Part 18
„Es ist doch unmöglich! Du mußt, du mußt sie heiraten! Wozu habe ich dich denn aus Petersburg hergebeten? Du mußt sie glücklich machen! Jetzt will man sie von hier fortschicken, wenn sie aber deine Frau und meine Nichte ist – dann wird man sie nicht mehr fortjagen können. Und wohin will sie denn gehen? Was soll aus ihr werden? Eine Gouvernantenstelle? Aber das ist doch Unsinn – Gouvernante! Und bis sie eine Stelle findet – wovon sollen die Ihrigen so lange leben? Der Vater hat ja ganze neun zu ernähren! Die haben selbst nichts zu beißen! Sie wird ja doch keine Kopeke von mir annehmen, wenn sie wegen dieser schmutzigen Verleumdungen fortgeht, weder sie noch ihr Vater. Und wie soll sie dann in dieser Weise mein Haus verlassen? Entsetzlich! Und ohne Skandal ist es ganz undenkbar – das weiß ich. Und ihr Gehalt ist schon vorausbezahlt, sie hatten es für den Lebensunterhalt nötig ... sie allein ernährt sie doch. Nun, sagen wir, ich empfehle sie, finde für sie eine ehrliche und ehrenwerte Familie ... aber Teufel noch eins! – woher nimmst du sie denn, diese ehrenwerten, wirklich ehrlichen Menschen? Na, gut, sagen wir, es gibt sogar sehr viele solcher, – wozu Gott erzürnen! – aber es ist doch, Freund, immerhin gefährlich: kann man sich denn auf die Menschen verlassen? Zudem ist doch ein armer Mensch immer mißtrauisch: es scheint ihm unwillkürlich, daß man ihn das Brot und die Freundlichkeit mit seiner Erniedrigung bezahlen läßt! Man wird sie sicherlich kränken, sie aber ist stolz, und dann ... ja, und was dann? Und was dann, wenn schließlich noch so ein elender Verführer hinzukommt? ... Sie wird ihn ohrfeigen, – ich weiß, daß sie ihn ohrfeigen wird – aber er wird sie doch beleidigen, der Schurke! Und sie kann dann doch immer in üblen Leumund geraten, ein Schatten, ein Verdacht kann auf sie fallen – was dann? ... Mein Kopf, mein Kopf droht mir zu zerspringen! Großer Gott!“
„Onkel! Verzeihen Sie mir, wenn ich eine Frage an Sie richte,“ sagte ich plötzlich feierlich. „Seien Sie mir nicht böse und vergessen Sie nicht, daß Ihre Antwort auf diese Frage vieles entscheiden kann. Ich habe zum Teil sogar das Recht, von Ihnen eine Antwort zu verlangen, Onkel.“
„Was, was meinst du? Was für eine Frage?“
„Sagen Sie mir wie vor Gott, offen und ohne Umschweife: Empfinden Sie nicht, daß Sie selbst in Nastassja Jewgrafowna ein wenig verliebt sind und sie gern selbst heiraten würden? Bedenken Sie doch nur: einzig wegen dieser Befürchtung will man sie doch aus dem Hause entfernen.“
Mein Onkel machte eine energische Geste wie in heftigster Ungeduld.
„Ich? Verliebt? In sie? Ihr seid wohl alle nicht recht bei Troste oder habt euch gegen mich verschworen! Wozu habe ich denn dich herbestellt, wenn nicht, um ihnen allen endlich zu beweisen, daß sie nicht recht gescheit sind? Weshalb will ich denn dich mit ihr verheiraten? Ich? In sie? Ver... Verliebt? Ihr seid wohl wirklich alle ...!“
„Wenn es sich so verhält, Onkel, dann erlauben Sie mir, alles auszusprechen. Ich erkläre Ihnen hiermit feierlich, daß ich in dieser Annahme entschieden nichts Schlechtes finden kann. Im Gegenteil, Sie würden sie überaus glücklich machen, wenn Sie sie nun einmal so lieben, und – und Gott gebe es! Möge Gott Ihnen Liebe und Rat schenken!“
„Aber, um’s Himmels willen, was redest du da!“ rief mein Onkel fast entsetzt aus. „Ich wundere mich nur, wie du das so kaltblütig aussprechen kannst ... und ... überhaupt, Freund, eilst du immer irgendwohin – diesen Zug habe ich schon an dir bemerkt! Ist denn das nicht einfach sinnlos, was du da sagst? Wie, sag doch selbst, wie soll ich sie denn heiraten, wenn ich sie gewissermaßen als meine Tochter betrachte? Ja, eben nur wie ein Vater seine Tochter und nicht anders! Es wäre sogar eine Schande und eine Sünde, wenn ich anders auf sie blicken würde! Ich – ein Greis, und sie – ein kleines Mädchen! Sogar Foma hat es mir genau so in diesen Ausdrücken erklärt. Ich empfinde nur väterliche Liebe für sie in meinem Herzen, und da kommst du nun mit Eheschließung! Sie würde ja vielleicht aus Dankbarkeit nicht absagen, aber dann müßte sie mich doch ewig verachten, wenn ich ihre Dankbarkeit in dieser Weise ausnutzte. Ich würde sie nur unglücklich machen und ... und würde ihre Anhänglichkeit verlieren! Ach, ich würde ihr ja meine ganze Seele hingeben, mein kleines Mädchen, das heißt ... Sie ... sie ... Ich liebe sie ebenso wie Ssaschenjka, sogar mehr, aber das will ich nur dir allein gestehen; denn Ssaschenjka ist, siehst du, sowieso meine Tochter, nach dem Gesetz und mit Recht, diese aber habe ich durch meine Liebe zu meiner Tochter gemacht. Ich habe sie aus armen Verhältnissen zu mir genommen. Auch Katjä, mein toter Liebling, hat die Kleine geliebt und hat sie mir als Tochter hinterlassen. Ich habe sie gut erziehen lassen: französische Stunden und Klavierstunden und Literaturstunden – kurz und gut, alles was dazu gehört. Was für ein Lächeln sie hat! Hast du es nicht bemerkt, Sserjosha? Man glaubt, sie lache über einen, indessen lacht sie gar nicht, sondern, im Gegenteil, liebt dich ... Ich ... sieh, ich glaubte, du würdest kommen, bei ihr anhalten – dann würden sie sich alle überzeugen, daß ich keine ... Absichten auf sie habe, und würden dann endlich aufhören, alle diese dummen, schmutzigen Geschichten über sie zu verbreiten. Sie würde dann hier bei uns in Ruhe und Frieden leben: und wie würden wir alle glücklich sein! Ihr seid ja beide meine Kinder, beide gewissermaßen Waisen, beide seid ihr unter meiner Vormundschaft aufgewachsen ... ich würde euch beide so lieben, so lieben! Ich würde euch mein ganzes Leben hingeben, niemals mich von euch trennen, überall würde ich bei euch sein! Ach, wie glücklich wir doch sein könnten! Und warum nur ärgern sich die Menschen, warum sind sie alle so böse, warum hassen sie einander? Ich ... ich würde sie alle einmal so fest in meine Arme nehmen und es ihnen so recht von Herzensgrund erklären wollen! Würde ihnen so die ganze Herzenswahrheit zeigen! Ach, du, Grundgütiger!“
„Onkel, Sie haben in allem vollkommen recht, nur ändert das an der Tatsache nichts, daß sie mir einen Korb gegeben hat.“
„Einen Korb! ...? ... Hm! ... Aber weißt du, es ist mir doch, als hätte ich es vorausgefühlt, daß sie dir absagen würde,“ sagte er nachdenklich. „Aber nein!“ rief er aus, „ich glaube es nicht! Das ist unmöglich. In dem Falle würde ja nichts zustande kommen! Sicherlich hast du es irgendwie ungeschickt angefangen, hast sie vielleicht sogar gekränkt oder ihr womöglich Komplimente zu machen versucht ... Erzähle mir noch einmal, wie es war, Ssergei!“
Ich wiederholte alles noch einmal ganz ausführlich. Als ich sagte, daß Nastenjka mit ihrer Entfernung ihn, meinen Onkel, vor der Ehe mit Tatjana Iwanowna bewahren wolle, lächelte er bitter.
„Bewahren!“ sagte er. „Bewahren bis morgen!“
„Sie wollen doch damit nicht sagen, daß Sie Tatjana Iwanowna heiraten werden?“ rief ich erschrocken aus.
„Womit habe ich es denn erkauft, daß Nastjä morgen nicht hinausgeworfen wird? Morgen noch werde ich anhalten – ich habe es versprochen.“
„Wie, Sie haben sich dazu entschließen können, Onkel?“
„Was sollte ich tun, Freund, es war nichts zu wollen! Es zerreißt mir ja das Herz, aber ich habe mich entschlossen. Morgen halte ich um sie an ... die Hochzeit soll still gefeiert werden, nur im Familienkreise. Es ist auch besser so, Freund. Du wirst natürlich mein Ehrenmarschall sein ... bei der Trauung. Das habe ich auch drüben schon angedeutet, so daß sie dich bis dahin bestimmt nicht vor die Tür setzen werden. Was soll man denn tun, Freund? Sie sagen: ‚Du machst deine Kinder steinreich!‘ Natürlich, was ist man für seine Kinder nicht zu tun bereit! Selbst auf den Kopf stellt man sich ... um so mehr, als es ja auch im Grunde ganz richtig so ist. Und ich muß doch etwas für meine Familie tun! Ich kann doch nicht immer dieser Egoist bleiben!“
„Aber, Onkel, sie ist doch verrückt!“ rief ich aus, ohne im Augenblick daran zu denken, daß sie ja doch schon so gut wie seine Braut war. Mein Herz krampfte sich zusammen vor Schmerz.
„Na, jetzt erklärst du sie sogar schon für verrückt! Sie ist durchaus nicht verrückt, Freund, sondern ... nur so, weißt du, sie hat viel Schweres durchgemacht ... Was soll man denn tun, Freund, ich wäre ja auch froh, eine mit vollem Verstande ... Aber übrigens, was für welche gibt es nicht auch unter denen, die geistig normal sind! Und wenn du wüßtest, wie gut sie ist, wie edelmütig ...“
„Großer Gott! Er söhnt sich mit dem Gedanken bereits aus!“ Ich war im Begriff, zu verzweifeln.
„Aber was soll ich denn tun, wenn ich mich nicht aussöhne? Und sie wollen das alles doch nur zu meinem Besten, und ... und schließlich sah ich ein, daß ich früher oder später doch daran werde glauben müssen, davor wird mich keiner retten: sie werden mich zu zwingen verstehen, sie zu heiraten. Deshalb ist es doch besser, sich sogleich zu entschließen, als erst noch lange herumzustreiten. Ich werde dir, Freund, alles ganz offen sagen: weißt du, ich bin zum Teil sogar ganz froh darüber. Hat man sich entschlossen, so hat man sich entschlossen – dann ist es wenigstens erledigt, und man hat es hinter sich. Man fühlt sich auch ruhiger, weißt du. Ich, siehst du, ich kam ja auch schon ganz ruhig hierher. Aber so will es wahrscheinlich mein Stern! Und die Hauptsache, unser Gewinn sozusagen, ist doch, daß Nastjä bei uns bleibt. Ich habe doch nur unter dieser Bedingung eingewilligt. Und nun will _sie selbst_ fortgehen! Das darf nicht sein!“ Mein Onkel stampfte mit dem Fuß auf. „Hör, Ssergei,“ fuhr er plötzlich entschlossen fort, „erwarte mich hier, bleibe hier im Zimmer, ich werde im Augenblick wieder hier sein.“
„Wohin, wohin gehen Sie, Onkel?“
„Vielleicht treffe ich sie, Ssergei. Dann wird sich alles aufklären, glaube mir, alles wird sich aufklären und ... und ... du wirst sie heiraten – ich gebe dir mein Ehrenwort!“
Mein Onkel verließ das Zimmer, schlug aber, wie ich sah, nicht den Weg zum Hause ein, sondern ging noch tiefer in den Garten, in der Richtung auf den Weiher. Ich blickte ihm durch das Fenster nach.
XII.
Die Katastrophe.
Ich war allein. Die Lage, in der ich mich befand, war unerträglich: Ich hatte einen Korb erhalten, und mein Onkel wollte mich ungeachtet dessen mit Gewalt verheiraten. Meine Gedanken schweiften unruhig umher, doch ich konnte keinen ruhig zu Ende denken. Misintschikoff und sein Vorschlag wollten mir nicht aus dem Sinn. Es galt, was es auch koste, meinen Onkel zu retten. Ich dachte sogar daran, Misintschikoff unverzüglich aufzusuchen und ihm alles zu erzählen ... Aber wohin war mein Onkel gegangen? Er hatte gesagt, daß er Nastenjka sprechen wolle, und hatte doch den Weg in den Garten eingeschlagen. Einen Augenblick dachte ich an heimliche Zusammenkünfte, und ein unangenehmes Gefühl regte sich in meinem Herzen. Mir fielen Misintschikoffs Worte ein: daß sie heimliche Beziehungen zueinander hätten ... Ich sann nach – wies dann aber jeden Verdacht unwillig von mir. Nein, mein Onkel konnte nicht betrügen, das lag ja auf der Hand. Doch meine Unruhe wuchs mit jeder Minute. Fast unbewußt trat ich hinaus auf die Treppe und ging dann in Gedanken versunken dieselbe Allee entlang, die mein Onkel verfolgt hatte. Der große Sommermond stand rot und noch niedrig über dem Horizont. Ich kannte den Garten gut und brauchte nicht zu fürchten, irrezugehen. Als ich mich der alten Laube näherte, die einsam am Ufer des schlammigen, schilfbewachsenen Weihers stand, blieb ich plötzlich wie angewurzelt stehen: ich vernahm deutlich Stimmengeflüster, das aus der Laube kam. Ich kann nicht sagen, welch ein eigenartig ärgerliches Gefühl mich erfaßte! Ich war überzeugt, daß mein Onkel und Nastenjka dort saßen, und ich ging geradeaus weiter, indem ich auf alle Fälle mein Gewissen wenigstens damit beruhigte, daß ich denselben Schritt beibehielt und mich nicht etwa unbemerkt heranzuschleichen suchte. Da vernahm ich plötzlich, daß zwei sich küßten, und darauf folgte eine Menge begeisterter Worte und dann – ein durchdringender weiblicher Schrei! Fast im selben Augenblick aber lief oder flog auch schon eine weißgekleidete Dame wie eine Schwalbe an mir vorüber. Es schien mir, daß sie das Gesicht mit den Händen bedeckt hatte, um nicht erkannt zu werden. Man hatte mich also aus der Laube bemerkt. Wie groß aber war meine Verwunderung, als ich in dem Herrn, der nach der aufgescheuchten Dame aus der Laube trat, – Obnoskin erkannte, Obnoskin, der nach Misintschikoffs Behauptung Stepantschikowo bereits verlassen hatte! Auch Obnoskin war nicht wenig verwirrt: seine sonst so anmaßende Haltung war völlig verschwunden.
„Entschuldigen Sie, aber ... ich hatte nicht erwartet, mit Ihnen hier zusammenzutreffen,“ brachte er stotternd und mit verlegenem Lächeln hervor.
„Dasselbe kann ich auch von mir sagen,“ entgegnete ich spöttisch, „um so mehr, als ich gehört habe, daß Sie bereits fortgefahren seien.“
„Nein ... das war nur so ... ich begleitete nur meine Mutter ... eine Strecke ... Aber darf ich mich an Sie mit einer Bitte wenden; denn ich weiß, daß Sie ein ehrenwerter Mensch sind ...“
„Und diese Bitte wäre?“
„Es gibt Fälle – und Sie werden mir darin zustimmen – in denen ein wirklich edler Mensch gezwungen ist, an den ganzen Edelmut eines anderen, gleichfalls edlen Menschen zu appellieren ... Ich hoffe, Sie verstehen mich ...“
„Hoffen Sie das nicht; denn ich verstehe Sie tatsächlich nicht.“
„Sie haben doch die Dame gesehen, die hier mit mir in der Laube war?“
„Gesehen – ja, aber nicht erkannt.“
„Ah, nicht erkannt ... Diese Dame werde ich alsbald meine Frau nennen.“
„Gratuliere. Aber womit kann ich Ihnen dienen?“
„Nur mit einem: es als tiefstes Geheimnis zu bewahren, daß Sie mich mit dieser Dame hier gesehen haben ...“
„Wer mag das gewesen sein?“ dachte ich, „doch nicht ...?“
„Wirklich, ich weiß nicht ...“ sagte ich. „Sie werden entschuldigen, daß ich Ihnen mein Wort nicht geben kann ...“
„Um’s Himmels willen, ich _bitte_ Sie doch darum!“ flehte Obnoskin. „Begreifen Sie doch meine Situation! Es ist noch ein Geheimnis. Sie können gleichfalls einmal Bräutigam sein: dann werde auch ich meinerseits ...“
„Pst! Jemand kommt!“
„Wo?“
In der Tat bemerkten wir kaum dreißig Schritt von uns den Schatten eines Menschen vorübergleiten.
„Das ... das war Foma Fomitsch!“ flüsterte Obnoskin, am ganzen Leibe zitternd. „Ich erkannte ihn am Gang. Mein Gott! da kommen wieder Schritte! Von der anderen Seite! Hören Sie ... Leben Sie wohl! Ich danke Ihnen und ... flehe Sie an ...“
Obnoskin verschwand. Nach einer Minute stand mein Onkel vor mir, wie aus der Erde gewachsen.
„Bist du es?“ fragte er hastig. „Alles ist verloren, Ssergei, jetzt ist alles verloren!“
Ich bemerkte, daß auch er am ganzen Körper zitterte.
„Was ist verloren, Onkel?“
„Gehen wir!“ Er erfaßte krampfhaft meine Hand und zog mich nach sich. Während des ganzen Weges bis zum Sommerhaus sprach er kein Wort und ließ auch mich nicht sprechen. Ich erwartete etwas Außergewöhnliches und kann sagen, daß ich in meiner Erwartung auch nicht enttäuscht wurde. Als wir mein Zimmer betraten, schwindelte ihm und er wankte. Er war bleich wie ein Toter. Ich spritzte ihm sofort Wasser ins Gesicht. „Es muß etwas Furchtbares geschehen sein,“ dachte ich, „wenn ein Mann wie er – in dieser Weise ... fast ohnmächtig wird.“
„Onkel, was haben Sie nur?“ fragte ich schließlich.
„Alles ist verloren, Ssergei! Foma überraschte mich und Nastenjka im Garten ... gerade in dem Augenblick, als ich sie küßte ...“
„Als Sie sie küßten? Im Garten?“ Ich sah ihn verständnislos an.
„Im Garten, Freund, Gott wollte es so! Ich ging, um sie unverzüglich zu sprechen ... Ich wollte ihr alles sagen, wollte ihr zureden, sie zur Vernunft bringen ... in bezug auf dich, weißt du. Sie aber hatte schon seit einer ganzen Stunde auf mich gewartet, dort, bei der zerbrochenen Bank ... hinter dem Weiher ... Sie kommt oft dorthin, wenn ich mit ihr sprechen muß.“
„Oft?“
„Oft, oft, Freund! In der letzten Zeit haben wir uns dort fast in jeder Nacht getroffen. Nun haben sie uns wahrscheinlich aufgelauert – ich weiß es genau, daß sie spioniert haben, und ich weiß auch, daß Anna Nilowna die Hauptbeteiligte ist. So stellten wir denn unsere Zusammenkünfte ein: seit vier Tagen hatten wir uns nicht gesehen ... aber heute ging es doch nicht anders ... Du weißt doch selbst, wie notwendig es war ... Und wie und wo hätte ich sonst ein Wort mit ihr reden können? Ich ging also in der Hoffnung hin, sie dort anzutreffen ... Und sie saß auch schon seit einer Stunde da ... und hatte auf mich gewartet: sie hatte mir gleichfalls Wichtiges zu sagen ...“
„Wie kann man nur so unvorsichtig sein! Sie wußten doch, daß man Sie beide beobachtet!“
„Aber es war doch ein kritischer Augenblick, Ssergei! Wir mußten uns doch über so vieles aussprechen! Am Tage wage ich ja nicht einmal, sie anzusehen: sie sieht in den einen Winkel und ich absichtlich in den anderen, als wenn ich überhaupt nicht bemerkte, daß sie auf der Welt ist. In der Nacht aber treffen wir uns und können uns dann aussprechen ...“
„Und was geschah nun heute, Onkel?“
„Oh! Kaum hatte ich ihr zwei Worte gesagt, weißt du – da fing mein Herz zu hämmern an, und die Tränen traten mir in die Augen. Ich wollte sie bereden, dich doch zu heiraten – sie aber sagte mir ohne weiteres: ‚Dann lieben Sie mich offenbar überhaupt nicht, dann sehen Sie ja gar nichts!‘ Und plötzlich wirft sie sich an meine Brust, umarmt mich krampfhaft, weint und schluchzt: ‚Ich liebe nur Sie allein,‘ sagte sie, ‚ich werde keinen anderen heiraten! Ich liebe Sie schon lange, nur werde ich auch Sie nicht heiraten, sondern morgen noch fortfahren und ins Kloster gehen.‘“
„Donnerwetter! Hat sie das wirklich so gesagt? Und was geschah dann weiter – weiter, Onkel?“
„Da – ich blickte auf: vor uns steht Foma! Woher er nur gekommen sein mag? Er kann doch unmöglich hinter dem Gebüsch gehockt haben, um nur auf diesen Sündenaugenblick zu warten?“
„Der Schuft!“
„Ich erstarrte, Nastenjka lief fort, und Foma Fomitsch ging schweigend an uns vorüber und drohte mir nur einmal so mit dem Finger. – Begreifst du jetzt, Ssergei, was es morgen geben wird?“
„Wie sollte ich nicht!“
„Begreifst du?“ rief er verzweifelt aus und sprang vom Stuhl auf. „Begreifst du, daß sie sie verderben, verleumden, entehren wollen? Sie suchen einen Vorwand, um ihr eine Schande anhängen und sie dann aus dem Hause treiben zu können! Und jetzt haben sie ihn glücklich gefunden! Haben sie doch schon gesagt, sie hätte ein ehrloses Verhältnis mit mir! Ja, diese Schurken haben sogar gesagt, sie hätte auch eins mit Widopljässoff gehabt! Und das hat alles diese Anna Nilowna verbreitet! Was wird jetzt werden? Was wird morgen sein? Sollte Foma es wirklich erzählen?“
„Unbedingt wird er es erzählen, Onkel.“
„Wenn er es aber erzählt, wenn er es wagt ...“ Mein Onkel biß sich die Lippen und ballte die Fäuste. „Nein, nein! Ich glaube es nicht! Er wird es nicht sagen, er wird begreifen ... er ist ein Mensch mit edler Gesinnung! Er wird sie schonen ...“
„Schonen oder nicht schonen,“ unterbrach ich ihn entschlossen; „jedenfalls aber ist es jetzt Ihre Pflicht, morgen um Nastassja Jewgrafownas Hand anzuhalten.“
Mein Onkel blickte mich unbeweglich an.
„Sehen Sie denn nicht ein, Onkel, daß Sie dem Mädchen die Ehre nehmen, wenn Sie die Sache an die große Glocke hängen lassen? Sehen Sie denn nicht ein, daß Sie allem Gerede so schnell wie möglich die Spitze abbrechen müssen? Sie müssen jedem furchtlos und stolz in die Augen blicken können, Ihre Verlobung sofort veröffentlichen, alle Ihre Vernunftgründe zum Teufel schicken und Foma, wenn er dagegen auch nur zu mucken wagt, einfach zu Pulver zerstäuben! ...“
„Ssergei, Freund, ich dachte daran, als wir herkamen!“
„Und zu was haben Sie sich entschlossen?“
„Mein Entschluß steht fest! Ich hatte mich bereits entschlossen, noch bevor ich dir zu erzählen begann!“
„Bravo, Onkel!“
Ich fiel ihm um den Hals vor Freude.
Lange noch sprachen wir. Ich hielt ihm alle die unerbittlichen Gründe vor, die ihn zwangen, Nastenjka zu heiraten, und die er übrigens selbst noch viel besser begriff als ich. Aber ich kam nun einmal ins Reden. Ich freute mich unsäglich für ihn. Jetzt zwang ihn die Pflicht, anderenfalls hätte er sich wohl nie entschlossen. Vor der Pflicht aber, und noch dazu einer Ehrenpflicht, war er machtlos.
Doch ungeachtet alles dessen wußte ich entschieden nicht, wie das Vorhaben ausgeführt werden sollte. Ich wußte und glaubte ohne den geringsten Zweifel, daß mein Onkel um keinen Preis von dem ablassen werde, was er einmal als seine Pflicht erkannt hatte. Aber im Grunde fürchtete ich doch, daß er nicht rücksichtslos genug sein könne, um sich gegen die Herrscher in seinem Hause aufzulehnen. Nur deshalb bemühte ich mich so hartnäckig, ihn anzutreiben und in dieser Richtung vorwärtszustoßen: und so legte ich mich denn mit dem ganzen Eifer der Jugend ins Zeug.
„... Um so mehr, um so mehr müssen Sie es,“ wiederholte ich, „als jetzt bereits alles beschlossen ist und Ihre letzten Zweifel aufgehoben sind! Es ist etwas geschehen, was _Sie_ nicht erwartet haben, obgleich es alle seit langer Zeit wissen: Nastassja Jewgrafowna liebt Sie! Wollen Sie es denn wirklich zulassen!“ rief ich heftig aus, „daß diese reine Liebe sich für sie in Schmach und Schande verwandle?“
„Niemals will ich das! Aber, Freund, ist es denn überhaupt möglich, daß ich so glücklich werden könnte? Und wie kann sie mich nur lieben, und wofür eigentlich? wofür? Ich glaube, es ist doch so gar nichts an mir ... Ich bin ein Greis im Vergleich zu ihr. Nein, das hätte ich nie erwartet! Liebling, mein Liebling! ... Höre, Sserjosha, vorhin fragtest du mich, ob ich nicht in sie verliebt sei: hattest du irgendeine ... Idee vielleicht?“
„Ich sah nur, Onkel, daß Sie sie so liebten, wie man noch mehr einen Menschen überhaupt nicht lieben kann; und daß Sie sie liebten, ohne es selbst zu wissen. Denken Sie doch einmal nach: Sie rufen mich aus Petersburg her und wollen mich mit ihr verheiraten, einzig damit sie Ihre Nichte werde und Sie, Onkel, uns dann ewig bei sich haben können ...“
„Und du ... du verzeihst mir, Ssergei?“
„Ach, Onkel ...“
Er preßte mich an sein Herz.
„Aber jetzt seien Sie auf der Hut; denn es haben sich ja dort alle gegen Sie verschworen. Sie müssen sich erheben und gegen alle kämpfen, und zwar gleich morgen!“
„Ja ... ja, morgen!“ wiederholte er etwas nachdenklich, „und weißt du, wir wollen die Sache männlich und vollkommen überzeugt von unserem Recht anfassen, mit wirklicher Charakterstärke ... ja eben mit Charakterstärke!“
„Lassen Sie den Mut nicht sinken, Onkel!“
„Nein, ich werde den Mut nicht sinken lassen, Ssergei! Nur eines: ich weiß nicht, welch einen Schlachtplan ich wählen soll!“
„Denken Sie jetzt nicht daran, Onkel. Morgen wird alles seine Lösung finden. Für heute beruhigen Sie sich. Je mehr man jetzt grübelt, um so schlimmer ist es. Und falls Foma den Mund auftut – dann entweder: ihn unverzüglich vor die Tür setzen, oder: ihn zu Staub zermalmen!“
„Geht es denn nicht auch ohne das? Freund, ich habe so beschlossen: morgen gehe ich in aller Frühe zu ihm und erzähle ihm den ganzen Sachverhalt, so wie ich ihn dir erzählt habe. Er kann mich doch unmöglich nicht verstehen wollen! Er ist doch ein edler Mensch, der edelste von allen! Aber sieh, was mich beunruhigt: was dann, wenn er meine Mutter und Tatjana Iwanowna heute schon von der bevorstehenden Werbung benachrichtigt hat? Das wäre doch furchtbar?“
„Tatjana Iwanownas wegen brauchen Sie sich nicht zu beunruhigen, Onkel.“ Und ich erzählte ihm meine Begegnung mit Obnoskin vor der Laube. Mein Onkel war maßlos erstaunt. Misintschikoff erwähnte ich mit keinem Wort.