Sämtliche Werke 14

Part 26

Chapter 263,579 wordsPublic domain

„Nun, gut, gut, Petruschka, wenn du dagewesen bist. Siehst du, ich ärgere mich doch nicht ... Nu, nu,“ fuhr unser Held fort, seinen Diener aufzurütteln, schüttelte ihn an der Schulter, lächelte ihm zu ... „nun, und da hast du ein Schlückchen getrunken, du Taugenichts, nur ein wenig ... für zehn Kopeken ein Schlückchen? Du Saufbold! Nun, tut nichts. Siehst du, daß ich nicht böse bin ... Hörst du, ich bin gar nicht böse darüber, mein Lieber ...“

„Nein, wie Sie wollen, ich bin aber doch kein Saufbold. Bei guten Menschen bin ich gewesen, denn ich bin kein Säufer, bin niemals ein Säufer gewesen ...“

„Nun, schön, Petruschka! Höre doch, Pjotr: ich will dich ja auch gar nicht schimpfen, wenn ich dich einen Säufer nenne. Ich habe dir das nur zur Beruhigung gesagt, in einem versöhnlichen Sinne habe ich es dir gesagt. Wenn man einen Menschen in diesem Sinne schimpft, so fühlt er sich geschmeichelt, Petruschka. Ein anderer liebt es sogar! ... Nun, Petruschka, sage mir jetzt aufrichtig, wie einem Freunde ... warst du beim Wachramejeff, und gab er dir die Adresse?“

„Und auch die Adresse gab er, auch die Adresse. Ein guter Beamter ist er! ‚Und dein Herr,‘ sagte er, ‚auch dein Herr ist ein guter Mensch. Und also sage ihm ... ich lasse deinen Herrn grüßen,‘ sagte er, ‚und sage ihm, ich liebe und verehre deinen Herrn, weil dein Herr,‘ sagt er, ‚ein guter Mensch ist, und du, Petruschka, bist auch ein guter Mensch, siehst du‘ ...“

„Ach, du mein Gott! Und die Adresse, die Adresse! Judas du!“ Die letzten Worte sprach Herr Goljädkin fast flüsternd.

„Und die Adresse ... auch die Adresse hat er gegeben.“

„Nun, wo wohnt er denn, der Beamte Goljädkin, der Titularrat Goljädkin?“

„‚Goljädkin wohnt,‘ sagt er, ‚in der Schestilawotschnaja-Straße. So wie du in die Schestilawotschnaja eintrittst,‘ sagt er, ‚so wohnt er rechts die Treppe hinauf, im vierten Stock. Dort,‘ sagt er, ‚wohnt Goljädkin ...‘“

„Bandit, du!“ schrie ihn unser Held an, der endlich die Geduld verlor: „Du Taugenichts! Das bin doch ich, das bin ja ich, von dem du sprichst. Da ist aber ein anderer Goljädkin, und von diesem anderen spreche ich, du Räuber, du!“

„Nun, wie Sie wollen! Was geht’s mich an! Wie Sie wollen! ...“

„Aber der Brief, der Brief? ...“

„Welcher Brief? Es war ja gar kein Brief, ich habe keinen Brief gesehen.“

„Wohin hast du ihn denn gelegt, du Halunke, du!?“

„Ich habe ihn abgegeben, den Brief habe ich abgegeben. ‚Grüße ihn,‘ sagt er, ‚grüße und danke deinem Herrn. Grüße,‘ sagt er, ‚deinen Herrn ...‘“

„Wer hat denn das gesagt? Hat Goljädkin das gesagt?“

Petruschka schwieg ein wenig, dann grinste er übers ganze Gesicht und sah seinem Herrn gerade in die Augen.

„Hörst du, du Räuber!“ begann Herr Goljädkin, schnaubend vor Wut, „was hast du mit mir gemacht? Sage doch, sage, was hast du mit mir gemacht? Du hast mich vernichtet, du Bösewicht! Hast mir meinen Kopf von den Schultern gerissen. So ein Judas!“

„Nun, wie Sie wollen! Was geht das mich an?“ sagte in bestimmtem Tone Petruschka und zog sich hinter seine Scheidewand zurück.

„Komm her, hierher, du Räuber! ...“

„Nun, ich komme jetzt nicht mehr zu Ihnen, überhaupt nicht mehr. Was geht’s mich an! Ich gehe zu den guten Menschen ... Gute Menschen, die ehrlich und ohne Falsch leben und niemals doppelt sind ...“ Herrn Goljädkin erstarrten die Füße und Hände und der Atem ging ihm aus ...

„J–a–a,“ fuhr Petruschka fort, „die sind nicht doppelt und beleidigen nicht Gott und die Menschen!“

„Du Taugenichts, du bist ja betrunken! Du gehe jetzt lieber schlafen, du Räuber! Aber morgen werde ich dir schon zeigen! ...“ sagte Herr Goljädkin mit kaum hörbarer Stimme. Petruschka murmelte auch noch etwas: dann hörte man nur noch, wie er sich aufs Bett legte, daß es in allen Fugen krachte, wie er laut gähnte und sich ausstreckte, und dann, wie man sagt, den Schlaf des Gerechten schlief und mächtig schnarchte.

Herr Goljädkin war mehr tot als lebendig. Das Betragen Petruschkas, seine sonderbaren, wenn auch sehr entfernten Anspielungen, über die man sich „folglich nicht zu ärgern braucht“, um so weniger, da er betrunken war, und schließlich die ganze bösartige Wendung, die die Sache nahm – alles das erschütterte Herrn Goljädkin bis auf den Grund.

„Und was plagte mich, ihn mitten in der Nacht zu wecken?“ fragte sich unser Held, am ganzen Körper vor krankhafter Erregung zitternd, „und was plagte mich, mit einem betrunkenen Menschen anzubändeln! Und was kann man denn von einem betrunkenen Menschen erwarten? Jedes Wort ist ja gelogen! Worauf spielte er eigentlich an, dieser Räuber? Mein Gott, mein Gott! Und wozu habe ich alle diese Briefe geschrieben, ich Selbstmörder, ich Selbstmörder! Konnte ich denn nicht schweigen?! Mußte es denn geschehen? Wozu denn? Mein Ehrgeiz wird mich noch umbringen. Wenn aber meine Ehre leidet – seine Ehre muß man doch retten! Ach, ich Selbstmörder, ich!“

So sprach Herr Goljädkin, auf seinem Diwan sitzend, und wagte sich vor Furcht kaum zu bewegen. Plötzlich fielen seine Augen auf einen Gegenstand, der seine Aufmerksamkeit im höchsten Grade erregte. In der Furcht, es könnte eine Illusion, eine Täuschung seiner Phantasie sein, wagte er kaum, vor Hoffnung, Angst und unbeschreiblicher Neugier, seine Hand danach auszustrecken. Nein, es war keine Täuschung, es war Wirklichkeit. Keine Illusion! Der Brief war ein Brief, ein wirklich an ihn adressierter Brief. Herr Goljädkin griff nach dem Brief auf dem Tisch. Sein Herz schlug heftig.

„Wahrscheinlich hat ihn dieser Schuft gebracht,“ dachte er, „hat ihn dort hingelegt und ihn dann vergessen; so wird es wohl gewesen sein, sicher wird es so gewesen sein ...“

Der Brief war von Wachramejeff, jenem Beamten und ehemaligen Freunde Goljädkins.

„Das habe ich übrigens alles geahnt,“ dachte unser Held, „und alles, was im Briefe hier stehen wird, habe ich ebenfalls geahnt ...“ Der Brief lautete folgendermaßen:

„Sehr geehrter Herr Jakoff Petrowitsch!

Ihr Diener ist betrunken und es läßt sich nichts Gescheites aus ihm herausbringen. Aus dem Grunde ziehe ich es vor, Ihnen schriftlich zu antworten.

Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, daß ich bereit bin, Ihren Auftrag, den mir übergebenen Brief an eine gewisse Person zu befördern, mit aller Gewissenhaftigkeit und Treue auszuführen. Diese Person, die Ihnen sehr bekannt ist, und ein mir untreu gewordener Freund, dessen Namen ich verschweigen will (denn ich möchte nicht unnütz dem Ruf eines unschuldigen Menschen schaden!) wohnt mit uns zusammen in der Wohnung Karolina Iwanownas, und zwar in demselben Zimmer, in dem früher, als Sie noch bei uns waren, der Infanterieoffizier aus Tamboff lebte. Diese Person gehört zu den ehrlichen Leuten, zu denen, die ein aufrichtiges Herz haben, was man bekanntlich nicht bei allen findet. Die Bekanntschaft mit Ihnen beabsichtige ich von heute ab vollständig abzubrechen, in dem freundschaftlichen Verhältnis, in dem wir früher miteinander verkehrten, können wir nicht mehr zueinander stehen, und darum bitte ich Sie, sehr geehrter Herr, beim Empfang dieses meines aufrichtigen Briefes, mir unverzüglich die mir zukommenden zwei Rubel für das Rasiermesser ausländischen Fabrikats, das ich Ihnen verschaffte, zu schicken. Wie Sie sich erinnern werden, hatte ich es Ihnen bereits vor sieben Monaten auf Abzahlung überlassen, und zwar noch zu der Zeit, als Sie mit uns zusammen bei Karolina Iwanowna lebten, die ich von ganzem Herzen achte und verehre. Ich tue es aus dem Grunde, da Sie, nach der Behauptung kluger Leute, Ihre Selbstbeherrschung und Ihren guten Ruf verloren haben und der Verkehr mit Ihnen für junge, sittsame und unverdorbene Menschen daher sehr gefährlich geworden ist. Denn manche Leute leben nicht in Ehrbarkeit und dazu sind ihre Worte falsch und ihre wohlanständige Haltung ist verdächtig. Es wird immer Leute geben, die sich der Verteidigung von Karolina Iwanowna annehmen werden, die stets von gutem Betragen und eine ehrbare Dame gewesen ist und die dazu ein Mädchen, wenn auch nicht von jungen Jahren, so doch aus anständiger ausländischer Familie ist. Man hat mich gebeten, Ihnen dieses von mir aus in meinem Briefe beiläufig in Erinnerung zu bringen. Auf jeden Fall werden Sie schon alles zu seiner Zeit erfahren, falls Sie es bis jetzt noch nicht erfahren haben sollten, obgleich Sie nach Aussagen verständiger Leute an allen Enden der Residenz in schlechtem Rufe stehen, und wenigstens an vielen Stellen Auskunft über sich selbst, geehrter Herr, erhalten können.

Zum Schluß teile ich Ihnen noch mit, sehr geehrter Herr, daß die Ihnen bekannte Person, deren Namen ich aus wohlbegründeten Ursachen hier nicht erwähnen möchte, von allen wohlgesinnten Menschen sehr geachtet wird. Überdies ist sie von angenehmem, heiterem Charakter, in ihrem Beruf wie unter den Menschen sehr beliebt, treu ihrem Wort und jeder Freundschaft, wie sie denn niemals diejenigen beleidigt und verleumdet, mit denen sie sich in freundschaftlicher Beziehung befindet.

Immerhin verbleibe ich Ihr ergebenster Diener

N. Wachramejeff.

P. S. Ihren Diener jagen Sie fort: er ist ein Trinker und wird Ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach viel zu schaffen machen. Nehmen Sie doch Eustachius, der früher hier bei mir diente und gegenwärtig stellenlos ist. Ihr Diener ist ja nicht nur ein Trinker, er ist auch ein Dieb, denn noch in der vorigen Woche hat er Karolina Iwanowna ein Pfund Zucker zu billigerem Preise verkauft, das er, meiner Meinung nach, nur in kleinen Portionen zu verschiedener Zeit von Ihnen gestohlen haben kann. Ich schreibe es Ihnen, da ich Ihnen Gutes wünsche, ungeachtet dessen, daß manche Personen nur zu beleidigen und die Menschen zu betrügen verstehen, besonders anständige Leute von gutem und ehrlichem Charakter. Außerdem versuchen sie diese noch hinter dem Rücken schlecht zu machen, und zwar nur aus Neid, weil sie sich selbst zu ihnen nicht rechnen können.

W.“

Nachdem unser Held den Brief Wachramejeffs gelesen hatte, blieb er noch lange unbeweglich auf seinem Diwan sitzen. Ein neues Licht schien den dichten, rätselhaften Nebel zu durchdringen, der ihn seit zwei Tagen umgab. Unser Held fing allmählich an, alles, alles zu begreifen ... Er versuchte sich vom Diwan zu erheben und einige Male durch das Zimmer zu gehen, um sich zu ermuntern und seine zerstreuten Gedanken zu sammeln und sie auf einen bestimmten Gegenstand zu konzentrieren – um dann reiflich seine Lage zu überlegen. Aber, als er nun aufstehen wollte, fiel er kraftlos und ohnmächtig auf seinen Diwan zurück.

„Das habe ich ja alles vorausgefühlt! Aber was schreibt er denn und was ist der Sinn seiner Worte? Den Sinn verstehe ich noch, aber wohin führt das alles? Wenn er doch einfach sagte: so ist es und so, verlangt wird das und das, ich würde es sofort tun! Der ganze Gang der Sache ist ein so unangenehmer! Wenn es doch bereits Morgen wäre und ich mich der Sache annehmen könnte! Denn jetzt weiß ich, was ich machen würde. So und so, sage ich, ich bin bereit, zur Vernunft zu kommen, doch meine Ehre gebe ich nicht preis, aber ... aber, die bekannte Person, diese unangenehme Persönlichkeit, wie hat sie sich denn da hineingemischt? Und warum hat sie sich da hineingemischt? Ach, wenn es doch schon Morgen wäre! Bis dahin werden sie über mich lästern, gegen mich intrigieren! Die Hauptsache – nur keine Zeit verlieren! Jetzt, zum Beispiel, sollte ich da nicht einen Brief schreiben: so und so, und das und das, bin damit und damit einverstanden. – Und morgen, wenn nur erst die Sonne aufgeht, oder noch früher ... werde ich von der anderen Seite entgegenarbeiten und den Burschen zuvorkommen ... Sie werden nur lästern über mich, ja, und das ist alles!“

Herr Goljädkin griff nach dem Papier, nahm die Feder und schrieb folgende Antwort auf den Brief des Gouvernements-Sekretärs Wachramejeff:

„Sehr geehrter Herr Nestor Ignatjewitsch!

Mit gekränktem Herzen und voll Verwunderung las ich Ihren für mich so beleidigenden Brief, denn ich habe wohl verstanden, daß Sie mit den nicht wohlanständigen, falschen und lügnerischen Personen mich bezeichnen wollen. Mit aufrichtigem Bedauern sehe ich, wie schnell und wie tief die Verleumdung Wurzeln gefaßt hat, zum Schaden meines Wohlergehens, meiner Ehre und meines guten Namens. Und um so beleidigender ist es, als sogar ehrliche und wirklich wohlmeinende Leute und hauptsächlich die, welche mit einem offenen und geraden Charakter begabt sind, sich von dem Leben anständiger Leute abwenden und an einem anderen und tief verderbten teilnehmen, wie es Menschen führen, welche in jener Sittenlosigkeit versunken sind, die zum Unglück unserer Zeit unter uns so schädliche Früchte zeitigt.

Zum Schlusse teile ich Ihnen mit, daß ich es für meine heilige Pflicht halte, Ihnen meine Schuld von zwei Rubeln unverzüglich zurückzuerstatten.

Was Ihre Anspielung, sehr geehrter Herr, anbelangt, in bezug auf eine sehr bekannte Person weiblichen Geschlechts und in bezug auf die Absichten, Berechnungen und verschiedenen Ränke dieser Person, so kann ich Ihnen nur sagen, sehr geehrter Herr, daß ich alle diese Anspielungen bloß halbwegs verstanden habe. Erlauben Sie mir auch, geehrter Herr, meine anständige Gesinnung und meinen ehrlichen Namen unbefleckt zu erhalten. Auf jeden Fall bin ich bereit, auf persönliche Erklärungen einzugehen, da ich die mündliche Erörterung der schriftlichen vorziehe: Jedenfalls bin ich zu friedlicher, gegenseitiger Verständigung bereit. Daher ersuche ich Sie, sehr geehrter Herr, meine Bereitwilligkeit zur persönlichen Aussprache dieser Person anzuzeigen und sie zu bitten, die Zeit und den Ort des Zusammentreffens zu bestimmen. Es war mir schmerzlich, mein geehrter Herr, Ihre Anspielungen zu lesen, als hätte ich Sie beleidigt, Ihre frühere Freundschaft zu mir verraten, und mich im schlechten Sinne über Sie ausgesprochen. Ich schreibe alle diese Mißverständnisse schnöder Verleumdung, dem Neid mir gegenüber zu, und zwar derjenigen, die ich mit Recht meine erbittertsten Feinde nennen kann. Aber wahrscheinlich wissen diese nicht, daß die Unschuld durch sich selbst stark ist, wissen nicht, daß die Unverschämtheit und Frechheit früher oder später zu einer allgemeinen Verachtung führt, die sie treffen wird, und daß solche Personen durch ihre eigenen schlechten Absichten und die Verworfenheit ihres Herzens zugrunde gehen müssen.

Zum Schluß bitte ich Sie noch, geehrter Herr, jenen Personen zu sagen, daß ihre sonderbare Anmaßung und ihre unedlen phantastischen Wünsche und Bestrebungen, andere aus der Stellung zu verdrängen, die sie durch ihre Verdienste einnehmen, nur Erstaunen und Bedauern erweckt und sie selbst für das Irrenhaus reif macht. Überdies sind solche Bestrebungen durch das Gesetz strengstens verboten, was meiner Meinung nach durchaus gerecht ist, da jeder mit seiner eigenen Stellung zufrieden sein muß. Alles hat seine Grenzen, und wenn das ein Scherz sein soll, so ist es ein unwürdiger Scherz, ich sage mehr: ein unsittlicher Scherz, denn ich versichere Ihnen, mein geehrter Herr, daß meine Anschauung über die Stellung eines jeden hier auf Erden auf ethischen Voraussetzungen beruht.

In jedem Falle habe ich die Ehre, zu sein

Ihr gehorsamer Diener J. Goljädkin.“

X.

Man kann sagen, daß die Erlebnisse des gestrigen Tages Herrn Goljädkin bis auf den Grund seines Seins erschüttert hatten. Unser Held schlief sehr schlecht, das heißt, er konnte nicht einmal auf fünf Minuten wirklich einschlafen. Es war ihm, als hätte irgendein mutwilliger Schelm ihm geschnittene Schweineborsten ins Bett gestreut. Die ganze Nacht verbrachte er im Halbschlaf und drehte sich fortgesetzt von der einen Seite auf die andere. Schlief er einmal – stöhnend, ächzend – auf einen Augenblick ein, so erwachte er im nächsten sofort wieder, und alles das war begleitet von einem seltsamen Gefühl der Trauer, unklaren Erinnerungen und widerlichen Traumgesichtern, mit einem Wort von allem, was es nur an Unangenehmem geben kann ... So erschien ihm in rätselhaftem Halbdunkel die Gestalt Andrej Philippowitschs, eine trockene Erscheinung, mit bösem Blick und gefühllos höflicher Sprechweise ... Als aber Herr Goljädkin die Absicht zeigte, auf Andrej Philippowitsch zuzugehen, um sich auf seine Weise zu rechtfertigen, „so oder so,“ sich jedenfalls zu rechtfertigen und ihm zu beweisen, daß er durchaus nicht so sei, wie seine Feinde ihn schilderten, daß er vielmehr ein ganz anderer sei, und außer seinen gewöhnlichen ihm angeborenen Fähigkeiten noch diese und jene besitze – da erschien plötzlich eine ihm durch ihre übelwollende Gesinnung nur zu bekannte Person und durch ein empörendes Mittel wurden auf einmal alle Bemühungen des Herrn Goljädkin vereitelt, und Herr Goljädkin sah vor seinen eigenen Augen seine Würde und seine Ansprüche auf Beachtung endgültig in den Schmutz gezogen, während diese Person seine, jawohl, seine Stellung im Dienst wie in der Gesellschaft einnahm. Dann wieder ging Herr Goljädkin die Empfindung eines Nasenstübers durch den Kopf, den er vor kurzem erhalten und demütig hingenommen hatte: war es nun im gewöhnlichen Leben oder in dienstlicher Angelegenheit gewesen – jedenfalls war es unmöglich, gegen diesen Nasenstüber sich zu wehren und ihn abzulehnen oder zu leugnen ... Während aber Herr Goljädkin sich noch den Kopf darüber zerbrach, warum es denn so unmöglich war, sich gegen diesen Nasenstüber zu wehren – ging der Nasenstüber unmerklich in eine andere Form über – in die Form einer ziemlich bekannten, kleinen, aber doch bedeutenden Nichtsnutzigkeit, die er gesehen oder gehört oder selbst unlängst vollbracht hatte, und zwar nicht etwa aus schlechter Absicht oder aus einem gemeinen Antrieb, sondern so – nun, so – aus Zufall, aus Zartgefühl ... vielleicht auch aus seiner vollkommenen Hilflosigkeit heraus, und schließlich, weil ... weil, nun, Herr Goljädkin wußte sehr gut, warum!

Dabei errötete Herr Goljädkin sogar im Traum, und weil er sich beherrschen wollte, murmelte er vor sich hin, daß man, zum Beispiel, jetzt Charakterfestigkeit zeigen müsse ... Es kam nur darauf an, was Charakterfestigkeit eigentlich sei ... und wie man sie auffassen solle.

Doch mehr als alles andere, reizte es Herrn Goljädkin und versetzte ihn in Wut, daß gerade in diesem Augenblick, gerufen oder ungerufen, die Person auftauchte, die ihm in ihrer fast karikaturenhaften Abscheulichkeit nur zu bekannt war, und ihm, obwohl ihm damit gar nichts Neues, sondern nur zu Bekanntes gesagt wurde, mit einem bösartigen Lächeln zuflüsterte: „Wozu denn Charakterfestigkeit! Und welche Charakterfestigkeit hätten wir beide, Jakoff Petrowitsch, wohl aufzuweisen! ...“

Dann träumte Herrn Goljädkin wiederum, daß er sich in einer prächtigen Gesellschaft befände, die sich durch Geist und den vornehmen Ton aller anwesenden Personen auszeichnete: daß er, Goljädkin, sich seinerseits durch Liebenswürdigkeit und Scharfsinn auszeichnete, daß alle ihn liebten, sogar einige seiner Feinde, die zugegen waren, sich ihm zugetan zeigten, was Herr Goljädkin sehr angenehm empfand, daß ihm alle den Vorzug gaben und er selbst, Goljädkin, mit Vergnügen anhören durfte, wie der Wirt einen seiner Gäste beiseite führte, um ihm Lobenswertes über Herrn Goljädkin zu sagen ... Doch plötzlich, mir nichts dir nichts, erschien wieder dasselbe mißvergnügte und mit wahrhaft tierischen Zügen begabte Gesicht des Herrn Goljädkin _junior_ und zerstörte den ganzen Triumph und den Ruhm des Herrn Goljädkin _senior_, verdunkelte seine glänzende gesellschaftliche Erscheinung, trat ihn abermals in den Schmutz und bewies allen klar, daß Herr Goljädkin der Ältere, daß der wirkliche Goljädkin – gar nicht der wirkliche sei, sondern ein nachgemachter, während er, er selbst, der wirkliche wäre ... Herr Goljädkin der Ältere aber, der sei, sagte er, durchaus nicht derjenige, als der er erscheine, sondern bald dieser, bald jener: und folglich habe er auch gar nicht das Recht, zu der Gesellschaft so trefflicher Leute von gutem Ton zu gehören!

Und alles das geschah so schnell, daß Herr Goljädkin der Ältere vor Erstaunen nicht einmal den Mund zu öffnen vermochte – daß er nur noch zusehen konnte, wie sich schon alle mit Leib und Seele dem abscheulichen und falschen Herrn Goljädkin hingegeben hatten und sich mit der tiefsten Verachtung von ihm, dem wahren und so unschuldigen Herrn Goljädkin, abwandten. Es gab keine Person mehr, bis auf die unbedeutendste der ganzen Gesellschaft, bei der sich nicht Herr Goljädkin, der falsche, mit seinen süßen Manieren und auf seine geschmeidige Art eingeschmeichelt hätte und vor denen er nicht, seiner Gewohnheit gemäß, Weihrauch ausstreute, angenehmen und süßduftenden Weihrauch, so daß die auf diese Weise angeräucherten Personen bis zu Tränen niesen mußten – zum Zeichen ihres höchsten Vergnügens.

Und was die Hauptsache war – alles das geschah in einem Augenblick: die Geschwindigkeit des Vorgangs war erstaunlich! Kaum gelang es dem falschen Herrn Goljädkin, sich dem einen zu nähern, als es ihm auch schon gelang, das Wohlwollen des andern zu gewinnen – und im selben Augenblick stand er auch schon bei dem dritten. Er schmeichelte hin, schmeichelte her, schmeichelte sich im stillen ein, entriß jedem ein Lächeln des Wohlwollens und kratzte vor ihm mit seinen kurzen, runden, übrigens recht steifen Beinchen – und siehe da, schon machte er einem Neuen den Hof und schloß mit ihm Freundschaft. Den Mund konnte man kaum öffnen, nicht aus dem Erstaunen heraus konnte man kommen, und er war schon bei einem vierten, und mit diesem vierten in denselben Beziehungen! Fabelhaft: einfach Zauberei schien es zu sein! Und alle waren sie entzückt von ihm und alle liebten ihn und bemühten sich um ihn. Alle wiederholten im Chor, daß seine Liebenswürdigkeit und sein blitzender Humor unvergleichlich höher stände, als die Liebenswürdigkeit und der Geist des anderen Herrn Goljädkin, und beschämten dadurch diesen wirklichen und unschuldigen Herrn Goljädkin und wandten sich von dem wahren Herrn Goljädkin ab, und jagten den wohlgesinnten Herrn Goljädkin, den durch seine Nächstenliebe bekannten echten Herrn Goljädkin mit Puffern und Nasenstübern einfach hinaus! ...

Außer sich, voll Schreck und Kummer, lief der bemitleidenswerte Herr Goljädkin auf die Straße und wollte sich eine Droschke nehmen, um geradewegs zu seiner Exzellenz zu fliehen, und wenn nicht zu ihm, dann doch wenigstens zu Andrej Philippowitsch, aber o Schrecken! Der Droschkenkutscher weigerte sich, Herrn Goljädkin aufzunehmen, „wie, Herr, kann man einen Menschen doppelt fahren? Ew. Wohlgeboren, ein guter Mensch bemüht sich, in Ehrbarkeit zu leben, aber nicht so wie Sie – nicht ... irgendwie – doppelt!!“

Sprachlos vor Scham sah der doch so vollkommen ehrenwerte Herr Goljädkin sich um, und konnte sich so selbst und mit seinen eigenen Augen überzeugen, daß der Droschkenkutscher, so wie Petruschka, der offenbar mit ihm unter einer Decke steckte, im Recht waren, denn der andere, der nichtsnutzige Herr Goljädkin stand in der Tat in greifbarer Nähe neben ihm und seinen schlechten Gewohnheiten gemäß, war er auch hier, in diesem kritischen Augenblick, im Begriff, etwas sehr Gemeines zu tun, etwas, das allerdings keinen edlen Charakter bewies, wie er ihn durch Erziehung erhalten haben sollte – keinen Anstand, keine Form, keinen Takt, mit denen der widerwärtige Herr Goljädkin der Zweite doch bei jeder Gelegenheit zu prahlen pflegte.