Sämtliche Werke 16

Part 20

Chapter 203,766 wordsPublic domain

Es war über neun, als wir in Mischino anlangten. Das Gut lag drei Werst abseits von der großen Landstraße. Es war dort nur ein kleines Gutshaus mit ein paar ärmlichen Nebengebäuden, die alle gleichsam in einer Grube lagen. Sechs oder sieben Bauernhütten, die schief und verräuchert, nur spärlich mit schwarz gewordenem Stroh bedeckt am Wege standen, machten einen traurigen Eindruck auf den Vorüberfahrenden. Kein Garten, kein Strauch war rings im Umkreise von einer Viertelwerst zu sehen. Nur ein alter Weidenbaum stand einsam an einem grünen Tümpel, der „Teich“ genannt wurde. Ein solcher Ort konnte auf Tatjana Iwanowna unmöglich einen freundlichen Eindruck machen. Das Wohngebäude des Besitzers war ein langgestreckter, schmaler Neubau mit sechs Fenstern in einer Reihe und einem vorderhand nur mit Stroh gedeckten Dach. Der Besitzer – ein ehemaliger Beamter – hatte das Gut erst kürzlich übernommen. Selbst der Hof war noch nicht einmal mit einem Zaun umgeben: nur an einer Seite war ein Stück von einem neuen Flechtzaun zu sehen, von dem die trockenen Nußbaumblätter noch nicht abgefallen waren. Dort am Zaun stand auch Obnoskins offener Wagen. Aus einem geöffneten Fenster hörten wir Geschrei und Weinen.

Im Flur trafen wir nur einen barfüßigen Knaben an, der Hals über Kopf davonlief. Im ersten Zimmer, das wir betraten, saß auf einem langen, kattunüberzogenen „türkischen“ Diwan ohne Lehne – Tatjana Iwanowna, die ganz verweint war. Als sie uns erblickte, schrie sie auf und verbarg das Gesicht in den Händen. Neben ihr stand Obnoskin – mitleiderregend verwirrt und erschrocken. Er verlor dermaßen den Kopf, daß er uns entgegenstürzte, um uns die Hände zu drücken, ganz als hätte ihn unsere Ankunft unsäglich gefreut. Durch die halboffene Tür sah man den Zipfel eines Frauenkleides: jemand schien dort durch einen Spalt zu lauern und zu lauschen. Weder war der Hausherr noch war die Hausfrau zu sehen: sie schienen überhaupt nicht im Hause zu sein – oder sie hatten sich irgendwo versteckt.

„Da ist sie ja, unsere Ausflüglerin! Will sich jetzt noch hinter den Händen verstecken!“ rief Herr Bachtschejeff aus, der hinter uns als letzter in das Zimmer gerollt kam.

„Mäßigen Sie Ihr Entzücken, Stepan Alexejewitsch! Das ist hier durchaus nicht angebracht. Das Recht zu sprechen hat jetzt nur Jegor Iljitsch, wir aber sind hier vollkommen Nebenpersonen!“ bemerkte Misintschikoff scharf.

Mein Onkel, der dem Dicken nur einen strengen Blick zugeworfen hatte, ging, ohne Obnoskin und seine ausgestreckten Hände auch nur zu beachten, auf Tatjana Iwanowna zu, die ihr Gesicht immer noch verbarg, und sagte mit ungeheuchelter Teilnahme in seiner sympathischen Stimme:

„Tatjana Iwanowna, wir alle lieben und achten Sie so, daß wir selbst hergekommen sind, um Ihre Absichten zu erfahren. Wollen Sie nicht mit uns nach Stepantschikowo zurückkehren? Heute ist doch Iljuschas Namenstag. Meine Mutter erwartet Sie ungeduldig, und Ssaschenjka und Nastenjka werden sicherlich den ganzen Morgen vor Sehnsucht nach Ihnen geweint haben ...“

Tatjana Iwanowna erhob schüchtern den Kopf, sah, ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen, vorsichtig durch die Finger zu ihm auf, und plötzlich warf sie sich aufschluchzend an seinen Hals.

„Ach, bringen Sie mich, bringen Sie mich schnell von hier fort!“ flehte sie unter Tränen, „schnell, schnell, so schnell wie möglich!“

„Hat das Durchbrennen schon satt!“ tuschelte mir Bachtschejeff mit einem gleichzeitigen Rippenstoß zu.

„Dann wäre also die Angelegenheit erledigt,“ sagte mein Onkel trocken, sich an Obnoskin wendend; doch vermied er es, ihn anzusehen. „Tatjana Iwanowna, Ihren Arm, wenn ich bitten darf. Fahren wir!“

Im Nebenzimmer hinter der Tür hörte man Kleiderrascheln. Die Tür kreischte ein wenig und der Spalt wurde größer.

„Einstweilen aber ... wenn man von einem anderen Standpunkt aus urteilt ...“ bemerkte Obnoskin mit unruhigem Blick nach der offenen Tür, „so müßten Sie sich doch selbst sagen, Jegor Iljitsch ... Ihre Handlungsweise in meinem Hause ... und schließlich – ich begrüße Sie, und Sie erwidern nicht einmal meinen Gruß, Jegor Iljitsch ...“

„Ihre Handlungsweise in _meinem_ Hause, mein Herr, war ehrlos,“ sagte mein Onkel und sah Obnoskin mit strengem Blick offen an, „– und das hier ist nicht Ihr Haus. Sie haben es soeben selbst gehört: Tatjana Iwanowna will keinen Augenblick mehr hier verweilen. Was wollen Sie denn noch? Kein Wort – hören Sie, kein Wort mehr, ich bitte Sie darum! Ich würde gern weitere Erklärungen vermeiden, und das – wäre wohl auch vorteilhafter für Sie.“

Obnoskin verlor so sehr den Kopf, daß er den größten Unsinn zusammenschwatzte.

„Verachten Sie mich nicht, Jegor Iljitsch,“ begann er halblaut, vor Beschämung, wie es schien, den Tränen nahe, wobei er sich fortwährend nach der Tür umsah – wahrscheinlich in der Furcht, daß man ihn dort hören könnte. „Ich habe ja eigentlich nichts getan, das war doch nur Mama ... Ich habe es nicht in meinem Interesse getan, Jegor Iljitsch ... ich habe es nur so getan ... natürlich habe ich es zum Teil auch in meinem Interesse getan, Jegor Iljitsch ... aber ich habe es mit einem edlen Ziel vor Augen getan, Jegor Iljitsch ... Ich hätte das Kapital nutzbringend angewandt ... ich hätte den Armen geholfen. Ich wollte ferner zum Fortschritt der gegenwärtigen Aufklärung etwas beitragen ... ich beabsichtigte sogar, ein Stipendium an der Universität zu stiften ... Sehen Sie, in welcher Weise und zu welchen Zwecken ich meinen Reichtum angewandt hätte, Jegor Iljitsch ... und nicht, daß ich sonst etwas, Jegor Iljitsch ...“

Wir alle schämten uns mit einem Male ganz entsetzlich. Misintschikoff wurde rot und wandte sich ab, mein Onkel aber wurde so verlegen, daß er nicht wußte, was er sagen sollte.

„Schon gut, schon gut!“ sagte er endlich. „Beruhigen Sie sich nur, Pawel Ssemjonytsch. Was soll man hier viel sagen ... Es kann jedem passieren ... Wenn Sie wollen, besuchen Sie uns ... ich aber freue mich ... es freut mich, daß ...“

Doch nicht ganz so zartfühlend verfuhr Herr Bachtschejeff.

„Stipendium stiften!“ schrie er plötzlich jähzornig. „Der ist mir der Rechte zum Stiften! Du würdest gern selbst einem jeden das Letzte abrupfen! ... Hat sich im Leben noch kein Paar Hosen verdient, kräht aber schon wie die anderen von Stipendienstiften! So ein Lumpenkerl! Und hat jetzt noch ein zärtliches Herz besiegt! Aber wo ist denn die Hauptperson, die verehrte Frau Mutter? Oder hat sie sich versteckt? Ich will nicht Bachtschejeff heißen, wenn sie nicht dort irgendwo sitzt, sich hinter einem Bettschirm verborgen hält oder vor Schreck sich unters Bett verkrochen hat ...“

„Stepan, Stepan!“ unterbrach ihn mein Onkel geärgert.

Obnoskin wurde feuerrot und schien protestieren zu wollen. Doch noch bevor er den Mund aufmachen konnte, wurde die Tür schon aufgerissen, und Anfissa Petrowna Obnoskina stürzte mit blitzenden Augen empört und zornbebend ins Zimmer.

„Was soll das bedeuten?“ kreischte sie laut. „Was geht hier vor? Sie, Jegor Iljitsch, dringen mit einer ganzen Kohorte in ein ehrenwertes Haus, erschrecken Damen, treffen eigenmächtig Anordnungen! ... Das ist doch unerhört! Ich bin zum Glück noch meiner Sinne mächtig, Jegor Iljitsch! ... Du Tölpel!“ fuhr sie in ihrem Redeschwall fort, sich auf ihren Sohn stürzend, „du scheinst ja hier vor ihnen noch weinen zu wollen! Deiner Mutter wird in ihrem Hause eine Beleidigung zugefügt, und du stehst da und schweigst! Was bist du? ein ehrenwerter junger Mann und Sohn? Ein Lappen bist du, aber kein Mann!“

Vergessen waren alle Ziererei und die ganze lächerliche Koketterie, die mir am Tage zuvor an ihr aufgefallen waren – auch keine Spur war mehr davon sichtbar: man sah nur noch eine Furie vor sich, eine Furie, der man die Maske vom Gesicht gerissen hatte.

Kaum hatte sie ihren ersten Redeschwall beendet, als mein Onkel auch schon Tatjana Iwanowna seinen Arm bot und sie zur Tür hinausgeleiten wollte. Anfissa Petrowna jedoch versperrte ihm sogleich den Weg.

„Sie werden so nicht fortgehen, Jegor Iljitsch!“ begann sie von neuem ihr Geschrei. „Mit welchem Recht wollen Sie Tatjana Iwanowna gewaltsam entführen? Es macht Ihnen einen Strich durch die Rechnung, daß der Goldfisch den erbärmlichen Netzen entschlüpft ist, mit denen Sie sie in Gemeinschaft mit Ihrer Mutter und dem Esel Foma Fomitsch einzufangen gedachten! Sie würden sie gern selbst aus niedriger Geldgier heiraten. Verzeihen Sie, aber hier ist man edler gesinnt! Da Tatjana Iwanowna sah, was man dort gegen sie plante, vertraute sie sich meinem Sohn Pawluscha an. Sie hat ihn selbst gebeten, sie vor Ihnen zu retten und sie zu beschützen: Sie war gezwungen, in der Nacht aus Stepantschikowo zu fliehen – sehen Sie, so verhält sich die Sache! So weit haben Sie sie gebracht! Nicht wahr, so ist es doch, Tatjana Iwanowna? Wenn es sich aber so verhält, wie können Sie es dann wagen, mit einer solchen Bande, wie dieser, in ein angesehenes Haus einzudringen und mit Gewalt ein ehrenwertes Mädchen zu entführen, trotz der Tränen desselben? Das erlaube ich nicht! Das erlaube ich nicht! Ich bin ein vernünftiger Mensch, kein verrückter! ... Tatjana Iwanowna wird hierbleiben; denn das ist ihr Wunsch und ihr Wille! Gehen wir, Tatjana Iwanowna, es lohnt sich nicht, diese Menschen anzuhören: das sind unsere Feinde und nicht unsere Freunde! Ich werde sie schon hinausbringen, die – ...“

„Nein, nein!“ rief Tatjana Iwanowna erschrocken aus, „ich will nicht, ich will nicht! Was ist er für ein Mann? Ich will Ihren Sohn nicht heiraten! Was ist er denn für ein Mann?“

„Sie wollen nicht!“ schrie Anfissa Petrowna wutschnaubend, „Sie wollen nicht? Erst sind Sie hergekommen und jetzt wollen Sie nicht? Wie haben Sie uns denn so betrügen können? Wie haben Sie ihm dann Ihre Zusage geben können? Sie sind in der Nacht mit ihm entflohen, haben sich ihm selbst an den Hals geworfen, haben uns in Ausgaben gestürzt! Mein Sohn hat Ihretwegen vielleicht eine gute Partie verloren, die er hätte machen können ... Er hat vielleicht zehntausend Rubel Mitgift verloren durch Sie! ... Nein! Sie werden es bezahlen, Sie müssen es bezahlen! Wir haben Beweise in der Hand ... Sie sind in der Nacht mit ihm entflohen ...“

Doch wir hatten genug von ihrem Geschrei: wie auf Kommando scharten wir uns alle dicht um meinen Onkel und drängten zur Tür hinaus, rücksichtslos auf Anfissa Petrowna zu, die uns den Weg versperren wollte, und gelangten auch glücklich ins Freie. Unser Wagen fuhr vor.

„So etwas tun nur Schufte, nur Schurken!“ schrie uns in rasender Wut Anfissa Petrowna von der Treppe noch nach.

„Ich werde die Rechnung schicken! Sie werden sie bezahlen! Sie fahren in ein ehrloses Haus, Tatjana Iwanowna! Sie können Jegor Iljitsch nicht heiraten, er hält sich ja vor Ihrer Nase seine Gouvernante als Mätresse im Hause! ...“

Mein Onkel fuhr zusammen, erbebte, erbleichte, biß sich auf die Lippe und half eifrig Tatjana Iwanowna beim Einsteigen. Ich ging um den Wagen herum und wartete, bis an mich die Reihe kam, einzusteigen, als plötzlich Obnoskin neben mir stand und meine Hand erfaßte.

„Wenigstens müssen Sie mir erlauben, Sie um Ihre Freundschaft zu bitten!“ flüsterte er mir mit einem ganz verzweifelten Ausdruck zu und drückte krampfhaft meine Hand.

„Wie das – Freundschaft?“ fragte ich verwundert und setzte schnell den Fuß auf das Trittbrett.

„Ja! Ich habe gestern in Ihnen einen überaus gebildeten Menschen erkannt. Verurteilen Sie mich nicht ... Mich hat eigentlich nur meine Mutter verleitet, ich aber bin in dieser Angelegenheit ganz ^à part^. Ich neige mehr zur Literatur – versichere Sie! Dies hier aber hat alles nur meine Mutter ...“

„Ich glaube es, glaube es,“ sagte ich, „leben Sie wohl!“

Wir setzten uns und fuhren fort. Das Geschrei und die Verwünschungen Anfissa Petrownas schallten uns noch lange nach. Und nun tauchten auch in allen Fenstern des Hauses unbekannte Gesichter auf, die uns mit unbeschreiblicher Neugier nachstarrten.

Wir saßen jetzt zu fünfen im Wagen. Misintschikoff hatte sich neben den Kutscher gesetzt und seinen Platz auf dem Rücksitz Herrn Bachtschejeff abgetreten, der nun Tatjana Iwanowna gegenübersaß. Tatjana Iwanowna war sehr zufrieden damit, daß wir sie wieder zurückbrachten, weinte aber immer noch. Mein Onkel tröstete sie, so gut er es konnte. Er selbst war dabei niedergedrückt und nachdenklich: man sah es ihm an, daß die schändlichen Worte über Nastenjka, die Anfissa Petrowna in ihrer Wut uns nachgeschrien hatte, schmerzlich in seinem Herzen widerhallten. Übrigens – unsere Rückfahrt wäre ohne jeden Zwischenfall sehr glücklich verlaufen, wenn Herr Bachtschejeff nicht mit uns gewesen wäre.

Kaum hatte er Tatjana Iwanowna gegenüber Platz genommen, als er plötzlich ein ganz anderer wurde: er konnte nicht mehr gleichmütig dreinblicken und noch weniger ruhig auf seinem Platz sitzen, er drehte sich vielmehr hin und her, wurde rot wie ein gekochter Krebs und rollte beängstigend die Augen. Namentlich als mein Onkel Tatjana Iwanowna zu trösten suchte, schien der Dicke förmlich aus der Haut fahren zu wollen und brummte und knurrte wie eine aufs äußerste gereizte Bulldogge, die man zum Überfluß noch neckt. Mein Onkel blickte ihn mehrmals etwas ängstlich an und schien einige Befürchtungen zu hegen. Schließlich fiel auch Tatjana Iwanowna die eigentümliche Gemütsstimmung ihres Gegenübers auf, und sie begann ihn aufmerksam zu betrachten. Dann blickte sie uns an, lächelte, und plötzlich nahm sie ihren kleinen Sonnenschirm und schlug mit einer graziösen Bewegung Herrn Bachtschejeff leicht auf die Schulter.

„Sie Tor!“ sagte sie mit der bezauberndsten Koketterie und verbarg ihr Gesicht hinter ihrem Fächer.

Das war der Tropfen, der den Becher überlaufen machte.

„Wa–a–as!“ brüllte der Dicke, „wa–as sagten Sie, Madame? Also jetzt hast du’s schon auf mich abgesehen!“

„Sie Tor! Sie Tor!“ rief Tatjana Iwanowna und brach in heiteres Lachen aus, wozu sie in die Hände klatschte.

„Halt an!“ schrie Bachtschejeff dem Kutscher zu, „halt an!“

Die Pferde blieben stehen. Bachtschejeff öffnete den Wagenschlag und machte sich eilig daran, auszusteigen.

„Was fällt dir ein, Stepan? Wohin willst du?“ fragte mein Onkel verwundert und erschrocken.

„Nein, das ist mir zu stark!“ antwortete der Dicke zitternd vor Unwillen, „mag die ganze Welt verderben! Ich bin zu alt, Madame, um mich noch auf Amouren einlassen zu können. Ich, meine Beste, ich sterbe lieber allein! Adieu, Madame, kommang wu porteh-wu!“

Und er begann in der Tat zu Fuß zu marschieren. Der Wagen fuhr im Schritt hinter ihm her.

„Stepan!“ rief ihm mein Onkel ärgerlich zu, da er endlich die Geduld verlor. „Mach doch keine Dummheiten, steig ein! Es ist doch die höchste Zeit, nach Haus zu kommen!“

„Fällt mir ein!“ rief Herr Bachtschejeff zwar empört, aber es klang doch schon etwas atemlos vom Gehen; denn infolge seiner Dicke hatte er das Gehen fast ganz verlernt.

„Fahr zu, so schnell die Pferde können!“ befahl plötzlich Misintschikoff ganz unerwartet dem Kutscher.

„Was tust du, was tust du?“ rief zwar mein Onkel gerade noch erschrocken aus, aber der Wagen flog schon dahin. Misintschikoff hatte sich nicht getäuscht: die gewünschten Folgen ließen nicht lange auf sich warten.

„Halt an! Halt an!“ ertönte alsbald hinter uns ein verzweifeltes Gegröl, „halt an, du Räuber! Halt an, du Seelenverführer, der du bist! ...“

Der Dicke kam schließlich müde und halberstickt, mit Schweißtropfen auf der Stirn, mit aufgebundener Krawatte und in Hemdsärmeln wieder bei uns an. Stumm und finster kletterte er mühsam in den Wagen, doch diesmal mußte ich ihm meinen Platz abtreten. So brauchte er wenigstens nicht Tatjana Iwanowna gegenüberzusitzen, die unaufhörlich lachte, vor Vergnügen in die Hände schlug und während der ganzen Fahrt nicht mehr gleichmütig den Dicken ansehen konnte. Er aber sprach bis zur Ankunft kein einziges Wort und schien sich die ganze Zeit grundsätzlich nur noch dafür zu interessieren, wie sich das eine Hinterrad das Wagens drehte.

Die Sonne stand im Zenith, als wir in Stepantschikowo ankamen. Ich begab mich sogleich in das Sommerhaus, wohin mir der alte Gawrila mit dem Tee folgte. Als ich mich, kaum dort angelangt, zu ihm wandte, um ihn einiges zu fragen, trat mein Onkel ein und schickte ihn fort.

XIV.

Neuigkeiten.

„Mein Freund, ich bin nur auf einen Augenblick zu dir gekommen,“ sagte er eilig. „Ich wollte dir nur mitteilen ... Ich habe mich nach allem erkundigt. Es ist niemand von ihnen zum Gottesdienst gefahren, außer Iljuschka, Ssaschenjka und Nastenjka. Meine Mutter soll in Krämpfen gelegen haben. Man hat sie nur mit Mühe wieder zu sich gebracht. Jetzt hat man beschlossen, daß alle sich bei Foma versammeln sollen, und auch mich hat man hingebeten. Nur weiß ich nicht, ob ich Foma zum Geburtstag gratulieren soll oder nicht – das ist die Frage! Und dann – wie werden sie überhaupt diesen ganzen Zwischenfall auffassen? Entsetzlich, Ssergei, wenn ich daran denke, was ich jetzt alles kommen sehe ...“

„Im Gegenteil, Onkel,“ beeilte ich mich, ihn zu beruhigen, „es wird jetzt alles vorzüglich werden. Jetzt können Sie doch unmöglich Tatjana Iwanowna heiraten – bedenken Sie doch nur, was das allein wert ist! Ich wollte Ihnen das schon unterwegs sagen ...“

„Ich weiß, ich weiß, Freund. Aber das ist es ja nicht! Das ist natürlich ein Fingerzeig Gottes, wie du sagst, aber nicht davon wollte ich sprechen ... Die arme Tatjana Iwanowna! Was sie für Anfälle hat! ... Ein Schuft, ein Schuft ist dieser Obnoskin! Doch – was sage ich ‚Schuft‘! Hätte ich nicht dasselbe getan, wenn ich sie geheiratet hätte? ... Aber ich wollte doch nicht davon reden ... Hast du gehört, was vorhin diese schändliche Anfissa von Nastjä uns nachrief?“ fragte er leise.

„Ich habe es gehört, Onkel. Sehen Sie jetzt ein, daß Sie sich beeilen müssen?“

„Unbedingt! Und was es auch koste, um jeden Preis!“ antwortete mein Onkel. „Der Augenblick ist gekommen. Nur haben wir beide, Freund, gestern an eines nicht gedacht; später aber habe ich mir die ganze Nacht den Kopf darüber zerbrochen: wird sie mich denn auch nehmen – sieh, das ist die Frage!“

„Aber hören Sie ...! Wenn sie Ihnen doch selbst gesagt hat, daß sie Sie liebt ...“

„Aber, mein Freund, sie hat doch gleich darauf hinzugefügt, daß sie mich niemals heiraten werde!“

„Ach, Onkel! Das wird doch nur so gesagt worden sein, und zudem liegen ja auch die Verhältnisse heute ganz anders.“

„Glaubst du? Nein, Freund Ssergei, das ist eine delikate Sache, hier muß man unendlich zartfühlend sein! Hm! ... Aber weißt du, ich war ja wohl traurig darüber, aber im Herzen verspürte ich doch die ganze Nacht so etwas wie – ein großes Glück ... Nun, leb wohl, ich eile. Sie erwarten mich, ich komme sowieso zu spät. Ich wollte überhaupt nur einen Augenblick bei dir vorsprechen, bloß um zwei Worte mit dir zu wechseln. Ach, mein Gott!“ rief er plötzlich aus und kehrte von der Tür zurück, „und die Hauptsache habe ich doch noch vergessen! Weißt du: ich habe ihm ja doch geschrieben, dem Foma!“

„Wann?“

„In der Nacht. Am Morgen aber, als es kaum dämmerte, schickte ich ihm den Brief durch Widopljässoff zu. Ich habe, weißt du, ihm alles klargelegt, zwei ganze Briefbogen lang, habe ihm alles wahrheitsgetreu und aufrichtig geschrieben – kurz, daß es, wie gesagt, meine Pflicht ist, das heißt, unbedingt meine Pflicht – du verstehst doch? – um Nastenjkas Hand in aller Form anzuhalten. Ich habe ihn gebeten, von unserer Begegnung im Garten nichts verlauten zu lassen, und ich habe mich an den ganzen Edelmut seiner Seele gewandt, mit der Bitte, mir bei meiner Mutter zu helfen. Ich habe mich natürlich – ich weiß es, mein Freund – schlecht ausgedrückt, aber ich habe jedes Wort von ganzem Herzen geschrieben, mit Tränen geschrieben, kann ich wohl sagen ...“

„Und? Er hat nichts geantwortet?“

„Vorläufig noch nicht. Nur am Morgen, als wir zur Fahrt aufbrachen, begegnete ich ihm im Flur – er war noch im Nachtkostüm, in Pantoffeln und Zipfelmütze – er schläft immer mit einer Zipfelmütze – er ging gerade irgendwohin. Er sagte kein Wort, sah mich nicht einmal an. Ich sah ihm, weißt du, ins Gesicht, aber das verriet nichts!“

„Onkel, hoffen Sie nicht auf ihn: er wird Ihnen noch was Schönes einbrocken!“

„Nein, nein, Freund, sprich nicht so!“ unterbrach mich mein Onkel eilig, „ich bin überzeugt! Und dann – es ist dies ja auch meine letzte Hoffnung. Er wird einsehen, er wird es verstehen ... Er ist launisch, eigensinnig – ich gebe es zu. Wenn es sich aber um etwas Großes handelt, um, sozusagen, um höheren Edelmut, dann steht Foma in seinem vollen Glanze da – ja, in seinem vollen Glanze ... Das sagst du nur deshalb, Ssergei, weil du ihn noch nicht in einem solchen Augenblick gesehen hast ... Aber, Herrgott! Wenn er ... wenn er wirklich das Geheimnis nicht als solches wahrt, so ... ich weiß nicht, Ssergei, was dann geschehen wird! An was in der Welt kann man dann noch glauben? Doch nein, er kann nicht so schlecht sein. Ich bin ja nicht einmal seinen kleinen Finger wert! Du brauchst nicht den Kopf zu schütteln, Freund: es ist wahr – ich bin ihn nicht wert.“

„Jegor Iljitsch! Ihre Exzellenz beunruhigen sich um Sie!“ ertönte da plötzlich die Stimme der Perepelizyna unter dem offenen Fenster. Wahrscheinlich hatte die alte Jungfer unser ganzes Gespräch belauscht. „Sie werden im ganzen Hause gesucht, und niemand kann Sie finden.“

„Herrgott, ich habe mich verspätet!“ rief mein Onkel entsetzt aus. „Freund, um Christi willen, zieh dich schnell an und komm hin! Ich bin ja eigentlich auch nur deshalb hergekommen, um dich abzuholen ... Ich komme, Anna Nilowna, ich komme ...“

Ich blieb allein zurück. Ich dachte an meine Begegnung mit Nastenjka und war froh darüber, daß ich meinem Onkel nichts davon gesagt hatte: ich hätte ihn nur noch unentschlossener gemacht. Ich sah voraus, daß ein großer Sturm bevorstand, und konnte eigentlich nicht begreifen, wie mein Onkel die Sache zu Ende bringen und um Nastenjkas Hand anhalten würde. Ich wiederhole und gestehe es: trotz meines ganzen Glaubens an seine Ritterlichkeit, zweifelte ich doch unwillkürlich am Erfolge.

Einstweilen hieß es jedoch: sich schnellstens ankleiden! Ich hielt es für meine Pflicht, ihm zu helfen, und beeilte mich mit dem Umziehen. Aber wie sehr ich mich auch beeilte, es dauerte doch länger – wie es gewöhnlich geschieht, wenn man sich etwas sorgfältiger ankleiden und dabei beeilen will. Und während ich mich noch ankleidete, trat Misintschikoff ein.

„Ich bin gekommen, um Sie abzuholen,“ sagte er. „Jegor Iljitsch läßt Sie bitten, schnell zu kommen.“

„Gehen wir!“

Ich war jetzt fertig. Wir gingen.

„Was gibt es Neues?“ fragte ich ihn unterwegs.

„Alle sind bei Foma versammelt,“ antwortete Misintschikoff, „Foma ist diesmal nicht launenhaft, scheint nachdenklich zu sein und spricht wenig, knurrt nur durch die Zähne. Er hat sogar Iljuscha geküßt, was Jegor Iljitsch selbstredend in wahre Begeisterung versetzte. Er hat kurz vorher durch die Perepelizyna der Generalin sagen lassen, daß man ihn nicht zum Namensfest beglückwünschen solle, er habe ‚nur prüfen wollen‘ ... Die Alte riecht zwar den Braten, hat sich aber beruhigt; denn auch Foma ist ruhig. Von der Flucht wird mit keiner Silbe gesprochen – als wäre überhaupt nichts vorgefallen. Man schweigt; denn auch Foma geruht zu schweigen. Er hat den ganzen Morgen keinen Menschen zu sich gelassen, die Alte aber hat ihn bei allen Heiligen angefleht, zu einer Beratung zu ihr zu kommen. Sie hat sogar selbst und eigenhändig an seiner Tür gerüttelt. Er aber hatte sich eingeschlossen und soll gesagt haben, er bete ‚für die Menschheit‘ – oder Ähnliches. Er scheint irgend etwas im Schilde zu führen: das sieht man seinem Gesicht sofort an. Da aber Jegor Iljitsch nicht fähig ist, aus einem Gesicht etwas zu erraten, so ist er jetzt durch Fomas Frömmigkeit, wie gesagt, völlig bezaubert: ein richtiges Kind! Iljuscha hat ein Gedicht gelernt, das er jetzt vortragen soll. Deshalb hat man mich auch nach Ihnen geschickt.“

„Und Tatjana Iwanowna?“

„Was?“

„Wo ist sie? Dort bei den anderen?“