Part 7
Diese Idee zu entwickeln, würde zu weit führen; lassen wir es genug sein, daß wir sie ausgesprochen haben. Ich wollte im übrigen bloß sagen, daß Graf Bismarck, wenn er den Katholizismus in seinem Zentrum angreift, vielleicht nur den jüngsten deutsch-französischen Krieg noch weiter fortführt und – sich zu einem neuen vorbereitet. Handelt er nun geschickt oder nicht – das mag vorläufig dahingestellt sein, jedenfalls aber handelt er mit einem scharfen Blick.
Frankreich, die Republik und der Sozialismus
Bei uns sprechen jetzt[8] alle über den Frieden. Alle glauben an einen langandauernden Frieden, überall sieht man helle Horizonte, neue Bündnisse, neue Kräfte. Daß in Paris die Republik wiederhergestellt ist, darin sieht man eine Bürgschaft für den Frieden, und daß diese Republik von Bismarck wiedereingesetzt wurde – sogar darin sieht man eine Bürgschaft für den Frieden. Zweifellos sieht man sie auch in der Übereinstimmung der großen östlichen Mächte – und vielleicht erblicken nicht minder einige in den jetzigen Unruhen der Herzegowina unzweifelhafte Zeichen für die Dauerhaftigkeit des europäischen Friedens ... vielleicht auch darum, weil der Schlüssel zu dieser Herzegowinafrage sich in Berlin befindet, und wiederum in der Schatulle des Fürsten Bismarck? Aber am meisten freut man sich bei uns über die Französische Republik. Übrigens, warum ist Frankreich immer noch auf dem ersten Platz in Europa, und nicht das siegreiche Deutschland? Das allerkleinste Ereignis in Paris erweckt nach wie vor in Europa mehr Sympathie und Aufmerksamkeit als manches schwerwiegende Berliner Ereignis. Unbestreitbar deshalb, weil dieses Land immer das Land des ersten Schrittes, der ersten Probe und der Anregung von neuen Ideen war! Darum erwarten alle von dort den „Anfang vom Ende“. Und wer wird wohl auch von allen zuerst diesen verhängnisvollen und endgültigen Schritt tun, wenn nicht Frankreich?
Darum vielleicht haben sich die unversöhnlichsten Parteibildungen gerade in diesem, seit alters alle Neuerungen vermittelnden Lande entwickelt. Ein Friede ist da überhaupt nicht eher möglich, als bis es einmal wirklich zu jenem „Ende“, zu einem großen Zusammenbruch gekommen sein wird. Diejenigen in Europa, die die Republik bewillkommnen, sagen, daß sie schon deshalb für Frankreich und für Europa unumgänglich nötig sei, weil nur in ihr ein Revanchekrieg mit Deutschland ausgeschlossen scheint, und daß nur die republikanische Partei, von allen zur Stunde Ansprüche erhebenden Parteien, ihn nicht wagen wird, noch überhaupt unternehmen will. Indessen sind das nichts als Luftspiegelungen. Im übrigen ist auch die Republik eines Kampfes wegen ausgerufen worden, wenn auch nicht zu einem Kriege mit Deutschland, so doch mit einem viel gefährlicheren Gegner: dem Feind und Gegner von ganz Europa – dem Kommunismus und Sozialismus. Dieser Gegner erhebt sich viel leichter in einer Republik als unter jeder anderen Regierung! Jede andere Regierung würde sich mit ihm schließlich einigen, die Katastrophe vermeiden; nur eine Republik wird ihm nichts abtreten wollen, sondern ihn selbst herausfordern, ihn zum Kampfe zwingen. Und so mögen die guten Leute nur behaupten, die „Republik sei der Friede“! In der Tat, wer hat dieses Mal die Republik errichtet, wenn nicht die Bourgeoisie und die kleinen Rentiers? Wenn diese Leute wohl auch schon seit langem Republikaner waren, so fürchteten doch gerade sie im Grunde die Republik, sahen in ihr nur Unordnung und den ersten Schritt zum Kommunismus. Der Konvent der ersten Revolution teilte in Frankreich den großen Besitz der Emigranten und der Kirche in kleine Teile und verkaufte sie in Anbetracht der ununterbrochenen damaligen Geldkrisis. Dieses Verfahren bereicherte einen großen Teil Franzosen und gab ihnen die Möglichkeit, achtzig Jahre später fünf Milliarden Kontribution zu bezahlen, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber wenn dieses Verfahren zurzeit auch den Wohlstand sehr hob, so paralysierte es doch die demokratischen Bestrebungen, indem es die Zahl der Besitzenden vergrößerte und so Frankreich dem grenzenlosen Besitz der Bourgeoisie in die Hände gab – die aber ist der erste Feind des Demos, des eigentlichen Volkes. Ohne dieses Verfahren hatte sich die Bourgeoisie in Frankreich nie so lange an der Spitze des Staates und an Stelle des früheren Beherrschers von Frankreich, des Adels, erhalten können. So jedoch erbitterte das Volk und ward unversöhnlich: die Bourgeoisie verdarb selbst den natürlichen Gang der demokratischen Bestrebungen und verwandelte ihn in einen einzigen Haß und einen einzigen Neid. Die Scheidung der Parteien ging so weit, daß der ganze Organismus des Landes endgültig zusammenbrach und jegliche Wiederherstellung unmöglich wurde. Wenn sich Frankreich bis jetzt im Ganzen noch immer aufrechthält, so tut es dies nur nach dem Gesetz der Natur, nach dem sogar eine Handvoll Schnee nicht früher als in einer bestimmten Zeit auftauen kann. Diesen Schein eines Ganzen nehmen die unglücklichen Bourgeois und mit ihnen eine Menge gutmütiger Menschen in Europa noch für eine lebendige Kraft des Organismus, betrügen sich mit der Hoffnung, und zu gleicher Zeit zittern sie doch vor Furcht. Im Grunde hat die Einheit sich bereits vollständig aufgelöst. Die Aristokraten haben nur den eigenen Nutzen im Auge, die Demokraten nur den der Armen. Um den allgemeinen Vorteil dagegen, den Vorteil Aller und des zukünftigen Frankreichs, kümmert sich niemand, außer den Schwärmern von Sozialisten und den Träumern von Positivisten, die von der Wissenschaft alles erwarten, alles, d. h. eine neue Einigung der Menschen und neue Grundsätze eines gesellschaftlichen Organismus. Aber die Wissenschaft, auf die alle so große Hoffnungen setzen, wird kaum imstande sein, sich mit der Angelegenheit gleich zu beschäftigen. Es ist schwer, anzunehmen, daß sie schon so gut Bescheid um die menschliche Natur wissen wird, um fehlerlos neue Gesetze des gesellschaftlichen Organismus aufzustellen. Da man aber hier weder schwanken noch warten kann, so stellt sich von selbst die Frage ein: Ist die Wissenschaft sofort zu dieser Aufgabe bereit, und geht diese Aufgabe nicht über die Kräfte ihrer zukünftigen Entwicklung? Ich bin sogar bis jetzt geneigt, zu behaupten, daß diese Aufgabe allerdings über die Kräfte der menschlichen Wissenschaft gehen wird, trotz ihrer, wie ich zugebe, großen zukünftigen Entwicklungsmöglichkeit. Da also die Wissenschaft diesem Anspruch an sie nicht gerecht werden wird, so ist es klar, daß die ganze Bewegung des Volkes, des vierten Standes, in Frankreich, wie überall in der ganzen Welt, von Schwärmern – und die Schwärmer wieder von allen möglichen Spekulanten – geleitet werden wird. Ja, und selbst in der Wissenschaft, gibt es denn da keine Träumer? In der Tat, die Träumer haben jetzt mit Recht die Führung der Bewegung ergriffen; denn sie allein kümmern sich in Frankreich um die sogenannte Einigung aller, um das Zukünftige; und es scheint, daß moralisch ihnen allein das Erbe Frankreichs zufallen wird, ungeachtet ihrer augenscheinlichen Schwäche und Phantasterei – wie denn das so ziemlich alle auch fühlen! Aber am furchtbarsten ist es, daß neben all dem Phantastischen ein Bestreben sich kundtut, daß das grausamste und unmenschlichste ist und schon nichts Phantastisches mehr an sich hat, sondern real und historisch unvermeidlich erscheint. Es drückt sich in folgenden Worten aus: „_Ôte-toi de là, que je m’y mette!_“ – Fort von dem Platz, damit ich mich hinsetze! Bei den Millionen des unteren Volkes – abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen vielleicht – kommt in der ersten Linie und steht zu Anfang aller Wünsche: das Plündern der Besitzenden. Man kann dabei die Besitzlosen nicht einmal verurteilen: die Besitzenden selbst hielten sie bis zu dem Grade in der Dunkelheit, daß all diese Millionen unglücklicher, elender und blinder Leute ohne Zweifel und auf die naivste Weise glauben, daß sie durch diesen Raub sich bereichern können, und daß darin die ganze soziale Idee besteht, über die sich ihre Führer streiten. Ja, und wie können sie denn auch die Träume der Führer oder irgendeine Prophezeiung der Wissenschaft verstehen? Nichtsdestoweniger werden sie siegen, und wenn die Reichen ihnen vor der Zeit nichts abtreten, so kann es noch zu furchtbaren Ereignissen kommen. Aber keiner wird zur rechten Zeit etwas abtreten – vielleicht auch deshalb nicht, weil schon heute die Zeit der Abtretung überschritten ist. Ja, und die Besitzlosen wollen jetzt selbst nicht mehr eine Verständigung mit ihnen, wenn man ihnen auch alles gewähren würde: sie würden doch nur glauben, daß man sie wieder betrügt und übervorteilt. Sie wollen selbst und allein bestimmen.
Die beiden Bonaparte hielten sich dadurch, daß sie die Möglichkeit eines Ausgleichs mit ihnen wenigstens versprachen; und sie machten auch mikroskopische Versuche dazu, wenn auch immer nur hinterhältig und unaufrichtig. Aber die Oligarchen fühlten sich enttäuscht durch sie, und der Demos glaubte ihnen erst recht nicht. Was die royalistischen Prätendenten (älterer Linie) anbetrifft, so können die dem Proletariat als Rettung im Grunde nur den römisch-katholischen Glauben bieten, von dem jedoch nicht nur das Volk, sondern auch die Mehrzahl der Intelligenz in Frankreich schon lange nichts mehr wissen will. Man spricht davon, daß unter dem Proletariat in letzter Zeit mit außerordentlicher Stärke der Spiritismus sich entwickelt hat, vor allen Dingen in Paris. Die jüngere Linie der Könige, die Linie Orleans, ist sogar der Bourgeoisie verhaßt geworden, obgleich man eine Zeitlang gerade an diese Familie glaubte und sie für den eigentlichen Führer in der französischen besitzenden Klasse ansah. Aber ihre Unfähigkeit wurde bald von allen erkannt. Nichtsdestoweniger mußte die Bourgeoisie sich retten, sie mußte durchaus und so schnell wie möglich sich einen Führer suchen für die große und letzte Schlacht mit dem furchtbaren, von unten heraufkommenden Feind. Die Erkenntnis und der Instinkt ließen sie auf ein richtiges Mittel verfallen, und sie wählten – die Republik.
Es gibt ein politisches Gesetz und sogar ein Gesetz der Natur, nach dem von zwei starken und einander nahestehenden Nachbarn, wie befreundet sie auch miteinander sein mögen, doch der eine den anderen vernichten möchte und früher oder später diesen Wunsch auch in die Tat umsetzt. „Von der roten Republik gibt es einen Übergang zum Kommunismus,“ – dieser Gedanke erschreckte bis jetzt die französischen Bourgeois, und es mußte viel Zeit vergehen, bis plötzlich die Mehrzahl von ihnen erriet, daß diese nächsten Nachbarn zu den erhärtetsten Feinden werden würden, schon allein aus dem Prinzip der Selbsterhaltung. In der Tat, ungeachtet der so engen Nachbarschaft der roten Republik mit dem Kommunismus – wer kann in Wirklichkeit feindlicher und dem Kommunismus radikaler entgegengesetzt sein als die Republik? sogar, wenn man will, als die blutige Revolution der neunziger Jahre? In der Republik handelt es sich vor allem um die republikanische Form: „_la république avant tout, avant la France_“. In der Republik ist die ganze Hoffnung: die Staats_form_; und ob der Mac-Mahonismus an die Stelle Frankreichs tritt – es bleibt sich gleich, wenn er sich nur Republik nennt! Das ist das Charakteristische der jetzigen „Siege“ der Republikaner in Frankreich. So sucht man denn in der bloßen Form die Rettung. Von der anderen Seite dagegen, was geht den Kommunismus die republikanische Staatsform an, da er im Grunde jede Regierungsform verneint, und nicht nur jegliche Form einer Regierung, sondern auch den Staat an sich und die ganze zeitgenössische Gesellschaft? Dieses gerade Gegenteil, diese gemeinsame Antithese zweier Kräfte vermochte die französische Masse erst in achtzig Jahren zu erkennen, zuletzt erkannte sie sie aber doch und – errichtete die Republik: dem Feinde stellte sie endlich den allergefährlichsten und allernatürlichsten Gegner entgegen; denn um nichts in der Welt will die Republik im Kommunismus und Sozialismus untergehen. Im Grunde ist die Republik der natürlichste Ausdruck und die gegebene Staatsform der Bourgeoisie, ja, die ganze französische Bourgeoisie ist doch das Kind der Republik, für sie geschaffen und für sie organisiert in der ersten Revolution. Auf diese Weise ist die Scheidung vollständig erreicht. Man sagt, der Kampf der beiden sei noch weit. Ob er so weit ist? Vielleicht ist es besser, die Katastrophe nicht noch hinauszuschieben. Schon jetzt hat der Sozialismus Europa durchsetzt, und bis zu der Zeit wird er es noch mehr durchsetzt haben. Fürst Bismarck weiß es, aber er baut nach deutscher Art zu sehr auf Blut und Eisen. Was kann man aber da mit Blut und Eisen ausrichten?
Katholizismus und Sozialismus
Man wird sagen: Aber jetzt wenigstens, jetzt gleich hat man nicht den geringsten Grund, sich aufzuregen; alles ist hell und klar: In Frankreich ist der Mac-Mahonismus, im Osten die große Einigung der Mächte, die Kriegsbudgets werden überall und außerordentlich vergrößert – wie soll es da keinen Frieden geben!
Aber der Papst? Wenn der heute oder morgen stirbt – was wird dann werden? Wie sollte der römische Katholizismus einwilligen, gleichsam ihm zur Gesellschaft mit ihm zu sterben? Oh, nie noch dürstete es ihn so, zu leben – wie jetzt! Übrigens, unsere Propheten, wie sollten sie nicht über den Papst lachen? „Eine Papstfrage gibt es bei uns ja überhaupt nicht mehr!“ Indessen ist die Frage des Katholizismus zu bedeutungsschwer und der Katholizismus selber so voll von grenzenlosen Widersprüchen, daß er diese nie um des Friedens willen, nicht um der ganzen Welt willen aufgeben würde. Ja, für wen denn auch, und zu wessen Nutzen sie denn aufgeben? Um der Menschheit willen etwa? Der Papst hält sich schon lange für höher als die Menschheit. Er hat bis jetzt nur um die Starken der Erde gebuhlt und auf sie gehofft bis zum letzten Augenblick. Dieser Augenblick ist heute gekommen, und nun scheint es, daß der römische Katholizismus endlich sich von den Großen der Erde abgewandt hat, die ihm ja doch schon lange untreu geworden waren und in Europa jene Hetzjagd auf ihn geplant hatten, die wir in unseren Tagen erlebten. Und haben wir von dem römischen Katholizismus nicht bereits die unglaublichsten Überraschungen erlebt? Einmal, wenn es nötig war, hat er Christus für weltlichen Besitz verkauft und das Dogma aufgestellt, „daß das Christentum auf der Erde ohne die weltliche Herrschaft des Papstes nicht bestehen könne“, und so einen neuen Christus geschaffen, einen, der dem früheren in nichts mehr ähnlich ist, der verführt war durch die dritte teuflische Versuchung, die weltliche Herrschaft: „Alles das gebe ich dir, bete mich an!“ Oh, ich habe heftige Ableugnungen dieses Gedankens gehört: man hat mir versichert, daß der Glaube an Christus und sein Bild in den Herzen der meisten Katholiken noch in alter Wahrheit und Reinheit weiterlebe. Das kann durchaus wahr sein, aber ich behaupte trotzdem: die Hauptquelle ist trübe und auf ewig verschüttet; denn nicht umsonst verfiel Rom dieser teuflischen Versuchung, seine weltliche Herrschaft in der Form eines unerhörten Dogmas zu verkünden – eine Tat, deren Folgen wir heute noch nicht absehen können. Bemerkenswert ist nur, daß die Verkündung dieses Dogmas gerade in dem Augenblick erfolgte, als das geeinte Italien vor den Toren Roms stand. Viele von uns lachten und spotteten über den Papst: wüten kann er, aber machtlos ist er doch, sagte man ... Wer weiß, ob er so machtlos ist! Nein, solche Menschen, die fähig sind zu solchen Entschlüssen, können nicht ohne Kampf sterben. Man wird mir erwidern, daß es immer so im Katholizismus gewesen und daß in ihm überhaupt keine Veränderung vor sich gegangen sei. Möglich, aber es hat in ihm doch immer ein Geheimnis gegeben: es hatte viele Jahrhunderte das Aussehen, als sei der Papst mit seinem kleinen Besitztum, mit dem Lande des Kirchenstaates, durchaus zufrieden – ... aber alles das war dann doch nur Allegorie. Die Hauptsache in dieser Allegorie, das Samenkorn des Grundgedankens, war die immer gegenwärtige Hoffnung des Papsttums, daß aus diesem Samenkorn dereinst ein prächtiger Baum werden würde, bestimmt, die ganze Erde zu beschatten. Und siehe da, als man ihm die letzte Quadratmeile seines westlichen Besitztums nimmt, da erhebt sich der Beherrscher des Katholizismus, seinen Tod voraussehend, und erklärt der ganzen Welt das Geheimnis: „Ihr glaubt wohl, daß ich nur dem Titel nach Herrscher des Kirchenstaates bin? So wisset denn, daß ich mich immer als den Herrscher der ganzen Welt, aller Herrscher der Erde, der geistlichen wie der weltlichen, gefühlt habe, als ihren wirklichen Herrn und Imperator. Ich – ich bin der Zar aller Zaren und der Herrscher aller Herrscher, und mir allein auf der Erde gehören die Schicksale und die Zeiten: und das erkläre ich aller Welt jetzt im Dogma meiner Unfehlbarkeit.“ Nein, dort steckt noch eine Kraft, das ist erhaben, aber nicht lächerlich; das ist eine Auferstehung der alten römischen Idee der Weltherrschaft, die nie im römischen Katholizismus aussterben wird; das ist das Rom Julian Apostatas, das nicht von Christus besiegte, sondern das Christum besiegende, in einem neuen und letzten Kampf! Auf diese Weise hat sich der Eintausch des wahrhaftigen Christus gegen ein weltliches Reich vollzogen. Und im römischen Katholizismus vollzieht er sich in der Tat! Ich wiederhole es, diese schreckliche Armee hat zu scharfe Augen, um nicht endlich zu erblicken, wo jetzt die wirkliche Kraft ist, auf die man sich stützen kann. In dem Augenblick, da er seine verbündeten Großen verliert, wird er sich an das Volk klammern. Er hat zu seiner Verfügung zehntausend Verführer, kluge, gewandte Herzensbesieger und Psychologen, Dialektiker und Sophisten. Das Volk war und ist überall redlich und gut. Außerdem – in Frankreich wie auch an anderen Orten Europas – haßt das Volk den Glauben, verachtet ihn, ohne das Evangelium zu kennen. Alle diese Herzenskundigen und Seelenkenner werfen sich nun auf das Volk und bringen ihm den neuen Christus, einen der in, alles einwilligt, einen, wie er auf dem letzten römischen Konzil aufgestellt wurde. „Ja, unsere Freunde und Brüder,“ werden sie sagen, „alles, was ihr euch wünscht – alles das steht schon längst in unseren Büchern, und eure Führer haben es von uns gestohlen. Wenn wir euch früher noch nichts davon gesagt haben, so ist es nur deshalb nicht geschehen, weil ihr bis jetzt noch wie unreife Kinder waret, für die es zu früh war, die ganze Wahrheit zu erfahren. Aber jetzt ist die Zeit der Wahrheit für euch gekommen. Wisset, daß beim Papst die Schlüssel des heiligen Petrus sind – und der Glaube an Gott ist nur der Glaube an den Papst, der von Gott auf der Erde an Stelle Gottes eingesetzt worden ist. Er ist unfehlbar, und ihm ist göttliche Macht gegeben, er ist der Beherrscher der Schicksale und der Zeiten; er hat beschlossen, daß auch eure Zeit jetzt gekommen sein soll. Früher lag die Hauptkraft des Glaubens in der Ergebung, jetzt ist aber die Frist der Ergebung um, und der Papst hat die Macht, sie aufzuheben, da ihm alle Macht auf Erden gegeben ist. Ja, wir sind alle Brüder, und Christus selbst hat uns befohlen, Brüder zu sein. Wenn eure älteren Brüder euch nicht als Brüder anerkennen wollen, so nehmt Waffen, dringt in ihre Häuser ein und zwingt sie mit Gewalt, eure Brüder zu sein. Christus hat lange gewartet, daß eure älteren Brüder bereuen würden, aber jetzt hat er uns selbst befohlen: ‚_Fraternité ou la mort!_‘ – Sei mir ein Bruder oder stirb! Wenn dein Bruder zögert, sein Gut mit dir zu teilen, so nimm ihm alles; denn Christus hat lange gewartet auf seine Reue und Buße, jetzt schlägt die Stunde der Vergeltung und des Zornes. Wisset auch, daß ihr unschuldig seid an allen euren vergangenen und zukünftigen Sünden; denn eure Sünden kamen nur aus eurer Armut. Und wenn eure Führer und Lehrer das schon früher gesagt, und wenn sie euch auch die Wahrheit gesagt haben, so hatten sie nicht die Macht, es euch vor der Zeit zu _verkünden_; denn die Macht dazu hat nur der Papst von Gott selbst erhalten. Der Beweis dafür ist, daß diese Lehrer euch noch zu nichts Gescheitem gebracht haben, und daß all ihr Beginnen an sich unfruchtbar war; ja, und außerdem waren sie treulos; auf euch gestützt, erschienen sie stark, um sich dann für einen höheren Preis euren Feinden zu verkaufen. Aber der Papst wird euch nicht verkaufen, denn über ihm gibt es keine höhere Gewalt, er ist der Erste aller Ersten; nur glaubt an _ihn_, nicht an Gott, sondern nur an den Papst, und daran, daß er allein der Herrscher auf Erden ist, und sonst niemand, und daß alle anderen, wenn ihre Stunde kommt, verschwinden müssen. Freut euch jetzt, denn das Paradies auf Erden hat begonnen, alle werdet ihr reich sein und durch den Reichtum ehrlich und selig, weil alle eure Wünsche erfüllt sein werden und jeglicher Grund zum Bösen euch genommen wird.“ Diese Worte sind gleisnerisch, aber das Volk wird unbedingt den Vorschlag annehmen: es sieht in dem unerwarteten Verbündeten eine große vereinigende Macht, die auf alles eingeht, – eine reale, historische Macht an Stelle von verschwärmten Führern und Spekulanten, an deren praktische Fähigkeiten und auch an deren Ehrlichkeit die Menschen nicht mehr glauben. Dort ist der Stützpunkt gefunden und der Hebel in die Hand gegeben, jetzt heißt es, mit der ganzen Masse ihn umdrehen. Und zur Vervollständigung des Ganzen gibt man ihm wieder den Glauben und beruhigt mit ihm viele Herzen, denn viele von ihnen sehnen sich nach Gott ...
Ich habe schon einmal in einem Roman darüber gesprochen. Möge man mir meine feste Überzeugung verzeihen, aber ich bin sicher, daß alles sich einmal im westlichen Europa so zutragen wird, in der einen oder anderen Form, d. h. daß der Katholizismus sich der Demokratie zuwenden und die Großen der Welt verlassen wird, weil sie ihn verließen. Alle Macht in Europa verachtet ihn, denn er ist jetzt nach außen allzu arm und allzu überwunden. Und doch erscheint er lange nicht in einer so tragikomischen Lage, wie sich ihn gutmütigerweise unsere politischen Publizisten vorstellen. Indessen würde ein Fürst Bismarck ihn nicht so verfolgen, wenn er in ihm nicht seinen furchtbarsten und mächtigsten Feind der Zukunft sähe. Fürst Bismarck ist ein zu großer Mensch, um seine Kräfte an einen lächerlichen und machtlosen Feind zu verschwenden. Aber der Papst ist stärker als er. Ich wiederhole, daß das Papsttum vielleicht am stärksten den Weltfrieden bedroht. Und dem Frieden droht noch vieles sonst. Noch wie war Europa so angefüllt von feindlichen Elementen, wie in unserer Zeit: als wäre alles mit Dynamit unterlegt und wartete nur auf den zündenden Funken ...