Part 11
„Ich frage dich, wer war dieser Martyn?“ bestand Foma auf seiner Frage. „Ich will ihn sehen, will seine Bekanntschaft machen. Nun, wer ist er? Ein Registrator, ein Astronom, ein Erfinder, ein Dichter, ein ^Captaine d’armes^, ein Leibeigener – irgend jemand muß er doch sein! Antworte!“
„Ein Lei–eibeigener!“ antwortete schließlich Falalei und weinte.
„Wessen? Wessen Leibeigener?“
Hierauf wußte Falalei nichts zu antworten. Natürlich endete die Sache schließlich damit, daß Foma wutentbrannt aus dem Zimmer stürzte und schrie und klagte, daß man ihn beleidigt habe. Die Generalin fiel daraufhin in Ohnmacht, mein Onkel verwünschte die Stunde seiner Geburt, bat alle um Verzeihung und ging während des ganzen übrigen Tages in seinem eigenen Hause nur noch auf den Fußspitzen umher.
Nun aber sollte es auch noch geschehen, daß am nächsten Tage – nach dem Seifenvorfall – Falalei, als er am Morgen Foma Fomitsch den Tee brachte, und sein ganzes gestriges Leid schon längst vergessen hatte, vollkommen unschuldig und harmlos erzählte, daß ihm in der Nacht von einem weißen Ochsen geträumt habe. Ja – wahrlich – das hatte gerade noch gefehlt! Foma Fomitsch geriet in einen wahren Wutanfall, ließ sofort den Oberst rufen und begann dann unverzüglich, diesem für den Traum eine Strafpredigt zu halten, den _sein_, des Obersten, Falalei gehabt hatte. Diesmal griff man denn auch zu den strengsten Maßregeln: Falalei wurde bestraft – er mußte im Winkel knien. Außerdem wurde ihm noch einmal strengstens und nachdrücklich untersagt, so „rohe“, so „bäuerische“ Träume zu haben.
„Begreifen Sie auch, _weshalb_ ich darüber so ungehalten bin?“ fragte Foma Fomitsch. „Ganz abgesehen davon, daß er es sich nicht einfallen lassen, daß er es überhaupt nicht wagen dürfte, mir mit seinen Träumen zu kommen, und noch dazu solchen weißen Ochsenträumen ... ganz abgesehen davon, sage ich – und Sie müssen es doch selbst zugeben, Oberst – was ist denn dieser weiße Ochse anderes als ein Beweis der Roheit, Unwissenheit und bäuerischen Empfindungsart Ihres unbehauenen Falalei? Wie die Gedanken, so die Träume. Habe ich nicht gleich gesagt, daß aus dem Burschen nichts werden wird und man ihn folglich nicht im Herrenhause behalten sollte? Niemals, niemals werden Sie diesen sinnlosen, einfachen Volksgeist zu etwas Höherem, Poetischem entwickeln! Kannst du denn nicht,“ fuhr er zu Falalei fort, „kannst du denn nicht etwas anderes im Traum sehen, etwas Vornehmes, Zartes, Veredeltes, eine Szene aus der guten Gesellschaft, sagen wir zum Beispiel Herren bei einer Kartenpartie oder Damen, die in einem schönen Garten lustwandeln?“
Als Falalei an jenem Tage zu Bett ging, bat er den lieben Gott unter Tränen um einen schönen Traum und dachte lange darüber nach, wie er es anstellen sollte, daß er nicht mehr diesen verwünschten weißen Ochsen sähe. Doch die Hoffnungen der Menschen pflegen trügerisch zu sein. Als er am nächsten Morgen erwachte, da ward er sich mit Schrecken bewußt, daß ihm die ganze liebe Nacht wieder nur von dem verhaßten weißen Ochsen geträumt hatte – und von keiner einzigen im Garten lustwandelnden schönen Dame. Diesmal aber waren die Folgen besonderer Art. Foma Fomitsch erklärte unerschütterlich, daß er an die Möglichkeit einer ähnlichen Wiederholung nicht glaube, daß Falalei vielmehr lüge und womöglich von einem der Bewohner des Herrenhauses, vielleicht sogar vom Obersten selbst, absichtlich dazu verleitet worden sei, um ihn, Foma Fomitsch, zu ärgern. Es kam wiederum zu viel Geschrei, Vorwürfen und Tränen. Am Abend erkrankte die Generalin. Die ganze Einwohnerschaft von Stepantschikowo ließ die Köpfe hängen. Und es blieb nur noch die eine schwache Hoffnung, daß Falalei in der nächsten Nacht, in der dritten, etwas aus der höheren Gesellschaft träumen werde. Wie groß aber war der allgemeine Unwille, als Falalei eine ganze Woche in jeder Herrgottsnacht regelmäßig den weißen Ochsen sah, einzig und allein immer nur den weißen Ochsen! An die höhere Gesellschaft war gar nicht zu denken!!
Das merkwürdigste war aber, daß Falalei kein einziges Mal darauf kam, zu lügen: einfach zu sagen, er habe im Traum nicht einen weißen Ochsen, sondern, zum Beispiel, eine Equipage gesehen, in der schöne Damen und Foma Fomitsch vorübergefahren wären, – um so mehr, als in einem solchen Notfall das Lügen doch keine gar so große Sünde hätte sein können. Aber Falalei war dermaßen wahrheitsliebend, daß er zu lügen entschieden nicht verstand, – selbst wenn er es gewollt hätte. So kam es, daß man ihn nicht einmal auf diesen Gedanken zu bringen suchte; denn alle wußten, daß Falalei sich sofort verraten und Foma Fomitsch ihn auf der Lüge ertappen werde. Was sollte man also tun? Die Lage, in der sich mein armer Onkel befand, wurde nahezu verzweifelt. Falalei war unverbesserlich. Der arme Junge wurde sogar merklich magerer. Die Haushälterin Malanja behauptete, daß er behext worden sei, und besprengte ihn, nach altem Aberglauben, von einem Winkel aus mit kaltem Wasser. An dieser zweckmäßigen Behandlung beteiligte sich auch die mitleidige Praskowja Iljinitschna. Aber auch das sonst so wohltätige kalte Wasser verweigerte diesmal seine Wirkung. Es half alles nicht!
„Daß ihn doch! ... den verfluchten Ochsen!“ sagte Falalei seinerseits, „in jeder Nacht träumt mir von ihm! Jeden Abend bete ich: ‚Traum, komm’ mir nicht mit dem weißen Ochsen, Traum, komm’ mir nicht mit dem weißen Ochsen!‘ – Er aber ist da, der verfluchte, steht vor mir, so groß, mit Hörnern, mit so ’ner stumpfen Schnauze, hu–u–u!“
Mein Onkel geriet schließlich wirklich in Verzweiflung. Doch siehe, zum Glück vergaß Foma Fomitsch, wie es schien, plötzlich den weißen Ochsen. Natürlich glaubte niemand, daß Foma Fomitsch im Ernst etwas so Wichtiges vergessen könnte, und so sagten sich alle mit angstvollem Herzen, daß er diese unerledigte Geschichte mit dem weißen Ochsen gleichsam für den Bedarfsfall aufheben wolle, um sie dann bei der ersten sich bietenden Gelegenheit wieder vorzuführen. In der Folge stellte es sich aber heraus, daß es Foma Fomitsch in dieser Zwischenzeit tatsächlich nicht um den weißen Ochsen zu tun gewesen war: er hatte andere Sorgen, andere Pläne waren in seinem emsigen und vieldenkenden Kopfe entstanden. Nur darauf war es zurückzuführen, daß er Falalei endlich aufatmen ließ. Gleichzeitig mit Falalei atmeten auch die anderen auf. Ja, der Junge vergaß sogar bald das Vorgefallene, und selbst der weiße Ochse erschien ihm immer seltener im Traum, obschon er ihn hin und wieder doch noch an seine phantastische Existenz erinnerte. Kurz, es wäre alles gut gewesen, wenn es in der Welt nicht einen Tanz gegeben hätte, der die Kamarinskaja heißt.
Ich muß hier vorausschicken, daß Falalei vorzüglich tanzte. Die Tanzkunst war seine größte Begabung, sie war ihm gewissermaßen als innerer Trieb angeboren. Er tanzte mit Energie und unermüdlicher Lust, und von allen Tänzen liebte er am meisten den „Kamarinskij-Mushick“ zu tanzen. Nicht, daß ihm etwa die leichtsinnigen und jedenfalls unverständlichen Handlungen dieses flatterhaften Bauern gar so sehr gefallen hätten – nein, er liebte diesen Tanz einzig deshalb, weil es für ihn, wenn er die Kamarinskaja spielen hörte, vollkommen unmöglich war, nicht zu tanzen. Es kam vor, daß zuweilen abends zwei oder drei Diener, die Kutscher, der Gärtner und einige Hofmädchen sich versammelten, natürlich irgendwo auf einem möglichst entfernten Wiesenplan hinter den Ställen des Herrenhofes, möglichst weit von Foma Fomitsch. Dann ertönte alsbald Musik, und das Tanzen begann, bis schließlich auch die Kamarinskaja in ihr Recht trat. Die Musikkapelle bestand aus zwei Balalaiken, einer Gitarre, einer Geige und einer Handtrommel, die der Vorreiter Mitjuschka vorzüglich zu bearbeiten verstand. Dann hätte man sehen sollen, was schon beim ersten Takt mit Falalei geschah: er sprang in den Kreis und tanzte, tanzte bis zu völliger Bewußtlosigkeit, bis zur Erschöpfung seiner letzten Kräfte, angefeuert noch durch die Zurufe und das Lachen seiner Zuschauer; er jauchzte, lachte, schlug in die Hände und tanzte, als risse ihn eine fremde, unerfaßliche Kraft, gegen die er nicht anzukämpfen vermochte, mit sich fort, und tat sich Gewalt an, um das immer schneller werdende Tempo des temperamentvollen Motivs einzuhalten, während er im Rhythmus mit den Stiefelabsätzen aufstampfte. Das waren Augenblicke seiner höchsten Begeisterung. Und es wäre auch hier alles gut gewesen, wenn das Gerücht von seiner Kamarinskaja nicht auch Foma Fomitsch zu Ohren gekommen wäre.
Foma Fomitsch – erstarrte, und als er zu sich kam, schickte er sofort nach dem Oberst.
„Ich wollte mich von Ihnen nur über eines aufklären lassen, Oberst,“ begann Foma. „Haben Sie sich geschworen, diesen unglücklichen Idioten vollständig zu verderben, oder nicht? Ist das erstere der Fall, so ziehe ich mich selbstverständlich sofort zurück; falls aber nicht, so werde ich ...“
„Ja, was ist denn los? Was ist geschehen?“ fragte der Oberst, der aus den Wolken fiel.
„Wie? Sie fragen, was geschehen ist? Wissen Sie denn nicht, daß er die Kamarinskaja tanzt?“
„Nun, – nun, und?“
„Wie – nun, und?!“ schrie Foma auf. „Und das sagen Sie – Sie, sein Herr und in gewissem Sinne sein Vater! Ja, haben Sie denn nach alledem überhaupt eine annähernd richtige Vorstellung davon, was dieser Tanz überhaupt ist? Wissen Sie denn nicht, daß dieses Lied einen verkommenen Kerl besingt, der es in der Trunkenheit auf das allerunsittlichste Vergehen abgesehen hat? Wissen Sie denn nicht, was dieser verderbte Knecht im Schilde führt? Er hat die wertvollsten, die heiligsten Bande zerrissen und unter die Füße getreten, hat sie mit seinen klobigen Bauernstiefeln, die sonst nur den Fußboden der Schenke zu stampfen pflegen, – _zertreten_! Begreifen Sie denn nicht, daß Sie mit dieser Antwort meine edelsten Gefühle beleidigt haben? Begreifen Sie denn nicht, daß Ihre Antwort eine persönliche Beleidigung meiner Person ist? Begreifen Sie das, oder begreifen Sie das nicht?“
„Aber, Foma ... es ist doch nur ein Lied, Foma ...“
„Was, nur ein Lied? Und Sie schämen sich nicht, mir zu gestehen, daß Sie, Sie selbst dieses Lied kennen, – Sie, der Sie zur Gesellschaft gehören, Sie, der Sie der Vater vornehmer und unschuldiger Kinder und, zum Überfluß, noch Oberst sind! Nur ein Lied! Ich bin aber überzeugt, daß dieses Lied nach einer wirklichen Begebenheit entstanden ist! Nur ein Lied! Aber welcher anständige Mensch kann denn zugeben, ohne vor Scham zu vergehen, daß er dieses Lied kenne, daß er es jemals auch nur gehört habe? Welch ein Mensch, frage ich Sie, welch einer?“
„Nun, aber du, Foma, du kennst es doch offenbar, wenn du so fragst,“ antwortete in seiner Herzenseinfalt und völlig harmlos mein verwirrter Onkel.
„Was! Ich kenne es? ... Ich ... ich ... das heißt! ... Man hat mich beleidigt!“ schrie plötzlich Foma, sprang vom Stuhl auf und brüllte vor Wut.
Alles hatte er eher erwartet, als eine solche geradezu vernichtende Antwort.
Doch wozu Foma Fomitschs Zorn beschreiben! Der Oberst wurde mit Schmach und Schande wegen der „Unschicklichkeit“ und „Ungeschicktheit“ seiner Antwort aus dem Gesichtskreise dieses „Wahrers der Sittlichkeit“ verbannt. Foma Fomitsch selbst aber hatte sich seit diesem Tage geschworen, Falalei einmal ^in flagranti^ zu ertappen – wenn dieser wieder das Verbrechen begehen sollte, die Kamarinskaja zu tanzen, und so schlich er sich abends, wenn alle ihn mit irgend etwas Literarischem beschäftigt glaubten, heimlich in den Park, ging im Bogen um den Gemüsegarten herum und schlug sich dann in ein Gebüsch, von wo aus man deutlich jene kleine Wiese sehen konnte, auf der gewöhnlich getanzt wurde. So stellte er dem Falalei nach, wie der Jäger dem armen Wild, und malte sich inzwischen mit Wonne aus, was für einen Skandal er im Fall eines Erfolges seiner Bemühungen machen könne, und wie alle, und namentlich der Oberst ihm dafür würden „büßen müssen“! Der Lohn für seine Mühe blieb denn auch nicht aus. Der Augenblick kam, in dem er „ihn hatte“. Endlich, endlich! Und das geschah – gerade heute!!
Nun wird es verständlich sein, weshalb mein Onkel sich das Haar raufte, als er den weinenden Falalei sah und vernehmen mußte, was geschehen war, und als dann noch Widopljässoff eintrat, um Foma Fomitschs Erscheinen anzumelden, und Foma Fomitsch so plötzlich und in einem so peinlichen Augenblick in eigener Person vor unseren sündigen Augen erschien.
VII.
Foma Fomitsch.
Mit unendlicher Neugier sah ich diesem Herrn entgegen. Gawrila hatte recht, wenn er ihn ein gemausertes Menschlein nannte. Foma war klein von Wuchs, mit weißblondem, kaum merklich grau untermischtem Haar, weißen Augenbrauen und Wimpern, mit einer gebogenen Nase und vielen kleinen Runzeln im ganzen Gesicht. Am Kinn hatte er eine große Warze. Er war ungefähr fünfzig Jahre alt. Leise trat er ein, mit gleichmäßigen Schritten, die Augen zu Boden gesenkt. Aber das unverschämteste Selbstbewußtsein drückte sich in seinem Gesicht und in seiner ganzen, überaus pedantischen Erscheinung aus. Zu meiner Verwunderung erschien er im Schlafrock – freilich von ausländischem Schnitt, aber es war immerhin ein Schlafrock – und obendrein in Hausschuhen. Eine Krawatte trug er nicht. Der Kragen seines Hemdes war ^à l’enfant^ zurückgeschlagen, was der ganzen Erscheinung Fomas etwas überaus Dummes verlieh. Er schritt zu einem Lehnstuhl, rückte ihn ein wenig näher zum Tisch und setzte sich, ohne auch nur ein Wort gesagt zu haben. Im Augenblick war alles still geworden, von der Aufregung und dem Spektakel, die noch vor einer Minute hier geherrscht hatten, war nichts mehr zu sehen und zu hören. Es war so still, daß man das Summen der kleinsten Fliege hätte hören können. Die Generalin saß sanft und fromm wie ein Lamm auf dem Sofa. Die ganze sklavische Ergebenheit dieser Törin ihrem Idol Foma gegenüber trat jetzt so recht klar zutage. Sie schien sich an ihrem Liebling gar nicht satt sehen zu können, sie hing unverwandt mit den Blicken an ihm, sie verschlang ihn förmlich mit den Augen.
Fräulein Perepelizyna entblößte lächelnd ihre alten Zähne und rieb sich die Hände, die arme Praskowja Iljinitschna aber zitterte merklich vor Furcht. Mein Onkel fand als erster die Sprache wieder.
„Tee, Schwesterchen, bitte, Tee! Nur etwas süßer, Schwesterchen. Foma Fomitsch trinkt ihn nach dem Schläfchen gern etwas süßer. Nicht wahr, Foma, du liebst den Tee nachmittags doch etwas süßer?“
„Mir ist es jetzt nicht um Tee zu tun!“ begann Foma langsam und würdevoll, und mit bekümmerter Miene machte er eine wegwerfende Handbewegung. „Sie dagegen scheinen sich ja nur darum zu sorgen, daß alles süßer sei!“
Diese ersten Worte und der in seiner pedantischen Wichtigkeit unbeschreiblich lächerliche Eintritt Fomas interessierten mich natürlich außerordentlich. Es interessierte mich vor allem, bis zu welch einer Gewissenlosigkeit die Unverschämtheit dieses von sich so eingenommenen Menschen gehen konnte.
„Foma!“ begann mein Onkel von neuem. „Hier stelle ich dir jemand vor: meinen Neffen Ssergei Alexandrowitsch! Er ist erst vor kurzem angekommen.“
Foma Fomitsch maß meinen Onkel vom Kopf bis zu den Füßen.
„Es wundert mich, daß Sie mich mit Vorliebe immer so systematisch unterbrechen, Oberst,“ sagte er endlich nach bedeutsamem Schweigen und ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. „Man redet mit Ihnen über eine ernste Sache, Sie aber ... schwatzen ... weiß Gott was ... Haben Sie Falalei gesehen?“
„Ja, Foma ...“
„Ah, also Sie haben ihn gesehen! Nun, dann werde ich Ihnen denselben noch einmal zeigen, wenn Sie ihn schon gesehen haben. Dann können Sie sich ergötzen an Ihrem Produkt ... ich meine, in sittlicher Beziehung. Komm her, Bursche! Komm her, du holländische Fratze! Nun, hörst du nicht? – komm her! Fürchte dich nicht!“
Falalei näherte sich ihm, schluchzend, mit halboffenem Munde, und schluckte seine Tränen. Foma Fomitsch betrachtete ihn mit augenscheinlichem Vergnügen.
„Ich habe ihn mit Absicht ‚holländische Fratze‘ genannt, Pawel Ssemjonytsch,“ bemerkte er, indem er es sich ungeniert in seinem Lehnstuhl bequem machte, mit einer leichten Wendung seines Kopfes zu Obnoskin, der als Nächster links von ihm saß. „Und überhaupt, wissen Sie, halte ich es nicht für nötig, daß man seine Ausdrücke mildert, gleichviel in welchem Fall. Die Wahrheit muß immer Wahrheit bleiben. Und andererseits: womit man auch Schmutz bedecken wollte, es bleibt immer Schmutz. Wozu also die Mühe, eine Sache noch zu beschönigen? Um sich und die Menschen zu betrügen! Nur in dem dummen Kopf eines Menschen aus der sogenannten höheren Gesellschaft konnte das Verlangen nach so sinnlosen Anstandsregeln entstehen. Sagen Sie doch – ich bitte um Ihr Urteil – können Sie in dieser Fratze etwas Schönes finden? Ich meine: etwas Höheres, Erhabenes, Wunderbares – und nicht, wie gesagt, nur eine schöne Fratze?“
Foma Fomitsch sprach ziemlich leise, ruhig, jedes Wort abmessend und mit einem fast erhabenen Gleichmut.
„Schönes?“ fragte Obnoskin mit einer geradezu frechen Nachlässigkeit. „Mir scheint, es ist nur ein gutes Stück Roastbeef und nichts weiter ...“
„Trat heute zum Spiegel und besah mich in ihm,“ fuhr Foma ruhig fort, würdevoll das Wörtlein „ich“ auslassend. „Halte mich längst nicht für eine Musterschönheit, kam aber unwillkürlich zu der Überzeugung, daß doch etwas in diesem grauen Auge liegt, das mich von einem Falalei unterscheidet. Das ist der Gedanke, das ist das Leben, das ist der Verstand in diesem Auge! Will mich nicht damit loben. Rede nur so im allgemeinen von meinem Ich. Jetzt, was meinen Sie? Kann es überhaupt auch nur ein Stückchen, auch nur ein Atom von einer Seele in diesem lebenden Beefsteak geben? Nein, in der Tat, beobachten Sie es doch, Pawel Ssemjonytsch, wie diese _Menschen_, die jedes Gedankens, jedes Ideals vollkommen bar sind, und die nur Rindfleisch essen, wie bei diesen Menschen die Gesichtsfarbe immer so widerlich frisch ist, von einer so rohen und dummen Frische! Wünschen Sie, den Grad seiner Denkfähigkeit zu erkennen? He, du, Kasus! Komm mal näher, gönn uns, daß wir uns an deinem Anblick berauschen! Warum sperrst du den Mund auf? Willst du etwa einen Walfisch verschlingen? Bist du schön? Antworte: bist du schön?“
„Ich ... bin ... schön!“ antwortete Falalei mit ersticktem Schluchzen.
Obnoskin wälzte sich vor Lachen. Ich fühlte, wie ich vor Wut zu zittern begann.
„Haben Sie gehört?“ fuhr Foma fort, mit einem gewissen Triumph sich wieder an Obnoskin wendend. „Aber Sie werden noch ganz andere Dinge von ihm hören! Ich kam nur, um ihn zu examinieren. Sehen Sie, Pawel Ssemjonytsch, es gibt Menschen, deren Wunsch es zu sein scheint, diesen armseligen Idioten endgültig zu verderben. Vielleicht urteile ich zu streng, kann mich ja täuschen, aber ich rede und tue alles nur aus Liebe zur Menschheit. Er hat den unanständigsten aller Tänze getanzt. Hier scheint das keinen Menschen etwas anzugehen. Aber ... nun, Sie können es hier mit eigenen Ohren hören ... Antworte: was hast du vorhin getan? Antworte, antworte sofort! – hörst du?“
„I ... ich ... habe ... getanzt ...“ sagte Falalei, der nur mit Mühe das Schluchzen unterdrückte.
„Was hast du denn getanzt? Welch einen Tanz? So sprich doch!“
„Die Kamarinskaja ...“
„Die Kamarinskaja! Aber wer ist diese Kamarinskaja? Was ist das für ein Name? Wie soll ich denn deine Antwort verstehen? Nun, so gib mir doch wenigstens eine Vorstellung davon: wer ist denn diese deine Kamarinskaja?“
„Ein ... Bauer ...“
„Ein Bauer! Nur ein Bauer? Ich wundere mich! Das muß doch ein ganz hervorragender Bauer sein! Dann ist er wohl irgendein berühmter Mann, wenn man ihn in Liedern besingt und in Tänzen verherrlicht? Nun, so antworte doch!“
Es schien Foma ein Bedürfnis zu sein, Menschen zu foltern. Er spielte mit seinem Opfer wie die Katze mit der Maus. Doch Falalei schwieg, schluchzte und begriff die Frage nicht.
„So antworte doch! Du wirst gefragt, was das für ein Bauer ist. So sprich doch ...! Ein Gutsbauer oder ein Kronsbauer, ein freier oder ein leibeigener oder vielleicht ein Ökonomiebauer[1]? Es gibt viele Bauern ...“
„E–e–ein ... Ö–ko–nomiebauer ...“
„Ah, also ein Ökonomiebauer! Haben Sie gehört, Pawel Ssemjonytsch? Ein neues historisches Faktum: die Kamarinskaja ist ein – Ökonomiebauer. Hm! Nun, aber was hat denn dieser Ökonomiebauer getan? Für welche Taten wird er denn besungen und ... wird ihm zu Ehren getanzt?“
Die Frage war nicht wenig kitzlig, und da er sie an Falalei richtete, auch sehr gefährlich.
„Nun – aber Sie ... einstweilen ...“ versuchte Obnoskin einzulenken, nach einem flüchtigen Blick auf seine Mutter, die sich so eigentümlich auf ihrem Sofa hin und her zu bewegen begann.
Was sollte man tun? Die Launen Foma Fomitschs wurden als Gesetz betrachtet.
„Aber, lieber Onkel, wenn Sie diesen Esel nicht ablenken, so kann er ja ... Sie begreifen doch, auf was er es abgesehen hat – Falalei wird vielleicht irgendeine Dummheit sagen, sogar bestimmt, ich versichere Sie ...“ flüsterte ich unbemerkt meinem Onkel zu, der selbst nicht wußte, wozu er sich entschließen oder was er sagen sollte.
„Wenn du, Foma ...“ begann er etwas unsicher. „Hier stelle ich dir meinen Neffen vor, Foma: mein junger Freund, der sich mit Mineralogie beschäftigt ...“
„Ich bitte Sie inständig, Oberst, unterbrechen Sie mich nicht mit Ihrer Mineralogie, von der Sie, soviel mir bekannt ist, keine Ahnung haben, und _andere_ vielleicht ebensowenig. Ich bin kein Kind. Er wird mir antworten, daß dieser Bauer, anstatt für das Wohlergehen seiner Familie zu arbeiten, in der Schenke seinen Halbpelz vertrunken hat und betrunken auf die Straße hinausgelaufen ist. Das ist bekanntlich der Inhalt dieses Liedes, das die Trunkenheit verherrlicht. Beunruhigen Sie sich nicht, _jetzt_ weiß er, was er zu antworten hat. – Nun, so antworte doch: was hat dieser Bauer denn getan? Ich habe es dir doch schon vorgesagt, habe es dir in den Mund gelegt. Ich will nur von dir, von dir selbst hören, was er getan hat, wodurch er berühmt geworden ist, wodurch er einen so unsterblichen Ruhm verdient hat, daß er sogar besungen wird? Nun?“
Der arme Falalei blickte sich hilflos im Kreise um, und da er nicht wußte, was er sagen sollte, machte er nur den Mund auf und ratlos wieder zu, wie eine Karausche, die aus dem Wasser auf den Sand gezogen ist.
„Ich schäm’ mich, es zu sagen!“ brachte er schließlich in seiner Hilflosigkeit mit langen Lippen ziemlich undeutlich hervor.
„Ah! du schämst dich, es zu sagen!“ Foma triumphierte. „Nur diese Antwort erwartete ich, Oberst! Man schämt sich, es zu sagen; aber es zu tun, schämt man sich nicht! Das ist die Sittlichkeit, die Sie hier gesät haben, die jetzt aufgegangen ist, und die Sie noch ... begießen! Doch wozu so viel Worte verlieren! Geh in die Küche, Falalei. Im Augenblick sage ich dir nichts – aus Achtung vor den Anwesenden; aber heute noch, _heute noch_ wirst du unbarmherzig und schmerzhaft bestraft werden. Geschieht es aber nicht, zieht man auch diesmal _dich_ – _mir_ – vor, so bleibe du hier und tröste deine Herren mit der Kamarinskaja, ich aber werde dann heute noch dieses Haus verlassen! Genug! Ich habe gesprochen. Geh!“
„Nun, das war, glaube ich, denn doch etwas ... streng ...“ brummte Obnoskin.
„Eben, eben ...!“ griff sofort mein Onkel auf und wollte ihm beipflichten, brach aber ab und verstummte. Foma warf ihm einen finsteren Blick zu.