Part 28
Aber wie groß war seine Verwunderung, das Entsetzen und die Wut, wie groß war der Schreck und die Schande Herrn Goljädkin des Älteren, als sein Verräter und Todfeind, der hinterlistige Herr Goljädkin der Jüngere, den begangenen Fehler des unschuldigen und treulos verratenen Menschen bemerkte und gefühllos, schamlos, mitleidslos, gewissenlos, mit unerhörter Niedertracht und Grobheit, plötzlich seine Hand aus der Hand Herrn Goljädkins des Älteren riß. Und nicht genug damit, daß er ihm seine Hand entzog und sie abwischte, als hätte er sie durch etwas Unreines beschmutzt – er spie auch noch zur Seite und begleitete das mit einer höchst beleidigenden Gebärde. Und noch nicht genug damit, er zog auch noch sein Taschentuch heraus und wischte sich auf die unerlaubteste Weise die Finger ab, dies sich auf einen Augenblick in der Hand des Herrn Goljädkin befunden hatten.
Nach diesem Verfahren sah sich Herr Goljädkin der Jüngere nach seiner niederträchtigen Gewohnheit im Kreise um, tat es, damit alle sein Benehmen bemerken sollten, blickte allen verständnisinnig in die Augen und bemühte sich offenbar, bei allen einen ungünstigen Eindruck von Herrn Goljädkin dem Älteren hervorzurufen.
Das Benehmen des widerwärtigen Herrn Goljädkins des Jüngeren schien jedoch offenbar eher Unwillen bei den Anwesenden hervorzurufen. Sogar die „Jugend“ bezeugte ihre Unzufriedenheit. Ringsum erhob sich Gespräch und Murren. Die allgemeine Bewegung konnte Herrn Goljädkin dem Älteren nicht entgehen. Doch plötzlich – ein rechtzeitiges Wort, ein gelungener Witz von den Lippen Herrn Goljädkins des Jüngeren – und die letzte Hoffnung unseres Helden wurde wieder zerstört und die Wage neigte sich von neuem zugunsten seines Todfeindes.
„Das ist unser russischer Faublas, meine Herren! Erlauben Sie, Ihnen den jungen Faublas vorzustellen,“ quiekte Herr Goljädkin der Jüngere mit der ihm eigenen Frechheit – und wies dabei auf den ganz erstarrten echten Herrn Goljädkin.
„Küssen wir uns, mein Herzchen!“ fuhr er in unerträglicher Familiarität fort, indem er auf den von ihm verräterisch Betrogenen zutrat. Dieser nichtswürdige Scherz Herrn Goljädkins des Jüngeren war es, der ein williges Echo fand, um so mehr, als in ihm eine Anspielung auf einen Umstand enthalten schien, der augenscheinlich allen bekannt war. Unser Held fühlte die Arme seines Feindes auf seinen Schultern lasten. Doch er hatte sich schon gefaßt. Mit glühenden Blicken, mit bleichem Gesicht und einem starren Lächeln riß er sich aus der Menge los und mit unsicheren, wankenden Schritten begab er sich geradewegs zum Kabinett Seiner Exzellenz. Im Vorzimmer stieß er jedoch auf Andrej Philippowitsch, der soeben das Kabinett Seiner Exzellenz verlassen hatte. Und obgleich auch noch eine Menge anderer unbeteiligter Personen anwesend war, schenkte unser Held diesen doch nicht die geringste Aufmerksamkeit. Entschlossen, kühn, innerlich darüber selbst verwundert, doch seiner Kühnheit sich rühmend, redete er vielmehr unumwunden Andrej Philippowitsch an, der über diesen plötzlichen Überfall nicht wenig erstaunt war.
„Wie! ... Was wollen Sie ... was ist Ihnen gefällig?“ fragte der Abteilungschef, ohne den auf ihn zustolpernden Herrn Goljädkin weiter anzuhören.
„Andrej Philippowitsch, ich ... kann ich, Andrej Philippowitsch, kann ich jetzt Aug’ in Aug’ eine Unterredung mit Seiner Exzellenz haben?“ sagte klar und deutlich unser Held und sah mit einem sehr entschlossenen Blick auf Andrej Philippowitsch.
„Was? Natürlich: nicht.“ Andrej Philippowitsch maß Herrn Goljädkin vom Kopf bis zu den Füßen.
„Ich, Andrej Philippowitsch – ich möchte nämlich meine Verwunderung ausdrücken, daß hier niemand den Usurpator und Schurken erkennt.“
„W–a–a–s?“
„Den Schurken, Andrej Philippowitsch.“
„Von wem belieben Sie zu sprechen?“
„Von einer bekannten Person, Andrej Philippowitsch. Ja, Andrej Philippowitsch, ich spiele auf eine bekannte Person an. Ich bin in meinem Recht ... Ich denke, Andrej Philippowitsch, daß die Regierung solch eine innere Regung, wie ich sie verspüre, unterstützen müßte,“ fügte Herr Goljädkin hinzu, offenbar ganz außer sich geraten. „Andrej Philippowitsch ... Sie sehen doch selbst, Andrej Philippowitsch, daß diese Regung in mir echt ist und meine wohlgesinnten Ansichten und Absichten ausdrückt – den Chef als einen Vater anzusehen, die Regierung als einen Vater anzusehen und sein Schicksal ihr blindlings anzuvertrauen. So, so ist es ... also so ...“ Herrn Goljädkins Stimme fing an zu zittern, sein Gesicht wurde dunkelrot und zwei Tränen hingen an seinen Wimpern.
Als Andrej Philippowitsch Herrn Goljädkin in dieser Weise reden hörte, war er so verwundert, daß er unwillkürlich einige Schritte zurücktrat. Dann blickte er sich sehr unruhig um ... Es ist schwer zu sagen, wie die Sache geendigt hätte ... Plötzlich öffnete sich die Tür zum Kabinett Seiner Exzellenz und dieser selbst trat in Begleitung einiger Beamter heraus. Alle, die im Zimmer waren, schlossen sich ihm an. Seine Exzellenz rief Andrej Philippowitsch zu sich und ging, sich mit ihm unterredend, weiter.
Als sich bereits alle aus dem Zimmer entfernt hatten, besann sich auch Herr Goljädkin. Unterwürfig suchte er Schutz unter den Flügeln Anton Antonowitsch Ssjetotschkins, der seinerseits hinter allen her hinkte, mit einem, wie es Herrn Goljädkin schien, sehr strengen und nachdenklichen Gesicht.
„Auch dort bin ich abgefallen, auch dort habe ich nur Unfug angerichtet,“ dachte Herr Goljädkin bei sich, „nun, tut nichts. Ich hoffe, wenigstens Sie, Anton Antonowitsch, werden geneigt sein, mich anzuhören und sich für meine Sache zu verwenden,“ wandte er sich an diesen mit leiser und noch vor Erregung zitternder Stimme. „Von allen verlassen, wende ich mich an Sie. Ich verstehe nicht, was die Worte Andrej Philippowitschs bedeuten, Anton Antonowitsch. Können Sie sie mir erklären, wenn möglich ...“
„Zu seiner Zeit wird sich alles erklären,“ antwortete ihm nach einer langen Pause streng Anton Antonowitsch, und, wie es Herrn Goljädkin schien, mit einer Miene, die deutlich ausdrückte, daß Anton Antonowitsch durchaus nicht wünschte, das Gespräch weiter fortzusetzen. „Sie werden in kurzer Zeit alles erfahren, noch heute werden Sie formell von allem unterrichtet werden.“
„Was heißt das, formell, Anton Antonowitsch? Warum denn gerade formell?“ fragte kleinlaut unser Held.
„Nicht uns kommt es zu, Jakoff Petrowitsch, darüber zu urteilen, wie die Regierung entscheidet.“
„Warum denn die Regierung, Anton Antonowitsch,“ fragte Herr Goljädkin noch kleinlauter, „warum denn die Regierung? Ich sehe keinen Grund, warum man hier die Regierung beunruhigen sollte, Anton Antonowitsch ... Sie wollen mir vielleicht etwas in bezug auf das Gestrige sagen, Anton Antonowitsch?“
„Nein, nicht das Gestrige: dort hinkt noch etwas anderes bei Ihnen.“
„Was hinkt denn bei mir, Anton Antonowitsch? Mir scheint, Anton Antonowitsch, daß nichts an mir hinkt ...“
„Schlaue Mätzchen wollten Sie machen!“ unterbrach Anton Antonowitsch den völlig bestürzten Herrn Goljädkin in scharfem Ton. Herr Goljädkin zuckte zusammen und wurde weiß wie ein Tuch.
„Freilich, Anton Antonowitsch,“ sagte er mit kaum hörbarer Stimme, „wenn man nur die Stimme der Verleumdung und die unserer Feinde hört, ohne die Rechtfertigung von der anderen Seite zuzulassen, dann, freilich ... freilich, Anton Antonowitsch, dann muß man unschuldig leiden, Anton Antonowitsch, unschuldig und um nichts leiden.“
„Ja – ja – ja, aber Ihr boshafter Angriff auf den Ruf eines wohlgesitteten Mädchens aus einer ehrenwerten, achtenswerten und bekannten Familie, die Ihnen Wohltaten erwiesen hat? ...“
„Welch ein Angriff, Anton Antonowitsch?“
„Ja – ja – ja. Und dann Ihr Betragen dem anderen Mädchen gegenüber, wenn auch einem armen, doch von ehrlicher ausländischer Herkunft – davon wissen Sie wohl auch nichts?“
„Erlauben Sie, Anton Antonowitsch ... belieben Sie mich, Anton Antonowitsch, anzuhören ...“
„Und Ihr treuloses Verfahren gegen eine andere Person – und die verleumderische Beschuldigung dieser anderen Person in Dingen, in denen Sie selbst, gerade Sie, gesündigt haben? Wie nennt man denn das?“
„Ich, Anton Antonowitsch, ich habe ihn nicht hinausgeworfen,“ sprach zitternd unser Held – „und Petruschka, das heißt, meinen Diener, habe ich nicht dazu angehalten ... Er hat mein Brot gegessen, Anton Antonowitsch, hat meine Gastfreundschaft genossen,“ fügte ausdrucksvoll und mit tiefem Gefühl unser Held hinzu, so daß ihm das Kinn zu zittern anfing und er schon wieder Tränen vergießen wollte.
„Das sagen Sie mir so, Jakoff Petrowitsch, daß er Ihr Brot gegessen,“ erwiderte Anton Antonowitsch und in seiner Stimme hörte man ordentlich die Hinterlist, so daß sich das Herz Herrn Goljädkins schmerzhaft zusammenzog.
„Erlauben Sie noch eines, Anton Antonowitsch, untertänigst zu fragen, ist von alledem etwas Seiner Exzellenz bekannt?“
„Selbstverständlich! Doch entschuldigen Sie mich bitte jetzt, ich habe keine Zeit, mit Ihnen ... Heute noch werden Sie alles erfahren, was Sie zu erfahren nötig haben.“
„Erlauben Sie, um’s Himmels willen, noch einen Augenblick, Anton Antonowitsch.“
„Später, später, erzählen Sie später ...“
„Nein, Anton Antonowitsch: ich, sehen Sie, hören Sie nur, Anton Antonowitsch ... Ich liebe durchaus nicht die Freigeisterei, Anton Antonowitsch: ich fliehe sie: ich bin durchaus bereit, und ich habe sogar die Idee gehabt ...“
„Gut, gut. Ich habe schon gehört.“
„Nein, das haben Sie nicht gehört, Anton Antonowitsch. Das ist etwas ganz anderes, Anton Antonowitsch, das ist gut, wirklich gut und angenehm zu hören ... Ich gebe diese Idee zu, wie schon gesagt, Anton Antonowitsch, daß durch die Fügung Gottes zwei ganz ähnliche Wesen geschaffen wurden, und daß die Regierung, die diese Fügung Gottes sah, diese beiden Zwillinge versorgt hat. Das ist gut, Anton Antonowitsch, Sie sehen, daß das sehr gut ist, und daß ich weit entfernt von aller Freidenkerei bin. Ich sehe die wohltätige Behörde als Vater an. Der Staat – das heißt, die wohltätige Regierung, und Sie ... das heißt ... ein junger Mensch muß seinen Dienst tun. Unterstützen Sie mich, Anton Antonowitsch ... stehen Sie mir bei, Anton Antonowitsch ... Ich tue nichts Böses, Anton Antonowitsch ... um Gottes willen, noch ein Wort ... Anton Antonowitsch ...“
Aber Anton Antonowitsch war schon weit entfernt von Herrn Goljädkin ... Unser Held wußte nicht mehr, wo er stand, was er hörte, was er tat und was mit ihm geschah, so sehr erschütterte und verwirrte ihn alles Gehörte und Geschehene.
Mit flehenden Blicken suchte er unter der Menge von Beamten nach Anton Antonowitsch, um sich noch weiter vor dessen Augen zu rechtfertigen und ihm irgend etwas Edles und Angenehmes von sich zu sagen ... Doch zugleich begann, nach und nach, ein neues Licht durch die Verwirrung des Herrn Goljädkin zu dringen, ein neues, schreckliches Licht, das ihm plötzlich die Aussicht in bis jetzt vollkommen unbekannte, ganz ungeahnte Umstände eröffnete ... In diesem Augenblick stieß jemand unseren Helden in die Seite. Er blickte sich um. Vor ihm stand Pissarenko.
„Den Brief, Ew. Wohlgeboren.“
„Ah! ... Du bist schon dort gewesen, mein Lieber?“
„Nein, den hat man schon morgens um zehn Uhr hierher gebracht. Ssergej Michejeff brachte ihn aus der Wohnung des Gouvernements-Sekretärs Wachramejeff.“
„Gut, mein Freund, gut, ich werde dir dafür erkenntlich sein, mein Lieber.“
Mit diesen Worten steckte Herr Goljädkin den Brief in die Seitentasche seines Uniformrockes und knöpfte den letzteren von oben bis unten zu, dann blickte er sich um und bemerkte zu seiner Verwunderung, daß er sich bereits in der Vorhalle des Departements befand, umgeben von Beamten, die dem Ausgange zuströmten, da die Kanzleistunden ihr Ende hatten. Herr Goljädkin hatte diesen letzteren Umstand nicht nur nicht bemerkt, er konnte auch nicht begreifen, daß er sich plötzlich in Mantel und Galoschen befand und seinen Hut in der Hand hielt. Jetzt standen die Beamten alle unbeweglich in ehrfurchtsvoller Erwartung da. Die Ursache war nämlich die: Exzellenz selbst wartete unten auf seine Equipage, die sich aus irgendwelchen Gründen verspätet hatte, und führte mit zwei Räten und Andrej Philippowitsch ein sehr interessantes Gespräch. Etwas entfernt von ihnen stand Anton Antonowitsch Ssjetotschkin und noch einige andere Beamte, die beflissen mitlachten, als sie sahen, daß Seine Exzellenz zu scherzen und zu lachen beliebte. Die Beamten, die sich oben auf der Treppe drängten, lachten gleichfalls, wohl in Erwartung, daß Exzellenz wieder lachen würde. Und es lächelte auch der dicke aufgeblasene Portier Fedossejitsch, der mit Ungeduld den Augenblick seiner täglichen Genugtuung erwartete, die darin bestand, daß er mit einem gewaltigen Ruck die eine Hälfte der großen Tür aufriß, um dann, zu einem Bogen sich tief hinabbiegend, Seiner Exzellenz ehrerbietig den Weg freizugeben. Doch mehr als alle freute sich offenbar der unwürdige, unehrenwerte Feind Herrn Goljädkins. In diesem Augenblick vergaß er sogar die um ihn stehenden Beamten, bei denen er sich sonst immer nach seiner unangenehmen Manier so beliebt zu machen suchte, und ließ die gute Gelegenheit unbenutzt, es auch jetzt zu tun. Er verwandelte sich ganz in Augen und Ohren und beugte sich weit vor, wahrscheinlich um Seine Exzellenz besser sehen und hören zu können, und hin und wieder nur, an der krampfhaften Bewegung der Hände und Füße, bemerkte man die Aufregung seiner Seele.
„Sieh, wie er sich Mühe gibt!“ dachte unser Held. „Tut, als wäre er ein Günstling, der Schurke! Ich möchte gern wissen, wie er es nur macht, um sich in der höheren Gesellschaft zu behaupten. Weder Geist, noch Charakter, noch Bildung, noch Gefühl: aber es gelingt dem Schurken! Mein Gott, wie schnell doch ein Mensch vorwärts kommen kann – wenn man das bedenkt – und sich überall anfreundet! Ich will darauf schwören, daß dieser Mensch noch weit kommen wird, Glück hat so ein Schuft! Ich möchte nur wissen, was er ihnen da zusteckt? Welche Beziehungen und Geheimnisse zwischen ihnen bestehen? Mein Gott! Wie, wenn auch ich mit ihm ein wenig ... – wenn ich ihn vielleicht fragen würde ... so und so ... ich werde vom Kampf zurücktreten ... nehmen wir einfach an, ich sei der Schuldige ... ich weiß doch, Exzellenz, es muß auch neue Beamte geben ... über alles aber, was mich angeht, über dieses Dunkle, Unerklärliche werde ich mich nicht mehr aufregen ... Auch widersprechen werde ich nicht mehr und alles in Geduld und Ergebung tragen – wie? Sollte ich nicht so handeln? ... Er ist sonst nicht zu fangen, der Halunke, und mit Worten nicht zu schlagen. Vernunft kann man ihm auch nicht in den Kopf bringen! Also ... wollen wir es versuchen. Sollte es sein, daß ich einen günstigen Augenblick erwische, so werde ich es versuchen ...“
In seiner Unruhe, Sorge und Verwirrung fühlte er, daß es so nicht bleiben könne, daß der entscheidende Augenblick gekommen sei, um sich endlich mit jemandem auseinanderzusetzen. Unser Held bewegte sich daher ein wenig auf die Stelle zu, wo sein abscheulicher und rätselhafter Feind stand, doch in demselben Augenblick rollte die langerwartete Equipage Seiner Exzellenz vor die Tür. Fedossejitsch riß die Tür auf, machte drei Bogen nacheinander, während Seine Exzellenz an ihm vorüberging. Die Wartenden stürzten alle auf einmal zum Ausgang und drängten Herrn Goljädkin den Älteren von Herrn Goljädkin dem Jüngeren ab.
„Du entgehst mir nicht!“ dachte unser Held, und schob sich durch die Menge, ohne den anderen aus dem Auge zu verlieren. Die Menge hatte sich endlich zerstreut, unser Held fühlte sich wieder befreit und stürzte seinem Feinde nach.
XI.
Atemlos und wie auf Flügeln eilte Herr Goljädkin dem sich seinerseits gleichfalls sehr beeilenden Ebenbilde nach. Er fühlte in sich eine außerordentlich große Energie. Und doch, ungeachtet dieser Energie, schien es Herrn Goljädkin, daß ihn eine kleine Mücke, wenn eine solche zurzeit in Petersburg gelebt hätte, mit Leichtigkeit mit ihren Flügeln überholen könnte. Er fühlte, daß er vor Schwäche förmlich zusammensank, daß ihn nur eine ganz fremde Kraft weitertrug, daß er selbst nicht mehr gehen konnte und seine Füße den Dienst versagten. Konnte sich alles das überhaupt noch zum besten wenden? „Zum besten oder nicht zum besten,“ dachte Herr Goljädkin, atemlos vom Laufen, „daß die Sache ... doch verspielt ist ... darüber besteht jetzt nicht mehr der kleinste Zweifel ... daß ich vollständig verloren bin, das ist ja bekannt ... beschlossen ... entschieden und unterschrieben!“
Aber ungeachtet dessen war unser Held doch wie von den Toten auferstanden, es war, als hätte er eine Schlacht gewonnen und einen großen Sieg erfochten, als es ihm endlich gelang, seinen Feind, der soeben im Begriff war, seinen Fuß auf den Tritt eines Wagens zu setzen, am Mantel zu packen.
„Geehrter Herr! Geehrter Herr!“ rief Herr Goljädkin dem Jüngeren zu, froh, daß er ihn doch noch erwischt ... „Geehrter Herr, ich hoffe, daß Sie ...“
Aber: „Nein, hoffen Sie schon bitte lieber nichts,“ antwortete ablehnend der gefühllose Feind Herrn Goljädkins, während er sich zugleich aus allen Kräften bemühte, mit dem anderen Fuß in den Wagen zu gelangen und seinen Mantel aus den Händen Herrn Goljädkins zu befreien, – denselben Mantel, an den sich Herr Goljädkin seinerseits mit allen ihm von Natur zu Gebote stehenden Kräften geklammert hielt.
„Jakoff Petrowitsch! Nur zehn Minuten ...“
„Entschuldigen Sie, ich habe keine Zeit.“
„Sehen Sie doch selbst ein, Jakoff Petrowitsch ... bitte, Jakoff Petrowitsch ... Um Christi willen, Jakoff Petrowitsch ... Sehen Sie doch ein ... daß ich mich mit Ihnen aussprechen muß ... gleich auf dem Fuße ... in einer Sekunde, Jakoff Petrowitsch! ...“
„Mein Lieber, ich habe keine Zeit,“ erwiderte der lügnerische Feind Herrn Goljädkins in einem unehrerbietig-familiären Tone und mit erheuchelter Güte. „Zu einer anderen Zeit, glauben Sie mir, von ganzer Seele und aus vollem Herzen; aber jetzt – jetzt ist es wirklich unmöglich ...“
„Du Schurke!“ dachte unser Held ... Aber: „Jakoff Petrowitsch!“ rief er kläglich, „Ihr Feind bin ich niemals gewesen. Böse Menschen haben mich unbilligerweise verleumdet ... Meinerseits bin ich bereit ... Ist es Ihnen gefällig, Jakoff Petrowitsch, so könnten wir beide zusammen ... dort in dieses Café gehen und aus vollem Herzen, wie Sie soeben so schön sagten, und in gerader, edler Offenheit – ... dann wird sich alles von selbst aufklären. – Ja, Jakoff Petrowitsch! Dann wird sich alles von selbst aufklären ...“
„Ins Café? Schön. Ich habe nichts dagegen, nur unter einer Bedingung, du mein besseres Selbst ... unter einer Bedingung – daß sich dort alles von selbst aufklärt. Das heißt in einer Weise, mein Lieber ...“ Herr Goljädkin der Jüngere stieg aus dem Wagen und klopfte unserem Helden unverschämt vertraulich auf die Schulter.
„Freund meiner Seele, für dich, Jakoff Petrowitsch, bin ich bereit, überall hinzugehen! So ein Schelm, wirklich, er macht mit den Menschen, was er will!“ fuhr der verlogene Freund Herrn Goljädkins fort, indem er sich mit leichtem Lächeln tänzelnd um ihn herum drehte.
Das von der Hauptstraße ziemlich weit entfernte Café, wohin die beiden Herren gingen, war in diesem Augenblicke vollkommen leer. Eine dicke Deutsche erschien hinter dem Ladentisch, als beim Eintritt die Türglocke ertönte. Herr Goljädkin ging mit seinem unwürdigen Freunde in das zweite Zimmer, wo ein glattgekämmter Kellner sich eben bemühte, das erloschene Feuer im Ofen wieder anzufachen. Auf Wunsch des Herrn Goljädkin des Jüngeren wurde Schokolade gebracht.
„Ein unvergleichliches Weibchen!“ bemerkte Herr Goljädkin der Jüngere, indem er Herrn Goljädkin dem Älteren schalkhaft zulächelte.
Unser Held errötete und schwieg.
„Ach, ja, ich habe vergessen, entschuldigen Sie, ich kenne Ihren Geschmack. Wir, mein Herr, haben eine Vorliebe für schlanke Deutsche. Wir, Jakoff Petrowitsch, redliche Seele, wir ziehen Schlanke vor, wenn sie noch nicht aller Vorzüge bar sind. Wir nehmen bei ihnen unsere Wohnung, verderben ihre Sittlichkeit, schenken ihnen ob der Bier- und Milchsuppen, die sie kochen, unser Herz und geben ihnen schriftliche Versprechen ... das ist’s, was wir tun, du Faublas, du Verführer!“
Auf diese Weise machte Herr Goljädkin eine sehr unnütze und boshaft schlaue Anspielung auf eine bekannte Person weiblichen Geschlechts, lächelte unserem Helden dabei unter dem Anschein der Liebenswürdigkeit zu und trug eine erlogene Freude über das Zusammentreffen mit ihm zur Schau. Als er aber bemerkte, daß Herr Goljädkin der Ältere durchaus nicht so dumm und unerfahren war, um alles hinzunehmen, beschloß er, seine Taktik zu ändern und sich noch rücksichtsloser zu geben.
Und nun zeigte sich die ganze Abscheulichkeit des falschen Herrn Goljädkin, der mit wahrhaft empörender Unverschämtheit und Vertraulichkeit dem biederen und wahren Herrn Goljädkin auf die Schulter klopfte und, nicht genug damit, ihn auf eine unpassende, in anständiger Gesellschaft ganz ungewohnte Weise und nur, um seine Abscheulichkeit noch zu übertrumpfen, ohne auf den Widerstand des empörten Herrn Goljädkin zu achten, einfach in die Backe kniff. Beim Anblick dieser Verworfenheit verstummte, innerlich rasend, unser Held ... fürs erste wenigstens.
„Das ist die Sprache meiner Feinde,“ sagte er schließlich, nachdem er sich vernünftigerweise bezähmt hatte, mit zitternder Stimme. Im selben Augenblick sah unser Held aber unruhig nach der Tür. Herr Goljädkin der Jüngere war offenbar so vorzüglicher Laune und bereit zu allerlei weiteren kleinen Scherzen, wie sie an öffentlichen Orten unerlaubt und überhaupt in der höheren Gesellschaft nicht zum guten, sondern zum sehr schlechten Ton gehören.
„Nun, in diesem Falle, wie Sie wollen,“ erwiderte Herr Goljädkin der Jüngere ernsthaft Herrn Goljädkin dem Älteren und setzte seine mit unanständiger Gier geleerte Tasse auf den Tisch. „Ich habe Sie lange nicht mehr gesehen, übrigens ... wie leben Sie denn jetzt, Jakoff Petrowitsch?“
„Ich kann Ihnen nur eines sagen, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete ihm kaltblütig und mit Würde unser Held, „Ihr Feind bin ich niemals gewesen.“
„Hm ... nun, aber Petruschka? Petruschka heißt er doch ... nun ja, wie geht es ihm? Gut? Ganz wie früher?“
„Ja, ganz wie früher, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete ein wenig erstaunt Herr Goljädkin der Ältere. „Ich verstehe Sie nicht, Jakoff Petrowitsch ... ich, meinerseits ... aufrichtig und anständig wie ich bin, Jakoff Petrowitsch ... sagen Sie selbst, Jakoff Petrowitsch ...“
„Ja, aber Sie wissen doch, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete mit leiser und wehmütiger Stimme Herr Goljädkin der Jüngere, um auf diese Weise Reue und Bedauern vorzutäuschen, „Sie wissen doch selbst, in unserer Zeit ist es schwer ... Ich verlasse mich auf Sie, Jakoff Petrowitsch, Sie sind ja ein kluger Mensch, urteilen Sie doch selbst,“ sagte Herr Goljädkin der Jüngere, um unserem Helden in seiner gemeinen Art zu schmeicheln. „Das Leben ist kein Spiel, das wissen Sie doch, Jakoff Petrowitsch,“ schloß wieder vielsagend Herr Goljädkin der Jüngere und stellte sich auf diese Weise als klugen und gelehrten Menschen hin, der über hohe Dinge zu urteilen verstand.