, sich nur mit Kraniologie beschäftigt und sein Geld auf Wucherzinsen geliehen. Und so war denn plötzlich wie durch ein Wunder dieser Tatjana Iwanowna ein ganzes großes Vermögen in den Schoß gefallen: sie war die einzige noch lebende Verwandte und folglich die einzige gesetzmäßige Erbin des Alten. Hunderttausend Rubel erhielt sie sofort blank und bar ausgezahlt. Dieser Hohn des Lebens aber brachte sie alsbald um den Rest ihres Verstandes. Wie sollte nun ihre ohnehin schon geschwächte Vernunft nicht an die Erfüllung aller ihrer Träume glauben, wenn solche Wunder geschehen konnten? Und so kam es, daß sie, fast betäubt vom Glück, unrettbar in ihre bezaubernde Welt unmöglicher Phantasien und verführerischer Illusionen versank. Verschwunden waren alle Zweifel, alle Grenzen der Wirklichkeit und deren Gesetze. Fünfunddreißig Jahre und blendende Schönheit, traurig stimmende Herbstkälte und die ganze Wonne unendlicher Liebesseligkeit lebten in ihrem Wesen nebeneinander, ohne miteinander auch nur einmal in Konflikt zu geraten. War doch _ein_ Traum Wirklichkeit geworden – weshalb sollten es nicht auch die anderen werden? Weshalb sollte nicht auch _er_ erscheinen? Tatjana Iwanowna dachte nicht – sie glaubte. Und während sie _ihn_ noch erwartete, das Ideal – sah sie jetzt Tag und Nacht nur noch Werbende vor sich, Offiziere und Zivilpersonen, Infanteristen und Gardekavalleristen, Millionäre und Dichter, die in Paris gewesen waren, und auch solche, die nur Moskau gesehen hatten, solche mit spanischen Spitzbärten und solche ohne Spitzbärte, Spanier und Nichtspanier (größtenteils aber doch Spanier) – jedenfalls sah sie dieselben in erschreckend großer Anzahl, so daß sie in ihrer Umgebung ernstliche Befürchtungen erregte. Es fehlte nicht viel, und man hätte sie in eine Irrenanstalt schaffen müssen. Alle ihre schönen Illusionen umgaben sie wie eine glänzende Kette, und im wirklichen Leben sah sie alles im selben phantastischen Licht: wen sie nur sah, der schien ihr in sie verliebt zu sein; wer nur an ihr vorüberging, der war in ihren Augen ein Spanier, wer starb – der starb unfehlbar aus Liebe zu ihr. Und in diesen Einbildungen wurde sie noch dadurch bestärkt, daß ihr jetzt tatsächlich viele Herren, wie zum Beispiel ein Obnoskin, mit demselben Ziel, das auch Misintschikoff verfolgte, den Hof machten. Plötzlich wurde sie von allen umschmeichelt, verwöhnt und „geliebt“. Die Arme konnte und wollte nicht einmal argwöhnen, daß es nur um ihres Geldes willen geschah. Sie war vollkommen überzeugt, daß alle Menschen, von denen sie früher so schlecht behandelt worden war, sich plötzlich wie auf irgend jemandes Befehl gebessert hatten, heiter, lieb, freundlich und gut geworden seien. _Er_ erschien zwar vorläufig noch nicht, und wenn es auch nicht dem geringsten Zweifel unterlag, daß _er_ einmal kommen werde, so war doch das Leben auch so nicht schlecht, es war sogar sehr angenehm, so voll Zerstreuungen und netter Erlebnisse, daß man sehr gut noch warten konnte! Tatjana Iwanowna naschte Konfekt, pflückte die Blumen des Vergnügens und las Romane. Diese Romane regten ihre Phantasie noch mehr an; doch las sie keinen einzigen zu Ende, sondern legte das Buch gewöhnlich schon nach den ersten Seiten aus der Hand. Sie hielt die Lektüre nicht länger aus, da schon die gleichgültigste Andeutung einer Liebe oder auch nur die Beschreibung des Ortes, eines Zimmers etwa, ihre Gedanken gänzlich gefangen nahm. Fortwährend wurden ihr neue Kleider, Spitzen, Hüte, Bänder, Musterbogen und Schnittmuster, Stickereien, Konfekt, Blumen und Schoßhündchen zugesandt. In der Mädchenstube waren drei Mädchen ganze Tage lang nur mit dem Nähen ihrer Kleider beschäftigt, sie aber drehte sich fast vom Morgen bis zum Abend und sogar in der Nacht vor dem Spiegel und hatte eine Anprobe nach der anderen. Sie schien dabei nach der Erbschaft jünger und hübscher geworden zu sein. Ich habe bis jetzt leider noch nicht in Erfahrung bringen können, wie sie mit dem verstorbenen General Krachotkin verwandt war. Im Grunde war ich von Anfang an überzeugt, daß diese ganze Verwandtschaft nur eine Erfindung der Generalin sein konnte, die sich Tatjana Iwanownas bemächtigen wollte, um sie dann, was es auch koste, mit meinem Onkel zu verheiraten. Herr Bachtschejeff hatte recht, wenn er sagte, Kupido hätte sie um die letzte Vernunft gebracht. Andererseits war der Entschluß meines Onkels, als er von ihrer Flucht mit Obnoskin erfahren hatte, ihr sogleich nachzufahren und sie zurückzubringen, das Vernünftigste, was er tun konnte. Die Arme war gar nicht fähig, ohne Bevormundung zu leben, und sie würde unfehlbar ihrem Verderben entgegengegangen sein, wenn sie unter schlechte Menschen geraten wäre.