Part 20
Er hatte übrigens die Empfindung, als untergrübe irgend etwas den Boden, auf dem er stand, als wanke dieser Boden bereits, als müsse er selbst sogleich fallen. Endlich erreichte er einen stillen Winkel, in den er sich zurückzog, worauf er sich bemühte, wie ein fremder Zuschauer auszusehen, der niemanden etwas anging und der selbst mit ziemlichem Gleichmut dem Treiben zusah, indem er sich auf die Lehnen zweier Stühle stützte, die er gewissermaßen wie eine schützende Barrikade festhielt, während er sich ehrlich bemühte, mit möglichst heiterem Blick die ihn immer noch anschauenden Gäste Olssuph Iwanowitschs zu betrachten. Von allen am nächsten stand ihm ein junger, schlanker Offizier, vor dem Herr Goljädkin sich wie ein richtiger Käfer vorkam.
„Diese beiden Stühle, Herr Leutnant, diese beiden Stühle sind für zwei Damen bestimmt: der eine für Klara Olssuphjewna, der andere für die Prinzessin Tschewtschechanowa, – ich stehe hier nur, damit sie nicht von anderen fortgenommen werden,“ stammelte Herr Goljädkin unter Herzklopfen, indem er seinen flehenden Blick auf den jungen Leutnant richtete. Statt einer Antwort wandte sich dieser schweigend mit einem wahrhaft vernichtenden Lächeln von ihm ab.
Nach dieser verletzenden Zurückweisung auf der einen Seite wollte Herr Goljädkin auf der anderen Seite sein Glück versuchen, und wandte sich mit irgendeiner Bemerkung an einen überaus würdevollen Rat, dessen Brust einer unserer höchsten Orden schmückte. Doch der Herr Rat maß ihn mit einem Blick, daß Herr Goljädkin glaubte, ihm sei eiskaltes Wasser über den Rücken gegossen worden. Er verstummte und beschloß, lieber zu schweigen, um kein weiteres Ärgernis hervorzurufen und mit seinem Schweigen zu sagen, daß er ein Mensch für sich sei, ein Mensch wie alle anderen, und daß er sich seiner Meinung nach nichts zuschulden kommen lasse. Zu diesem Zweck, das heißt um diese Gedanken wortlos auszudrücken, heftete er seine Blicke auf den Aufschlag seines Uniformrockes, doch nach einiger Zeit sah er wieder auf und heftete sie auf einen Herrn von überaus ehrwürdigem Äußeren.
„Dieser Herr trägt eine Perücke,“ dachte Herr Goljädkin, „und wenn man ihm diese Perücke abnähme, würde man einen vollständig kahlen Kopf sehen.“
Bei dieser Beobachtung erinnerte sich Herr Goljädkin alles dessen, was er über die arabischen Emire gelesen hatte: daß sie zum Zeichen ihrer Verwandtschaft mit Mohammed gleichfalls einen grünen Turban trügen, unter dem auch nur ein nackter, das heißt haarloser Kopf sichtbar wurde. Von den Köpfen der Emire sprangen seine Gedanken auf türkische Pantoffeln über, und bei der Gelegenheit erinnerte er sich noch, daß Andrej Philippowitsch gewöhnlich Stiefel trug, die mehr bequemen Pantoffeln glichen, als Stiefeln. Doch allmählich wurde er mit seiner Umgebung vertrauter und begann, weniger ängstlich, hierhin und dorthin zu schauen.
„Wenn zum Beispiel dieser Kandelaber plötzlich herabfiele, gerade auf die versammelte Gesellschaft, so würde ich sogleich zu Klara Olssuphjewna stürzen und sie retten. Und wenn sie dann in Sicherheit wäre, würde ich zu ihr sagen: ‚Beunruhigen Sie sich nicht, gnädiges Fräulein, das hatte nichts auf sich, ich aber bin Ihr Retter.‘ Und dann ...“
Hier blickte Herr Goljädkin nach jener Richtung, in der er Klara Olssuphjewna zuletzt gesehen hatte, und da erblickte er plötzlich Gerassimowitsch, den alten Diener Olssuph Iwanowitschs. Gerassimowitsch kam mit einer besorgten und gewissermaßen offiziell-feierlichen Miene gerade auf ihn zu. Herr Goljädkin zuckte zusammen und runzelte die Stirn unter dem jähen Eindruck einer unbestimmten und gleichzeitig sehr unangenehmen Empfindung. Ganz mechanisch blickte er sich nach beiden Seiten um: ihm kam nämlich plötzlich der Gedanke, daß es vielleicht sehr gut und ratsam wäre, sich jetzt schnell und geschickt irgendwie – so ... zu drücken, daß niemand es bemerkte, – ganz einfach zu verschwinden, als hätte er nie hier gestanden. Doch noch bevor unser Held sich zu irgend etwas entschließen oder gar etwas tun konnte, stand dieser Gerassimowitsch schon vor ihm.
„Sehen Sie dort, Gerassimowitsch,“ wandte sich unser Held mit einem Lächeln an den alten Diener, „sagen Sie einem von den Dienstboten – sehen Sie dort die Kerze im Kandelaber? Sie wird sogleich fallen, sie steht schon ganz schief. Sagen Sie nur schnell, daß man sie wieder gerade einsetzt – sie wird wirklich sogleich fallen, Gerassimowitsch ...“
„Die Kerze? Nein, die Kerze steht ganz gerade, aber es ist dort jemand, der Sie sprechen will.“
„Wer ist denn das, Gerassimowitsch?“
„Ja, das weiß ich nicht zu sagen, wer er ist. Ein Mensch, den irgend jemand geschickt hat. Er fragte, ob Jakoff Petrowitsch Goljädkin hier sei. So rufen Sie ihn, bat er mich, er müsse Sie in einer sehr wichtigen und unaufschiebbaren Angelegenheit sprechen ... so sagte er ...“
„Nein, Gerassimowitsch, Sie täuschen sich. Sie werden sich verhört haben, Gerassimowitsch.“
„Schwerlich ...“
„Nein, Gerassimowitsch, nicht ‚schwerlich‘, in diesem Falle kann es nicht ‚schwerlich‘ der Fall sein, Gerassimowitsch. Niemand kann hier nach mir fragen, Gerassimowitsch, niemand kann mich hier sprechen wollen, ich bin hier ganz allein und für mich, das heißt, ich gehe hier keinen Menschen etwas an, Gerassimowitsch.“
Herr Goljädkin holte tief Atem und sah sich um. Natürlich! Alles, was im Saale war, alles hatte sich mit Augen und Ohren ihm zugewandt und schwieg in nahezu feierlicher Erwartung. Die Herren standen etwas näher und horchten gespannt, die Damen im Hintergrunde schienen erregt zu tuscheln. Sogar der Hausherr erschien in Herrn Goljädkins nächster Nähe, und obschon er äußerlich durch nichts verriet, daß er an den Erlebnissen Herrn Goljädkins lebhaften und unmittelbaren Anteil nahm, zumal in dieser Angelegenheit die äußerste Haltung gewahrt werden mußte, so fühlte und sagte sich unser Held doch unverzüglich, daß der entscheidende Augenblick für ihn herangekommen war. Herr Goljädkin sah es deutlich, daß sich ihm jetzt oder nie die Gelegenheit zu einem kühnen Handstreich bot, die Gelegenheit zur Beschämung und Vernichtung seiner Feinde. Herr Goljädkin war erregt. Herr Goljädkin empfand plötzlich eine gewisse Begeisterung und wandte sich wieder an den wartenden Gerassimowitsch und begann mit zitternder, doch feierlicher Stimme:
„Nein, mein Freund, mich will niemand sprechen. Du irrst dich. Ja, ich sage noch mehr: du hast dich auch heute vormittag geirrt, als du mir zu versichern suchtest ... als du es wagtest, mir zu versichern, sage ich“ – Herr Goljädkin erhob die Stimme – „daß Olssuph Iwanowitsch, mein Wohltäter seit undenklichen Zeiten, der mir in gewissem Sinne den Vater ersetzt hat, mir in der Stunde der feierlichsten Freude seines Vaterherzens die Tür habe weisen lassen.“ Herr Goljädkin sah sich selbstzufrieden, doch mit tiefem Gefühl im Kreise um. In seinen Augen erglänzten Tränen. „Ich wiederhole es, mein Freund, du hast dich geirrt, hast dich grausam und unverzeihlich geirrt ...“
Der Augenblick war in der Tat feierlich. Herr Goljädkin fühlte es, daß seine Rede einen Eindruck, einen großen Eindruck gemacht hatte. Herr Goljädkin stand, bescheiden den Blick zu Boden gesenkt, und erwartete die Umarmung Olssuph Iwanowitschs. Unter den Gästen machte sich eine gewisse Aufregung und Verwunderung bemerkbar, und selbst der unerschütterliche Gerassimowitsch, der im Begriff war, wieder „schwerlich“ zu sagen, stockte, noch bevor er es aussprach, und blieb stumm ... Da setzte plötzlich das Orchester ein und spielte eine rauschende Polka. Alles zerstob! Herr Goljädkin zuckte zusammen, Gerassimowitsch zog sich schleunigst zurück, und alles, was im Saal war, geriet wie ein Meer ins Wogen: da schwebte bereits das erste Paar, Wladimir Ssemjonowitsch mit Klara Olssuphjewna im Arm, und als zweites der Leutnant mit Prinzeß Tschewtschechanowa. Die Zuschauer drängten sich entzückt und begeistert herbei und lächelten vor Lust beim Anblick des neuen Tanzes – der rauschenden und alle Köpfe verdrehenden Polka.
Herr Goljädkin war vollständig vergessen. Doch nach einiger Zeit geriet wieder alles durcheinander, der Rhythmus der allgemeinen Bewegung setzte aus, die Musik verstummte ... Klara Olssuphjewna war atemlos, mit geröteten Wangen und ganz erschöpft auf einen Stuhl gesunken. Alle Herzen flogen der bezaubernden Königin des Festes zu, alle eilten zu ihr, um ihr Komplimente zu sagen und für das Vergnügen, das man beim Anblick ihres Tanzes empfunden, zu danken, und – da stand auch schon Herr Goljädkin vor ihr. Er war bleich und sah aus, als wisse er selbst nicht, was er tat. Er lächelte aus irgendeinem Grunde und schob bittend den Arm vor, sie zum Tanze auffordernd. Klara Olssuphjewna sah zwar sehr verwundert zu ihm auf, erhob sich aber ganz mechanisch und legte ebenso mechanisch die Hand auf seinen Arm. Herr Goljädkin beugte sich nach vorn, zuerst einmal, dann zum zweiten Male, erhob gleichzeitig einen Fuß, mit dem er irgendwie nach hinten ausschlug, dann stampfte er plötzlich auf, und dann ... ja, dann stolperte er über seine eigenen Beine ... Er hatte gleichfalls mit ihr tanzen wollen! Klara Olssuphjewna kam plötzlich zu sich und schrie leise auf: im Nu stürzten alle herbei, um sie von Herrn Goljädkin zu befreien, und im Augenblick sah sich unser Held mindestens schon zehn Schritte weit von ihr fortgedrängt, sah sich von einem empörten Kreise umgeben, vernahm das Gekreisch und die Klagen von zwei alten Damen, die er während seines Rückzuges gestoßen oder getreten hatte – er wußte es selbst nicht. Die Aufregung war unbeschreiblich: alles rief, schrie, sprach durcheinander. Das Orchester verstummte. Unser Held drehte sich im Kreise und lächelte und murmelte halb bewußtlos allerlei vor sich hin: daß er doch gleichfalls ... weshalb denn nicht ... die Polka sei ein neuer Tanz und er könne nichts dafür ... ein Tanz, erfunden zur Unterhaltung und zur Zerstreuung der Damen ... doch wenn es mit dem Tanzen nun einmal nicht ginge, so sei er ja bereit, zurückzutreten ... Leider schien sich aber niemand um seine Bereitwilligkeit zu kümmern. Unser Held fühlte nur, daß eine Hand sich um seinen Oberarm legte und eine andere kräftig gegen seinen Rücken drückte und daß man ihn in irgendeiner Richtung weiterschob. Und diese Richtung war – das sah er plötzlich – die Tür. Herr Goljädkin wollte irgend etwas sagen, irgend etwas tun ... oder nein, er wollte gar nichts mehr. Er lächelte nur, lächelte unbewußt. Seine nächste Empfindung war dann, daß man ihm den Mantel anzog und den Hut auf den Kopf drückte, irgendwie schief auf die Stirn und in die Augen. Dann befand er sich, wie ihm schien, einen Moment im Treppenflur, in der Dunkelheit und Kälte, dann auf der Treppe. Plötzlich stolperte er und glaubte, in einen Abgrund zu fallen: er wollte gerade aufschreien – doch da stand er schon auf dem Hof. Die frische Nachtluft wehte ihn an, er stand und fühlte nur ein Drehen im Kopf. Da vernahm er mit einem Male die gedämpften Klänge der Musik, die wieder einsetzte. Er zuckte zusammen und plötzlich erinnerte er sich an alles! Seine Kräfte, die ihn völlig verlassen hatten, waren wie mit einem Schlage wieder da. Er fuhr auf, griff sich an den Kopf und stürzte fort, gleichviel wohin, in die Luft, in die Freiheit, geradeaus – wohin ihn nur die Füße trugen.
V.
Von den Türmen der Stadt schlug es gerade Mitternacht, als Herr Goljädkin auf den Kai des Fontankakanals in der Nähe der Ismailoffbrücke hinauslief, um sich vor seinen Feinden zu retten, vor seinen Feinden und Verfolgern, dem Gekreisch der empörten alten und dem Ach und Weh der jungen Damen, und vor den tötenden Blicken Andrej Philippowitschs.
Herr Goljädkin fühlte sich nicht bloß vernichtet, wie man das so zu sagen pflegt, sondern vollständig und buchstäblich erschlagen – erschlagen und tot, und wenn er im Augenblick doch noch die Fähigkeit des Laufens behielt, so war das entschieden nur mit einem Wunder zu erklären, einem Wunder, an das zu glauben er sich schließlich selber weigerte. Das Wetter war grauenvoll – eine Petersburger Novembernacht: naß, neblig, dunkel, mit jenem Regen und Schnee, die alle Gaben des Petersburger Novemberwetters, wie Rheumatismus, Schnupfen, Influenza und alle möglichen sonstigen Erkältungen und Entzündungen mit sich brachten und in sich trugen. Der Wind heulte durch die menschenleeren Straßen und über den Kanal, daß das schwarze Wasser in der Fontanka sich unheimlich regte, rüttelte eilig an den spärlichen Laternen, die auf sein Pfeifen mit leisem Kreischen und Knarren antworteten, was dann alles zusammen wie eine weinerlich schrille, fernher schwirrende Musik klang, die jedem Petersburger so gut bekannt ist. Die vom Winde zerrissenen Regenströme samt dem nassen Schnee trafen – als kämen sie aus einer Feuerspritze – den armen Herrn Goljädkin fast horizontal und schnitten und stachen ihn ins Gesicht wie mit tausend Nadeln. Durch das nächtliche Schweigen, das nur fernes Wagenrollen, das Heulen des Windes und das Knarren der Laternen unterbrach, hörte man das trostlose Tropfen des Wassers von den Dächern und Fenstervorsprüngen auf die Steine des Trottoirs, und das leise gurgelnde murmelnde Rauschen in den Regenröhren und Rinnsteinen. Keine Menschenseele war nah und fern zu sehen, und es konnte ja auch um diese Zeit und bei diesem Wetter niemand zu sehen sein. So eilte denn auf dem Trottoir an der Fontanka nur Herr Goljädkin, ganz allein mit seiner Verzweiflung, durch die Dunkelheit und den Regen, eilte in seiner eigentümlichen Gangart mit schnellen, kleinen, trippelnden Schritten wie im Trab halb laufend, immer weiter, um so schnell wie möglich die Schestilawotschnaja zu erreichen, unter den Torbogen zu schlüpfen und dann die Treppe hinaufzueilen, bis er in seiner Wohnung in Sicherheit war.
Doch obschon der Schnee und Regen und alles das, was sich kaum nennen und schildern läßt, wenn die Novemberstürme Petersburg heimsuchen, von allen Seiten zugleich auf Herrn Goljädkin niederging und ihn schonungs- und erbarmungslos mitnahm, ihm bis auf die Knochen ging, die Augen blendete und ihn fast vom Wege blies, als habe das Wetter sich mit seinen Feinden verbündet und sich mit allen gegen ihn verschworen: so konnte doch diese letzte Heimsuchung Herrn Goljädkin, der an diesem Tage schon genugsam vom Unglück verfolgt worden war, merkwürdigerweise nicht den Rest geben, ja sie kam ihm, kann man sagen, kaum ernsthaft und wirklich zu Bewußtsein – so erschüttert war er durch das, was er vor wenigen Minuten im Hause des Staatsrats Berendejeff hatte erleben müssen! Selbst wenn ihn ein ganz Ahnungsloser in diesem Augenblick von der Seite hätte beobachten können, wie er so, gleichsam blind und taub, durch das Unwetter einhertrabte, – er hätte doch sogleich diese ganze fürchterliche und unerträgliche Qual erraten und wohl gesagt, Herr Goljädkin sehe aus, als wolle er sich vor sich selbst verstecken, als wolle er am liebsten vor sich selbst fortlaufen. Und so war es auch wirklich. Ja, wir können sogar sagen, daß Herr Goljädkin sich am liebsten auf der Stelle vernichtet, in Staub und Nichts verwandelt hätte. Er hörte weder, noch sah oder begriff er etwas von dem, was ihn umgab: er sah aus, als spüre er nichts von Regen und Schnee, nichts vom Winde und vom Unwetter. Die eine Galosche, die für den rechten Stiefel etwas zu groß war, fiel ab, doch Herr Goljädkin eilte weiter, ohne es überhaupt zu bemerken. Er war so verwirrt, daß er mehrmals jäh stehen blieb, von nichts anderem erfüllt, als von dem Gedanken an eine unfaßbare Schmach, und daß er dann unbeweglich, wie zu einer Bildsäule erstarrt, mitten auf dem Trottoir stand: in diesen Augenblicken starb er fast, verging er – bis er dann plötzlich zusammenfuhr und wie ein Irrsinniger weiterlief, lief und lief, ohne sich umzusehen, als wolle er sich vor Verfolgern retten oder als gelte es, irgendeinem furchtbaren Unglück zu entrinnen. Sein Zustand war in der Tat beängstigend ...
Endlich blieb er vor Erschöpfung stehen, stützte sich auf das Geländer am Kanal und starrte auf das schwarze Wasser der Fontanka. So stand er eine lange Zeit. Was er dachte, läßt sich nicht genau sagen, aber jedenfalls war seine Verzweiflung so groß, die Qual so ungeheuerlich und sein Mut so erschöpft, daß er alles vergaß, alles, das Haus an der Ismailoffbrücke und seine Wohnung an der Schestilawotschnaja, selbst vergaß, wo er sich im Augenblick befand ... Und warum sollte er auch nicht? Es war doch nichts mehr daran zu ändern, was ging es ihn im Grunde noch an? ... Plötzlich aber ... plötzlich zuckte er am ganzen Körper zusammen und sprang unwillkürlich ein paar Schritte zur Seite. Mit einer unerklärlichen Unruhe sah er sich um: es war niemand zu sehen, es konnte nichts Besonderes geschehen sein, und doch ... und doch schien es ihm, daß im Augenblick jemand neben ihm, dicht neben ihm gestanden hatte, gleichfalls auf das Geländer gestützt, und – seltsam! – es war, als habe der Betreffende ihm sogar etwas gesagt, schnell und kurz und nicht ganz deutlich, aber irgend etwas ihm Naheliegendes, etwas, das ihn persönlich anging.
„Wie, oder sollte mir das ... nur so vorgekommen sein?“ fragte sich Herr Goljädkin, indem er sich nochmals suchend umsah. „Aber wo bin ich denn? ... Oh!“ schloß er kopfschüttelnd, fuhr aber doch fort, unruhig, mit einem beklemmenden Gefühl, ja sogar mit einer gewissen Angst, alle Kräfte zusammenzunehmen, um mit seinen kurzsichtigen Blicken in die trübe, feuchte Dunkelheit zu spähen. Es war aber nichts Verdächtiges zu sehen: nichts Besonderes fiel ihm auf. Es schien alles ruhig zu sein, alles wie es sein mußte, es schneite nur stärker als vorher und in größeren Flocken: keine zwanzig Schritte weit konnte man sehen, so stockfinster war es. Und der Wind heulte noch eintöniger, noch klagender sein banges Lied, ganz wie ein Bettler, der nicht von einem läßt und traurig um ein Almosen bittet, um sein Leben fristen zu können.
„E–eh! was ist denn das mit mir?“ fragte sich Herr Goljädkin, und er setzte seinen Weg fort, blickte sich aber immer noch etwas unsicher um. Inzwischen bemächtigte sich seiner eine neue Empfindung: es war wie eine Beklemmung, und doch wieder nicht, es war wie Angst ... und doch anders als Angst ... Ein fieberhaftes Zittern lief durch seinen ganzen Körper und zerrte an allen Sehnen. Der Augenblick war unerträglich.
„Nun, was ist denn dabei,“ murmelte er endlich, um sich etwas zu ermuntern, „was tut es denn? Vielleicht hat so etwas nichts auf sich und geht niemandem an die Ehre. Vielleicht war das gerade nötig,“ fuhr er fort, ohne selbst zu verstehen, was er sprach, „vielleicht wird das gerade zum Guten führen, mir noch ein Glück eintragen, weshalb also ungehalten sein, wenn ich ihnen allen einmal zu Dank verpflichtet sein kann?“
Mit diesen beruhigenden und tröstenden Erwägungen beschäftigt, schüttelte Herr Goljädkin den Schnee von sich ab, der schon mit einer dicken Schicht seinen Hut und Kragen, die Schultern und Stiefel bedeckte, – doch jene seltsame Empfindung, jene dunkle Beklemmung konnte er nicht abschütteln. Irgendwo fern fiel ein Kanonenschuß[13].
Das ist aber ein Wetter, dachte unser Held, hu! wenn es nicht noch eine Überschwemmung gibt? Das Wasser muß doch schon bedeutend gestiegen sein ...
Kaum hatte Herr Goljädkin das gedacht, als er nicht weit vor sich einen Menschen erblickte, der ihm entgegenkam, – wohl ebenso wie er selbst ein verspäteter Fußgänger. Es war offenbar eine ganz zufällige Begegnung, die nichts weiter zu bedeuten hatte. Doch Herr Goljädkin wurde aus einem unbekannten Grunde ängstlich und verlor sogar ein wenig den Kopf. Nicht, daß er einen Mörder oder Dieb gefürchtet hätte, – nein, das nicht, aber ... „was kann man wissen, wer er ist,“ fuhr es ihm durch den Sinn, „vielleicht ist auch er hier im Spiel, ja vielleicht ist er sogar die Hauptperson und kommt mir jetzt nicht zufällig entgegen, sondern in einer besonderen Absicht, um meinen Weg zu kreuzen und mich anzurempeln ...“
Möglicherweise dachte Herr Goljädkin dies auch nicht, sondern empfand nur eine Sekunde lang etwas Ähnliches und äußerst Unangenehmes. Er hätte auch gar nicht Zeit zum Denken gehabt: der Fremde war keine zwei Schritte mehr von ihm entfernt. Herr Goljädkin beeilte sich seiner Gewohnheit gemäß, eine Miene aufzusetzen, die deutlich zu erkennen gab, daß er, Goljädkin, ein Mensch für sich sei und niemanden etwas angehe, daß der Weg für alle breit genug, und er, Goljädkin selbst, niemanden anrühre und ruhig vorübergehe. Plötzlich aber stand er wie vom Blitz getroffen, und dann wandte er sich schnell zurück und sah dem anderen nach, der kaum an ihm vorübergegangen war, – wandte sich zurück, als habe ihn jemand an einer Schnur herumgerissen. Der Unbekannte entfernte sich schnell im Schneetreiben. Er ging gleichfalls sehr eilig, war gleichfalls ganz vermummt, hatte den Hut in die Stirn gezogen und den Kragen aufgeschlagen, und ging ganz wie er, Herr Goljädkin, mit kleinen, schnellen, trippelnden Schritten, ein wenig wie im Trab.
„Was ... was ist das?“ murmelte Herr Goljädkin mit einem ungläubigen Lächeln, – schauderte aber doch am ganzen Körper zusammen. Es lief ihm kalt über den Rücken. Inzwischen verschwand der Unbekannte vollends in der Dunkelheit, auch seine Schritte waren nicht mehr zu hören, Herr Goljädkin aber stand immer noch und sah ihm nach. Erst allmählich kam er wieder zu sich.
„Was ist das mit mir,“ dachte er ärgerlich, „bin ich denn etwa rein von Sinnen oder ... oder ganz verrückt?“ Und er ging wieder seines Weges, beschleunigte aber immer mehr den Schritt und bemühte sich, an gar nichts zu denken. Ja er schloß sogar die Augen, um nicht zu denken. Plötzlich, durch das Heulen des Windes und das Geräusch des Unwetters, vernahm er wieder schnelle Schritte in der Nähe. Er fuhr zusammen und öffnete die Augen. Vor ihm, etwa zwanzig Schritte weit, tauchte von neuem irgendein dunkles Menschlein auf, das ihm eilig entgegenkam. Die Entfernung verringerte sich schnell. Herr Goljädkin konnte schon deutlicher seinen neuen Schicksalsgenossen erkennen, – und plötzlich schrie er auf vor Überraschung und Entsetzen. Seine Füße wurden schwach. Es war das derselbe, ihm schon bekannte Passant, der vor etwa zehn Minuten an ihm vorübergegangen war, und der ihm jetzt plötzlich wieder entgegenkam. Das Erlebnis war seltsam und unheimlich. Herr Goljädkin war so überrascht, daß er stehen blieb, zitterte, irgend etwas sagen wollte, und – plötzlich dem Unbekannten nachlief, ja, er rief ihn sogar an, wahrscheinlich, um ihn schneller zu erreichen. Der Unbekannte blieb auch wirklich stehen, etwa zehn Schritte weit von Herrn Goljädkin, und zwar gerade im Schein der nächsten Laterne, so daß man ihn deutlich erkennen konnte, – blieb stehen, wandte sich nach Herrn Goljädkin um und wartete mit ungeduldiger Miene darauf, was jener nun sagen werde.
„Verzeihen Sie, ich habe mich vielleicht nur getäuscht,“ stammelte unser Held mit zitternder Stimme.
Der Unbekannte wandte sich schweigend und sichtlich ungehalten wieder von ihm ab und ging schnell weiter, als wolle er sich beeilen, die verlorenen zwei Sekunden einzuholen. Herr Goljädkin aber zitterte am ganzen Körper und vermochte sich kaum auf den Füßen zu halten. Mit einem Stöhnen sank er auf einen der Prellsteine am Trottoir. Er hatte wirklich allen Grund, so die Fassung zu verlieren.