Sämtliche Werke 14

Part 21

Chapter 213,681 wordsPublic domain

Dieser Unbekannte war ihm jetzt tatsächlich bekannt erschienen. Doch das hätte allein noch nicht viel besagt. Aber er hatte ihn ja erkannt, hatte ihn jetzt vollkommen erkannt, diesen Menschen! Er hatte ihn schon gesehen, hatte ihn – ja, hatte ihn irgend einmal gesehen, sogar vor ganz kurzer Zeit. Aber wo? – wo konnte das gewesen sein? – und wann? War es nicht erst vor einem Tage gewesen? Übrigens war nicht das die Hauptsache, daß Herr Goljädkin ihn schon gesehen hatte. Es war ja auch fast gar nichts Besonderes an diesem Menschen – auf den ersten Blick hätte dieser Mensch entschieden keines anderen Menschen Aufmerksamkeit erregt. Er war eben ein Mensch, wie alle anderen, war natürlich auch anständig, wie alle anständigen Menschen, und vielleicht besaß er sogar irgendwelche Vorzüge – mit einem Wort: er war auch ein Mensch für sich.

Herr Goljädkin empfand weder Haß noch Feindschaft noch selbst eine Abneigung gegen diesen Menschen, sogar im Gegenteil! Nur (und gerade in diesem Umstande lag die Hauptbedeutung), nur hätte er für nichts in der Welt eine zweite Begegnung mit ihm gewünscht, und nun noch gar eine, wie jetzt in der Nacht. Wir können sogar noch mehr verraten! Herr Goljädkin kannte diesen Menschen ganz genau, er wußte sogar, wie er hieß, mit dem Familiennamen und mit dem Ruf- und Vatersnamen. Und doch hätte er ihn selbst für alle Schätze der Welt nicht mit Namen genannt, – er wollte ihn nicht nennen, wollte es nicht einmal zugeben, daß jener so und so hieß.

Wie lange Herr Goljädkin auf dem Prellstein saß, was er dachte oder empfand, das vermag ich nicht zu sagen, doch als er endlich wieder zu sich kam, raffte er sich plötzlich auf und begann zu laufen – und er lief, was er nur laufen konnte, ohne sich umzusehen. Der Atem ging ihm aus, er stolperte zweimal, fiel fast hin – und bei der Gelegenheit verlor er auch die andere Galosche. Endlich gab er das Laufen auf, verlangsamte den Schritt, um Atem zu schöpfen, sah sich schnell um und stellte fest, daß er, ohne es zu merken, schon eine ganze Wegstrecke längs der Fontanka zurückgelegt hatte, ging dann über die Anitschkoffbrücke, ging über den Newskij und stand schließlich an der Straßenkreuzung des Newskij Prospekt und der Liteinaja. Dann bog er in die Liteinaja ein. Er glich in diesem Augenblick einem Menschen, der am Rande eines Abgrundes steht, unmittelbar vor einem Absturz, der den Boden schon unter sich wanken fühlt und im nächsten Augenblick in die Tiefe stürzen wird: einem, der all dies weiß und selbst sieht, und der doch nicht die Kraft hat und auch nicht die Geistesgegenwart, auf den noch feststehenden Boden zurückzuspringen, und nicht die Willensstärke, den Blick von der gähnenden Tiefe abzuwenden: die Tiefe zieht ihn vielmehr an, zieht ihn und läßt ihn nicht los, und so springt er denn schließlich beinahe selbst hinab, nur um den unvermeidlichen Untergang zu beschleunigen.

Herr Goljädkin wußte und fühlte es, er war überzeugt, daß ihm sogleich, noch unterwegs, etwas Verhängnisvolles zustoßen, daß er z. B. wieder jenem Unbekannten begegnen würde: doch – so seltsam es auch erscheinen mag – er wünschte diese Begegnung jetzt beinahe selbst herbei, wünschte sie schneller herbei, so schnell wie möglich. Da er sie doch für unvermeidlich hielt, wollte er, daß dem Zustande je eher je lieber ein Ende bereitet werde, gleichviel wie, aber nur rasch, rasch! Währenddessen lief er immer noch, lief als bewege ihn eine fremde Macht, denn von seinem eigenen Wesen fühlte er nichts als eine unendliche Erschöpfung und Abgespanntheit: er konnte auch nichts mehr denken, obwohl seine Gedanken sich im Vorübergehen wie Dornen an alles und jedes hefteten. Ein verirrtes Hündchen, das vor Nässe und Kälte nur so zitterte, schloß sich ihm an und lief neben ihm her, lief mit flinken dünnen Beinchen, eingekniffener Rute und zurückgelegten Ohren, und von Zeit zu Zeit sah es schüchtern und verständnisvoll zu ihm auf.

Ein ferner, längst schon vergessen gewesener Gedanke oder vielmehr die Erinnerung an etwas vor langer Zeit einmal Geschehenes kam ihm jetzt in den Sinn und begann in seinem Kopfe zu hämmern, und hämmerte und hämmerte und ließ sich nicht abweisen.

„Dieses gemeine Hündchen!“ murmelte Herr Goljädkin vor sich hin, ohne sich selbst zu verstehen. Endlich erblickte er den Unbekannten wieder, gerade wie er um die Straßenecke bog. Nur kam er ihm jetzt nicht wieder entgegen, sondern ging vor ihm her in derselben Richtung, ging wenige Schritte vor ihm und eilte ebenso wie er in leichtem Trab. Bald hatten sie die Schestilawotschnaja erreicht. Herrn Goljädkins Herzschlag setzte aus: der Unbekannte blieb gerade vor dem Hause stehen, in dem Herr Goljädkin wohnte. Man hörte die Klingel unter dem Torbogen und fast in demselben Augenblick auch schon das Kreischen des eisernen Riegels. Das Pförtchen wurde geöffnet, der Unbekannte beugte sich und verschwand. Im nächsten Augenblick hatte auch Herr Goljädkin das Pförtchen erreicht und schlüpfte am Hausknecht vorüber, der irgendetwas brummte; er lief auf den Hof und erblickte wieder den Unbekannten, den er einen Moment aus dem Auge verloren hatte. Er erblickte ihn gerade noch beim Eingang zu der Treppe, die zu Herrn Goljädkins Wohnung hinaufführte. Herr Goljädkin eilte ihm nach. Die Treppe war dunkel, feucht und schmutzig. Neben allen Türen stand Hausgerät und alles mögliche andere, so daß ein Fremder, der zum erstenmal und noch dazu im Dunkeln diese Treppe hinaufstieg, mindestens eine halbe Stunde lang zum Erklimmen derselben bedurfte. Trotzdem setzte man sich immer wieder dem aus, daß man sich Hals und Beine brach, verwünschte immer wieder nicht nur die Treppe, sondern mit dieser auch seine Bekannten, die sich in einer Wohnung niedergelassen, zu der der Zugang soviel Mühe kostete. Doch jener Unbekannte, den Herr Goljädkin verfolgte, schien mit den Eigenheiten der Treppe ganz vertraut zu sein, als wohne er in demselben Hause: er eilte mit der größten Leichtigkeit hinauf, ohne auch nur einmal zu zögern, als wäre ihm jede Stufe bekannt. Herr Goljädkin hatte ihn fast eingeholt: ja, zwei- oder dreimal schlug sogar der Mantelsaum des Unbekannten an seine Nase. Das Herz stand ihm still. Der geheimnisvolle Fremde blieb gerade vor der Tür der Wohnung des Herrn Goljädkin stehen. Und Petruschka – was zu einer anderen Zeit Herrn Goljädkin sehr in Verwunderung gesetzt hätte, – Petruschka, ganz als hätte er gewartet und sich noch nicht schlafen gelegt, öffnete sofort die Tür und kam dem eintretenden Menschen mit dem Licht in der Hand entgegen.

Ganz außer sich trat der Held unserer Erzählung in seine Wohnung. Ohne Hut und Mantel im Vorraum abzulegen, blieb er, wie vom Donner gerührt, auf der Schwelle seines Zimmers stehen.

Alle Vorahnungen Herrn Goljädkins erfüllten sich vollständig, alles, was er gefürchtet hatte, trat jetzt in die Erscheinung. Der Atem ging ihm aus, der Kopf schwindelte ihm. Der Unbekannte saß vor ihm auf seinem Bett, gleichfalls im Hut und Mantel: er lächelte ein wenig, blinzelte ihm zu und nickte freundschaftlich mit dem Kopfe. Herr Goljädkin wollte schreien, konnte aber nicht – wollte irgendwie protestieren, doch die Kräfte reichten nicht. Die Haare standen ihm zu Berge und er setzte sich starr vor Schreck neben den anderen hin. Dazu hatte er freilich Ursache. Herr Goljädkin erkannte sofort seinen nächtlichen Freund. – Sein nächtlicher Freund aber war niemand anders als er selbst – ja: Herr Goljädkin selbst, ein anderer Herr Goljädkin und doch Herr Goljädkin selbst – mit einem Wort und in jeder Beziehung war er das, was man einen Doppelgänger nennt.

* * * * *

VI.

Am anderen Morgen, genau um acht Uhr, erwachte Herr Goljädkin in seinem Bett. Sofort erschienen mit erschreckender Deutlichkeit vor seinen erregten Sinnen und in seinem Gedächtnis alle die außergewöhnlichen Ereignisse, die er gestern gehabt, erschien die ganze wilde und unwahrscheinliche Nacht mit ihren fast mysteriösen Ereignissen. Eine so grausame, eine so höllische Bosheit von seiten seiner Feinde und besonders dieser letzte Beweis ihrer Bosheit ließ Herrn Goljädkins Herz zu Eis erstarren. Dazu schien alles das so sonderbar unverständlich und wüst, schien so sinnlos und ganz und gar unglaubhaft, daß es ihm wirklich schwer wurde, daran zu glauben. Herr Goljädkin wäre sogar sehr geneigt gewesen, das alles einfach für einen Traum, für eine augenblickliche Verwirrung seiner Phantasie, für eine vorübergehende Umnachtung seines Geistes anzusehen, wenn er nicht zu seinem Glück und aus seiner bitteren Lebenserfahrung heraus gewußt hätte, bis wohin die Bosheit bereits manchen Menschen gebracht hat, wie weit die Grausamkeit eines Feindes gehen kann, der sich für seine verletzte Ehre rächen mochte. Obendrein legten die zerschlagenen Glieder Herrn Goljädkins, sein schmerzender Kopf, sein verstauchtes Kreuz, sein bösartiger Schnupfen um so fühlbarer Zeugnis ab und bestanden unabweislich auf der Wirklichkeit des nächtlichen Spazierganges samt allen Abenteuern, die mit ihm verbunden gewesen waren. Und schließlich wußte ja Herr Goljädkin schon längst, daß sie da etwas gegen ihn vorbereiteten, daß noch etwas anderes dahintersteckte!

Aber was denn? Nach reiflicher Überlegung beschloß Herr Goljädkin zu schweigen, sich zu fügen und in der Sache fürs erste nichts zu tun.

„So haben sie mich vielleicht nur erschrecken wollen, und wenn sie sehen, daß ich nichts tue, nicht protestiere und mich in alles füge, dann werden sie vielleicht zurücktreten, von selbst zurücktreten, als erste zurücktreten.“

Das waren die Gedanken, die im Kopfe Herrn Goljädkins umgingen, als er sich im Bette ausstreckte, um seine zerschlagenen Glieder zu fühlen, und auf das gewohnte Erscheinen Petruschkas im Zimmer wartete. Er wartete bereits eine ganze Viertelstunde und hörte, wie der Faulpelz Petruschka hinter dem Verschlag den Samowar anmachte, aber er konnte sich nicht entschließen, ihn zu rufen. Sagen wir offen: Herr Goljädkin fürchtete sich ein wenig, Petruschka Aug’ in Aug’ gegenüberzustehen.

„Denn, weiß Gott –,“ dachte er, „weiß Gott, wie der Schuft diese ganze Sache ansieht. Er schweigt und schweigt und macht sich dabei seine eigenen Gedanken.“

Endlich knarrte die Tür und Petruschka erschien mit dem Teebrett in beiden Händen. Herr Goljädkin schielte schüchtern nach ihm hin und wartete ungeduldig, was nun geschehen – wartete, ob er nicht endlich über den Vorfall wenigstens etwas sagen würde. Doch Petruschka sagte nichts, im Gegenteil, er war noch schweigsamer, finsterer und erboster als gewöhnlich und warf unter seinen zusammengezogenen Brauen hervor nur mürrische Blicke ins Zimmer. Man konnte daraus entnehmen, daß er äußerst unzufrieden war. Nicht ein einziges Mal sah er seinen Herrn an, was, nebenbei gesagt, Herrn Goljädkin sehr unangenehm berührte. Er stellte alles, was er gebracht hatte, auf den Tisch, kehrte um und ging schweigend hinter seinen Verschlag.

„Er weiß, er weiß alles, der Taugenichts!“ murmelte Herr Goljädkin, während er seinen Tee einnahm. Unser Held jedoch richtete keine Frage an seinen Diener, obgleich dieser noch einige Male, aus verschiedenen Anlässen, ins Zimmer kam.

Herr Goljädkin war in einer sehr bewegten Gemütsverfassung. Peinlich war es ihm vor allem, in die Kanzlei zu gehen. Er hatte ein starkes Vorgefühl, daß dort irgend etwas nicht ganz richtig sein würde.

„Wenn du da hingehst,“ dachte er, „kannst du über irgend etwas stolpern! Ist es nicht besser, hier noch etwas abzuwarten? Mögen sie da tun – was sie wollen: ich werde heute hierbleiben und Kräfte sammeln, werde meine Gedanken über die Sache in Ordnung bringen, um dann den günstigen Augenblick zu erhaschen und, wie so ein Guß kalten Wassers über den Kopf, ohne selbst mit der Wimper zu zucken, vor ihnen auftauchen.“

Während Herr Goljädkin so über die Sache nachdachte, rauchte er eine Pfeife nach der anderen. Die Zeit verging indessen schnell – es war bereits fast halb zehn geworden.

„Siehe da, es ist schon halb zehn Uhr,“ dachte Herr Goljädkin, „es ist jetzt wirklich zu spät geworden. Dazu bin ich krank, versteht sich, krank, durchaus krank – wer sagt, daß es nicht so ist? Was geht es mich an! Und wenn man jemanden schickt, der hier nachsehen soll – ja, was geht das mich an? Mir tut der Rücken weh, ich habe Husten, Schnupfen, und schließlich darf ich bei diesem Wetter gar nicht ausgehen, ich kann mich ernstlich erkälten und sogar sterben – die Sterblichkeit ist ja zurzeit so groß ...“

Mit solchen Gründen beruhigte Herr Goljädkin schließlich sein Gewissen vollkommen und rechtfertigte sich so im voraus vor dem Verweis, der ihm von Andrej Philippowitsch bevorstand – „wegen Vernachlässigung des Dienstes“. Überhaupt liebte es unser Held bei allen ähnlichen Gelegenheiten, sich vor sich selbst durch die verschiedensten Vernunftgründe zu verteidigen und auf diese Weise sein Gewissen vollkommen zu beruhigen. So hatte er denn auch jetzt sein Gewissen vollkommen beruhigt, griff nach der Pfeife, klopfte sie aus: doch kaum hatte er ordentlich zu rauchen begonnen – als er plötzlich vom Diwan sprang, seine Pfeife fortwarf, sich lebhaft wusch, rasierte und frisierte, seine Uniform und alles Übrige anzog, einige Papiere ergriff und in die Kanzlei davoneilte.

Herr Goljädkin trat schüchtern in seine Bureauabteilung ein, in zitternder Erwartung von etwas sehr Unangenehmem, in einer Erwartung, die unklar und dunkel und daher um so unangenehmer war. Schüchtern setzte er sich auf seinen Platz neben seinem Bureauvorsteher Anton Antonowitsch Ssjetotschkin. Ohne sich umzublicken oder sich durch etwas ablenken zu lassen, vertiefte er sich in den Inhalt seiner vor ihm liegenden Papiere. Er hatte beschlossen und sich das Wort gegeben, sich so wenig wie möglich einer Herausforderung auszusetzen und sich vor allem, was ihn kompromittieren könnte, vor unbescheidenen Fragen, vor allerlei Scherzen und Anspielungen auf den gestrigen Abend möglichst weit weg zu halten. Er beschloß sogar, von den gewöhnlichen Höflichkeiten im Verkehr mit seinen Kollegen abzusehen, und zum Beispiel Fragen nach dem Befinden usw. zu unterlassen.

Doch andererseits war es ganz unmöglich, daß es dabei bleiben konnte. Unruhe und Ungewißheit über etwas ihm nahe Bevorstehendes waren für ihn viel quälender, als das Bevorstehende selbst. Und daher, trotz des Versprechens, das er sich gegeben hatte, auf nichts einzugehen, was es auch sei, und sich von allem fernzuhalten, erhob Herr Goljädkin doch zuweilen den Kopf und sah heimlich und verstohlen zur Seite nach rechts und links, und beobachtete die Gesichter seiner Mitarbeiter, um aus ihren Mienen zu schließen, ob etwas Neues und Besonderes bevorstehe und aus irgendwelchen Absichten vor ihm verborgen werde. Er setzte ohne weiteres voraus, daß eine Verbindung zwischen den gestrigen Vorfällen und allem bestand, was um ihn her vorging. Aus diesen Nöten heraus wünschte er schließlich, und Gott weiß wie er es wünschte, daß sich alles nur so schnell wie möglich entscheiden möge, wenn es dabei auch ein Unglück gäbe!

Doch wie schnell Herrn Goljädkin das Schicksal auch ereilte: kaum hatte er dies zu wünschen gewagt, als seine Zweifel plötzlich gelöst wurden, und zwar auf die allersonderbarste und unerwartetste Weise.

Die Tür aus dem anderen Zimmer knarrte plötzlich leise und schüchtern, als wollte sie damit vorausschicken, daß die eintretende Person herzlich unbedeutend sei, und eine Gestalt, die Herrn Goljädkin sehr bekannt vorkam, tauchte auf und näherte sich schüchtern dem Tisch, an dem unser Held saß. Unser Held wagte seinen Kopf nicht zu erheben, er streifte die Gestalt nur flüchtig mit einem kurzen Blick, doch er erkannte alles, begriff alles bis in die kleinsten Einzelheiten. Er entbrannte vor Scham und steckte seinen armen Kopf in die Papiere mit der gleichen Absicht, wie der Vogel Strauß seinen Kopf in den Sand steckt, wenn er vom Jäger verfolgt wird.

Der Neuangekommene verneigte sich vor Andrej Philippowitsch und man hörte darauf dessen förmliche, höfliche Stimme, mit der die Vorgesetzten in allen Kanzleien die neueingetretenen Untergebenen empfangen.

„Setzen Sie sich hierher,“ wandte sich Andrej Philippowitsch an ihn und wies den Neuling an den Tisch Anton Antonowitschs, „setzen Sie sich Herrn Goljädkin gegenüber, Sie werden gleich beschäftigt werden.“

Andrej Philippowitsch schloß damit, daß er den Neuangekommenen mit einer höflich einladenden Gebärde sich selbst überließ und sich sofort wieder in seine Papiere vertiefte, die in ganzen Haufen vor ihm lagen.

Herr Goljädkin erhob endlich seine Augen, und wenn er nicht in Ohnmacht fiel, so geschah es nur deshalb nicht, weil er schon vorher alles das vorausgefühlt hatte, weil er schon im voraus von allem unterrichtet war und die Ankunft des Neulings bereits in seiner Seele geahnt hatte. Die erste Bewegung Herrn Goljädkins war, sich rasch umzublicken, ob sich nicht ein Flüstern ringsum erhob, ob nicht irgendein Kanzleiwitz vernehmbar wurde, oder sich ein Gesicht vor Erstaunen verzog und schließlich nicht irgend jemand vor Schreck vom Stuhle fiel. Doch zur größten Verwunderung Herrn Goljädkins ereignete sich nichts Ähnliches. Das Benehmen der Herren Mitarbeiter und Kollegen setzte ihn in Erstaunen und schien ihm vollständig unerklärlich. Herr Goljädkin erschrak fast vor diesem ungewöhnlichen Schweigen. Die Tatsache sprach für sich selbst. Die Sache war sonderbar, sinnlos, ohnegleichen. Es mußte einen verwundern.

Alles das ging Herrn Goljädkin selbstverständlich durch den Kopf. Er fühlte sich wie auf einem kleinen Feuer gebraten. Und wahrlich: es hatte seinen Grund. Derjenige, welcher Herrn Goljädkin gegenüber saß, war – der Schrecken Herrn Goljädkins, war – die Schande Herrn Goljädkins, war – der gestrige Albdruck Herrn Goljädkins, kurz, war Herr Goljädkin selbst. Doch nicht dieser Herr Goljädkin, der mit aufgerissenem Munde und mit der Feder in der Hand auf dem Stuhle dasaß, nicht dieser, der als Gehilfe seines Bureauvorstehers seinen Dienst ausübte, nicht dieser, der sich in der Menge zu vergraben und zu verstecken liebte, nicht der schließlich, dessen Verhalten deutlich aussprach: „Rühre mich nicht an und auch ich werde dich nicht anrühren,“ oder: „Rührt mich nicht an, denn ich rühre euch auch nicht an ...“ Nein, das war ein anderer Herr Goljädkin, ein vollkommen anderer, und zugleich doch einer, der vollkommen ähnlich dem ersteren war. Von gleichem Wuchs, derselben Gestalt und Haltung, ebenso gekleidet, ebenso kahlköpfig – kurz, es war nichts, aber auch nichts zur vollkommenen Ähnlichkeit vergessen worden, so daß, wenn man die beiden nebeneinander aufgestellt hätte, niemand, aber auch wirklich niemand hätte sagen können, wer der wirkliche Herr Goljädkin und wer der nachgemachte sei, wer der alte und wer der neue, wer das Original und wer die Kopie.

Unser Held war jetzt in der Lage eines Menschen, über den, wenn der Vergleich möglich ist, jemand zum Spaß ein Brennglas hält.

„Ist es ein Traum oder ist es keiner,“ dachte er, „ist es die Gegenwart oder die Fortsetzung von gestern. Wie kommt das, mit welchem Recht geht das alles hier vor? Wer hat diesen Beamten hier hingesetzt, und wer gab ihm das Recht, sich zu setzen? Schlafe ich? Träumt es mir?“

Herr Goljädkin betastete sich selbst, betastete auch noch einen anderen ... Nein, es war nicht nur ein Traum. Herr Goljädkin fühlte, wie ihm der Schweiß in Strömen herunterrann, fühlte, daß sich mit ihm noch etwas nie Dagewesenes und nie Gesehenes ereignete: und zur Vollendung des Unglücks begriff und fühlte Herr Goljädkin selbst das Fatale, das darin lag, in einer so verwickelten Sache das Urbild und Beispiel zu sein.

Er begann an seiner eigenen Existenz zu zweifeln, und obgleich er vorher auf alles vorbereitet gewesen war und selbst gewünscht hatte, daß sich seine Zweifel irgendwie lösen möchten, so war für ihn diese Tatsache doch ganz unerwartet eingetreten.

Die Angst drückte ihn nieder und quälte ihn. Vorübergehend war er seiner Gedanken und seines Gedächtnisses vollständig beraubt. Wenn er nach solchen Augenblicken wieder zu sich kam, so bemerkte er, daß er ganz mechanisch und unbewußt seine Feder über das Papier führte. Da er sich selbst nicht mehr trauen konnte, fing er an, alles Geschriebene nachzuprüfen, und siehe da, – er begriff nichts davon. Endlich stand der andere Herr Goljädkin auf, der bis dahin ruhig und ehrbar dagesessen hatte, und verschwand mit seiner Arbeit durch die Tür, in die andere Abteilung. Herr Goljädkin blickte sich um, – nichts, alles war still: zu hören war nur das Kratzen der Federn, das Geräusch beim Umwenden der Blätter und das Geflüster in denjenigen Ecken, die am weitesten von dem Platz Andrej Philippowitschs ablagen.

Herr Goljädkin sah Anton Antonowitsch, den Bureauvorsteher, an, und da der Gesichtsausdruck unseres Helden durchaus mit seinen gegenwärtigen Gedanken übereinstimmte, folglich in mancher Beziehung sehr auffallend war, so legte der gute Anton Antonowitsch die Feder beiseite und erkundigte sich mit außergewöhnlicher Teilnahme nach der Gesundheit Herrn Goljädkins.

„Ich bin, Anton Antonowitsch ... ich bin ... Gott sei Dank,“ antwortete stotternd Herr Goljädkin, „ich, Anton Antonowitsch ... bin vollkommen gesund. Mir fehlt ... Anton Antonowitsch – gar nichts,“ fügte er entschlossen hinzu, da er offenbar Anton Antonowitsch nicht ganz zu überzeugen vermochte.

„Aber, aber mir scheint es, daß Sie doch nicht so ganz gesund sind: übrigens, es wäre kein Wunder! Besonders jetzt bei diesem Wetter! Wissen Sie ...“

„Ja, Anton Antonowitsch, ich weiß, daß das Wetter schlecht ist ... Ich, Anton Antonowitsch, ich ... spreche nicht davon,“ fuhr Herr Goljädkin fort, indem er Anton Antonowitsch durchdringend ansah. „Ich, sehen Sie, Anton Antonowitsch, ich weiß eigentlich nicht, ... das heißt, ich möchte sagen ... wie Sie die Sache auffassen, Anton Antonowitsch ...“

„Was? Ich habe Sie ... wissen Sie ... ich muß gestehen, nicht ganz verstanden; Sie ... wissen Sie ... erklären Sie sich deutlicher, woran Sie sich hierbei stoßen,“ sagte Anton Antonowitsch, der sich nicht wenig betroffen fühlte, da er sah, daß Herrn Goljädkin die Tränen in die Augen traten.

„Ich weiß wirklich nicht ... hier, Anton Antonowitsch ... hier ist – ein Beamter, Anton Antonowitsch ...“

„Nun! Ich verstehe noch immer nichts.“

„Ich möchte sagen, Anton Antonowitsch, daß hier ein neueingetretener Beamter ist.“

„Ja, stimmt; er heißt auch wie Sie.“

„Was?“ rief Herr Goljädkin aus.

„Ich sage: er trägt denselben Namen. Er heißt auch Goljädkin. Ist es nicht Ihr Bruder?“

„Nein, Anton Antonowitsch, ich ...“

„Hm! sagen Sie bitte, – mir schien es, daß es sogar ein sehr naher Verwandter von Ihnen sein müßte. Wissen Sie, es ist da eine Familienähnlichkeit vorhanden.“

Herr Goljädkin erstarrte vor Verwunderung und die Zunge versagte ihm zeitweise ihren Dienst. So einfach über eine so unerhörte, noch nie dagewesene Sache zu sprechen, eine Sache, die jeden interessierten Beobachter in Erstaunen versetzt hätte, und von einer Familienähnlichkeit zu reden, wo es sich um ein Spiegelbild handelte!

„Ich, wissen Sie, was ich Ihnen raten möchte, Jakoff Petrowitsch,“ fuhr Anton Antonowitsch fort. „Gehen Sie doch zum Doktor und sprechen Sie mit ihm. Wissen Sie, Sie sehen durchaus krank aus. Ihre Augen sind so sonderbar ... wissen Sie, so einen besonderen Ausdruck haben sie ...“

„Nein, Anton Antonowitsch, ich fühle freilich, das heißt, ich möchte fragen, wie dieser Beamte? ...“

„Nun?“

„Das heißt, haben Sie nicht bemerkt, Anton Antonowitsch, haben Sie nicht an ihm etwas Besonderes bemerkt ... etwas – Unverkennbares?“

„Das heißt?“

„Das heißt, ich möchte sagen, Anton Antonowitsch, eine erstaunliche Ähnlichkeit mit irgend jemandem, das heißt zum Beispiel mit mir. Sie sprachen soeben, Anton Antonowitsch, von einer Familienähnlichkeit, Sie machten so eine beiläufige Bemerkung ... Wissen Sie, daß es Zwillinge gibt, die sich wie zwei Tropfen Wasser gleichen, so daß man sie nicht voneinander unterscheiden kann? Nun, sehen Sie, das meinte ich –“