Sämtliche Werke 16

Part 13

Chapter 133,840 wordsPublic domain

„Tut nichts, tut nichts,“ sagte Foma, der ein wenig erbleicht war und sich zu einem Lächeln zwang. „Mag er nur reden: das sind ja doch nur Ihre Früchte ...“

„Ich werde jetzt einmal alles sagen,“ fuhr Gawrila fort, in den plötzlich irgendein Geist gefahren zu sein schien, – „alles sagen und nichts beschönigen! Und wenn man mir auch die Hände binden wird – meine Zunge kann man mir doch nicht binden. Ich weiß, Foma Fomitsch, daß ich vor Euch nur ein niedriger Mensch bin, ein Knecht, aber auch ich hab mein Ehrgefühl! Zu Dienstbarkeit bin ich Euch für alle Zeit verpflichtet, da ich als Unfreier geboren bin und jede Pflicht in Furcht gewissenhaft erfüllen muß. Wenn Ihr Euch einschließt, um ein Buch zu schreiben, so ist es meine Pflicht, daß ich Wache stehe und keinen zu Euch lasse, weil Ihr mir das so angesagt und befohlen habt. Und wenn Ihr Bedienung verlangt – ich tue alles gern. Nicht aber, daß ich in meinen alten Tagen noch wie ein Ausländer bellen und vor den Menschen mir solche Schmach und Schande antun lassen muß! Wage ich es doch jetzt nicht mehr, in die Gesindestube zu gehen: ein Franzose bist du, sagen sie mir alle, guten Tag, Herr Franzose! Nein, Foma Fomitsch, nicht ich Dummkopf allein, sondern alle guten Leute sagen dasselbe: daß Ihr jetzt wahrhaftig ein böser Mensch geworden seid, und daß unser Herr so gut wie ein kleines Kind zu Euch sind, und daß Ihr, wenn Ihr auch von Geburt so viel wie ein Generalssohn seid und es vielleicht selbst nicht viel weniger weit als bis zum General gebracht habt, so doch ebendasselbe seid, was man eine Furie nennt.“

Gawrila hatte zu Ende geredet. Ich war außer mir vor Entzücken. Foma Fomitsch saß bleich und vor Wut regungslos da, inmitten der allgemeinen Bestürzung, und schien nach diesem unerwarteten Angriff noch nicht zur Besinnung kommen zu können. Es war, als überlegte er, in welchem Maße er sich ärgern sollte, bis zu welchem Grade es richtig wäre, sich zu ärgern. Endlich erfolgte der erste Aufschrei.

„Wie!“ kreischte er auf. „Er hat es gewagt, mich zu beschimpfen! – mich! Aber das ist doch Rebellion!“ schrie Foma, vom Stuhl emporschnellend, mit der Stimme eines alten Weibes.

Seinem Beispiel folgte sogleich die Generalin: sie schlug sogar die Hände zusammen. Mein Onkel bemühte sich, den verbrecherischen Gawrila aus dem Gesichtskreise zu schaffen.

„Fesselt ihn, fesselt ihn! Legt ihn in Ketten!“ schrie die Generalin. „Laß ihn sofort in die Stadt bringen und gib ihn unter die Soldaten, Jegoruschka! Sonst versage ich dir meinen Muttersegen! Laß ihm sofort Fußfesseln anlegen – und dann unter die Soldaten!“

„Wie!“ schrie Foma, „dieser Knecht! dieser Chaldäer! dieser Hamlet! Er hat sich unterstanden, mich zu beschimpfen! Er, er, mein Schuhputzlappen! Er hat es gewagt, mich eine Furie zu nennen!“

Da trat ich plötzlich entschlossen vor.

„Ich muß gestehen, in diesem Fall bin ich vollkommen derselben Meinung wie Gawrila,“ sagte ich, zitternd vor Aufregung, und blickte Foma offen in die Augen.

Dieses Auftreten meinerseits machte ihn so bestürzt, daß er im ersten Augenblick, glaube ich, seinen Ohren nicht traute.

„Was soll denn das bedeuten!“ brachte er endlich hervor, stürzte wie rasend ein paar Schritte vor und durchbohrte mich gerader mit seinen kleinen, blutunterlaufenen Augen. „Was bist du denn für einer?!“

„Foma Fomitsch ...“ wollte mein Onkel, der selbst nicht wußte, wo sein Kopf stand, einlenken, „Foma Fomitsch, das ist Sserjosha, mein Neffe ...“

„Der Gelehrte!“ brüllte Foma auf, „das ist also jener _Gelehrte_! Liberté – Egalité – Fraternité! Journal des Débats! Nein, du lügst! Hier ist nicht Petersburg, hier kannst du nicht betrügen! Hol der Teufel deine Débats! Bei dir heißt es Débats, bei uns aber Kabbala! Gelehrter! Ich habe siebenmal mehr vergessen, als du überhaupt weißt! Was weißt du denn überhaupt?“ ...

Wenn man ihn nicht gehalten hätte, so würde er sich wahrscheinlich mit den Fäusten auf mich gestürzt haben.

„Aber er ist ja betrunken!“ sagte ich, mich im Kreise umblickend.

„Wer? _Ich?!_“ schrie Foma mit einer noch nie gehörten Stimme.

„Ja, Sie!“

„Betrunken?“

„Gewiß: betrunken!“

Das war zu viel für ihn. Er stieß einen Schrei aus, als wenn er aufgespießt worden wäre, und stürzte aus dem Zimmer. Die Generalin wollte, wie es schien, in Ohnmacht fallen, sagte sich aber, daß es besser wäre, Foma Fomitsch nachzueilen. Ihr folgten alle anderen, – und allen anderen folgte auch mein Onkel. Als ich wieder zu mir kam und mich umsah, fand ich im Zimmer außer mir nur noch Jeshowikin. Er lächelte und rieb sich die Hände.

„Von den Jesuiten versprachen Sie mir zu erzählen,“ sagte er mit einschmeichelnder Stimme.

„Was?“ fragte ich, da ich nicht begriff, wovon er sprach.

„Von den Jesuiten versprachen Sie vorhin zu erzählen ... eine Anekdote ...“

Ich ließ ihn stehen und eilte hinaus auf die Terrasse und von dort in den Garten. In meinem Kopf drehte sich alles durcheinander ...

VIII.

Die Liebeserklärung.

Wohl über eine Viertelstunde irrte ich, aufgebracht und äußerst unzufrieden mit mir, im Garten umher. Was sollte ich tun? Die Sonne stand schon tief im Westen ... Ich bog in eine dunkle Allee ein – und plötzlich stand Nastenjka vor mir. In ihren Augen blitzten Tränen. In der Hand zusammengeballt hielt sie ein Taschentuch.

„Ich habe Sie gesucht,“ sagte sie.

„Und ich Sie,“ antwortete ich. „Sagen Sie, ich bitte Sie: bin ich hier in einer Irrenanstalt?“

„Durchaus nicht!“ war die Antwort. Sie schien gekränkt zu sein und sah mich streng an.

„Aber wenn es nicht der Fall ist, warum geschieht dann das alles? Geben Sie mir doch um Gottes willen eine Erklärung, einen Rat! Wohin ist mein Onkel jetzt gegangen? Kann ich nicht zu ihm gehen? Es freut mich sehr, daß ich Sie getroffen habe, vielleicht werden Sie mich wenigstens über einiges aufklären.“

„Nein, gehen Sie jetzt nicht hin. Ich bin selbst fortgegangen ...“

„Aber wo sind sie denn jetzt alle?“

„Weiß ich es!? Vielleicht sind sie wieder in den Gemüsegarten gelaufen,“ sagte sie gereizt.

„In welch einen Gemüsegarten?“

„In der vergangenen Woche schrie Foma Fomitsch, daß er nicht mehr in diesem Hause bleiben wolle, und plötzlich lief er in den Gemüsegarten, fand im Schuppen glücklich einen Spaten und begann Beete zu graben. Wir wunderten uns alle und glaubten schon, daß er verrückt geworden sei. ‚Ich werde Erde schaufeln,‘ sagte er, ‚damit man mir später nicht vorwerfen kann, daß ich umsonst hier gelebt und gegessen habe. Wenn ich aber das gegessene Brot mit meiner Hände Arbeit bezahlt haben werde, dann werde ich mich aufmachen und fortgehen. So weit hat man mich gebracht!‘ Da aber weinten alle, und viel fehlte nicht, so wären sie vor ihm niedergekniet. Den Spaten wollten sie ihm mit Gewalt fortnehmen. Er aber grub und grub drauflos. Alle Rüben hat er umgegraben. Ist man ihm damals so begegnet, so wird er, denke ich, jetzt vielleicht dasselbe tun. Von ihm ist alles zu erwarten.“

„Und Sie ... Sie erzählen das so kaltblütig!“ rief ich in heftigem Unwillen aus.

Da sah sie mich mit aufblitzenden Augen von der Seite an.

„Verzeihen Sie mir: ich weiß eigentlich gar nicht mehr, was ich rede! ... Wissen Sie, weshalb ich hergekommen bin?“

„N–ein,“ antwortete sie errötend, und ein gewisses peinliches Gefühl spiegelte sich auf ihrem lieblichen Gesicht wider.

„Verzeihen Sie mir;“ fuhr ich fort, „ich bin jetzt ganz aus dem Konzept gebracht, und ich fühle, daß ich nicht in dieser Weise hätte anfangen sollen, davon zu sprechen ... namentlich mit Ihnen nicht ... Aber, gleichviel! Ich glaube, Offenheit ist in solchen Dingen immer das beste. Ich gestehe ... das heißt, ich wollte sagen ... Sie kennen doch die Absicht meines Onkels? Er wünscht, daß ich um Ihre Hand anhalte ...“

„Ach, welch ein Unsinn! Sprechen Sie nicht davon, ich bitte Sie!“ unterbrach sie mich heftig, während sie heiß errötete.

Ich war baff.

„Wieso: – Unsinn? Aber er hat es mir doch geschrieben!“

„Hat er es Ihnen wirklich so ohne weiteres geschrieben?“ fragte sie lebhaft. „Ach, er ist doch! ... Wie hat er mir dann versprechen können, daß er es _nicht_ schreiben werde! ... Welch ein Unsinn! Gott, welch ein Unsinn!“

„Verzeihen Sie,“ stotterte ich, da ich nicht wußte, was ich sagen sollte. „Vielleicht war es unvorsichtig von mir, vielleicht sogar roh ... Aber wer kann denn hier, nach diesen Erlebnissen ... Denken Sie doch nur, von ... weiß Gott was für Menschen und Plänen wir umringt sind ...“

„Ach, um Gottes willen, entschuldigen Sie sich doch nicht! Glauben Sie mir, daß es mir ohnehin schwer ist, davon reden zu hören; aber ich habe Sie gesucht, um von Ihnen etwas zu erfahren ... Ach, wie ärgerlich! So hat er es Ihnen also wirklich geschrieben? Das fürchtete ich ja am meisten! Mein Gott, was ist denn das für ein Mann! ... Und Sie glaubten natürlich sofort alles und kamen stehenden Fußes hergefahren? Das war gerade noch nötig!“

Sie verbarg ihren Ärger nicht im geringsten. Meine Lage war nichts weniger als beneidenswert.

„Offen gestanden, ich hatte nicht erwartet ...“ brachte ich in größter Verwirrung hervor. „Eine solche Wendung ... ich glaubte, im Gegenteil ...“

„Ah, also Sie glaubten?“ fragte sie mit leichter Ironie und biß sich die Lippe. „Wissen Sie – zeigen Sie mir den Brief, den er an Sie geschrieben hat?“

„Wie Sie wünschen.“

„Aber bitte seien Sie mir nicht böse, nehmen Sie es mir nicht übel! Es gibt ja auch ohnehin schon Leid genug!“ fuhr sie mit bittender Stimme fort, doch erschien schon wieder ein spöttisches Lächeln flüchtig auf ihren reizenden Lippen.

„Ach, halten Sie mich bitte nicht für so dumm!“ rief ich leidenschaftlich aus. „Sie sind vielleicht voreingenommen gegen mich? Vielleicht hat Ihnen jemand Schlechtes von mir erzählt? – Oder vielleicht – weil ich dort heute so schlecht abgeschnitten habe? Aber das ist ja nichts, – ich versichere Sie! Ich begreife sehr gut, für wie dumm Sie mich jetzt halten müssen. Aber lachen Sie, bitte, nicht über mich! Ich weiß nicht, was ich rede ... Aber das kommt ja alles nur daher, daß ich in diesem verwünschten Alter von zweiundzwanzig Jahren stehe!“

„Oh, mein Gott, was hat das damit zu tun?“

„Wie, was das damit zu tun hat? Aber wer zweiundzwanzig Jahre alt ist, dem steht ja die Jugend noch auf der Stirn geschrieben! Zum Beispiel wie mir, als ich vorhin so wider Willen in die Mitte des Zimmers flog, oder wie jetzt ... hier vor Ihnen ... Oh, dieses verwünschte Alter!“

„Oh, nein, nein!“ beteuerte Nastenjka, die sich kaum das Lachen verbeißen konnte. „Ich bin überzeugt, daß Sie ein guter, lieber und kluger Mensch sind. – Sie können mir glauben, daß ich es aufrichtig meine! Aber ... Sie sind nur sehr ... ehrgeizig, sehr ... eigenliebig. Doch das kann man sich ja noch abgewöhnen.“

„Ich glaube, daß ich nicht ehrgeiziger als nötig bin!“

„N ... das doch wohl nicht. Was war es denn vorhin, als Sie so verlegen wurden – und weshalb? Weil Sie beim Eintritt gestolpert waren! ... Welches Recht hatten Sie da, Ihren guten Onkel, der so viel für Sie getan hat, lächerlich zu machen? Warum wollten Sie das Lächerliche auf ihn abwälzen, während Sie selbst lächerlich waren? Das war schlecht, das war häßlich von Ihnen! Das machte Ihnen wahrlich keine Ehre und – ich sage es Ihnen ganz offen – Sie waren mir in jenem Augenblick sehr unsympathisch – jawohl, damit Sie’s wissen!“

„Sie haben recht! Ich war ein großer Esel! Sogar mehr als das: ich beging einfach eine Gemeinheit! Meine Strafe dafür ist – daß Sie es bemerkt haben! Schelten Sie mich, lachen Sie über mich, aber hören Sie mich an: vielleicht werden Sie Ihre Meinung von mir doch einmal ändern,“ fuhr ich fort, beherrscht von einem ganz eigenartigen Gefühl; „Sie kennen mich noch so wenig, daß Sie später, wenn Sie mich näher kennen gelernt haben werden, vielleicht ...“

„Um Gottes willen, lassen wir dieses Gespräch!“ unterbrach mich Nastenjka mit sichtlicher Ungeduld.

„Gut, gut, lassen wir es! Aber ... wo kann ich Sie wiedersehen?“

„Wie das – wo wiedersehen?“

„Aber es kann doch nicht sein, daß wir jetzt hier das letzte Wort miteinander gesprochen haben sollen, Nastassja Jewgrafowna! Ich flehe Sie an, mir zu sagen, wo und wann ich Sie wiedersehen kann, wenn möglich heute noch! Übrigens nein, es dunkelt ja schon. Nun, dann also, wenn es irgend geht, morgen früh, so früh wie möglich ... Ich werde mich früher wecken lassen. Wissen Sie, dort am Weiher ist eine Laube. Ich entsinne mich ihrer noch sehr gut und ich werde auch schon den Weg dorthin finden. Ich habe ja als kleiner Junge hier gelebt.“

„Aber wozu dieses Rendezvous? Wir sprechen doch schon miteinander!“

„Aber ich weiß ja vorläufig noch nichts, Nastassja Jewgrafowna! Ich muß vorher noch mit meinem Onkel reden. Er muß mir doch endlich alles erzählen, und dann werde ich Ihnen vielleicht etwas sehr Wichtiges sagen ...“

„Nein, nein! Das ist nicht nötig, gar nicht nötig!“ rief Nastenjka aus. „Lassen Sie es uns jetzt zu einem Ende bringen, aber so, daß wir später kein Wort mehr darüber zu verlieren brauchen. In jene Laube aber bemühen Sie sich nicht. Ich versichere Sie, daß ich nicht kommen werde. Bitte, schlagen Sie sich doch diesen ganzen Unsinn aus dem Kopf – ich bitte Sie allen Ernstes darum ...“

„Dann ist ja mein Onkel verrückt gewesen, als er jenen Brief schrieb!“ rief ich in unerträglichem Ärger aus. „Warum hat er mich denn hergerufen? Doch – Hören Sie? – Was ist das für ein Geschrei?“

Wir waren nicht weit vom Hause stehen geblieben. Aus den offenen Fenstern drangen Gekreisch und ganz absonderliche Schreie in den Garten.

„Mein Gott!“ sagte sie erbleichend, „schon wieder! Ich ahnte es ja!“

„Sie ahnten es? Gestatten Sie mir noch eine Frage, Nastassja Jewgrafowna? Ich habe allerdings nicht das geringste Recht, sie zu stellen, aber des allgemeinen Wohles wegen entschließe ich mich dazu. Sagen Sie – es soll in mir begraben sein – sagen Sie mir ganz offen: ist mein Onkel in Sie verliebt?“

„Ach glauben Sie doch, bitte, nicht an solchen Unsinn!“ rief sie heftig aus und errötete vor Unwillen. „Nun fangen auch Sie damit an! Wenn er mich lieben würde, so hätte er mich doch nicht Ihnen angeboten,“ fügte sie mit bitterem Lächeln hinzu. „Und wie kommen Sie überhaupt darauf? Begreifen Sie denn wirklich nicht, um was es sich hier handelt? Hören Sie dieses Geschrei?“

„Aber ... das ist ja Foma Fomitsch ...“

„Natürlich Foma Fomitsch! Jetzt streiten sie sich dort um meinetwillen; denn sie sagen ja dasselbe, was Sie soeben sagten, denselben Unsinn: sie argwöhnen, daß er in mich verliebt sei! Und da ich arm und gering bin, und es folglich nichts kostet, mich mit Schmutz zu bewerfen, so wollen sie ihn mit einer anderen verheiraten – und daher verlangen sie, daß er mich zur Sicherheit nach Haus, zu meinem Vater schicke. Wenn man ihm aber damit kommt, so gerät er sofort außer sich – ich glaube, er wäre sogar fähig, Foma Fomitsch zu zerreißen. Und nun streiten sie sich wieder darum! Ich fühle es, daß es sich wieder um mich handelt.“

„So ist also alles wahr? Dann wird er diese Tatjana heiraten?“

„Was für eine Tatjana?“

„Nun, dieses verrückte Frauenzimmer.“

„Ich bitte Sie, Tatjana Iwanowna ist durchaus nicht verrückt! Sie ist ein sehr guter Mensch. Und Sie haben kein Recht, so von ihr zu sprechen! Sie hat ein edles Herz, ein edleres, als es manch einer hat. Sie ist nicht schuld daran, daß sie unglücklich ist.“

„Verzeihen Sie. Nehmen wir an, daß Sie hierin vollkommen recht haben; aber täuschen Sie sich dann nicht in der Hauptsache? Wie kommt es denn, sagen Sie doch, – daß zum Beispiel Ihr Herr Vater, wie ich bemerkt habe, so freundlich von ihnen empfangen wird! Denn – wenn sie sich wirklich dermaßen über Sie ärgerten, wie Sie versichern, und wenn man Sie sogar aus dem Hause schicken wollte, dann würde man sich doch auch über ihn ärgern und ihn schlecht empfangen.“

„Aber haben Sie denn nicht gesehen, was mein Vater für mich tut? Er erniedrigt sich doch bis zum Narren vor ihnen! Er wird nur deshalb empfangen, weil er Foma Fomitsch schmeichelt; da dieser Foma Fomitsch selbst eine Narrenrolle gespielt hat, so freut es ihn, wenn nun auch er seine Narren hat. Was glauben Sie denn, warum mein Vater es tut? – Nur um meinetwillen, einzig und allein für mich tut er es! Er hat es nicht nötig, seinetwegen wird er keinem einen unnützen Bückling machen. Vielleicht erscheint er manchem sehr lächerlich; ich weiß aber, daß er der ehrenhafteste und edelste Mensch ist. Er glaubt, weiß Gott aus welchem Grunde – jedenfalls aber nicht deshalb, weil ich hier ein gutes Gehalt bekomme – das schwöre ich Ihnen ...! er glaubt, daß es für mich besser sei, wenn ich in diesem Hause bleibe. Aber jetzt habe ich ihn vom Gegenteil überzeugt. Ich hatte ihm in sehr bestimmtem Ton geschrieben; und deshalb ist er heute hergekommen, um mich mitzunehmen. Und wenn es darauf ankommt, so fahre ich morgen fort. Ich bin ja doch schon zum Äußersten getrieben. Die da – die würden froh sein, wenn sie mich verschlingen könnten. Ich weiß, daß ich die Ursache ihres Streites bin. Sie zermalmen _ihn_ nur deswegen, und nur weil ich hier bin, werden sie _ihn_ unglücklich machen! _Er_ aber ist mir ein zweiter Vater, hören Sie! – sogar mehr als mein leiblicher Vater! Ich will es nicht so weit kommen lassen. Ich sehe weiter voraus als andere; denn ich weiß mehr. Nein, morgen, morgen noch werde ich fortfahren! Vielleicht werden sie dann wenigstens seine Hochzeit mit Tatjana Iwanowna auf einige Zeit noch hinausschieben ... Jetzt habe ich Ihnen alles gesagt. Und nun sagen Sie ihm das wieder; denn ich kann jetzt nicht mehr mit ihm sprechen: wir werden beobachtet ... von der Perepelizyna. Sagen Sie _ihm_, daß er sich nicht beunruhigen soll, daß ich lieber schwarzes Brot essen und in der Hütte meines Vaters leben, als die Ursache _seiner_ Folter sein will. Ich bin arm und folglich muß ich auch so leben wie Arme. Aber, Gott, welch ein Geschrei! Was mag dort wieder vor sich gehen? ... Nein, was daraus auch entstehen mag, ich gehe hin! Ich werde ihnen alles offen ins Gesicht sagen, gleichviel, was dann geschieht! Ich muß es tun! Leben Sie wohl.“

Sie lief fort. Ich stand immer noch auf demselben Fleck, war mir vollkommen der Lächerlichkeit der Rolle, die ich soeben gespielt hatte, bewußt und konnte mir nicht denken, wie sich der Knoten lösen sollte. Das arme Mädchen tat mir aufrichtig leid, und ich fürchtete für meinen Onkel. Da bemerkte ich plötzlich, daß Gawrila vor mir stand. Er hielt immer noch sein Vokabelheft in der Hand.

„Jegor Iljitsch lassen bitten,“ sagte er mit wehmütiger Stimme.

Da kam ich wieder zur Besinnung.

„Wie – ich soll zu meinem Onkel? Wo ist er jetzt? Was ist mit ihm geschehen? Wo ist er?“

„Im Teezimmer.“

„Und wer ist bei ihm?“

„Sie sind allein und warten.“

„Auf wen? Auf mich?“

„Sie haben nach Foma Fomitsch geschickt ... Ach ja! unsere guten Tage sind jetzt gewesen!“ fügte er tief aufseufzend hinzu.

„Nach Foma Fomitsch? Hm! Aber wo sind die anderen? Wo ist die Gnädige?“

„Sie sind in ihrer Hälfte. Sie geruhten, in Ohnmacht zu fallen, und jetzt liegen sie bewußtlos da und weinen.“

Inzwischen hatten wir die Terrasse erreicht. Es war fast schon ganz dunkel. Mein Onkel war tatsächlich ganz allein im Teesalon und ging in ihm mit großen Schritten auf und ab. Auf dem Tisch brannten Lichter. Als er mich erblickte, eilte er mir entgegen und erfaßte meine Hände. Er war bleich und atmete schwer. Seine Hände bebten. Von Zeit zu Zeit lief ein nervöses Zucken über seinen ganzen Körper.

IX.

„Ew. Exzellenz.“

„Mein Freund! Alles ist zu Ende, alles ist zu Ende!“ sagte mein Onkel halblaut mit einer fast tragischen Stimme.

„Onkel ... ich hörte vorhin eigentümliche Schreie.“

„Gewiß, Freund, eigentümliche Schreie, – hier hat es alle möglichen Schreie gegeben! Mama ist in Ohnmacht gefallen, und dort steht jetzt alles auf dem Kopf. Aber ich habe mich entschlossen und bestehe auf dem meinen. Jetzt fürchte ich nichts mehr, Ssergei. Ich will ihnen beweisen, daß auch ich Charakter habe, und ich werde es beweisen! Darum habe ich absichtlich nach dir geschickt, damit du mir hilfst, es ihnen zu beweisen ... Mein Herz ist wund, mein junger Freund ... aber ich muß! Es ist geradezu meine Pflicht, mit aller Strenge vorzugehen! Gerechtigkeit ist unerbittlich!“

„Aber was ist denn vorgefallen, Onkel?“

„Ich trenne mich von Foma,“ antwortete mein Onkel mit entschlossener Stimme.

„Onkel!“ rief ich begeistert aus, „auf etwas Besseres hätten Sie ja überhaupt nicht verfallen können! Und wenn ich nur irgendwie zur Ausführung Ihres Entschlusses beitragen kann, so ... verfügen Sie ewig über mich!“

„Ich danke dir, Freund, ich danke dir! Aber jetzt ist alles beschlossen. Ich erwarte Foma. Ich habe schon nach ihm geschickt. Entweder er oder ich! Wir müssen auseinandergehen. Entweder verläßt Foma morgen das Haus, oder – ich schwöre es – ich verlasse hier alles und trete wieder in mein Husarenregiment ein! Mich wird man schon nehmen. Man wird mir schon einen Platz geben! Zum Teufel mit diesem ganzen System! Jetzt geht es nach neuen Grundsätzen! ... Wozu hältst du da noch immer dein französisches Heft in der Hand?“ schrie er plötzlich heftig den alten Gawrila an. „Fort damit! Verbrenn es, zerstampf es, zerreiß es! _Ich_ bin dein Herr, und _ich_ befehle dir, französisch nicht zu lernen! _Mir_ mußt du gehorchen; denn _ich_ bin dein Herr und nicht Foma Fomitsch!“

„Gott sei gelobt und gedankt!“ murmelte Gawrila vor sich hin.

Die Sache schien wirklich ernst zu werden.

„Mein Freund!“ fuhr mein Onkel mit tiefem Gefühl fort, „sie verlangen Unmögliches von mir! Du sollst mich richten, du sollst jetzt zwischen ihnen und mir wie ein unparteiischer Richter stehen ... Du weißt nicht, du weißt nicht, was sie von mir wollten, und was sie schließlich ganz ausdrücklich bereits von mir verlangten! Jetzt haben sie alles offen ausgesprochen! Aber das ist wider die Nächstenliebe, wider Anstand und Ehre ... Ich werde dir alles erzählen, aber zuerst ...“

„Ich weiß bereits alles, Onkel,“ unterbrach ich ihn, „oder ich errate es wenigstens ... Ich habe soeben mit Nastassja Jewgrafowna gesprochen.“

„Freund, kein Wort, jetzt kein Wort davon!“ unterbrach er mich eilig, als hätte ich ihn erschreckt. „Ich werde dir später alles selbst erzählen, aber vorläufig ... Nun was?“ rief er den eingetretenen Widopljässoff an, „wo ist Foma Fomitsch?“

Widopljässoff meldete, daß Foma Fomitsch „nicht zu kommen wünschten und die Forderung, zu erscheinen, unerhört beleidigend fänden, so daß sie, Foma Fomitsch, sich sehr gekränkt zu fühlen geruhten“.

„Bring ihn her! Schlepp ihn an! Her mit ihm! Mit Gewalt schleif ihn her!“ schrie mein Onkel, und er stampfte mit dem Fuß auf.

Widopljässoff, der seinen Herrn noch nie in einem solchen Zorn gesehen hatte, zog sich erschreckt zurück. Ich wunderte mich.

„Dann muß es sich doch um etwas sehr Wichtiges handeln,“ dachte ich, „wenn ein Mensch mit einem so weichen Charakter in eine solche Wut geraten kann und so energisch seinen Entschluß durchsetzen will.“

Schweigend ging mein Onkel eine Weile auf und ab, als kämpfe er innerlich mit sich selbst.

„Du, zerreiß übrigens nicht das Heft,“ sagte er schließlich zu Gawrila. „Wart noch etwas und bleibe auch hier: du wirst vielleicht nötig sein. Freund!“ fuhr er fort, sich wieder an mich wendend, „ich bin, glaube ich, doch etwas zu laut gewesen. Jede Sache muß man würdig und männlich tun, und ohne zu schreien, ohne Beleidigungen. Ja, so muß man’s tun. Weißt du, Ssergei: würde es nicht besser sein, wenn du so lange fortgingst? Dir kann es doch gleichgültig sein, nicht? – denn ich werde dir später ja doch alles erzählen – was? Was meinst du? tu es mir zuliebe, bitte!“

„Sie fürchten sich, Onkel? Sie bereuen es?“ fragte ich und sah ihn aufmerksam an.