Part 12
„Ich wundere mich, Pawel Ssemjonytsch,“ fuhr er fort, „ich wundere mich nur über eines: was tun denn eigentlich unsere zeitgenössischen Literaten, die Dichter, die Gelehrten, die Denker? Wie kommt es, daß sie gar nicht darüber nachdenken, welche Lieder das russische Volk singt, und zu welchen Liedern das russische Volk tanzt? Was haben denn bis jetzt alle unsere Puschkin, Lermontoff, Borosdin getan? Ich wundere mich. Das Volk tanzt die Kamarinskaja, diese Apotheose der Trunkenheit und der Ausschweifung; sie aber besingen da irgendwelche Vergißmeinnicht! Warum schreiben sie nicht einige sittliche Lieder für den Volksgebrauch? Was nützen diese Gedichte an die Vergißmeinnicht und Gänseblümchen? Hier handelt es sich doch um eine soziale Frage! Mögen sie mir meinetwegen einen Bauern schildern, aber einen veredelten Bauern, einen Landmann, der eigentlich nichts mehr mit dem rohen Bauern gemein hat. Mögen sie doch einen solchen Dorfweisen womöglich in seiner ganzen Einfachheit uns zeigen, meinetwegen sogar in Bastschuhen – ich bin auch damit noch einverstanden –, aber es muß ein Mann sein, der alle Tugenden besitzt, Tugenden, um die ihn – das sage ich kühn – selbst irgend so ein berühmter Alexander von Mazedonien beneiden müßte. Ich kenne Rußland und Rußland kennt mich: darum rede ich so. Mögen sie uns diesen Mann darstellen, der, sagen wir, bei grauem Haar noch eine große Familie zu ernähren hat, meinetwegen sogar in einer stickigen Hütte lebt, vielleicht sogar hungern muß, der aber dennoch zufrieden ist und nicht murrt, sondern seine Armut preist, und den alles Gold des Reichen gleichgültig läßt. Mag ihm der Reiche schließlich gerührt sein ganzes Gold bringen ... bei dieser Gelegenheit kann sogar eine Vereinigung der Tugend des Bauern mit der Tugend des Reichen, seines Herrn und, sagen wir, geborenen Aristokraten sich vollziehen. Der Landmann und der Reiche, die auf den Stufen der Gesellschaft so weit voneinander getrennt sind, – mögen sie dann in der Tugend sich vereinigen, – das wäre ein edler Grundgedanke! Aber sonst – was haben wir jetzt in unserer Literatur? Einerseits Vergißmeinnicht und andererseits – einen Bauern, der aus der Schenke herausstürzt und in betrunkenem Zustande durch die Straßen läuft! Nun, was ist denn hier, sagen Sie doch selbst: Was ist denn hier Poetisches? Woran soll man sich erbauen? Wo ist hier Verstand? Wo Grazie? Wo Moral? ... Ich wundere mich!“
„Hundert Rubel schulde ich Ihnen, Foma Fomitsch, für solche Worte!“ sagte Jeshowikin anscheinend begeistert. – „Würde ihm keinen grindigen Deubel jemals geben!“ rannte er mir dabei leise zu, fast ohne die Lippen zu bewegen. „Schmeichle, schmeichle!“
„Nun ja ... das haben Sie gut gesagt,“ brummte Obnoskin.
„Eben, eben! Vortrefflich!“ rief mein Onkel aus, der die ganze Zeit mit angestrengter Aufmerksamkeit zugehört hatte und mich jetzt triumphierend ansah. – „Was für ein Thema!“ flüsterte er mir unbemerkt ins Ohr und rieb sich vor Vergnügen die Hände. „Vielseitig, weiß der Teufel! – Foma Fomitsch, hier ist mein Neffe,“ fuhr er laut im Überschwang seiner Gefühle fort. „Er hat sich gleichfalls mit der Literatur beschäftigt – hier stelle ich ihn dir vor.“
Foma Fomitsch schenkte wiederum nicht die geringste Beachtung weder mir, noch meinem Onkel.
„Um Gottes willen, stellen Sie mich doch nicht nochmals vor! Ich bitte Sie darum!“ flüsterte ich in sehr bestimmtem Ton meinem Onkel zu.
„Iwan Iwanytsch!“ hub plötzlich Foma Fomitsch an, sich mit aufmerksam betrachtendem Blick an Misintschikoff wendend, „da haben wir nun gesprochen – welcher Meinung aber sind Sie?“
„Ich? Sie fragen mich?“ erkundigte sich verwundert Misintschikoff, mit einem Gesichtsausdruck, als hätte man ihn soeben erst aus dem Schlaf geweckt.
„Ja, gerade Sie. Ich frage Sie aus dem Grunde, weil mir die Meinung wirklich kluger Menschen immer wertvoll ist, nicht aber diejenige – weiß Gott was für welcher – problematischer kluger Köpfe, die nur deshalb klug sind, weil sie einem _beständig als klug vorgestellt werden_, als sogenannte _Gelehrte_, und die man sich mitunter sogar absichtlich verschreibt, um sie in einer Jahrmarktsbude auszustellen oder an einem ähnlichen Ort.“
Dieser Stein war natürlich in meinen Garten geworfen. Es konnte überhaupt kein Zweifel darüber bestehen, daß Foma Fomitsch, der mich scheinbar gar nicht beachtete, dieses ganze Gespräch über die Literatur einzig und allein meinetwegen begonnen hatte, um mich, den „Klugen“, den „Petersburger Gelehrten“, von vornherein zu besiegen, zu vernichten. Ich wenigstens zweifelte nicht daran.
„Wenn Sie meine Meinung wissen wollen, so ... bin ich ... so bin ich ganz Ihrer Meinung,“ antwortete Misintschikoff träge und gleichsam wider Willen.
„Sie sind stets ganz meiner Meinung! Es könnte einem sogar übel davon werden,“ bemerkte Foma. „Werde Ihnen ganz aufrichtig sagen, Pawel Ssemjonytsch,“ wandte er sich nach kurzem Schweigen wieder an Obnoskin, „wenn ich unseren unsterblichen Karamsin für etwas hochachte, so tue ich es nicht wegen seiner ‚Statthalterin Marfa‘, nicht wegen seiner ‚Russischen Geschichte‘, auch nicht wegen seines Werkes über das ‚Alte und neue Rußland‘, sondern einzig deshalb, weil er ‚Froll Ssilin‘ geschrieben hat: Das ist ein großes Epos! Es ist ein rein volkliches Werk und wird alle Ewigkeiten überleben! Ein großes Epos!“
„Eben, das ist es! Stimmt! Ein großes _Epos_! Froll Ssilin ist ein tugendhafter Mensch! Ich weiß, habe ihn gelesen; er kaufte _noch_ zwei Mädchen aus, und dann sah er zum Himmel empor und weinte. Ein erhabener Zug!“ bestätigte mein Onkel, strahlend vor Zufriedenheit.
Mein armer Onkel! Er konnte es doch auf keine Weise unterlassen, sich in „gelehrte“ Gespräche einzumischen! Foma lächelte boshaft, schwieg aber.
„Es wird auch jetzt Interessantes geschrieben,“ mischte sich vorsichtig Anfissa Petrowna Obnoskina ein. „Zum Beispiel: die ‚Geheimnisse von Brüssel‘!“
„Ich enthalte mich eines Urteils,“ sagte Foma, gleichsam mitleidig. „Ich habe vor nicht langer Zeit einen von den neueren Dichtern gelesen ... Was soll man sagen? ‚Vergißmeinnicht‘! Aber wenn ich Ihnen die Wahrheit sagen soll, so gefällt mir von den Modernsten am besten der ‚Kopist‘, – wie er sich unterzeichnet – eine leichte Feder!“
„Der Kopist!“ schrie förmlich Anfissa Petrowna auf, „das ist doch dieser, der an die Zeitung Briefe schreibt? Ach, wie ist er doch entzückend! Welch ein Spiel mit Worten!“
„Ganz recht, ein Spiel mit Worten. Er spielt, wie man sagt, mit der Feder. Eine ungewöhnliche Leichtigkeit im Satzbau!“
„Ja, aber er ist ein Pedant,“ bemerkte Obnoskin nachlässig.
„Pedant! gewiß ein Pedant – das bestreite ich nicht. Aber er ist ein sympathischer Pedant, ein graziöser Pedant! Natürlich, keine einzige seiner Ideen hält einer ernsten Kritik stand, aber man läßt sich unwillkürlich von seiner Leichtigkeit fortreißen! Schön, es sind leere Worte – ich will es gern zugeben; aber es sind sympathische, es sind graziöse Worte! Entsinnen Sie sich vielleicht, wie er in einem literarischen Artikel erklärte, daß er seine eigenen Güter habe?“
„Güter?“ griff sofort mein Onkel auf. „Das ist nicht übel. In welchem Gouvernement?“
Foma blieb stumm, richtete nur einen aufmerksamen Blick auf den Hausherrn und fuhr dann im selben Ton fort:
„Nun sagen Sie mir doch um der gesunden Vernunft willen: wozu brauche ich, der Leser, zu wissen, daß er Güter hat? Hat er sie – dann gratuliere ich! Aber wie lieblich, wie spaßhaft ist es beschrieben! Er sprüht von Geist, er wirft ihn verschwenderisch um sich! Er ist ein unerschöpflicher Quell von sprudelndem Geist! Ja, _so_ muß man schreiben! Ich glaube, daß ich gerade in dieser Art schreiben würde, wenn ich mich entschließen wollte, für Zeitschriften zu schreiben ...“
„Sicherlich sogar noch besser!“ bemerkte ehrerbietig Jeshowikin.
„Es ist sogar etwas Melodisches im Stil!“ bestätigte mein Onkel.
Nun aber hielt es Foma nicht mehr aus.
„Oberst,“ hub er an, „dürfte man Sie vielleicht bitten – natürlich mit aller nur möglichen Rücksicht – sich nicht einzumischen und uns in Ruhe unser Gespräch beenden zu lassen? Sie können über unsere Gespräche nicht urteilen, die Themata sind nicht für Sie geschaffen! So haben Sie doch die Güte, unsere angenehme literarische Unterhaltung nicht zu unterbrechen. Beschäftigen Sie sich mit Ihrer Landwirtschaft, trinken Sie Tee, aber ... kümmern Sie sich nicht um die Literatur ... sie wird dadurch nicht verlieren, dessen kann ich Sie versichern!“
Das war denn doch der Gipfel aller Frechheit! Ich wußte nicht, wie ich mich beherrschen sollte.
„Aber du hast doch selbst gesagt, Foma, daß sogar etwas Melodisches im Stil sei,“ versuchte sich mein Onkel, peinlich berührt, zu verteidigen.
„Gewiß. _Ich_ aber habe es mit Kenntnis der Sache gesagt, als es angebracht war – und Sie?“
„Jawohl, wir haben es mit Verständnis und Verstand gesagt,“ griff Jeshowikin auf, der Foma Fomitsch auffällig umschmeichelte. „Verstand haben wir nur so ein wenig, man muß ihn sich zuweilen leihen; denn zur Not reicht er noch zu zwei Ministerien, und wenn’s darauf ankommt, dann werden wir auch noch mit dem dritten fertig, – jawohl, so steht’s mit uns!“
„Nun, dann habe ich also wieder etwas Unrichtiges gesagt!“ sagte mein Onkel und lächelte sein gutmütiges Lächeln.
„Zum Glück sehen Sie es wenigstens ein,“ bemerkte Foma.
„Tut nichts, Foma, ich ärgere mich nicht. Ich weiß, daß du mich wie ein Freund lenken und leiten willst, wie ein Verwandter, ein Bruder ... Das habe ich dir selbst erlaubt, ich habe dich sogar darum gebeten ... Das ist ganz recht, ganz recht von dir. Du tust es ja nur zu meinem Besten! Also hab Dank, ich werde es mir merken.“
Meine Geduld war zu Ende. Alles, was ich von Foma Fomitsch gehört hatte, war mir übertrieben erschienen. Als ich nun aber selbst alles sah und hörte, fand meine Verwunderung keine Grenzen. Ich glaubte mir selbst nicht mehr; eine solche Frechheit, eine so unverschämte Anmaßung einerseits, und eine so freiwillige Knechtschaft und so arglose Gutmütigkeit andererseits begriff ich einfach nicht. Übrigens war mein Onkel durch diese Dreistigkeit doch auch verwirrt. Das sah man ihm an, obschon er es zu verbergen suchte. Ich brannte vor Begier, mit Foma irgendwie aneinander zu geraten, mit ihm einen Zweikampf auszufechten, ihm hageldicht die Wahrheit zu sagen – aber mit Überlegenheit und Temperament, so daß sie ihren Ohren nicht trauen sollten – und dann möge kommen, was da kommen wolle! Dieser Gedanke begeisterte mich. Ich wartete krampfhaft auf eine Gelegenheit, und in der Erwartung verbog ich gänzlich den Rand meines Hutes, den ich in der Hand behalten hatte. Die Gelegenheit aber bot sich nicht: Foma geruhte überhaupt nicht, mich zu bemerken.
„Es ist wahr, es ist wahr, was du sagst, Foma,“ fuhr mein Onkel fort, aus allen Kräften bemüht, das Unangenehme des vorhergegangenen Gespräches wenigstens durch irgend etwas ein wenig gutzumachen. „Du trittst damit für die Wahrheit ein, Foma. Ich danke dir. Zuerst muß man eine Sache kennen, und nur dann kann man urteilen. Ich bereue es. Aber ich bin ja schon mehr als einmal in eine solche Patsche geraten. Stell dir vor, Ssergei, ich habe einmal sogar examiniert. Ihr lacht! Nun ja! Bei Gott, ich habe faktisch examiniert! Das war so: man forderte mich einmal auf, in irgendeiner Lehranstalt einem Examen beizuwohnen, und man setzte mich zusammen mit den Examinatoren an den großen Tisch, nur so, als Ehrenbezeugung, es war dort ein überflüssiger Platz. Aber weißt du, ich sage dir, ich bekam ordentlich Angst, – nein wirklich: regelrechte Angst erfaßte mich. Wie sollte ich nicht – denk doch nur: habe doch von keiner einzigen Wissenschaft auch nur einen Schimmer! Was tun also? Gott im Himmel, denke ich, jetzt wirst du selbst auch noch an die Tafel gerufen werden! Nun, dann aber – ging alles gut vonstatten: ich stellte sogar selbst noch Fragen, fragte: Wer war Noah? Überhaupt, es wurde vorzüglich geantwortet. Nachher frühstückten wir noch und tranken auf das Gedeihen der Anstalt Champagner. Eine vortreffliche Lehranstalt war’s!“
Foma Fomitsch und Obnoskin brachen in schallendes Gelächter aus.
„Aber ich habe ja später auch gelacht!“ rief mein Onkel dazwischen, lachte selbst mit in seiner Gutmütigkeit und freute sich, daß er andere erheitert hatte. „Nein, Foma, wart, ich werde euch alle noch mehr zum Lachen bringen – ich werde euch erzählen, wie ich einmal hereingefallen bin ... Stell dir vor, Ssergei, wir standen damals in Krasnogorsk ...“
„Gestatten Sie eine Frage, Oberst: Wird Ihre Geschichte lang werden?“ unterbrach ihn Foma.
„Ach, Foma! Aber das ist doch eine wundervolle Geschichte, einfach zum Kranklachen! Hör doch nur zu! Sie ist gut, bei Gott, sie ist gut!“
„Ich höre Ihre Geschichten, wenn sie von dieser Art sind, stets mit Vergnügen an,“ sagte Obnoskin, indem er sich absichtlich kaum die Mühe gab, ein Gähnen zu verbergen.
„Tja, man wird also wohl zuhören müssen,“ meinte Foma resigniert.
„Aber es lohnt sich, bei Gott, Foma! Ich werde Ihnen erzählen, wie ich einmal hereinfiel, Anfissa Petrowna. Hör auch du zu, Ssergei: es ist zugleich lehrreich. Unser Regiment stand damals in Krasnogorsk,“ begann mein Onkel, strahlend vor Freude, schnell und eilig, mit unzähligen einleitenden Sätzen, wie es nun einmal seine Art war, wenn er etwas zur Unterhaltung seiner Gäste erzählte. „Kaum waren wir angekommen, da ging’s auch schon am selben Abend ins Theater. Die Primadonna, Fräulein Kuropatkina, war berückend schön. Später entfloh sie mit dem Rittmeister Swerkoff, noch bevor sie das Stück zu Ende gespielt hatte. Der Vorhang mußte fallen ... Das heißt, dieser Swerkoff war eine Bestie, trank und spielte; aber eigentlich war er doch kein Trunkenbold, sondern nur so, – immer bereit, mit den Kameraden gemütlich zu sein. Wenn er dann aber einmal ins Trinken kam, dann vergaß er alles: wo er lebte, in welchem Reich, wie er hieß – kurz: alles! Im Grunde aber war er ein prächtiger Junge ... Nun, ich sitze also im Theater. In der Pause gehe ich hinaus ins Foyer, und da treffe ich zufällig meinen früheren Regimentskameraden, Kornuchoff ... Ein prachtvoller Mensch! Wir hatten uns seit sechs Jahren nicht mehr gesehen. Nun, er war im Feuer gewesen, mit Kreuzen behängt – jetzt ist er, wie ich vor kurzem hörte, schon Wirklicher Staatsrat: er ist nämlich in den Staatsdienst übergetreten und wird es noch zu hohem Ansehen bringen ... Nun, versteht sich, wir freuten uns. Reden dies und das. Neben uns aber in der Loge sitzen drei Damen: die eine, die links sitzt, hat ein Gesicht, wie die Welt kein fürchterlicheres hervorbringen kann ... Später erfuhr ich, daß sie eine treffliche Dame war, Familienmutter – was will man mehr – hat den Mann glücklich gemacht ... Nun, und ich Dummkopf frage Kornuchoff: ‚Sag mal, Freund, weißt du nicht, was ist denn das da für eine Vogelscheuche?‘ – ‚Wer?‘ – ‚Na, diese dort links!‘ – ‚Ja so ... das ist meine Cousine.‘ – Pfui Teufel! Man denke sich meine Situation! Ich will’s natürlich sofort gutmachen: – ‚Nein doch, nicht diese,‘ sage ich, ‚was du doch für Augen hast! Diese, die rechts sitzt: wer ist das?‘ – ‚Das ist meine Schwester.‘ – Verdammte Zucht! denke ich. Seine Schwester aber war, wie zum Trotz, eine wahre Rosenknospe, ganz allerliebst, und dazu angekleidet: Kettchen und Armbänder und Spitzen, – mit einem Wort, wie so’n Engelchen. Späterhin heiratete sie einen prächtigen jungen Menschen, einen gewissen Pychtin; sie war zuerst mit ihm losgezogen und hatte sich ungefragt trauen lassen; jetzt aber ist alles, wie es sich gehört, leben gut, die Eltern haben ihre Freude an ihnen ... Na also –: ‚Nein doch!‘ sage ich unwillig, weiß aber selbst nicht, wo ich mich verkriechen soll, ‚nicht diese! Ich meine jene, die in der Mitte sitzt, – wer ist das?‘ – ‚Tja, in der Mitte – nun, Freund, das ist meine Frau ...‘ Unter uns: ein wahrer Leckerbissen, aber kein Mensch: ihr Anblick allein war schon ein solches Vergnügen, daß man sie am liebsten heil verschluckt hätte ... – ‚Nun,‘ sage ich, ‚hast du jemals einen Dummkopf gesehen? Dann sieh ihn dir jetzt an; hier ist er, und sein Kopf steht dir gleichfalls zur Verfügung: köpfe nur zu, brauchst nichts zu bedauern!‘ Er lachte. Nach der Aufführung machte er mich mit seinen Damen bekannt, und wahrscheinlich hatte der Schlingel ihnen schon alles erzählt. Es wurde etwas viel gelacht! Aber ich muß sagen, ich habe noch nie so lustig die Zeit verbracht. Nun siehst du, Foma, wie man zuweilen hereinfallen kann! Ha–ha–ha–ha!“
Doch vergeblich lachte mein armer Onkel, vergeblich blickten seine heiteren treuen Augen im Kreise umher: Schweigen war die Antwort auf seine „lustige“ Geschichte. Foma Fomitsch saß in finsterer Stummheit da, und seinem Beispiel folgten pflichtschuldig alle anderen – nur Obnoskin lächelte kaum merklich, da er die Philippika voraussah, die meinem armen Onkel bevorstand. Dieser wurde etwas verlegen und errötete. Das war es, was Foma gewünscht hatte.
„Sind Sie nun fertig?“ fragte er endlich feierlich.
„Ja, ich bin fertig, Foma.“
„Und Sie freuen sich?“
„Das heißt ... wieso, Foma? – wie meinst du das?“ fragte gleichsam schmerzlich mein Onkel.
„Ist Ihnen jetzt leichter? Sind Sie jetzt zufrieden, da es Ihnen doch gelungen ist, die angenehme literarische Unterhaltung der Freunde zu stören, indem Sie sie unterbrachen und so Ihrem kleinlichen Ehrgeiz Genüge tun konnten?“
„Aber hör doch auf, Foma! Ich wollte euch alle ja nur erheitern, du aber ...“
„Erheitern!“ schrie Foma auf, plötzlich sehr belebt. „Sie sind ja nur fähig, einen schwermütig zu machen, aber nicht zu erheitern! Zu erheitern! Begreifen Sie denn nicht, daß Ihre Erzählung fast unsittlich war? Ich sage nicht einmal: unanständig – das versteht sich von selbst ... Sie erklärten soeben mit seltener Gefühlsroheit, daß Sie über eine Unschuldige gelacht haben, über eine geborene Aristokratin, und zwar nur deshalb, weil diese nicht die Ehre hatte, Ihnen zu gefallen! Und uns, uns wollen Sie veranlassen zu lachen, mit anderen Worten: uns wollten Sie verleiten, einer rohen und unanständigen Tat Beifall zu spenden, und das alles nur deshalb, weil Sie hier der Hausherr sind! Tun Sie, was Sie wollen, Oberst, Sie können sich Schmarotzer, Speichellecker und Partner jeder Art zusammensuchen, Sie können sie sogar aus fernen Landen verschreiben und auf diese Weise Ihre Suite vergrößern, zum Nachteil der Gesinnungstüchtigkeit und des Edelsinnes aller noch reinen Herzen. Niemals aber wird Foma Opiskin weder ein Schmeichler, noch ein Speichellecker, noch Ihr Gnadenbrotesser sein! Wenn auch sonst nichts, dieses aber können Sie mir glauben: dessen versichere ich Sie ...!“
„Ach, Foma, du hast mich ja gar nicht verstanden, Foma!“
„Nein, Oberst, ich bin schon lange hinter Ihr wahres Wesen gekommen, ich durchschaue Sie vollkommen. An Ihnen nagt grenzenlose Eigenliebe: Sie machen Ansprüche auf unübertrefflichen Witz, und Sie vergessen, daß Ansprüche den Geist stumpf machen – Sie ...“
„Um Gottes willen, Foma, laß es doch gut sein! Schäm dich doch wenigstens vor den anderen ...!“
„Aber es ist doch traurig, so etwas mit ansehen zu müssen, Oberst, und wenn man es sieht, kann man nicht schweigen. Ich bin arm, ich lebe bei Ihrer Frau Mutter. Da könnte man ja glauben, daß ich durch mein Schweigen mich bei Ihnen einschmeicheln wollte. Ich aber will nicht, daß mich der erste beste _Grünschnabel_ für Ihren Gnadenbrotesser hält! Vielleicht habe ich vorhin, als ich hier eintrat, absichtlich meine wahrheitsliebende Offenheit betont und unterstrichen, ich war _gezwungen_, sie bis zur Grobheit zu treiben, eben weil Sie selbst belieben, mich in eine solche Lage zu bringen. Sie gehen gar zu anmaßend mit mir um, Oberst. So kann man mich ja für Ihren Sklaven, Ihren Schmarotzer, Ihren Speichellecker halten! Es scheint Ihnen Vergnügen zu bereiten, mich vor _Unbekannten_ zu erniedrigen, während ich Ihnen gleichstehe – hören Sie? – in jeder Beziehung gleichstehe! Vielleicht bin sogar _ich_ es, der Ihnen damit einen Dienst erweist, daß ich bei Ihnen lebe ... und es ist nicht so, daß _Sie_ mir einen erweisen. Man erniedrigt mich, folglich muß ich mich vor Ihnen loben – das ist nur natürlich! Ich darf nicht schweigen, ich muß sprechen, ich muß unverzüglich protestieren; denn ich erkläre Ihnen offen und einfach, daß Sie phänomenal neidisch sind! Sie sehen, zum Beispiel, daß ein Mensch in einem einfachen, freundschaftlichen Gespräch unwillkürlich sein Wissen, seine Belesenheit, seinen guten Geschmack bewiesen hat: und schon ärgern Sie sich, Sie ertragen es nicht: ‚Wart, jetzt werde auch ich schnell meine Kenntnisse, meinen guten Geschmack zeigen!‘ denken Sie sogleich. Aber was haben Sie denn für einen Geschmack, mit Erlaubnis zu fragen? Vom Geschmack verstehen Sie ebensoviel wie – verzeihen Sie, Oberst – wie zum Beispiel, sagen wir, ein Ochs von Rindfleisch! Das ist schroff und grob ausgedrückt – ich gebe es selbst zu ... aber es ist wenigstens offenherzig und gerecht. So etwas würden Sie von Ihren Schmeichlern nicht hören, Oberst.“
„Ach, Foma ...!“
„Das ist’s ja: ‚Ach, Foma!‘ Man sieht, die Wahrheit ist kein Daunenkissen. Nun gut. Wir werden darauf noch später zu sprechen kommen, jetzt aber erlauben Sie auch mir einmal, das Publikum zu erheitern. Sie können sich doch nicht immer nur allein auszeichnen. Pawel Ssemjonytsch! Haben Sie dieses Meerungeheuer in Menschengestalt schon gesehen? Ich beobachte ihn schon geraume Zeit. Sehen Sie ihn sich nur aufmerksam an: er würde mich mit Vergnügen verschlingen, lebendig, mit Haut und Haaren!“
Er sprach von Gawrila. Der alte Diener stand an der Tür und hörte allerdings mit tiefem Herzeleid zu, wie seinem Herrn „der Kopf gewaschen“ wurde.
„Auch ich will Sie mit einem Schaustück belustigen, Pawel Ssemjonytsch. – He, du, Krähe, komm her! Aber so geruhen Sie doch, sich hierherzubemühen, Gawrila Ignatjitsch! Das ist, wie Sie sehen, Gawrila, der zur Strafe für seine Grobheit Französisch lernt. Ich mildere wie Orpheus die hiesigen Sitten, nur tue ich es nicht mit Liedern, sondern mittels der französischen Sprache. Nun, mein Franzose, mßjö Schematon – er kann es nicht leiden, wenn man mßö Schematon zu ihm sagt – hast du deine Aufgabe gelernt?“
„Habe sie gelernt,“ antwortete Gawrila mit gesenktem Kopf.
„Nun, parleh-wu-franßeh?“
„Wui mßö, shö-lö-parl-ön-pö ...“
Ich weiß nicht, war die traurige Miene Gawrilas beim Aussprechen der französischen Phrase die Ursache, oder hatten alle den Wunsch Fomas erraten – jedenfalls ertönte eine schallende Lachsalve, kaum daß Gawrila den Mund aufgetan hatte. Sogar die Generalin geruhte zu lachen. Anfissa Petrowna Obnoskina warf sich an die Sofalehne zurück und wieherte geradezu, das Gesicht mit dem Fächer bedeckt. Gawrila aber, als er sah, welche Wendung das Examen nahm, riß die Geduld, er spie plötzlich aus und sagte:
„Daß ich in meinen alten Jahren eine solche Schande erleben muß!“
Foma Fomitsch fuhr auf:
„Was? Was hast du gesagt? Du läßt es dir einfallen, frech zu werden?“
„Nein, Foma Fomitsch,“ antwortete Gawrila ernst, „meine Worte sind keine Frechheit, und mir, dem Leibeigenen, steht es nicht zu, gegen Euch, der Ihr als Freier geboren seid, unehrerbietig zu sein. Aber jeder Mensch trägt Gottes Geist in sich und ist sein Ebenbild. Ich stehe im dreiundsechzigsten Lebensjahr. Mein Vater erinnert sich noch Pugatschoffs[2], und mein Großvater ist mit Matwei Nikititsch – Gott hab ihn selig! – also zusammen mit seinem gnädigen Herrn von Pugatschoff an ein und demselben Galgen erhängt worden, wofür mein Vater vom seligen Herrn Afanassij Matwejitsch mehr als alle anderen ausgezeichnet wurde: er diente als Kammerdiener und starb als freier Hofbauer. Ich aber, Herr, bin wohl nur ein herrschaftlicher Leibeigener, aber eine solche Schande, wie jetzt, habe ich bis heute noch nicht erlebt!“
Bei den letzten Worten führte Gawrila seine herabhängenden Hände auseinander und senkte den Kopf. Mein Onkel sah ihn unruhig an.
„Schon gut, schon gut, Gawrila!“ rief er ihm zu, „wozu so viel reden! Schon gut!“