Part 27
Ohne sich zu besinnen, voll Scham und Verzweiflung floh der unglückliche und ehrenwerte Herr Goljädkin von dannen, floh, lief, wohin ihn seine Füße trugen, wohin das Schicksal ihn führen würde. Doch bei jedem Schritt, den er machte, bei jedem Aufschlag seiner Füße auf das harte Trottoir, sprang wie aus der Erde hervor, ein ebensolcher Herr Goljädkin, jener andere Herr Goljädkin, jener verworfene, ruchlose, abscheuliche Zweite. Und alle diese Ebenbilder begannen nun, kaum, daß sie erschienen, einer dem anderen nachzulaufen. In einer langen Kette, wie einer Reihe gespenstischer Wesen, zogen sie sich hinter Herrn Goljädkin dem Älteren her, so daß es ganz unmöglich war, ihnen zu entfliehen, so daß dem bedauernswerten Herrn Goljädkin der Atem stockte, so daß zuletzt eine furchtbare Anzahl solcher Ebenbilder sich ansammelte, so daß ganz Petersburg von ihnen überschwemmt war und ein Polizist, der diese Störung der öffentlichen Ruhe schließlich bemerkte, sich veranlaßt sah, alle diese Ebenbilder am Kragen zu packen, und sie auf die Wache zu führen ...
Gebannt und erstarrt vor Schrecken erwachte unser Held und gebannt und erstarrt vor Schrecken fühlte er sich auch noch im wachen Zustande nicht besser. Schwer und quälend war ihm zumute ... Er hatte ein Gefühl, als ob ihm jemand das Herz aus der Brust risse ...
Endlich konnte es Herr Goljädkin nicht länger aushalten. „Das darf nicht sein!“ rief er mit Entschlossenheit aus, und erhob sich vom Bett, woraufhin er vollständig wach wurde.
Der Tag hatte augenscheinlich längst begonnen. Im Zimmer war es ganz außergewöhnlich hell. Die Sonnenstrahlen drangen durch die gefrorenen Fensterscheiben und zerstreuten sich verschwenderisch im Zimmer, was Herrn Goljädkin nicht wenig verwunderte. Denn nur zu Mittag konnte die Sonne zu ihm hineinsehen, und zu anderer Stunde war so etwas, soweit Herr Goljädkin sich erinnern konnte, nie vorgekommen. Während unser Held noch ganz verwundert darüber nachdachte, begann die Wanduhr hinter dem Vorschlag zu schnurren – was ankündigte, daß sie gleich darauf schlagen werde.
„Nun, aufgepaßt!“ dachte Herr Goljädkin und horchte auf, in gespannter Erwartung ... Doch zu seiner höchsten Verwunderung holte die Uhr aus und schlug nur ein einziges Mal. „Was ist denn das für eine Geschichte?“ rief unser Held aus und sprang jetzt endgültig aus dem Bett. Wie es schien, traute er seinen eigenen Ohren nicht und lief hinter den Verschlag. Die Uhr zeigte wirklich „eins“. Herr Goljädkin blickte auf Petruschkas Bett, doch im Zimmer war von Petruschka keine Spur zu sehen. Sein Bett war augenscheinlich schon lange gemacht, und seine Stiefel waren nirgends zu erblicken, ein unzweifelhaftes Zeichen, daß Petruschka wirklich nicht zu Hause war. Herr Goljädkin stürzte zur Tür: die Tür war verschlossen.
„Wo ist denn Petruschka?“ fuhr er flüsternd fort, in schrecklicher Erregung, an allen Gliedern zitternd. Plötzlich kam ihm ein Gedanke ... Herr Goljädkin stürzte an den Tisch, übersah ihn, suchte und – richtig: sein gestriger Brief an Wachramejeff war nicht da ... Petruschka war auch nicht im Verschlag ... die Uhr war eins ... und im gestrigen Brief von Wachramejeff waren einige Punkte, übrigens, auf den ersten Blick sehr unklare Punkte, die sich gleichwohl für ihn jetzt vollkommen aufklärten ... Also auch Petruschka war erkauft worden! Das war es!
„So, jawohl, so wird alles zu einem Knoten von Ränken und Verrat!“ rief Herr Goljädkin aus, schlug sich an die Stirn und riß immer noch mehr die Augen auf. „Also im Nest dieser abscheulichen Deutschen verbirgt sich die ganze Macht der bösen Kräfte! Sie hat mich nur höchst geschickt ablenken wollen, indem sie mich auf die Ismailoffbrücke wies, die Augen schlug sie nieder, diese nichtsnutzige Hexe, und hat auf mich in dieser Weise geheime Anschläge gemacht!!! So ist es! Wenn man die Sache von dieser Seite betrachtet, dann ist es eben so! Und die Erscheinung dieses Taugenichts ist auch darauf zurückzuführen: so gehört eines zum anderen. Sie hatten ihn schon lange vorbereitet und für den schwarzen Tag zurecht gemacht. So also ist’s, wie sich jetzt alles aufklärt! Doch wie ist das nur gekommen? Nun, tut nichts! Noch ist keine Zeit verloren! ...“
Hierbei erinnerte sich Herr Goljädkin mit Schrecken daran, daß es bereits halb zwei Uhr nachmittags sei. „Wie, wenn es ihnen inzwischen gelungen ...“ Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust ... „Doch nein, nein, sie lügen, es gelingt ihnen nicht, – wollen doch sehen ...“ Er kleidete sich schnell irgendwie an, ergriff Papier und Feder und schrieb folgenden Brief:
„Mein geehrter Herr Jakoff Petrowitsch!
Entweder Sie oder ich, aber wir beide – ganz unmöglich! Und darum erkläre ich Ihnen, daß Ihr sonderbarer, lächerlicher und unsinniger Wunsch, sich für meinen Zwillingsbruder auszugeben, zu nichts anderem führen wird, als zu Ihrem vollständigen Ruin. Ich bitte Sie daher, und um Ihres eigenen Vorteils willen, ehrenwerten Leuten mit wohlgesinnten Absichten den Weg frei zu geben. Im anderen Fall bin ich bereit, selbst zu den äußersten Maßregeln zu greifen. Ich lege die Feder hin und warte ... Im übrigen stehe ich zu Ihrer Verfügung – auch mit der Pistole.
J. Goljädkin.“
Unser Held rieb sich energisch die Hände, als er dieses Schreiben beendet hatte. Dann zog er sich den Mantel an, setzte den Hut auf, öffnete mit einem zweiten Schlüssel die Tür und begab sich in die Kanzlei. Er ging auch bis zum Departementsgebäude, konnte sich aber nicht entschließen hinein zu gehen, denn es war wirklich schon zu spät. Die Uhr des Herrn Goljädkin zeigte halb drei. Plötzlich erregte ein scheinbar sehr nebensächlicher Umstand einiges Bedenken bei Herrn Goljädkin. Aus einer Ecke des Gebäudes tauchte nämlich mit einem Male eine erhitzte und keuchende Figur auf, schlich sich verstohlen auf die Treppe und von dort in den Vorraum. Es war der Schreiber Ostaffjeff, ein Mensch, der Herrn Goljädkin genau bekannt, ein Mensch, der zuweilen für einige zehn Kopekenstücke zu allem bereit war. Da Herr Goljädkin die schwache Seite Ostaffjeffs kannte und richtig vermutete, daß er, der offenbar gerade aus einer benachbarten Kneipe kam, wahrscheinlich mehr denn je Verlangen nach Kopeken empfand, so entschloß sich unser Held, diese nicht zu sparen. Er ging sofort auf die Treppe und folgte Ostaffjeff in den Vorraum, rief ihn an und forderte ihn geheimnisvoll auf, mit ihm zur Seite zu treten, in ein verstohlenes Winkelchen hinter einem großen eisernen Ofen. Nachdem er ihn dahin geführt hatte, begann unser Held ihn auszufragen.
„Nun, wie mein Freund, wie ist’s damit ... Du verstehst mich doch? ...“
„Ich höre, Ew. Wohlgeboren und wünsche Ew. Wohlgeboren Gesundheit.“
„Gut, mein Lieber, schon gut; ich danke dir, mein Lieber. Nun, aber, wie steht es denn, mein Lieber?“
„Wonach geruhen Sie zu fragen?“ Ostaffjeff hielt dabei die Hand vor den Mund.
„Nun sieh, mein Lieber, ich spreche davon ... Du brauchst aber nun nicht etwa zu denken ... Sage, ist Andrej Philippowitsch hier? ...“
„Er ist hier.“
„Und die Beamten sind auch hier?“
„Und die Beamten auch, wie es sich gehört.“
„Und Seine Exzellenz gleichfalls?“
„Und auch Seine Exzellenz.“ Wieder legte der Schreiber seine Hand vor den Mund und blickte neugierig und verwundert Herrn Goljädkin an. Wenigstens schien es unserem Helden so.
„Und es ist nichts Besonderes vorgefallen, mein Lieber?“
„Nein, gar nichts, gar nichts.“
„Und von mir, mein Lieber, ist da nicht dort so ... irgendwas von mir zu hören gewesen? ... Wie? Nur so, mein Freund, verstehst du?“
„Nein, es ist bis jetzt nichts zu hören gewesen,“ wieder legte der Schreiber seine Hand vor den Mund und sah Herrn Goljädkin sehr sonderbar an. Unser Held versuchte jetzt aus dem Gesicht Ostaffjeffs herauszulesen, ob er etwas vor ihm verheimliche. Und wirklich schien in ihm etwas vor sich zu gehen. Ostaffjeff wurde nämlich immer trockener, fast unhöflich und zeigte für Herrn Goljädkin lange nicht mehr soviel Teilnahme, wie zu Anfang des Gespräches. „Er ist auf gewisse Weise in seinem Recht,“ dachte Herr Goljädkin, „was gehe ich ihn eigentlich an? Vielleicht hat er auch schon von anderer Seite ein Geschenk empfangen? Vielleicht kommt er gerade ... und ich treffe ihn, weil – Aber auch ich werde ihm ...“ Herr Goljädkin begriff, daß die Zeit für das Trinkgeld gekommen war.
„Hier, mein Lieber ...“
„Danke ergebenst, Ew. Wohlgeboren.“
„Ich werde dir noch mehr geben.“
„Schön, Ew. Wohlgeboren.“
„Jetzt, sofort werde ich dir noch mehr geben, und wenn die Sache beendigt ist, gebe ich dir noch einmal soviel. Verstehst du?“
Der Schreiber schwieg, er stand kerzengerade vor Herrn Goljädkin und sah ihn unbeweglich an.
„Nun, jetzt sprich: ist etwas über mich zu hören? ...“
„Es scheint, daß bis jetzt noch ... davon ... nichts, bis jetzt wenigstens.“ Ostaffjeff antwortete in Pausen und ganz wie Herr Goljädkin, nahm auch er eine geheimnisvolle Miene an, zog die Augenbrauen hoch, sah zur Erde, versuchte den richtigen Ton zu treffen, kurz, tat alles, um auch noch das Versprochene zu verdienen, denn das Erhaltene sah er bereits für etwas endgültig von ihm Erworbenes an.
„Also, es ist noch nichts bekannt? ...“
„Bis jetzt noch nichts.“
„Doch höre, ... es wird vielleicht ... noch bekannt werden? ...“
„Versteht sich, späterhin wird es vielleicht bekannt werden.“
„Schlimm!“ dachte unser Held. „Höre: hier hast du noch, mein Freund.“
„Danke ergebenst, Ew. Wohlgeboren.“
„War Wachramejeff gestern hier? ...“
„Ja, er war hier.“
„War nicht sonst noch jemand hier? Denke mal nach, mein Lieber!“
Der Schreiber suchte einen Augenblick in seinen Erinnerungen: offenbar fiel ihm nichts ein.
„Nein, es war sonst niemand hier.“
„Hm!“ Es folgte ein Schweigen.
„Höre, Lieber, noch eins: sage mir alles was du weißt.“
„Zu Befehl.“
„Sage mir, Lieber, wie ist er angeschrieben?“
„So ... gut ... –“ antwortete der Schreiber und sah mit großen Augen auf Herrn Goljädkin.
„Wie das, ... gut –?“
„Das heißt, so ...“ Ostaffjeff zog die Augenbrauen noch bedeutend höher. Er stand dumm da und wußte entschieden nicht, was er antworten sollte.
„Schlimm!“ dachte Herr Goljädkin. „Weiß man sonst etwas über Wachramejeff?“
„Ja, alles ganz wie früher.“
„Denke mal nach.“
„Ja, man sagt ...“
„Nun, was denn? ...“
Ostaffjeff bedeckte mit der Hand seinen Mund.
„Ist nicht ein Brief von ihm da, an mich?“
„Ja, heute ging der Kanzleidiener Michejeff zu Wachramejeff in die Wohnung, ging zu einer Deutschen – wenn es nötig ist, kann ich auch hingehen und fragen?“
„Tu es, sei so gut, mein Lieber, um’s Himmels willen! Das heißt, ich meine nur so ... Du, mein Lieber, denke dir nichts dabei ... wie gesagt, ich meine nur so ... Ja, frage nach, mein Lieber, forsche, ob man da etwas vorbereitet – auf meine Rechnung? Und was er tun wird? Das muß ich wissen, versuche es zu erfahren, mein Lieber, ich werde dir dafür danken, mein Lieber ...“
„Zu Befehl, Ew. Wohlgeboren. Ihren Platz nahm heute Iwan Ssemjonowitsch ein.“
„Iwan Ssemjonowitsch? Ach! Ja! Wirklich!“
„Andrej Philippowitsch befahlen ihm, sich auf Ihren Platz zu begeben.“
„Wirklich? Aus welcher Veranlassung? Versuche es zu erfahren, mein Lieber; versuche alles zu erfahren – und ich werde dir danken, mein Lieber, das ist es ja, was ich nötig habe und wissen muß ... Du aber, glaube nur ja nicht, mein Lieber ...“
„Verstehe, verstehe, ich gehe sogleich –. Und Sie, Ew. Wohlgeboren, Sie gehen heute nicht hin?“
„Nein, mein Lieber, ich bin nur so ... ich bin nur so gekommen, um zu sehn, mein Lieber – ich würde dir aber dankbar sein, mein Lieber ...“
„Zu Befehl.“ Der Schreiber lief schnell und eilig die Treppe hinauf und Herr Goljädkin blieb allein.
„Schlimm!“ dachte er. „Ach, schlimm, schlimm! Ach, sehr schlimm steht jetzt unsere Sache! Was hatte das alles zu bedeuten? Was bedeuteten einige Anspielungen dieses Kerls, und von wem gehen sie aus? Ah! Jetzt weiß ich’s. Sie haben die Sache erfahren und ihn infolgedessen hingesetzt. Übrigens, was ... hingesetzt? Dieser Andrej Philippowitsch hat Iwan Ssemjonowitsch befohlen, sich hinzusetzen, doch warum hat er ihn hingesetzt, zu welchem Zweck hat er ihn hingesetzt? Wahrscheinlich haben sie erfahren ... Dieser Wachramejeff intrigiert, das heißt, nicht Wachramejeff, er ist so dumm, wie ein Stück Holz, dieser Wachramejeff! Sie machen das alles für ihn und haben diesen Halunken nun hingesetzt. Oh, die Deutsche hat sie bestochen, die Einäugige! Ich hatte immer den Verdacht, daß diese Intrige nicht so einfach ist, und daß hinter diesem Altweiberklatsch etwas steckt ... Dasselbe habe ich auch Krestjan Iwanowitsch gesagt, daß sie sich geschworen haben, im moralischen Sinne einen Menschen zu morden – und da bedienen sie sich denn Karolina Iwanownas. Nein, hier sind Meister an der Arbeit, das sieht man! Hier, mein Herr, erkennt man eine Meisterhand und nicht die Wachramejeffs. Wie gesagt, dieser Wachramejeff ist dumm, doch ich weiß, wer für sie alle jetzt arbeitet: dieser Schurke ist es, dieser Usurpator meines Namens ist es! An ihm allein hängt alles, was ja auch zum Teil seine Erfolge in der Gesellschaft bewiesen haben. Es wäre wirklich wünschenswert, zu wissen, auf welchem Fuße er jetzt ... was er dort bei ihnen gilt?
Doch wozu haben sie diesen Iwan Ssemjonowitsch genommen? Zum Teufel, wozu hatten sie denn den nötig? Ganz als ob sich kein anderer finden ließe. Übrigens, wen sie auch dahin gesetzt hätten, es wäre doch immer dasselbe gewesen! Das einzige, was ich weiß, ist, daß mir dieser Iwan Ssemjonowitsch schon längst verdächtig vorkam: so ein alter widerlicher Kerl! Man sagt, er leihe Geld aus und nehme Wucherzinsen. Doch das macht ja alles der Bär, in alle diese Sachen hat sich der Bär eingemischt. Das fing so an, bei der Ismailoffbrücke fing es an: so war es ...“
Hierbei verzog Herr Goljädkin gar schrecklich sein Gesicht, ganz, als hätte er in eine Zitrone gebissen – jedenfalls dachte er an etwas für ihn sehr Unangenehmes.
„Nun, tut nichts, und übrigens!“ dachte er, „ich werde schon für mich stehen ... Warum kommt denn der Ostaffjeff nicht? Wahrscheinlich haben sie ihn dort aufgehalten! Es ist zum Teil gut, daß ich so intrigiere und auch meinerseits Schlingen lege. Ostaffjeff brauche ich nur ein Trinkgeld zu geben und so habe ich ihn – auf meiner Seite. Vielleicht tun sie das auch ihrerseits und intrigieren ihrerseits durch ihn gegen mich? Denn der Schurke sieht aus wie ein Räuber, der reine Räuber! Er verheimlicht alles, der Schuft! ‚Nein, nichts,‘ sagt er, ‚ich danke, Ew. Wohlgeboren,‘ sagt er. Solch ein Räuber!“
Man hörte ein Geräusch ... Herr Goljädkin kroch ganz in sich zusammen und sprang hinter den Ofen. Jemand kam die Treppe herunter und ging auf die Straße.
„Wer kann da jetzt weggegangen sein?“ dachte Herr Goljädkin bei sich. Nach einer Weile hörte man wieder Schritte ... Jetzt konnte es Herr Goljädkin nicht mehr aushalten, er streckte ein wenig seine Nase aus dem Versteck heraus, zog sie aber schnell wieder zurück, als wäre sie ihm mit einer Nadel gestochen worden. Dieses Mal konnte man sich ja denken, wer da kam, ... der Schuft, der Intrigant und Verderber selbst ... Er ging vorüber, wie gewöhnlich, mit seinen gemeinen, kleinen Schrittchen, und warf seine Beinchen aus, ganz als wolle er jemandem ein Bein stellen.
„Schurke!“ murmelte unser Held vor sich hin. Übrigens konnte es Herrn Goljädkin nicht entgehen, daß der Schurke unter dem Arm eine große grüne Mappe trug, die Seiner Exzellenz gehörte.
„Also wieder in besonderen Aufträgen,“ dachte Herr Goljädkin, verkroch sich noch mehr und wurde rot vor Ärger. Kaum war Herr Goljädkin der Jüngere an Herrn Goljädkin dem Älteren vorübergegangen, ohne ihn zu bemerken, als man zum dritten Male Schritte hörte: wie Herr Goljädkin sich gedacht, waren es die Schritte eines Schreibers. Wirklich: es war das glänzende Gesicht eines Schreibers, das zu ihm hinter den Ofen sah: nur war es nicht das Gesicht Ostaffjeffs, sondern das eines anderen Schreibers, Pissarenko genannt. Das setzte Herrn Goljädkin in Erstaunen. „Warum hat er andere in das Geheimnis eingeweiht?“ dachte unser Held. „Ach, diese Schurken – alle! Es gibt nichts Heiliges für sie!“
„Nun, mein Lieber?“ sagte er zu Pissarenko gewandt. „Von wem kommst du, mein Lieber? ...“
„In Ihrer Sache gibt es noch nichts Neues, gar keine Nachrichten, wenn was kommen sollte, so werde ich es Ihnen überbringen.“
„Und Ostaffjeff?“
„Der, Ew. Wohlgeboren, kann jetzt nicht abkommen. Seine Exzellenz ist schon zweimal durch unsere Abteilung gekommen, und auch ich habe keine Zeit.“
„Danke dir, mein Lieber, danke dir ... Aber du sagst mir doch ...“
„Bei Gott, ich habe keine Zeit ... Jeden Augenblick werden wir gerufen ... Aber belieben Sie hier noch stehen zu bleiben, wenn etwas in betreff Ihrer Sache geschieht, so werden wir Sie benachrichtigen. –“
„Warte, warte, mein Lieber! Sofort mein Lieber! ... Hier, nimm diesen Brief, mein Lieber, ich werde dir danken, mein Freund.“
„Gut!“
„Gib ihn ab, mein Lieber, gib ihn Herrn Goljädkin.“
„Goljädkin?“
„Ja, mein Lieber, Herrn Goljädkin.“
„Schön! Ich werde ihn geben, sobald ich Zeit finde. Sie aber bleiben hier inzwischen stehen. Hier wird Sie niemand sehen ...“
„Nein, mein Lieber, du mußt nicht denken ... daß ich hier stehe, damit mich niemand sieht. Ich, mein Freund, werde nicht mehr hier ... ich werde dort in der Nebenstraße warten. Dort ist ein Kaffeehaus, dort werde ich warten, und wenn etwas passiert, wirst du mich benachrichtigen, verstehst du?“
„Schön. Gehen Sie nur, ich verstehe ...“
„Ich werde mich dir dankbar erweisen, mein Lieber!“ rief Herr Goljädkin dem Schreiber nach, der sich endlich von ihm befreit hatte.
„Der Schuft wurde ordentlich grob zuletzt,“ dachte unser Held und schlich sich hinter dem Ofen hervor. „Dort steckt noch ein Haken ... Das ist klar ... Zuerst war er so, dann so ... Übrigens, vielleicht mußte er sich auch wirklich beeilen. Vielleicht haben sie dort viel zu tun. Und Seine Exzellenz ging zweimal durch ihre Abteilung ... Aus welcher Veranlassung geschah das wohl? Ach! nun, einerlei! Übrigens, tut nichts ... vielleicht –; nun, wir werden ja sehen ...“
Herr Goljädkin hatte bereits die Tür geöffnet und wollte soeben auf die Straße hinaustreten, als plötzlich, gerade in dem Augenblick, der Wagen Seiner Exzellenz rasselnd vorfuhr. Herrn Goljädkin war das kaum erst bewußt geworden, als auch schon die Tür der Equipage von innen geöffnet wurde und der in ihr sitzende Herr auf die Treppe hinaussprang. Der Betreffende aber war niemand anders, als jener Herr Goljädkin der Jüngere, welcher, wie er selbst gesehen hatte, vor etwa zehn Minuten weggegangen war. Doch Herr Goljädkin der Ältere erinnerte sich gleichzeitig, daß die Wohnung der Exzellenz sich in der nächsten Nähe befand.
„Er war in besonderem Auftrage ...“ dachte sich unser Held. Unterdessen hatte Herr Goljädkin der Jüngere aus dem Wagen die dicke grüne Aktenmappe und einige andere Papiere hervorgezogen, gab dem Kutscher noch einen Befehl, öffnete die Tür, stieß mit ihr beinahe gegen Herrn Goljädkin den Älteren und – als ob er ihn beleidigen und absichtlich nicht bemerken wollte – eilte schnell die Treppe zur Kanzlei hinauf.
„Schlimm!“ dachte Herr Goljädkin. „Was hat die Sache doch jetzt für eine Wendung genommen! Gott, mein Gott!“ Einen Augenblick stand unser Held unbeweglich da, dann faßte er sich endlich. Ohne lange nachzudenken, doch unter starkem Herzklopfen, an allen Gliedern zitternd, lief er gleichfalls die Treppe hinauf, seinem Ebenbilde nach. „Mag es sein, wie es ist, was geht’s mich an! Ich bin hier Nebensache!“ Im Vorraum nahm er seinen Hut ab, zog Mantel und Galoschen aus.
Als Herr Goljädkin in das Bureau eintrat, war es bereits halbdunkel. Weder Andrej Philippowitsch noch Anton Antonowitsch waren anwesend. Beide befanden sich im Kabinett des Direktors, um Meldungen zu machen. Der Direktor wiederum war, wie es hieß, von neuem zur Exzellenz geeilt. Infolge dieser Umstände, und da es bereits, wie gesagt, zu dunkeln begonnen hatte, auch die Bureauzeit sich ihrem Ende näherte, hatten die Beamten, vorzugsweise die jüngeren, sich bereits süßer Beschäftigungslosigkeit ergeben. Sie gingen auf und ab, unterhielten sich miteinander, balgten sich und lachten. Und einige der allerjüngsten, die ranglosesten unter den noch ranglosen Beamten, hatten im stillen, begünstigt durch das allgemeine Geräusch, in einer Ecke am Fenster, „Schrift oder Adler“ zu spielen begonnen.
Herr Goljädkin, der sich zu benehmen wußte und zudem das lebhafte Bedürfnis fühlte, sich jemandem anzuschließen, ging auf einen Kollegen zu, mit dem er sich sonst gut stand, wünschte ihm einen guten Tag usw. Aber man erwiderte die Höflichkeit des Herrn Goljädkin auf eine seltsame Weise. Er wurde unangenehm überrascht durch die allgemeine Kälte, Trockenheit und man kann wohl sagen Strenge des Empfanges. Es reichte ihm niemand die Hand. Einige sagten einfach „guten Tag“ und wandten sich ab, andere nickten nur mit dem Kopf, irgend jemand wandte sich einfach um, als hätte er ihn nicht bemerkt, und einige sogar – und was Herrn Goljädkin am meisten beleidigte – einige aus der ranglosesten Jugend, halbe Kinder, die, wie Herr Goljädkin sich ganz richtig ausdrückte, nur erst „Adler oder Schrift“ zu spielen verstanden und sich im übrigen umherzutreiben pflegten – umgaben Herrn Goljädkin und gruppierten sich um ihn, so daß sie ihm beinahe den Durchgang versperrten. Alle blickten sie ihn mit einer beleidigenden Neugier an.
Das war entschieden ein schlechtes Zeichen! Herr Goljädkin fühlte es und bereitete sich vernünftigerweise vor, seinerseits nichts zu bemerken. Plötzlich trat aber ein ganz unerwarteter Umstand ein, der, wie man sagt, Herrn Goljädkin vollständig vernichtete.
In dem Kreis der jungen, ihn umgebenden Kollegen erschien plötzlich und gerade für Herrn Goljädkin in dem allerpeinlichsten Augenblick – erschien Herr Goljädkin der Jüngere, wie immer fröhlich, wie immer mit einem Lächeln auf den Lippen, wie immer tänzelnd, kurz, wie immer als der geborene Spaßmacher und Gesellschaftsmensch, der er war, mit leichter Zunge und leichten Füßen, so wie er stets erschien, so wie er schon früher, so wie er noch gestern erschienen war, als er so ungelegen und verhängnisvoll wie nur möglich für Herrn Goljädkin auftauchte. Schmunzelnd beweglich, mit einem Lächeln, das allen zu sagen schien: „Guten Abend“, drehte er sich im Kreise der Beamten herum, reichte dem die Hand, klopfte diesem auf die Schulter; umarmte schnell den dritten, erklärte dem vierten, mit welchen Aufträgen er für Seine Exzellenz beschäftigt gewesen sei, wohin er gefahren war, was er getan und was er mit sich gebracht hatte; den fünften, offenbar seinen besten Freund, küßte er auf den Mund – kurz, alles geschah genau so, wie es Herrn Goljädkin dem Älteren geträumt hatte.
Nachdem er genug herumgesprungen war und alle auf seine Art begrüßt und für sich eingenommen hatte, ob es nun nötig oder unnötig war, hatte er nur Herrn Goljädkin den Älteren, wohl aus Versehen, noch gar nicht bemerkt: erst jetzt reichte er ihm die Hand. Und wahrscheinlich –, und auch nur aus Versehen –, weil er den betrügerischen Herrn Goljädkin den Jüngeren jetzt erst bemerkte, ergriff unser Held sofort und gierig und ganz unerwartet dessen Hand und drückte sie auf die allerkräftigste, freundschaftlichste Weise, drückte sie mit ganz sonderbarer innerer Bewegung und mit den rührendsten Gefühlen. Es ist schwer zu sagen, ob unser Held dabei einem plötzlichen Antriebe folgte und durch die eine Bewegung seines scheinheiligen Feindes verführt wurde – oder ob er in seiner tiefsten Seele die ganze furchtbare Größe seiner Hilflosigkeit spürte und erkannte. Denn Tatsache war, daß Herr Goljädkin der Ältere, bei gesundem Verstande, aus freiem Willen und vor allen Zeugen feierlich die Hand dessen drückte, den er doch seinen Todfeind nannte.