Part 29
„Meinerseits, Jakoff Petrowitsch,“ antwortete unser Held voll Bewegung, „meinerseits verachte ich jeden Nebenweg und ich gestehe aufrichtig und geradeaus ... und stelle die ganze Sache damit auf einen anständigen Grund und Boden ... und kann offen und ehrlich behaupten, Jakoff Petrowitsch ... daß mein Gewissen vollkommen rein ist! Sie wissen selbst, Jakoff Petrowitsch, die gegenseitige Verirrung ... vielleicht nur ein Mißverständnis ... alles ist möglich – das Urteil der Welt und die Meinung der blinden Masse ... Ich sage es aufrichtig, Jakoff Petrowitsch, alles ist möglich! Und ich sage noch mehr, Jakoff Petrowitsch ... wenn man so urteilt, wenn man von einem edlen und hohen Standpunkt aus auf diese Sache sieht, und ohne falsche Scham, Jakoff Petrowitsch ... es ist mir sogar angenehm zu bekennen, daß ich auf Irrwege geraten war, ja, es ist mir sogar angenehm, das einzugestehen. Sie können sich das doch selbst sagen, Sie sind doch ein kluger Mann und obendrein edel. Ohne Scham, ohne falsche Scham, bin ich bereit, dies einzugestehen ...“ so schloß unser Held würdevoll.
„Das ist Schicksal, Verhängnis, Jakoff Petrowitsch ... doch lassen wir das alles,“ sagte mit einem Seufzer Herr Goljädkin der Jüngere. „Gebrauchen wir lieber die kurzen Minuten unseres Zusammenseins zu einem nützlicheren und angenehmeren Gespräch, – wie es sich zwischen Kollegen geziemt ... Es gelang mir in der Tat nicht, in dieser ganzen Zeit zwei Worte mit Ihnen zu reden. Daran bin ich nicht schuld, Jakoff Petrowitsch!“
„Ich auch nicht, Jakoff Petrowitsch,“ unterbrach ihn freudig unser Held – „ich auch nicht. Mein Herz sagt mir, Jakoff Petrowitsch, daß ich in allen diesen Dingen nicht schuld bin. In diesem Fall wollen wir das Schicksal anklagen, Jakoff Petrowitsch,“ fügte Herr Goljädkin der Ältere in versöhnlichem Tone hinzu. Seine Stimme wurde nach und nach schwächer und zitterte.
„Nun, wie steht es denn im allgemeinen mit Ihrer Gesundheit?“ fragte der Verworfene mit süßer Stimme.
„Ich huste ein wenig,“ antwortete noch süßer unser Held.
„Nehmen Sie sich in acht. Jetzt gibt es so böse Winde, man kann sich sehr leicht eine Lungenentzündung holen, ich gestehe Ihnen, daß ich mich allmählich daran gewöhne, unter allen meinen Kleidungsstücken noch Flanell zu tragen.“
„Es ist wahr, Jakoff Petrowitsch, man sollte sich lieber keine Lungenentzündung holen ... Jakoff Petrowitsch!“ stieß nach kurzem Schweigen unser Held hervor, „Jakoff Petrowitsch! Ich sehe, daß ich mich geirrt habe ... Ich denke mit Rührung an die glücklichen Augenblicke, die uns vergönnt waren, zusammen zu verbringen, unter meinem armen, aber ich kann wohl sagen, unter meinem gastfreundlichen Dach.“
„In Ihrem Brief haben Sie sich nicht so ausgedrückt,“ bemerkte halb vorwurfsvoll, aber mit vollem Recht und der Wahrheit entsprechend (wenn auch nur in diesem einen Fall) Herr Goljädkin der Jüngere.
„Jakoff Petrowitsch! Ich irrte mich ... Ich sehe es jetzt ganz deutlich, daß ich mich in dem unglücklichen Brief geirrt habe. Jakoff Petrowitsch, es ist mir peinlich, Sie anzusehen, Jakoff Petrowitsch, glauben Sie es mir ... Geben Sie mir den Brief zurück, damit ich ihn vor Ihren Augen zerreißen kann, Jakoff Petrowitsch, oder, wenn das nicht mehr möglich ist, dann lesen Sie ihn umgekehrt – ich meine, ganz und gar im umgekehrten Sinne, das heißt, in freundschaftlicher Absicht, indem Sie allen Worten in meinem Brief den umgekehrten Sinn beilegen. Ich habe mich geirrt ... Verzeihen Sie mir, Jakoff Petrowitsch, ich habe mich ganz und gar geirrt, Jakoff Petrowitsch.“
„Was sagen Sie?“ fragte zerstreut und gleichgültig der treulose Freund Herrn Goljädkins des Älteren.
„Ich sagte, daß ich mich ganz und gar geirrt habe, Jakoff Petrowitsch, und daß ich meinerseits ganz ohne falsche Scham ...“
„Ah! Nun gut, das ist sehr gut, daß Sie sich geirrt haben,“ antwortete ihm grob Herr Goljädkin der Jüngere.
„Ich hatte sogar, Jakoff Petrowitsch, die Idee,“ fügte unser Held in seiner anständigen Weise offenherzig hinzu, ohne die Falschheit seines verlogenen Freundes zu bemerken, „ich hatte sogar die Idee, daß hier zwei ganz ähnliche ...“
„Ah, das ist Ihre Idee! ...“
Hier stand der durch seine Ruchlosigkeit bekannte Herr Goljädkin der Jüngere auf und griff nach seinem Hut. Ohne die schlechte Absicht zu bemerken, erhob sich auch Herr Goljädkin der Ältere, mit gutmütigem Lächeln seinen Pseudofreund ansehend, und in seiner Unschuld bemühte er sich noch weiter, ihm zu schmeicheln und ihn für die neue Freundschaft zu gewinnen ...
„Leben Sie wohl, Ew. Exzellenz!“ rief plötzlich Herr Goljädkin der Jüngere. Unser Freund zuckte zusammen und bemerkte im Gesicht seines Freundes etwas Satanisches und nur um ihn los zu werden, legte er in die ausgestreckte Hand des Verruchten zwei Finger seiner Hand. Nun aber ... nun überstieg die Schamlosigkeit Herrn Goljädkins des Jüngeren alle Grenzen und erschöpfte das Maß menschlicher Geduld, das man haben konnte. Nachdem er die zwei Finger Herrn Goljädkins des Älteren gedrückt hatte, wiederholte der Unwürdige –: wahrhaftig, er tat es – vor den Augen des Herrn Goljädkin seinen schamlosen Scherz von heute morgen ...
Herr Goljädkin der Jüngere hatte bereits sein Taschentuch wieder eingesteckt, mit dem er seine Finger abgewischt, als Herr Goljädkin der Ältere erst zu sich kam und dem anderen ins Nebenzimmer nachstürzte, wohin sich sein unversöhnlicher Feind nach seiner schändlichen Gewohnheit verkrochen hatte. Als ob nichts geschehen wäre, stand er vor dem Büfett und aß Kuchen, während er ganz ruhig, wie ein rechter Lebemann der Dame am Büfett den Hof machte.
„In Gegenwart von Damen ist es nicht erlaubt,“ dachte unser Held und ging gleichfalls ans Büfett, ganz besinnungslos vor Aufregung.
„Nicht wahr, das Weibchen ist nicht übel! Wie denken Sie darüber?“ begann von neuem Herr Goljädkin _junior_ mit seinen unpassenden Bemerkungen, denn er rechnete offenbar mit der unendlichen Geduld Herrn Goljädkins. Die dicke Deutsche ihrerseits sah auf ihre beiden Gäste mit blöden Augen, da sie wohl die russische Sprache nicht verstand, und lächelte nur zuvorkommend.
Bei den schamlosen Worten Herrn Goljädkins des Jüngeren sprang unser Held auf, und unfähig, sich noch länger zu beherrschen, stürzte er sich endlich auf ihn, um ihn zu zerreißen und um ein Ende mit ihm – mit allem zu machen. Doch Herr Goljädkin der Jüngere war nach seiner üblen Gewohnheit schon längst auf und davon und befand sich bereits auf der Treppe. Aber auch Herr Goljädkin der Ältere raffte sich auf und folgte, so schnell als möglich, seinem Beleidiger, der sich in eine Droschke setzte, die offenbar auf ihn gewartet hatte, und deren Kutscher wohl mit ihm in Einvernehmen stand. Als die Dame am Büfett die Flucht ihrer beiden Gäste bemerkte, schrie sie auf und klingelte aus aller Kraft mit der Glocke. Unser Held wandte sich rasch um, warf ihr Geld hin, für sich und den schamlosen Menschen, der natürlich wieder nicht bezahlt hatte, verlangte auch nichts zurück, raste nur hinaus, und ungeachtet dieser Verzögerung gelang es ihm noch, seinen Feind zu ergreifen.
Unser Held klammerte sich mit allen ihm von Natur zur Gebote stehenden Kräften an die Droschke und lief einige Straßen lang mit ihr, bis es ihm schließlich gelang, in die Droschke hineinzuklettern, die Herr Goljädkin der Jüngere freilich aus allen Kräften verteidigte. Der Kutscher bearbeitete unterdessen seinen alten Gaul, der seiner schlechten Gewohnheit nach sofort in einen Galopp verfiel und bei jedem dritten Schritt mit den Hinterbeinen ausschlug, mit der Knute, mit den Zügeln, und selbst mit den Füßen.
Endlich hatte sich unser Held die Droschke erobert. Er stemmte sich mit dem Rücken an den Kutscher, war also mit dem Gesicht und Knie an Knie seinem Feinde zugewandt. Mit der rechten Hand hielt er den schäbigen Pelzkragen seines Feindes gepackt.
So fuhren die beiden Feinde eine Zeitlang schweigend dahin. Unser Held wagte kaum zu atmen, der Weg war erbärmlich und bei jedem Schritt wankte er hin und her und war in ständiger Gefahr, sich den Hals zu brechen. Dazu wollte sein erbitterter Feind sich ihm immer noch nicht ergeben, mühte sich vielmehr, seinen Gegner in den Schmutz hinauszuwerfen. Das Wetter war, was zu allen Unannehmlichkeiten noch hinzukam, geradezu entsetzlich. Der Schnee fiel in dicken nassen Flocken, die in den offenen Mantel des wirklichen Herrn Goljädkin eindrangen. Ringsum war es dunkel und man konnte kaum die Hand vor den Augen sehen. Es war daher schwer zu erraten, wohin und durch welche Straßen sie fuhren ... Herrn Goljädkin schien es dabei, als erlebte er etwas, das ihm bereits längst bekannt war. Einen Augenblick suchte er sich zu vergewissern, und dachte nach, ob er nicht gestern abend schon etwas Ähnliches – geahnt hatte – ... im Traum –? Endlich erreichte sein Zustand die äußerste Grenze. Schreiend wollte er sich auf seinen Gegner stürzen. Doch der Schrei erstarb auf seinen Lippen. Es gab einen Augenblick, in dem Herr Goljädkin alles zu vergessen schien und überzeugt war, daß das ganze gar nichts bedeute, sondern nur so, nur so irgendwie, auf unerklärliche Weise geschehen sei, und daß es in dem Falle eine ganz verlorene Sache wäre, dagegen anzukämpfen.
Doch plötzlich und fast im selben Augenblick, als unser Held zu diesem Schluß kam, veränderte ein unvorsichtiger Stoß die Lage der Dinge. Herr Goljädkin fiel wie ein Mehlsack aus der Droschke und erkannte während des Falles ganz vernünftiger Weise, daß er sich wirklich ganz zur unrechten Zeit erhitzt hatte. Als er wieder aufgesprungen war, sah er, daß sie irgendwo angelangt waren: die Droschke stand auf einem Hof, und Herr Goljädkin sah auf den ersten Blick, daß es der Hof des Hauses war, in dem – Olssuph Iwanowitsch wohnte. In demselben Augenblick bemerkte er, daß sich sein Freund bereits auf der Treppe zu Olssuph Iwanowitsch befand.
In seiner Not und Verzweiflung wollte er schon seinem Feinde nachjagen, doch zu seinem Glück bedachte er sich noch beizeiten. Er vergaß nicht, den Kutscher zu bezahlen, trat auf die Straße hinaus und lief so schnell er konnte und wohin ihn seine Füße trugen. Es schneite wie vorhin und es war feucht und dunkel. Unser Held ging nicht, sondern flog, und warf alle und alles auf seinem Wege um – Männer, Weiber und Kinder, und stolperte selbst über die Männer, Weiber und Kinder, die er umgeworfen hatte. Um ihn und hinter ihm her hörte man erschreckte Stimmen ... hörte schreien, rufen ... Doch Herr Goljädkin, schien es, war nicht bei Besinnung und schenkte alledem nicht die geringste Aufmerksamkeit ... Er kam erst zu sich, als er sich bei der Ssemjonoffbrücke befand und da auch nur dank dem Umstande, daß es ihm gelungen war, zwei Weiber, die Eßwaren trugen, umzurennen und dabei selbst zu Fall zu kommen.
„Das tut nichts,“ dachte Herr Goljädkin, „alles das kann sich noch zum besten wenden!“ Er griff in die Tasche, um die Weiber mit einem Rubel für die rings verstreuten Kringel, Äpfel, Nüsse usw. zu entschädigen. Plötzlich wurde Herr Goljädkin von einem neuen Licht erleuchtet: in der Tasche fand er den Brief, den ihm der Schreiber am Morgen überreicht hatte. Er erinnerte sich unter anderem, daß sich hier, nicht weit entfernt, ein bekanntes Gasthaus befand, und so lief er denn, ohne Zeit zu verlieren, sofort dahin, setzte sich an einen mit einem Talglicht erleuchteten Tisch, schenkte niemandem und nichts seine Aufmerksamkeit, hörte den Kellner nicht, der ihn nach seinen Wünschen fragte, zerbrach das Siegel und begann den folgenden Brief zu lesen, der ihn nun allerdings vollständig fassungslos machte:
„Edler, für mich leidender und auf ewig meinem Herzen teurer Mann!
Ich leide, ich gehe zugrunde – rette mich! Der Verleumder, der Intrigant und durch seine Nichtswürdigkeit bekannte Mensch hat mich mit seinen Netzen umstrickt und mich zugrunde gerichtet. Ich fiel! – Doch er ist mir zuwider, aber du! ... Man hat uns voneinander gerissen, meine Briefe an dich gestohlen – und alles das tat der Unwürdige, indem er sich seiner besten Eigenschaft bediente – der Ähnlichkeit mit dir. Jedenfalls kann man schlecht sein und dennoch durch Geist, Gefühl und angenehme Manieren entzücken ...
Ich gehe zugrunde! Man wird mich mit Gewalt verheiraten, und am meisten intrigiert dafür mein Vater und Wohltäter, Staatsrat Olssuph Iwanowitsch, der die Rolle, die ich im Hause und in der höheren Gesellschaft spiele, für sich in Anspruch nehmen will ...
Aber ich bin entschlossen und widersetze mich, mit allen mir von der Natur geliehenen Mitteln. Erwarte mich heute im Wagen um neun Uhr vor den Fenstern unserer Wohnung. Bei uns ist wieder Ball und der schöne Leutnant wird da sein. Ich werde herauskommen und wir fliehen dann. Gibt es doch auch noch andere Beamtenstellen, in denen man seinem Vaterlande dienen kann. Jedenfalls, denke daran, mein Freund, daß die Unschuld stark ist durch sich selbst!
Lebe wohl, erwarte mich im Wagen vor der Haustür. Ich flüchte mich in den Schutz deiner Arme, punkt zwei Uhr nach Mitternacht. Dein bis zum Grabe!
Klara Olssuphjewna.“
Nachdem unser Held den Brief gelesen hatte, war er einige Augenblicke wie betäubt. In schrecklicher Angst, in schrecklicher Aufregung, bleich wie ein Tuch, mit dem Brief in der Hand ging er im Zimmer auf und ab. Zum Übermaß seines Mißgeschicks und seiner Lage, bemerkte unser Held nicht, daß er der Gegenstand gespannter Aufmerksamkeit von seiten aller Anwesenden war. Die Unordnung seiner Kleidung, seine heftige Aufregung, sein Auf und Ab, das Gestikulieren mit beiden Händen, vielleicht einige rätselhafte Worte, die er in Selbstvergessenheit laut gesprochen – alles das machte wahrscheinlich auf die Anwesenden keinen gerade guten Eindruck und namentlich dem Kellner schien er verdächtig.
Endlich bemerkte unser Held, der plötzlich zu sich kam, daß er mitten im Zimmer stand und fast unhöflich einen Greis von ehrwürdigem Aussehen anstarrte, der nach Beendigung seiner Mahlzeit vor dem Gottesbilde gebetet hatte und jetzt seinen Blick von Herrn Goljädkin nicht abwandte. Verwirrt blickte unser Held um sich und bemerkte nun, daß alle, wirklich alle, ihn mit mißtrauischen und bösen Blicken betrachteten.
Plötzlich verlangte ein verabschiedeter Offizier mit rotem Kragen laut die „Polizeinachrichten“. Herr Goljädkin fuhr zusammen und errötete: dabei senkte er seine Augen zu Boden und bemerkte seine in Unordnung geratene Kleidung. Die Stiefel, die Beinkleider und die ganze linke Seite waren vollständig beschmutzt, die Schuhriemen offen, der Rock an mehreren Stellen zerrissen. Tief bekümmert trat unser Held an einen Tisch und sah, daß ein Angestellter ihn ununterbrochen und frech beobachtete. Ganz verloren und niedergedrückt fing nun unser Held an, den Tisch zu betrachten, vor dem er stand. Auf dem Tische standen gebrauchte Teller, von einem beendeten Mittagessen, lagen schmutzige Servietten und soeben gebrauchte Löffel, Gabeln und Messer.
„Wer hat denn hier gegessen?“ dachte unser Held. „Doch nicht etwa ich? Alles ist ja möglich! Ich habe vielleicht gegessen und es nur nicht bemerkt.“
Als Herr Goljädkin aufblickte, bemerkte er wieder den Kellner neben sich, der im Begriff schien, ihm etwas zu sagen.
„Wieviel haben Sie von mir zu bekommen?“ fragte unser Held mit zitternder Stimme.
Ein lautes Gelächter erschallte rings um Herrn Goljädkin. Auch der Kellner lachte. Herr Goljädkin begriff, daß er wieder einmal eine schreckliche Dummheit begangen hatte. Als er das einsah, wurde er so verwirrt, daß er genötigt war, in die Tasche nach dem Taschentuch zu greifen, wahrscheinlich nur, um irgend etwas zu tun und nicht so dazustehen. Doch zu seiner und aller Anwesenden Verwunderung zog er mit seinem Taschentuch zugleich ein Medizinfläschchen heraus, das ihm vor vier Tagen Krestjan Iwanowitsch, der Doktor, verschrieben hatte.
„Das ist die Medizin aus jener Apotheke,“ ging es Herrn Goljädkin durch den Kopf und plötzlich zuckte er zusammen und schrie auf vor Schreck. Ein neues Licht ging ihm auf ... Die dunkle, widerlich rote Flüssigkeit schimmerte mit ihrem bösen Glanz vor den Augen des Herrn Goljädkin ... Das Fläschchen fiel zu Boden und zerbrach in Stücke. Unser Held schrie nochmals auf und sprang ein paar Schritte vor der umherspritzenden Flüssigkeit zurück ... er zitterte an allen Gliedern und der Schweiß brach ihm aus Stirn und Schläfen.
„Der Mensch ist ja krank!“ rief man. Inzwischen erhob sich im Raum eine Bewegung und ein Gedränge. Alle umringten Herrn Goljädkin. Alle redeten auf ihn ein, einige faßten ihn sogar am Rock. Doch unser Held stand da, unbeweglich, er sah nichts, er hörte nichts, er fühlte nichts ... Endlich riß er sich los und stürzte davon. Er stieß zurück, die ihn halten wollten, sprang fast ohne Besinnung in die erste beste Droschke und floh nach Haus.
Im Vorzimmer seiner Wohnung begegnete er Michejeff, dem Kanzleidiener, mit einem Schreiben in der Hand.
„Ich weiß, mein Freund, ich weiß alles!“ antwortete mit schwacher, kläglicher Stimme unser Held. „Das ist ein offizieller ...“
Das Schreiben war an Herrn Goljädkin gerichtet, mit einer Unterschrift von Andrej Philippowitsch versehen, und in ihm wurde er aufgefordert, alle in seinen Händen befindlichen Akten dem Kanzleidiener zu übergeben. Herr Goljädkin nahm das Schreiben und gab dem Diener ein Zehnkopekenstück, trat in sein Zimmer und sah, wie Petruschka seine Sachen in einen Haufen zusammenpackte, offenbar in der Absicht, Herrn Goljädkin zu verlassen, und bei Karolina Iwanowna, die ihn seinem Herrn abspenstig gemacht hatte, deren Eustaphia zu ersetzen.
XII.
Petruschka trat ein, sonderbar nachlässig, mit einer triumphierenden Miene. Man sah ihm an, daß er sich irgend etwas dabei dachte und sich vollkommen in seinem Recht fühlte. Auch sah er ganz so aus, wie jemand, der keinen Dienst mehr ausübte, der bereits der Diener eines anderen war, und nicht mehr der seines früheren Herrn.
„Nun, siehst du, mein Lieber,“ begann atemschöpfend unser Held. „Wieviel Uhr ist es jetzt?“
Petruschka begab sich schweigend hinter den Verschlag, kehrte darauf langsam zurück und meldete in ziemlich gleichgültigem Tone, daß es bald halb acht Uhr sei!
„Nun gut, mein Lieber, gut. Siehst du, mein Lieber ... erlaube, daß ich dir sage, mein Lieber, daß zwischen uns, scheinbar, jetzt alles zu Ende ist.“
Petruschka schwieg.
„Nun, und jetzt, da zwischen uns alles zu Ende ist, sage mir aufrichtig, wie ein Freund sage mir, wo du warst, mein Lieber?“
„Wo ich war? Bei guten Menschen war ich.“
„Ich weiß es, mein Freund, ich weiß es. Ich war mit dir immer zufrieden, mein Lieber und werde dir ein gutes Zeugnis geben ... Nun, wirst du denn jetzt bei ihnen dienen?“
„Herr, Sie belieben ja selbst zu wissen ... Ein guter Mensch kann einen nichts Schlechtes lehren.“
„Ich weiß es, mein Lieber, ich weiß es. Gute Menschen gibt es jetzt selten. Schätze sie hoch, mein Freund. Nun, wer sind sie denn?“
„Das ist doch bekannt, wer ... jedenfalls kann ich bei Ihnen, Herr, nicht länger dienen. Sie belieben das selbst zu wissen.“
„Ich weiß es, mein Lieber, ich weiß es, ich kenne deinen Eifer, ich habe alles gesehen, alles bemerkt. Ich, mein Freund, achte dich. Ich achte jeden guten und ehrlichen Menschen, auch wenn er nur ein Diener ist.“
„Nun, das ist bekannt. Unsereiner muß dahin gehen, wo es besser ist. So ist’s. Sie belieben zu wissen, Herr, ohne einen guten Menschen kann ich nicht ... –“
„Schon gut, mein Lieber, schon gut. Ich weiß es ... Nun, hier hast du dein Geld und ein Zeugnis. Jetzt umarmen wir uns, und verzeihen uns gegenseitig ...“
Petruschka blickte ihn an.
„Nun, mein Lieber, bitte ich dich noch um einen Dienst, um einen letzten Dienst,“ sagte Herr Goljädkin in feierlichem Tone. „Siehst du, mein Lieber, alles ist möglich. Kummer, mein Freund, herrscht auch in Palästen, und man kann ihm nirgends entgehen. Du weißt, mein Freund, ich war gegen dich immer freundlich ...“
Petruschka schwieg.
„Ich war, dachte ich, immer freundlich gegen dich, mein Lieber ... Aber sag, was haben wir denn jetzt noch an Wäsche, mein Lieber?“
„Alles was da ist! Leinene Hemden sechs, Socken drei Paar, vier Vorhemden, eine Flanelljacke, Unterbeinkleider zwei. Sie wissen ja selbst alles. Ich, Herr, rühre von dem Ihrigen nichts an ... Ich, Herr, hüte Ihr Eigentum ... Ich, Herr, es ist Ihnen doch bekannt, habe mir nie eine Sünde ... Herr, Sie wissen doch selbst, Herr ...“
„Ich glaube dir, mein Freund, ich glaube Dir. Nicht das meine ich, mein Freund, nicht das, siehst du, mein Freund ...“
„Es ist bekannt, Herr, und wir wissen es ja! Als ich damals noch beim General Stolbujäkoff diente, da entließen sie mich, als sie selbst nach Saratoff reisten ... ein Gut haben sie dort ...“
„Nein, mein Freund, ich rede nicht davon, denke nicht etwa ... mein lieber Freund ...“
„Das ist bekannt. Wie sollte wohl unsereins – Sie belieben das ja selbst zu wissen –, Leute verleumden! Aber mit mir war man überall zufrieden. Das waren Minister, Generäle, Senatoren, Grafen. Ich diente bei vielen, beim Fürsten Swintschatkin, beim Hauptmann Pereborkin, beim General Njedobaroff, sie fuhren alle auf ihre Güter ... Das ist doch bekannt ...“
„Gewiß, mein Freund, gewiß, gut, mein Freund, gut. Siehst du, mein Freund, auch ich werde jetzt verreisen ... Jeder hat seinen Weg, mein Lieber, und keiner weiß, wohin er verschlagen wird! ... Jetzt, mein Freund, muß ich mich umkleiden. Gib mir die Uniform heraus, andere Beinkleider, Tücher, Betten, Kissen ...“
„Soll ich alles in ein Bündel packen?“
„Ja, mein Freund, meinetwegen alles in ein Bündel! Wer weiß, was noch alles mit mir geschehen wird! ... Nun, jetzt, mein Lieber, gehe und hole mir einen Wagen ...“
„Einen Wagen?“
„Ja, mein Freund, einen Wagen, einen bequemen – miete einen auf längere Zeit! Aber du, mein Freund, mußt nicht etwa denken ...“
„Wollen Sie weit fahren? ...“
„Ich weiß es nicht, mein Freund, das weiß ich selbst nicht. Ich denke, ein Federbett muß man auch hineinlegen. Wie denkst du, mein Freund? Ich verlasse mich ganz auf dich, mein Lieber ...“
„Wünschen Sie sofort abzufahren?“
„Ja, mein Freund, ja! Die Umstände verlangen es ... so steht es, mein Lieber, so steht es ...“
„Ich verstehe, Herr! Damals, bei uns im Regiment, war das mit einem Leutnant ebenso: von einem Gutsbesitzer weg ... entführte er sie ...“
„Entführte? ... Wie! Mein Lieber, du ...“
„Ja, entführte, und im nächsten Ort wurden sie getraut. Alles war schon vorbereitet worden ... Es gab eine Verfolgung. Der jetzt verstorbene Fürst jagte ihnen selbst nach, nun ... die Sache wurde beigelegt ...“
„Sie wurden getraut. Ja? ... Du, mein Lieber, wie weißt du denn das, mein Lieber?“
„Nun, das ist doch bekannt! Die Erde trägt das Gerücht weiter, Herr! Wir wissen doch alles, Herr. Natürlich, wer ist denn ohne Sünde? Aber, ich sage Ihnen jetzt nur, Herr, einfach, geradeaus, Herr: wenn das jetzt so ist, so sage ich Ihnen, Herr, daß Sie einen Feind haben, einen Nebenbuhler, Herr, einen starken Nebenbuhler, so ist’s! ...“
„Ich weiß, mein Freund, ich weiß. Du weißt es also auch, mein Lieber ... Nun, darin kann ich mich ganz auf dich verlassen! Was sollen wir also tun, mein Freund, was kannst du mir raten?“
„Aber, Herr, wenn Sie sich auf solche Sachen gelegt haben, Herr, dann müssen Sie noch etwas dazukaufen, wie Laken, Kissen, ein anderes Federpfühl, ein zweischläfriges, eine gute Decke ... hier beim Nachbarn unten ist eine Verkäuferin, Herr, die hat einen Fuchspelz zu verkaufen, den könnte man sich ansehen, sofort hingehen, ansehen und kaufen. Sie werden ihn nötig haben, Herr, ein schöner Fuchspelz mit Atlas bezogen ...“
„Schon gut, mein Freund, schon gut; ich bin ganz mit dir einverstanden; ich verlasse mich ganz auf dich. Meinetwegen, also den Pelz ... Aber nur schnell, schnell! Um Gottes willen, schnell! Ich werde auch den Pelz kaufen, nur bitte – schnell! Es ist bald acht Uhr, schneller, um Gottes willen, schneller, mein Freund! Beeile dich, mein Freund! ...“