Sämtliche Werke 16

Part 9

Chapter 93,195 wordsPublic domain

„Warten Sie, warten Sie!“ rief sie mir zu, sich eilig von ihrer Vertrauten wieder abwendend, als hätte sie gefürchtet, ich könnte fortgehen, „hören Sie, wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde? Sie ähneln auffallend, auffallend einem jungen Menschen, einem be–zau–bernden jungen Menschen! ... Ssaschenjka, Nastenjka, wißt ihr noch? Er gleicht doch auffallend jenem Toren – weißt du noch, Ssaschenjka? Wir fuhren spazieren und begegneten ihm ... zu Pferde, in einer weißen Weste ... er richtete noch sein Lorgnon auf mich, der Unverschämte! Wißt ihr noch, ich schlug meinen Schleier vors Gesicht, hielt es dann aber doch nicht aus, beugte mich aus dem Wagen und rief ihm ein ‚Sie Unverschämter!‘ nach. Und dann warf ich mein Bukett auf die Landstraße ... Entsinnen Sie sich dessen noch, Nastenjka?“

Und das halb geistesgestörte Mädchen, das von Männern nie gleichmütig sprechen konnte, bedeckte das Gesicht mit den Händen ... – Plötzlich sprang sie auf, lief zum Fenster, riß dort von einem Rosenstock eine Blüte ab, warf sie mir zu – die Blüte fiel in meiner Nähe hin – und lief aus dem Zimmer. Wir hatten das Nachsehen! Diesmal aber war man doch etwas aus dem Gleichgewicht gebracht, wenn auch die Generalin, ganz wie das erstemal, ihre Ruhe nicht verlor. Anfissa Petrowna war nicht erstaunt, aber sie sah jetzt besorgt aus und blickte kummervoll ihren Sohn an. Die übrigen Damen erröteten, und „^Paul^“ Obnoskin erhob sich von seinem Platz und trat, mit einem mir damals ganz unverständlichen geärgerten Ausdruck, ans Fenster. Mein Onkel versuchte, mir verstohlen einige Zeichen zu machen; doch in dem Augenblick trat ein fremder Mensch ins Zimmer und lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich.

„Ah! Da ist ja auch Jewgraf Larionytsch! Du kommst ja wie gerufen!“ rief ihm mein Onkel, unbeschreiblich erfreut, entgegen. „Nun, was, Freund, geradenwegs aus der Stadt?“

„Na, das sind mir mal eigenartige Wesen! Es scheint fast, daß sie alle mit Absicht hier versammelt worden sind!“ dachte ich bei mir im stillen, da ich noch nicht recht begriff, was ich sah und hörte, und – selbstverständlich – ohne zu ahnen, daß ich die Sammlung dieser Sonderlinge durch mein Erscheinen unter ihnen noch um ein Exemplar vermehrt hatte.

V.

Jeshowikin.

Ins Zimmer trat oder, richtiger gesagt, drehte sich durch die Tür (obgleich die Tür sehr breit war) eine Figur, die bereits auf der Schwelle Bücklinge machte, grüßte und lächelte, während die Augen mit ungeheuerem Interesse alle Anwesenden eilig musterten. Es war das ein kleiner, alter Mann, pockennarbig, mit einer großen Glatze, mit flinken, klugen Äuglein und mit einem unbestimmbaren, feinen Lächeln auf den ziemlich dicken Lippen. Er trug einen Frack, der recht abgetragen aussah und wahrscheinlich für einen anderen gemacht war. Ein Knopf baumelte nur noch an einem Faden, zwei oder drei Knöpfe fehlten ganz. Die zerrissenen Stiefel und die schmierige Mütze stimmten mit dem übrigen Anzug durchaus überein. In der rechten Hand hatte er ein baumwollenes, kariertes Schnupftuch, das er ersichtlich schon oft benutzt hatte, und mit dem er sich jetzt den Schweiß von Stirn und Schläfen wischte. Zufällig bemerkte ich, daß die Erzieherin ein wenig errötete und mich flüchtig ansah. Ja, es schien mir sogar, daß in diesem Blick gleichsam Stolz und eine gewisse Herausforderung lagen.

„Geradenwegs aus der Stadt, mein verehrter Wohltäter! Geradenwegs von dort, mein Vater! Werde alles erzählen, erlauben Sie nur, daß ich zuerst meine Ehrerbietung bezeuge,“ sagte das eingetretene alte Männlein und begab sich schnurstracks zur Generalin, blieb aber dann doch auf halbem Wege stehen und wandte sich von neuem an meinen Onkel.

„Sie geruhen ja doch meinen Hauptcharakterzug bereits zu kennen, verehrter Wohltäter: ein Lump bin ich, ein echter Lump! Pflege ich doch, sobald ich über die Schwelle trete, sofort die Hauptperson des Hauses aufzusuchen und zuerst meine Schritte zu ihr zu lenken, um mittels dieses Schrittes alsogleich Gnade und Gunst und Vorteil zu erlangen. Ein Lump, Väterchen, wie gesagt, ein Lump, mein Wohltäter! Gestatten Sie gnädigst, Exzellenz, den Saum Ihres Gewandes zu küssen; denn mit meinen Lippen würde ich Ihr goldenes Händchen, das hochwohlgeborene, nur entweihen.“

Die Generalin reichte ihm zu meinem Erstaunen ihre Hand – und tat es sogar noch ziemlich gnädig.

„Und auch Ihnen, unserer Schönheit, mache ich meinen Diener,“ fuhr er fort, indem er sich vor Fräulein Perepelizyna verneigte. „Nichts zu wollen, mein gnädiges Fräulein: bin ein Lump! Schon im Jahre 1841 war es ausgemacht, daß ich ein Lump sei, als ich aus dem Dienst ausgeschlossen wurde, gerade damals, als Valentin Ignatjitsch Tichonzeff zum Hochwohlgeborenen avancierte: den Assessor erhielt. Tatsächlich, er kam unter die Assessoren und ich unter die Lumpen. Aber ich bin nun einmal so aufrichtig geboren, daß ich alles eingestehe. Was soll man machen! Versuchte es, ehrlich zu leben, versuchte es, jawohl – jetzt aber muß man es anders anstellen. Alexandra Jegorowna, unser verzuckertes Äpfelchen,“ fuhr er fort und ging um den Tisch herum, um sich vor Ssaschenjka zu verbeugen, „erlauben Sie mir, einen Zipfel Ihres Kleidchens zu küssen, – Sie, Fräuleinchen, duften ja wie Äpfelchen und sämtliche Wohlgerüche der Welt. Dem Stammhalter, der morgen seinen Namenstag feiert, gleichfalls meine Reverenz. Pfeil und Bogen habe ich mitgebracht, habe selbst den ganzen Morgen daran geschnitzt ... meine Kinderchen haben mir geholfen ... jawohl, später können wir schießen. Zuerst aber muß man hübsch groß werden, dann kann man Offizier werden und dem Türken den Kopf abschlagen. Tatjana Iwanowna ... ach, nicht anwesend, wie ich sehe! Sonst würde ich den Saum auch ihres Kleides küssen. Praskowja Iljinitschna, unser Hausmütterchen, kann mich bloß nicht zu Ihnen durchzwängen, anderenfalls würde ich Ihnen nicht nur Ihre Händchen, sondern auch Ihre Füßchen küssen – jawohl! Anfissa Petrowna, bezeuge hiermit meine verschiedentlichste Achtung. Noch heute habe ich für Sie zu Gott gebetet, meine Wohltäterin, sogar kniend und tränenden Auges, und desgleichen für Ihren Herrn Sohn, damit Gott der Herr ihm alle notwendigen Titel und Talente beschere – namentlich Talente, wie gesagt! Bei der Gelegenheit entrichte ich auch Ihnen, Iwan Iwanytsch Misintschikoff, meinen untertänigsten Ehrensold. Möge der Herr Ihnen alles zukommen lassen, was Sie sich selbst wünschen; denn es dürfte schwierig sein, richtig zu erraten, was Sie sich selbst wünschen: schweigsam wie Sie sind und – aber das schadet nichts ... Guten Tag, Nastjä! alle Krabben lassen dich grüßen, reden jeden Tag von dir. Und jetzt dem Hausherrn meine tiefste Verbeugung. Komme aus der Stadt, Euer Gnaden, schnurstracks aus der Stadt. Und das da ist wahrscheinlich Ihr Neffe, der in der Gelehrtenschule erzogen worden ist, nicht wahr? Meinen ergebensten Gruß, junger Herr. Ihre Hand, wenn ich bitten darf.“

Man lachte. Es war klar, daß der Alte freiwillig die Rolle eines Spaßvogels spielte, über den ein jeder lachen durfte. Schon sein Erscheinen erheiterte die ganze Gesellschaft. Die meisten verstanden dabei seine Sarkasmen überhaupt nicht. Er aber verschonte fast keinen einzigen mit ihnen. Nur die Erzieherin, die er – ich wunderte mich nicht wenig darüber – kurzweg Nastjä nannte, errötete und blieb ernst.

Ich zog unwillkürlich meine Hand etwas zurück, doch darauf hatte der Alte offenbar nur gewartet.

„Ich will sie Ihnen ja nur drücken, mein Bester, vorausgesetzt, daß Sie es erlauben – nicht aber küssen. Oder glaubten Sie wirklich, daß ich sie küssen wollte? Nein, mein Lieber, vorläufig wollte ich sie nur drücken. Sie halten mich wohl für so einen herrschaftlichen Narren?“ fragte er mich plötzlich mit spöttischem Lächeln in den Augen.

„N–ein, wieso ... wie sollte ich ...“

„Doch, doch, Verehrtester! Wenn ich ein Narr bin, so ist es ein gewisser anderer hier auch. Sie aber können mich noch mit ruhigem Gewissen achten: ein solcher Lump, wie Sie glauben, bin ich denn doch noch nicht. Übrigens, genau genommen – warum soll ich kein Narr sein? Ich bin ein Sklave, meine Frau ist eine Sklavin. Schmeichle, schmeichle! Jawohl! Etwas gewinnt man dabei doch, und wenn’s auch nur zur Milch für die Kinderchen reicht. Zucker, Zucker streu nur überall aus, dann wird es besser gehen. Das sage ich Ihnen, Verehrtester, nur so unterm Siegel der Verschwiegenheit – vielleicht wird diese Methode auch Ihnen einmal zustatten kommen. Fortuna hat mich auf dem Gewissen, mein Bester, deshalb bin ich auch ein Narr.“

„Ha–ha–ha! Was dieser Alte doch für ein Spaßvogel ist! Immer bringt er einen zum Lachen!“ meinte, gut aufgelegt, Anfissa Petrowna Obnoskina.

„Meine gnädigste Wohltäterin, als Dummkopf kommt man besser durch die Welt! Hätte ich das früher gewußt, so hätte ich mich von Kindheit an unter die Dummen begeben – dann könnte ich jetzt klug sein. Da ich aber in der Jugend klug sein wollte, muß ich jetzt im Alter dumm sein.“

„Sagen Sie doch, bitte,“ mischte sich Obnoskin ein (dem wahrscheinlich die Bemerkung bezüglich der „Talente“ nicht gefallen hatte), nahm zugleich auf seinem Lehnstuhl eine sehr selbstbewußte Pose an und betrachtete den Alten durch sein Einglas, als hätte er ihn wie einen Bazillus unter der Lupe, „sagen Sie doch, bitte, ... ich vergesse immer Ihren Namen ... verdammt, wie war er doch?“

„Ach, mein Väterchen! Mein Familienname ist ja alles in allem Jeshowikin, aber was nützt das schließlich? Da bin ich nun schon das neunte Jahr ohne Anstellung – lebe nur noch dank dem ... Naturgesetz. Dabei habe ich Kinder, Kinder, mehr als nötig! Ganz nach dem Sprichwort: ‚der Reiche hat – Kälber, der Arme – Kinder‘ ...“

„Nun, ja, schön ... Kälber ... das gehört übrigens nicht hierher, davon später. Aber hören Sie, ich wollte Sie etwas fragen: warum sehen Sie, wenn Sie eintreten, immer – sozusagen – zurück? Das wirkt sehr komisch.“

„Warum ich zurücksehe? Weil es mir immer scheint, daß mich jemand hinter mir mit der flachen Hand platt schlagen will, wie eine Fliege, jawohl, und deshalb sehe ich mich immer nach rückwärts um. Bin allem Anschein nach monomanisch geworden, mein Bester.“

Wieder lachten alle. Nur die Erzieherin erhob sich und schien das Zimmer verlassen zu wollen, sank dann aber doch wieder auf ihren Platz zurück. In ihrem Gesicht war ein kranker, leidender Zug trotz der Röte, die auf ihren Wangen brannte.

„Weißt du auch, Freund, wer das ist?“ fragte mich mein Onkel heimlich. „Das ist ihr Vater.“

Ich sah ihn mit weit offenen Augen an. Den Namen Jeshowikin hatte ich ganz und gar vergessen. Ich hatte mich als Ritter gefühlt, hatte während der ganzen Reise nur an meine Zukünftige gedacht und großmütige Pläne geschmiedet, und dennoch ihren Familiennamen vergessen, oder richtiger, ihm von Anfang an überhaupt keine Beachtung geschenkt.

„Wieso, ihr Vater?“ fragte ich gleichfalls flüsternd. „Aber sie ist doch, denke ich, Waise?“

„Ihr Vater, Freund, ihr Vater. Und weißt du, der ehrlichste und anständigste Mensch der Welt – trinkt nicht mal. Nur spielt er freiwillig den Spaßvogel. Entsetzliche Armut, weißt du, acht Kinder! Leben nur von Nastenjkas Gehalt. Aus dem Dienst ist er wegen seiner scharfen Zunge entlassen worden. Er kommt in jeder Woche einmal her. Und stolz ist er, – für keinen Preis wird er etwas annehmen. Ich habe ihm oft geben wollen, – er nimmt aber nichts an. Ein verbitterter Mensch!“

„Na also, mein alter Jewgraf Larionytsch, was gibt es denn dort bei euch Neues?“ fragte mein Onkel und schlug ihm kameradschaftlich mit der Hand auf die Schulter, da er bemerkt hatte, daß dem mißtrauischen Alten unser heimliches Gespräch nicht entgangen war.

„Was soll es Neues geben, mein Wohltäter? Valentin Ignatjitsch hat gestern ein Schreiben eingereicht, in der Trischin-Affäre. Es hat sich herausgestellt, daß bei ihm nicht das volle Quantum Mehl zur Stelle war. Das ist, meine Gnädigste, jener selbe Trischin, der, wenn er einen ansieht, genau so aussieht, als bliese er einen Samowar an. Vielleicht geruhen Sie, sich seiner noch zu erinnern? Und so hat denn Valentin Ignatjitsch von diesem Trischin zu den Alten gegeben: ‚Wenn der oft genannte Trischin,‘ schreibt er, ‚nicht einmal die Ehre seiner leiblichen Nichte zu wahren gewußt hat – denn diese ist vor einem Jahr mit einem Offizier losgegangen, – wie sollte er dann,‘ schreibt er, ‚Kronseigentum aufzubewahren wissen?‘ Das hat er tatsächlich so in seinem Schreiben gesagt – bei Gott, ich lüge nicht.“

„Pfui, was Sie für Geschichten erzählen!“ rief Anfissa Petrowna Obnoskin verächtlich aus.

„Ja ja, diesmal hast du dich etwas verhauen, Freund Jewgraf!“ pflichtete ihr mein Onkel schnell bei. „Ei, ei, du wirst noch wegen deiner Zunge viel Ungemach erleben. Ich weiß, du bist ein offener, ehrlicher, edelmütiger Mensch – das kann ich bestätigen – aber deine Zunge ist gefährlich! Ich wundere mich, wie es kommt, daß du mit ihnen dort nicht in Frieden leben kannst. Sie sind doch, glaube ich, gute, einfache Menschen ...“

„Mein Vater und Wohltäter! Aber den einfachen Menschen – den fürchte ich ja gerade!“ rief der Alte mit einer ganz eigenartigen Leidenschaftlichkeit aus.

Die Antwort gefiel mir. Ich trat schnell entschlossen auf ihn zu und drückte ihm fest die Hand. Um die Wahrheit zu sagen, wollte ich nur mit irgend etwas gegen die allgemeine Meinung protestieren, indem ich dem Alten offen meine Zuneigung bewies. Vielleicht aber – wer weiß! – vielleicht wollte ich nur in der Meinung Nastassja Jewgrafownas, der Erzieherin, etwas gewinnen. Doch aus meiner plötzlichen Handlungsweise wurde, genau genommen, nichts allzu Gescheites.

„Gestatten Sie eine Frage,“ sagte ich, wie gewöhnlich errötend und mich überhastend, „haben Sie von den Jesuiten gehört?“

„Nein, mein Bester, nichts, oder nur so ein wenig, dies und jenes ... wo soll unsereiner was hören! ... Aber was ist mit ihnen?“

„Ich meinte nur so ... ich wollte, da das Gespräch darauf kam, nur erzählen ... Übrigens, erinnern Sie mich daran bei Gelegenheit. Jetzt aber ... seien Sie überzeugt, daß ich Sie verstehe und ... zu schätzen weiß ...“

In meiner hilflosen Verwirrung drückte ich ihm noch einmal die Hand.

„Unbedingt, mein Verehrtester, unbedingt werde ich Sie daran erinnern! Werde es mir mit goldenen Lettern ins Gedächtnis schreiben. Warten Sie, wenn Sie erlauben, werde ich mir noch schnell einen Knoten ins Schnupftuch binden, damit ich’s nicht vergesse.“

Und in der Tat suchte er an seinem schmutzigen Taschentuch ein trockenes Eckchen, das er dann eifrig zum Knoten schlang.

„Jewgraf Larionytsch, hier ist Ihr Tee,“ sagte Praskowja Iljinitschna.

„Sofort, meine schönste Dame, sofort, ... will sagen, Prinzessin, meine schönste Prinzessin ... nicht nur Dame! Das wäre für den Tee. Bin unterwegs Herrn Stepan Alexejewitsch Bachtschejeff begegnet, meine Gnädigste! Er war bei so guter Laune, daß Gott erbarm! Ich glaubte schon, daß er auf Freiersfüßen ging ... Schmeichle, schmeichle!“ sagte er dann halblaut zu mir, als er mit seiner Teetasse an mir vorüberging, mir zublinzelte und sein ganzes Gesicht verzog. „Aber woran liegt es denn, daß man den Hauptwohltäter, unseren Foma Fomitsch, heute nicht zu sehen bekommt? Wird er denn nicht zum Tee erscheinen?“

Mein Onkel zuckte zusammen, als wäre er gestochen worden, und warf einen scheuen Blick auf die Generalin.

„Ich ... ich weiß wirklich nicht,“ antwortete er unentschlossen und eigentümlich befangen. „Er ist gerufen worden, aber er ... Ich weiß es wirklich nicht, vielleicht fühlt er sich nicht aufgelegt ... Ich habe schon Widopljässoff geschickt ... und ... oder soll ich vielleicht selbst gehen?“

„Ich war soeben bei ihm,“ bemerkte Jeshowikin vielsagend.

„Wirklich?“ fragte mein Onkel erschrocken. „Nun, und?“

„Ging zuerst zu ihm, um ihm meine Ehrerbietung zu beweisen. Er sagte, daß er sich in der Einsamkeit am Tee laben würde, und dann fügte er noch hinzu, daß er sich auch von trockenen Brotrinden nähren könne, – genau so waren seine Worte!“

Diese Worte erfüllten meinen Onkel, wie es schien, mit wahrem Entsetzen.

„Aber so hättest du es ihm doch erklären sollen, Jewgraf Larionytsch! Hättest es ihm doch auseinandersetzen sollen!“ sagte er, indem er den Alten traurig und vorwurfsvoll zugleich ansah.

„Ich hab’ ihm ja auch gesagt, hab’ geredet ...“

„Nun?“

„Lange geruhte er mir nicht zu antworten. Er saß über einer mathematischen Aufgabe, berechnete etwas: offenbar eine Aufgabe zum Kopfzerbrechen. Zeichnete vor meinen Augen die Hosen des Pythagoras auf, sah es selbst ganz genau. Dreimal wiederholte er dasselbe, erst beim vierten geruhte er das Haupt zu erheben – und da war’s, als sähe er mich überhaupt zum erstenmal. ‚Ich werde nicht gehen,‘ sagte er, ‚dort ist ja jetzt ein _Gelehrter_ angekommen, wie sollen wir noch neben einer solchen Leuchte Platz finden!‘ Genau so geruhte er sich auszudrücken: ‚neben einer solchen Leuchte‘.“

Und der Alte blickte mich von der Seite mit feinem Spott an.

„Das ahnte ich ja!“ rief mein Onkel verzweifelt aus, „das konnte ich mir ja denken! Das hat er von dir gesagt, Ssergei, dich hat er damit gemeint – mit dem ‚Gelehrten‘! Was nun?“

„Ich muß gestehen, Onkel,“ sagte ich mit einem Achselzucken und möglichst unbekümmert, „ich finde diese Begründung seiner Absage so lächerlich, daß sie es wirklich nicht wert ist, beachtet zu werden, und daher wundere ich mich, offen gestanden, über Ihre Bestürzung.“

„Aber ach, Freund, was weißt du davon, das kannst du nicht beurteilen!“ unterbrach mich mein Onkel und wehrte mit energischer Handbewegung jeden weiteren Einwand ab.

„Jetzt ist es zu spät, zu trauern,“ mischte sich plötzlich Fräulein Perepelizyna ein, „wenn alles Böse von Ihnen selbst, Jegor Iljitsch, ausgegangen ist. Wenn einem der Kopf abgeschlagen ist, so trauert man nicht mehr um die Haare. Hätten Sie Ihrem Mütterchen gehorcht, so würden Sie jetzt nicht weinen.“

„Aber um Gottes willen, wieso bin ich denn daran schuld? Haben Sie doch ein wenig Angst vor Gott, Anna Nilowna!“ bat mein Onkel mit so flehender Stimme, als wolle er sie bitten, sein Liebesgeständnis anzuhören.

„Ich fürchte Gott, Jegor Iljitsch; aber es kommt doch alles nur daher, daß Sie egoistisch sind und Ihre leibliche Mutter nicht lieben,“ antwortete Fräulein Perepelizyna würdevoll. „Was hatten Sie für einen Grund, gleich von vornherein ihren Willen zu mißachten? Sie ist doch Ihre Mutter. Und ich werde Ihnen nicht die Unwahrheit sagen. Ich bin selbst die Tochter eines Majors ... und nicht nur irgend so eine!“

Es schien mir, daß die Perepelizyna sich einzig zu dem Zweck in das Gespräch einmischte, um uns allen, und namentlich mir, dem Neuangekommenen, zu wissen zu geben, daß sie selbst die Tochter eines Majors sei und nicht nur „irgend so eine“.

„Ja, das kommt daher, daß er seine Mutter beleidigt!“ sagte endlich drohend die Generalin.

„Aber Mama, erbarmen Sie sich! Wann beleidige ich Sie denn? Und warum?“

„Weil du ein unverbesserlicher Egoist bist, Jegoruschka,“ fuhr die Generalin fort, die sich durch die eigenen Worte gleichsam hinreißen ließ.

„Mama, aber Mama! Wann bin ich denn ein solcher Egoist gewesen?“ rief mein Onkel verzweifelt aus. „Seit fünf Tagen, seit ganzen fünf Tagen sind Sie mir böse und wollen kein Wort mit mir sprechen! Und weshalb nicht? Was habe ich verbrochen? Möge man mich doch richten, mag die ganze Welt mich richten! Aber man soll doch auch meine Rechtfertigung anhören! Ich habe lange geschwiegen, Mama. Sie wollten mich nie anhören. Mögen nun fremde Menschen mich anhören. Anfissa Petrowna! Pawel Ssemjonytsch, mein bester Pawel Ssemjonytsch! Ssergei, du mein einziger Freund! Du bist hier ein Unbeteiligter, bist sozusagen nur ein Zuschauer, du kannst unvoreingenommen urteilen ...“

„Beruhigen Sie sich, Jegor Iljitsch, um Gottes willen beruhigen Sie sich,“ fiel Anfissa Petrowna Obnoskina energisch ein, „töten Sie nicht Ihre Mutter!“

„Ich töte nicht meine Mutter, Anfissa Petrowna, aber hier ist meine Brust, – zerreißen Sie sie!“ fuhr mein Onkel fort, aufs äußerste erregt, wie das zuweilen mit Menschen geschieht, die einen schwachen Charakter haben, wenn man die Grenze überschreitet und ihre letzte Geduld endlich einmal „reißt“, wie man zu sagen pflegt. Doch ihre Heftigkeit vergeht gewöhnlich ebenso schnell, wie ein Strohfeuer verbrennt. Und so war es auch hier. „Ich will nur sagen,“ fuhr mein Onkel fort, „ich will nur sagen, Anfissa Petrowna, daß ich keinen beleidige. Ich bin der erste, der da sagt, daß Foma Fomitsch der edelste, ehrlichste Mensch ist und zum Überfluß auch noch ein Mensch von höchster Begabung; aber ... aber in diesem Fall hat er – unrecht an mir gehandelt.“

„Hm!“ machte Pawel Obnoskin, wie um meinen Onkel noch mehr zu reizen.