Part 22
„Ja,“ sagte Anton Antonowitsch, ein wenig nachdenklich – als ob er jetzt zum erstenmal über die Sache wirklich erstaunt wäre. „Ja, Sie haben recht, die Ähnlichkeit ist tatsächlich erstaunlich und man könnte wirklich den einen für den andern nehmen,“ fügte er hinzu und riß die Augen immer weiter auf. „Und, wissen Sie, Jakoff Petrowitsch, es ist sogar eine ganz sonderbare phantastische Ähnlichkeit, wie man zu sagen pflegt, das heißt, genau so wie Sie ... Haben Sie bemerkt, Jakoff Petrowitsch? Ich wollte Sie sogar selbst danach fragen. Ja, ich gestehe, anfangs habe ich zu wenig darauf geachtet. Ein Wunder, ein wirkliches Wunder, das! Und wissen Sie, Jakoff Petrowitsch, Sie sind doch kein Hiesiger? Ich meine nur ...“
„Nein.“
„Er ist auch kein Hiesiger. Vielleicht ist er aus demselben Orte, wo Sie her sind. Ich wage nur zu fragen, wo hat sich Ihre Mutter zuletzt dauernd aufgehalten?“
„Sie sagten ... Sie sagten, Anton Antonowitsch, daß er kein Hiesiger ist?“
„Ja, er ist nicht von hier. Wirklich, wie das sonderbar ist,“ fuhr der gesprächige Anton Antonowitsch fort, für den es ein rechter Feiertag war, wenn er einmal tüchtig schwatzen konnte, „es kann wirklich Anteil erregen! Wie oft geht man an so etwas vorüber, ohne es zu bemerken! Übrigens, regen Sie sich nicht darüber auf. Das pflegt vorzukommen. Wissen Sie – ich werde Ihnen was erzählen, dasselbe passierte meiner Tante, mütterlicherseits; sie hat sich auch einmal, es war kurz vor dem Tode, doppelt gesehen ...“
„Nein, ich ... entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche, Anton Antonowitsch, – ich, Anton Antonowitsch, wollte wissen, wie es mit diesem Beamten steht, das heißt, welche Stellung er hier einnimmt.“
„Er kam an die Stelle des kürzlich verstorbenen Ssemjon Iwanowitsch. Dessen Posten war frei geworden, und so wurde er angestellt. Nein, wirklich, dieser gute Ssemjon Iwanowitsch, drei Kinder hat er hinterlassen, sagt man, eines kleiner als das andere. Die Witwe ist seiner Exzellenz zu Füßen gefallen. Man sagt übrigens, sie habe Geld, sie verheimliche es nur.“
„Nein, Anton Antonowitsch, ich meine den Umstand ...“
„Das heißt, nun, ja! Warum beschäftigt Sie denn das so sehr? Ich sage Ihnen doch: regen Sie sich nicht auf. Das ist schon so der Wille Gottes, und es ist Sünde, gegen ihn zu murren. Darin sieht man Gottes Weisheit. Und Sie, Jakoff Petrowitsch, sind doch nicht schuld daran. Als ob es keine Wunder auf der Welt gäbe! Die Mutter Erde ist freigebig, und Sie werden doch nicht dafür zur Verantwortung gezogen. Um Ihnen ein Beispiel zu geben: ich denke, Sie haben doch gehört, wie die siamesischen Zwillinge mit dem Rücken aneinander gewachsen sind, sie leben, essen und schlafen zusammen und verdienen viel Geld, sagt man.“
„Erlauben Sie, Anton Antonowitsch ...“
„Ich verstehe Sie, ich verstehe! Ja! nun, ja, was? Tut nichts! Ich sage Ihnen doch, nach meiner persönlichen Überzeugung haben Sie sich keineswegs aufzuregen. Was ist denn darüber zu sagen? Er ist doch ein Beamter wie sie alle, und als Beamter, offenbar, ein tüchtiger Mensch. Er sagt, er heiße Goljädkin, sei nicht von hier und führe den Titel Titularrat. Er hat selbst mit Seiner Exzellenz gesprochen.“
„Und was hat er gesagt?“
„Nichts Besonderes, sagt man, er habe genügende Erklärungen gegeben und die Gründe dargelegt, sagt man, so und so: Ew. Exzellenz, ich habe kein Vermögen, ich wünsche zu dienen, und besonders unter Ihrer schmeichelhaften Leitung ... nun, und wie sich das so gehört ... er hat sich, wissen Sie, sehr geschickt ausgedrückt. Ein kluger Mensch muß er sein. Nun, versteht sich, er kam ja auch mit einer Empfehlung, ohne die geht’s doch nicht ...“
„So!? von wem denn? ... Das heißt, ich wollte sagen, wer hat denn in diese schmutzige Angelegenheit seine Hand gesteckt?“
„Ja! Es muß eine gute Empfehlung gewesen sein, Seine Exzellenz, sagt man, und Andrej Philippowitsch hätten gelacht.“
„Gelacht, Exzellenz und Andrej Philippowitsch?“
„Ja, sie hätten gelacht und gesagt: nun gut! und sie hätten nichts dagegen, wenn er nur seine Pflicht tue!“
„Nun, und weiter. Das belebt mich wieder, Anton Antonowitsch, ich flehe Sie an – und weiter.“
„Erlauben Sie, nun, ja, nun, es hat doch nichts zu bedeuten, ich sage Ihnen, regen Sie sich nicht auf, die Sache hat nichts Bedenkliches.“
„Nein? Ich, das heißt – ich wollte Sie fragen, Anton Antonowitsch, ob Seine Exzellenz nichts mehr hinzugefügt hat ... über mich, zum Beispiel?“
„Das heißt, wie denn? Ach so! Nein, nichts, nichts, Sie können ganz ruhig sein. Wissen Sie, natürlich ist der Umstand sehr sonderbar ... aber ich selbst – ich habe mir anfangs überhaupt nichts dabei gedacht. Ich weiß wirklich nicht, warum ich mir nichts dabei dachte, bis Sie, Sie selbst, mich darauf aufmerksam gemacht haben. Seine Exzellenz hat nichts gesagt,“ fügte der gute Anton Antonowitsch hinzu und erhob sich vom Stuhl.
„Sehen Sie, ich ... Anton Antonowitsch ...“
„Ach, Sie entschuldigen mich, bitte, ich schwatze hier von Nichtigkeiten und da ist eine wichtige Sache zu erledigen. Ich muß mich beeilen.“
„Anton Antonowitsch,“ hörte man soeben die klangvolle Stimme Andrej Philippowitschs, „Seine Exzellenz fragt nach Ihnen.“
„Sofort, sofort Andrej Philippowitsch, sofort, ich komme schon.“ Und Anton Antonowitsch griff nach einem Pack Papiere, lief zuerst zu Andrej Philippowitsch und darauf ins Kabinett Seiner Exzellenz.
„Wie ist denn das nun?“ dachte Herr Goljädkin bei sich. „So ist also das Spiel jetzt bei uns? Von daher weht der Wind? ... Das ist nicht übel, die Dinge haben so die beste Wendung genommen,“ sagte sich unser Held, rieb sich die Hände und fühlte vor Freude kaum den Stuhl unter sich. „Unsere Sache ist also eine gewöhnliche Sache und erweist sich als etwas ganz Nichtiges. In der Tat, es kümmert sich niemand darum, sie sitzen alle, diese Räuber, und arbeiten: das ist nett, wirklich nett! Einen guten Menschen liebe ich, habe ich geliebt und werde ihn immer lieben ... Doch, wenn man denkt, diesem Anton Antonowitsch ist schwer ... zu trauen! Er ist bereits sehr alt und vergißt den Zusammenhang. Eine vorzügliche, eine großartige Sache ist es, daß Seine Exzellenz nichts gesagt hat und ihn so zuließ. Das ist gut, das gefällt mir! Was hat nur dieser Andrej Philippowitsch sich mit seinem Lachen da einzumischen? Was geht es ihn an? Du alter Strick! Immer läufst du mir über den Weg, wie eine schwarze Katze! Immer kommt er den Menschen in die Quere, immer den Menschen in die Quere ...“
Herr Goljädkin blickte sich wieder um und wieder belebte sich seine Hoffnung. Er fühlte sich aber doch noch von gewissen vagen Gedanken, und von nicht gerade guten Gedanken, sehr beunruhigt. Es kam ihm sogar in den Sinn, mit den Beamten anzubändeln, den Hasen sozusagen zu stellen, vielleicht am Schluß der Kanzleistunde oder in Dienstangelegenheiten mit ihnen anzubändeln und zwischendurch im Gespräche zu bemerken: „meine Herren, so und so, ob da nicht eine erstaunliche Ähnlichkeit, ein sonderbarer Umstand, eine witzige Komödie?“, – um auf diese Weise die Tiefe der Gefahr zu sondieren. „Denn in einem tiefen Abgrund hausen die Teufel,“ schloß in Gedanken unser Held. Übrigens war das nur ein flüchtiger Gedanke von Herrn Goljädkin, denn er bedachte sich noch beizeiten. Er begriff, daß es ihn zu weit führen konnte.
„So ist nun einmal deine Natur!“ sagte er zu sich selbst, und schlug sich leicht mit der Hand vor die Stirn. „Gleich fängst du wieder an zu phantasieren und dich zu freuen, du ehrliche Seele, du! Nein, besser, wir warten noch ein wenig, Jakoff Petrowitsch, wir halten aus und warten!“
Nichtsdestoweniger, und wie wir bereits erwähnten, war Herr Goljädkin voll Hoffnung und wie von den Toten auferstanden.
„Tut nichts,“ dachte er, „mir ist es gerade zumut, als ob mir fünfhundert Pud vom Herzen gefallen wären! Was ist das für eine Sache! Er aber – er, – nun möge er nur dienen, möge er nur ruhig und zu seiner Gesundheit dienen! Wenn er nur niemandem hinderlich wird, wenn er nur niemanden stört, dann mag er dienen – ich habe nichts dagegen!“
Währenddessen vergingen die Stunden im Fluge und es schlug bereits vier Uhr. Die Kanzlei wurde geschlossen. Andrej Philippowitsch griff nach seinem Hut, und wie gewöhnlich folgten alle seinem Beispiel. Herr Goljädkin verzögerte seinen Aufbruch und ging absichtlich später als die anderen, er war der Letzte und trat hinaus, als die anderen sich bereits in die verschiedenen Richtungen zerstreuten. Auf der Straße fühlte er sich wie im Paradies, so daß in ihm der Wunsch aufstieg, einen Umweg zu machen und über den Newskij zu gehen.
„Das nenne ich Schicksal!“ sagte unser Held, „diese unerwartete Wendung der ganzen Sache. Und was für ein Wetterchen, mit Frost und Schlittenbahn! Das ist was für den Russen, der Frost belebt ihn ordentlich von neuem, den russischen Menschen. Ich liebe den russischen Menschen, und Schnee liebe ich und Kälte liebe ich ...“
So äußerte sich bei Herrn Goljädkin das Entzücken, und doch fühlte er etwas wie Unruhe in seinem Herzen nagen, so daß er nicht wußte, womit er sich beschwichtigen sollte. „Nun ja, warten wir noch einen Tag – und dann erst wollen wir uns freuen. Was mag das nur eigentlich sein, was mich da so beunruhigt!? Nun, denken wir doch nach, sehen wir zu! Denke nach, junger Freund, denke nach. Also erstens: ein Mensch, der genau so wie du ist. Nun, was ist weiter dabei? Wenn es solch einen Menschen gibt, muß ich denn gleich darüber weinen? Was geht’s mich an? Ich halte mich fern von ihm: ich pfeife auf ihn, und das ist alles! Mag er dienen! Nun, und was sie da von den siamesischen Zwillingen reden ... wozu siamesisch? Nehmen wir an, es sind Zwillinge – auch große Menschen haben ihre Wunderlichkeiten gehabt. Aus der Geschichte ist bekannt, daß der berühmte Ssuworoff wie ein Hahn krähte ... Nun, das tat er wohl alles nur aus Politik; und die großen Feldherren ... übrigens, was gehen mich die Feldherren an? Ich lebe so für mich und will niemanden kennen und im Gefühl meiner Unschuld verachte ich jeden Feind. Ich bin kein Intrigant und ich bin stolz darauf. Nein, offenherzig, angenehm, liebenswürdig ...“
Plötzlich verstummte Herr Goljädkin, blieb stehen, zitterte wie ein Blatt am Baum und schloß auf einen Augenblick seine Augen. In der Hoffnung jedoch, daß der Gegenstand seines Schreckens nur eine Illusion sei, öffnete er seine Augen wieder und schielte schüchtern nach rechts. Nein, es war keine Illusion! ... Neben ihm trippelte sein Bekannter von heute morgen, lächelte ihm zu, sah ihm ins Gesicht und schien auf die Gelegenheit zu warten, um mit ihm ein Gespräch anzufangen. Es kam aber nicht dazu. So gingen sie beide etwa fünfzig Schritte weiter. Das ganze Bestreben Herrn Goljädkins ging nun dahin, sich immer mehr in seinen Mantel einzuhüllen und seine Mütze so tief wie möglich über die Augen zu ziehen. Es erhöhte noch die „Beleidigung“, daß Mantel und Hut seines Freundes genau den seinen glichen.
„Geehrter Herr,“ sagte endlich unser Held, indem er sich mühte, fast flüsternd zu sprechen, ohne dabei seinen Freund anzusehen, „mir scheint, wir haben einen verschiedenen Weg ... Ich bin sogar fest davon überzeugt,“ sagte er nach einigem Schweigen. „Und schließlich bin ich auch fest davon überzeugt, daß Sie mich verstanden haben,“ fügte er ziemlich streng zum Schluß hinzu.
„Ich hätte gewünscht,“ sagte endlich der Freund, „ich hätte gewünscht, und Sie werden mir großmütig verzeihen ... ich weiß nicht, an wen ich mich hier wenden soll ... meine Verhältnisse, – ich hoffe Sie verzeihen mir meine Aufdringlichkeit, – es schien mir sogar, Sie hätten heute morgen Anteil an mir genommen. Meinerseits fühlte ich auf den ersten Blick Zuneigung für Sie, ich ...“ Hier wünschte Herr Goljädkin in Gedanken seinen neuen Kollegen unter die Erde –
„Wenn ich gewagt hätte zu hoffen, daß Sie, Jakoff Petrowitsch, geneigt wären, mich anzuhören ...“
„Wir ... wir ... wollen lieber zu mir gehen,“ antwortete ihm Herr Goljädkin. „Wir wollen hinüber auf die andere Seite des Newskij gehen, dort wird es bequemer für uns sein, und leichter, in die Nebengasse einzubiegen ... Wir gehen lieber in eine Nebengasse.“
„Schön. Gehen wir in eine Nebengasse,“ sagte schüchtern und bescheiden Herrn Goljädkins Begleiter, als ob er durch den Ton seiner Antwort ausdrücken wollte, daß er in seiner Lage auch mit einer Nebengasse zufrieden sei. Was nun Herrn Goljädkin anbelangt, so begriff er überhaupt nicht mehr, was mit ihm vorging. Er traute sich selber nicht und hatte sich von seinem Erstaunen noch nicht erholt.
VII.
Er kam erst wieder zu sich, als er sich bereits auf der Treppe zu seiner Wohnung befand. „Ach ich Schafskopf, ich!“ schimpfte er sich selbst in Gedanken, „wohin führe ich ihn jetzt? Ich lege ja selbst meinen Kopf in die Schlinge. Was wird Petruschka sagen, wenn er uns beide zusammen sieht. Was wird dieser Schuft zu denken wagen – und er ist sowieso schon so mißtrauisch ...“
Doch zur Reue war es bereits zu spät. Herr Goljädkin klopfte, die Tür wurde geöffnet und Petruschka nahm seinem Herrn sowie dem Gast die Mäntel ab. Herr Goljädkin schielte mit einem Blick nach Petruschka hin, um in seine Physiognomie einzudringen und womöglich hinter seine Gedanken zu kommen. Doch zu seiner großen Verwunderung sah er, daß sein Diener auch nicht daran dachte, sich zu wundern, sogar im Gegenteil, etwas Derartiges, wie diesen seltsamen Besuch erwartet zu haben schien. Freilich sah er auch jetzt noch recht wie ein Wolf aus, der sich anschickte, jemanden zu fressen. „Sind sie heute nicht alle irgendwie verhext,“ dachte unser Held, „ist es nicht ganz so, als wären sie alle von Dämonen besessen! Etwas Besonderes muß vorgehen oder in der Luft liegen. Zum Teufel, was ist das für eine Qual!“
Mit solchen Gedanken führte Herr Goljädkin seinen Gast ins Zimmer und forderte ihn höflichst auf, sich zu setzen.
Der Gast befand sich offenbar in höchster Verwirrung, war sehr schüchtern und folgte gehorsam allen Bewegungen seines Wirtes, fing dessen Blicke auf und bemühte sich scheinbar, seine Gedanken zu erraten. Etwas Gedrücktes, Erniedrigtes und Erschrockenes lag in all seinen Gebärden, so daß er, wenn ein solcher Vergleich gestattet ist, in diesem Augenblick einem Menschen ähnlich sah, der aus Mangel an eigenen Kleidern sich fremder bedient. Die Ärmel sind zu kurz, die Taille sitzt fast unter den Achseln und jeden Augenblick zieht er sich seine zu kurze Weste zurecht: bald dreht er sich zur Seite und scheint sich verstecken zu wollen, bald sieht er wieder allen in die Augen und horcht, ob die Leute nicht über ihn sprechen, über ihn lachen, sich seiner schämen – und der Arme errötet, windet sich in fürchterlichster Verlegenheit, und Ehrgeiz und Selbstgefühl leiden maßlos.
Herr Goljädkin legte seinen Hut aufs Fenster – durch eine unvorsichtige Bewegung fiel er auf den Boden. Der Gast stürzte sofort herbei, um ihn aufzuheben, den Staub abzuwischen und ihn auf den früheren Platz zu legen. Seinen eigenen Hut legte er aber neben sich auf den Fußboden und selbst nahm er nur auf dem Rande des Stuhles Platz. Dieser kleine Umstand öffnete Herrn Goljädkin sofort die Augen über ihn. Er begriff, daß der andere großen Mangel litt, und nun wußte er mit einem Mal, wie er das Gespräch mit ihm beginnen sollte.
Der Gast seinerseits schwieg immer noch, er wartete scheinbar, sei es nun aus Schüchternheit oder Ehrfurcht, daß der Wirt den Anfang machte – übrigens, mit Bestimmtheit ließ es sich nicht sagen, das war schwer zu entscheiden.
In diesem Augenblick trat Petruschka ein, blieb an der Tür stehen, sah aber weder seinen Herrn noch den Gast an, sondern blickte auf die entgegengesetzte Seite.
„Befehlen Sie zwei Portionen Mittag zu bringen?“ fragte er nachlässig, mit barscher Stimme.
„Ich, ich weiß nicht ... Sie – ja, mein Sohn, bringe zwei Portionen.“
Petruschka ging. Herr Goljädkin blickte seinen Gast an. Dieser errötete bis über die Ohren. Herr Goljädkin war ein guter Mensch, und deshalb, aus Seelengüte, stellte er folgende Theorie auf:
„Armer Mensch,“ dachte er, „in seiner Stellung ist er erst einen Tag. Wahrscheinlich hat er in seinem Leben viel gelitten, vielleicht ist das bißchen saubere Kleidung alles was er besitzt und zum Essen reicht es nicht mehr. Wie erbärmlich er aussieht! Nun, tut nichts: das ist einesteils sogar besser so ...“
„Entschuldigen Sie, daß ich ...“ begann Herr Goljädkin, „übrigens, erlauben Sie, zu fragen, wie ich Sie nennen soll?“
„Mich? ... ich heiße ... Jakoff Petrowitsch,“ sagte fast flüsternd der Gast, als hätte er ein schlechtes Gewissen, als schäme er sich, als bäte er um Entschuldigung, daß auch _er_ Jakoff Petrowitsch heiße.
„Jakoff Petrowitsch,“ wiederholte unser Held, außerstande, seine Erregung zu verbergen.
„Ja, genau so ist es ... Ich bin ein Namensvetter von Ihnen,“ antwortete bescheiden der Gast und wagte schüchtern zu lächeln. Er wollte noch etwas Scherzhaftes sagen, doch unterbrach er sich sofort, nahm eine ernste und unterwürfige Miene an, als er bemerkte, daß sein Wirt nicht zu Scherzen aufgelegt war.
„Sie ... erlauben Sie zu fragen, was verschafft mir die Ehre? ...“
„Da ich Ihre Großmütigkeit und Wohltätigkeit kenne,“ unterbrach ihn eilig, doch mit schüchterner Stimme sein Gast und erhob sich ein wenig vom Stuhl, „wagte ich mich an Sie zu wenden und um Ihre Bekanntschaft und Gönnerschaft zu bitten ...“ Er suchte seine Worte stockend zusammen und bemühte sich, nicht allzu schmeichelhafte Ausdrücke zu wählen, wohl um sich vor seinem eigenen Ehrgefühl nicht herabzusetzen – aber auch, um allzu kühne Worte, die eine Gleichstellung beansprucht hätten, zu vermeiden. Überhaupt konnte man sagen, daß sich der Gast des Herrn Goljädkin wie ein wohlanständiger Bettler mit geflicktem Frack und guten Papieren in der Tasche benahm – gleich einem, der noch nicht geübt war, die Hand so auszustrecken, wie es sich vielleicht empfahl.
„Sie setzen mich in Verwunderung,“ sagte Herr Goljädkin, sich umsehend, betrachtete dann die Wände und schließlich wieder den Gast. „Worin könnte ich Ihnen ... ich, das heißt ich wollte nur sagen, in welcher Beziehung und womit könnte ich Ihnen nützlich sein?“
„Ich, Jakoff Petrowitsch, ich fühlte mich auf den ersten Blick zu Ihnen hingezogen und: verzeihen Sie mir großmütig, ich hoffte auf Sie – ich wagte zu hoffen, Jakoff Petrowitsch. Ich ... ich bin ein ganz hilfloser Mensch, Jakoff Petrowitsch, ich habe viel durchgemacht, Jakoff Petrowitsch, und will nun wieder von neuem ... Da ich aber erfahren habe, daß Sie – nicht nur diese schönen Seeleneigenschaften besitzen, sondern außerdem noch ein Namensvetter von mir sind ...“
Herr Goljädkin runzelte die Stirn.
„... Mein Namensvetter sind und aus derselben Stadt wie ich gebürtig, so beschloß ich, mich an Sie zu wenden und Ihnen meine schwierige Lage vorzustellen.“
„Schön, schön! Ich weiß nur wirklich nicht, was ich Ihnen sagen soll,“ antwortete etwas betroffen Herr Goljädkin. „Nach dem Essen wollen wir sehen ...“
Der Gast verbeugte sich. Man brachte das Mittagessen. Petruschka deckte den Tisch und trug auf. Gast und Wirt begannen es zu verzehren. Das Essen dauerte nicht lange, denn beide beeilten sich. Der Wirt beeilte sich, weil er nicht bei Laune war und obendrein fand, daß das Essen schlecht sei – er fand es zum Teil deshalb, weil er seinen Gast gut bewirten wollte, und zum Teil auch deshalb, weil er ihm zu zeigen gedachte, daß er nicht wie ein Bettler lebte. Und der Gast wiederum befand sich in großer Verlegenheit und Erregung. Nachdem er Brot genommen und ein Stück Fleisch gegessen hatte, fürchtete er sich, die Hand nach einem zweiten und besseren Stück auszustrecken. Er versicherte darum unaufhörlich, daß er durchaus nicht hungrig und daß das Essen sehr gut sei, und daß er sich bis zu seinem Tode daran erinnern werde. Nach dem Essen zündete sich Herr Goljädkin eine Pfeife an und reichte seinem Freunde und Gast eine andere. Beide setzten sich einander gegenüber und der Gast begann seine Erzählung.
Die Erzählung des zweiten Herrn Goljädkin dauerte drei bis vier Stunden. Es war die Geschichte seiner Wirrnisse, die sich aus den unbedeutendsten und kläglichsten Umständen zusammensetzte. Es handelte sich um den Dienst bei irgendeiner Behörde in einem Gouvernement, um Staatsanwälte und Präsidenten, es handelte sich um Kanzleiintrigen, handelte von der Verworfenheit eines der Beamten, von einem Revisor und dem plötzlichen Wechsel des Vorgesetzten und davon, wie Herr Goljädkin der Jüngere unter alledem ganz unschuldig zu leiden gehabt hätte. Ferner von seiner alten Tante Pelageja Ssemjonowna, und wie er durch die Intrigen seiner Feinde seine gute Stellung verlor und zu Fuß nach Petersburg kam, wie er hier in Petersburg in Not geriet, lange Zeit hindurch vergeblich eine Stellung suchte, immer mehr und mehr verarmte und zuletzt auf der Straße lebte, hartes Brot aß, das er mit seinen Tränen aufweichte, und nachts auf der Erde schlief. Wie dann endlich ein guter Mensch sich seiner annahm, ihm eine Empfehlung gab und in großmütiger Weise zu der neuen Stellung verhalf. Der Gast weinte bei dieser Erzählung und wischte sich mit einem karierten Taschentuch, das wie ein Wachstuch aussah, in einem fort die Tränen aus den Augen. Er schloß damit, daß er Herrn Goljädkin alles offen mitgeteilt und sich ihm ganz anvertraut habe, weil er nichts zum Leben besitze, noch um sich anständig einzurichten, und nicht einmal eine Uniform anschaffen könne. Auf seine Stiefel dürfe er sich auch nicht mehr verlassen. Die Uniform, die er trage, habe er nur auf Zeit geliehen.
Herr Goljädkin war wirklich aufrichtig gerührt. Und obwohl die Geschichte seines Gastes eine ganz gewöhnliche war, legten sich dessen Worte doch wie himmlisches Manna auf seine Seele. Die Sache war nämlich die: Herr Goljädkin verlor durch die Erzählung seine letzten Zweifel, er gab seinem Herzen die Freiheit wieder und nannte sich selbst in Gedanken einen Dummkopf.