Sämtliche Werke 14

Part 25

Chapter 253,728 wordsPublic domain

„Übrigens, wäre es morgen nicht besser?“ dachte Herr Goljädkin, als er die Klingel zur Wohnung Andrej Philippowitschs zog – „ja, und was hätte ich ihm auch Besonderes zu sagen? Wirklich, nichts Besonderes. Die Sache ist ja so erbärmlich, so miserabel, einfach zum Ausspeien! ... Was doch nicht alles die Umstände machen ...“ und Herr Goljädkin zog plötzlich an der Glocke; die Glocke ertönte, und von innen hörte man Schritte nahen ... Jetzt verwünschte sich Herr Goljädkin selbst wegen seiner Übereiltheit und Unverfrorenheit. Die jüngst erlebten Unannehmlichkeiten, die Herr Goljädkin wohl kaum vergessen hatte, und der Zusammenstoß mit Andrej Philippowitsch, – alles fiel ihm mit einem Male wieder ein. Doch zum Fortlaufen war es nun bereits zu spät: die Tür wurde geöffnet. Zum großen Glück des Herrn Goljädkin antwortete man ihm, Andrej Philippowitsch sei von der Kanzlei nicht nach Hause zurückgekehrt und werde auch außer dem Hause speisen.

„Ich weiß, wo er speist: bei der Ismailoffbrücke speist er,“ dachte bei sich unser Held und war außer sich vor Freude. Auf die Anfrage des Dieners, wen er melden solle, sagte er, Herr Goljädkin, schon gut, mein Freund, schon gut, ich werde schon später wiederkommen, mein Freund, – und er eilte darauf mit einer gewissen Freudigkeit und Behendigkeit die Treppe hinab. Auf der Straße beschloß er, seine Droschke zu entlassen und den Kutscher zu bezahlen. Als der Kutscher ihn noch um ein Trinkgeld anging: „habe gewartet, Herr, lange gewartet, und meinen Gaul vorhin nicht geschont ...“ da gab er ihm, und sogar mit großem Vergnügen, fünf Kopeken Trinkgeld und ging zu Fuß weiter.

„Die Sache ist nämlich die,“ dachte Herr Goljädkin, „daß sie in Wirklichkeit so nicht bleiben kann; wenn man’s sich aber überlegt, und vernünftig überlegt – was ist denn eigentlich dabei zu machen? Man muß sich unwillkürlich fragen, wozu sich quälen, wozu sich hier herumschlagen? Die Sache ist nun einmal geschehen und nicht mehr rückgängig zu machen! Überlegen wir uns einmal: es erscheint ein Mensch – ein Mensch erscheint mit genügenden Empfehlungen, das heißt, ein fähiger Beamter mit gutem Betragen, nur daß er arm ist und Unannehmlichkeiten erlebt hat ... Aber, Armut ist kein Laster: ich muß also abtreten. Nun, in der Tat, was ist das für ein Unsinn? Es hat sich so gemacht, die Natur hat’s gewollt, daß ein Mensch dem andern, wie ein Wassertropfen dem andern ähnlich sieht, der eine die vollendete Kopie des anderen ist: sollte man ihn deshalb etwa _nicht_ anstellen, wenn das Schicksal allein, wenn das blinde Glück allein daran schuld ist? Soll man ihn deshalb wie einen Verworfenen behandeln und ihn nicht zum Dienst zulassen? Wo bliebe denn da die Gerechtigkeit? So ein armer, verlorener und geängstigter Mensch: da muß einem ja das Herz wehtun und das Mitleid einen packen! Ja! Das wäre wohl eine schöne Obrigkeit, wenn sie so gedacht hätte, wie ich es tue, ich Dummkopf! Nein, nein, und sie hat gut getan, daß sie den armen Menschen versorgte ...“

„Nun, schön,“ fuhr Herr Goljädkin fort, „nehmen wir an, zum Beispiel, wir seien Zwillinge, von der Natur so geschaffen, wie wir sind, nun ja, und – das wäre einfach alles. Ja, das wäre alles! Nun, und was wäre denn dabei? Einfach, nichts! Man könnte es ja allen Beamten mitteilen ... und, wenn ein Fremder in unsere Abteilung käme, der würde auch sicher nichts Unpassendes oder gar Beleidigendes in diesem Umstand sehen. Es liegt darin sogar etwas Rührendes, der Gedanke, daß Gott dort zwei Zwillinge geschaffen und die edle Obrigkeit, die das Gebot Gottes achtet, sie beide versorgt hat. Freilich, freilich,“ und Herr Goljädkin hielt den Atem an und senkte ein wenig seine Stimme, „freilich, freilich wäre es besser, wenn all dies Rührende lieber nicht wäre und es lieber überhaupt keine Zwillinge gäbe ... Der Teufel möge das alles holen! Wozu war das alles nötig? Warum konnte es wenigstens nicht aufgeschoben werden? Herr du meine Güte! Da hat der Teufel etwas Schönes eingebrockt! Er hat einmal schon so einen Charakter, schlechte, verlogene Manieren, – so ein Schuft, so ein Lump, so ein Schmeichler und Schmarotzer, so ein Goljädkin! Er wird sich noch am Ende schlecht aufführen und meinen Namen schänden, der Taugenichts, jetzt habe ich das Vergnügen, auf ihn aufzupassen. Welch eine Strafe ist das! Übrigens, wozu habe ich das nötig! Nun, er ist ein Taugenichts, ein Schuft ... mag er es sein, der andere ist dafür ein – Ehrenmann. Er ist also der Schuft, ich aber bin der Anständige! Nun, dann werden sie sagen: – dieser Goljädkin ist ein Schuft, auf den achtet nicht und verwechselt ihn nicht mit dem anderen; der andere aber ist ehrlich und tugendhaft, bescheiden und nicht boshaft, sehr gut im Dienste und würdig einer Rangerhöhung: so ist’s! Nun gut ... aber wie haben sie ihn denn da ... so verwechselt!

Ach, du mein Gott! Was für ein Unglück das ist! ...“

Mit diesen Gedanken beschäftigt und sich alles hin und her überlegend, lief Herr Goljädkin immer weiter, ohne auf den Weg zu achten, und ohne eigentlich zu wissen, wohin? Erst auf dem Newskij Prospekt kam er zu sich und auch nur dank dem Zufall, daß er mit einem Vorübergehenden so zusammenstieß, daß vor seinen Augen Funken sprühten. Herr Goljädkin wagte kaum den Kopf zu erheben und murmelte nur eine Entschuldigung. Erst als der andere schon in einer bedeutenden Entfernung von ihm war, wagte er endlich seine Nase zu erheben und sich umzusehen: wie und wo er sich eigentlich befand? Als er nun bemerkte, daß er gerade vor dem Restaurant stand, in dem er sich damals erfrischt hatte, bevor er sich zur Galatafel bei Olssuph Iwanowitsch aufmachte, fühlte unser Held plötzlich ein mächtiges Kneifen und Rumoren im Magen. Er erinnerte sich, daß er noch nichts genossen hatte, daß ihm auch kein ähnliches Diner bevorstand, wie damals, und so lief er denn eilig die Treppe zum Restaurant hinauf, um so schnell wie möglich und unbemerkt eine Kleinigkeit zu sich zu nehmen. Obgleich das Restaurant ein wenig teuer war, beschäftigte dieser kleine Umstand Herrn Goljädkin nicht im geringsten: sich mit solchen Kleinigkeiten abzugeben, hatte Herr Goljädkin jetzt keine Zeit. Im hell erleuchteten Raum auf dem Büfett lag eine große Anzahl Delikatessen aller Art, die dem Geschmack eines verwöhnten Großstädters entsprachen. Das Büfett war daher ständig von einer Menge wartender Menschen belagert. Der Kellner konnte kaum mit dem Eingießen, Geldempfangen und -zurückgeben fertig werden. Auch Herr Goljädkin mußte seine Zeit abwarten und streckte endlich seine Hand bescheiden nach einem Teller mit kleinen Pasteten aus. Dann ging er damit in eine Ecke, wandte den Anwesenden den Rücken zu und aß mit Appetit. Darauf ging er zum Büfett zurück, legte das Tellerchen auf den Tisch und da er den Preis kannte, so legte er dafür 10 Kopeken daneben, machte dem Kellner ein Zeichen, als wollte er sagen: „hier liegt das Geld für eine Pastete usw.“

„Sie haben einen Rubel und zehn Kopeken zu bezahlen,“ sagte der Kellner.

Herr Goljädkin war nicht wenig erstaunt. „Wie meinen Sie das? – Ich ... ich ... habe, glaube ich, nur eine Pastete genommen ...“

„Sie haben elf genommen,“ sagte mit der größten Bestimmtheit der Kellner.

„Wie ... wie mir scheint ... irren Sie sich ... Ich habe, glaube ich, wirklich nur eine Pastete genommen.“

„Ich habe nachgezählt: Sie nahmen elf Stück. Was Sie genommen haben, müssen Sie auch bezahlen – bei uns wird nichts umsonst verabfolgt.“

Herr Goljädkin war einfach starr. „Welche Zaubereien gehen mit mir jetzt wieder vor?“ dachte er. Der Kellner wartete gespannt auf Herrn Goljädkins Entschluß. Herr Goljädkin lenkte bereits die Aufmerksamkeit aller auf sich. Er griff daher so schnell wie möglich in die Tasche, um den Silberrubel sofort zu bezahlen und von der Schuld loszukommen.

„Nun, wenn elf, dann elf,“ dachte er und wurde rot wie ein Krebs, „was ist denn auch dabei, wenn man elf Pastetchen ißt? Nun, der Mensch war eben hungrig, und darum aß er elf Pastetchen: nun, er aß sie zu seiner Gesundheit – da ist doch nichts zu verwundern, dabei ist doch nichts Lächerliches ...“

Plötzlich gab es Herrn Goljädkin innerlich einen Ruck, er blickte auf und begriff sofort – das ganze Rätsel, die ganze Zauberei! In der Tür zum Nebenzimmer, hinter dem Rücken des Kellners, mit dem Gesicht zu Herrn Goljädkin gewandt, stand in derselben Tür, die unser Held vorhin als Spiegelglas angesehen, stand ein Mensch, stand er, stand Herr Goljädkin selbst – nicht der alte Herr Goljädkin, der Held unserer Erzählung, sondern der andere Herr Goljädkin, der neue Herr Goljädkin. Dieser andere Herr Goljädkin befand sich offenbar in der allerbesten Laune. Er lächelte Herrn Goljädkin dem Älteren zu, nickte mit dem Kopf, zwinkerte mit den Augen, trippelte ein wenig hin und her und sah ganz so aus, als ob er, wenn man auf ihn zutreten wollte, sofort ins Nebenzimmer verschwinden und dort durch die Hintertür entwischen würde ... – jede Verfolgung wäre vergebens gewesen! In seinen Händen befand sich noch das letzte Stück Pastete, welches er soeben vor den Augen des Herrn Goljädkin vor Vergnügen schmatzend in seinen Mund steckte.

„Man hat mich mit dem Halunken verwechselt!“ dachte Herr Goljädkin und fühlte, wie er sich schämte. „Er hat es gewagt mich öffentlich bloßzustellen! Sieht ihn denn niemand? Nein, es scheint ihn wirklich niemand zu bemerken ...“

Herr Goljädkin warf den Rubel auf den Tisch, als hätte er sich an ihm alle Finger verbrannt, und schien das freche Lächeln des Kellners gar nicht zu bemerken – dieses siegesbewußte Lächeln ruhiger Überlegenheit und Macht. Er drängte sich durch die Menge und stürzte zur Tür hinaus.

„Gott sei gelobt, daß ich nicht noch ganz anders bloßgestellt wurde!“ dachte Herr Goljädkin der Ältere. „Dank ihm, dem Räuber, und Dank dem Schicksal, daß diesmal noch alles so gut abging. Nur der Kellner wurde frech, aber er war doch in seinem Recht! Es kostete doch einen Rubel und zehn Kopeken, also war er doch im Recht – ... ohne Geld wird niemandem etwas gegeben! Wenn er auch noch so höflich ...“

Alles das sagte sich Herr Goljädkin, als er die Treppe hinabging. Kaum aber war er an der letzten Stufe angelangt, als er plötzlich wie angewurzelt stehen blieb und über und über errötete, daß ihm die Tränen in die Augen traten. So sehr fühlte er sich nun doch in seiner Eitelkeit verletzt. Als er eine Minute in dieser Weise unbeweglich dagestanden hatte, stampfte er plötzlich mit dem Fuße auf, sprang mit einem Satz von der Treppe auf die Straße und ohne sich umzusehen, ohne seine Müdigkeit zu fühlen, begab er sich nach Haus, in die Schestilawotschnaja-Straße.

Zu Hause angelangt, nahm er sich nicht einmal die Zeit, seinen Mantel auszuziehen. Ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, sich häuslich niederzulassen und seine Pfeife zu rauchen, setzte er sich, so wie er war, auf den Diwan, nahm Tinte und Feder und ein Stück Briefpapier und begann mit vor innerer Erregung zitternden Händen folgenden Brief zu schreiben:

„Mein geehrter Herr Jakoff Petrowitsch!

Ich würde nicht zur Feder greifen, wenn nicht die Umstände und Sie, geehrter Herr, mich dazu nötigten. Glauben Sie mir, daß nur die Notwendigkeit mich dazu zwingt, in solche Erörterungen mit Ihnen einzutreten, darum bitte ich Sie im voraus, diese meine Handlung nicht als eine Absicht zu betrachten, Sie, mein verehrter Herr zu beleidigen, sondern – sondern als eine unumgängliche Folge der Umstände, die uns zueinander in Beziehung gebracht haben.“

„So scheint es mir gut, anständig und höflich geschrieben zu sein, wenn auch nicht ohne Kraft und Bestimmtheit ... Beleidigt kann er sich dadurch nicht fühlen. Und außerdem, bin ich in meinem Recht,“ dachte Herr Goljädkin beim Durchlesen des Geschriebenen.

„Ihr unerwartetes und seltsames Erscheinen, mein geehrter Herr, in der stürmischen Nacht, nach einem ausfallenden und rohen Benehmen meiner Feinde gegen mich, deren Namen ich aus Verachtung derselben verschweige, war die Ursache aller dieser Mißverständnisse, die in gegenwärtiger Zeit zwischen uns bestehen. Ihr hartnäckiges Bestreben, mein geehrter Herr, mit aller Gewalt in mein Sein und in meinen Lebenskreis einzudringen, übersteigt alle Grenzen der Höflichkeit und des einfachen Anstandes. Ich denke, es genügt, Sie daran zu erinnern, mein verehrter Herr, daß Sie sich meiner Papiere und meines Namens bedient haben, um sich bei der Regierung einzuschmeicheln – um eine Auszeichnung zu erlangen, die Sie selbst nicht verdient haben. Auch lohnt es sich nicht, Sie an Ihre vorbedachte, beleidigende Absicht zu erinnern, der nötigen Rechtfertigung mir gegenüber aus dem Wege zu gehen. Und zuletzt, um nicht alles zu sagen, möchte ich noch Ihre sonderbare Handlungsweise im Restaurant mir gegenüber erwähnen. Weit davon entfernt, etwa die unnötige Ausgabe eines Rubels zu bedauern, fühle ich doch einen heftigen Unwillen bei der Erinnerung an Ihre deutliche Absicht, mein geehrter Herr, meiner Ehre zu schaden, und das noch dazu in Gegenwart einiger Personen, die mir zwar unbekannt, aber offenbar aus der guten Gesellschaft waren ...“

„Bin ich nicht zu weit gegangen?“ dachte Herr Goljädkin. „Wird das nicht zu viel sein? Ist das nicht beleidigend – diese Anspielung auf die gute Gesellschaft zum Beispiel? Nun, da ist nichts zu wollen! Man muß ihm Charakter zeigen. Übrigens kann man ihm zur Besänftigung zum Schluß ein wenig schmeicheln, ihm Butter aufs Brot schmieren. Wir wollen sehen.“

„Doch ich hätte, verehrter Herr, Sie mit meinem Brief nicht belästigt, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, daß Ihr edles Herz und Ihr offener und gerader Charakter Ihnen selbst die Mittel zeigen werden, um alles wieder so gut zu machen, wie es vordem gewesen ist.

In dieser Hoffnung wage ich davon überzeugt zu sein, daß Sie meinen Brief nicht in beleidigendem Sinne auffassen werden, daß Sie aber auch nicht verfehlen werden, mir schriftlich eine Erklärung, durch die Vermittelung meines Dieners, zukommen zu lassen.

In dieser Erwartung habe ich die Ehre zu sein, geehrter Herr, Ihr gehorsamster Diener.

J. Goljädkin.“

„Nun, das wäre jetzt alles sehr gut. Die Sache wäre also erledigt: die Sache ging nun schon bis zu schriftlichen Erklärungen. Aber wer ist schuld daran? Er selbst ist schuld daran: er bringt einen Menschen so weit, eine schriftliche Erklärung zu verlangen. Und ich bin in meinem Recht ...“

Nachdem Herr Goljädkin noch einmal den Brief durchgelesen hatte, faltete er ihn zusammen, adressierte ihn und rief dann Petruschka. Petruschka erschien wie immer mit verschlafenen Augen und bei sehr schlechter Laune.

„Du, mein Lieber, nimm diesen Brief ... verstehst du?“

Petruschka schwieg.

„Du nimmst ihn und bringst ihn ins Departement, dort suchst du den diensttuenden Beamten auf, den Verwaltungssekretär Wachramejeff. Wachramejeff hat heute den Tagdienst. Verstehst du das?“

„Verstehe.“

„‚Verstehe!‘ kannst du das nicht höflicher sagen. Du fragst also nach dem Beamten Wachramejeff und sagst ihm: so und so, der Herr hat befohlen, Sie von ihm zu grüßen und bittet Sie gefälligst, im Adressenregister unserer Behörde nachzuschlagen, wo der Titularrat Goljädkin wohnt?“

Petruschka schwieg, und wie es Herrn Goljädkin schien, lächelte er.

„Nun also, Pjotr, du fragst ihn nach seiner Adresse und wo der neueingetretene Beamte Goljädkin wohnt: verstehst du?“

„Ich verstehe.“

„Du fragst nach der Adresse und bringst nach dieser Adresse diesen Brief: verstehst du?“

„Ich verstehe.“

„Wenn du dort bist ... dort, wohin du diesen Brief bringst, so wird dieser Herr, dem du diesen Brief gibst, Herr Goljädkin also ... Was lachst du, Schafskopf?“

„Warum soll ich lachen? Was geht’s mich an! Ich habe nichts ... unsereins hat nichts zu lachen ...“

„Nun also ... wenn dann der Herr dich fragen sollte, wie es mit deinem Herrn steht ... wenn er dich also irgendwie ausfragen möchte – so schweigst du und antwortest nur: ‚Meinem Herrn geht es gut, er bittet um eine schriftliche Antwort auf seinen Brief.‘ Verstehst du?“

„Verstehe.“

„Also, fort mit dir.“

„Da hat man seine Mühe mit solch einem Schafskopf! Er lacht. Warum lacht er denn? Es wird von Tag zu Tag immer schlimmer mit ihm, wie wird das schließlich ... Ach, vielleicht wird sich doch noch alles zum Guten wenden ... Dieser Schuft wird sich sicher jetzt noch zwei Stunden herumtreiben oder überhaupt nicht mehr zurückkommen ... Man kann ihn ja nirgendwohin schicken. Welch ein Unglück das ist ... welch ein Unglück! ...“

Unser Held entschloß sich also im Vollgefühl seines ganzen Unglücks, zu der passiven Rolle einer zweistündigen Erwartung Petruschkas. Eine Stunde lang ging er im Zimmer auf und ab, rauchte, warf dann wieder seine Pfeife weg und griff nach einem Buch. Darauf legte er sich auf den Diwan, griff dann wieder zur Pfeife und lief dann wieder im Zimmer auf und ab ... Er wollte sich’s überlegen, konnte aber seine Gedanken nicht zusammenhalten. Endlich ertrug er diesen aufreibenden Zustand nicht länger, und Herr Goljädkin beschloß bei sich, lieber wieder zu handeln.

„Petruschka wird vor einer Stunde nicht zurückkommen,“ dachte er, „ich kann also den Schlüssel dem Hausknecht geben – und selbst werde ich unterdessen ... der Sache auf die Spur kommen und meinerseits etwas für sie tun.“

Ohne Zeit zu verlieren, griff Herr Goljädkin nach seinem Hut, verließ das Zimmer, schloß seine Wohnung zu, ging zum Hausknecht, händigte dem den Schlüssel ein, zusammen mit zehn Kopeken Trinkgeld – Herr Goljädkin wurde in letzter Zeit ungeheuer freigebig – und ging – ging, wohin ihn der Weg führte. Er ging zu Fuß in die Richtung der Ismailoffbrücke.

Der Gang dauerte eine halbe Stunde. Als er das Ziel seiner Wanderung erreicht hatte, ging er geradeaus auf den Hof des ihm bekannten Hauses und blickte zu den Fenstern der Wohnung des Staatsrats Berendejeff hinauf. Mit Ausnahme von dreien, mit roten Vorhängen verhangenen Fenstern waren die übrigen alle dunkel.

„Bei Olssuph Iwanowitsch gibt es heute keine Gäste,“ dachte Herr Goljädkin, „sie werden wohl jetzt allein zu Hause sitzen.“

Nachdem unser Held einige Zeit auf dem Hof gestanden hatte, wollte er sich augenscheinlich zu etwas entschließen. Aber es sollte anders kommen. Herr Goljädkin winkte mit der Hand ab und kehrte zurück auf die Straße.

„Nein, nicht hierher hatte ich zu gehen! Was soll ich denn hier machen? ... Ich werde besser tun ... selbst die Sache zu untersuchen.“ Mit diesem Entschluß begab sich Herr Goljädkin in sein Departement. Der Weg war nicht kurz, dazu war er furchtbar schmutzig und nasser Schnee fiel in dichten Flocken, doch für unseren Helden schien es keine Hindernisse mehr zu geben. Er war nicht wenig ermüdet und ganz und gar durchnäßt und beschmutzt, „wenn schon, denn schon: das heißt, wenn man das Ziel erreichen will!“ Und Herr Goljädkin näherte sich in der Tat bald seinem Ziele. Die dunkle Masse eines großen, öffentlichen Gebäudes stieg in der Ferne vor ihm auf.

„Halt!“ dachte er, „wohin gehe ich und was werde ich hier machen? Nehmen wir an, ich erfahre, wo er wohnt; unterdessen wird Petruschka bereits zurückgekehrt sein und mir die Antwort gebracht haben. Ich verliere nur meine teure Zeit umsonst, ganz umsonst. Nun, tut nichts, man kann alles wieder gut machen ... Ach, es war überhaupt nicht nötig, auszugehen! Aber so bin ich nun einmal. Ob es nötig ist oder nicht, ich muß immer vorauslaufen ... Hm! ... Wieviel Uhr ist es? Sicherlich schon neun Uhr. Petruschka könnte kommen und mich nicht zu Hause antreffen. Ich habe wirklich eine Dummheit begangen, daß ich ausging ... Ach, wirklich, diese Konfusion!“

Nachdem unser Held auf diese Weise zur Überzeugung gekommen war, daß er eine Dummheit begangen, lief er sofort zurück zu seiner Schestilawotschnaja-Straße. Erschöpft und durchnäßt kam er dort an und erfuhr schon vom Hausknecht, daß Petruschka nicht einmal daran gedacht hatte, wieder auf der Bildfläche zu erscheinen.

„Nun ja, das habe ich ja geahnt –,“ dachte unser Held: „Und dabei ist es schon neun Uhr! Solch ein Taugenichts! Immer muß er sich betrinken! Herr du meine Güte! Zum Unglück habe ich ihm schon seinen Lohn bezahlt, damit er Geld in den Händen hat.“

Mit diesen Gedanken schloß Herr Goljädkin seine Wohnung auf, machte Licht, kleidete sich aus, steckte seine Pfeife an und müde, zerschlagen, hungrig, wie er war, legte er sich in Erwartung Petruschkas auf den Diwan. Düster brannte die Kerze und ihr Licht flackerte an den Wänden ... Herr Goljädkin starrte vor sich hin, dachte und dachte und schlief endlich ein, wie tot.

Er erwachte sehr spät. Das Licht war ganz niedergebrannt und flammte noch hin und wieder auf, um dann ganz zu erlöschen. Herr Goljädkin sprang auf, ihn schauerte, und plötzlich erinnerte er sich an alles, mit einem Male an alles! Hinter dem Verschlag hörte man Petruschka schnarchen. Herr Goljädkin stürzte ans Fenster – nirgendwo ein Licht zu sehen. Er öffnete das Fenster – alles war totenstill. Die Stadt schlief. Es mußte zwei oder drei Uhr nachts sein ... richtig, die Uhr hinter dem Verschlag schlug zwei. Herr Goljädkin stürzte in den Verschlag.

Irgendwie, nach langen Anstrengungen, gelang es ihm, Petruschka zu wecken und ihn im Bett aufzurichten. In diesem Augenblick verlöschte das Licht vollkommen. Es vergingen zehn Minuten, bis Herr Goljädkin ein anderes Licht fand und es anzündete. In der Zeit war aber Petruschka von neuem eingeschlafen.

„Ach, du Halunke, du Taugenichts!“ schimpfte ihn Herr Goljädkin und rüttelte ihn wieder auf. „Wirst du wohl aufwachen, wirst du wohl aufstehen!“ Nach halbstündiger Anstrengung gelang es Herrn Goljädkin, seinen Diener vollständig aufzuwecken und ihn aus dem Verschlag herauszuziehen. Da erst bemerkte unser Held, daß Petruschka vollkommen betrunken war und sich kaum auf den Füßen halten konnte.

„Du Taugenichts!“ schrie Herr Goljädkin, „du Lump! Am liebsten würdest du mir wohl, weiß der Himmel was antun! Gütiger Gott, wo hast du den Brief gelassen? Ach, du meine Güte, was ist nur aus ihm geworden ... Und warum habe ich ihn geschrieben? Da stehe ich nun mit meinem Ehrgeiz. Wozu stecke ich meine Nase da hinein! Das habe ich davon ... Und du, du Räuber, wohin hast du den Brief gesteckt? Wem hast du ihn abgegeben? ...“

„Ich habe niemandem einen Brief gegeben, und habe überhaupt keinen Brief gehabt ... so ist’s!“

Herr Goljädkin rang seine Hände vor Verzweiflung.

„Höre, Pjotr ... höre ... höre mich an ...“

„Ich höre ...“

„Wohin bist du gegangen? Antworte ...“

„Wohin ich gegangen ... zu guten Menschen bin ich gegangen! Was ist denn dabei?“

„Ach, du mein grundgütiger Gott! Wohin gingst du zuerst? Warst du in der Kanzlei? ... Du, höre mich an, Pjotr: du bist vielleicht betrunken?“

„Ich betrunken? Da soll ich doch gleich auf der Stelle ...“

„Nein, nein, das tut ja nichts, daß du betrunken bist ... Ich fragte ja nur so ... gut, gut, daß du betrunken bist: ich meinte ja nur, Petruschka ... Du hast vielleicht vorhin alles vergessen und erinnerst dich jetzt ... Nun, denke nach, du warst vielleicht bei Wachramejeff – warst du oder warst du nicht?“

„Ich war nicht und solchen Beamten gibt es gar nicht. Und wenn man mich auch sogleich ...“

„Nein, nein, Pjotr! Nein, Petruschka, ich sage ja nichts. Du siehst doch, daß ich nichts ... Nun, was ist denn dabei? Nun, draußen war es kalt, feucht und der Mensch trinkt ein wenig, nun, und was will denn das besagen? Ich bin doch nicht böse deshalb. Ich selbst habe heute etwas getrunken, mein Lieber. Gestehe es nur ein, denke nur nach, mein Lieber, warst du heute beim Wachramejeff?“

„Nun, wenn es so ist, mein Wort darauf ... ich war da ... und wenn ich auch sogleich ...“