Part 23
Alles war ja so natürlich! Wozu hatte er sich so beunruhigt, sich so aufgeregt! Zwar gab es da noch einen peinlichen Umstand, aber auch der war nicht gar so schlimm: er konnte doch den Menschen nicht zugrunde richten und seine Karriere zerstören, wenn der Mensch unschuldig war und die Natur selbst sich hier eingemischt hatte! Außerdem bat ihn der Gast um seinen Schutz, er weinte und klagte sein Schicksal an, er schien so harmlos, ohne Bosheit und Hinterlist und war so erbärmlich und nichtig vor ihm. Er machte sich vielleicht im geheimen selbst Vorwürfe über die Ähnlichkeit seines Gesichtes mit dem seines Wirtes. Er führte sich so vorzüglich auf und suchte seinem Wirte zu gefallen und sah ganz so drein wie ein Mensch, der sich Gewissensbisse macht und sich vor dem anderen schuldig fühlt. Kam die Rede zum Beispiel auf einen strittigen Punkt, so stimmte der Gast sofort der Meinung Herrn Goljädkins bei. Wenn irgendwie aus Versehen seine Meinung von der Meinung Herrn Goljädkins abwich und er es bemerkte, so verbesserte er sich sofort und erklärte alsbald, daß er ganz derselben Meinung sei wie sein Wirt, daß er ganz so denke wie dieser und alles mit denselben Augen ansähe. Kurz, der Gast gab sich die größte Mühe, Herrn Goljädkin zu gefallen, sozusagen in ihm aufzugehen, und Herr Goljädkin wiederum überzeugte sich davon, daß sein Gast in jeder Beziehung ein liebenswürdiger Mensch sei. Es wurde inzwischen Tee gereicht. Es war neun Uhr. Herr Goljädkin war in sehr angenehmer Stimmung, heiter und angeregt, und ließ sich nun in ein sehr lebhaftes und bemerkenswertes Gespräch mit seinem Gast ein. Herr Goljädkin liebte es manchmal, bei heiterer Stimmung etwas Interessantes zu erzählen. So auch jetzt: er erzählte seinem Gast viel aus dem Petersburger Leben, von dessen Schönheit und seinen Vergnügungen, vom Theater, von den Klubs und den schönen Bildern, auch davon, wie zwei Engländer aus England nach Petersburg gekommen seien, nur um sich das Gitter des Sommergartens anzusehen und dann gleich wieder fortzufahren. Auch vom Dienst erzählte er, von Olssuph Iwanowitsch und Andrej Philippowitsch, und davon, daß Rußland von Stunde zu Stunde seiner Größe entgegengehe, daß „die Künste in ihm blühten“; von einer Anekdote, die er neulich in der „Biene“ gelesen, und von den Schlangen Indiens, die außergewöhnliche Kraft hätten; und noch von vielem anderen. Kurz Herr Goljädkin war vollkommen zufrieden. Erstens, weil er jetzt vollkommen ruhig sein konnte; zweitens weil er seine Feinde nun nicht mehr fürchtete, sondern sie am liebsten gleich zum entscheidenden Zweikampf herausgefordert hätte; drittens, weil er selbst als Gönner auftrat und endlich, weil er ein gutes Werk tat.
Im Innersten gestand er sich übrigens ein, daß er in diesem Augenblick doch noch nicht ganz glücklich sein konnte, daß in ihm immer noch ein Würmchen steckte, wenn es auch nur ein ganz kleines war, das aber nichtsdestoweniger noch an seinem Herzen nagte.
Es quälte ihn auch die Erinnerung an den gestrigen Abend bei Olssuph Iwanowitsch. Er hätte jetzt viel darum gegeben, wenn – dieses Gestern nicht gewesen wäre.
„Übrigens, es tut gar nichts!“ schloß endlich unser Held und gab sich das feste Versprechen, sich in Zukunft immer gut aufzuführen und sich nicht mehr selbst in solche Verlegenheiten zu bringen.
Da Herr Goljädkin jetzt ganz aus sich herausgegangen war und sich fast glücklich fühlte, so stieg auch in ihm der Wunsch auf, sein Leben zu genießen. Petruschka mußte also einen Rum bringen und Punsch bereiten.
Der Gast und der Wirt leerten darauf ein, zwei Gläschen. Der Gast wurde jetzt noch liebenswürdiger als zuvor und zeigte seinerseits nicht nur einen gefälligen und offenen Charakter, sondern ging ganz auf die Stimmung des Herrn Goljädkin ein, freute sich über seine Freude und sah auf ihn, wie auf seinen einzigen und aufrichtigen Wohltäter.
Er ergriff die Feder und ein Stück Papier und bat Herrn Goljädkin, nicht zu sehen, was er schreiben werde, und als er darauf geendet hatte, überreichte er dem Gastgeber feierlich das Geschriebene. Es war ein sehr gefühlvoller Vierzeiler, mit schöner Handschrift geschrieben und, wie es schien, vom Gast selbst verfaßt. Er lautete folgendermaßen:
Wenn auch du mich je vergißt, Ich vergeß dich nicht; Wechselvoll ist alles Leben, Drum vergiß mich nicht!
Mit Tränen in den Augen umarmte Herr Goljädkin seinen Gast und voll von Mitgefühl und Überschwang weihte er ihn in seine verschiedenen großen und kleinen Geheimnisse ein, in denen besonders von Andrej Philippowitsch und Klara Olssuphjewna die Rede war.
„Nun, wir beide, Jakoff Petrowitsch, werden uns schon gegenseitig verstehen,“ beteuerte unser Held seinem Gast. „Wir werden miteinander, Jakoff Petrowitsch, wie zwei leibliche Brüder leben, wie zwei Fische im Wasser! Wir, Freundchen, wollen schon schlau sein und ihnen eine Intrige drehen ... und sie ordentlich an der Nase herumführen. Sage aber niemandem etwas davon. Ich kenne ja, Jakoff Petrowitsch, deinen Charakter: du wirst natürlich sofort alles erzählen müssen, du aufrichtige Seele, du! Doch, Brüderchen, halte dich lieber fern von ihnen!“
Der Gast stimmte ihm in allem bei, dankte Herrn Goljädkin und zerfloß in Tränen.
„Weißt du, Jascha,“ fuhr Herr Goljädkin mit schwacher, zitternder Stimme fort, „du, Jascha, bleibe jetzt bei mir, wenn du willst – auf immer. Wir werden uns zusammen einleben. Was meinst du, Bruder? Du brauchst dich nicht zu beunruhigen, klage auch nicht, daß zwischen uns ein so sonderbares Verhältnis besteht: zu murren, Freund, ist Sünde; die Natur hat’s so gewollt! Die Mutter Natur ist weise, siehst du, so ist es, Jascha! Ich liebe, ich liebe dich, liebe dich brüderlich, sage ich dir. Aber zusammen, Jascha, da wollen wir ihnen einen Streich spielen.“
So waren sie beim dritten und vierten Glase Punsch und bei der Brüderschaft angelangt, als Herr Goljädkin sich von zwei Empfindungen beherrscht fühlte: die eine war, daß er außergewöhnlich glücklich sei, und die andere – daß er schon nicht mehr auf den Beinen stehen konnte.
Der Gast wurde natürlich aufgefordert, bei ihm zu übernachten. Das Bett wurde irgendwie aus zwei Reihen Stühlen hergestellt. Herr Goljädkin der Jüngere erklärte, unter so freundschaftlichem Schutz sei auch auf dem härtesten Lager weich zu schlafen; er befinde sich jetzt wie im Paradiese, zumal er in seinem Leben schon viel Ungemach und Kummer ertragen habe und man auch nicht wissen könne, was ihm noch in Zukunft alles bevorstehe! ...
Herr Goljädkin der Ältere protestierte dagegen und fing an, ihm darzulegen, wie man in Zukunft seine Hoffnung auf Gott setzen müsse. Der Gast war natürlich vollkommen mit allem einverstanden: auch damit, daß es nichts Höheres und Größeres gebe als Gott. Darauf bemerkte Goljädkin der Ältere, daß die Türken in mancher Beziehung durchaus recht hätten, mitten im Schlaf sogar den Namen Gottes anzurufen. Im übrigen verteidigte er den türkischen Propheten Mohammed gegen die Verleumdungen mancher Gelehrten und erkannte in ihm einen großen Politiker, bei welcher Gelegenheit er auf einen algerischen Barbier zu sprechen kam, eine Figur aus einem Witzblatt. Wirt und Gast lachten anhaltend über die Gutmütigkeit dieses Türken und konnten sich andererseits nicht genug über den vom Opium erzeugten Fanatismus der Türken wundern.
Endlich begann der Gast sich zu entkleiden und Herr Goljädkin begab sich hinter den Verschlag, zum Teil aus Gutmütigkeit, um seinen Gast, diesen vom Unglück verfolgten Menschen, nicht in Verlegenheit zu setzen, im Falle er nicht im Besitze eines ordentlichen Hemdes sein sollte – zum Teil auch, um mit Petruschka zu sprechen, ihn aufzumuntern und auch ihm womöglich etwas von seinem Glück mitzuteilen.
Es muß gesagt werden, daß Petruschka ihn immer noch beunruhigte.
„Du, Pjotr, lege dich schlafen!“ sagte Herr Goljädkin milde, als er in den Verschlag seines Dieners eintrat, „du lege dich jetzt schlafen, morgen aber um acht Uhr mußt du mich wecken. Hast du verstanden, Petruschka?“
Herr Goljädkin sprach ungemein zärtlich und milde zu ihm, aber Petruschka schwieg. Er machte sich an seinem Bett zu schaffen und wandte sich nicht einmal nach seinem Herrn um, wie es sich doch gehört hätte.
„Hast du gehört, Pjotr?“ fuhr Herr Goljädkin fort. „Du legst dich jetzt zu Bett und morgen, Petruschka, wirst du mich um acht Uhr wecken; hast du mich verstanden?“
„Schon gut, schon gut!“ antwortete Petruschka.
„Nun, nun, Petruschka, ich sage ja nur so, damit du ruhig und zufrieden bist. Denn, sieh, wir sind jetzt alle miteinander glücklich und ich wünsche, daß du es auch sein mögest. Ich wünsche dir jetzt eine gute Nacht, schlafe wohl, Petruschka, schlafe wohl. Wir alle müssen arbeiten. Du, Freund, denke nicht etwa, daß ich ...“
Herr Goljädkin brach plötzlich ab. „Bin ich nicht zu weit gegangen?“ dachte er. „So ist es immer, ich gehe immer zu weit.“
Unser Held verließ Petruschka sehr unzufrieden mit sich selbst. Die Grobheit und Ungezogenheit Petruschkas hatten ihn beleidigt. „Dieser Schelm, sein Herr erweist ihm solche Ehre und er empfindet das nicht einmal,“ dachte Herr Goljädkin. „Übrigens ist das bei dieser Sorte immer so!“
Er wankte ein wenig, als er ins Zimmer zurückkehrte, und da er sah, daß der Gast sich bereits hingelegt hatte, setzte er sich auf einen Augenblick zu ihm aufs Bett.
„Gestehe es doch ein, Jascha,“ begann er flüsternd mit wackelndem Kopf: „Du bist doch ein Taugenichts! Du bist ein Namensdieb, weißt du das auch? ... Das bist du mir schuldig!“ fuhr er in familiärem Tone fort, sich mit seinem Gast zu unterhalten.
Schließlich verabschiedete er sich freundschaftlich von ihm, um selbst auch schlafen zu gehen. Der Gast hatte mittlerweile bereits zu schnarchen begonnen. Herr Goljädkin legte sich lächelnd ins Bett und murmelte vor sich hin: „Nun, heute bist du betrunken, mein Täubchen, Jakoff Petrowitsch, ein Taugenichts bist du, ein Hungerleider – dein Name sagt es schon!! Worüber hast du dich denn so zu freuen? Morgen wirst du dafür weinen, du Affe: was ist mit dir denn zu machen?“
Nun aber überkam ihn ein ganz sonderbares Gefühl, ähnlich wie Zweifel und Bedauern. „Bist zu weit gegangen,“ dachte er, „jetzt brummt mir der Kopf und ich bin betrunken ... und konntest nicht an dich halten, du Dummkopf, und hast drei Körbe voll Blech geredet, und dabei willst du noch feine Intrigen spinnen, du Esel! Freilich, Großmut und Vergeben ist eine Tugend, doch immerhin: es steht schlimm mit dir! Da liegt er nun!“
Und Herr Goljädkin stand auf, nahm das Licht in die Hand und ging auf den Fußspitzen noch einmal an das Bett, um seinen schlafenden Gast zu betrachten. Lange stand er da, in tiefes Nachdenken versunken: „Ein unangenehmes Bild das! Geradezu ein Pasquill! Ein leibhaftiges Pasquill! Oh, die Sache hat einen Haken!“
Doch endlich legte sich auch Herr Goljädkin schlafen. In seinem Kopf rumorte es. Seine Sinne schwanden ihm, er bemühte sich, noch an etwas sehr Interessantes zu denken, etwas sehr Wichtiges zu entscheiden, über eine sehr kitzliche Sache zu einem Urteil zu gelangen – aber er konnte nicht mehr. Der Schlaf nahm sein Haupt, und so schlief er denn fest ein, wie gewöhnlich Leute schlafen, die zu trinken nicht gewohnt sind und plötzlich fünf Gläser Punsch in angenehmer Gesellschaft getrunken haben.
VIII.
Wie gewöhnlich, erwachte Herr Goljädkin am anderen Tage um acht Uhr. Sofort erinnerte er sich aller Begebenheiten des vergangenen Abends – erinnerte sich, und sein Gesicht wurde finster. „Habe ich mich aber gestern wie ein Dummkopf benommen!“ dachte er, erhob sich ein wenig und sah zu dem Bette seines Gastes hinüber. Doch wie groß war sein Erstaunen, als er weder den Gast noch das Bett im Zimmer erblickte! „Was hat denn das zu bedeuten?“ hätte Goljädkin beinahe laut aufgeschrien. „Was soll denn das heißen? Was hat denn das wieder zu bedeuten?“
Während Herr Goljädkin, ohne etwas zu begreifen, mit offenem Munde auf die leere Stelle starrte, öffnete sich die Tür und Petruschka trat mit dem Teebrett ins Zimmer.
„Wo ist er, wo ist er?“ brachte unser Held mit kaum hörbarer Stimme hervor und wies mit dem Finger auf die leere Stelle.
Zuerst antwortete ihm Petruschka gar nicht, er sah nicht einmal seinen Herrn an, sondern wandte seine Augen nur stumm in die rechte Ecke des Zimmers, so daß Herr Goljädkin auch gezwungen wurde, rechts in die Ecke zu sehen. Erst nach einigem Schweigen erwiderte Petruschka mit rauher und grober Stimme: „Der Herr ist nicht zu Haus.“
„Du Dummkopf, ich bin doch dein Herr, Petruschka!“ sagte Herr Goljädkin ratlos und starrte seinen Diener mit großen Augen an.
Petruschka schwieg, doch blickte er Herrn Goljädkin in einer Weise an, daß dieser bis über die Ohren errötete. In seinem Blick lag ein so beleidigender Vorwurf, der Schimpfworten gleich war. Herr Goljädkin ließ die Hände sinken und sagte kein Wort.
Endlich bemerkte Petruschka, der _andere_ sei vor anderthalb Stunden bereits ausgegangen und habe nicht mehr warten wollen. Die Auskunft klang sehr wahrscheinlich und glaubwürdig; offenbar belog ihn Petruschka nicht, denn was seinen beleidigenden Blick und die Bezeichnung _der andere_ anbetraf, so waren diese wohl durch einen unangenehmen Umstand veranlaßt worden. Herr Goljädkin begriff denn auch, wenn auch nur dunkel, daß hier etwas nicht in Ordnung war, und daß das Schicksal ihm etwas vorzubehalten schien, das nicht angenehm war.
„Gut, wir werden sehen,“ dachte er bei sich, „wir werden sehen und werden daran glauben müssen ... Ach, du grundgütiger Gott!“ stöhnte er plötzlich mit ganz veränderter Stimme, „oh, warum habe ich ihn aufgefordert, weshalb habe ich das alles getan? Ich habe selbst den Kopf in die Schlinge gelegt, und habe mir dazu noch die Schlinge mit eigenen Händen gedreht. Ach, du Dummkopf, du Dummkopf! Und du konntest auch nichts anderes tun, als dich verplappern wie ein kleiner Junge, wie irgend so ein Kanzlist, wie ein rangloser Lump, wie ein weicher Lappen, ein verfaulter Lumpen, du Schwätzer, du! ...
Ach, ihr meine Heiligen! Gedichte hat der Schelm gemacht, von seiner Liebe zu mir gesprochen! Wie ist das nur alles möglich gewesen ... Wie kann ich diesem Lumpen nun auf anständige Weise die Tür weisen, wenn er zurückkommen sollte? Versteht sich, es gibt ja verschiedene Möglichkeiten: So und so, bei meinem geringen Gehalt ... oder, man kann ihm auch Furcht einjagen, kann sagen, aus Rücksicht auf dieses und jenes sei ich genötigt, ihm zu erklären ... das heißt, er solle die Hälfte für Wohnung und Kost bezahlen und das Geld im voraus abgeben! Hm! Zum Teufel, nein, das wäre gemein. Nicht zartfühlend genug! Oder, wäre es nicht vielleicht besser, Petruschka auf ihn loszulassen, so daß der es ihm einsalzte, ihn vernachlässigte und angrobte? um ihn auf diese Art los zu werden?! Man müßte sie aufeinanderhetzen ... Nein, zum Teufel auch, nein! Das wäre gefährlich, und dann auch, von dem Standpunkte aus betrachtet ... nun, durchaus nicht schön! Durchaus, durchaus nicht schön! Aber, wenn er jetzt nun gar nicht wiederkommt? Auch das wäre nicht angenehm. Habe mich doch gestern abend so verplappert! ... Das ist schlimm, wirklich schlimm! Ach, das ist eine schöne Geschichte, oh, ich Dummkopf! Kannst du nicht endlich lernen, wie du dich zu benehmen hast, kannst du dich nicht endlich beherrschen! Nun, wenn er jetzt kommt und absagt? Gebe Gott, daß er kommt! Ich wäre ja selig, wenn er nur käme ...“
So philosophierte Herr Goljädkin, trank dabei seinen Tee und sah nach der Wanduhr.
„Es ist bereits drei Viertel auf neun, ... es ist Zeit, zu gehen. Aber was wird nun werden! Was wird geschehen? Ich würde gar zu gern wissen, was wohl eigentlich dahintersteckt ... – wozu alle diese Ränke und Intrigen dienen sollen? Es wäre gut, zu wissen, was eigentlich alle diese Leute denken und welche Schritte sie tun wollen ...“
Herr Goljädkin konnte sich vor Ungeduld nicht mehr beherrschen, er warf die Pfeife fort, zog sich an und begab sich in das Departement – mit dem Wunsche, wenn möglich, die Gefahr selbst aufzusuchen und sich persönlich zu vergewissern. Denn eine Gefahr gab es: das wußte er genau, eine Gefahr gab es!!!
„Aber wir wollen sie sehen ... und unterkriegen,“ beschloß Herr Goljädkin, während er im Vorraum Galoschen und Mantel ablegte. „Wir werden diesen Dingen sofort auf den Grund kommen, sofort!“
Entschlossen, irgendwie zu handeln, nahm unser Held eine würdige Miene an und war eben im Begriff, in das nächstliegende Zimmer einzutreten, als er plötzlich noch an der Tür auf seinen Bekannten und Busenfreund stieß.
Herr Goljädkin der Jüngere schien jedoch Herrn Goljädkin den Älteren gar nicht zu bemerken, obgleich sie fast mit den Nasen aufeinander rannten. Herr Goljädkin der Jüngere schien offenbar sehr beschäftigt zu sein, er hatte es eilig, wurde ganz rot, nahm eine sehr geschäftige und offizielle Miene an, so daß ihm jeder am Gesicht ablesen konnte: „scht, ich bin kommandiert zu ganz besonderen Aufträgen ...“
„Ah, Sie sind’s, Jakoff Petrowitsch!“ sagte unser Held und griff nach der Hand seines gestrigen Gastes.
„Nachher, nachher, entschuldigen Sie mich, nachher,“ rief Herr Goljädkin der Jüngere, und wollte davoneilen.
„Aber, erlauben Sie, Sie wollten doch, Jakoff Petrowitsch ...“
„Was wollte ich? Erklären Sie sich schnell.“ Dabei blieb der gestrige Gast des Herrn Goljädkin widerstrebend vor diesem stehen und neigte sein Ohr zur Nase des anderen.
„Ich wollte Ihnen nur sagen, Jakoff Petrowitsch, daß ich sehr erstaunt bin – über den Empfang ... einen Empfang, den ich durchaus nicht erwartet habe.“
„Alles hat seinen Weg. Gehen Sie zum Sekretär Seiner Exzellenz, und darauf begeben Sie sich, wie es sich gehört, zum Chef der Kanzlei. Sie haben wohl eine Bittschrift? ...“
„Ich verstehe Sie nicht, Jakoff Petrowitsch! Sie setzen mich einfach in Erstaunen, Jakoff Petrowitsch! Wahrscheinlich haben Sie mich nicht wiedererkannt oder Sie belieben zu scherzen ... – bei der angeborenen Heiterkeit Ihres Charakters.“
„Ach, das sind Sie!“ sagte Herr Goljädkin der Jüngere, als hätte er erst jetzt Herrn Goljädkin den Älteren erkannt, – „ja so, Sie sinds? Nun, wie haben Sie geruht?“
Herr Goljädkin der Jüngere lächelte ein wenig, ein wenig offiziell, und zwar durchaus nicht, wie es sich gehörte (denn auf jeden Fall hätte er Herrn Goljädkin dem Älteren seine Dankbarkeit beweisen sollen), er aber lächelte nur sehr formell und offiziell und fügte dabei hinzu, daß er seinerseits sehr froh darüber sei, daß Herr Goljädkin so gut geruht habe. Dann verneigte er sich etwas, bewegte sich hin und her, sah nach rechts, nach links, senkte die Augen zu Boden, wandte sich nach der Seitentür, flüsterte ihm eilig zu, daß er einen „ganz besonderen Auftrag“ habe, und schlüpfte ins nächste Zimmer. Kaum gesehen – war er schon verschwunden.
„Da haben wir’s, das ist nicht übel! ...“ murmelte unser Held, einen Augenblick starr vor Verwunderung, „da haben wir’s! Also so stehen die Sachen! ...“ Herr Goljädkin fühlte, wie ihm ein Kribbeln über den Körper lief. „Übrigens,“ fuhr er in seinem Selbstgespräch fort, „übrigens habe ich das längst gewußt, ich habe es ja längst vorausgefühlt, daß er in einem besonderen Auftrag ... nämlich, gestern sagte ich’s noch, daß dieser Mensch in einem besonderen Auftrage ...“
„Haben Sie Ihre gestrigen Papiere fertiggestellt, Jakoff Petrowitsch?“ fragte ihn Anton Antonowitsch Ssjetotschkin, als Herr Goljädkin sich neben ihn setzte, „haben Sie sie hier?“
„Hier,“ flüsterte Herr Goljädkin, der den Bureauvorsteher ganz verloren anschaute.
„So, so! Ich fragte darum, weil Andrej Philippowitsch bereits zweimal nach ihnen verlangte, und weil es möglich, daß Seine Exzellenz sie jeden Augenblick einfordern werden ...“
„Sie sind fertig ...“
„Nun, gut, gut.“
„Ich, Anton Antonowitsch, habe doch immer meine Schuldigkeit getan, so wie es sich gehört, und, erfreut über die mir anvertrauten Arbeiten, wie ich zu sein pflege, beschäftige ich mich mit ihnen gewissenhaft.“
„Ja ... nun ... was wollen Sie denn damit sagen?“
„Ich? Nichts, Anton Antonowitsch. Ich wollte nur erklären, Anton Antonowitsch, daß ich ... das heißt, ich wollte sagen, daß mitunter Neid und Bosheit niemanden verschonen und sich ihre tägliche, abscheuliche Beute suchen ...“
„Entschuldigen Sie, ich verstehe Sie nicht ganz. Das heißt, auf wen wollen Sie anspielen?“
„Das heißt, ich wollte nur sagen, Anton Antonowitsch, daß ich meinen Weg gerade gehe und einen krummen Weg verabscheue, daß ich kein Intrigant bin, und daraus, wenn es erlaubt ist, sich so auszudrücken, gerechterweise stolz sein kann ...“
„Ja–a. Das stimmt, wenigstens kann ich, so wie ich darüber denke, Ihrer Meinung vollständig zustimmen: doch erlauben Sie mir, Jakoff Petrowitsch, zu bemerken, daß es einem Menschen in guter Gesellschaft nicht erlaubt ist, einem alles ins Gesicht zu sagen – wenn Sie das zu tun wünschen, nun, so ist es Ihr freier Wille. Ich aber, mein Herr, lasse mir keine Unverschämtheiten ins Gesicht sagen. Ich, mein Herr, bin im kaiserlichen Dienst grau geworden und erlaube mir auf meine alten Tage auch keine Frechheiten ... –“
„Ne–i–n, ich, Anton Antonowitsch, sehen Sie, Anton Antonowitsch, Sie scheinen, Anton Antonowitsch, mich nicht ganz verstanden zu haben. Erbarmen Sie sich, Anton Antonowitsch, ich kann meinerseits nur auf Ehre versichern, daß ...“
„Ich muß, ebenfalls meinerseits, mich zu entschuldigen bitten. Ich bin nach alter Art erzogen, und es ist für mich zu spät, nach Ihrer Art umzulernen. Für den Dienst des Vaterlandes war mein Verständnis, wie es scheint, bis jetzt genügend. Wie Sie selbst wissen, mein Herr, besitze ich das Ehrenzeichen – für fünfundzwanzigjährige untadelhafte Dienstzeit ...“
„Ich verstehe, Anton Antonowitsch, ich verstehe das meinerseits vollkommen. Aber nicht das habe ich gemeint, ich habe von der Maske gesprochen, Anton Antonowitsch ...“
„Von der Maske?“
„Das heißt, Sie scheinen wieder ... ich fürchte, Anton Antonowitsch, daß Sie auch hier meine Gedanken anders auffassen, den Sinn meiner Rede, wie Sie selbst sagen, anders auffassen. Ich entwickele ja nur meine Anschauung, habe die Idee, Anton Antonowitsch, daß es jetzt selten Leute ohne Maske gibt, und daß es schwer ist, unter der Maske einen Menschen zu erkennen ...“
„N–u–n, wissen Sie, das ist nicht immer so schwer. Manchmal ist es sogar sehr leicht und man braucht nicht weit zu suchen.“
„Nein, wissen Sie, Anton Antonowitsch, ich behaupte ja nur für meine Person, daß ich mich nie einer Maske bedienen würde, oder doch nur, wenn es die Gelegenheit verlangte, zum Karneval oder sonst in heiterer Gesellschaft, daß ich mich aber vor Leuten im täglichen Leben, im übertragenen Sinne gesprochen, niemals maskieren würde. Das ist es, was ich sagen wollte, Anton Antonowitsch.“
„Nun, lassen wir das jetzt, ich habe offen gestanden jetzt keine Zeit dazu,“ sagte Anton Antonowitsch, der von seinem Stuhle aufstand und einige Papiere zur Meldung bei Seiner Exzellenz zusammenlegte. „Ihre Sache wird sich, wie ich voraussetze, ohne Verzögerung von selbst aufklären. Sie werden selbst sehen, wen Sie anzuklagen und wen Sie zu beschuldigen haben, mich aber bitte ich, mit weiteren privaten und den Dienst beeinträchtigenden Unterhaltungen zu verschonen ...“
„Nein, ich ... Anton Antonowitsch,“ rief Herr Goljädkin, ein wenig erbleichend, dem sich entfernenden Anton Antonowitsch noch nach, „ich, Anton Antonowitsch, habe an dergleichen überhaupt nicht gedacht ...“
„Was hat denn das wieder zu bedeuten?“ sagte Herr Goljädkin zu sich selbst, als er allein geblieben war. „Woher weht denn dieser Wind, und was soll denn dieser neue Winkelzug wieder bringen?“