Sämtliche Werke 14

Part 24

Chapter 243,577 wordsPublic domain

In demselben Augenblick, als unser verdutzter und halbtoter Held sich vorbereitete, diese neue Frage zu beantworten, hörte man im Nebenzimmer ein Geräusch und kurze Zeit darauf geschäftige Bewegung. Die Tür wurde aufgerissen und Andrej Philippowitsch, der soeben in Dienstangelegenheiten im Kabinett Seiner Exzellenz gewesen war, erschien aufgeregt in der Tür und rief nach Herrn Goljädkin. Herr Goljädkin, der wohl wußte, um was es sich handelte und der Andrej Philippowitsch nicht warten lassen wollte, sprang von seinem Platz und bereitete sich vor, so wie es sich gehörte, das verlangte Papier noch einmal schnell zu überfliegen, um es dann selbst zu Andrej Philippowitsch und ins Kabinett seiner Exzellenz zu tragen. Plötzlich aber schlüpfte, an Andrej Philippowitsch vorüber, Herrn Goljädkin der Jüngere durch die Tür und stürzte sich, kaum daß er im Zimmer war, mit wichtiger und sehr geschäftiger Miene geradeaus auf Herrn Goljädkin den Älteren, der alles eher erwartete, als einen solchen Überfall ...

„Die Papiere, Jakoff Petrowitsch, die Papiere ... Seine Exzellenz geruht, Sie zu fragen, ob sie fertig sind?“ flüsterte eilig und kaum hörbar der Freund Herrn Goljädkins des Älteren. „Andrej Philippowitsch erwartet Sie ...“

„Ich weiß schon, daß er mich erwartet,“ entgegnete ihm Herr Goljädkin der Ältere gleichfalls eilig und flüsternd.

„Nein, Jakoff Petrowitsch: ich bin nicht so, Jakoff Petrowitsch, ich bin ganz anders, Jakoff Petrowitsch, und nehme herzlich Anteil ...“

„Womit ich Sie ergebenst bitte, mich zu verschonen. Erlauben Sie, erlauben Sie, bitte ...“

„Sie müssen auf jeden Fall einen Umschlag herumlegen, Jakoff Petrowitsch, und in die dritte Seite legen Sie ein Zeichen, Jakoff Petrowitsch ...“

„Aber so erlauben Sie mir doch endlich ...“

„Hier ist doch ein Tintenfleck, Jakoff Petrowitsch! Haben Sie den Tintenfleck bemerkt? ...“

Jetzt rief Andrej Philippowitsch schon zum zweitenmal nach Herrn Goljädkin.

„Sofort, Andrej Philippowitsch, nur noch einen Augenblick, hier, gleich ... werter Herr, verstehen Sie kein Russisch?“

„Am besten wäre es, ihn mit dem Federmesser auszukratzen, Jakoff Petrowitsch, überlassen Sie es lieber mir: rühren Sie selbst lieber gar nicht daran, Jakoff Petrowitsch, verlassen Sie sich ganz auf mich, ich werde mit dem Federmesser ...“

Andrej Philippowitsch rief zum dritten Male nach Herrn Goljädkin.

„Aber hören Sie, wo ist denn da ein Tintenfleck? Ich sehe hier überhaupt nichts ...“

„Und sogar ein sehr großer Tintenfleck, hier, sehen Sie, hier! Erlauben Sie, ich habe ihn soeben gesehen, hier, erlauben Sie ... Wenn Sie mir nur erlauben wollten, Jakoff Petrowitsch, ich würde hier schon aus Mitgefühl mit dem Federmesser, Jakoff Petrowitsch, mit dem Messer und aus aufrichtigem Herzen ... sehen Sie, so, so muß man’s tun ...“

Plötzlich und ganz unerwartet vergewaltigte Herr Goljädkin der Jüngere Herrn Goljädkin den Älteren in einem sekundenlangen Kampfe, der sich zwischen ihnen entspann: und entschieden ganz gegen den Willen des letzteren nahm er das vom Vorgesetzten verlangte Papier, und statt aus aufrichtigem Herzen den Tintenfleck mit dem Messerchen zu entfernen, wie er treulos Herrn Goljädkin dem Älteren versichert hatte – riß er plötzlich die verlangten Papiere an sich, steckte sie unter den Arm, war in zwei Sätzen neben Andrej Philippowitsch, der von alledem nichts bemerkt hatte, und flog mit ihm ins Kabinett seines Chefs. Herr Goljädkin der Ältere stand versteinert da an seinem Platz, in den Händen das Federmesser, als ob er soeben etwas radieren wollte ...

Unser Held begriff diese neue Tatsache nicht sofort. Er konnte noch nicht zu sich kommen. Er fühlte wohl den Schlag, konnte sich aber über seine Folgen nicht klar werden. In schrecklicher und ganz unbeschreiblicher Verzweiflung riß er sich endlich von der Stelle los und stürzte gleichfalls geradeaus ins Kabinett seines Chefs, indem er unterwegs den Himmel anflehte, es möge sich alles dort zum besten wenden ... Im letzten Zimmer vor dem Kabinett des Chefs stieß er mit Andrej Philippowitsch und seinem Namensvetter fast mit der Nase zusammen. Beide kehrten schon zurück. Herr Goljädkin trat zur Seite. Andrej Philippowitsch sprach heiter und vergnügt. Der Namensvetter Herrn Goljädkins des Älteren lächelte gleichfalls, lief in ehrfurchtsvoller Entfernung neben ihm her und flüsterte mit seliger Miene Andrej Philippowitsch etwas ins Ohr, worauf Andrej Philippowitsch wohlwollend seinen Kopf hin und her wiegte.

Sofort begriff unser Held die Situation. Tatsache war, daß seine Arbeit, wie er nachher erfuhr, die Erwartungen Seiner Exzellenz noch übertroffen hatte und gerade zur rechten Zeit vorgelegt worden war. Seine Exzellenz waren äußerst zufrieden damit, und man sagte sogar, er habe sich bei Herrn Goljädkin dem Jüngeren dafür bedankt: man sagte, er würde bei Gelegenheit nicht vergessen ... –

Natürlich, das erste, was Herr Goljädkin tun mußte, war – protestieren, aus allen Kräften protestieren, bis zum äußersten protestieren. Ohne sich zu besinnen, bleich wie der Tod, stürzte er sich auf Andrej Philippowitsch. Doch nachdem Andrej Philippowitsch vernommen hatte, daß die Angelegenheit eine Privatsache des Herrn Goljädkin sei, weigerte er sich, ihm Gehör zu schenken, mit der entschiedenen Bemerkung, er habe kaum für seine eigenen Angelegenheiten einen Augenblick Zeit übrig.

Die Trockenheit des Tones und die Entschiedenheit der Abweisung wirkten auf Herrn Goljädkin niederschmetternd. „Besser, ich versuche es von einer anderen Seite ... besser, ich gehe zu Anton Antonowitsch.“ Zum Unglück für Herrn Goljädkin war jedoch auch Anton Antonowitsch nicht zu sprechen: auch er war irgendwie beschäftigt! „Nicht ohne Absicht bat er mich, ihn mit Erklärungen und Gesprächen zu verschonen,“ dachte unser Held. „In dem Falle bleibt mir nichts anderes übrig, als Seine Exzellenz selbst anzurufen.“

Immer noch ganz bleich und verwirrt, wobei ihm der Kopf rund ging, wußte Herr Goljädkin nicht, wozu er sich entschließen sollte, und setzte sich an seinen Tisch.

„Es wäre viel besser, wenn das alles nicht wäre,“ dachte er ununterbrochen bei sich selbst. „In der Tat dürfte eine so verwickelte, dunkle Geschichte gar nicht möglich sein. Erstens ist das alles Unsinn, und zweitens ist so etwas überhaupt nicht möglich. Wahrscheinlich hat mir alles nur so geschienen, oder es geschah in Wirklichkeit etwas ganz anderes. Wahrscheinlich war ich es selbst, der hinging ... und habe mich für den anderen gehalten ... kurz und gut – es ist eine ganz unmögliche Geschichte.“

Kaum war Herr Goljädkin zu diesem Schluß gekommen, als Herr Goljädkin der Jüngere, beladen mit Papieren, die er in beiden Händen und unter dem Arme trug, ins Zimmer flog. Im Vorbeigehen machte er Andrej Philippowitsch ein paar notwendige Bemerkungen, unterhielt sich mit noch jemandem, sagte sogar einem dritten Liebenswürdigkeiten, und da Herr Goljädkin der Jüngere offenbar keine Zeit zu verschwenden hatte, wollte er aller Wahrscheinlichkeit nach das Zimmer sofort wieder verlassen, als er zum Glück Herrn Goljädkins des Älteren an der Tür mit ein paar jungen Beamten zusammenstieß und im Vorbeigehen auch mit ihnen zu sprechen begann. Herr Goljädkin der Ältere stürzte geradewegs auf ihn zu. Als Herr Goljädkin der Jüngere das Manöver des Herrn Goljädkin des Älteren bemerkte, blickte er mit großer Unruhe um sich, suchte, wohin er sich am schnellsten verkriechen könnte. Doch unser Held hatte seinen gestrigen Freund bereits am Ärmel gepackt. Die Beamten drängten sich um die beiden Titularräte und warteten gespannt, was nun kommen würde. Der Ältere begriff sehr wohl, daß die Stimmung jetzt gegen ihn war, begriff, daß sie alle gegen ihn intrigierten. Um so mehr mußte er sich selbst beherrschen ... Der Augenblick war entscheidend.

„Nun?“ fragte Herr Goljädkin der Jüngere Herrn Goljädkin den Älteren, ihn dreist anschauend.

Herr Goljädkin der Ältere wagte kaum zu atmen. „Ich weiß nicht, mein Herr,“ begann er, „wie ich Ihr sonderbares Betragen zu mir erklären soll.“

„Nun, fahren Sie fort, mein Herr.“ Herr Goljädkin der Jüngere sah dabei im Kreise um sich und zwinkerte den anderen Beamten zu, als gäbe er ihnen das Zeichen, daß jetzt die Komödie beginne.

„Die Unverschämtheit Ihres Benehmens, mein verehrter Herr, spricht im vorliegenden Falle noch mehr gegen Sie ... als es meine Worte tun könnten. Hoffen Sie nicht, Ihr Spiel zu gewinnen: es steht schlecht ...“

„Nun, Jakoff Petrowitsch, jetzt sagen Sie mir mal, wie Sie geschlafen haben?“ antwortete Herr Goljädkin der Jüngere und sah Herrn Goljädkin dem Älteren gerade in die Augen.

„Sie, verehrter Herr, vergessen sich vollständig,“ sagte der Ältere vollständig fassungslos und fühlte dabei kaum mehr den Boden unter den Füßen. „Ich hoffe, daß Sie Ihren Ton ändern werden ...“

„Mein Lieber!“ erwiderte Herr Goljädkin der Jüngere, schnitt Herrn Goljädkin dem Älteren eine ziemlich unehrerbietige Grimasse und kniff ihn plötzlich ganz unerwartet mit seinen beiden Fingern in seine ziemlich dicke rechte Backe. Unser Held fuhr auf wie ein Feuerbrand.

Kaum hatte jedoch der Freund des Herrn Goljädkin bemerkt, daß sein Gegner an allen Gliedern zitterte, dabei stumm vor Verwunderung und rot wie ein Krebs war, und so, bis zum Äußersten gebracht, sich zu einem Überfall auf ihn entschließen wollte – als er ihm auf die allerunverschämteste Weise zuvorkam. Er klopfte Herrn Goljädkin noch zweimal auf die Backe, kniff sie noch einmal, und spielte so mit ihm sein Spiel, während der andere immer noch unbeweglich und sprachlos vor Erstaunen dastand, zum nicht geringen Ergötzen der um sie herumstehenden Beamtenschaft. Herr Goljädkin der Jüngere, mit seiner schamlosen Seele ging noch weiter, er klopfte schließlich Herrn Goljädkin den Älteren auf den vollen Magen und sagte dazu mit einem giftigen Lächeln:

„Mach’ keine dummen Streiche, mein Lieber, keine dummen Streiche, Jakoff Petrowitsch! Wir wollten ja zusammen Intrigen spinnen, Jakoff Petrowitsch, Intrigen.“

Noch bevor unser Held nach dieser letzten Attacke zu sich kommen konnte, lächelte Herr Goljädkin der Jüngere den Umstehenden verständnisinnig zu, setzte eine sehr geschäftige Miene auf, schlug die Augen zu Boden, kugelte sich wie ein Igel zusammen, murmelte etwas über „einen besonderen Auftrag“, trippelte mit seinen kurzen Füßen davon und verschwand im Nebenzimmer. Unser Held traute seinen Augen nicht und konnte vor Erstaunen noch immer nicht zu sich kommen ...

Endlich erst, als er dann zu sich kam, wurde ihm klar, daß er beleidigt war, in gewissem Sinne verloren – daß sein Ruf beschmutzt und befleckt, er selbst in Gegenwart von anderen lächerlich gemacht worden war, beschimpft von demjenigen, von dem er gestern noch gehofft hatte, daß er sein einziger, bester Freund werden würde, und er erkannte, daß er sich vor der ganzen Welt blamiert hatte, und als ihm das so recht zum Bewußtsein gekommen war, da besann er sich nicht lange, sondern – stürzte seinem Feinde nach, ohne auch nur an die Zeugen seiner Erniedrigung zu denken.

„Sie alle stecken miteinander unter einer Decke,“ dachte er bei sich, „einer steht für den anderen und einer hetzt den anderen gegen mich auf.“ Doch kaum hatte unser Held die ersten zehn Schritte gemacht, als er einsah, daß jede Verfolgung umsonst war. Deshalb kehrte er um.

„Du wirst mir nicht entkommen,“ dachte er, „du kommst mir noch in die Falle und wirst als Wolf Lämmertränen weinen!“ Mit wütender Kaltblütigkeit und mit entschlossener Energie ging Herr Goljädkin zu seinem Stuhl und setzte sich auf ihn nieder.

„Du wirst mir nicht entkommen,“ wiederholte er noch einmal.

Jetzt handelte es sich bei ihm nicht mehr um eine passive Verteidigung, seine Haltung sah nach Entschlossenheit aus, und wer Herrn Goljädkin in diesem Augenblick sah, wie er puterrot und kaum seiner Erregung mächtig seine Feder ins Tintenfaß steckte, und mit welcher Wut er seine Zeilen aufs Papier warf, der mußte wohl im voraus begreifen, daß diese Sache nicht so einfach verlaufen würde. In der Tiefe seiner Seele faßte er einen Entschluß und in der Tiefe seines Herzens schwor er sich, ihn auch auszuführen. Dabei wußte er aber noch gar nicht so recht, wie er hier vorgehen sollte, besser gesagt, er wußte überhaupt noch nichts Bestimmtes – aber das Einzelne, meinte er, das war ja gleichgültig!

„Mit Anmaßung und Unverschämtheit, verehrter Herr, richten Sie in unserer Zeit nichts aus. Anmaßung und Unverschämtheit, mein verehrter Herr, führen nicht zum Guten, sondern zum Galgen. Nur Grischka Otrepieff[14] allein, mein Herr, erdreistete sich, das blinde Volk durch Anmaßung und Unverschämtheit zu betrügen, und auch das gelang ihm nur auf sehr, sehr kurze Zeit.“

Ungeachtet des letzteren Umstandes beschloß Herr Goljädkin, zu warten, bis die Maske von manchen Gesichtern fallen und alles aufgedeckt werden würde. Dazu mußten aber die Kanzleistunden erst zu Ende gehen. Bis dahin wollte unser Held nichts unternehmen. Dann aber würde er zu Maßregeln greifen – dann würde er wissen, was er zu tun hatte. Dann würde er wissen, welcher Plan zu entwerfen war, um den „Hochmut zu fällen“ und die „kriechende Schlange ohnmächtig in den Staub zu treten“. Er konnte es doch nicht erlauben, daß man ihn wie einen Lappen behandelte, mit dem man schmutzige Stiefel reinigt! Das konnte er sich doch unmöglich gefallen lassen, besonders in diesem Falle nicht! Wäre unserem Helden nicht dieser letzte Schimpf angetan worden, vielleicht hätte er sich doch noch entschließen können, sich zu überwinden und zu schweigen, oder wenigstens nicht so erbittert zu handeln. Er hätte sich dann vielleicht nur ein wenig herumgestritten und klar bewiesen, daß er in seinem Recht sei, hätte schließlich, wenn auch zuerst nur ein wenig, nachgegeben, und dann noch ein wenig nachgegeben, und sich am Ende überhaupt mit ihnen ausgesöhnt – besonders wenn ihm seine Gegner feierlich zugestanden hätten, daß er in seinem Recht sei. Daraufhin würde er sich ganz sicher ausgesöhnt haben und vielleicht, wer konnte es wissen, vielleicht wäre daraus eine neue Freundschaft entstanden, eine heiße, starke Freundschaft, eine viel, viel größere Freundschaft, als die gestrige, eine, durch die diese gestrige ganz verdunkelt worden wäre. So würde denn zuletzt die Feindschaft zweier Menschen beseitigt gewesen sein, und die beiden Titularräte konnten froh und glücklich miteinander leben – hundert Jahre lang!

Um schließlich die Wahrheit zu sagen: Herr Goljädkin fing bereits an, ein wenig zu bereuen, daß er für sich und sein Recht zu weit gegangen sei und sich dafür nur Unannehmlichkeiten bereitet hatte. „Hätte er nachgegeben,“ dachte Herr Goljädkin, „hätte er gesagt, daß alles das nur Scherz sei“: Herr Goljädkin hätte ihm verziehen, ganz und gar verziehen, zumal, wenn er es laut bekennen wollte! „Aber als einen Wischlappen lasse ich mich nicht behandeln, besonders nicht von solchen Leuten. Oh, und daß gerade ein so verworfener Mensch den Versuch mit mir macht! Ich bin kein Lappen, nein, mein Herr, ich bin kein Lump!“ Kurz, unser Held war zu allem entschlossen. „Sie selbst, mein Herr sind an allem schuld!“ Er beschloß also – zu protestieren, mit allen Kräften und bis zur letzten Möglichkeit – zu protestieren.

Er war schon so ein Mensch! Er hätte es nie erlaubt, sich beleidigen und noch viel weniger, sich „als Wischlappen“ benutzen zu lassen: „von einem so verkommenen Menschen“! Darüber ließ sich nicht streiten, nein, nicht streiten. Vielleicht, wenn es jemand gewollt hätte, Herrn Goljädkin „in einen Lappen“ zu verwandeln, wäre es ihm ohne Widerspruch und ganz ungestraft gelungen. (Herr Goljädkin fühlte das nämlich selbst manchmal.) Doch wäre das dann gar nicht Herr Goljädkin gewesen, sondern eben ... irgendein Lappen – wenn auch trotzdem kein so einfacher Lappen, sondern einer voll von Ehrgeiz und voll von Gefühlen, allerdings ganz unverantwortlichen Gefühlen, Gefühlen, die hinter den schmutzigen Falten des Lappens steckten!

Die Stunden zogen sich unglaublich lange dahin. Endlich schlug es vier. Bald darauf erhoben sich alle, um nach dem Vorgang des Chefs nach Hause zu gehen. Herr Goljädkin mischte sich unter die Menge: es entging ihm aber nichts, er verlor denjenigen, den er suchte, nicht aus den Augen. Zuletzt sah unser Held, wie sein Freund zu den Kanzleidienern lief, die die Mäntel ausgaben. In der Erwartung des Mantels schwänzelte er nach seiner gemeinen Gewohnheit um sie herum. Der Augenblick war entscheidend. Herr Goljädkin drängte sich irgendwie durch die Menge, da er nicht zurückbleiben wollte, und bemühte sich auch um seinen Mantel. Doch, natürlich: man gab seinem Freund zuerst den Mantel, weil es ihm auch hier gelungen war, sich einzuschmeicheln.

Herr Goljädkin der Jüngere warf sich den Mantel um und blickte dabei Herrn Goljädkin dem Älteren ironisch offen und frech ins Gesicht, um ihn auf diese Weise zu ärgern. Dann sah er sich, seiner Gewohnheit gemäß, rings um, bändelte mit allen Beamten an, wahrscheinlich, um auf sie einen guten Eindruck zu machen, sagte dem einen ein Wort, flüsterte dem andern etwas ins Ohr, schmeichelte einem dritten, lächelte einem vierten zu, reichte dem fünften die Hand und schlüpfte vergnügt die Treppe hinab. Herr Goljädkin der Ältere stürzte ihm nach, zu seiner unbeschreiblichen Genugtuung erreichte er ihn auf der letzten Stufe und packte ihn am Kragen seines Mantels.

Herr Goljädkin der Jüngere schien ein wenig überrascht zu sein und blickte mit verstörtem Gesicht um sich.

„Wie soll ich das verstehen?“ flüsterte er endlich mit leiser Stimme Herrn Goljädkin zu.

„Mein Herr, wenn Sie ein anständiger Mensch sind, so werden Sie sich unserer freundschaftlichen Beziehungen von gestern erinnern,“ sagte unser Held.

„Ach ja. Nun, wie steht’s? Haben Sie gut geschlafen?“

Die Wut raubte für einen Augenblick Herrn Goljädkin die Sprache.

„Ich habe – sehr gut geschlafen, mein Herr ... Doch erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Ihr Spiel sehr schlecht steht ...“

„Wer sagt das? Das sagen meine Feinde!“ antwortete hastig jener, der sich auch Herr Goljädkin nannte, und befreite sich bei diesen Worten ganz unerwartet aus den schwachen Händen des wirklichen Herrn Goljädkin. Befreit stürzte er die Treppe hinunter, sah sich um und erblickte eine Droschke – er lief auf sie zu, setzte sich hinein und war im Augenblick den Augen des Herrn Goljädkin des Älteren verschwunden. Unser verzweifelter und von allen verlassener Titularrat blickte sich zwar auch um, fand aber keine Droschke mehr. Er wollte laufen, doch seine Knie brachen zusammen. Mit verstörtem Gesicht und offenem Munde stützte er sich kraftlos und gebrochen an eine Straßenlaterne und stand so einige Augenblicke auf dem Trottoir. Herr Goljädkin schien wie vernichtet zu sein, für ihn war wohl alles verloren ...

IX.

Alles, offenbar alles, sogar seine eigene Natur, hatte sich gegen Herrn Goljädkin verschworen: doch war er noch auf den Füßen und unbesiegt! Ja er fühlte es, noch war er unbesiegt und nach wie vor bereit zu kämpfen. Er rieb sich mit solchem Gefühl und mit solcher Energie die Hände, als er nach der ersten Betäubung zu sich kam, daß man schon beim bloßen Anblick Herrn Goljädkins sofort darauf schließen konnte, daß er nicht nachgeben würde. Übrigens, die Gefahr lag auf der Hand, war offensichtlich; Herr Goljädkin fühlte das auch; doch wie sollte er ihr entgegentreten, sie packen? – das war die Frage. Im Augenblick tauchte sogar der Gedanke im Kopfe Herrn Goljädkins auf, „wie wenn er einfach alles so ließe, auf alles verzichtete? Was wäre denn dabei? Nun, einfach nichts! Ich werde für mich sein, als ob ich’s nicht wäre,“ dachte Herr Goljädkin, „ich lasse alles so gehen, wie es geht; ich bin einfach nicht ich, und das ist alles. Er ist auch für sich, mag er auch verzichten, er schwänzelt herum und dreht sich, der Schelm – mag er doch nachgeben! Ja, das ist es! Ich werde ihn mit Güte fangen. Und wo ist die Gefahr? Nun, was für eine Gefahr denn? Ich wünschte, es zeigte mir jemand, worin denn die Gefahr liegt? Eine einfache Sache! Eine ganz einfache Sache! ...“

Hier verstummte Herr Goljädkin. Die Worte erstarben ihm auf der Zunge; er machte sich sogar Vorwürfe über diese Gedanken, er schalt sich feig und niedrig; indessen, die Sache rührte sich nicht von der Stelle.

Er fühlte dabei, daß es für ihn von großer Notwendigkeit sei, sich für etwas zu entschließen; ja, er hätte viel darum gegeben, wenn ihm jemand gesagt, wozu er sich entschließen sollte. Wie sollte er das aber wissen!

Übrigens, da war ja auch gar nichts zu wissen! Auf jeden Fall und um keine Zeit zu verlieren nahm er sich eine Droschke und fuhr so schnell wie möglich nach Haus.

„Nun, wie fühlst du dich denn jetzt?“ dachte er bei sich, „wie erlauben Sie sich jetzt zu fühlen, Jakoff Petrowitsch? Was tust du jetzt? Was tust du jetzt, du Feigling, du Schurke, du! Hast dich selbst bis zum letzten gebracht, jetzt heulst du und klagst du!“

So verspottete sich Herr Goljädkin selbst, als er in eine alte klapprige Droschke stieg. Sich selbst zu verspotten und seine Wunde aufzureißen, bereitete nämlich Herrn Goljädkin augenblicklich ein großes Vergnügen, fast eine Genugtuung.

„Nun, wenn jetzt,“ dachte er, „irgendein Zauberer käme, oder wenn man mir offiziell erklärte: gib, Goljädkin, einen Finger deiner rechten Hand – und wir sind quitt; es wird keinen anderen Goljädkin geben und du wirst wieder glücklich sein, nur deinen Finger wirst du nicht mehr haben – so würde ich den Finger geben, würde ihn bestimmt geben, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. Zum Teufel mit alledem!“ schrie endlich der Titularrat außer sich, „nun, wozu das alles? wozu ist das alles nötig gewesen, warum mußte denn das gerade mir passieren und keinem anderen! Und alles war so gut zu Anfang, alle waren zufrieden und glücklich: wozu war denn gerade das jetzt nötig! Übrigens mit Worten wird hier nichts erreicht, hier muß gehandelt werden.“

Und somit wäre Herr Goljädkin beinahe zu einem Entschluß gekommen, als er in seine Wohnung trat. Er griff sofort nach der Pfeife, zog an ihr aus allen Kräften und stieß nach rechts und links dicke Rauchwolken aus, wobei er in außerordentlicher Erregung im Zimmer auf und ab lief.

Unterdessen begann Petruschka den Tisch zu decken. Endlich hatte Herr Goljädkin seinen Entschluß gefaßt: er warf plötzlich seine Pfeife hin, nahm den Mantel um, sagte, er werde nicht zu Hause speisen und lief hinaus. Auf der Treppe holte ihn Petruschka keuchend ein und übergab ihm den vergessenen Hut. Herr Goljädkin nahm den Hut und wollte sich noch irgendwie, so nebenbei, vor den Augen Petruschkas rechtfertigen, damit Petruschka sich nur nicht wegen dieses sonderbaren Umstandes, daß er den Hut vergessen, seine Gedanken machte. Da Petruschka ihn aber nicht einmal ansah und sofort zurückging, setzte auch Herr Goljädkin ohne weitere Erklärungen seinen Hut auf, lief die Treppe hinunter und redete sich Mut ein: daß sich alles vielleicht noch zum besten kehren werde und die Sache sich noch beilegen ließe ... Doch Schüttelfrost packte ihn. Er trat auf die Straße hinaus, nahm eine Droschke und fuhr zu Andrej Philippowitsch.