Sämtliche Werke 16

Part 10

Chapter 103,774 wordsPublic domain

„Pawel Ssemjonytsch, ums Himmels willen, Pawel Ssemjonytsch! Glauben Sie denn wirklich, daß ich sozusagen ein gefühlloser Pfosten bin? Sehe ich doch, begreife ich doch – mit wehem Herzen, kann man sagen, fühle ich es –, daß alle diese Mißverständnisse nur _seiner übergroßen Liebe_ zu mir entspringen. Aber sagen Sie, was Sie wollen, diesmal ist er dennoch im Unrecht. Ich werde alles erzählen. Ich will jetzt, Anfissa Petrowna, den ganzen Sachverhalt klarlegen, ganz ausführlich, damit alle sehen, wie es gekommen ist, und ob meine Mutter recht tut, wenn sie mir deshalb böse ist, weil ich Foma Fomitschs Wunsch nicht erfüllt habe. Auch du hör mich an, Sserjosha,“ fügte er hinzu, sich zu mir wendend, was er übrigens während seiner ganzen Erzählung wiederholt tat, und zwar so, als hätte er die anderen Zuhörer gefürchtet oder wenigstens an ihrem Mitgefühl gezweifelt, – „hör auch du mich an und urteile dann, ob ich im Recht bin oder im Unrecht. Sieh, die Sache begann so: vor einer Woche – ja, genau vor einer Woche – fuhr hier durch unser Nachbarstädtchen mein früherer Regimentskommandeur, General Russapetoff, mit seiner Gemahlin und Schwägerin. Hielt sich eine Zeitlang auf. Ich war natürlich hocherfreut, benutzte die Gelegenheit, fuhr hin, stellte mich vor und lud sie zu mir zu einem Diner ein. Er sagte zu, er werde kommen, wenn es seine Zeit irgendwie erlaubte. Weißt du, ein durch und durch edler Charakter, das sage ich dir, Aristokrat, hoher Würdenträger! Und wieviel Gutes er getan hat! Zum Beispiel seiner Schwägerin! Außerdem hat er eine Waise mit einem vorzüglichen jungen Menschen verheiratet – jetzt ist derselbe Koch in Malinowo, ein noch junger Mensch, aber mit einer, fast könnte man sagen, Universitätsbildung! – Kurz, der Alte ist ein General unter den Generälen! Nun, bei uns, versteht sich, gab’s viel zu tun, Gepolter und Geklapper, Köche, Frikassees. Ich bestelle Musik. Nun, selbstverständlich bin ich guter Laune, freue mich und sehe aus wie ein Geburtstagskind. Das aber gefiel Foma Fomitsch nicht, daß ich wie ein Geburtstagskind aussah! Er saß bei Tisch – es wurde gerade sein Lieblingsgericht, eines mit Sahne, gereicht, das weiß ich noch ganz genau – er aber saß, schwieg, schwieg ... und plötzlich springt er auf: ‚Man beleidigt mich, man beleidigt mich!‘ schreit er. – ‚Aber wieso,‘ frage ich, ‚wieso beleidigt man dich denn, Foma Fomitsch?‘ – ‚Sie,‘ sagt er, ‚Sie vernachlässigen mich jetzt, Sie beschäftigen sich jetzt nur mit Generälen, Ihnen sind Generäle wertvoller und lieber als ich!‘ Ich gebe die Szene jetzt selbstverständlich nur in kurzen Worten wieder, sozusagen nur die springenden Punkte, nur das Wesen der Sache. Aber wenn du zu hören wünschest, was er damals noch alles sagte, so ... nun, mit einem Wort, er erschütterte meinen ganzen Menschen! Was soll man tun? Ich bin natürlich ganz niedergeschmettert. Es hatte mich doch gar zu sehr getroffen. Ich versinke wie ein nasser Hahn. Der feierliche Tag bricht an. Da schickt der General die Nachricht, daß er leider verhindert sei zu kommen: muß abreisen. Entschuldigt sich vielmals, – also: es gibt nichts! Ich sofort zu Foma: ‚Nun, Foma,‘ sage ich, ‚beruhige dich! Er kommt nicht!‘ Aber was glaubst du? Er verzeiht mir nicht. Mach, was du willst – er verzeiht nicht! ‚Man hat mich beleidigt!‘ sagte er und dabei bleibt er. Ich rede. So und so. ‚Nein,‘ sagt er, ‚gehen Sie zu Ihren Generälen. Ihnen liegen die Generäle näher am Herzen als ich – Sie haben die Bande der Freundschaft,‘ sagt er, ‚zerrissen!‘ Großer Gott! Ich begreife ja doch, weshalb er sich ärgert! Ich bin doch kein Holzklotz, kein Esel, kein Schaf! Er hat es doch nur aus übergroßer Liebe zu mir getan, sozusagen aus Eifersucht – er sagt es ja selbst, daß er auf den General eifersüchtig sei, meine Neigung zu verlieren fürchte, mich prüfen und wissen wolle, was ich für ihn zu opfern fähig und bereit wäre. ‚Nein,‘ sagt er, ‚ich bin für Sie gleichfalls ein General, bin gleichfalls – für Sie! – Exzellenz! Werde mich nicht früher mit Ihnen aussöhnen, als bis Sie mir die mir zukommende Ehre erweisen.‘ – ‚Womit,‘ frage ich, ‚womit soll ich dir denn meine Hochachtung – meine Höchstachtung ausdrücken, Foma Fomitsch?‘ – ‚Nun, nennen Sie mich,‘ sagt er, ‚einen ganzen Tag nur Ew. Exzellenz, damit werden Sie mir dann Ihre Hochachtung ausdrücken.‘ Ich fiel aus den Wolken! Man kann sich meine Verwunderung denken! ‚Ja,‘ sagt er, ‚das wird Ihnen als Lehre dienen, damit Sie sich hinfort nicht mehr für Generäle begeistern, wenn auch andere vielleicht noch würdiger sind, als alle Ihre Generäle zusammengenommen!‘ Na, da hielt ich es aber denn doch nicht mehr aus, das muß ich gestehen! Gestehe es sogar ganz offen! ‚Foma Fomitsch,‘ sagte ich, ‚ist denn das überhaupt möglich, was du verlangst? Wie kann ich denn auf so etwas eingehen? Wie kann ich denn ... und habe ich denn überhaupt das Recht, dich zum General, zur Exzellenz zu machen? Denk doch nur, in wessen Macht allein das gelegt ist! Das wäre doch sozusagen ein Attentat auf die Majestät des Gesetzes! Wie, wie soll ich dich denn Ew. Exzellenz betiteln? Ein General dient doch seinem Vaterlande: er gibt für dasselbe sein Leben im Kriege hin, er vergießt sein Blut auf dem Felde der Ehre, er kämpft mit dem Feinde seines Volkes! Und du verlangst nun, daß ich dir denselben Ehrentitel geben soll, der nur ihm mit Recht zukommt?‘ Foma aber gab nicht nach! ‚Ich werde dir alles zu Gefallen tun,‘ fuhr ich fort, ‚alles, was du nur willst. Da hast du gewünscht, daß ich meinen Backenbart abnehme, da er wenig patriotisch sei, – ich habe ihn abgenommen, habe zwar geseufzt, aber habe ihn trotzdem abgenommen. Und mehr noch: ich werde alles, alles tun, was du wünschst, nur verzichte auf diesen Generalstitel!‘ – ‚Nein,‘ sagte er, ‚so werde ich mich nicht eher mit dir versöhnen, als bis man mich Exzellenz nennt. Das wird,‘ sagte er, ‚Ihrer Moral zugute kommen: es wird Ihren hoffärtigen Geist demütigen!‘ sagt er. Und nun ist es schon eine Woche her, eine ganze Woche spricht er nicht mit mir, und über jeden Besuch, wer es auch sei, ärgert er sich. Als er von dir hörte, daß du gelehrt seist – es war meine Schuld: ich sagte es ganz zufällig, als das Gespräch auf dich kam, so im Eifer, weißt du – da sagte er, daß er nicht länger hier im Hause bleiben werde von dem Augenblick an, in dem du das Haus betrittst. ‚Also bin ich jetzt in euren Augen nicht mehr gelehrt!‘ sagt er. Und was wird es erst geben, wenn er von Korowkin erfährt! Erbarm dich doch, urteile doch selbst, was habe ich denn nun verbrochen? Soll ich mich denn wirklich entschließen, ihn ‚Exzellenz‘ zu nennen? Wie soll man es denn aushalten in einer solchen Lage? Und weshalb hat er denn heute den armen Bachtschejeff vom Tisch fortgejagt? Nun schön, Bachtschejeff hat nicht die Astronomie erfunden, aber auch ich hab es ja nicht und auch du hast es ja nicht getan ... Nun also, aus welchem Grunde, weshalb, weshalb?“

„Eben aus dem Grunde, weil du neidisch bist, Jegoruschka,“ stieß die Generalin durch die Zähne hervor.

„Mutter!“ rief mein Onkel in seiner Verzweiflung aus, „Sie bringen mich um meinen letzten Verstand! ... Sie sprechen ja nicht ihre eigenen Worte – Sie sprechen ja fremde Worte nach, Mama! Ich werde zu guter Letzt nur noch zu einem Balken, einem Laternenpfahl werden, aber nicht mehr Ihr Sohn sein!“

„Ich habe gehört, Onkel,“ begann ich, noch ganz benommen von dem Gehörten, „ich habe unterwegs von Herrn Bachtschejeff gehört – ich weiß allerdings nicht, ob es sich so verhält –, daß Foma Fomitsch Ihren Iljuscha um den bevorstehenden Namenstag beneide und nun behaupte, daß morgen auch sein Namenstag sei. Ich gestehe, daß dieser merkwürdige Charakterzug mich dermaßen in Erstaunen gesetzt hat, daß ich ...“

„Sein Geburtstag, Freund, sein Geburtstag ist morgen, nicht sein Namenstag, nur sein Geburtstag!“ unterbrach mich mein Onkel eifrig. „Er hat sich nur etwas anders ausgedrückt, aber er hat vollkommen recht: morgen ist sein Geburtstag. Zuerst, Freund, sagte er wohl ...“

„Durchaus nicht sein Geburtstag!“ rief plötzlich Ssaschenjka dazwischen.

„Wie denn nicht?“ fragte mein Onkel mit gesträubtem Haar.

„Gar nicht sein Geburtstag, Papa! Sie sagen einfach die Unwahrheit, um sich selbst zu betrügen und Foma Fomitsch herauszureißen! Sein Geburtstag war doch schon im März. – Sie wissen doch noch, wie wir am Tage vorher zum Gottesdienst ins Kloster fuhren, und er keinen in der Equipage in Frieden sitzen ließ: er schrie die ganze Zeit, daß das _Kissen_ ihm die Seite _eingedrückt_ habe, und kniff dabei die anderen. Tantchen hat er in seiner Wut zweimal gekniffen! Und dann, als wir am Geburtstage zu ihm gingen, um zu gratulieren, da wurde er wieder wütend, weil in unserem Bukett keine Kamelien waren. ‚Ihr wißt, daß ich Kamelien liebe,‘ sagte er; ‚denn ich habe den Geschmack der vornehmen Welt, euch aber ist es nicht der Mühe wert gewesen, für mich in der Orangerie welche abzuschneiden, sie sind wohl zu schade gewesen für mich.‘ Und den ganzen Tag war er eigensinnig und launisch wie ein ungezogener Bengel, und wollte mit keinem von uns ein Wort sprechen! ...“

Ich glaube, selbst wenn eine Bombe mitten im Zimmer explodiert wäre, hätte sie die Anwesenden doch nicht so erschreckt und aufgeregt, wie es diese offene Empörung tat – und die Empörung wessen? – eines kleinen Mädchens, dem sonst in der Anwesenheit der Großmutter nicht einmal laut zu sprechen gestattet wurde! Die Generalin erhob sich, stumm vor Verwunderung und Entrüstung zugleich, richtete sich kerzengerade auf und sah ihr Enkeltöchterchen an, als traue sie ihren Augen nicht. Mein Onkel wurde blaß.

„So ein verzogenes Ding! Man will hier wohl die Großmutter mit Gewalt umbringen!“ stieß die Perepelizyna wutzischend hervor.

„Ssaschenjka, Ssaschenjka, besinne dich! Was ist mit dir, Ssaschenjka?“ rief mein Onkel in höchster Erregung seiner Tochter zu, wußte aber nicht, was er tun sollte.

„Ich will nicht mehr schweigen, Papa!“ schrie Ssaschenjka, die plötzlich vom Stuhl aufsprang und mit den Füßen trampelte. Ihre hübschen Augen sprühten nur so vor Zorn. „Ich will nicht mehr schweigen! Wir haben alle lange genug unter diesem Foma Fomitsch gelitten, unter eurem schändlichem scheußlichen Foma Fomitsch! Denn Foma Fomitsch wird uns alle zugrunde richten. Ihm wird ja nichts anderes vorgesungen, als daß er brav und gut und edel und gelehrt und die Vereinigung aller Tugenden der Welt sei, ein wahres Potpourri von Tugenden! Foma Fomitsch aber glaubt wie ein Esel alles, was man ihm sagt! Es sind ihm so viel süße Schüsseln vorgesetzt worden, daß ein anderer sich schämen würde, Foma Fomitsch aber hat alles aufgegessen, was nur vor ihn hingesetzt worden ist, und will immer noch mehr haben! Ihr werdet sehen, er wird uns alle auffressen! Und schuld daran ist Papa! Schändlich, schändlich ist Foma Fomitsch, das sage ich dreist und fürchte nichts! Er ist dumm, eigensinnig, ein Schmutzfink ist er, ein niedriger, herzloser Mensch, ein Tyrann, eine Klatschbase, ein erbärmlicher Lügner ... Ach, ich würde ihn sofort, sofort hinausjagen, Papa aber vergöttert ihn, Papa ist ja ganz vernarrt in ihn!“

Da ertönte ein „Ach!“ und die Generalin fiel in Ohnmacht – d. h. behutsam auf das Sofa.

„Oh, mein Täubchen, Agafja Timofejewna, mein Engel!“ flötete sofort hilfsbereit Anfissa Petrowna Obnoskina, „nehmen Sie mein Flakon! Wasser, schnell Wasser!“

„Wasser, Wasser!“ schrie nun auch mein Onkel. „Mama, Mamachen, beruhigen Sie sich! Ich flehe Sie auf den Knien an, beruhigen Sie sich! ...“

„Man müßte Sie bei Brot und Wasser in ein dunkles Zimmer setzen ... diese Menschenmörderin!“ schrie die Perepelizyna zitternd vor Wut Ssaschenjka an.

„Gut, ich werde nur von Brot und Wasser leben, ich fürchte mich nicht davor!“ rief Ssaschenjka zur Antwort zurück, in heller Begeisterung. „Ich verteidige nur meinen Papa! Mein Papa versteht nicht, sich selbst zu verteidigen! Was ist euer Foma Fomitsch gegen meinen Papa, was ist er? Er ißt Papas Brot und wagt es, Papa zu erniedrigen! Dieser Unverschämte! Ich würde ihn in Stücke zerreißen, euren ganzen Foma Fomitsch! Ich würde ihn zum Duell fordern und ihn auf der Stelle aus zwei Pistolen mausetot schießen ...“

„Ssaschenjka, Ssaschenjka!“ flehte ihr Papa. „Noch ein Wort – und ich bin verloren, unwiderruflich verloren!“

„Papachen!“ Ssaschenjka lief zu ihm hin, umarmte krampfhaft seinen Hals und brach in Tränen aus. „Papachen! Sie guter, lieber, lustiger, kluger Papa, wie können Sie sich nur so erniedrigen lassen! Wie können _Sie_, _Sie_ sich diesem schändlichen, undankbaren Menschen so unterordnen, wie können Sie sein Spielzeug sein und sich so lächerlich machen! Papachen, mein gutes, goldenes Papachen! ...“

Da schluchzte sie auf, bedeckte das Gesicht mit den Händen und lief aus dem Zimmer.

Die Aufregung war unbeschreiblich. Die Generalin lag in tiefer Ohnmacht. Ihr Sohn, der fast vierzigjährige Oberst, kniete vor dem Sofa und küßte ihre Hände. Fräulein Perepelizyna machte sich in der Nähe der Liegenden zu schaffen und warf böse, doch triumphierende Blicke auf uns. Anfissa Petrowna Obnoskina befeuchtete mit einem nassen Tuch die Schläfen der Generalin und hantierte mit ihrem Flakon. Praskowja Iljinitschna zitterte und weinte lautlos. Jeshowikin suchte einen Winkel, wo er sich hätte verstecken können, und die Erzieherin stand bleich und wie verloren vor ihrem Stuhl. Nur Misintschikoff, mein Vetter dritten Grades, blieb, wie er war: er stand bloß auf, trat schweigend ans Fenster und begann seelenruhig hinauszuschauen, ohne dem ganzen Vorgang auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu schenken.

Da erhob sich plötzlich die Generalin aus der Ohnmacht, sie erhob sich auch vom Sofa, erhob sich und richtete sich sogar auf und maß mich mit drohendem Blick.

„Hinaus!“ rief sie plötzlich und stampfte mit dem Fuß auf.

Offen gestanden: ich hatte alles eher erwartet als das.

„Hinaus! Hinaus aus diesem Hause! Hinaus! Wozu ist er hergekommen? Daß sein Atem nicht mehr hier zu spüren sei! Hinaus!“

„Aber Mama! Wie kommen Sie darauf! Das ist doch Sserjosha!“ stotterte mein Onkel – wenn ich mich nicht täusche, zitterte er am ganzen Körper. „Aber er ist doch zu uns zu Besuch gekommen, Mama!“

„Was für ein Sserjosha? Unsinn! Ich will nichts hören – hinaus! Das ist Korowkin! Ich bin überzeugt, daß es Korowkin ist! Meine Ahnung täuscht mich nicht! Er ist hergekommen, um Foma Fomitsch zu verdrängen, nur zu diesem Zweck hat man ihn hergerufen! Mein Herz fühlt es ... Hinaus, Elender!“

„Lieber Onkel, wenn es so ist,“ begann ich mit einer Stimme, in der ehrlicher Unwille bebte, „wenn es so ist, dann werde ich ... entschuldigen Sie mich ...“ Und ich wollte mich nach meinem Hut umsehen.

„Ssergei, aber so hör doch, Ssergei, was tust du! ... Da ist nun dieser ... Mama! das ist doch Sserjosha! ... Ssergei, besinne dich!“ Er holte mich mit schnellen Schritten ein, um mich zurückzuhalten. „Du bist mein Gast, du wirst hierbleiben, ich will es! Sie sagt es ja nur so!“ fügte er halblaut hinzu, „das ist ja nur, weil sie sich ärgert ... Nur jetzt, in der ersten Zeit, wäre es vielleicht besser, wenn du dich etwas unsichtbar machtest ... nur eine Zeitlang – und alles wird wieder gut sein! Sie wird dir bestimmt verzeihen, – ich versichere dich! Sie ist ja doch ein guter Mensch ... Das war ja nur so ... sie hat sich versprochen ... Du hörst doch, sie hält dich für Korowkin, aber sie wird es vergessen und wird verzeihen, glaube mir! ... Was willst du?“ rief er plötzlich dem alten Gawrila zu, der in diesem Augenblick furchtzitternd ins Zimmer trat.

Gawrila kam nicht allein: ihm folgte ein etwa sechzehnjähriger Knabe vom Gesinde, der, wie ich später erfuhr, wegen seiner Schönheit ins Herrenhaus genommen worden war. Er hieß Falalei. Mir fiel sofort seine Kleidung auf: er trug eine rotseidene russische Bluse, die um den Hals herum ausgenäht war, einen Gürtel aus breiten Goldtressen, schwarze, weite Pluderhosen und bocklederne Stiefel mit roten saffianledernen Stulpen. Dieses Kostüm hatte die Generalin persönlich für ihn ausgedacht. Der Knabe weinte bitterlich, und die Tränen rollten eine nach der anderen aus seinen hübschen, blauen Augen über seine roten Backen.

„Was hat denn das zu bedeuten?“ rief mein Onkel. „Was ist geschehen? So sprich doch, Junge!“

„Foma Fomitsch haben geruht, uns herzubefehlen,“ antwortete betrübt Gawrila. „Mich zum Examen und ihn ...“

„Und ihn?“

„Er hat getanzt!“ war Gawrilas weinerliche Antwort.

„Getanzt!“ Entsetzen drückte sich auf dem Gesicht meines Onkels aus.

„Ge–e–e–tanz–t!“ brüllte Falalei schluchzend und schluckend.

„Die Kamarinskaja?“

„Die Kama–a–arinskaja!“

„Und Foma Fomitsch hat dich dabei ertappt?“

„Erta–appt!“

„Das hat gerade noch gefehlt!“ stöhnte mein Onkel. „Jetzt bin ich verloren!“ Und er faßte sich mit beiden Händen an den Kopf.

Da trat der Diener Widopljässoff ins Zimmer und meldete:

„Foma Fomitsch.“

Die Tür ging auf, und Foma Fomitsch erschien in eigener Person vor dem ratlosen Publikum.

VI.

Vom weißen Ochsen und der Kamarinskaja.

Bevor ich die Ehre haben werde, das Äußere Foma Fomitschs dem Leser, so gut ich dies kann, vor Augen zu führen, halte ich es für durchaus notwendig, in Kürze von Falalei einiges zu erzählen und namentlich zu erklären, inwiefern es denn so ungeheuerlich war, daß er die Kamarinskaja getanzt und Foma Fomitsch ihn bei dieser fröhlichen und, man sollte meinen, harmlosen Zerstreuung überrascht hatte.

Falalei war als Sohn eines Hofbauern in Stepantschikowo zur Welt gekommen und hatte seine Eltern im ersten Lebensjahre verloren. Die verstorbene Frau meines Onkels war seine Taufmutter gewesen. Mein Onkel liebte ihn sehr. Dies genügte, um ihn Foma Fomitsch, als er aufs Gut übergesiedelt war und den Gutsherrn sich unterworfen hatte, verhaßt zu machen. Doch zu Fomas Pein geschah es, daß der Knabe auch der Generalin ganz besonders gefiel: und so blieb denn Falalei, trotz Foma Fomitschs ganzer Wut, nach wie vor bei der Herrschaft gut angeschrieben. Die Generalin bestand auf ihrer Neigung, und Foma mußte nachgeben, wenn er auch im Herzen die „Kränkung“ nicht vergaß – er hielt ja alles für eine „Kränkung“ seiner Person – und sich dafür an meinem armen Onkel, der in diesem Falle doch wirklich unschuldig war, bei jeder sich nur bietenden Gelegenheit rächte.

Falalei war in seiner Art allerdings eine Schönheit. Eigentlich hatte er ein Mädchengesicht, das Gesicht einer Dorfschönheit. Die Generalin verwöhnte und beschützte ihn. Er war ihr teuer wie etwa ein nettes, seltenes Spielzeug, und man wußte nicht, wen sie mehr liebte: ihr kleines Schoßhündchen Ami oder diesen Falalei. Sein Kostüm habe ich bereits beschrieben. Die Damen gaben ihm obendrein noch Salben und Pomaden, und der Barbier und Friseur Kusjma mußte ihm zu den Feiertagen Locken brennen. Andererseits war dieser Knabe ein sonderbares Geschöpf: man konnte ihn nicht einen vollkommenen Idioten oder Geistesschwachen nennen; doch war er dermaßen naiv, in seiner Redeweise dermaßen wahrheitsgetreu und offenherzig, daß man ihn mitunter wirklich für einen großen Dummkopf halten konnte. Hatte er in der Nacht einmal einen Traum gehabt, so erzählte er ihn sofort der Herrschaft. Er mischte sich sogar in ihr Gespräch ein, unbekümmert darum, daß er ihnen ins Wort fiel. Er erzählte zuweilen Dinge, die man als Hofjunge der Gutsherrschaft ganz unmöglich erzählen kann. Er weinte die aufrichtigsten Tränen, wenn seine Herrin – die Generalin – in Ohnmacht fiel, oder wenn sein Herr gar zu sehr von Foma beschuldigt wurde. Er hatte für jedes Unglück ein mitfühlendes Herz. Zuweilen schlich er zur Generalin, küßte ihr die Hände und bat sie, nicht böse zu sein – und die Alte verzieh ihm gnädig alle Dreistigkeiten. Er hatte ein äußerst empfindsames Gemüt, war gut und friedfertig wie ein Lämmlein auf der Weide und heiter wie ein glückliches Kind. Bei Tisch wurde ihm immer etwas Süßes gegeben.

Bei jeder Mahlzeit stellte er sich regelmäßig hinter dem Stuhl der Generalin auf und wartete, bis er sein Naschwerk erhielt. Gab man ihm ein Stück Zucker, so zerknabberte er es unverzüglich mit seinen milchweißen Zähnen. Dann leuchtete in seinen lustigen Blauaugen wie in seinem ganzen hübschen Gesicht unbeschreibliche Zufriedenheit auf.

Lange zürnte Foma. Endlich überlegte er sich die Sache und sagte sich, daß er damit nichts ausrichten könne: so beschloß er dann, Falaleis Wohltäter zu werden. Nachdem er zuerst meinem Onkel die Leviten dafür gelesen hatte, daß dieser sich um die Bildung seines Hofgesindes gar nicht kümmere, nahm er sich vor, dem armen Knaben sofort Moral, gute Manieren und die französische Sprache beizubringen.

„Wie!“ rief er aus, als er seinen unsinnigen Einfall verteidigte, einem Bauernknaben Französisch beizubringen (einen Einfall, der übrigens nicht nur einem Foma Fomitsch gekommen ist, was der Aufzeichner dieser Erinnerungen selbst bezeugen kann) – „wie! er ist beständig hier im Herrenhause bei seiner Herrin: wenn sie nun einmal vergißt, daß er nicht Französisch versteht und zum Beispiel sagt ‚^donneh mua mon muschuar^‘, so muß er sich doch auch in einem solchen Fall zurechtfinden und sie sofort bedienen können!“

Leider zeigte es sich sehr bald, daß dem Falalei nicht nur die französische Sprache nicht beizubringen war, sondern daß auch der Koch Andron, sein Onkel, der sich, vollkommen uneigennützig, lange genug gemüht hatte, ihm das russische Alphabet beizubringen, schon längst die Hoffnung aufgegeben und die Fibel auf das Regal zurückgelegt hatte. Falalei war für geistige Belehrung so unzugänglich, daß nichts, aber auch nichts in seinem Gedächtnis haften blieb. Ja, dieser Belehrungsversuch sollte noch ein Nachspiel haben: das Hofgesinde begann alsbald, Falalei als „Franzosen“ zu necken – der alte Gawrila aber, der verdienstvolle Kammerdiener meines Onkels, unterstand sich, der Erlernung dieser fremden Sprache offen jeden Nutzen abzusprechen. Dieses Urteil des alten Dieners kam auch Foma Fomitsch zu Ohren, und da befahl dieser in seinem Zorn, daß der Opponent Gawrila von nun an selbst die französische Sprache erlernen müsse. Und das war der Anfang dieser ganzen „Französischen Marotte“, die Herrn Bachtschejeff in solche Wut versetzt hatte.

Mit den guten Manieren, die Foma dem Knaben beibringen wollte, machte er noch schlechtere Erfahrungen: es wollte ihm in keiner Beziehung gelingen, Falalei nach seinem Geschmack umzumodeln. Falalei kam trotz des Verbots jeden Morgen zur Generalin, um seine Träume zu erzählen, was Foma höchst unanständig, weil allzu „familiär“, fand. Falalei aber war und blieb Falalei. Es versteht sich wohl von selbst, daß für dieses ganze Mißgeschick am meisten und vor allen anderen wieder mein Onkel büßen mußte.

„Wissen Sie auch, wissen Sie auch, was er heute getan hat?“ schrie eines Tages Foma, wozu er um der größeren Wirkung willen die Zeit wählte, in der alle versammelt waren ... „Wissen Sie auch, Oberst, wie weit Sie es mit Ihrer systematischen Vernachlässigung bringen? Heute verschlang er ein Stück Fischpastete, das man ihm bei Tisch gegeben hatte, und wissen Sie, was er nachher sagte? Komm her, komm her, armselige Kreatur, komm her, du Idiot, du rote Fratze! ...“

Falalei näherte sich weinend und wischte sich mit beiden Fäusten die Tränen ab.

„Was hast du gesagt, als du die Pastete verschlungen hattest? Wiederhole es noch einmal!“

Falalei brach, statt zu antworten, in bittere Tränen aus.

„Dann werde ich es für dich tun. Du sagtest, indem du auf deinen vollgestopften Bauch klopftest: ‚Habe mich mit Pasteten vollgeschlagen wie Martyn mit Seife!‘ – Bedenken Sie, Oberst, – kann man denn so etwas in einer gebildeten Gesellschaft sagen, und dazu noch in der höheren Gesellschaft? Hast du das gesagt? Sprich!“

„Ha–ab gesa–agt! ...“ bestätigte Falalei schluckend, und erneute Tränenströme rannen herab.

„So. Dann sag mir jetzt: ißt denn Martyn Seife? Wo hast du einen solchen Martyn gesehen, der Seife ißt? Sag doch, gib mir eine Vorstellung von diesem phänomenalen Martyn!“

Schweigen.